Schreiben - Lektorieren

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Wovor ein Lektorat nicht schützen kann

Eigentlich mag das niemand hören. Wer ein Buch veröffentlicht, hat einen langen, harten Weg hinter sich, viel Arbeit, Frust und Höhenflüge, dazu im Falle des Selfpublishings auch eine Menge Geld investiert.

Dann ist das Buch endlich auf dem Markt – und es gibt Dresche!

Ein paar Mitleidskäufe, dazu noch eine Handvoll aus dem eng begrenzten Kreis derjenigen, die man über die Sozialen Medien erreicht. Das eigene, mühevoll verfasste Werk ist ein Ladenhüter. Statt Ruhm und Geld zu ernten, sitzt man auf einem Defizit, monetär und emotional.

Misserfolg ist die Regel, nicht die Ausnahme, nicht nur bei den Selbstpublizierern. In der Wahrnehmung ist es umgekehrt, denn nur die Erfolgreichen stehen im Rampenlicht. Menschen sind Meister der Illusion und lassen sich nur zu gern davon blenden.

Nur einmal in mehreren Jahrzehnten (!) habe ich in einer überregionalen Zeitung im Feuilleton einen Beitrag gelesen, der sich mit einem unveröffentlichten Schreiberling befasste. Vier Manuskripte, vier Anläufe, einen Roman bei einer Agentur bzw. einem Verlag unterzubringen – am Ende ein Satz mit „x“.

Das ist die Regel!

Hat man Erfolg, gibt es Dresche. Neid. Missgunst. Rachebewertungen. Trollerei. Die Zahl der apokalyptischen Reiter lässt die Bibel alt aussehen. Die Angriffe können aus verschiedenen Richtungen kommen, sie können gehaltvoll sein oder auch schlicht aus der Lust am Draufhauen.

Ganz besonders hübsch: Verachtung anderer Autoren. (ja, das ist die Regel!) Autoren verachten andere Autoren, selbst in allerhöchsten Kreisen. Thomas Mann über Lion Feuchtwanger – nichts, was man als Autor gern hören möchte.

Allen gemein ist, dass ein Lektorat nicht davor schützen kann. Es ist kein Schild, mit dem man in die Schlacht ziehen und gefeit ist vor Zudringlichkeiten. Autoren müssen sich selbst rüsten.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Der Roman „In Plüschgewittern“ von Wolfgang Herrndorf ist also im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Trotz fortgeschrittenen Alters hat er mich auf eine beeindruckende Weise gefesselt, beschäftigt, amüsiert und letzten Endes wie alle Bücher des früh verstorbenen Autors in einem leicht bedrückten Zustand zurückgelassen. Herrndorf hat bis zu seinem Durchbruch mit „Tschick“ recht wenig geschrieben, was – mit Verlaub – ein Drama ist, denn danach ist ihm wenig Zeit geblieben.

In Stahlgewittern.

Auf Tagebuchaufzeichnungen basierender Roman von Ernst Jünger über Seine Zeit im Ersten Weltkrieg. Ihm wird attestiert, ohne politische und moralische Intention den Krieg als inneres Erlebnis geschildert zu haben, was oft in Abgrenzung zu Remarque „Im Westen nichts Neues“ geäußert wird. Wenn die Titelwahl „In Plüschgewittern“ nicht als Jux gedacht war, läge in der moralisch-politischen Intentionslosigkeit eine mögliche Verbindung.

Der Roman lässt den Leser auf einer Irrfahrt folgen. Nein, nicht Odysseus. Grantig, selbstverliebt, unsicher, in seinen sich selbst ständig überflügelnden, oft irrlichternden Handlungen mäandert die Hauptfigur durch einen kurzen Abschnitt seines Lebens. Der größte Teil davon spielt in Berlin, jener Stadt, die 2002 (!) noch nicht den weltweiten Kult-Status innehatte, aber auf der Schwelle dazu stand.

Es ist nicht leicht, zu beschreiben, was diese Hauptfigur macht – sie ist jedenfalls nicht woke, sondern unsympathisch und wenig für Identifikationsbemühungen seitens des Lesers geeignet. Ein Verächter. Mit haarsträubender Direktheit fällt der Ich-Erzähler über die Menschen her, die sich in seiner Nähe aufhalten. Unglaubliche Boshaftigkeit wurzelt in einer scharfen Beobachtungsgabe, die sich in erbarmungslosen Sätzen niederschlägt. Herrndorf lässt den Assoziationen seiner Hauptfigur freien Lauf.

„Am nächsten Tag waren die Pimmel-Gedichte mit der Rasierklinge rausgetrennt.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Das Zitat ist beispielhaft für Herrndorfs Schreiben. Die Hauptfigur hat einen Bruder, der ein mustergültiges Spießer-Eheleben führt. Seine Frau ist ein großer Fan eines Lyrikers, der Ich-Erzähler stößt sie gnadenlos auf schlüpfrige, mäßige Gedichte, was seine Schwägerin nicht glauben will; ein Blick in die Gesamtausgabe gibt dem unangenehmen Protagonisten recht.

Die Schwägerin passt daraufhin die Realität ihrem Weltbild an, nicht etwa umgekehrt. Mit der Rasierklinge wird die Welt chirurgisch-clean gesäubert, der unpassende Schmutz entfernt. Statt zu lernen und sich an die Wirklichkeit anzugleichen, klammert sie sich an ihre Ideologie und fälscht – in begrenztem Maße – die Realität. Bigotterie im Reinraum bürgerlicher Wohnhöllen.

Natürlich ist „In Plüschgewittern“ an „Tschick“ gemessen worden, wie könnte es auch anders sein. Vielen fehlte noch etwas, das sie an der Road-Story geschätzt haben: Leichtigkeit, Wärme. Entsprechend bemüht fielen die Kommentare aus, die vor Jahren im Kielwasser des „Tschick“-Hypes verfasst wurden. Nachvollziehbar ist das, doch wenn man einen genaueren Blick auf das wirft, was Herrndorf schreibt, wird deutlich, dass sich dahinter ein Zurückzucken vor genadenloser Entzauberung verbirgt. 

„Ein Klassenfoto, im Hintergrund die Volksschule Marienwerder, und vorne links ein reizendes BDM Mädel mit dicken goldgeflochtenen Zöpfen, dem noch keiner gesagt hat, dass es in sechzig Jahren auf einer muffigen alten Couch an Lungenkrebs sterben wird.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Eine brutale Assoziation im Angesicht eines schwarz-weißen Fotos, das die Hauptfigur gemeinsam mit der sterbenden Frau betrachtet, die er ein letztes Mal besucht. Die Sterblichkeit des Menschen und seine Neigung, sie weit von sich zu schieben, erschüttert (nicht nur) die Hauptfigur. Es ist jenes Erlebnis, das ihn endgültig ins Taumeln geraten lässt, in jenen Strudel, der zu den irren Tagen und Nächten in Berlin führt.

Gespenstisch ist, dass Herrndorf selbst bei der Niederschrift dieses Satzes (selbstverständlich) nicht von seiner eigenen Sterblichkeit wusste, die ihn in eine ähnliche Lage bringen würde, lange vor dem Alter der Romanfigur. Der Tod spielt in Roman „In Plüschgewittern“ eine bemerkenswerte Rolle.

Schon als Kind hat die Hauptfigur die unerbittliche Macht des Todes gespürt, aber auch die Hilflosigkeit, mit der Erwachsene auf seine Panik reagieren und abzuwiegeln versuchen. Die Mutter des Protagonisten führt Gott und Glaube ins Feld, ohne selbst daran zu glauben. Das tut das Kind auch nicht, es denkt – man wird zu Kompost.

„Wenn man Desmond in sieben oder acht Stücke hauen würde, könnte man ein paar ordentliche Geisteswissenschaftler aus ihm gewinnen, aber allein ist er praktisch nicht lebensfähig.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Oberflächlich betrachtet ist „In Plüschgewittern“ voller böser Kommentare, wie über jenen Desmond. Herrndorf gibt seiner Hauptfigur eine scharfe Zunge mit auf den Weg, von der diese hemmungslos Gebrauch macht. Das lässt den Ich-Erzähler nicht zu einem  Sympathie-Träger werden, weder bei seinen Bekanntschaften noch beim Leser, schon gar nicht in Zeiten von Trigger-Warnungen und dauerbeleidigten Horden in den Weiten der digitalen Steppe. Womit ich selbst eine halbseiden ausgesprochen hätte.

Verzettelwirtschaft

Es ist mal wieder soweit: Ein Manuskript ist beendet. Jetzt steht das an, was ich „Verzettelwirtschaft“ getauft habe. Mein sehr spezieller Umgang mit Notizen.

Wie in jeder Schriftstellerexistenz halten sich Gedanken und Ideen nicht an Arbeitszeiten oder Projektplanung. In koboldiger Manier tauchen sie einfach auf – und verschwinden auf dem Friedhof der Ideen, wenn man sie nicht irgendwo bannt. Dafür ist ein Notizbuch eine schöne Sache, egal ob digital oder analog. Und natürlich Post-It-Zettelchen.

Soweit, so normal.

Meine Notizen werden nicht zeitnah verarbeitet, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil: Post-It-Zettel kleben an der „gelben Wand“ im Rücken meines Schreibtisches, unberührt, bis ich die wenigstens Rohfassung des Manuskriptes abgeschlossen habe. Erst dann wende ich mich ihnen zu und schaue, ob ich etwas Verwertbares notiert habe. Das gilt auch für die Aufzeichnungen in den Notizbüchern.

Die „gelbe Wand“ im Rücken meines Schreibtisches.

Überraschend oft sind die Ideen, die so festgehalten wurden, längst im Text enthalten, nicht selten weiterentwickelt bzw. mit anderen verschmolzen; andere sind wertlos oder von der Entwicklung des Plots überholt worden. Manche erinnern mich tatsächlich an Versäumnisse, ergänzen oder vertiefen Textstellen und sehr wenige regen zu neuen Abschnitten oder ganzen Kapiteln an.

Diese Vorgehensweise hat aus meiner Sicht den Vorzug, dass der Text organischer, fließender geschrieben wird, weniger unterbrochen durch eine eher bürokratische Aufgabe, wie dem Abgleich mit unleserlichem Gekritzel auf Zettelchen. Schreiben ist für mich eine Tätigkeit unter Hochspannung – „Schreibgewitter“ habe ich nicht umsonst als Motto meiner Webseite gewählt.

Zettelwirtschaft raubt die Schreib-Spannung. Zumindest fürchte ich das. Ich möchte im Schreibfluss bleiben. Außerdem ist in diesem Fall das Verschieben kein Problem, denn meine Erfahrung zeigt:

Die Mehrzahl der Notizen auf den Zetteln sind gar keine echte Erinnerungsstütze, sondern eine Hilfe für die Weiterentwicklung von Gedanken. Einmal aufgeschrieben ist dieser aus dem Bewusstsein entfernt und kann unterbewusst weiterverarbeitet werden. Das Schreiberhirn steht nämlich selten still, irgendwo tief darinnen werkelt immer etwas.

Lesemonat Februar

Mir fällt es aktuell schwer, über Literatur zu schreiben. Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich persönlich zwar nicht überrascht, das hat sich seit Jahren angekündigt, doch fressen das Geschehen dort, die verlogene Brutalität des Regimes, seiner Trolle und Liebediener rund um die Welt meine Aufmerksamkeit. Trotzdem ein Rückblick:

Der zweite Monat des Jahres hat eine Reihe von tollen Lese- und Hörerlebnissen gebracht, ein Buch wird es in die besten Bücher des Jahres 2022 bringen.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein Geniestreich, den ich gern besonders hervorheben möchte. Eine derart wilde, brutale, konsequent exekutierte und kaum zu ertragende Mixtur habe ich sehr lange nicht mehr gelesen. Es enthält so viele Echos, angefangen von Herrndorfs tödlicher Erkrankung bis hin zu einem anachronistischen Widerhall des 9/11 und Amerikas Weg in die Dunkelheit.

Eine ausführliche Buchvorstellung gibt es hier.

William Shakespeare: Romeo und Julia

Eigentlich fällt es mir schwer, den Namen „Shakespeare“ zu verwenden, denn ich gehöre zu den Oxfordianern, seit ich Kurt Kreilers „Der Mann, der Shakespeare erfand“ gelesen habe. Er hält Edward de Vere, den Earl of Oxford, für den eigentlichen Urheber. Weniger Probleme hatte ich , das Drama um die beiden Verliebten aus Norditalien mit Genuss zu lesen. Zwar sind einige Wendungen so abrupt, dass literarisches ESP nötig ist, um nicht aus der Kurve zu fliegen, dafür wird man mit Humor und Dramatik entschädigt. Wer jetzt meint, „Shakespeare“ wäre doch der aus Stratford, dem antworte ich in akzentfreiem Italienisch: Lecko mio!

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das ist kein Roman! Zumindest kein gewöhnlicher, in den Augen beflissener Literatur-Bürokraten und beflissener Leser von Schreibratgebern. Man mag sich die Atemnot kaum ausmalen, die manchen Lektor befallen würde, hätte er dieses Machwerk auf den Tisch bekommen. Und ja – ich bin begeistert. Typisch Querkopf! Beim Versuch, es zu beschreiben, würde ich auf einen Begriff aus der Kunst zurückgreifen: Installation. Vuillard installiert fiktionale Szenen, persönliche Assoziationen und historische Begebenheiten, dass sonst verborgene Zusammenhänge deutlich werden, die der gewöhnlichen Historiographie einen Schienbeintritt versetzen. Ich mag so etwas. Andere vielleicht nicht. 

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Verse! Ganz dicke TRIGGERWARNUNG! Heinrich Heine, deutscher Dichter im Exil, hat es gewagt! Er hat ein spöttisches, untadelig boshaftes und vor allem politisches Werk verfasst und als Reiselektüre getarnt! Die armen preußisch-deutschen Zensoren! Heute erscheint alles recht harmlos, was nicht nur an den Sozialen Medien liegt, sondern vor allem an den Errungenschaften, die seit der gescheiterten Revolution 1848 erreicht wurden – über einen blutigen Umweg, aus dem allzu viele nichts oder das falsche gelernt haben. Allein dafür lohnt sich die Lektüre.

Barry Unsworth: Das Sklavenschiff

Der Roman „Das Sklavenschiff“ von Barry Unsworth ist eine positive Überraschung gewesen. Die Handlung des Historischen Romans nimmt völlig überraschende Wendungen, berührt dabei Grundsätzliches der menschlichen Existenz, was von einem Abenteuerroman nicht zu erwarten ist. Wie der Titel schon andeutet, wird es brutal, was angesichts der historischen Realitäten wenig verwunderlich und angemessen ist. Doch bleibt der Roman da nicht stehen, er geht mehrere Schritte weiter. Manche Teile sind etwas anstrengend zu lesen, rückblickend hätte man diese Kapitel auch einfach streichen können.

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der abschließende Teil seiner Trilogie führt den Leser in das Kriegsfrankreich des Jahres 1940, das für die Grand Nation ein verheerendes Debakel bringt. Von der Führung längst allein gelassen, entpuppen sich die handelnden Figuren als bemerkenswert anpassungsfähig, während sie durch das vom Vormarsch der Wehrmacht aus den Fugen geratene Frankreich irren und auf einen Ort zusteuern, an dem alle schließlich aufeinandertreffen. Ein toller, rundum gelungener Abschluss des großen Dreiteilers!

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Phillip P. Peterson: Universum

Für einige Tage hat mit das Hörbuch gefesselt. Die Spannung des Romans, der sich etwas Zeit lässt, ehe sich eine Tür öffnet zu einer Reise an die Grenzen des Verstandes, trägt tatsächlich bis zum Ende. Das liegt an der gelungenen Komposition der Erzählung, den Figuren, die gut gewählt und weiterentwickelt werden, so dass sie ihre Konflikte über einen langen Zeitraum miteinander austragen können und diese sich wandeln. Schließlich ist der Roman dankenswerterweise nicht mit technischen Details überfrachtet.

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Volker Kutscher: Der stumme Tod

Der zweite Band seiner Krimi-Reihe um Gereon Rath als ermittelnder Kommissar im Berlin der zugrunde gehenden Weimarer Republik ist unterhaltsam und ein netter Schmöker nebenbei. Das Genre ist nicht gerade mein liebstes, eigentlich mag ich die Kriminalfälle gar nicht besonders, mich interessiert das politische Drumherum, das in diesem Falle eher Couleur ist und am Rande mitschwingt. Aber: Es geht um die Filmindustrie an einer Bruchstelle, nämlich von Stumm- zu Tonfilm und das reicht völlig, um das Buch für lesenswert zu halten.

Deniz Ohde: Streulicht

Bei vielen Dingen, die das eigene Leben geprägt haben, hofft man, dass sie sich irgendwann erübrigen oder aus der Welt geschafft werden. Bestenfalls schon einer nicht wiederkehrenden Vergangenheit angehören. Ein Roman wie „Streulicht“ belehrt dann eines Besseren, in Wirklichkeit natürlich Schlechteren, denn das Übel ist zäh. Ohde ist ein wunderbares Buch gelungen, das auf eine zurückhaltende Art sprachlich großartig die Dinge einfängt und ins Licht stellt, die im Verborgenen liegen. Chapeau!

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Les enfants du désastre Teil 3

Im dritten und letzten Teil seiner Trilogie aus der Zeit zwischen dem siegreichen Ende des Ersten Weltkrieges und dem desaströsen Beginn des Zweiten lässt der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre abermals das offizielle Frankreich in einem Licht erscheinen, das wenig bis nichts von der klischeehaften Gloire aus der Nationalhymne aufweist.

Der Autor arbeitet sich in „Spiegel unseres Schmerzes“ an der ebenso überraschenden wie verheerenden Niederlage Frankreichs (Belgiens, der Niederlande und dem britischen Expeditionsheer) gegen die Wehrmacht im Mai/Juni 1940 ab. Er setzt auf den Kontrast, der für den Leser umso größer ausfällt, je mehr dieser über den Feldzugverlauf, den Vorbereitungen und den Ersten Weltkrieg weiß.

„Der Staatssekretär war ein Mann um die sechzig. Sein pausbäckiges Gesicht und die schmollenden Lippen vermittelten den Eindruck, er würde gleich losschluchzen.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Es ist eine gängige Erkenntnis, dass Kriege immer mit Blick auf den vorangegangenen geplant würden und es daher kein Wunder sei, wenn kein Plan die erste Gefechtsberührung überlebe. Frankreich hat sich eingemauert, einen starken Befestigungsgürtel gebaut und zugleich seine defensive Strategie auf die Erkenntnisse aus dem deutschen Angriff 1914 ausgerichtet.

Die Wehrmacht ist 1940 erwartungsgemäß wie im Ersten Weltkrieg in Belgien, Luxemburg (und den Niederlanden) eingerückt, doch handelte es sich „nur“ um ein Lockmanöver, um die Franzosen sowie das britische Expeditionsheer nach Norden zu locken. Dort angekommen, wurden den Armeen die rückwärtigen Verbindungen gekappt, weil die Wehrmacht durch die Ardennen Richtung Ärmelkanal vorgestoßen ist.

Der Krieg 1940 endete mit einer ungeheuren Niederlage für Frankreich, das nach nur sechs Wochen besiegt, gedemütigt und für Jahre besetzt worden ist. Man sollte sich das vor Augen führen, wenn heute französische Politiker von Deutschland höhere Ausgaben für die Verteidigung fordern – wie unvorstellbar doch die Entwicklung gegenüber der Zeit vor einhundert Jahren gewesen ist.

„Die in Zwanzigerreihen aufgestellten Filter sahen aus wie dicke Edelstahlfässer oder gutmütige Riesenmilchkannen, was Gabriel nicht im Geringsten beruhigte. Sie sollten vor einem Giftgasangriff schützen, doch für ihn waren sie nichts anderes als ängstliche, versteinerte Wachposten.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Was mit „Schmerz“ gemeint ist, dürfte zumindest im Ansatz deutlich sein, doch der Roman bohrt wie ein garstiger Finger in mehr als einer offenen Wunde: Auf der persönlichen, individuellen Ebene haben die fürchterlichen Fehlentscheidungen der französischen Eliten, ihr Selbstbetrug dafür gesorgt, dass der Feind aus dem Osten erfolgreich sein konnte. Lemaitre lässt die Entzauberung durch seine starken Figuren besorgen.

Sie tragen tadelige Züge. Hochstapler. Diebe. Deserteure. Schieber. Klugschwätzer, die am Tresen ihre angeblichen strategischen Einblicke ausbreiten. Und doch haben sie alle ihre überraschenden Seiten, wenn sie sich unter dem Druck der Ereignisse entscheiden müssen  und das nolens volens tun. Von ihrer Führung sind sie längst im Stich gelassen worden.

Zugleich entlarven sie die absurden Entscheidungen der militärisch-politischen Eliten, die ihrerseits zum Mäntelchen des Pathos und der Lüge greifen, um sich zu schützen. Es sind wundervolle Figuren, die sich im Roman tummeln! Vielschichtig, wankelmütig und zugleich stark, wenn die Lage kritisch wird – auch ein schwarzer Spiegel zur Landesführung.

Lemaitre ist bisweilen atemberaubend boshaft, wenn er seine Sprachkunst in eine scharfklingige Waffe verwandelt und erbarmungslos einsetzt – dabei nie mit dem plumpen Knüppel drischt, sondern gewandt und feinsinnig austeilt. Das etwas längere Zitat zeigt wunderbar, wie der Autor kunstvoll die Hilflosigkeit bloßstellt:

„Doch viel beunruhigender war für ihn die Anwesenheit einer Vielzahl von Militärs in Galauniform. Als er die Spitzen des Generalsstabs erblickte, Marschall Petain, General de Castelnau, General Gouraud und so fort, hatte er sich gefragt, ob diese Männer während der Invasion des Landes durch den Erbfeind nichts Besseres zu tun hatten, als einer Messe beizuwohnen. […] Die Messe zog sich endlos hin. Fernand fragte sich, wie viele Kilometer mochten die Panzerdivisionen von General Guderian in dieser Zeit wohl zurückgelegt haben. Es [..] wurde allen klar, dass Gott gerade zum Oberbefehlshaber ernannt worden war.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der Roman ist wieder aus mehreren Perspektiven erzählt, deren Handlungsträger anfangs nichts miteinander zu tun haben und die doch alle durch zarte Bande miteinander verbunden sind und im Laufe der Erzählung auf einen Ort zustreben, wo sie sich treffen. Das Elend des Krieges wird auf jeder Seite spürbar. Zu den bedrückendsten Szenen gehört jene, in denen Lemaitre den Angriff deutscher Kampfflugzeuge auf eine Flüchtlingskolonne auf den Straßen nach Süden schildert.

Nur einmal wird so etwas wie eine Kampfhandlung geschildert und Lemaitre bleibt seinem Wesen glücklicherweise treu, weil er darauf verzichtet, auch nur den Hauch pathetischen Weihrauchs zu schwenken, denn die beiden „heldenhaften“ Verteidiger einer Brücke agieren mehr zufällig und willenlos, bewirken zudem mit ihrer Tat rein gar nichts, denn die deutschen Panzer wälzen sich in langen Kolonnen schier unaufhaltsam weiter.

Es ist ein wenig schade, dass die Trilogie zu einem Ende gekommen ist. Dabei sind die Bande der drei Teile untereinander eher lose, in diesem Band übernimmt ein Mädchen aus dem ersten eine tragende Rolle, das zugleich Erinnerungen an einige damalige Protagonisten hegt. Und doch hängt alles miteinander zusammen, eingerahmt von den beiden fürchterlichen Kriegen.

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