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Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

Ein wunderbarer Roman mit handfester Ermittlerarbeit im Kyjiw des Jahres 1919. Cover Diogenes, Bild mit Canva erstellt.

Der Bürgerkrieg zwischen den Roten und Weißen im Gefolge der Oktober (November)-Revolution 1918 bildet den Auftakt für zwei äußerst blutige Jahrzehnte in der Sowjetunion. Erst nach Stalins Tod Anfang der 1950er Jahre ist der Blutzoll im geographisch größten Land der Erde, das politisch, gesellschaftlich, technologisch und in vielen anderen Bereichen immer noch weit vom Westen entfernt ist, geringer geworden.

Buchstäblich mitten hineingeworfen in den Strudel aus Gewalt wird der Leser des Romans Samson und Nadjeschda von Andrej Kurkow. Die Hauptfigur verliert seinen Vater durch den Säbelhieb eines Kosaken und sein Ohr. Eine dramatische Szene, direkt am Anfang, die jedoch keine falschen Erwartungen wecken sollte: Action und explizit geschilderte Gewalt halten sich über weite Strecken der erzählten Geschehnisse in Grenzen.

In diesen Zeiten ist manchmal auch nicht klar, wo das Gute ist und wo das Böse.

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

Stattdessen erzählt Kurkow seine Geschichte in einem eher plüschig wirkenden Tonfall. Gesetzt und gediegen wirken Sprache und Handlungsweise Samsons, in gewisser Weise Teil des kleinen, vorrevolutionären Bürgertums. Er taumelt. Der Krieg hat die Gesellschaft ohnehin erschüttert, Revolution, Bürgerkrieg und Gesetzlosigkeit haben der Sicherheit den Garaus gemacht. Alles wirkt improvisiert, chaotisch, viele Zeitgenossen führen Tätigkeiten aus, für die sie gar nicht qualifiziert sind.

Die Konfrontation mit dem Tod seines Vaters und der eigenen Verstümmelung vertiefen die Orientierungslosigkeit des Protagonisten. Kurkow lässt ihn einige Zeit durch Kyjiw irren, bei seinem Versuch, in der sich rasant verändernden Welt Fuß zu fassen. Die neue Macht in der ukrainischen Großstadt macht sich recht bald durch zwei Rotarmisten bemerkbar.

Die beiden Soldaten kundschaften Samsons Wohnung aus, indem sie vorgeben, Nähmaschinen zu suchen, um sie zu requirieren; etwas später quartieren sie sich unter Vorlage eines obskuren Dokuments bei ihm ein, besetzen ein Zimmer und verwenden die Bleibe, um ihre Beute abzustellen. Die Rotarmisten nutzen nämlich die halbanarchischen Zustände als Gelegenheit, um sich zu bereichern.

Samson wird nach einigem Vorlauf und mehr durch Zufall Teil der neuen Macht, indem er der Miliz beitritt und Teil der Ordnung wird. Das ist fast ein wenig komisch, denn von polizeilichen Ermittlungen versteht er überhaupt gar nichts; trotzdem findet er sich plötzlich bewaffnet, mit entsprechenden Papieren und Kleidung ausgestattet auf der Seite der Bolschewisten wieder – ohne selbst einer zu sein.

»Ordnungen gibt es verschiedene.« Der Arzt biss sich auf die Lippen. »Es gibt die bolschewistische Ordnung, es gibt die anarchische von diesem Machno, und es gibt die weiße, denikinsche. Sie stehen alle auf keinem Papier und ändern sich wie das Wetter in England.«

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

Merkwürdig indifferent bleibt die Haltung Samsons, die am ehesten mit dem Drang nach bürgerlicher Anständigkeit beschreibbar wäre. Nadjeschda, die erst nach einer geraumen Zeit und dann auch noch im Rahmen heiratsvermittlerischer Aktivitäten der Hausmeisterwitwe in Samsung Heim auftritt, ist ganz anders: Sie verkörpert jenen zukunftsoptimistischen Sowjetbürger, der sich ebenso entschlossen wie naiv in den Dienst der Sache stellt. Nadjeschda, obschon im Titel genannt, bleibt recht blass und passiv, was ein wenig schade ist.

Die Lage ist aber während der gesamten Handlung begleitet von dem Eindruck einer nahen Bedrohung. Immer wieder ist von den Weißen und ihren Generälen die Rede, es gibt Aufstände, an deren Niederschlagung auch die Miliz teilnehmen soll. Militär und Polizei sind ohnehin eng miteinander verwoben, oft begleiten Rotarmisten Samson bei seinen Ermittlungen, umgekehrt muss er an nächtlichen Patrouillen teilnehmen.

Der Protagonist bleibt von einem Kampfeinsatz verschont, angesichts der Erbarmungslosigkeit, die im Buch nur genannt, nicht explizit beschrieben wird, für Samson ein ein großes Glück. Brutal geht es aber auch in den Straßen Kyjiws zu, als Gefangene aus den Kellern des Polizeigebäudes ausbrechen. Ein Toter liegt lange auf der Fahrbahn vor dem Gebäude des Miliz; Samson wird von seinem Kollegen davon abgehalten, einem Fliehenden in den Rücken zu schießen.

Samson, den Nagant im Anschlag, versuchte schnell zu entscheiden, in welchen der sich entfernenden Rücken er schießen sollte. »Lass das«, hielt ihn Wassyl auf. »Was bringt dir das?«

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda

Unterdessen entwickelt sich tatsächlich ein Kriminalfall, eng verwoben mit dem politischen Durcheinander. Ohne die nötige Schulung, gar nicht zu reden von Ausrüstung und Erfahrung, macht Samson sich daran, den Mörder eines seiner Kollegen aufzuspüren. Dabei nutzt der findige Ermittler-Frischling aber auf intelligente Weise seine bzw. Nadjeschdas Möglichkeiten, die im statistischen Büro arbeitet und an einem Zensus beteiligt war – ein Ansatz für Samson, seinen Fall voranzubringen, der auf eine Weise schön aufgelöst wird.

Samson und Nadjeschda ist kein klassischer Krimi, wie deutlich geworden sein dürfte. Die Ermittler-Tätigkeit des Helden ist einem Zufall geschuldet, von dem Versuch, sich zu orientieren, in der aus den Fugen geratenen Welt einen Platz zu finden und anständig zu bleiben. Eigentlich ist das zum Scheitern verurteilt und man darf gespannt sein, wie lange es Kurkow gelingt, seinen Helden unbescholten durch das blutige Chaos zu lavieren.

Ach, ja: das Ohr. Samson bewahrt sein Ohr auf, denn es leistet ihm als abgetrennter Körper weiterhin gute Dienste, weil es ihn hören lässt, was im Umfeld des alleinstehenden Organs geschieht. Eine skurrile, alle Realitäten verspottende Idee, die aber gerade im Rahmen des sowjetischen Realismus einen gehörigen Charme hat. Möglicherweise ist das Ohr Kurkows zwinkerndes Auge in Bezug auf die historische Bodenständigkeit seines Romans.

Andrej Kurkow: Samson und Nadjeschda
aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing
Diognes 2022
Hardcover Leinen 368 Seiten
ISBN: 978-3-257-07207-5

Mark Lauren: Fit ohne Geräte

Ein Buch, sie zu knechten … Cover riva, Bild erstellt mit Canva. »Hooya« ist ein Schlachtruf der US-Spezialeinheiten , von den Indianern entleht. Es meint: »Gib mir mehr!«

Wie oft habe ich bei der Ausführung der Übungen gedacht: »Ich bin zu alt für diesen Sch…!« Kein Wunder, denn Fit ohne Geräte von Mark Lauren richtet sich wohl in erster Linie an die U30, vielleicht auch U40. Die Erschöpfung kann grenzenlos sein, das Erstaunen auch, wenn die Arme so lahmen, dass der Griff zu einem Glas nach dem Training eine echte Herausforderung ist. Gar nicht zu reden vom Muskelkater am Tag danach und dem darauf folgenden. 

Fit ohne Geräte ist zweifelsfrei eines der wichtigsten Bücher, die ich je in meinem Leben gekauft habe. Die völlig zerfledderte erste Ausgabe ist längst durch eine zweite ausgetauscht, ein weiteres mit einem anderen, deutlich strukturierteren Trainingsplan namens Die 90-Tages-Challenge ist hinzugekommen. Zwei Sportbücher. Gamechanger in meinem Fall, denn als ich sie vor acht Jahren erworben habe, hat sich mein Leben tiefgreifend geändert.

Schmerz gehört zum Leben dazu. Jeder kennt sicher das Bonmot, wer jenseits der fünfzig morgens erwache und keinen Schmerz verspüre, sei tot. Ich fühle mich in diesem Sinne sehr lebendig, denn es gibt kaum einen Morgen, an dem ich nicht irgendwo in meinem Körper etwas verspüre, dass man Schmerz nennen kann. Aber fast immer handelt es sich um ein Echo des Kraftsports, den ich am Vortag oder dem davor gemacht habe. Muskelkater.

Das ist etwas grundlegend anderes als jener Schmerz, der Schreibtischknechten landauf, landab ein treuer Begleiter ist. Diese Form des Schmerzes ist mir fremd. Auch mich erwischt mal eine Verspannung, auch in meinem Rücken ist mal ein Nerv eingeklemmt, aber das passiert sehr selten. Die anderen Ausgeburten einer sitzenden Tätigkeit habe ich bislang nicht zu spüren bekommen, was ich auch auf Bodyweight-Training zurückführe.

Das Konzept ist schlicht. Man trainiert mit dem eigenen Körpergewicht. Das hat Vorteile. Erstens braucht man fast keine Geräte (siehe Buchtitel), zweitens spart man sich das Fitness-Studio, drittens kann man fast überall trainieren (auch auf Reisen oder im Urlaub), viertens sinkt das Verletzungsrisiko  und fünftens kann man einen Teil der Übungen ohne Weiteres mit Geräten (Klimmzugstange, Hanteln) ausführen, wenn einem das lieber ist; zusätzliche Gewichte, wie zum Beispiel eine Weste, sind ebenfalls kein Problem. Die Belastung ist skalierbar.

Ich werde an dieser Stelle nicht das ganze Konzept vorbeten, sondern auf ein paar Dinge verweisen, die ich gelernt habe. Kraft, Balance (Stabilität) und Beweglichkeit sind immens wichtig, egal wie alt man ist. Muskulatur beugt vielen Zipperlein vor, sie erleichtert den Alltag und – ja – im  Alter hilft sie ein wenig beim Ertragen des nicht mehr aufzuhaltenden körperlichen Verfalls. Was mich vor allem beeindruckt hat, sind die »Nebenwirkungen«: Durch Bodyweight-Training kann man die Stabilität des Körpers und seine Beweglichkeit verbessern, beides ist essentiell.

Ein paar Nachteile hat das Buch allerdings auch. Zum einen ist Lauren Teil des amerikanischen Militärs gewesen und das schimmert auf jeder Seite in der Sprache durch. Wer das nicht mag, muss nicht nur bei den Übungen die Zähne zusammenbeißen. Viele Ernährungstipps sollte man vor allem als Anregung auffassen, darüber nachzudenken, was man isst; richtig Essen ist essentiell, nicht nur für das Training. Ein paar Dinge kann man eins zu  eins übernehmen: kein Zucker, kein Alkohol. Anderes lässt sich anpassen.

Lauren ist kein Freund des Ausdauertrainings. Seine Argumentation, warum das nicht zum Muskelaufbau beiträgt, erscheint mir nachvollziehbar, dennoch mache ich selbstverständlich Herz-Kreislauf-Sport. Ich jogge nicht, um Muskeln zu bekommen, sondern weil es ein bisschen Spaß macht und ich mich danach einfach besser fühle. Übrigens ist Bodyweight-Training eine wunderbare Sache für das Joggen – Balance und Muskelkraft machen es leichter.

Von Sport- und Ernährungswissenschaftlern wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Sport allein nicht reiche, um Gewicht zu verlieren. Das entspricht auch meiner persönlichen Erfahrung; Laurens Rechnung, dass der Mehrverbrauch durch eine erhöhte Muskelmasse dabei helfen kann, Gewicht zu reduzieren, hat in meinem Fall nicht wirklich funktioniert; das klappte erst mit einer klassischen, langfristigen Diät.

Starten kann man übrigens auch sehr gut mit dem Frauen-Buch, weil das – warum auch immer –  sehr viel strukturierter ansetzt, als das für Männer. Die 90-Tages-Challenge ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein Vierteljahr zielgerichtetes Krafttraining den Sportler erschöpfen kann. »Hooya!« – »Gib mir mehr!« ruft man dann in der Regel nur mit beißendem Sarkasmus.

Mark Lauren mit Joshua Clark: Fit ohne Geräte
Softcover, 272 Seiten
riva 2018
ISBN: 978-3-7423-0411-7

Eine Begegnung im Sommer 1944

Im preisgekrönten Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es eine Schlüssel-Szene, die mir seit dem ersten Lesen unvergessen geblieben ist.

Frankreich 1944: Ein französischer Widerstandskämpfer und ein deutscher Offizier stehen sich gegenüber. Zwei Meter trennen sie, unüberwindliche zwei Meter, nicht zuletzt wegen des Stacheldrahts. Der Deutsche ist der Gefangene, der Franzose sein Bewacher. Zwei Antagonisten, wie man sie aus hunderten von Büchern und Filmen kennt, eine saubere Trennung nach Gut und Böse. Einfach und schön.

Doch so einfach ist es nicht, glücklicherweise, sonst wäre der Literatur eine Textstelle entgangen, die für mich ein Schlüsselmoment darstellt. Sie entstammt dem genialen Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni, der den Leser in ein Spiel mit Antagonismen hineinzieht, an dessen Ende diese augenscheinlichen Klarheiten gewichen sind.

Der Franzose und der Deutsche kennen sich von einer Begegnung aus dem Jahr 1943. Der Offizier hat den Vater des Widerständlers, der einen Laden unterhält, trotz seiner Schwarzmarktaktivitätn davonkommen lassen. Warum er das getan habe, erkundigt sich der Franzose. Alle hätten Schwarzhandel betrieben, den einen hätte er bestraft, den anderen eben nicht, meint der Deutsche.

Willkür, mit achselzuckender Gleichgültigkeit eingestanden.

Das ist erst der Auftakt, denn der Offizier war bei einer Aktion beteiligt, bei der ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Jedem historisch halbwegs Informierten wird der Name Oradur sûr Glane etwas sagen, diese brutalte Vernichtungsaktion war keineswegs das einzige Verbrechen dieser Art in Frankreich.

Der Deutsche erklärt, das man Terror ausgeübt habe, um gegen den Maquis vorzugehen. Eine »militärische Taktik« sei das, die gezielt die Zivilisten ins Visier nähme, um Schrecken zu erzeugen – allein Maquisarden zu töten würde nicht reichen. Ein »raffiniertes Instrument«, um den Partisanen die Unterstützung zu unterziehen  – durch »unpersönlichen Terror«.

Bis zu diesem Punkt ist alles bekannt und gewöhnlich – doch das ändert sich schlagartig und macht diese Textstelle zu einem Schlüssel des gesamten Buches, für mich auch darüber hinaus.

Der Deutsche erkundigt sich, was der Franzose an seiner Stelle getan hätte. Der wehrt die Frage lakonisch ab, in dem er darauf verweist, das er eben nicht an der Stelle des Deutschen gewesen sei. Er habe alles getan, um nicht an seiner Stelle zu sein.

Eine Haltung, die auch von Nachgeborenen in abgewandelter, angepasster Form vorgetragen wird, sie findet in der Formulierung von der »Gnade der späten Geburt« oder dem briefeschreibenden Sofapazifismus ihren Niederschlag. Mit diesem Kniff ist man auf der Seite der Guten.

»Das Rad dreht sich, junger Mann.«

Alexis Jenni: Die Französische Kunst des Krieges

So lautet die Antwort des Deutschen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine bildliche Umschreibung, dass die Geschichte nicht stehenbleibt, sondern weitergeht. Eben noch Herr gewesen, jetzt Gefangener, eben noch derjenige, der über das Schicksal entscheidet, jetzt im Ungewissen über das eigene Schicksal, über das von anderen entschieden wird. Der Franzose hat den Platz des Deutschen eingenommen.

Es ist ein Rollentausch, der – nach Ansicht des Offiziers – durchaus die Möglichkeit beinhaltet, eben auch in anderer Hinsicht an seine Stelle zu treten, wenn der Franzose wie er selbst zuvor »für Ordnung sorgen«, also die gleichen schrecklichen Dinge tun oder anordnen müsse.

Das ist eine Warnung, eine Prophezeiung – wir müssen nicht so tun, als kennten wir nicht den Gang der Geschichte: Indochina. Algerien. Orte des Schreckens, an denen Franzosen fürchterliche Dinge getan und Verbrechen begangen haben. Ihre Gegner, das soll nicht verschwiegen werden, auch.

Der Deutsche hat noch einen Ratschlag parat.

»Das Rad dreht sich. Nutzen Sie Ihren Sieg aus, Ihren noch ganz neuen Sieg, nutzen Sie den schönen Sommer aus. 1940 war das schönste Jahr meines  Lebens. Danach war es nicht mehr so schön. Das Rad dreht sich.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Indochina und Algerien sind die Orte, an denen sich diese Prophezeiung verwirklicht, denn die Ereignisse dort waren alles andere als »schön«. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser des Romans längst, was in Algerien geschehen ist, von jenem Blutzoll unter Zivilisten, er weiß, dass hier tatsächlich eine Art Stabwechsel vollzogen wird.

Eben noch Opfer, dann Sieger und wenig später Täter.

Das Motiv der Ordnung, für die gesorgt werden muss, der Rollentausch von Herr und Knecht, Sieger und Besiegtem ist eine Art Stabwechsel. Interessanterweise ist mir dieses Motiv  jüngst in einem anderen Roman schon einmal begegnet, wenn John Glueck in Steffen Kopetzkys Propaganda die amerikanische Armee durch den Kampfkontakt mit der  deutschen Wehrmacht selbst ein wenig in diese Richtung driften sieht – mit verheerenden Folgen, nämlich in Vietnam.

Was also bleibt von jenem schönen, einfachen, gefälligen und äußerst bequemen Antagonismus, von dem anfangs die Rede war? Er löst sich auf, die klaren Konturen verschwimmen. Die Prophezeihung des deutschen Offiziers, dass die Freude über den militärischen Sieg von kurzer Dauer sein und ein Rollentausch erfolgren könnte, hat sich als richtig erwiesen.

Alexis Jenni geht noch einen Schritt weiter: Er stellt seiner Hauptfigur, dem Franzosen Victorien Salagnon, im Verlauf der Handlung zeitweise einen anderen Deutschen zur Seite, der mit ihm in Indochina  gegen den Vietminh kämpft. Eben noch Feind, nun Waffenbruder in einem brutalen, ungerechten und dummen  Kolonialkrieg, in dem die Franzosen von den Vernichtungskriegern adaptieren, wie man Terror gegen die Zivilbevölkerung einsetzt.

In Algerien haben sie dann eine eigene Kunst des Krieges entwickelt; Krieg und Kolonie gehen dennoch verloren. Alexis Jenni betreibt damit keineswegs eine Form der Verharmlosung von Verbrechen, die in der NS-Zeit in den von der Wehrmacht eroberten und besetzten Ländern verübt wurden; ganz im Gegenteil. Er verweist darauf, dass Geschichte nichts Statisches ist, die Rollen werden immer wieder neu verteilt.

Deutsche im Indochina-Krieg

Einige Impressionen zu diesem Thema. Man beachte die Fahrräder auf dem linken oberen Bild, sie waren im Indochina-Krieg Frankreichs kriegsentscheidend. Recht unten Soldaten der Waffen-SS, in der Mitte Fallschirmjäger in Indochina. Cover jeweiliger Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Tausende Deutsche haben in Indochina gegen den Vietminh gekämpft. Während der amerikanische Vietnamkrieg gut dokumentiert und vielfach in Romanen und Filmen erzählt worden ist, gibt es recht wenig über den französischen, gar nicht zu reden von der deutschen Beteiligung.

Als ich ein Kind war und in einem kleinen Dorf lebte, ging über einen Außenseiter das Gerücht um, er wäre »bei der SS« gewesen und in »Indochina«. Ich wusste bereits, welcher Landstrich sich hinter dem Namen Indochina verbirgt und wo der weiteste Vormarsch der Wehrmacht endete – es musste also Nonsens sein, was man sich erzählte.

Letztlich ist es ein einziger Satz in dem Roman Der stille Amerikaner von Graham Green  gewesen, der mich eines Besseren belehrte, mindestens zehn, vielleicht fünfzehn Jahre später. Der Erzähler ist in Indochina mit einem Boot an der Front unterwegs, man überquert ein Gewässer, jeden Augenblick in Gefahr, vom Vietminh attackiert zu werden. (In der hervorragenden Verfilmung mit Michael Caine bleibt dieses Motiv übrigens unerwähnt.)

»Ich hörte, wie hinter mir jemand mit feierlichem Ernst auf deutsch sagte »Gott sei dank«. Abgesehen vom Leutnant bestand fast die ganze Gruppe aus Deutschen.«

Graham Green: Der Stille Amerikaner

Es ist die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Frankreich versucht, seine zwischenzeitlich von den Japanern besetzten Kolonien in Asien zurückzuerobern. Der Indochina-Krieg, der erste oder – wenn man die japanische Besatzung miteinrechnet – der zweite, in jedem Fall die verhängnisvolle Ouvertüre zum amerikanisch Vietnam-Desaster. Er wurde von französischen Truppen, der Kolonialarmee und der Fremdenlegion ausgefochten. In deren Reihen kämpften tausende Deutsche.

Es war also möglicherweise keine Lüge, die mir aufgetischt worden ist. Es wäre durchaus denkbar, dass dieser Mann während des Zweiten Weltkrieges bei der Waffen SS gedient und sich nach Kriegsende in der Fremdenlegion Frankreichs verdingt hat. Über die genaueren Umstände weiß ich mittlerweile einiges, wenn die Informationen auch unbefriedigend und unzureichend sind.

Ein für mich faszinierender Umstand, dass Kriegsgegner plötzlich Seite an Seite kämpften, fern von Europa, fern von der Heimat. Seither habe ich immer wieder Bücher gelesen, um ein Bild von jenen zu bekommen, die in der Fremdenlegion gekämpft haben. L´ennemie util – der nützliche Feind (Bericht im Der Spiegel), wie ein französisches Buch zu diesem Thema heißt.

Das Engagement von Deutschen in der Fremdenlegion ist auch insofern interessant, weil während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Waffen-SS kämpften. Manche davon gehörten zu den letzten Verteidigern in Berlin 1945, es gehört zur Ironie von Geschichte, dass sie ausgerechnet am Belle-Alliance-Platz kämpften, jenem Ort, der an Napoleons finale Niederlage gedenkt.

Die Dokumentation ist auf Französisch, allerdings mit englischen Untertiteln.

Warum haben sie für den jeweils anderen gekämpft? Nicht nur die Franzosen für die Wehrmacht und die Deutschen für die Legion, sondern hunderttausende, ja Millionen  Europäer? Was motiviert jemanden dazu, eine »fremde« Uniform anzuziehen und mit der Waffe in der Hand ins  Feld zu ziehen?

Die Antworten sind vielfältig, absonderlich und klingen oft nach einer Ausrede – kann  man ernsthaft in der Wehrmacht gedient haben und behaupten, man  habe es für die Zukunft der eigenen Kinder getan? So hat es ein Veteran in der obigen Dokumentation geäußert. Vielleicht wollten einige auch schlicht etwas vom Kuchen abhaben, den die Wehrmacht erobert hatte; zu den Siegern gehören.

Sicher steckten in vielen Fällen auch ganz individuelle Gründe dahinter, etwa Abenteuerlust oder das Bedürfnis, aus engen Verhältnissen auszubrechen. Manchmal auch existenzielle, wenn etwa Ukrainer, Letten, Litauer usw. als Kriegsgefangene vor der Wahl standen, zu verhungern oder sich als Hiwi verdingen.

Und wie steht es mit den Deutschen in Indochina? Im Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es einen bezeichnenden Dialog.

»Aber was tun Sie eigentlich in Indochina?«
»Ich kämpfe wie Sie.«
»Aber Sie sind doch Deutscher.«
»Na und? Sie sind ebenso wenig Indochinese wie ich, soweit ich das beurteilen kann. Sie führen Krieg und ich führe Krieg. Kann man etwas anderes tun, wenn man nur das gelernt hat? […] Alle Leute, die ich in Deutschland kannte, sind  in einer Nacht umgekommen. Die Orte, in denen ich gelebt habe, sind in derselben Nacht ausradiert worden. […]«
»Sie wollen mir doch wohl  nicht  erzählen, Sie seien  ein unschuldiges Opfer des  Krieges. Die größten Sauereien haben  doch Sie begangen, oder etwa nicht?«
»Ich bin  kein  Opfer, Monsieur Salagnon. Deshalb bin ich in Indochina  und nicht Buchhalter in einem wiederaufgebauten Büro in Frankfurt. Ich habe vor, mein Leben als Sieger zu beenden.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des krieges

Ein wenig Remarque, jene Generation, die nichts anderes als das Kämpfen gelernt hat und nicht in ein ziviles Leben zurückkehren kann, allerdings im Schatten von Holocaust und Vernichtungskrieg. Mit dem Sieg wurde es nichts, am Ende standen eine vernichtende Niederlage bei Dien Bien Phu, Kriegsgefangenschaft und Tod.

Die Deutschen in französischen Kriegsdiensten sind eine Art Echo auf die Franzosen in den Reihen von Wehrmacht und Wafen-SS, sie haben am Vernichtungskrieg mitgewirkt und – wie im Roman von Jenni zu lesen – ihre Erfahrungen in Indochina einfließen lassen: zum Beispiel bei brutalen Verhören. Die Franzosen haben davon gelernt, es adaptiert und selbst Hand angelegt, ihre eigene Version dieser »Kunst des Krieges« gepflegt.

Die Kunst des Krieges ändert sich nicht.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Was ist eigentlich Indochina? Eine historisch-geographische Bezeichnung, die nur noch in der Erinnerung existiert, wie etwa Burgund, überlagert von nachfolgenden Ereignissen. In dem genialen Spielfilm Apokalypse Now wurden jene Szenen herausgeschnitten, in denen der Protagonist auf seiner Flussreise in den Irrsinn auf eine Enklave trifft, umnebelt von der Zeit, in der noch Kolonialfranzosen ausharren. In der Redux-Version kann man sie sich ansehen.

Ihr Schicksal ist überlagert von jenem, das danach folgte, jener amerikanische Krieg in Vietnam, als Indochina nicht mehr war, als ein historisches Gespenst auf der Flucht aus der Erinnerung. Immerhin wird der französische Indochinakrieg in manchen ausführlichen Dokumentationen noch erwähnt, ein Vorspiel, das aus französisch-kolonialer Sicht eher ein Nachspiel gewesen ist. Oder im Rahmen der blutigen Dekolonisation ein Auftakt.

Ursprünglich auf arte.tv ausgestrahlt, die amerikanische Dokumentation über den Vietnam-Krieg. Der Indochina-Krieg Frankreichs wird auch thematisiert, mit Fokus auf der Unterstützung durch die USA.

Während es zahlreiche Bücher und Filme über den amerikanischen Vietnamkrieg gibt, sind die Erwähnungen des französischen rar, die deutsche Beteiligung daran noch rarer. Das ist vielleicht einer der Gründe dafür, warum mich der Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni so angesprochen hat, denn in diesem brillanten Roman ist das ein bemerkenswertes Motiv. Der Deutsche stirbt nach der Kesselschlacht von Dien Bien Phu in einem Gefangenenlager des Vietminh.

Jenni greift in seinem  Roman aber weiter aus, die erzählten Linien jenes Teils, der von der Vergangenheit berichtet, reichen bis in den Zweiten Weltkrieg, als Frankreich besetzt war; in Indochina war es wiederum der Besatzer, wie auch in Algerien, dem Schlussakt jenes zwanzig Jahre währenden Krieges, in den Frankreich verwickelt war, ehe es sich geschlagen, gedemütigt und mit Schuld beladen zurückgezogen hat.

Graham Green: Der stille Amerikaner. dtv 240 Seiten.
ISBN: 978-3-423-13129-2
Karl Marlantes: Matterhorn. Heyne Verlag 672 Seiten.
ISBN: 978-3-045-367657-2
Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges. Luchterhand HC 768 Seiten.
ISBN: 978-3 442-74770-2
Pierre Thoumelin: L´ennemi utile. Schneider. 2020
ISBN: 978-1-527-27103-6

Der stille Amerikaner. Regie Phillip Noyce. 2002
Apocalypse Now: Regie Francis Ford Coppola. 1979.
The Vietnam War. Regie Ken Burns und Lynn Novick. 2017.

Bücher 2022

Mein Top-Ten der Bücher, die ich 2022 gelesen oder gehört habe. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt. Alles selbst gekauft.

Soll man? Ja. Also hier sind sie, die Top-Ten meines Lesejahres 2022.

Die beiden Romane von Padura und Jenni habe ich zum zweiten oder dritten Mal gelesen, sie bilden – gemeinsam mit Hilary Mantels Spiegel und Licht – das Best-of-Trio meines Leselebens. Weltliteratur allesamt, einmal Cuba, einmal Frankreich, einmal England. Sie wurden im 21. Jahrhundert geschrieben, gehen jedoch alle drei auf unterschiedlichen Pfaden tief in die Vergangenheit.

Mir ist es wichtig zu betonen, dass es bei der ZehnerAuswahl sowie dem preisgekrönten Top-Trio um eine sehr persönliche handelt. Ehrlich gesagt rechne ich nicht damit, dass jemand anderer in gleicher Weise angesprochen wird. Enttäuschungen sind immer vorprogrammiert, wenn man den Empfehlungen und Jubelrufen anderer folgt; das gehört zum Lesen dazu.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Wolgang Herrndorf: Sand

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Richard Flanagan: Der schmale Pfad ins Hinterland

Gerd Ledig: Vergeltung

Steffen Kopetzky: Propaganda

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Uwe Wittstock: Februar 33

Von allen Buchvorstellungen wurde jene über den französischen Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, Wie später ihre Kinder am häufigsten aufgerufen; recht dicht gefolgt von Steffen Kopetzkys Propaganda und einem Beitrag aus dem letzten Jahr über Ulrich Boschwitz’ Roman Der Reisende. Diese Zahlen sind natürlich relativ, denn die im Jahresverlauf veröffentlichten Buchvorstellungen haben es schwerer, Zugriffe zu generieren.

Bunte Lektüremischung in 2022

Auch in diesem Jahr ist es eine ziemlich bunte Mischung. Mehrere Klassiker habe ich mir gegönnt, ein Vorhaben, das ich weiter verfolgen werde, um Lücken zu schließen oder große Werke noch einmal zu lesen. Apropos Wiederlesen: Das ist ein zweiter Schwerpunkt in diesem Jahr gewesen, mein Regal ist voller guter Bücher, die es wert sind, wenigstens zweimal gelesen zu werden. Sieben waren es 2022, im kommenden Jahr folgen hoffentlich noch mehr.

Elf Bücher würde ich der Sachbuch-Rubrik zuordnen. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Formulierung etwas schwammig ist, denn einige der Sachbücher sind sprachlich auf einem derart hohen Niveau, dass manch’ literarisches Werk erblasst. Außerdem gibt es noch jene Grenzgänger, wie die drei Bücher des französischen Autors Eric Vuillard, die sich einer genauen Zuordnung entziehen – ich habe sie der Sachbuch-Rubik zugeordnet. Im nächsten Jahr werden es – auch bedingt durch anstehende Recherchen – wahrscheinlich wieder mehr Sachbücher werden.

Die Mehrheit der Bücher ist auf deutsch verfasst, gefolgt von englischsprachigen Werken, die ich zumeist in der Übersetzung gelesen oder gehört habe. Einige französische und spanische Bücher runden das Bild ab, außerdem stammt ein Buch aus dem Niederländischen und ein weiteres aus dem Russischen.

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