Schreiben - Lektorieren

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Am Anfang war – Bornholm

Bornholm 2006. Der Blick aufs Meer.

Bei den meisten meiner noch nicht realisierten Schreibprojekte könnte ich nicht sagen, wo und wann ich die Inspiration bekommen habe. Im Falle meiner Abenteuerreihe um Joshua und Jeremiah schon: Bornholm. Im Sommer 2006 haben wir dort mit unserem Nachwuchs Urlaub gemacht, im Norden dieser ganz wundervollen Insel, mit ihrem ungeheuer schönen Wanderweg von Allinge nach Hammershus.

Wir hatten ein Ferienhaus mit Blick aufs Meer. Wenige Monate später stand der Geburtstag meines ältesten Sohnes an, der Bücher geliebt hat. Also kam mir die Idee: Schreib ihm doch ein Büchlein. Piraten standen hoch im Kurs und das große Piratenschiff von Playmobil war als Geschenk geplant. Natürlich auch ein standesgemäß zugerichteter Kuchen!

Da ich einen Laptop mitgenommen hatte, saß ich nach zwei, drei Urlaubstagen abends am Tisch, den Blick hinaus auf die graue Ostsee, und habe mich gefragt: Was könnte man so erleben? Schreiben mit Blick aufs Meer ist eine wundervolle Angelegenheit – noch einmal, 2016, habe ich das in Frankreich, Bretagne, erleben dürfen.

Einige Dinge sind tatsächlich noch immer genau so, wie ich sie damals geschrieben habe. Spurenelemente im ersten und zweiten Band. Die Namen der beiden Hauptfiguren, Joshua und Jeremiah, zum Beispiel; der Name des Schiffs, mit dem Joshua von London aufbricht: Sturmvogel. Jener Seemann, der ihm im Hafen einige Dinge aus seiner eigenen Vergangenheit berichtet.

Und doch hat sich die Geschichte seitdem mit Siebenmeilenstiefeln von ihren Anfängen entfernt. Dazu werde ich in den nächsten Beiträgen etwas schreiben. Hier bleiben wir bei den Anfängen. Und aus diesen rührt der Name »Piratenbrüder« her.

Bornholm 2006. Die Ostsee kann auch Meer.

Beim Geburtstag einige Monate nach dem Bornholm-Urlaub wartete tatsächlich ein kleines, schwarz gebundenes Büchlein mit dem Titel »Piratenbrüder« mit der Auflage 1 auf seinen ersten Leser. Es war ein mitreißendes Erlebnis, es vorzulesen, für alle Beteiligten. Eine Erinnerung, warm wie Kaminfeuer. 

Der zweite Band ist unmittelbar danach entstanden, ehe sich eine mehrjährige Pause anschloss. Irgendwo (ich weiß natürlich ganz genau, wann und wo) im Roman hält Joshua inne und blickt kurz zurück – fassungslos über den Weg, den er bis zu diesem Punkt zurückgelegt hat. Und so geht es mir in diesem Moment auch ein wenig, wenn ich an die sieben Teile der Abenteuerreihe denke.

Lehrer vs Lektor

Beinahe wäre ich Lehrer geworden. Nach dem Ende meines Referendariates habe ich geschworen, nie wieder einen Fuß in eine Schule zu setzen. Mit Kindern war ein Eidbruch unvermeidlich und was ich in den nachfolgenden Jahren erlebt habe, hat meine Abneigung nicht gerade abgeschwächt.

Die endlose Liste an Gravamina seitens eines Unterrichtenden umfasst einen wichtigen Punkt: Korrekturen. Unbefangene Zeitgenossen könnten auf den Gedanken kommen, hier gäbe es eine Überschneidung zur Tätigkeit als Lektor.

Weit gefehlt – zum Glück.

Der banalste Unterschied liegt darin, dass Lehrer bis zu dreißig, Lektoren nur ein Werk bearbeiten. Das ist selbsterklärend, oder?

Weiterhin gehen die Adressaten sehr unterschiedlich mit den Anmerkungen um. Wen wundert es, wird in der Schule doch selten überarbeitet. Meistens werden nur »Fehler« korrigiert.

Schließlich ist der Lehrer Herr über die Noten, während der Lektor alles in dieser Richtung tunlichst vermeiden sollte, denn allein der Autor trägt die Verantwortung für sein Manuskript. Lehrer urteilen, Lektoren beraten, weisen hin, helfen.

Der Unterschied ist nicht zu unterschätzen.

Schule suggeriert über viele Jahre hinweg, es gäbe in allen Lebenslagen so etwas wie »falsch« und »richtig«. Gibt es, klar. Beim Rechnen etwa, doch alles, was man mit Fug und Recht »Mathematik« nennen würde, geht darüber schon hinaus. Das gilt erst recht für Literatur oder den schöpferischen Prozess des Schreibens.

Darum empfinde ich verstärktes Unbehagen, wenn sich in Beiträgen über die Schreibkunst Formulierungen wie »darf nicht« oder »falsch« einschleichen. Wer sich davon zu sehr beeindrucken lässt, endet rasch im Fegefeuer des Besinnungsaufsatzes.

Wovor ein Lektorat nicht schützen kann

Eigentlich mag das niemand hören. Wer ein Buch veröffentlicht, hat einen langen, harten Weg hinter sich, viel Arbeit, Frust und Höhenflüge, dazu im Falle des Selfpublishings auch eine Menge Geld investiert.

Dann ist das Buch endlich auf dem Markt – und es gibt Dresche!

Ein paar Mitleidskäufe, dazu noch eine Handvoll aus dem eng begrenzten Kreis derjenigen, die man über die Sozialen Medien erreicht. Das eigene, mühevoll verfasste Werk ist ein Ladenhüter. Statt Ruhm und Geld zu ernten, sitzt man auf einem Defizit, monetär und emotional.

Misserfolg ist die Regel, nicht die Ausnahme, nicht nur bei den Selbstpublizierern. In der Wahrnehmung ist es umgekehrt, denn nur die Erfolgreichen stehen im Rampenlicht. Menschen sind Meister der Illusion und lassen sich nur zu gern davon blenden.

Nur einmal in mehreren Jahrzehnten (!) habe ich in einer überregionalen Zeitung im Feuilleton einen Beitrag gelesen, der sich mit einem unveröffentlichten Schreiberling befasste. Vier Manuskripte, vier Anläufe, einen Roman bei einer Agentur bzw. einem Verlag unterzubringen – am Ende ein Satz mit „x“.

Das ist die Regel!

Hat man Erfolg, gibt es Dresche. Neid. Missgunst. Rachebewertungen. Trollerei. Die Zahl der apokalyptischen Reiter lässt die Bibel alt aussehen. Die Angriffe können aus verschiedenen Richtungen kommen, sie können gehaltvoll sein oder auch schlicht aus der Lust am Draufhauen.

Ganz besonders hübsch: Verachtung anderer Autoren. (ja, das ist die Regel!) Autoren verachten andere Autoren, selbst in allerhöchsten Kreisen. Thomas Mann über Lion Feuchtwanger – nichts, was man als Autor gern hören möchte.

Allen gemein ist, dass ein Lektorat nicht davor schützen kann. Es ist kein Schild, mit dem man in die Schlacht ziehen und gefeit ist vor Zudringlichkeiten. Autoren müssen sich selbst rüsten.

Verzettelwirtschaft

Es ist mal wieder soweit: Ein Manuskript ist beendet. Jetzt steht das an, was ich „Verzettelwirtschaft“ getauft habe. Mein sehr spezieller Umgang mit Notizen.

Wie in jeder Schriftstellerexistenz halten sich Gedanken und Ideen nicht an Arbeitszeiten oder Projektplanung. In koboldiger Manier tauchen sie einfach auf – und verschwinden auf dem Friedhof der Ideen, wenn man sie nicht irgendwo bannt. Dafür ist ein Notizbuch eine schöne Sache, egal ob digital oder analog. Und natürlich Post-It-Zettelchen.

Soweit, so normal.

Meine Notizen werden nicht zeitnah verarbeitet, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil: Post-It-Zettel kleben an der „gelben Wand“ im Rücken meines Schreibtisches, unberührt, bis ich die wenigstens Rohfassung des Manuskriptes abgeschlossen habe. Erst dann wende ich mich ihnen zu und schaue, ob ich etwas Verwertbares notiert habe. Das gilt auch für die Aufzeichnungen in den Notizbüchern.

Die „gelbe Wand“ im Rücken meines Schreibtisches.

Überraschend oft sind die Ideen, die so festgehalten wurden, längst im Text enthalten, nicht selten weiterentwickelt bzw. mit anderen verschmolzen; andere sind wertlos oder von der Entwicklung des Plots überholt worden. Manche erinnern mich tatsächlich an Versäumnisse, ergänzen oder vertiefen Textstellen und sehr wenige regen zu neuen Abschnitten oder ganzen Kapiteln an.

Diese Vorgehensweise hat aus meiner Sicht den Vorzug, dass der Text organischer, fließender geschrieben wird, weniger unterbrochen durch eine eher bürokratische Aufgabe, wie dem Abgleich mit unleserlichem Gekritzel auf Zettelchen. Schreiben ist für mich eine Tätigkeit unter Hochspannung – „Schreibgewitter“ habe ich nicht umsonst als Motto meiner Webseite gewählt.

Zettelwirtschaft raubt die Schreib-Spannung. Zumindest fürchte ich das. Ich möchte im Schreibfluss bleiben. Außerdem ist in diesem Fall das Verschieben kein Problem, denn meine Erfahrung zeigt:

Die Mehrzahl der Notizen auf den Zetteln sind gar keine echte Erinnerungsstütze, sondern eine Hilfe für die Weiterentwicklung von Gedanken. Einmal aufgeschrieben ist dieser aus dem Bewusstsein entfernt und kann unterbewusst weiterverarbeitet werden. Das Schreiberhirn steht nämlich selten still, irgendwo tief darinnen werkelt immer etwas.

Ziellos ins Jahr 2022

Vor einem Jahr hatte ich ein konkretes Ziel vor Augen: Bis Ende Februar den sechsten Teil meiner historischen Abenteuerreihe vollenden und diese damit abschließen. Habe ich es geschafft?

Nein.

In meiner Schreibübersicht kann man schön sehen, wie sich der sechste Band füllte, Seite für Seite, bis Ende Januar 126 davon hinzugekommen waren. Tatsächlich wäre der sechste Band plangemäß fertiggestellt worden, denn ich hatte Ende 2020 schon mehr als einhundert Seiten geschrieben.

Eine schwere Entscheidung

Am 03. Februar steht zum ersten Mal Teil VII in derSchreibübersicht – nach zwei Tagen Schreibpause. Ich schreibe nie nur an einem Projekt, auch im Januar vor einem Jahr habe ich das nicht getan. Mal arbeitete ich an einem Exposé, mal erstellte ich Testleseversionen oder überarbeitete einen Band der Reihe, übertrug die Anmerkungen aus einer Papierkorrektur oder einem Testleserückläufer.

Die beiden Tage Pause sind hingegen leer gewesen und zugleich angefüllt mit Nachdenken, denn ich musste eine Entscheidung treffen. Der Text des Bandes VI war schon recht lang geworden und ich hatte noch nicht einmal das große Finale angefangen. Entweder würde ich einen großen Teil rauskürzen oder einen weiteren Band schreiben müssen.

Ein schwerer Entschluss, denn eigentlich wollte ich schon bald an einem Historischen Roman sitzen, für den ich schon „heimlich“ recherchiert hatte. Aber die Entscheidung war im Grunde genommen längst gefallen, denn ich habe den Druck verspürt, die Erzählung zu beenden, ohne die Seitenzahl des Schlussteils allzu weit über der von den anderen Bänden aufzublähen.

Kürzen ging nicht, denn bei den Recherchen bin ich über ein Stück deutscher Geschichte gestolpert, das ich unbedingt in den Roman einbauen wollte. Eigentlich sogar musste, denn die Gelegenheit war – für mich – einmalig: eine historische Figur mit vielen Leerstellen und einem großartigen Persönlichkeitsprofil.

Der kleine Eintrag vom 03. Februar lautete dann auch: Planung VI VII.

Mehr erreichen durch weniger Ziele

Man kann darin natürlich eine Kapitulation sehen, denn damit war klar, dass ich mein Ziel verfehlen würde. Ich habe den Entschluss aber als Befreiung empfunden, denn danach konnte ich endlich aufhören, über die Geschehnisse mit bangem Blick auf die steigenden Seitenzahlen hinwegzuhuschen.

Und ich hatte den nötigen Freiraum, auch den vierten Teil gründlich umzugestalten, der bei meiner Avantgarde-Testleserin tiefgreifende Kritik abbekommen hat.

Als ich Band VII in der Rohfassung am 06. August fertiggestellt und die Reihe damit beendet hatte, habe ich die Entscheidung vom 03. Februar gefeiert und beschlossen, auf Zielsetzungen künftig zu verzichten. Die sind eher hinderlich, denn ohne das feste Ziel, Ende Februar 2021 mit der Abenteuerreihe fertig zu sein, wäre die richtige Entscheidung sehr viel früher gefallen.

So habe ich auch am NaNoWriMo nicht teilgenommen und prompt Anfang des November 2021 mehr als 30.000 Worte für ein spontanes Projekt zu Papier gebracht; in einer Woche.

Also gehe ich ziellos in das Jahr 2022. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ist eine Sache beendet, folgt die nächste. Unter dem Strich werde ich vermutlich mehr schaffen als mit festen Zielen.

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