Schriftsteller - Buchblogger

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Lesemonat Januar 2023

Der Januar hat sechs sehr gute und interessante Lektüren gebracht, dazu noch drei brauchbare.

Auf meinem Blog habe ich mehrfach Romane vorgestellt, die mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurden. Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Literaturpreis durch Alexis Jennis Die französische Kunst des Krieges, ein paar Jahre später hat Pierre Lemaitre mit seinem Wir sehen uns dort oben das Interesse richtig geweckt.

Seitdem lese ich mich Stück für Stück in die Vergangenheit des Prix Goncourt und verfolge die neuen ausgezeichneten Romane. Ein wenig hat mich die Sammelleidenschaft gepackt. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mit Rimbauds Die Schlacht und Maguerite Duras Der Liebhaber zwei Preisträger gelesen habe, ohne mir darüber bewusst zu sein. Vor mir liegen noch sehr interessante Bücher, etwa Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell.

Eine Zeitlang konnte ich ohne Einschränkung sagen, dass der Prix Goncourt eine literarische Bank sei. Jeder Roman, der damit ausgezeichnet wurde, hat mir ausgezeichnet gefallen. Leila Slimanis Nun schlaf auch du war die erste Enttäuschung, sprachlich und inhaltlich fällt dieser Roman gegenüber den anderen ab. Trotzdem ist er lesenswert, weil er eine bedeutende gesellschaftliche Schieflage nicht nur in Frankreich thematisiert. Kein Grund also, mit dem Sammeln aufzuhören.

Die Linie bricht

Das Jahr 2022 wird allerdings die Linie brechen, denn den Roman, der mit den Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, werde ich ignorieren. Die Umstände, die zur Kür des Werkes führten, sind ohnehin kurios. Wie zu lesen war, konnte sich die Jury nicht einigen, erst die Doppelstimme des Vorsitzenden gab schließlich den Ausschlag. Den erwählten Roman werde ich nicht lesen – ein autobiographisches Thema ist mir wegen der aktuellen Geschehnisse gleichgültig.

Den Prix Goncourt bekommt Brigitte Giraud, ihr Roman Vivre Vite bedient das autofiktionale Genre. 2022! Wie man das angesichts des Ukraine-Krieges eine Bauchnabelschau auch nur in Erwägung ziehen konnte, ist mir schleierhaft, weil eben auch einen Roman namens Der Magier im Kreml* von Guliano Da Empoli zur Wahl stand, der allein vom Titel eine Nähe zum zentralen Thema des Jahres verrät. Den werde ich lesen und bei Gelegenheit vorstellen.

Leider hat mir der Siegerroman von 2021, Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr, die zweite Enttäuschung gebracht. Vielfach gerühmt und gelobt, hat er mich in seiner Gesamtheit nicht überzeugen können. Zweifelsfrei hat er Qualitäten und ist daher durchaus lesenswert, über lange Passagen hinweg sogar ein Roman, den man ungern aus der Hand legt, und doch …

Bloggestöber

Wie immer in solchen Fällen, stöbere ich gern in anderen Blogs, um meine eigene durch weitere Sichtweisen zu ergänzen. Eigentlich ist das der größte Vorteil der Literaturbloggerei: Dem Leser erlaubt das einen schnellen Zugriff auf neue Perspektiven, die das eigene Lesen mit neuen Sichtweisen erweitern.

Petra Reichs Besprechung (Literaturreich) ist tendenziell auch negativ ausgefallen, ihr sind andere Dinge aufgestoßen als mir. Einen deutlich positiveren Eindruck hat der Roman bei Barbara Busch (Mit Büchern um die Welt) hinterlassen, auch kann ich einige Vorzüge, die Thomas Hummitzsch (intellectures) nennt, nachvollziehen. Wie gesagt: Sarrs Roman hat Qualitäten.

Lese-Vorfreude 

Neben dem wunderbaren Berg an ungelesenen Büchern trudeln peu á peu Neuerscheinungen ein, auf die ich mich sehr freue. Zwei davon kommen aus Frankreich, neben dem bereits erwähnten Kremlmagier ein Büchlein von Eric Vuillard, der sich in Ein ehrenvoller Abgang* mit den Vietnam-Kriegen befasst. Das ist ein Thema, das mich sofort angesprochen hat, es ist kein Wunder, dass diese Kriege in der Literatur, die ich lese, immer wieder eine Rolle spielen.

Mitte des Monats nimmt die Navajo-Police ihre Arbeit (wieder) auf. Der Roman Tanzplatz der Toten* von Tony Hillerman eröffnet eine mehrteilige Buchreihe um zwei Navajos und ihre Ermittlungsarbeit – ein Thema, das mein Interesse auf den ersten Blick geweckt hat.

Aktuell lese ich den Auftaktband einer Geschichte über die Revolution von 1848: Die Flamme der Freiheit* von Jörg Bong führt stimmungsvoll, gut informiert und – ja – spannend in die Ereignisse nach der Pariser Februarrevolution 1848 ein, die Deutschland hätten eine Republik bringen können. Die Feinde der Demokraten, Fürsten, Nationalisten, Konstitutionelle und Kommunisten waren zahlreich – da man das Ende und seine Folgen kennt, eine tragische Geschichte.

Der Februar 2023 ist nicht nur das 175. Jahr nach der Revolution von 1848, sondern auch das Jahr eins nach Beginn des erweiterten Angriffs- und Vernichtungskrieges von Putins Russland gegen die Ukraine. Zu diesem Anlass habe ich mir Essays von Tanja Maljartschuk und ein Kriegs- bzw. Fluchttagebuch von Julia Solska als Lektüre ausgewählt. Für den nötigen Eskapismus sorgt Urban Fantasy aus der Feder von Benedict Jacka und ein modernes Märchen von John Ironmonger.

Und der Januar?

Gemischt. Sehr gut gefallen haben mir Herkunft von Saša Stanišić und Srebrenica überleben von Hasan Hasanović, weniger gelungen fand ich Totentanz – 1923 und die Folgen von Jutta Hoffritz und Die Stunde der Hyänen von Johannes Groschupf. Die Folgerungen, die Hoffritz aus den Ereignissen des Katastrophenjahres 1923 zieht, sind m.E. zu weitreichend; die Weimarer Republik war zu diesem Zeitpunkt eben nicht eine auf Abruf.

Einen Favoriten weiß ich nicht zu benennen. Internat von Serihy Zhadan und Hausers Ausflug* von Steffen Mensching sind wohl die gehaltvollsten und besten Romane, die ich im Januar gelesen habe. Der Noir-Thriller-Klassiker Die große Uhr* von Kenneth Fearing hat ebenfalls Qualitäten – und zieht Interesse auf sich: Die Buchvorstellung wurde am häufigsten gelesen.

Ein echter Höhepunkt war Volker Kutscher Die Akte Vaterland. Der vierte Teil der Reihe um Gereon Rath ist erheblich besser als die guten Vorgänger, spannend, vielschichtig, politisch und stimmungsvoll. Zu diesem Zeitpunkt war die Weimarer Republik dann tatsächlich eine auf Abruf. Der fünfte Teil trägt den Titel Märzgefallene – er spielt im März 1933. Das passt doch gut für eine Lektüre im März 2023.

[*Rezensionsexemplar, daher Werbung]

Lesemonat Dezember 2022

Der Lesemonat Dezember hat drei ganz herausragende Bücher gebracht, darunter eines, das zu dem Top-Trio unter den Romanen gehört, die ich gelesen habe.

Das Dezember-Lesen ist immer von Weihnachten geprägt. Unter dem festlich geschmückten Baum liegen Bücher, vor allem richtig dicke, die dann sofort gelesen werden können. In den Tagen zwischen dem Fest und dem Jahreswechsel habe ich normalerweise Zeit, ohne Ablenkung und Verpflichtung täglich stundenlang in einem Buch zu versinken. Normalerweise. Doch der Dezember 2022 hat eine Abweichung vom gewohnten Gang der Dinge gebracht.

Ich bin nicht fertiggeworden. Mein Buch, das ich eigentlich bis zum Freitag den 23. Dezember gelesen haben wollte, war noch längst nicht ausgelesen, aus Zeitknappheit hatte ich gerade einmal ein Viertel geschafft. Was tun? Unter dem Baum lag ja tatsächlich neue Lektüre und zwar ein 1.600 Seiten starker Roman namens Dein Gesicht morgen von Javier Marías, der mich sehr interessiert. Sofort damit anfangen oder erst einmal das begonnene Buch beenden?

Keine Frage! Das neue Buch beginnen, das andere zurückstellen. Für gewöhnlich hätte ich das auch so gehandhabt, doch handelte es sich bei dem bereits in Arbeit befindlichen Roman um einen ganz besonderen: Alexis Jenni, Die französische Kunst des Krieges. Es ist ein Wiederlesen gewesen, denn dieses ganz außergewöhnliche Buch hatte ich bereits kurz nach der Veröffentlichung gelesen.

Ein Buch ein zweites Mal zu lesen birgt ein gewisses Risiko. Man kann enttäuscht werden. Über Enttäuschungen habe ich mich in einem Blogbeitrag ausgelassen, sie sind einfach nicht zu vermeiden. Bücher haben ihre (Halbwert-)Zeit. Doch Jennis Roman ist auch beim Wiederlesen ein Genuss gewesen und eine Überraschung. Viele wichtige Motive habe ich beim ersten Mal gar nicht wahrgenommen.

Der Roman gehört zum Top-Trio meines Leselebens, neben Hilary Mantels Spiegel und Licht und natürlich Leonardo Paduras Der Mann, der Hunde liebte. Die französische Kunst des Krieges dreht sich nicht nur um Krieg, sondern vor allem um das Frankreich der Gegenwart und den Einfluss der verheerenden Kolonialkriege bis in unsere Tage. Rassismus. Identitäres Denken. Die »koloniale Fäulnis«, die Unterscheidung in Wir und Sie.

Komplex, unbequem und tiefschürfend, dabei auch noch auf zwei Zeitebenen erzählend – ein Roman, wie ich ihn schätze. Daher konnte ich auch nicht einfach aufhören und mich dem neuen zuwenden. Dein Gesicht morgen musste ein paar Tage warten, ehe ich die Zeit gefunden hatte, Die französische Kunst des Krieges zu beenden und eine Buchvorstellung zu verfassen.

Im Dezember habe ich fünf Bücher gelesen, darunter drei ganz herausragende und zwei gute. Der schmale Pfad durchs Hinterland führt den Leser auf die andere Seite der Weltkugel und mitten hinein in ein Leben, das geprägt ist durch die schrecklichen Erlebnisse in einem japanischen Kriegsgefangenenlager. Hoch komplex, schonungslos und brillant eröffnet sich hier dem europäischen Leser eine ganz neue Perspektive.

Das gilt auch für das Sachbuch von Christopher Clark. Die Schlafwandler ist ein epochemachendes Werk, denn es zeichnet den Weg Europas in den Ersten Weltkrieg nach und löst sich dabei von der elendiglichen Schuldfrage. Im Fokus steht Frage nach dem Wie und das eröffnet neue Sichtweisen, die wesentlich ergiebiger sind, als die bisherigen Ansätze. Auch gut ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen für jeden historisch-politisch Interessierten eine klare Leseempfehlung.

Lesenswert sind auch die Romane von James Baldwin, Von dieser Welt, und Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit.

Die Besucher meines Blogs haben im Dezember besonders zwei Beiträge angesteuert: Café Berlin von Harold Nebenzahl und Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde von Friedrich Christian Delius. Beide Buchvorstellungen liegen gleichauf, ich wünsche beiden Büchern viele Leser.

Für das neue Jahr 2023 bin ich gut gerüstet, was das Lesen anbelangt. Um die Weihnachtszeit sind einige Rezensionsexemplare eingetroffen, die sehr spannend klingen, außerdem lagen natürlich Bücher unter dem Weihnachtsbaum. Vom nie schwindenden Berg noch nicht gelesener Bücher gar nicht zu reden.

Viele Bücher, die darauf warten gelesen zu werden; mehr sind im Anmarsch.

Lesemonat November

Ein paar schöne Lese- und Hörerlebnisse gab es im November, zwei weitere habe ich nicht ganz bis Monatsende ausgelesen bzw. -gehört. Von denen wird dann im Dezember die Rede sein. Bild mit Canva erstellt, Cover vom jeweiligen Verlag.

Kann man eine Romanreihe mit mehr als zwanzig Teilen lesen? Ja, das geht, auch wenn der Stoff eher im Bereich der trivialen Unterhaltung anzusiedeln ist. In meinem Fall ist das die Eagle-Reihe von Simon Scarrow, von der ich im November den einundzwanzigsten Teil gelesen habe. Ab und zu fange ich mir in meinem Umfeld ein wenig Spott dafür ein, weil ich gewöhnlich etwas andere Literatur bevorzuge.

Wieso also ein derart lang gezogenes (Mach-)Werk? Die Bücher des Eagle of the Empire spielen im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts nach Christus. Der erste Roman setzt zu einer Zeit ein, als ein gewisser Claudius Princeps ist und sein Heer gen Britannien schickt. Auf dem Eiland ist bekanntlich Julius Caesar schon einmal probehalber gelandet – Unfinished-business-of-the-Empire gewissermaßen.

Der Leser folgt einem Duo: Macro und Cato. Die Götter haben die Fähigkeiten des Buddy-Gespanns klar verteilt, couragierte Kampfkraft hie, nicht minder couragierter Intellekt dort. Beide lernen voneinander, bleiben sich im Kern  treu, während sie auf unterschiedlichsten Schlachtfeldern des riesigen Reichs fechten. Das ist eine der großen Stärken der Reihe – von Britannien geht es nach Spanien, in die Adria, in den Osten, Syrien, Ägypten, aber auch nach Sardinien usw. Man kommt im Gefolge der Legionen herum.

Die Reihe fängt die ungeheure Größe und Vielfalt des Imperiums gut ein, sie ist trotz der vielen unvermeidlichen strukturellen, inhaltlichen und charakterlichen Redundanzen abwechslungsreich genug, um die Lust am Lesen zu erhalten. Dabei gehören die anfänglichen Romane nicht unbedingt zu den stärksten, wäre es nicht ab Band fünf zu einem deutlichen (Orts-)Wechsel gekommen, hätte ich abgebrochen.

So bleibe ich also dabei – und freue mich auf Band XXII, der im Frühjahr 2023 erscheint.

Leseecke

Apropos unerledigt: Ich habe noch nie etwas von Tschechow gelesen und das im November nachgeholt. Der Kirschgarten hat mit allerdings nicht wirklich erreicht, ein munteres Bühnenstück, das ich als einigermaßen belanglos empfunden habe. Warum also so ein Stück überhaupt lesen? Zum einen gibt es Interpretationen, die mir im Nachhinein einige interessante Bedeutungsebenen eröffnen, zum anderen wird Tschechow relativ häufig in anderen Romanen genannt, zitiert oder von den Handelnden gelesen. Ich freue mich immer, wenn ich in solchen Fällen vom Autor etwas gelesen habe.

Ganz und gar nicht belanglos sind die anderen Bücher, die ich im November gelesen habe. Höhenrausch von Harald Jähner ist ein tolles Sachbuch über die Zeit der Weimarer Republik, Café Berlin ein Roman, der zumindest teilweise in dieser Zeit spielt; es war ein schönes Leseerlebnis, beides parallel zu lesen / hören. Die Vielfalt dieser Zeit ist und bleibt überwältigend, die Erkenntnis, dass das alles nichts genutzt, den Zivilisationsbruch nicht hat abwenden können, zutiefst beunruhigend.

Nach dem Zivilisationsbruch ist es ausgerechnet ein Fußballspiel gewesen, das Deutschland mental ein Stück wiederhergestellt hat. Das als »Wunder von Bern« verklärte Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1954 ist von Friedrich Christian Delius in seiner Erzählung Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde verarbeitet worden. Um Fußball geht es auch, aber vor allem um Emanzipation. Ein gutes Stichwort, wenn man sich vor Augen führt, was aus dem Sport in der Gegenwart geworden ist.

Ein gutes Stück weiter ist der Roman Monschau von Steffen Kopetzky, in dem zwar eine Epidemie die Hauptrolle spielt, aber der Schatten des Zweiten Weltkrieges liegt noch über den beginnenden 1960er Jahren. An Propaganda kommt Monschau nicht heran, lesenswert ist es allemale.

Bloggestöber

Zwei Bücher habe ich mir im zurückliegenden Monat angeregt durch Blogbeiträge gekauft. Einmal Athos 2643 von Nils Westerboer, das auf Horatio-Bücher vorgestellt wird; zum zweiten Schatten über dem Hudson, auf das Sören Heim auf seinem Blog aufmerksam macht. Eine nette literarische Schnitzeljagd um den Prix Goncourt Gewinner 2021 Mohamed Mbougar Sarr nimmt ihren Anfang auf dem Blog von Kaffeehaussitzer.  Gute Jagd, allen, die teilnehmen.

Lesemonat Oktober 2022

Nur vier Bücher habe ich im Oktober gelesen, darunter drei wirklich gute. Erstmals habe ich auch ein Rezensionsexemplar angenommen, von einem Roman, den ich ohnehin gelesen und besprochen hätte.

Der Monat Oktober war ein Viellese-Monat, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. In den zurückliegenden Wochen war ich vor allem mit meinen Manuskripten beschäftigt, ein gewaltiger, unsichtbarer Leseberg liegt hinter mir. Außerdem habe ich ein ganz seltenes Vergnügen gehabt und meinen Anfang Oktober erschienen Erstling vorgelesen – ein tolles Erlebnis.

Nur vier Büchlein habe ich diesmal durchgeschmökert, darunter drei richtig gute und eine Enttäuschung. Anders als bislang werde ich in meinem kleinen Monatsrückblick nicht mehr jedes einzelne Buch mit einem kleinen Text vorstellen und meine Meinung dazu äußern. Das hat in der Vergangenheit den Beitrag mehr und mehr aufgebläht.

Stattdessen habe ich angefangen, Kurzrezensionen zu verfassen. Die langen Buchvorstellungen bleiben jenen Werken vorbehalten, die ich als unbedingt lesenswert empfinde, die kürzeren werden auch kritische Rückmeldungen beinhalten. Den Anfang macht das hochgelobte Treue von Hernan Diaz, das mich überhaupt nicht erreicht hat.

Ganz anders Vergeltung von Gerd Ledig, das eine lange Buchvorstellung erhalten wird. Ledigs Roman ist eine gnadenlose Schilderung des Bombenkriegs während des Zweiten Weltkriegs (sein zweites Buch, Stalinorgel, führt den Leser an die Ostfront). Kein anderes Buch hat auf mich eine derartige Wirkung erzielt, auch Jahrzehnte nach der ersten Lektüre, spukten noch Bilder in meinem Gedächtnis herum.

Erstmals habe ich auch ein Buch gelesen, bei dem es sich um ein Rezensionsexemplar handelt. Grundsätzlich mache ich das nicht, vor allem, weil mir die Zeit fehlt. Es warten noch hunderte Bücher, die ich längst gelesen habe und vorstellen möchte. Doch bei Wie Staub im Wind von Leonardo Padura konnte ich eine Ausnahme machen, denn diesen Roman hätte ich ohnehin baldmöglichst gelesen.

Paduras Der Mann, der Hunde liebte, gehört zu den drei besten Romanen, die ich überhaupt je gelesen habe; Wie Staub im Wind kommt da nicht ganz heran, ist aber ein wirklich guter Roman, der eines der ganz großen Themen unserer Zeit – eigentlich aller Zeiten berührt: Migration. 

Bleibt noch Sisi von Karen Duve. Ich mag keine Pferde, mir ist die Kaiserin Elisabeth von Österreich herzlich egal – aber Karen Duve ist eine Schriftstellerin, deren Bücher ich bislang sehr gern gelesen habe. Vor allem Fräulein Nettes kurzer Sommer war ein tolles Leseerlebnis. Ein Grund dafür liegt in Duves Stil, der von überemotionalem Romance-Gedöns sehr weit entfernt ist, und wie geschaffen für einen Stoff namens Sisi.

Am Ende noch eine Leseempfehlung anderer Art: Nach zehn Jahren Buchbloggerei zieht Marius Müller von Buchhaltung Bilanz und gibt einen schönen Einblick in Hoffnungen und Enttäuschungen auf diesem Weg.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um unbezahlte Werbung, da ich vom Unionsverlag ein Exemplar des Romans Wie Staub im Wind dankenswerterweise zur Verfügung gestellt bekommen habe.

Buchmonat September

Sechs sehr unterschiedliche Bücher habe ich im September gelesen oder gehört, drei ragen auf ihre Weise heraus. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild Canva.

Sachbüchern wohnt schon in der Bezeichnung etwas Nüchternes, Ernüchterndes inne. Doch ist es manchmal eben auch Literatur, wie im Falle des wundervollen Buches über den Winter der Literatur 1933 von Uwe Wittstock. Man folgt den Geschehnissen mit angehaltenem Atem, auch wenn jeder halbwegs informierte Mensch weiß, was geschehen ist. Und doch ist und bleibt es erschütternd, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Gegenwart gerade zeigt, auf welche Weise sich Geschichte wiederholt. Putins Vernichtungskrieg als blutige Groteske.

Ein Nachteil von solchen Kompendien ist immer, dass mich das Bedürfnis packt, die Bücher der Autoren (erneut) zu lesen. Im Februar 1933 ist eine grandiose Zeit der deutschsprachigen Literatur beendet worden. Es gab noch einen recht langen Epilog im Exil, doch in der Nachkriegszeit hat sich die Literatur von diesem Winter nicht erholen können.

Das nachdrücklichste und zugegebenermaßen anstrengendste Buch ist der mit dem Booker-Prize prämierte Roman von Anna Burns gewesen. Über viele hundert Seiten habe ich immer wieder nach einem Ankerpunkt gesucht, bis endlich am Ende etwas in dieser Art zu finden war. »Milchmann« ohne »der« ist ein tiefgründiger, fürchterlicher und doch seltsam zufriedenstellender Roman.

Das kann man von drei anderen Büchern, die ich in diesem Monat gelesen habe, nicht sagen: Bannalecs, Duves und Funkes Werke sind sehr eingängige Schmöker, lustig, komisch und auch ein bisschen spannend. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne, ohne oberflächlich oder gar flach zu sein.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle

Eine als Krimi verkleidete Reiselektüre über einen idyllischen Ort der Bretagne, so lassen sich die Romane um den Kommissar Dupin aus der Feder Bannalecs zusammenfassen. Der zehnte Band macht keine Ausnahme, charmant, witzig, manchmal boshaft geht der Ermittler mit seinem Team einem Mord nach, die wesentlichen Aufklärungsschritte werden eingerahmt durch ausführliche Schilderungen der Umgebung und ihrer Historie, aus dem Mund der Einheimischen erfährt man eine Menge, ebenfalls von den dort aufgewachsenen Polizisten. Die kriminalistische Linie ist gut genug, um einen Hauch Spannung zu empfinden, ansonsten ist es für den Leser ein Wohlfühl-Leseerlebnis. Andererseits hat die Erkundung vor Ort anlässlich eines Urlaubs doch einiges nachempfinden lassen, nicht nur das L´amiral oder Pont Aven, das selbst bei regnerischem Wetter eine Pracht ist.

Anna Burns: Milchmann

Schon der erste Satz ist ein kleiner Hammerschlag. Die Autorin spoilert. Sie enthüllt nicht nur Aspekte der Romanhandlung, die gewöhnlich erst viel später, oft ganz am Ende genannt werden. Derr Leser macht auch Bekanntschaft mit Burns besonderer Sprache, denn jene titelgebende Figur wird wie viele andere fast immer ohne Artikel genannt. Namen sind in diesem Buch eine Seltenheit, Personen, Orte bleiben im Vagen, was der Handlung einen nebulösen Charakter verleiht. Die Personen existieren als Zuschreibungen anderer und diese sind geprägt von Vorurteilen, Gerüchten, Lügen und übler Nachrede. So entsteht ein Dornwald, in dem die Hauptfigur versucht, zu überleben. Ihre Strategie: Abgrenzung. Das funktioniert in einem Dornwald erwartungsgemäß nicht wirklich, mit üblen Folgen. Ein anstrengender Roman, der von Verlagen zunächst abgelehnt und schließlich mit dem Booker-Prize geadelt wurde. So ergeht es auch dem Leser, denn das Ende lässt einen auf eine spezifische Weise zufrieden zurück.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Duve: Die entführte Prinzessin

Ein Märchen, aber von Karen Duve. Der Leser erhält etwas mehr als die Kost der Gebrüder Grimm. Die Autorin lässt ihre Figuren aufeinander losgehen und sich in Liebes- und andere Händel verstricken. Im Zentrum steht eine Prinzessin, die von einem auswärtigen Prinzen geheiratet werden soll, was jedoch einen heimischen Ritter in Rage versetzt und zu einigermaßen unritterlichem Verhalten anspornt. Daraus entwickeln sich haarsträubende Abenteuer, eine Vielzahl menschlicher Boshaftigkeiten und sogar leicht erotisch angehauchter Begebenheiten (ja, liebe Eltern, wenn ihr das euren Kindern vorlest, könnten Fragen kommen). Einen Drachen gibt es auch. Sein Auftritt beginnt im Wald, in den er mächtig und gewaltig hineinbricht und auf einen Protagonisten losgeht. Was ruft sein Besitzer? »Der tut nichts! Der will nur spielen!«

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

Ein ganz wunderbares, großes Buch. Der Leser wird in einen Schicksalsmonat der deutschen Geschichte entführt, der nicht mehr und nicht weniger als die Verheerung eines ganzen Kontinents mit Millionen von Toten einleitet. Lange vor diesen Schreckenstaten gibt es Opfer. Wittstock gibt ihnen Raum, am Ende jedes geschilderten Tages informieren kurze Sätze über die im Februar ´33 bei Straßenkämpfen Umgekommenen. Im Fokus steht aber der Fallout der Machtübergabe an Adolf Hitler, die unmittelbaren Folgen für die Literaten des Landes. Es sind befremdlich unwirkliche Tage, geprägt von Unsicherheiten, Trugbildern, falschen und richtigen Annahmen. Der Nachgeborene weiß, was kommt, und ist erstaunt über die Klarsichtigkeit einiger und die Illusionen vieler. Vor allem aber ist es ein Buch über den Verlust, über den Brain-Drain Deutschlands zu Beginn der Nazi-Diktatur.

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Mein erklärtes Lieblingsbuch der weltberühmten Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Das hat Gründe. Die Geschichte berührt die tiefen Schichten des Lebens bzw. Überlebens. Freundschaft, Loyalität, Hass, menschliche Gier, eingewoben in eine Abenteuergeschichte, die, wie alle ihres Schlages, eine lange, gewundene Reise schildert. Und in diesem Fall eine gnadenlose Jagd, denn die Drachen, die es in dieser Welt noch gibt, haben einen tödlichen Gegner, der sich den letzten, verstreuten ihrer Art auf die Fersen heftet, um sein Vernichtungswerk zu vollenden. Funke hat ein Meisterstück geschaffen, das ich immer wieder gern lese. Leider ist der Folgeband sehr viel schlechter geraten, den dritten Teil werde ich nicht mehr lesen.

Steffen Möller: Expedition zu den Polen

Manchmal lese oder – wie in diesem Fall – höre ich solche leicht humorvollen Betrachtungen eines Lebens in der Fremde gern. Es ist eine nett verpackte Landeskunde, die einiges Interessantes über Polen offenbart. Allein der Abschnitt über die Tageszeitungen und die Kioskkultur fand ich bemerkenswert; allzu oft geht man stillschweigend davon aus, dass es in den Nachbarländern mehr oder weniger so zugeht, wie hierzulande. Weit gefehlt. Natürlich liegen schon ein paar Jahre zwischen der Veröffentlichung des Buches und der Gegenwart, dennoch dürfte vieles noch aktuell sein. Kurz und kurzweilig, lustig, selten etwas gewollt, oft genug selbstironisch.

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