Alexander Preuße

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Buchmonat September

Sechs sehr unterschiedliche Bücher habe ich im September gelesen oder gehört, drei ragen auf ihre Weise heraus. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild Canva.

Sachbüchern wohnt schon in der Bezeichnung etwas Nüchternes, Ernüchterndes inne. Doch ist es manchmal eben auch Literatur, wie im Falle des wundervollen Buches über den Winter der Literatur 1933 von Uwe Wittstock. Man folgt den Geschehnissen mit angehaltenem Atem, auch wenn jeder halbwegs informierte Mensch weiß, was geschehen ist. Und doch ist und bleibt es erschütternd, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Gegenwart gerade zeigt, auf welche Weise sich Geschichte wiederholt. Putins Vernichtungskrieg als blutige Groteske.

Ein Nachteil von solchen Kompendien ist immer, dass mich das Bedürfnis packt, die Bücher der Autoren (erneut) zu lesen. Im Februar 1933 ist eine grandiose Zeit der deutschsprachigen Literatur beendet worden. Es gab noch einen recht langen Epilog im Exil, doch in der Nachkriegszeit hat sich die Literatur von diesem Winter nicht erholen können.

Das nachdrücklichste und zugegebenermaßen anstrengendste Buch ist der mit dem Booker-Prize prämierte Roman von Anna Burns gewesen. Über viele hundert Seiten habe ich immer wieder nach einem Ankerpunkt gesucht, bis endlich am Ende etwas in dieser Art zu finden war. »Milchmann« ohne »der« ist ein tiefgründiger, fürchterlicher und doch seltsam zufriedenstellender Roman.

Das kann man von drei anderen Büchern, die ich in diesem Monat gelesen habe, nicht sagen: Bannalecs, Duves und Funkes Werke sind sehr eingängige Schmöker, lustig, komisch und auch ein bisschen spannend. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne, ohne oberflächlich oder gar flach zu sein.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle

Eine als Krimi verkleidete Reiselektüre über einen idyllischen Ort der Bretagne, so lassen sich die Romane um den Kommissar Dupin aus der Feder Bannalecs zusammenfassen. Der zehnte Band macht keine Ausnahme, charmant, witzig, manchmal boshaft geht der Ermittler mit seinem Team einem Mord nach, die wesentlichen Aufklärungsschritte werden eingerahmt durch ausführliche Schilderungen der Umgebung und ihrer Historie, aus dem Mund der Einheimischen erfährt man eine Menge, ebenfalls von den dort aufgewachsenen Polizisten. Die kriminalistische Linie ist gut genug, um einen Hauch Spannung zu empfinden, ansonsten ist es für den Leser ein Wohlfühl-Leseerlebnis. Andererseits hat die Erkundung vor Ort anlässlich eines Urlaubs doch einiges nachempfinden lassen, nicht nur das L´amiral oder Pont Aven, das selbst bei regnerischem Wetter eine Pracht ist.

Anna Burns: Milchmann

Schon der erste Satz ist ein kleiner Hammerschlag. Die Autorin spoilert. Sie enthüllt nicht nur Aspekte der Romanhandlung, die gewöhnlich erst viel später, oft ganz am Ende genannt werden. Derr Leser macht auch Bekanntschaft mit Burns besonderer Sprache, denn jene titelgebende Figur wird wie viele andere fast immer ohne Artikel genannt. Namen sind in diesem Buch eine Seltenheit, Personen, Orte bleiben im Vagen, was der Handlung einen nebulösen Charakter verleiht. Die Personen existieren als Zuschreibungen anderer und diese sind geprägt von Vorurteilen, Gerüchten, Lügen und übler Nachrede. So entsteht ein Dornwald, in dem die Hauptfigur versucht, zu überleben. Ihre Strategie: Abgrenzung. Das funktioniert in einem Dornwald erwartungsgemäß nicht wirklich, mit üblen Folgen. Ein anstrengender Roman, der von Verlagen zunächst abgelehnt und schließlich mit dem Booker-Prize geadelt wurde. So ergeht es auch dem Leser, denn das Ende lässt einen auf eine spezifische Weise zufrieden zurück.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Duve: Die entführte Prinzessin

Ein Märchen, aber von Karen Duve. Der Leser erhält etwas mehr als die Kost der Gebrüder Grimm. Die Autorin lässt ihre Figuren aufeinander losgehen und sich in Liebes- und andere Händel verstricken. Im Zentrum steht eine Prinzessin, die von einem auswärtigen Prinzen geheiratet werden soll, was jedoch einen heimischen Ritter in Rage versetzt und zu einigermaßen unritterlichem Verhalten anspornt. Daraus entwickeln sich haarsträubende Abenteuer, eine Vielzahl menschlicher Boshaftigkeiten und sogar leicht erotisch angehauchter Begebenheiten (ja, liebe Eltern, wenn ihr das euren Kindern vorlest, könnten Fragen kommen). Einen Drachen gibt es auch. Sein Auftritt beginnt im Wald, in den er mächtig und gewaltig hineinbricht und auf einen Protagonisten losgeht. Was ruft sein Besitzer? »Der tut nichts! Der will nur spielen!«

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

Ein ganz wunderbares, großes Buch. Der Leser wird in einen Schicksalsmonat der deutschen Geschichte entführt, der nicht mehr und nicht weniger als die Verheerung eines ganzen Kontinents mit Millionen von Toten einleitet. Lange vor diesen Schreckenstaten gibt es Opfer. Wittstock gibt ihnen Raum, am Ende jedes geschilderten Tages informieren kurze Sätze über die im Februar ´33 bei Straßenkämpfen Umgekommenen. Im Fokus steht aber der Fallout der Machtübergabe an Adolf Hitler, die unmittelbaren Folgen für die Literaten des Landes. Es sind befremdlich unwirkliche Tage, geprägt von Unsicherheiten, Trugbildern, falschen und richtigen Annahmen. Der Nachgeborene weiß, was kommt, und ist erstaunt über die Klarsichtigkeit einiger und die Illusionen vieler. Vor allem aber ist es ein Buch über den Verlust, über den Brain-Drain Deutschlands zu Beginn der Nazi-Diktatur.

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Mein erklärtes Lieblingsbuch der weltberühmten Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Das hat Gründe. Die Geschichte berührt die tiefen Schichten des Lebens bzw. Überlebens. Freundschaft, Loyalität, Hass, menschliche Gier, eingewoben in eine Abenteuergeschichte, die, wie alle ihres Schlages, eine lange, gewundene Reise schildert. Und in diesem Fall eine gnadenlose Jagd, denn die Drachen, die es in dieser Welt noch gibt, haben einen tödlichen Gegner, der sich den letzten, verstreuten ihrer Art auf die Fersen heftet, um sein Vernichtungswerk zu vollenden. Funke hat ein Meisterstück geschaffen, das ich immer wieder gern lese. Leider ist der Folgeband sehr viel schlechter geraten, den dritten Teil werde ich nicht mehr lesen.

Steffen Möller: Expedition zu den Polen

Manchmal lese oder – wie in diesem Fall – höre ich solche leicht humorvollen Betrachtungen eines Lebens in der Fremde gern. Es ist eine nett verpackte Landeskunde, die einiges Interessantes über Polen offenbart. Allein der Abschnitt über die Tageszeitungen und die Kioskkultur fand ich bemerkenswert; allzu oft geht man stillschweigend davon aus, dass es in den Nachbarländern mehr oder weniger so zugeht, wie hierzulande. Weit gefehlt. Natürlich liegen schon ein paar Jahre zwischen der Veröffentlichung des Buches und der Gegenwart, dennoch dürfte vieles noch aktuell sein. Kurz und kurzweilig, lustig, selten etwas gewollt, oft genug selbstironisch.

Lesemonat August 22

Sechs Bücher im Wonnemonat August, darunter eines, das zu den drei besten gehört, die ich je gelesen habe.

Es ist mir nicht möglich, den einen Roman zu benennen, der mir der liebste wäre. Aber drei – das geht. Ein Trio von Romanen, das sich von allen anderen, die ich in meinem Leben gelesen habe, abhebt. Die Wahl fiel erstaunlich leicht, im Grunde brauchte ich keine zwei Minuten, um jene drei Erwählten zu finden.

Kein deutschsprachiger Roman gehört dazu, sondern je ein französischer, cubanischer und englischer. Bitte nicht missverstehen – ich lese durchaus deutschsprachige Literatur. Es gibt wirklich gute Bücher deutschsprachiger Federn, doch mein Trio überragt sie.

Wenn ich nach deutschsprachiger Literatur vom Feinsten suche, lande ich oft in alten Zeiten, bei den Klassikern und jenen zwei, drei Jahrzehnten im 20. Jahrhundert, in denen deutschsprachige Literatur blühte, ehe Deutschland unter dem Nazi-Blutbanner die Urheber zum Teufel jagte. Es gibt glücklicherweise Ausnahmen – wie zum Beispiel Schermanns Augen oder Propaganda.

Der erste Roman, den ich zu meinem ganz persönlichen Top-Trio zähle, ist »Der Mann, der Hunde liebte«, den ich im August noch einmal gelesen habe. Abermals ein tolles Leseerlebnis, denn das Opus Magnum des cubanischen Schriftstellers Leonardo Padura ist eine Sensation.

Endlich habe ich auch Tolkiens »Das Silmarillion« gelesen, ein in gewisser Hinsicht überwältigendes Buch, bei dem ich nicht von einem Roman sprechen würde; eine lose aneinandergereihte Sammlung von Sagen eingefasst in eine Schöpfungsgeschichte. Sperrig. Der Lohn wird ein neuer Genuss beim Wiederlesen des Ringkrieges sein. Und nein: »Der Herr der Ringe« ist nicht der englischssprachige Roman meines Trios.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Von der ersten Seite an nahm mich der Roman gefangen, wie beim ersten Lesen. Er ist komplexer, als ich es in Erinnerung hatte, und entfaltet die gleiche Sogwirkung. Oberflächlich könnte man sagen, dass die Ermordung Leo Trotzkis geschildert wird, der lange Weg des von Stalin geschassten Revolutionärs, ohne den es die Sowjetunion möglicherweise gar nicht gegeben hätte, und der seines Mörders. Der Mord geschah in Mexiko, ausgeführt von einem aus Spanien stammenden, naiv-linientreuen Kommunisten. Wie der sich peu á peu korrumpieren lässt und schließlich die Tat ausführt, ist wichtiger als die Tat selbst. Noch bedeutsamer ist aber die dritte Erzähllinie, die des Erzählers Iván, der auf Cuba lebt, dem letzten kommunistischen Eiland nach 1990. Er begreift, dass er einer brutalen, menschenverachtenden Ideologie anhing. Aus der sanften Umnachtung ideologischer Gläubigkeit zu erwachen ist schmerzhaft, wenn diese sich als erbarmungslos menschenfeindlich erweist, eine kleine Hölle.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Eine unerledigte Sache. Fast 40 Jahre nach meiner Erstbegegnung mit Tolkiens Opus Magnum »Der Herr der Ringe« habe ich »Das Silmarillion« zur Hand genommen. Meine Erwartungen waren stummgeschaltet. Der Anfang klingt ein wenige wie eine Mischung aus Bibel und Märchen, es ist eine Schöpfungsgeschichte der Welt namens »Mittelerde« und dem, was westlich jenes Meeres liegt, das Frodo am Ende seines Weges überquert. Nach und nach entwickelt sich die Welt, der Leser wird Zeuge, wie das Licht verschattet wird, als ausgerechnet einer der Aussichtsreichsten fällt. Handlung im eigentlichen Sinne entwickelt sich langsam, die großen Schlachten und Abenteuer werden sehr knapp und schnell erzählt. Die Geschichte des Ringkrieges erhält im Silmarillion ihr Fundament, fast alle wichtigen Personen, Ereignisse und Handlungsweisen des »Der Herr der Ringe« gewinnen an Bedeutungstiefe. Das macht beide Bücher einfach großartig.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Wynn Fonstad: Historischer Atlas von Mittelerde

Für mich ein unersetzlicher Begleiter auf meinen Streifzügen durch die Welt Tolkiens. »Das Silmarillion« wird durch die vielen schönen Karten sehr viel zugänglicher und interessanter, wenn der Leser die ungeheure Vielfalt an Namen, Landschaften, Orte und Handlungen auch bildlich nachvollziehen kann. Bilbos und Frodos abenteuerliche Fahrten kann man anhand der akribisch darstellten Routen wunderbar verfolgen. Was mich begeistert, ist die Erkenntnis, dass Tolkien ein Meister von Zeit und Raum ist. Anhand der Karten kann man nachvollziehen, welche Bedeutung das Timing im Ringkrieg hatte. Die Qualität des Romans »Der Herr der Ringe« wurzelt auch in seiner Struktur, den getrennt verlaufenden, einander beeinflussenden und bedingenden Erzähllinien.

Volker Kutscher: Goldstein

Ich mag keine Krimis, trotzdem lese oder höre ich ab und zu welche. Zum Beispiel den dritten Teil der Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher. Im abgelaufenen Monat ist »Goldstein« mein treuer Begleiter gewesen, wenn ich Beschäftigung nebenbei suchte oder zum Lesen zu müde noch etwas hören wollte. Der Roman ist einfach genug, ohne banal oder schlicht zu sein. Die kriminalistischen Aspekte sind verwickelt, Kutscher lässt seine Protagonisten ihre eigenen Wege gehen und untereinander mehr oder weniger große Konflikte austragen, alles vor der für mich ganz besonders stimmungsvollen Kulisse der ausgehenden Weimarer Republik. In diesem Buch ist der transatlantische Aspekt eine schöne Bereicherung.

Amor Towels: Lincoln Highway

Wieder ein Buch über das Reisen, das jedoch meine hochgesteckten Erwartungen nicht ganz erreicht hat. Towels »Lincoln Highway« erzählt die Geschichte von Reisenden, die keine Touristen sind, sondern eine Art Binnenmigranten und Fliehende. Zu den großen Mythen der USA gehört die Mobilität, die über ein reines Bewegen hinausgeht; zu den großen Mythen der westlichen Welt gehört seit Homer der Aufbruch, oft genug der von außen erzwungene. In »Lincoln Highway« finden sich beide Motive, Towels schickt seine Helden auf eine haarsträubende Irrfahrt, mit aberwitzigen Wendungen und wunderbaren Zuspitzungen. Ganz gemächlich entfaltet sich die Geschichte, weitet sich und erreicht eine beträchtliche inhaltliche Tiefe, die an einer ganz wunderbaren Stelle das menschliche Sein an sich beleuchtet. Und doch gibt es für meinen Geschmack durch den Schreibstil und Aufbau einige arge Redundanzen. Das Ende wiederum ist groß.

Heinrich von Kleist: Der zerbrochene Krug

Ein Lustspiel, als solches wird es jedenfalls immer wieder bezeichnet. Das Thema ist kurios: Ein Landrichter soll über einen Fall verhandeln, in dem er selbst den Täter stellt, während ihm von einem Höhergestellten auf die Finger geschaut wird. Wunderbar! Der schäbige Lumpenrichter steht unter hohem Druck, Kleist versteht es meisterlich, sein Schauspiel so zu gestalten, dass bestimmte Umstände verhindern, dass der Schuft davonkommt. Der Fortgang der Geschichte ist schön zu lesen, flott und abwechslungsreich geht es voran, was auch daran liegt, dass Erzählzeit und erzählte Zeit eng beieinander liegen. Ein paar wundervolle Wortspiele runden das positive Bild ab. Auch nach mehr als zweihundert Jahren ein Lesegenuss; aber: die Lumpen unserer Zeit kommen allzu oft davon, wenn nicht gerade der Zufall seine Finger ins Spiel bringt. Wie damals.

Lesemonat Juli 2022

Meine Lektüre im Juli 2022. Diesmal zwei Sachbücher, einen Klassiker, eine herausragende Novelle und einen großen Roman Europas.

Jede Zeit hat ihre Widersprüchlichkeiten. In »Robinson Crusoe« von Daniel Defoe wird vom Protagonisten zwar die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas durch die Spanier beklagt und kritisiert; die Sklaverei jedoch nicht. Sie ist ganz normaler Bestandteil der Welt, in der die Geschichte spielt. Immerhin geht Crusoe mit Freitag nicht brutal um, im Gegenteil: Für den schiffbrüchigen Insel-König ist er ein willkommener Gesprächspartner, mit dem er über Gott und die Welt spricht.

Widersprüche gibt es auch im Highlight dieses Monats zuhauf. »Grand Hotel Europa« zielt auf die Absurditäten des (Massen-)Tourismus, der zerstöre, was ihn anziehe. Wie so vieles in diesem großen Roman sehr treffend formuliert. Das Buch nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern feuert aus allen Rohren.

Völlig ungeniert führt der Autor die Abgründe vor, keineswegs nur den Tourismus betreffend; die zweite große Reisebewegung, die Flucht, findet ihren Platz. Kreuzfahrttouristen überschwemmen Malta – und zahlen weniger für ihre komfortablen Reisestädte als Fliehende aus Afrika für die riskante Fahrt mit einem Seelenverkäufer.

Auch der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ernest Hemingway wird als vielschichtige, widersprüchliche Figur geschildert: Leonardo Padura nimmt sich seiner an, gibt ihm eine eigene Erzähl- bzw. Zeitebene, um das zur Neige gehende Leben Hemingways darzustellen.

Eine Wiederentdeckung war die Lektüre der Schachnovelle von Stefan Zweig. Anlässlich der – sehr gelungenen – Verfilmung habe ich die Erzählung noch einmal durchgeschmökert und war wie bei der Jahre zurückliegenden Erstbegegnung schlicht begeistert. Als ich noch Schach gespielt habe, war übrigens die Königsindische Verteidigung meine Lieblingseröffnung mit Schwarz.

Ganz besonders hat mich das Sachbuch von Kaplan berührt. Die Schicksale der von den Nazis zu Juden gemachten Deutschen in den zwölf Schreckensjahren sind erschütternd – egal, wie viele Bücher man zu diesem Thema liest, dem Terror kann man sich nicht entziehen.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grandhotel Europa

Mit beachtlicher Konsequenz bereitet der Roman seinem Leser einen ganzen Strauß besonders unterhaltsamer Zumutungen. Boshaft, dank einer ungeheuren Sprachgewalt zum Schreien komisch, dann wieder nüchtern und melancholisch – die Vielfalt der Stimmungen, die Pfeijffer hervorzurufen weiß, ist bemerkenswert. Und seinem Thema angemessen, denn ›Grand Hotel Europa‹ hat eines: Reisen in seinen vielfältigen Facetten. Tourismus, natürlich, in seinen schrecklichen Ausprägungen, aber auch Flucht. Es gelingt dem Roman, beide Seiten ganz wunderbar miteinander zu verschlingen, nicht nur durch das Gegenüberstellen von gegenwärtigen Aspekten, sondern auch mittels der Vergangenheit. Ja, der Gründungsmythos Europas, Homers und Virgils Schriften, auf die sich das halbe Mittelalter zwecks Herrschaftslegitimation berufen hat, findet nicht nur Eingang in den Roman, Pfeijffer macht ihn auf eine geniale Weise zum konstituierenden Element. Und die Sprache!

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

Stefan Zweig: Schachnovelle

Hannibal gegen Quintus Maximus, den römischen Zögerer, das hochfliegende Genie gegen den malmenden Steinzerkleinerer, der, in der Sache unendlich unterlegen, durch Zeit und Raum seinen Gegner niederringt. Dessen Wucht verliert sich in der unendlichen Weite, wird von ihr absorbiert. Napoleon gegen Kutusov ist das zweite Paar historischer Größen, die Zweig in seiner Novelle ausdrücklich nennt. Ich musste an die Wehrmacht denken, deren Blitzkrieg in den verschlammten Weiten der Sowjetunion, vor allem der Ukraine, verendete. Zweig schreibt über Geschichte, die tiefen Mechaniken, die alles bestimmen, und personalisiert sie; verknüpft alles mit seiner Gegenwart, den Schrecken des NS-Regimes, namentlich Gestapo und SS, und führt am Ende alles auf den inneren Kern des Menschen zurück. Es ist für mich immer noch ungeheuerlich, dass sich Zweig das Leben nahm, ausgerechnet in jenem Monat, da die deutsche Niederlage bei Stalingrad manifest wurde.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Ich war sehr gespannt auf diesen Roman, der Anfang des 18. Jahrhunderts geschrieben wurde und Mitte des 17. Jahrhunderts spielt. Die grundsätzliche Geschichte glaubt jeder zu kennen, darum haben mich eine Reihe von Dingen sehr überrascht. Die Hauptfigur ist anfangs – gegen weisen elterlichen Rat – auf der ungeheuer dynamischen Überholspur unterwegs; Abenteuerlust, Seefahrt, Geschäftssinn und Erfolg, der dem Protagonisten jedoch nicht genügt. Er stürzt ins Unglück und findet – für mich mit sehr überraschender Wucht – in Gott seine Rettung. Eine Art mönchischer Hippie erkennt in seinem Elend den wahren Wert der Dinge, auch der Einsamkeit, dank seiner Hinwendung zu Bibel und dem Herrn. Eine Art Abenteuer-Heilsgeschichte, eine Warnung vor den Tendenzen der – 300 Jahre alten – Moderne und ihrem Streben nach Vernunft und überschäumenden Ehrgeiz, statt das Leben auf der »Mittelstraße« zu beschreiten. Schön erzählt, ich hatte meine Freude an dem Roman.

Marion A. Kaplan: Der Mut zum Überleben

Ich werde gar nicht erst den Versuch unternehmen, diesem Buch gerecht zu werden. Es ist eine Lawine an Informationen, Schicksalen, Beispielen aus einer Zeit der Dunkelheit, die es fertigbrachte, immer dunkler zu werden. Wann immer ich ein Buch in die Hand nehme, das vom Schicksal jener berichtet, die von den Nazis als Juden gebrandmarkt wurden, bleibt ein gerüttelt Maß Fassungslosigkeit. So oft gehört, so viel gelesen oder gesehen – und am Ende bin ich immer wieder verblüfft über das Ausmaß des Höllensturzes. Was die Autorin dieses lesenswerten Sachbuches geschafft hat, ist den Fokus auf die weibliche Seite des Dramas zu lenken. Tatsächlich stehen die Frauen im Schatten, es bleibt die Hoffnung, dass sich daran seit der Veröffentlichung von »Der Mut zum Überleben« etwas geändert hat. Der Druck, unter dem Frauen standen, war immens! Zu den wirklich bitteren Momenten gehören jene, wenn der Mann seine überkommene Position und eingebildete Weltweisheit nutzte, um eine Auswanderung zu verhindern – gegen den, im Nachhinein weisen – Widerstand seiner Frau.

Katrin Passig: Handbuch für Zeitreisende

Ganz charmant, ab und zu auch ganz witzig und mit einigen kleinen Aha-Erlebnissen ist Katrin Passigs Handbuch für Zeitreisende. Es gibt eine Gruppe, die das wirklich lesen oder hören sollte: Autoren von Zeitreiseromanen. Es erspart ihnen manche Gedankenakrobatik und einige daraus resultierende Fehler, außerdem ist es eine inspirierende Quelle. Wer Historisches schreibt, bekommt vielleicht auch ein paar Hinweise über das Alltagsleben, allerdings sollte man sich mit Dingen wie Datum und seine Abgründe ohnehin befasst haben. Hier und da finden sich kleine Schätze: »Wer Schlachten für entscheidend hält, lässt sich von dem blenden, was leicht zu sehen ist und viel Krach und Aufmerksamkeit erzeugt.« Ja, so ist es. Wallenstein wusste das übrigens.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Zwischen Cuba und dem amerikanischen Schriftsteller Hemingway gibt es eine recht lange Verbindung. Glaubt man der Hauptfigur aus Leonardo Paduras Roman, war das keine besonders intensive. Überhaupt steht Mario Conde dem Großautor mit Nobelpreis sehr distanziert gegenüber, der Ex-Polizist war einst Bewunderer und wollte wie sein Vorbild als Schriftsteller arbeiten; die Entzauberung Hemingways, sein Verhalten gegenüber Kampfgenossen im Spanischen Bürgerkrieg und später, die fehlende Distanz zu den Roten in Moskau (Intellektuelle haben traditionell eine Wahrnehmungsschwäche) und die eigene Reife haben zum Bruch geführt. Und doch versucht sich Conde dem Verstorbenen mit einer bemerkenswerten Neutralität dem Fall zu nähern, der dem lange verstorbenen Hemingway auch noch einen Mord eintragen würde. Vordergründig ein Krimi, doch unter diesem eher dürren Firnis eine Geschichte über Literatur, Schreiben und die Existenz als scheiternder, sterbende Star.

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

Lesemonat Juni 2022

Es ist immer noch Krieg. Interessant zu beobachten, auch an mir selbst, wie sich dieser äußerste Ausnahme-Zustand peu á peu in den Alltag als etwas Gewöhnliches einschleicht. Nicht das erste Mal, das galt auch für den russischen Afghanistan-Krieg, die Golf-Kriege, den Bürgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien, den Wahnsinn nach 9/11, die gescheiterten Befreiungskriege der Arabischen Welt, den ewigen Krieg der Kurden um ihr Überleben usw. Ganz schön viele Kriege kommen zusammen, doch ist und bleibt der russische Angriff etwas Außergewöhnliches.

Im vergangenen Monat habe ich »Propaganda« von Steffen Kopetzky noch einmal gelesen, was auch am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lag. Die USA hatten sich in Vietnam (ja, darum geht es in diesem Roman) in einen Kolonial-Krieg der Franzosen (so genannter Indochina-Krieg) verstricken und durch die unsinnige Domino-Theorie nicht wieder befreien können. Putins Krieg ist ein Kolonialkrieg, einer der ganz fürchterlichen, denn er zielt auf die völlige Vernichtung von Staat und Volk. In Russland gibt es – anders als in den USA (ein Kernthema bei »Propaganda«) – keinen nennenswerten Widerstand gegen den Krieg. So oder so wird sich alles auf dem Schlachtfeld entscheiden, ein bitterer Moment.

Die übrige Lektüre in diesem Monat ist ein wenig krautig. Meine Liste an Prix Goncourt-Romanen ist um einen gewachsen und was für einen. »Wie später ihre Kinder« war ein großes Leseerlebnis. Mit »Diesseits des Van-Allen-Gürtels« setze ich meinen Streifzug durch Wolfgang Herrndorfs Werk fort, eine der kurzen Erzählungen darin hat es mir ganz besonders angetan, die »Zentrale Intelligenz Agentur« ist so wunderbar böse und komisch. Ganz anders der »Herr der Diebe« von Cornelia Funke, das in Venedig spielt.

Mit »Macht der Karten« habe ich mal wieder ein Sachbuch gelesen, auch als Recherche. Nicht nur in meiner Abenteuerreihe spielen Karten eine wichtige Rolle; was wäre Fantasy ohne? Es gab einige überraschende Erkenntnisse in diesem lesenswerten Buch. Auch der »Gulliver« ist Teil der Recherche gewesen, Joshua, einer der beiden Protagonisten meines Siebenteilers, hat das Buch von Swift im Gepäck.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Ganz selten lese ich einen Roman nach kurzer Zeit noch einmal. In diesem Fall habe ich das Hörbuch gewählt, das von Johann von Bülow exzellent vorgetragen wird. Ein absoluter Genuss. Wenn man sich auf so etwas einlässt, betritt man eine Welt, die einem bereits vertraut vorkommt, ein weiteres Mal und nimmt viele größere und kleinere Details wahr, die bei der Erstbegegnung durchgerutscht sind. Da »Propaganda« enorm vielschichtig und umfangreich ist, zudem über eine ausgezeichnete Sprache verfügt, die vom Sprecher wunderbar transportiert wird, ist die erneute Reise ungeheuer gewinnbringend. So viele Andeutungen und Vorbereitungen für das, was später im Roman geschieht! Und seine Kernaussage, eine scharfe Kritik an den USA ohne jede Spur von populistischem, dumpfbackigem Antiamerikanismus, wie er gerade in Deutschland von Linken und Rechten mit Wollust vorgebracht wird, ist bei aller Unterhaltung eben eine zentrale, eine existenzielle.

Ausführliche Buchvorstellung – hier.

Cornelia Funke: Herr der Diebe

Unsere Frühjahrsreise 2022 führte nach Venedig. Die Stadt wäre ein Schmuckkästchen, eigentlich, doch leider erscheint sie dem Untergang geweiht. Auch ohne Erderhitzung, denn der Massentourismus ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür. Trotz allem war der Aufenthalt dort in vielerlei Hinsicht ein Gewinn und der perfekte Anlass, endlich eine Leselücke zu schließen. Ich kenne viele Bücher von Cornelia Funke, doch »Herr der Diebe« ist bislang an mir vorüber gegangen. Unmittelbar nach einem Aufenthalt in Venedig ist es tatsächlich etwas Besonderes, den Roman zu lesen. Ein typisches Funke-Buch, die Figuren sind einander verbunden, es herrscht eine charakteristische Wärme, gewürzt mit leichten Antagonismen. Gerade das zeichnet die Literatur der Autorin aus, jedenfalls nach meiner Sicht der Dinge. Die Geschichte selbst ist prima für Kinder geeignet, zum Vorlesen oder für Selbstleser. Ich hatte mein Vergnügen. Und »Der Drachenreiter« ist und bleibt mein Lieblingsbuch von Cornelia Funke.

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Ein seltsamer Titel. Der Van-Allen-Gürtel ist eine Art Schutzschild für die Erde und seine Bewohner gegen kosmische Strahlung. Es handelt sich also um eine verquere Ortsbezeichnung für die Lebensumwelt des Menschen. Und um die dreht es sich in den sechs Erzählungen, die in diesem Bändchen versammelt sind. Vieles von dem, was die bedauerlicherweise spärliche Literatur Herrndorfs ausmacht, findet sich dort. Es ist ungeheuer spannend, wie der Autor seine Figuren aufeinanderhetzt und die sich daraus ergebenden Irrungen und Wirrungen darbietet. Eine Schlachtplatte menschlicher Beziehungs- und Kommunikationsabgründe, grotesk, irrwitzig und zugleich himmelschreiend banal. Die Frage stellt sich: Welcher Gott sollte je auf die Idee gekommen sein, ausgerechnet diese Wesen mit einem Schutzschild gegen auslöschende Strahlung aus dem Kosmos zu versehen?

Jonathan Swift:  Reise nach Lilliput. Gullivers Reisen erster Teil

Einer der beiden Hauptfiguren meiner Abenteuerreihe nimmt ein Buch mit auf seine Reise in »Eine Neue Welt«. Damit es sich nicht um ein namenloses Werk handelt, vielleicht sogar ein kleiner inhaltlicher Bezug hergestellt werden könnte, habe ich einen kurzen Blick auf die Literatur der Zeit um 1730 geworfen. Swifts Werk, oft als Kinder- und Jugendbuch verstanden, ist rund ein Jahrzehnt vor der Handlung in meinen Romanen entstanden. Es macht Spaß, dem »Clash of Cultures« zu folgen. Die von Swift geschaffene, seine eigene kritisierende Welt, sind für mich überraschend ähnlich fremd. Überhaupt ist es mir ein Rätsel, was Kinder mit dieser Geschichte anfangen sollten; grotesk und überzogen, eine heimliche Kritik an den dank Zensur und Strafe schwer zu kritisierenden Umständen, voller boshaftem Witz.

Ute Schneider: Die Macht der Karten

Ein sehr interessantes Sachbuch über Karten und ihre Geschichte. Vieles, was selbstverständlich erscheint, ist es nicht. Norden ist immer oben? Von wegen! Während der Recherche zu meinen Romanen bin ich mehrfach auf Dinge gestoßen, die mit Karten zu tun haben und die ich ganz direkt in die Handlung einbauen konnte. Kleinigkeiten oft, aber von weitreichender Bedeutung. Die Geschichte der Karten hat viele Facetten, eine für mich ganz besonders interessante, sind »Fehler« und ihre bemerkenswerte Überlebensdauer. Inseln im Atlantik, die es nie gab, wurden über viele Jahrzehnte, ja: Jahrhunderte weitergegeben, obwohl längst hätte klar sein müssen, dass es sie nicht gibt. Und natürlich passt auch der Mensch beim Kartenzeichnen die dort abgebildete Realität seinem Weltbild an, bis in die jüngste Vergangenheit. Vergleichen Sie doch einmal, wer die Krim wem zuschlägt, der Ukraine oder Putins Russland.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Ein Coming of Age Roman. Jugendliche, Hormone, Partys, Sex, Drogen, zäh verstreichende Nachmittage voller Ödnis. Soweit, so erwartbar. Doch gastiert dieses Buch in Ostfrankreich, einem Ort namens Heillange, ein »Dreckskaff«. Über allem liegt Tristess wie ein dichter Nebel aus den Schloten der Industrie, die einst diese Region geprägt hat. Im Ersten Weltkrieg haben sich deutsche Kriegszielphantasten immer wieder die Finger gerieben, heute sähe die Sache wohl anders aus. Auch wenn der Roman Anfang der 1990er Jahre spielt und sich die Lage seitdem noch einmal dramatisch verschärft hat, ist die Handlung auch vom unaufhaltsamen Niedergang der Industrie geprägt. Die Folgen sind drastisch. Autor Mathieu findet die richtige Sprache, oft lakonisch, knapp, verkürzt und dann – plötzlich wie ein lange schlummernder Vulkan – explosiv und von bedrückendem Reichtum an Bildern; niederschmetternden Bildern, um genau zu sein. Prix Goncourt garantiert fast immer sprachlich hohes Niveau.

Ausführliche Buchvorstellung – hier.

Lesemonat Mai 2022

Wer zu Lebzeit faul auf Erden“ – hat eine stattliche Schlange an unveröffentlichten Buchvorstellungen im Backend seines Blogs. Vier der hier kurz angerissenen Bücher werden bald mit einer ausführlichen Präsentation gewürdigt, denn mein Lesemonat Mai war tatsächlich großartig und vielfältig. Zu Kohlhaas kann man unendlich viel sagen, ich belasse es lieber bei dem kurzen Stück unten, verbunden mit einer heftigen Leseempfehlung. Dem literarischen Schmuckstück kann, sollte man sich durchaus ab und zu aussetzen.

Auch der Roman von Daniel Mellem wäre eine eigene Buchvorstellung wert, seine Hauptfigur ist enervierend, unangenehm, faszinierend, genial, ein Sternengreifer, dessen vielschichtige Existenz die gewaltigen Umwälzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts abbildet und eben auch das Schicksal eines Einzelnen, der seiner Zeit weit voraus ist und ihren sozialen und politischen Mechanismen zugleich hilflos (und eselig stur) gegenübersteht.

Mit Leonardo Paduras drittem Teil seines Havanna-Quartetts nehme ich meine Reise nach Cuba wieder auf. Bei diesem Werk lohnt es sich, das Nachwort vorher, nebenher oder nachher zu lesen. Ich habe es selten erlebt, wie ein paar Seiten einem Roman einen ungeheuren Glanz verleihen. Mit Petersons Vakuum geht es mal wieder in die Zukunft, wie schon Universum sehr unterhaltsam, originell strukturiert und Stoff zum Nachdenken gibt es auch. Danke noch mal an rezensionsnerdista für ihren Hinweis auf den Autor – Blogs lesen lohnt sich eben doch!

Wo ich schon einmal dabei bin: Dank des wunderbaren Buchblogs horatio-buecher bin ich auf Alida Bremers tolles Buch aufmerksam geworden – sie reiht sich ein in die Schar jener, die Wurzeln außerhalb Deutschlands haben und die deutsche Literatur mit ganz anderen Geschichten reicher machen, wie Stanišić, Haratischwili, Marinić, Ohde, Rávik-Strubel und viele mehr. Und Dubois? Prix-Goncourt!

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdown

Der Roman holt weit aus, führt den Leser zunächst in die Kindheit des Protagonisten, schildert ein wohlbekanntes Motiv, nämlich des unangepassten, aneckenden Kindes, das sich den engen Grenzen des Daseins nicht fügen will. Die Generation, der Hermann Oberth angehört, erfährt die Urkatastrophe des Ersten Weltkrieges am eigenen Leib. Der Bruder stirbt an der Front, und die Idee wird geboren, Kriege mit Hilfe einer Super-Raketen-Waffe unmöglich zu machen. Die Naivität ist ein Grund dafür, warum Oberth an den charismatischen Wernher von Braun gerät, und beide den Weg in die Finsternis beschreiten, an deren Ende eine Vergeltungswaffe steht. Während Millionen während des Gemetzels in den Tod gehen, endet Oberths Leben nicht, im Nachkriegsdeutschland und den Sieger-USA hinterlässt er Spuren.

Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Die Erzählung gehört zu den Texten, die ich am häufigsten (wieder-)gelesen habe. Je älter ich werde, desto besser gefällt sie mir. Erzählerisch ist es ein großes Werk, die Wechsel in der Dynamik, durch die Kleist die Aufmerksamkeit seiner Leser auf bestimmte Dinge richtet und von anderen fernhält, gehört für mich zu ganz großer Kunst. Früher habe ich mehr den Zorn verspürt und – Kohlhaas zwischenzeitliche Demut – nicht recht nachvollziehen können. Jetzt finde ich gerade diese Passagen, in denen Kleinigkeiten oder Zufälle (im Sinne von Max Frisch) dafür sorgen, dass alles in einem gewaltigen Desaster endet, zu den spannendsten. Der Einzelne im Mahlstrom der Macht. Zermalmt.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ich mag keine Krimis, aber Bücher, die so tun als wären sie Krimis und in dieser populären Kulisse ganz andere Dinge erzählen. So ist das in den meisten Werken des cubanischen Autors Leonardo Padura, ganz besonders auch in diesem. Der Leser kann dem Abgründigen nicht entkommen, denn Padura zerbricht mit stilistischen Mitteln den Lesefluss. Er lässt ganz gezielt die Gesprächspartner des Ermittlers ungewöhnlich ausführlich erzählen, wo in diesem Genre gewöhnlich Dialoge die Last der Handlung tragen. Bei der Suche nach einem Mörder wird das sozialistische System bloßgestellt, seine menschenverachtende Homophobie und die Folgen für die Betroffenen, die zum Schweigen gebracht und gebrochen werden.

Ausführliche Buchvorstellung: Labyrinth der Masken

Phillip P. Peterson: Vakuum

Ein Roman über das Nichts? Schlimmer noch, doch das wird jetzt nicht verraten. Zwar ist von Beginn an klar, dass etwas äußerst Gefährliches droht, eine totale Katastrophe, aber was und wie entfaltet sich auf eine schön konzipierte und spannende Weise, die ich nicht spoilern möchte. Ungewöhnlich ist der Roman wegen der Grenzüberschreitungen im Genre. Ja, Science Fiction, aber eben auch eine Art Dystopie, angereichert mit einer zweiten, im Umfang kleineren, aber für die gesamte Geschichte hochwichtigen und interessanten Erzähllinie auf eine anderen Zeitebene. Etwas verdruckst ausgedrückt, man möge es mir verzeihen – aber ich möchte das wirklich nicht verraten. Die Ereignisse sieht Peterson teilweise etwas optimistischer als ich es für den Fall tun würde; wunderbar, denn das gibt Stoff, über die reine Unterhaltung hinaus etwas nachzudenken. Wer sich nur unterhalten möchte – das kann auch das „Nichts“.

Ausführliche Buchvorstellung: Vakuum

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Man könnte den Roman für einen Krimi in wundervoller Mittelmeer-Atmosphäre halten. Ja, es gibt einen Toten, die blaue Adria, Mahlzeiten, die von den Zutaten definitiv das Attribut „mediterran“ verdienen, einen Polizisten, der sich auf die Spur begibt und mit allerlei Menschen dieser Stadt namens Split in einem Landstrich namens Dalmatien spricht, die tatsächlich ein wunderliches Durcheinander an Herkommen und Dasein bildet. Doch 1936 tobt bereits der Abessinienkrieg (wetten, Sie wissen davon nichts!), Deutschland rüstet und bricht den Versailler Vertrag, in der Ukraine sind Millionen verhungert (auch damals gab es Verharmloser), Juden werden im Nazi-Reich gepeinigt, politische Flüchtlinge sind in der Stadt, Schlepper machen mit ihnen Geld und Nationalisten, Faschisten und andere Extremisten laufen sich warm. Ja, das Unheil, von dem wir Nachgeborene wissen, lässt Idyll und Leser frösteln.

Ausführliche Buchvorstellung: Träume und Kulissen

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Dieser Roman hat den Prix Goncourt erhalten, ein Literaturpreis, der mich bislang nur ein einziges Mal enttäuscht hat (Leïla Slimani: Dann schlaf auch du). Es sagt eine Menge, dass auch dieser Roman trotz der Enttäuschung absolut lesenswert ist. Wie bei – fast – allen Preisträgern ist die Sprache herausragend! So viele wunderbare Sprachbilder, ein Fest treffender Ausdrücke. Und der Inhalt? Paul, der Ich-Erzähler, sitzt im Gefängnis, anders als bei Grass´ Blechtrommel kann er nicht in Ruhe schreiben, sein Zellgenosse ist ein mörderischer Rocker, die Zustände in der winzigen Zelle und dem Gefängnis sind erbärmlich. In langen Schleifen wird der Werdegang Pauls, seine ungewöhnliche Herkunft und sein Leben geschildert, auf eine spektakuläre Weise unscheinbar und dennoch mit einiger Wucht auf üble soziale Schieflagen zielend. Und das ist eine der zentralen Zielrichtungen des Romans – eine beißende Kritik an den unmenschlichen Auswüchsen des Kapitalismus.

Ausführliche Buchvorstellung: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.

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