Alexander Preuße

Monat: Dezember 2021 (Seite 1 von 3)

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Les Enfants du désastre Teil 1

Der Erste Weltkrieg nimmt in Frankreich einen bedeutenden Platz in der Erinnerungskultur ein. Nicht umsonst spricht man im Nachbarland vom „Grande Guerre“, dem Großen Krieg. Ganz anders der Zweite Weltkrieg, was sicherlich daran liegt, dass Frankreich 1940 eine katastrophale Niederlage gegen die deutsche Wehrmacht hinnehmen musste und gegenüber den anderen Siegermächten mit einem Minderwertigkeitskomplex belastet war.

Im Ersten Weltkrieg hat Frankreich trotz eines Beinahe-Zusammenbruchs 1917 standgehalten und stand am Ende in der Sicht von Politik, Militär und weiter Teile der Bevölkerung unzweifelhaft auf der Siegerseite. Das sollte vor Augen haben, wer den Reihentitel der Trilogie liest: Les Enfants du désastre. Die Kinder des Desasters.

Sie gibt die Marschordnung für den Roman „Wir sehen uns dort oben“ vor. Das nachfolgende Zitat zeigt exemplarisch, wie Lemaitre zur Desillusionierung und Entglorifizierung des Grande Guerre beiträgt. Lakonisch stellt er eine dramatische Untertreibung gegen die ungeheuer brutale Realität: ein bisschen Ordnung versus unzählige Opfer standrechtlicher Erschießungen.

Es war oft die Rede vom Kriegsgericht, vor allem 1917, als Pétain wieder ein bisschen Ordnung in all das Chaos gebracht hatte. Es gab standrechtliche Erschießungen, keiner weiß wie viele.

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Es kommt in bestimmten Kreisen sicher noch immer einem Sakrileg gleich, das Wort Desaster nicht mit 1940, sondern dem Großen Krieg und den ihm nachfolgenden Jahren in Verbindung zu bringen. Tatsächlich verblasst die Gloire des siegreichen Krieges mit jeder Seite dieses Buches. Dabei ist der Roman weit entfernt von einer blutdruckgeschwängerten Anklageschrift.

Ganz im Gegenteil. „Wir sehen uns dort oben“ ist eine bitterböse Tragikkomödie, die mit zum Teil tiefschwarzem Humor die Grenze zur Groteske überschreitet und selbstverständlich politisch absolut unkorrekt ist. Das Antlitz französischer Kriegsheroen ausgerechnet mit dem Ludendorffs zu vermischen, ist nur eine der vielen, bissigen Ungeheurlichkeiten.

General Morieux schien sehr betagt, er sah aus wie einer von diesen alten Kerlen, die ganze Generationen von Kindern und Kindeskindern in den Tod geschickt hatten. Man nehme das Portrait von Joffre und Pétain zusammen und vermische das Resultat noch mit Nivelle, Gallieni und Ludendorff, dann hat man Morieux, […]

Pierre LeMaitre: Wir Sehen uns dort Oben

Die drei Hauptfiguren, die einfachen Soldaten Albert Maillard und Édouard Péricourt, sowie der zynische Offizier Henri d’Aulnay-Pradelle, sind keine Lichtgestalten. Entsprechend entwickelt sich die Handlung entlang mehrerer haarsträubender Betrügereien, einer aus Geldgier, die andere aus Geldnot, weil die aus dem Feld zurückgekehrten Soldaten ihre Drogensucht bedienen müssen. Gemeinsam ist beiden Erzählfäden der unsentimentale Umgang mit den Kriegstoten und dem Gedenken an sie.

Brutales, unheroisches Kriegsende

Die Erzählung des Auftaktbandes setzt im November 1918 ein, wenige Tage vor dem Waffenstillstand. Was geschildert wird, ist alles, außer heroisch. Offizier Pradell erzwingt aus persönlichem Ehrgeiz einen militärisch sinnlosen Angriff gegen die bereits passiven Deutschen und ergreift verbrecherische Mittel, um ihn bei den unwilligen Mannschaften durchzusetzen.

Er schickt einen Spähtrupp aus, zwei französische Soldaten, die er selbst niederstreckt und den Deutschen in die Schuhe schiebt, um das kriegsmüde Kriegsvolk zu einem letzten Angriff zu bewegen. Die blutige List gelingt, begleitet von einem wütendem Artilleriefeuer gehen die französischen Soldaten vor.

Albert bemerkt während des Angriffs die von Pradelle begangene Untat, der Offizier wiederum erkennt, dass er ertappt wurde, und befördert den Zeugen in eine lebensbedrohliche, ja faktisch tödliche Lage. Édouard eilt Albert unverhofft zu Hilfe, wird bei seiner verzweifelten Rettungstat getroffen und für den Rest seines Lebens fürchterlich entstellt.

Pradelle kommentiert das wie folgt:

Eine Granate mit den Zähnen auffangen zu wollen, ist eben ein wenig unvernünftig, da hätte er eben mal lieber mich um Rat fragen sollen.

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns Dort Oben


Das Trio geht nach dem Waffenstillstand unterschiedliche Wege, trotzdem bleiben die Männer wie durch unsichtbare Bänder miteinander verbunden. Der Krieg bleibt zentrales Thema, allerdings immer weniger von Gloire umwittert: Es wird betrogen, gelogen, intrigiert, Geschäfte werden mit und auf den Gräbern der Gefallenen gemacht und die Moral bleibt auf allen Seiten auf der Strecke.

Das kriegstriumphale Frankreich präsentiert sich als verrotteter Morast, voller Korruption und Falschheit, das seine Frontkämpfer mit einer Kälte empfängt und im Stich lässt, die allen geschraubten Reden und Ankündigungen Hohn spricht. Der Autor lässt seine Helden mitmischen, sie versuchen, in dem gruseligen Spiel um Geld und Macht ihren Schnitt zu machen, fern jeder moralischen Reinheit.

Pierre Lemaitre ist untadelig boshaft, bisweilen sehr lustig in seiner ungeheuer tempo- und abwechslungsreichen Erzählung, seine Figuren haben Tiefe, Charakter und handeln wunderbar motiviert und nachvollziehbar. Sein Buch ist völlig zurecht mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden, denn das ist es: ausgezeichnete Literatur!

Einen interessanten Leseansatz hat Uwe Kalkowski auf seinem wunderbaren Blog Kaffeehaussitzer zu Lemaitres großartigem Buch veröffentlicht: Er sieht darin einen Schelmenroman und geht etwas ausführlicher auf den Inhalt ein als ich.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Die Tragweite dessen, was der Roman schildert, bleibt den meisten Lesern lange verborgen. Zum Glück rundet Mario Vargas Llosa sein Werk „Harte Jahre“ mit einem Kapitel ab, das die Überschrift „Nachher“ trägt. Es steht anstelle eines Nachworts klassisch-dröger Natur, die oft eine Art Bekenntnis oder Ablass-Bitte enthalten, vor allem, wenn es sich um historische Romane handelt.

Das munter und lebendig geschriebene „Nachher“ ist mehr ein Teil der Erzählung, ein Nachklang oder Echo des Vorangegangenen. Es schildert die Begegnung Vargas Llosas mit einer der Protagonistinnen! Ein in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlicher Umstand. Um wen es sich dabei handelt, seit hier verschwiegen, denn die handelnden Menschen in diesem Buch tragen keine Plot-Rüstung.

Der Abschnitt „Nachher“ ist ein wunderbarer Spiegel dessen, was der Leser gerade durchlitten hat. Vor allem aber wird diese Begegnung und mit ihr auch der politisch-historische Hintergrund des Buches, vom Autor selbst noch einmal reflektiert. Und spätestens dann geht dem Leser ein ganzer Kronleuchter der Erkenntnis auf: Vargas Llosa thematisiert einen zentralen Wendepunkt in der Geschichte Lateinamerikas und der US-Außenpolitik, mit ihren verhängnisvollen Entscheidungen.

Seit zwei Jahren stelle ich mir diese Frau vor, erfinde sie, schreibe ihr alle möglichen abenteuerlichen Erlebnisse zu, dichte ihre Person um, damit niemand – nicht einmal sie selbst – sich in dieser herbeifantasierten Geschichte wiedererkennt.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie  so oft sind die Folgen von derartigen Wendepunkten bekannter als die richtungsweisenden Geschehnisse selbst. Zum Beispiel Cuba: Der Autor verweist explizit auf das bis in die Gegenwart betonierte Regime, das sich ohne die in Harte Jahre thematisierten Ereignisse nicht etabliert hätte. Ein historischer Treppenwitz mit Ironie, denn die USA haben dort eine ihrer bitteren Niederlagen nach 1945 kassiert.

Wer nun einen langweiligen Historienschinken erwartet, wird positiv überrascht. Vargas Llosas ist Schriftsteller und zwar ein ganz herausragender. Als solcher hat er gar nicht erst versucht, irgendeine Form historischer Wahrheit, austariert und vorsichtig zu Papier zu  bringen. Er hat einen Roman mit lebendigen, widersprüchlichen Figuren verfasst, die auf der Bühne des historischen Umfeldes ein tragisches Stück aufführen.

Bei allem, was mir passiert ist, Arturo, bei allem, was dieses Land mitmacht, weißt du, zu welchem Schluss ich da gekommen bin? Dass der Mensch eine armselige Kreatur ist. Man könnte meinen, auf dem Grund eines jeden von uns wäre ein Monster. Das nur darauf wartet, ans Licht zu kommen und das schlimmste Unheil anzurichten.

Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

Wie es sich für einen herausragenden Roman gehört, belässt es Vargas Llosa nicht bei einer glatten, gleichmäßig dahinströmenden Erzählung, die Struktur des Werkes fordert dem Leser etwas Aufmerksamkeit ab, weil die einzelnen Kapitel die Perspektiven und die Zeit wechseln. So entsteht ein Kaleidoskop, dessen Bestandteile durch die Hand des Autors geschickt und hochspannend miteinander verwoben sind.

Der Anfang braucht etwas, um ins Rollen zu kommen, die Tragödie ist noch fern wie dunkle Wolken am Horizont. Das Ende – nun, was soll man sagen? Es ist Lateinamerika. Guatemala. Jeder, der nicht blind und taub durch die Welt irrt, dürfte um die Tragik der gesamten Region wissen. Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, wie spätestens das Kapitel „Nachher“ zeigt.

Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Zu Beginn des Romans blickt der Leser in eine Art zerbrochenen Spiegel: Die Scherben zeigen den schmalen Ausschnitt eines Lebens, zunächst einer Person, die ihren Weg als professioneller Killer geht. Das überrascht, klingt dieser Auftritt doch mehr nach einem Thriller als nach dem Werk eines Prix Goncourt Preisträgers.

Es bleibt nicht bei einer Scherbe, eine ganze Reihe von menschlichen Daseinsformen wird ausgebreitet. Naturgemäß ist dieser Romanabschnitt eine nahezu plotfreie Zone, was manchen Leser erschöpft, einige zum Aufgeben zwingt. Und doch ist es nötig für das Vorhaben von Hervé Le Tellier, der mit diesem bunten Strauß eine erzählerische Reise antritt, die eine enorme Flughöhe erreicht.

Man muss dem Roman „Die Anomalie“ entsprechend Zeit geben.

Die Spiegel-Scherben-Personen haben nämlich eine Gemeinsamkeit: Sie fliegen mit einem Air France Flieger von Europa in die USA. Unterwegs gerät die Maschine in ein dramatisches Unwetter und dadurch geschieht etwas absolut Unglaubliches, worüber die Käufer des Buches schon durch den Klappentext informiert werden: Der Flieger erreicht die USA zweimal mit einem Zeitabstand von mehrere Monaten.

Klappentext verringert Schockwirkung

Voilà! Die Kulisse für eine atemberaubende Geschichte ist aufgestellt. Durch die geschickte Strukturierung seiner Erzählung gelingt es dem Autor, den Leser einige Zeit an der Nase herumzuführen, trotz des stark spoilernden Klappentextes. Es ist fast ein wenig schade, dass dieser so gefasst wurde – die Wirkung ohne diese Vorabinformation würde eine gewaltige Wucht entfalten.

Doch auch so lässt Le Tellier sein Publikum erschaudern. Die lakonische, detailreiche, dabei zu keinem Zeitpunkt barock-überladen wirkende Erzählweise lässt niemanden entkommen, der sich durch das fast stehende Gewässer am Anfang hindurchgekämpft hat. Die Personen des zerbrochenen Spiegels verbindet nämlich, dass sie in diesem Flugzeug saßen und nun fast alle zweimal auf Erden weilen.

Platzierte Hiebe in alle Richtungen

Was auf den ersten Blick wie Science Fiction wirkt und durchaus mit Action hätte ausgeführt werden können, ist vielmehr ein multiperspektivisches Kammerspiel mit Niveau. Le Tellier lässt es sich nicht nehmen, Hiebe auszuteilen, die einen zeitkritischen Charakter haben: Trump, Frankreich, Nachrichtendienste, nerdige Wissenschaftler, Soziale Medien, US-TV-Show, fanatische Christen werden mit einer feinsinnigen Gnadenlosigkeit seziert.

Und im Herzen dieses endlosen Brandes, der Amerika seit jeher verzehrt, in diesem Krieg, den die Finsternis gegen den Verstand führt, in dem die Vernunft Schritt für Schritt vor der Ignoranz und dem Irrationalen zurückweicht, legt Jacob Adams die dunkle Rüstung seiner primitiven wie absoluten Hoffnung an.

Hervé Le Tellier: Anomalie

Vor diesem Hintergrund erleben die Protagonisten ihr Schicksal, der Leser folgt ihren Versuchen, mit dem Undenkbaren fertigzuwerden. An manchen Stellen ist der Roman ungeheuer komisch, an anderen von bitterböser Klarheit und das Echo eines Pessimismus, das die Überlebensfähigkeit der Menschheit infrage stellt.

Eine Warnung

Und ja. Insofern ist es ein Science Fiction. Immer schon waren Autoren des Genres darauf bedacht, Warnungen zu verbreiten. Diese Fingerzeige kamen oft in düsterem Gewand der Dystopie daher. Die „Anomalie“ ist überwiegend heiter, grotesk, witzig, aber auch brutal, grausam und niederschmetternd. Und sie trifft tief, wenn dem Leser klar wird, dass er tatsächlich in einen Spiegel schaut, den seiner eigenen Existenz.

Ein wundervolles, großartiges Buch. Es passt sehr gut zu den bisherigen Erfahrungen, die ich mit Prix Goncourt-Preisträgern gemacht habe. Dabei enthält es Bestandteile, die ich überhaupt nicht mag. Bücher mit einem Titel, der im Buch selbst als Buchtitel vorkommt, schrecken mich gewöhnlich ab. In diesem Fall habe ich das sehr gern inkauf genommen.

Auf den Roman bin ich zuerst durch einen Blog-Beitrag auf rezensionsnerdista.de aufmerksam geworden. Eine weitere Buchvorstellung mit einem etwas anderen Blick auf das Buch gibt es auf dem sehr schönen Blog Horatio-Bücher.

Lydie Salvayre: Weine nicht

Der Spanische Bürgerkrieg ist in der Literatur vielfach thematisiert, berühmte Schriftsteller wie George Orwell („Mein Katalonien“) oder Ernest Hemingway („Wem die Stunde schlägt“) haben über ihre Erlebnisse berichtet, es gehören literarische Perlen wie das Buch von Almudena Grandes („Der Feind meines Vaters“) und viele andere dazu. Auf dem vorzüglichen Literaturblog Kaffeehaussitzer findet man ein Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg, das eine anregende Buchliste enthält.

2014 hat die Verleihung des französischen Literaturpreises Prix Goncourt ein weiteres Buch ins Rampenlicht gestellt: Weine nicht. Deren Autorin, Lydie Salvayre, hat Wurzeln, die nach Spanien reichen. Sie wurde als Tochter einer Frau geboren, die gerade noch vor den siegreichen Streitkräften des faschistischen Diktators Franco fliehen konnte. Ihr Roman nähert sich dem Thema auf besondere Weise.

Der Spanische Bürgerkrieg gilt vielen als Präludium für den Zweiten Weltkrieg. Das ist etwas eurozentrisch gedacht und auf das Deutsche Reich fokussiert, das in Spanien mit der so genannen „Legion Condor“ Franco unterstützte, während die Verteidiger der Republik nur durch die Sowjetunion Unterstützung erhielten – zu einem hohen Preis, was in „Weine nicht“ dankbarerweise nicht verschwiegen wird: Stalin schickte Waffen und Terror nach Spanien, dem mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Vielfältige Perspektiv- und Zeitwechsel

Selbstverständlich werden auch die Hinrichtungen durch die Franco-Faschisten nicht übergangen. Die Darstellung ist besonders eindrücklich, weil die Autorin dafür die Perspektive des konservativen Katholiken George Bernanos wählt. Erschüttert durch die Brutalität und die ignorante, menschenverachtende Haltung der Katholischen Kirche räumt der Mann seine politische Position und dokumentiert die Gräueltaten in seinem Werk: Die großen Friedhöfe unter dem Mond.

Schlimme Zeiten für die, die Heilslehren aller Art misstrauten und die lieber ihrem Gewissen gehorchten als doktrinären Einpeitschern der einen oder anderen Seite.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

Salvayre lässt Teile daraus und andere Dokumente geschmeidig in ihren Roman einfließen, ihre Erzählung wandelt spielerisch zwischen faktenreicher Darstellung, Erzählung und Erinnerung, Fiktion und Auszügen aus Quellen. Die Handlung spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Autorin mischt kräftig mit, erläutert und kommentiert ihren Schreibprozess, außerdem ist die Interpunktion sehr freizügig gestaltet.

Beeindruckende Leichtigkeit

Der Roman rutscht trotzdem zu keinem Zeitpunkt in ein undurchsichtiges Wirrwarr ab und erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass ihm im Kern eine (tragische) Liebesgeschichte als Leitfaden eingewoben wurde. Die Hauptfigur, Montserrat, schließt sich mit ihrem Bruder den Verteidigern der Republik an. Für kurze Zeit erlebt sie Freiheit und ihre große Liebe.

Der Krieg, meine Liebe, ist genau zum rechten Zeitpunkt gekommen.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

So ist das Zitat auch zu verstehen, dass der Krieg zum rechten Zeitpunkt gekommen wäre. Diese flammende Liebe mündet in ein würgendes Desaster, mit lebenslangen Folgen. Es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es den Leser einmal nachempfinden lässt, wie weit die Schatten eines Krieges reichen, auch wenn die Kampfhandlungen lange beendet sind.

Zum Zeitpunkt dieses persönlichen Liebes-Desasters machen Montserrat und ihr Bruder Erfahrungen mit der grausamen Realität der Kriegführung. Die Ideale sind menschenverachtender Ideologie gewichen, auch die Sache der Verteidiger der Republik hat ihren Glanz eingebüßt. Auch aus diesem Grund kehren beide in ihre Heimat zurück.

Besonders wertvoll macht diesen Roman der Umstand, dass er eindrücklich nacherzählt, wie sich die Haltung der Bevölkerung in Montserrats Heimatort gegenüber Revolution und dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Seite wandelt. Wer von Umstürzen träumt, sollte hier genau lesen und zuhören, denn so einfach ist die Sache nicht, auch wenn zu Beginn einer Umwälzung die Begeisterung groß ist.

Michel Houellebecq: Unterwerfung

Michel Houllebecq lenkt in seinem Roman Unterwerfung den Blick des Lesers bewusst auf das Genital seiner Hauptfigur. Es muss ihm klargewesen sein, dass dieser Umstand zu heftigen Reaktionen führen würde. Und tatsächlich sind viele ablehnende Rückmeldungen gleichfalls darauf gerichtet und entsprechend in empörtem, ablehendem Tonfall vorgetragen.

Und dann sind da noch jene Zeitgenossen, die das Buch zwar nicht gelesen haben, vorauseilend jedoch Rassismus und Islamophobie wittern. „Ist dieses Buch rassistisch? Ich habe es nicht gelesen, aber die Beschreibung erscheint mir sehr islamophob.“ (Im Deutschen bisweilen auch mit islamfeindlich synonym gebraucht.)

„Est-ce livre raciste? Je l’ai pas lu, mais la description se sent très islamophobe!“

Goodreads


Wenn noch etwas darüber hinaus mokiert wird, dann die philosophischen „Abschweifungen„, die als Sumpf empfunden werden, in denen der Leser stecken bliebe und vor Langeweile umkäme. Diese Empfindung lässt sich nachvollziehen. Allerdings wirkt dieser Umstand vom Autor bewusst konstruiert, denn der Protagonist äußert sich maniriert und selbstgefällig, mit der intellektuelle Spitzmündigkeit des Hochschullehrers.

Unter diesen inhaltlichen Schichten (und noch einigen anderen) liegen die Bomben versteckt, die im Laufe der – sich nicht gerade überstürzenden – Handlung peu á peu hochgehen. Tatsächlich nimmt Houellebecq so viele Ziele aufs Korn, dass es wundert, wie oberflächlich die Kritik an dem Buch bisweilen bleibt. Und nein: der von vielen beschworene kulturelle Clash zwischen Islam und Christentum steht eigentlich nicht im Zentrum.

Ostentative Frauenfeindlichkeit

Die Frauenfeindlichkeit der Hauptperson, des Professors François, ist derart offensiv dargestellt, dass man sie eher für ein provokatives Aushängeschild halten kann, dessen grelle Lichter das eigentliche Thema bei flüchtiger oder wutentbrannter Lektüre überstrahlen. Ohne Frage ist der Protagonist eine fürchterliche Figur, dessen emotionales und soziales Scheitern durch seinen bequemen Posten und Sex wattiert ist.

Houellebecqs Held weiß um die eigene Bedeutungslosigkeit, auch die seines Faches bzw. des gesamten geisteswissenschaftlichen Apparates, der – im Gegensatz zu anderen Fachtrichtungen – nach Ansicht François´ nur zum Selbsterhalt existiere. Starke Worte, die in diesem Segment bestimmt außerordentlich gern gehört bzw. gelesen werden.

Gutbezahlt bei geringem Arbeitsaufwand, den Job wie ein degenerierter Adeliger vor allem als Jagdgrund auf Studentinnen nutzend, die sich nach einem Semester turnusmäßig verabschieden: Die Geisteswissenschaften, die sich gern als Schild von Kultur, demokratischen Errungenschaften und Hort aufgeklärten Fortschritts empfinden, treten dem Leser in einer heruntergekommenen, sich selbst karikierenden Figur entgegen.

Der aber äußerst in seinem selbstgefälligen Tonfall ebenso scharfäugige wie unangenehme Beobachtungen:

Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderst Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden war. Der Intellektuelle in Frankreich musste nie verantwortlich sein; das lag nicht in seinem Wesen.

Michel Houellebecq: Unterwerfung


Das eigentlich Thema von Unterwerfung ist aber der extrem dünne Firnis der westlichen, säkularen, aufgeklärten, demokratischen Kultur, die so vielen so selbstverständlich erscheint und während weniger Monate wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt und sich regelrecht auflöst. Angesichts der schonungslos vorgeführten Schwäche ihrer selbsternannten Verteidiger erscheint das nicht abwegig.

Für einige Augenblicke glaubt der Leser, der Roman könnte in ein wildes, umstürzlerisches Chaos abgleiten, doch diese Dystopie bleibt seltsam still. Und stürzt doch alles um. Wirklich alles, einschließlich des Selbstverständnisses vieler Leser.

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