Schriftsteller - Buchblogger

Monat: Dezember 2021 (Seite 2 von 3)

Bücher 2021

Das also sind sie: Zehn Bücher, die mich in diesem Jahr besonders beeindruckt haben. Zwei Sachbücher, acht Romane. Eine Auswahl zu treffen, fällt immer schwer, sie fühlt sich ungerecht an und ist selbstverständlich sehr subjektiv. Die Zahl von zehn ist mehr oder weniger zufällig – ungefähr so, wie es die in Steintafeln geritzte Lebensrichtlinien sind, die ein Bärtiger vom Berge trug und an die sich keiner hält.

Mir haben in diesem Jahr viele Bücher gefallen, ich habe ihre Lektüre oder das Hören als großartig empfunden, eine Reihe von grandiosen Titeln mit großem Unterhaltungswert sind unter den Tisch gefallen; aber diese hier, die haben es mir wirklich angetan.

Eines der ausgewählten Werke hat mich und meine Arbeit als Schriftsteller und Lektor besonders beeinflusst und nachhaltig verändert: The Anatomy of Story von John Truby. Dazu habe ich eine Rezension verfasst, die erklärt, warum das so ist. Ein anderes Buch hing mir ungewöhnlich lange nach, beschäftigte meine Gedanken und hat mich beim Verfassen einer Buchvorstellung an die Grenze meiner Möglichkeiten getrieben: Der Schlachtenmaler von Arturo Perez-Reverte.

Zwei Bücher haben den Prix Goncourt gewonnen: Weine nicht von Lydie Salvayre und Die Anomalie von Hervé Le Tellier. Bislang hat mich noch kein einziges Buch enttäuscht, dass mit diesem Preis ausgezeichnet worden ist. 2021 habe ich mit Wir sehen uns dort oben von Pierre Lemaitre noch ein drittes gelesen, das ganz knapp daran gescheitert ist, in die Top-Ten übernommen zu werden.

Salvayres Roman ist ein ungewöhlicher Zugang zu einem schweren Thema, dem Spanischen Bürgerkrieg, der nachgerade federleicht gelungen ist. Le Tellier ist dagegen eine messerscharfe Abrechnung mit der Gegenwart geglückt, verpackt in boshaften, bissigen Humor vor der Kulisse eines Science-Fiction-Szenarios mit Mystery-Anklängen. Beide Bücher sind auf ihre Weise wunderbar gelungen.

Ganz anders hingegen war Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf. Unfassbar bitter, denn der Leser schaut einem Schriftsteller beim Sterben zu, während er auf dem Literaturmarkt den Durchbruch erzielt. Der Blog Herrndorfs ist für die schreibende Zunft ein kleines Schatzkästchen, denn er verdeutlicht so treffend so viele Dinge, die das Autorendasein ausmachen. Nicht umsonst habe ich in meinem Lektorats-Bereich einen Satz daraus zitiert.

Ganz und gar ungewöhnlich ist Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz. Lange vergessen, nach vielen Jahrzehnten endlich erschienen – der Roman eines Exilanten, den die Nazis zum Juden gemacht haben. Die Irrfahrt mit tragischem Ende ist aus unmittelbarer Anschauung und zeitlicher Nähe verfasst – auf einem sprachlich großartigem Niveau.

Das kann man auch von Der Distelfink von Donna Tartt und Grand Hotel Europa von Ilja Leonard Pfeijffer sagen. Ungeheurer Reichtum an atemberaubenden Sprachbildern, dankenswerterweise durch die glanzvollen Übersetzungen auch im Deutschen zu genießen, gehen Hand in Hand mit niveauvollen Erzählungen. Pfeijffer zielt in seinem Roman etwas fokussierter auf soziale, politische und gesellschaftliche Bereiche, was bei Tartt eher mittelbar geschieht. Zwei Meisterwerke!

Guatemala ist ein kleines Land und trotzdem die Keimzelle für grenzenloses Unheil, wie der Roman Harte Jahre von Mario Vargas Llosa auf wunderbare, spannende und in gewisser Hinsicht brutal nüchterne Weise zeigt.

Und schließlich das Sachbuch: Das Unvollendete Weltreich von John Darwin. Es räumt mit ungeheuer vielen unsinnigen Ansichten über das Britische Empire auf, die sich seit Jahrzehnten unverdrossen halten. Im Nachhinein hineingedacht und -geredet wurden viele zufällige, chaotische, ungeplante und sogar gegensätzliche Ereignisse in ein entstellendes Muster gepresst, das die historische Wirklichkeit völlig deformiert hat. Mit weitreichenden Folgen, denn nicht zuletzt der Brexit fußt auf diesem Nonsens.

John Truby: The Anatomy of Story

Ich hätte es ungern früher in die Hände bekommen. Es ist das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt. Anatomy of Story von John Truby hat meine Sicht auf Texte und mein Schreiben beeinflusst und verbessert. Es gibt eine Zeit vor und nach Truby, das merke ich an meinen eigenen Texten, aber auch an denen, die ich seitdem testgelesen, redigiert und lektoriert habe.

Zu den kuriosen Umständen gehört, wie ich auf Truby gestoßen bin: Ein Youtube-Video zum Thema Game of Thrones, in dem die Charakterentwicklung von John Snow in der letzten Staffel kritisch beleuchtet wurde. Der Ersteller hat Truby zitiert – und dessen Aussage hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Und mich dazu verleitet, seine Anatomy sofort zu kaufen.

Komplexität statt Schlichtheit

Zum Glück habe ich noch gut ein Jahr gewartet, ehe ich mich wirklich darangesetzt habe, es zu lesen, denn zu diesem Zeitpunkt waren die Voraussetzungen erheblich günstiger, um den vollen Nutzen aus der Lektüre zu ziehen und seinen Nachteilen zu entgehen. Es ist einer jener Momente gewesen, in dem ich mich von Schillers Götterfunken berührt fühlte: von einem Aha-Erlebnis zum nächsten!

Machwerke zum Thema Schreiben gibt es zahlreiche. Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel hat einmal – verhalten spöttisch, nehme ich an – gesagt, dass es nie verkehrt wäre, ein Buch darüber zu lesen, wie man etwas macht. Es schade selten. Ihre geniale Cromwell-Trilogie wäre aber niemals entstanden und erst recht nicht in der Form, die sie gewählt hat, wäre sie manchem wohlmeinenden Rat aus Schreibratgebern gefolgt.

But ironically, this intense spotlight on the hero, instead of defending him more clearly, only makes him seem like a one-note marketing tool.

John Truby: Anatomy of Story

Anatomy of Story von John Truby steht für das Gegenteil: Eine extrem dicht gewobene Darstellung von Bestandteilen einer guten Geschichte, die tatsächlich etwas vom analytischen und abstrakten Charakter eines medizinischen Werkes über die menschliche Anatomie hat. An dessen überbordende Komplexität reicht Trubys Buch – glücklicherweise – nicht heran.

Lesen und Schauen

Um wirklich etwas daraus mitnehmen zu können, sollte man sehr viele Bücher gelesen, viele (z.T. sehr alte) Filme gesehen und einige tausend Seiten geschrieben haben. Wer “Tootsie” nicht kennt, wird aus diesem Buch signifikant weniger herausziehen können, als jemand, der diese brillante, vierzig Jahre alte Komödie kennt. “Casablanca“? “L.A. Confidential“? Anschauen! Dann lesen und nochmals anschauen.

Gilgamesch und Enkidu? Ein einziger, kleiner Hinweis in der Anatomy, aber wer das Epos kennengelernt, also sich durch seine sperrige Form hindurchgefochten und es für sich erschlossen hat, wird diesen kleinen Hinweis nicht einfach überlesen, sondern als Gewinn empfinden: das erste Buddy-Duo der literarischen Weltgeschichte!

The strategy of using the buddy relationship as the foundation of the character web is as old as the story of Gilgamesh and his great friend Enkidu.

John Truby: Anatomy of Story

Eine Gefahr droht: Der Kreative wird zum Erfüllungsgehilfen

Es liegt in der Natur der Herangehensweise, dass eine Anatomie sehr strukturell, abstrakt und formal angelegt ist. Die Gefahr, die sich daraus für den Kreativen ergibt, liegt auf der Hand: Die einzelnen Schritte, die Truby für gutes Erzählen als essentiell hält, abarbeiten und ausfüllen wie eine Formular. Der Urheber als Erfüllungsgehilfe.

Truby selbst weist an vielen Stellen darauf hin, dass man das bitte zu unterlassen habe – doch die verlockende Sogwirkung struktureller Muster ist enorm. Ich war daher sehr froh, dass ich bereits 3.000 und mehr Seiten geschrieben hatte, bevor ich dieses Buch zu Lesen bekam. Das ist eine Art Schutz gewesen, ein dicker Panzer, der es erlaubte, die hilfreiche Wirkung der Anatomy zuzulassen, ohne in formales Schreiben abzugleiten.

Es gibt so viele Bücher, Filme und Serien, die an formalen Erfüllungswahn leiden, ja von ihm zerstört werden. Er bleibt eine vorhersehbare, für den Leser oder Zuschauer erschöpfende Abfolge von einander ähnelnden Erzähllinien angereichert mit absurden Twists. Wer sich an die von Truby vorgeschlagenen Schritte sklavisch hält, kann ebenfalls in diese Falle tappen und sollte sich besser wappnen.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Was für ein Glücksfall: Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz. Cover Klett-Cotta. Bild: Canva.

Reisen ist für gewöhnlich positiv belegt. In Corona-Zeiten hat sich daran (noch) nichts grundlegend geändert. Also könnte ein unbedarfter Leser mit Blick auf den Titel des Buches “Der Reisende” meinen, einen schönen Sommerroman zu erwerben. Am Strand oder auf Terrassen, in Cafés oder auf dem Hotelbalkon mit Blick auf den Comer See: ein schöner Zeitvertreib.

Doch das Reisen im Roman von Ulrich Alexander Boschwitz ist eine Zwangshandlung, eine Tortur. Die Hauptfigur, Otto Silbermann, fährt mit dem Zug kreuz und quer durch Deutschland – kurz nach den Novemberpogromen 1938. Der Sommer ist fern, das politische Klima im so genannten Dritten Reich bestenfalls neblig-trüb. Zwar ist ein Krieg durch das Münchner Abkommen vorerst abgewendet, den im Reich verbliebenen Juden wird aber die Luft zum Atmen genommen.

Otto Silbermann ist »Jude«.

Oder besser: Silbermann gilt als Jude, denn eigentlich will er keiner sein, wie er während seiner Irrfahrt einmal sehr offen bemerkt. Die Nationalsozialisten haben ihn zum Juden gemacht, ihm diese Identität aufgezwungen, in darauf reduziert. Das ist historisch selbstverständlich völlig korrekt und damit eine (sicherlich verhallende) Warnung für einen leichtfertigen Umgang mit identitärem Denken.

Mein Vater war Arzt, Freimaurer, Deutscher Bürger israelitischer Konfession. Der Finger Hitlers hat ihn auf seine jüdische Identität reduziert.”

Alfred Grosser, Vorwort zu John von Dippel: Die Große Illusion

Boschwitz selbst ist frühzeitig aus dem Reich entwichen, zunächst nach Schweden, später nach England. Er hat geschafft, was für die Hauptfigur des Romans unmöglich wird. Der Leser wird unmittelbar mit dem Druck konfrontiert, den der Autor am eigenen Leib erfahren hat. Für die Zurückbleibenden wurde das Leben immer schwerer, denn die Behandlung der Deutschen, die in den Augen des NS-Regimes als Juden galten, verschärfte sich von Jahr zu Jahr.

Dennoch umweht auch die Lebensgeschichte des Autors der Atem der Tragödie. Sein Roman wurde 1939 auf Englisch veröffentlicht, er selbst starb aber schon 1942 durch einen Torpedo, abgefeuert von einem deutschen U-Boot auf das Schiff, das ihn von Australien nach England zurückbringen sollte.

Boschwitz galt als enemy alien – als feindlicher Ausländer.

Wieder wurde ihm eine Identität übergestülpt, wieder wurde er darauf reduziert, wenngleich nur zeitweilig, denn er befand sich zum Zeitpunkt seines Todes auf dem Weg, sich im Rahmen der britischen Streitkräfte dem Kampf gegen den Nationalsozialismus anzuschließen.

Noch ein anderes biographisches Detail ist bemerkenswert. Boschwitz´ Vater fiel im Ersten Weltkrieg, als der Autor 1915 das Licht der Welt erblickte, war er bereits Halbwaise. Sein Vater gehört zu jenen Deutschen jüdischen Glaubens, die sich vor allem als Deutsche empfanden, der wohlhabende Kaufmann hatte auch eine Frau geehelicht, die nicht dem jüdischen Glauben anhing.

Um den Kreis zu schließen: Auch die Figur des Otto Silbermann ist sehr säkular. Er verfügt über ein “arisches” Äußeres, weshalb ihm der Aufenthalt in Deutschland oberflächlich erleichtert wird. Zum literarischen Spiel, das auf realistischen Fundamenten ruht, gehört die Abneigung und Zurückweisung jüdischer Schicksalsgenossen, die den Reisenden – Fliehenden als Juden entlarven.

Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.

Ulrich alexander Boschwitz, Der Reisende

Mich hat das Buch restlos begeistert. Ich bin voller Bewunderung über die sprachliche Souveränität des Autors, die ein Echo der Fabulierkunst vor 1945 ist. Das Thema ist unangenehm, viele Begegnungen und Begebenheit sind es. In der Figur des Otto Silbermann spiegelt sich die Entwurzelung jener, die sich als Deutsche begriffen und von dem NS-Regime zu Juden gemacht wurden.

Der Roman fesselt den Leser, zieht in mitten hinein in die Welt der ausgehenden 1930er Jahre, als der Holocaust noch undenbar schient, er verstört und macht nachdenklich. Die Grenzen sind für Silbermann und seine Schicksalsgenossen schon gesperrt, ein Umstand der unsere Gegenwart und Zukunft ebenfalls bestimmt.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende
Hrsg. von Peter Graf
304 Seiten
Taschenbuch
ISBN: 978-3-608-98154-4

John le Carré: Der Nachtmanager

Romane von John le Carré haben (oft) kein Happy-End. Wenn ein totales Desaster vermieden worden ist, hat der Leser einen blutigen Sumpf aus Verschwörungen, Machtkämpfen und üblen Folgen für einzelne Beteiligte hinter sich. Keine kleine Nacht-Musik, eher Gutav Mahler.

Es gibt für den Roman “Der Nachtmanager” eine ganze Reihe von Zugängen für interessierte Leser, aber auch Hindernisse, vor allem die hohe literarische Qualität. Die schlägt sich nicht nur in tollen sprachlichen Bildern und einem sehr solide geschmiedeten Plot nieder, sondern auch in mehreren Ebenen, auf denen sich die Erzählung entwickelt. Und – soviel darf man sagen, ohne zu spoilern: auch verwickelt.

Die Hauptfigur, Jonathan Pine, die zu Beginn als Nachtmanager eines gehobenen Hotels in das Leben des Lesers tritt, ist nicht immer im Blick, ganz im Gegenteil. Fern von Pine, geographisch, sozial und bezüglich der Macht, geraten Menschen und Apparate in Gang und beeinflussen zum Teil unheilvoll den Gang des Geschehens, das in einem lebensgefährlichen Geheimauftrag besteht.

Der Protagonist ist nur eine Wolke in der äußerst vielschichtigen Atmosphäre.

Wer so etwas mag, sich darauf einzulassen vermag, dass die Figur des “Nachtmanagers” zwar weit über das Hotelfach hinausragende Fähigkeiten verfügt, zugleich aber im Gegensatz zu James Bond & Co. sehr verletzlich ist und im Konzert der Stürme, Orkane und Zyklone manchmal ohnmächtig wie ein Nebelfetzen, kommt auf seine Kosten.

Für Thrill ist gesorgt, so viel sei versprochen. Bis zur drittletzten Seite. Wenn der Leser die erreicht, hat er eine wilde Jagd durch so unendlich viele ganz unterschiedliche Landschaften (auch politische und moralische) hinter sich, dass sich ein Hauch von Verständnis bildet, warum die Dinge sind, wie sie sind – und sich nur sehr langsam ändern. Oder eben bleiben, wie sie sind.


In seinem Vorwort macht sich der Autor auf seine Weise über den Literaturbetrieb lustig:

In der überschaubaren Welt des Literaturbürokraten muss jeder Schriftsteller seine Schublade haben.

john le Carré: Der Nachtmanager, Vorwort.

Mittlerweile habe ich die Verfilmung des Buches angesehen. Sie ist großartig. Natürlich liegt der Fokus etwas anders, das Publikum hat weniger Zeit für die im Roman subtil ausgeführten Mechanismen der Macht. Entsprechend sind sie gröber, die Drahtzieher unzweifelhaft als intrigante, kalte Technokraten ohne Gewissen dargestellt.

Doch das wird alles überstrahlt von einer brillanten Schauspielleistung, insbesondere der beiden Kontrahenten. Mir ist beim Anschauen erst wieder bewusst geworden, wie geschickt Le Carré Paine und Roper zeichnet, sie haben Schattierungen, sind fern von einfältiger Schwarz-Weiß-Malerei.

Im Gegenteil: Der Nachtmanager, der Roper hasst und aus persönlichen Motiven (und eigenem Versagen) diesem an den Kragen will, mag ihn eben auch und ebenso seine Rolle, die dieser ihm zuweist.

Das ist wunderbar in Szene gesetzt. Die Besetzung ist ohnehin sehr gut gelungen, gerade auch die Helfer Ropers, sind großartig. Tom Hollander zuallererst, aber auch Alistair Petrie. Sie verkörpern ihre Rollen nahezu perfekt. Mit der Besetzung von Elizabeth Debicki als Jemima „Jed“ Marshall bin ich nicht recht warmgeworden.

Alles in allem ist “Der Nachtmanager” ein doppelter Glücksfall, als Buch und als Film.

Vergiftetes Lob

Wer freut sich nicht über lobende Worte von Testlesern? Doch was, wenn dieses Lob mittelbar Kritik übt? Ein indirekter Fingerzeig auf Schwächen eines Textes ist, den man als solchen anfangs gar nicht bemerkt, berauscht von den positiven Worten?

Testleser sind nicht dafür da, einem Autor Honig ums Maul zu schmieren. Das dürfen sie natürlich und ich lobe auch immer, gleichgültig, ob als Lektor oder Testleser. Doch sollte der Testlesefokus darauf liegen, verbesserungswürdige Textstellen aufzuspüren.

Fingerzeig hinter dem Schleier

Man könnte also denken, indirekte Kritik wäre eine feine Sache. Lob und Fingerzeig in einem. Dummerweise wirkt das Lob wie ein Schleier, der sich über die Missstände legt. In diesem Sinne ist die Überschrift des Blog-Beitrages gemeint: Das Lob verhüllt nur anfänglich, wie ein Gift wirkt es irgendwann eben doch wie Kritik.

Das erlebe ich gerade am eigenen Werk.

Meine Abenteuerreihe ist faktisch fertig. Die Avantgarde-Testleserin hat Band VI gelesen (und zum Teil für dürftig befunden, womit sie  recht hat), der vierte Band ist von drei weiteren Testlesern, der dritte von noch einem durchgeforstet worden.

Tenor: Es gefällt uns immer besser.

Schön, nicht wahr? Ja! Die Sonne geht auf, der Größenwahn tätschelt die Schulter und hach – was bin ich doch gut. Erzähle mir keiner, dass ich der einzige wäre, der sich in diesen Momenten so fühlt! Menschen sehnen sich nach Anerkennung und natürlich will jeder Schreibende von seinen Testlesern hören, dass es schon irgendwie genial ist, was man zu Papier gebracht hat.

Besser heißt: Vorher war es schlechter

Doch ist das Lob vergiftet. Denn in dem “besser” steckt nämlich auch der dezente Hinweis, dass die Bände vorher offensichtlich ordentlich Luft nach oben hatten. Sie sind nämlich automatisch “schlechter”, wenn die Teile danach “besser” waren.

Natürlich kann das auch in der Natur einer Buchreihe liegen. Der Leser identifiziert sich mit den Personen, die in jedem Band auftauchen, fühlt sich beim Öffnen eines neuen Teils wie beim Betreten eines bislang unbekannten Zimmers in einem Haus, das mehr und mehr zu seiner Lese-Heimat wird. Das kann alles als “besser” empfunden werden.

In meinem Fall wurde das “besser” zum Glück auch begründet. Ich hätte viele Szenen ausführlicher gestaltet, hieß es. Im Umkehrschluss war das ein Hinweis auf unausgeschöpftes Potenzial in den ersten beiden Bänden; und tatsächlich ist das der Fall. Viele, gerade spannende Stellen, hatte ich in den bisherigen Versionen zu hastig und flüchtig abgehandelt.

Überarbeiten statt überstürzt veröffentlichen

Das habe ich ziemlich spät begriffen. Statt wie geplant den ersten Band der Abenteuerreihe schon auf den Markt gebracht zu haben, überarbeite ich ihn gerade. Aus 180 sind 250 Seiten geworden. Es gab also wirklich noch einiges zu erzählen! Bei Gelegenheit ging es noch einem dicken Logik-Fehler an den Kragen, den kurioserweise kein Testleser bemängelt hatte (vielleicht waren sie einfach zu höflich?).

Und ja: Die Buchreihe wird auch aus anderen Gründen “besser”. Sie löst sich aus der anfänglich auf den Protagonisten fokussieren Perspektive, wird komplexer, düsterer, es kommen mehr und mächtigere Personen ins Spiel, einander überlagernde Interessen, eine verwickelte Liebesgeschichte, ehe alles auf ein gewaltiges Finale hinausläuft.

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