Schreiben - Lektorieren

Monat: Januar 2022 (Seite 1 von 2)

Warum ich nicht mehr an Leserunden teilnehme

Im Jahr 2021 habe ich dreimal an einer Leserunde bei lovelybooks teilgenommen und beschlossen, dass ich das als bloggender Leser nicht mehr tun werde. Als Schreibender sieht die Sache anders aus, selbstverständlich werde ich mit meinen Büchern Lesenrunden anbieten und auf regen Zuspruch hoffen.

Ich möchte nämlich in keinem Fall das Konzept von Leserunden infrage stellen. Ganz im Gegenteil! Ich möchte dazu aufrufen, an solchen Runden teilzunehmen! Sie können für alle ein Gewinn sein! Leser haben die Möglichkeit, sich mit anderen Interessierten und dem Urheber des Buches direkt auszutauschen.

Für den Autor bietet es eine wirklich tolle Möglichkeit, sein eigenes Werk in einer interessierten und wohlgesonnenen Runde vorzustellen und einiges an Feedback zu erhalten. Das veröffentlichte Buch wird einer Feuerprobe unterzogen, ganz nebenbei gibt es auch einige Rezensionen auf den gängigen Plattformen im Internet.

Doch als bloggender Leser stehe ich unter Druck, eine Rückmeldung schreiben zu müssen, auch wenn ich das gar nicht will. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, einen Roman zu kritisieren. Allerdings ist mein Leitziel als Buchblogger, dass ich auf www.schreibgewitter.de ausschließlich solche Bücher vorstelle, die ich für lesenswert halte.

Bei Leserunden wird man als Teilnehmer immer wieder auf ein Buch stoßen, an dem es so viel auszusetzen gibt, dass man es nicht weiterempfehlen kann und will. Trotzdem besteht eine gewisse Verpflichtung – ein Zielkonflikt, den ich 2021 einmal erlebt habe. Es war eine für mich sehr unangenehme Situation, auch weil ich einen Erstlingsautor ganz bestimmt nicht öffentlich mit Kritik überhäufen möchte!

Letztlich habe ich die Rückmeldung gelöscht.

Die beiden anderen Teilnahmen waren hingegen wirklich toll, der Austausch mit Autor und anderen Lesern, ihre Beiträge zu dem Buch fand ich gewinnbringend. Die beiden Bücher sind in meiner Buchvorstellungsreihe Lesen! untergekommen, denn ich halte sie für absolut lesenswert.

Insofern ist es auch ein Verlust, nicht mehr an Leserunden teilzunehmen. Aber mir ist das Risiko zu groß, noch einmal in eine solche Konfliktlage zu geraten. Daher übe ich mich in Enthaltsamkeit.

Donna Tartt: Der Distelfink

Wenn Theo Decker, die Hauptperson des Romans, zu Beginn der Erzählung diesen Punkt erreicht hat, in Amsterdam festsitzt und darüber nachdenkt, dass er von seiner Mutter geträumt hat, liegt ein Höllenritt hinter ihm. Der Leser des großartigen Romans wird ihm dabei über viele hundert Seiten folgen, geleitet von der wunderbaren Sprache Donna Tartts.

Tatsächlich habe ich eine gewisse Scheu gehabt, „Der Distelfink“ zu lesen. Mancher hochgelobter amerikanischer Schinken entpuppte sich in der Vergangenheit als Ausbund manierierter Geschwätzigkeit, selbstverliebt und in gewisser Weise hohl. Derartige Bücher zu lesen ist für mich ebenso anstrengend wie unangenehm. Ein pelziges Gefühl der Zeitverschwendung bleibt zurück.

Ganz anders Tartts Meisterwerk. Zum Glück habe ich mich doch überwunden und zum Hörbuch gegriffen: Eine Wahl, die sich als goldrichtig entpuppte, denn Matthias Koerberlin liest fantastisch. Die Personen, die Theos Welt bevölkern, bekommen allein durch seine Stimme Charakter. Die ersten Wochen des Jahres 2021 waren geprägt von diesem großartigen Hörgenuss.

Es passierte in New York, am 10. April, vor vierzehn Jahren. (Sogar meine Hand sperrt sich gegen das Datum. Beim Schreiben musste ich Druck ausüben, damit der Stift sich weiter über das Papier bewegte. Es war ein völlig normaler Tag, aber jetzt ragt er aus dem Kalender wie ein rostiger Nagel.)

Donna Tartt: Der Distelfink

Tartt verfügt über ein schier unerschöpfliches Vermögen, sprachliche Bilder zu kreieren und Charakteren Gestalt und Tiefe zu geben. Außerdem nutzt sie dezente Vorausdeutungen, ein Muster, das sie im Laufe der Handlung selbst durchbricht, was einem schönen, unerwarteten Twist am Ende des Buches wirkungsvoller macht.

Wie das Zitat schön zeigt, leidet Theo an einem Trauma; das Bild eines rostigen Nagels im Kalender ist brillant und nur ein klitzekleines Beispiel von Tartts Sprachkunst.

Der erste Satz des Romans deutet bereits an, wer die Person ist, an der sich dieses Trauma festmacht. Die Stimmung, die in den Abschnitten auf dem Weg zur Katastrophe eingefangen wird, wirkt auf mich wie ein Echo von 9/11, heruntergebrochen auf ein individuelles Schicksal. Eine Welt zerbricht und mit ihr die Selbstverständlichkeit des Daseins.

Sie hatten überhaupt nichts Bedrohliches an sich, im Gegenteil, sie waren beruhigend rundlich, von mittlerem Alter und gekleidet wie zwei Aushilfslehrer, aber obwohl sie beide ein freundliches Gesicht machten, wusste ich im selben Augenblick, dass mein Leben, wie ich es kannte, vorbei war.

Donna Tartt: Der Distelfink

Theos langer Weg von jenem traumatischen Erlebnis zu einer lebensfähigen Existenz, gewunden, reich an dunklen Pfaden und aus bürgerlicher Sicht höchst tadeligem Verhalten, wird von einigen außerordentlich gelungenen Figuren begleitet. Vor allem Boris, nach eigenem Bekunden der beste Freund des Helden, ist ein Geniestreich der Autorin.

Trotz des gewaltigen Umfangs des Romans sind es nicht mehr als sechs, sieben wirklich wichtige Personen, die umschwirrt von einem Schwarm Nebenfiguren Theos Leben begleiten und beeinflussen. Er findet Freunde, verliert sie wieder aus den Augen, trifft sie erneut, verändert und für die Erzähldynamik ungeheurer belebend.

Der Buchtitel geht auf ein Bild zurück, das den Vogel zeigt. Es ist das Leitsymbol der Handlung und begleitet die Hauptfiguren und den Leser bis zum Ende der Geschichte. In ihm bündeln sich viele Motive und Handlungsfäden, zum geringen Teil künstlerischer, zum größeren wirtschaftlicher bzw. krimineller Natur.

In dem nüchternen Zimmer mit seinen zartweißen Rigipswänden erwachten die gedämpften Farben zum Leben, und obwohl die Oberfläche des Gemäldes von einer geisterhaft zarten Staubschicht bedeckt war, atmete darin die Stimmung aus lichtdurchfluteter Luftigkeit einer Wand, die einem offenen Fenster gegenüberlag.

Donna Tartt: Der Distelfink

Denn „Der Distelfink“ ist neben vielem anderen auch eine sehr spannende Geschichte. Der Anfang wirkt etwas konventionell, wenn Theo in einem Hotelzimmer hockt und der Leser danach weit in die Vergangenheit geschickt wird, in der jener Weg beginnt, der den Protagonisten in eine irrwitzige Zwangslage geführt hat.

An einer Stelle stürzt das Buch ab wie ein Flugzeug mit Strömungsabriss, denn diese Zwangslage basiert auf einem Umstand, der völliger Nonsens ist, zumindest in jenem vereinten Europa, das wir (noch) bewohnen. Für wenige Seiten wird der Geschichte das logische Fundament entzogen.

Zum Glück fängt sich die Erzählung rasch wieder und der selbst schreibende Leser registriert halb erleichtert, halb erstaunt: So etwas kann auch einer herausragenden Autorin passieren und dem geschärften Lektoratsauge entgehen.

Als Leser kann man getrost darüber hinwegsehen und sollte sich unter keinen Umständen von der Lektüre abhalten lassen. Andernfalls entgehen einem sprachliche Schmuckstücke voll spöttischer Boshaftigkeit, die gelegentlich Nazi-Bilder aufgreifen, was sich für einen deutschen Autor noch immer verbieten würde; in „Der Distelfink“ aber eine enorme Wirkung entfaltet – wie im Falle des „Hochzeits-Obergruppenführers„.

Es war Anne de Larmessin, die genau den richtigen Designer für das Hochzeitskleid engagiert hatte, die ihr Anwesen in St. Barth´s für die Flitterwochen angeboten hatte, bei der Kitsey anrief, wann immer Kitsey eine Frage hatte (was mehrmals am Tag vorkam), und die sich (wie Toddy es formulierte) fest als Hochzeits-Obergruppenführer etabliert hatte.

Donna Tartt: Der Distelfink

Das Buch ist – wenig verwunderlich – verfilmt worden. Ich habe den Streifen nicht gesehen und werde es auch nicht, um die Bilder zu schützen, die ich mir selbst von den Personen, Umständen und Ereignissen gemacht habe.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Der Autorin Antje Rávik Strubel ist mit ihrem Roman „Blaue Frau“ das Kunststück geglückt, ein individuelles Schicksal mit dem komplexen Netz zu verweben, das die Lebenswege in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bestimmt. Das macht den preisgekrönten Text zu einem Glücksfall, denn Strubel hätte auch den viel leichteren Weg gehen und sich auf eine einzelne Erzähl-Linie beschränken können. Das hätte „Blaue Frau“ allerdings um einen erheblichen Teil ihres  Wertes beraubt.

Wie an den vielen kritischen, ja wütenden Reaktionen auf den Roman zu sehen, wurden die Erwartungen von Teilen des Lesepublikums verfehlt. Ich spreche hier nicht von den Troll-Horden, die pöbelnd über „Blaue Frau“ herfallen und aus unterschiedlichen Gründen darauf einprügeln. Es geht um jene, die das Buch auf der Suche nach eng begrenzten Motiven gelesen haben: starke Frau, MeToo-Anklage oder (justiziale) Rache.

1968 trugen Demonstranten in Frankfurt und Paris stolz jene Köpfe auf Transparenten durch die Straßen, die dafür verantwortlich waren, dass in Prag auf Demonstranten geschossen wurde.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Diese Dinge finden sich in dem Roman, allerdings eingebettet und verstrickt mit politischen, historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten. Nicht wenigen erscheint das offensichtlich als abschweifend, ihre herbeigewünschte Hauptsache von Nebensächlichkeiten erstickt. Dabei gibt es in diesem Buch keine Nebensächlichkeiten, alles hängt miteinander zusammen und beeinflusst sich gegenseitig.

Die Alternative wäre ein eindimensionaler Hollywood-Helden-Schwank gewesen, der die Hauptfigur Adina oder vielleicht Kristiina, die tapfere Aktivistin und Parlamentsabgeordnete, eine Art Rachefeldzug zu einem erfolgreichen Ende führen lässt. Zum Glück ist Strubel dieser Versuchung nicht erlegen, sondern den schwereren Weg gegangen, ihre Personen mit Schwächen und Schattenseiten auszustatten. Ihre Hauptfigur ist in vielerlei Hinsicht sperrig. Und das ist auch gut so.

Wir haben zwei Realitäten innerhalb der EU, die auf gegensätzlichen Erinnerungsregimen beruhen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina kämpft nach dem traumatischen Erlebnis eines sexuellen Übergriffs und der abermaligen Begegnung mit ihrem Peiniger mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit. Und doch will sie nicht aussagen vor Gericht, sich nicht auf das Spiel einlassen, das mit der Öffentlichkeit gespielt werden könnte, um dem Übeltäter zu schaden.

Auf  den ersten Blick könnte man annehmen, sie wolle sich nicht helfen lassen, auf den zweiten stellt sich die Frage, ob sie sich nicht einspannen lassen will in die Denk- und Handlungsweise ihrer Helfer, der dritte richtet das Augenmerk auf strukturelle Faktoren, die einen Gang vor Gericht problematisch, wenn nicht sinnlos machen.

Die Autorin geht dabei äußerst geschickt vor. Die Frage, wem das Helfen hilft, wird in anderem Zusammenhang früh im Buch aufgeworfen. Leonides, Vorkämpfer für Menschenrechte, meint, dass eine Gabe immer auch für den Gebenden hilfreich sei. Später wird dieser Zusammenhang immer wieder angedeutet, diejenigen, die sich für Adina einsetzen, tun dies immer auch in eigenem Interesse.

Das wiederum ist ihrem Weltbild, ihren Erfahrungen, ihren Zielen und den Mitteln geschuldet, die sie anwenden, um sie zu erreichen. Und es heißt nicht, dass es schlecht oder unlauter wäre. Derart differenziert und vielschichtig ist „Blaue Frau“.

Die Frage ist, welche Hände Leonides gewaschen hat, ob er zur Verteidigung der Menschenrechte die Hände derjenigen waschen muss, die diese Rechte verletzen. Auch wenn es sich um eines der elementarsten Rechte handelt, das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina könnte auf diese Weise selbst zu einem Mittel werden, mit dem ein Zweck erreicht werden soll, verweigert sich aber. Sie ist keineswegs passiv, sondern tritt trotz ihrer prekären Lage mit Gesten der Stärke auf. Am Ende greift zu einem eigenen, sehr persönlichen Mittel, das im Verlauf des Romans motivisch wunderbar vorbereitet und auf das Finale hingeleitet worden ist.

Auch für Helfer ist das Helfen nicht einfach, weil diejenigen, denen sie helfen wollen, sehr eigene, widersprüchliche Vorstellungen haben. Das kann für den Leser unangenehm sein, wenn er aus seinen bequemen Selbstverständlichkeiten gescheucht wird. Vor allem aber wird klar, wie wenig sich für Opfer sexualisierter Gewalt innerhalb des bestehenden Justizsystems die eigenen Rechte durchsetzen lassen. Ein Sieg vor Gericht würde den Roman zu einer romantisierenden Farce degradieren.

Dabei habe ich mehr und mehr verstanden, wie wenig Fälle überhaupt angezeigt werden, und das liegt daran, dass so wenig verurteilt werden. Aber auch, was es für eine Hürde für eine Frau ist, der so etwas passiert ist, vor Gericht auszusagen.

Antje Ravik Strubel im Interview

Zu den Stärken des Romans gehört seine Struktur. Adinas Weg wird in vielen Schleifen und Rückblenden erzählt, er ist verschlungen und gewunden, die zahlreichen zeitlichen Sprünge machen die Lektüre für meinen Geschmack richtig interessant und lohnenswert, denn so können Aspekte einander gegenübergestellt oder miteinander verknüpft werden, die zeitlich oder geographisch bei einer rein linearen Erzählweise getrennt bleiben müssten.

Aus den Lesermeinungen ist deutlich abzulesen, dass das von vielen als zu komplex empfunden wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass wesentliche inhaltliche Teile, politische-historische Aspekte wie die bleierne Besetzung Osteuropas durch die Sowjetunion oder die Ignoranz des Westens gegenüber den Verbrechen gegen die Bevölkerung als Nebensächlichkeiten wahrgenommen werden?

Es geht ums Gehörtwerden, Sichtbarmachen von Schicksalen, die allzu schnell abgetan werden mit Worten wie Wirtschaftsmigranten. Zu diesem Bedürfnis gesellt sich jenes, zur Gesellschaft dazuzugehören und respektiert zu werden. Denn „Blaue Frau“ ist auch eine Migrationsgeschichte, mit weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln.

Und wenn ihr die jungen Frauen mit Schirmkappen auf Deutsch antworteten und nicht auf Englisch, nahm ihr das Glück fast die Luft. Sie merkten nicht, dass Adina keine Einheimische war. Für sie gehörte Adina dazu.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Wer den Klappentext des Romans selektiv gelesen, sich nur von Schlüsselworten wie „unsichtbar gemacht“ oder „aufwühlend“ angesprochen gefühlt oder „Blaue Frau“ als lautes MeToo – Pamphlet gekauft hat, dürfte enttäuscht und vielleicht auch überfordert gewesen sein. Es ist auch nicht angenehm zu lesen, dass Gerichte nicht für Gerechtigkeit existieren, außer in amerikanischen Filmen, mit ihren heroischen Schlachten unter dem Schwert der Justizia. Aber nicht zuletzt das macht den Wert von „Blaue Frau“ aus.

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Es fällt nicht leicht, eine passende Begrifflichkeit für diesen Roman zu finden. Epos ist treffend, aber auch etwas abgeschmackt. Monster erscheint zu negativ, obwohl das Monströse des Lebens zwischen faschistischem Amboss und stalinistischem Hammer eine wesentliche Rolle spielt.

Außerdem fiele dabei unter den Tisch, wie die beiden Protagonisten aus ihrer eigenen, zum Teil lichteren Vergangenheit berichten, während sie in einem der unzähligen sowjetischen Gulags ihr Dasein fristen. Denn „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching ist nur zu einem (großen) Teil Lagerliteratur und spielt in der menschenverachtend brutalen, absurden Welt der Zwangsarbeitscamps.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Bergwerk nannte es die Süddeutsche Zeitung – eine Notlösung, die immerhin den Vorzug hat, Dimension und Unerbittlichkeit des Inhalts anzudeuten. Viele andere Reaktionen nutzen ein feuilletonistisches Vokabular, das viel zu meinen scheint, in diesem Fall eher hilft, eine gewisse sprachliche Hilflosigkeit zu überdecken.

Der Roman hat mich in seinem Ausmaß überwältigt und gefesselt, zum Weiterlesen getrieben, wie es nur außergewöhnliches Erzählen schafft. Während des Lesens habe ich das Bedürfnis gespürt, „Schermanns Augen“ gleich nach dem Ende noch einmal von vorn zu beginnen. Eine Seltenheit.

„Wäre das die Wahrheit, müsste am Ende alles falsch sein. Das ganze Land. Nur Theater.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Der Klappentext von Schermanns Augen hat mich dabei gar nicht so sehr angesprochen. Rafael Schermann, titelgebender Protagonist, ist Psychographologe, der – boshaft formuliert – Handlesen aus der Schrift betreibt. Wahrsagerei aller Art, Spintisieren sind mir zuwider, ich mag keine Clowns, auch nicht jene, die mit Glaskugel, Kaffeesatz oder Handlinien hantieren. Und auch Schermanns Ansatz, aus der Schrift Dinge herauszulesen, die Auskunft über die Persönlichkeit ihres Urhebers zulassen, ist mir nicht geheuer.

Doch hat der Autor Steffen Mensching einen gestalterischen Geniestreich vollbracht und Schermann den in Stalins Schattenreich geflohenen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn als zweiten Protagonisten zur Seite gesellt. Im Paradies der Arbeiter und Bauern macht dieser bald einschlägige Erfahrungen mit dessen real existierendem Unterdrückungs- und Vernichtungsregime.

„Du, Otto Haferkorn, bist dagegen nur ein Stück Scheiße.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Eine Buddy-Geschichte entfaltet sich, ein gläubiger Materialist und ein von allem naiven Glauben längst abgefallener Schriftdeuter werden von den Umständen, dem Zufall und dem Kommandanten des Lagers Artek zusammengezwungen und müssen sich in der lebensfeindlichen Umwelt behaupten.

Ein wundervolles Setup für unendlich viele Erzählungen innerhalb der Geschichte, kurze und weite Schleifen in die Vergangenheit und Fingerzeige auf die hanebüchene Zeit und ihre fürchterlichen Folgen für die Menschen, die das Unheil erdulden mussten.

Mit ungeheurer Eindringlichkeit erlebt der Leser den Beginn des Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen im September 1939. Mensching schildert die Ereignisse in den Tagen vor und nach Kriegsbeginn aus der Sicht Schermanns, der versucht, sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch wo gäbe es so etwas wie Sicherheit in einem Land, das nur noch wenige Wochen existieren sollte?

„Treffen sich zwei Juden auf der Brücke nach Przemysl, in der Mitte des Flusses, der eine läuft nach Osten, der andere nach Westen, rufen sich beide im Chor zu: Meschuggener, spring doch gleich ins Wasser, du rennst in dein Unglück.“

steffen Mensching: Schermanns Augen

Auch die Flucht in den Osten Polens, in den Stalins Rote Armee einmarschiert ist, bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Hüben wie drüben beginnt für die Menschen in dem ausgelöschten Staat, nicht nur für die Juden, jahrelanges Leid. Für Schermann und seine Frau war es zu spät für eine Flucht und und sie landen im sowjetischen Lagersystem, werden getrennt und Schermann spült es in das Lager Artek.

Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf Erfahrungen, die gegenwärtig so viele Menschen rund um die Welt machen – die Ablehnung und völlige Ignoranz ihrem Leid gegenüber eingeschlossen. Die Stimmung, das Chaos, Verzweiflung und jener unendlich gestufte Strauß an einander ausschließenden Hoffnungen entfalten eine gehörige Wucht. Wie schnell eine Welt zerbrechen kann, die eben noch unzerstörbar schien!

An einigen Stellen gibt es zu viel Schlagsahne. Eine zu große Masse an Namen, ein etwas zu ausschweifender Rückblick, der zu weit vom Geschehen fortlenkt und den Leser aus dem Erzählstrom wirft. Es wäre nicht nötig gewesen, so weit ins Detail zu gehen, um die Welt, die schon zwischen 1914 und 1918, aber endgültig nach 1939 untergegangen war, mit dem Dasein in der sowjetischen Lügenwelt zu kontrastieren.

„Der Feldscher würde, ohne mit der Wimper zu zucken, den Totenschein ausfüllen. Exitus durch Schwächung der Herzmuskulatur. Das Standardbulletin. Passte bei Typhus, Ruhr, Pellagra, Wundbrand, Schädelfrakturen, Quetschungen, inneren Blutungen, Schussverletzungen, auch bei Würgemalen am Hals.“

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Im Lager geht es zu, wie es in allen Lagern rund um den Erdball zugeht, mit einer unverkennbar landestypischen Note, in diesem Fall der stalinistischen. Häftling Otto steht oft ohne Erklärungen oder bestenfalls mit einem bunten Strauß von Vermutungen und Zweifeln im Angesicht von Entwicklungen in- und außerhalb der Stacheldrahtzäune.

Gerüchte, Vermutungen und Geschwätz ersetzen Wissen oder gaukeln es vor, hilflose Machtspielchen der Ohnmächtigen. So erfahren die Häftlinge erst zwei Wochen nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion von dem Überfall.

Inmitten dieser menschenverachtenden Welt hat Mensching jene kostbaren zwischenmenschlichen Ausnahmen eingestreut, von denen die Erinnerungen vieler Lagerinsassen zeugen. Auch das macht „Schermanns Augen“ zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis.

„Schermanns Augen“ ist ein wundervolles Spiel mit dem Begriff der Lüge. Das gesamte stalinischte Sowjetreich basierte auf ideologischen „Wahrheiten“, die in einer Flut von verlogenen Begriffen über die Menschen niederging und ihre Lebensrealität in einem erbarmungslosen Unterdrückungs-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitssystem verhöhnten. Schermann ist eigentlich ein „Lügner“, ein Gaukler, der jedoch so oft die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt.

Birgit Constant: Der Krieger des Königs

Die Landung des späteren Königs Wilhelm von der Normandie in England im Jahre 1066 gilt als einschneidendes Ereignis in der Geschichte Britanniens. Es wird gemeinhin als das letzte erfolgreiche Invasionsunternehmen gegen die Insel gesehen; oft auch als das einzige neben Caesars, womit man Knut den Großen geflissentlich übergeht.

Dramatisch und aus angelsächsischer Sicht tragisch ist, dass der Niederlage ihres Königs bei Hastings ein epochaler Sieg gegen die Wikinger vorangegangen war, wobei – ironischerweise – Wilhelms Normannen selbst starke Nordmann-Wurzeln besaßen. Die Folgen der Invasion und beginnenden Herrschaft waren für die Angelsachsen drastisch, wie der Leser von der ersten Seite an erfährt.

Umstürzende Ereignisse

Denn er wird mitten hineingeworfen in lebensumstürzende Ereignisse, die Tod und Verderben über Verwandte und Freunde des Protagonisten Oswulf bringen. Sein Leben wird aus den Angeln gehoben, Pläne, Absichten und Hoffnungen zerstäuben an einem einzigen Tag. Für ihn und seine angelsächsischen Zeitgenossen ist die Invasion umwälzend wie der Einschlag eines Kometen.

Selbst in der Stille der Nacht dröhnte in meinen Ohren der Lärm aus Schreien, den dumpfen Aufschlägen der Waffen auf hölzernen Schilden und dem Klirren von Metall auf Metall.

Birgit Constant: Der Krieger des KÖnigs

Von Anfang an setzt die Autorin Birgit Constant darauf, den Leser mit der Fremdheit der lange vergangenen Welt zu konfrontieren. Am auffälligsten ist die Verwendung der Sprache, die zunächst den Lesefluss herausfordert, dann immer mehr zum organischen Teil der fernen, fremden Welt wird.

Schöne Details, wie dünnflüssiger, bockiger Getreidebrei anstelle der aus Filmen so vertrauten, brutzelnden Fleischbrocken als Mahlzeit oder die Namen der handelnden Figuren verleihen dem Geschehen viel Authentizität. Es ist eine gnadenlose Welt, garstig und fern aller Mittelalterromantik, in der sich Oswulf behaupten muss.

Große Spannung bis zum Schluss

Die Erzählung ist sehr spannend, wobei die Autorin dankenswerterweise auf wüste Loki-Twists verzichtet. Überraschende Ereignisse und Wendungen gibt es genug und sie sind gut motiviert und fest verwurzelt in der Grundspannung des Buches, ob es dem Angelsachsen Oswulf gelingt, in der normannisch beherrschten Welt ein Leben zu gewinnen.

Vertraue nie einem Wikinger!

Birgit Constant: Der Krieger des Königs

Die Geschichte ist in der Ich-Erzählhaltung verfasst, die im ersten Teil des Romans an wenigen Stellen etwas verschwimmt, was den Leser irritieren kann, eben weil die Autorin damit sonst sehr sorgfältig umgegangen ist.

Das gilt auch für manche Dialoge, bei denen die Redenden recht ausführlich sprechen, während um sich um sie herum dramatische und lebensbedrohliche Ereignisse vollziehen. Aber das sind Kleinigkeiten gemessen an dem Spaß, den es macht, das Buch zu lesen und Oswulfs Schicksal mitzuerleben.

Eine Sache hat mir ganz besonders gefallen: In den Orten des Landes leben Angelsachen, Wikinger und die neuen normannischen Herren dicht beieinander, mit allen Vorurteilen und Konflikten, die das mit sich bringt; aber auch dem gedeihlichen, friedlichen Miteinander.

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