Schreiben - Lektorieren

Monat: März 2022

Lesemonat März

Noch immer ist Krieg. Wie in allen umwälzenden Momenten gibt es den Punkt, an dem der Schock weicht und das sanfte Ruhekissen der Gewöhnung einlädt, sich zu betten. Leider wird dieser Krieg das nicht lange zulassen. Das Wort „Eskalation“ ist eine Sache, wir sind längst wesentlicher Bestandteil dieser Auseinandersetzung.

Wenigstens als Ziel von Desinformation und Fake News, aber auch durch mittelbare Wirkungen wirtschaftlicher Natur, dem Schrecken, den die fürchterlichen Verwüstungen, die unzähligen Toten, das namenslose Leid hinterlassen. Und ich würde nicht darauf wetten, dass es nicht doch zu einer direkten Konfrontation von Nato und Putins Vernichtungskriegrussland kommen wird.

Literatur kann ein Ruhekissen sein, ich mag solche Bücher nicht allzu gern, lasse ich mich doch lieber bewegen von ihren Inhalten. Wie von „Propaganda“ und „Winterbergs letzte Reise“, die mich beide auf unterschiedliche Weise ganz besonders angesprochen haben. Die Highlights in diesem Lesemonat.

Eric Vuillard: Der Krieg der Armen

Die Flammen der Wut über die Ungerechtigkeiten der Welt schimmern durch die Zeilen dieses sehr knappen Buches, das Thomas Müntzer zum Thema hat – oder besser gesagt: seinen Krieg für eine bessere Welt und gegen jene, die sich ihr entgegenstellen. Interessant fand ich seine Vorläufer, gewalttätige Erhebungen in England und Böhmen. Und die Frage: Was hat es gebracht?

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Zum Glück folgen viele Schriftsteller nicht den Ratpfaden aus Schreibratgebern. Andernfalls wäre dieser Roman nie entstanden und ich eines großen Leseerlebnisses beraubt worden! Ein Buddy-Gespann macht sich auf eine Tour durch Mitteleuropa, das heutige Tschechien, Österreich, Kroatien zurück nach Deutschland. Doch ist es eine Reise durch die Vergangenheit, denn der Reiseführer stammt aus dem Jahr 1913! Lange Episoden werden daraus zitiert und mit Gegenwart und persönlicher Vergangenheit sowie viel weiter zurückreichenden Ereignissen verwoben. Ja, das ist groß. Manchmal etwas anstrengend; aber groß!

Norman Davies: George II.

Der Untertitel gibt den entscheidenden Hinweis: Ein deutscher Fürst auf dem britischen Thron. Das historische Sachbuch bietet eine außergewöhnliche Perspektive, nämlich die Personalunion der Welfen (bzw. eines Zweiges) mit dem britischen Thron. Wer weiß heute noch davon, wenn er auf Welfenschlösser stößt, etwa in Hann. Münden, wenn dort ein Jugend Musiziert Preisträgerkonzert veranstaltet wird? Gern hätte ich noch mehr aus diesem Buch erfahren, es ist für meinen Geschmack etwas knapp ausgefallen. Dafür kann man sich im Handumdrehen einen erneuerten historischen Standpunkt aneignen.

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Ein Besteller mit bitterem Beigeschmack! Während das schmale Road-Movie-Büchlein die Bestsellerlisten eroberte, erhielt der Autor die Nachricht, an einem nicht heilbaren Glioblastom zu leiden. Eine horrende Vorstellung! Tschick ist – anders als „Sand“ – davon inhaltlich mehr oder weniger unberührt, ein leichtes, komisches, wunderbares Buch. Herrndorf hat es geschafft, wesentliche gesellschaftliche Probleme in ein Roadmovie einzuflechten und ohne faustisch-deutsche Eisenbeißerei zu erzählen. Er variiert den Tonfall, beißender Spott und Selbstironie wechseln sich ab mit garstigen Bemerkungen zu Personen, denen die Hauptfiguren begegnen. Zartbesaitete könnten sich getriggert fühlen. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ hat Herrndorf ein Kapitel veröffentlicht, das dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Nicht nur deswegen ein Grund beides zu lesen oder zu hören. Und „Sand“ gleich mit dazu!

Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas

Kennen Sie Sébastien Vauban? Nein? Nun, er war das Genie des Festungsbaus! Wenn Sie durch Europa reisen und alte Städte besichtigen (gibt es „junge“ Städte in Europa?), die ihre Wälle nicht geschliffen haben, dann könnten Sie eines seiner Bauwerke oder eines von seinen Ideen beseeltes besichtigen. Sternfestungen gibt es rund um den Erdball, wie ich nicht zuletzt bei der Recherche zu meiner Abenteuerreihe feststellen musste. In Piñols Roman erfährt der Leser eine Menge über derlei Festungen und wie man sie belagert. Für mein Empfinden hat der Autor eine gute Lösung gefunden, Infodump zu vermeiden. Zu den großen Nachteilen gehört bedauerlicherweise die Hauptfigur, die sich über viele hundert Seiten allzu treu bleibt und nicht entwickelt. Das macht den Roman wesentlich weniger lesenswert.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Was für ein tolles Buch! Mir hat „Risiko“ von Kopetzky schon gefallen, „Propaganda“ übertrifft es auf ganzer Linie, nicht zuletzt wegen seiner inhaltlichen Vielschichtigkeit und den zahlreichen Zeit- und Ortssprüngen. Es ist anspruchsvoller erzählt und bietet dem geneigten Leser einen Zugang zu Facetten deutscher Geschichte, die nicht wirklich im Fokus stehen; aber eben auch solche der US-Historie, wie zum Beispiel den Rassismus in der US-Armee während des Zweiten Weltkrieges. Schon mal etwas vom „Crazy Nigger Highway“ gehört? Nein? Hatte ich auch nicht. Das Episödchen beleuchtet wunderbar das Widersprüchliche im US-Befreiungskrieg gegen das Nazi-Reich, und ist doch nur eine flüchtige Randerscheinung. Ganz große Leseempfehlung!

Sarah Blacke: Darling, I fancy you

Die Regel: Ich lese weder Romance noch Young Adult. Hier ist eine Ausnahme. Am Anfang stand ein Zufall, der mich dazu gebracht hat, in diesem fremdartigen Genre zu wildern. Es wird eine Ausnahme bleiben, doch was wäre das (Lese-)Leben ohne Abwechslung? „Darling, I fancy you“ lässt den Leser zwei  Menschen bei ihren (bisweilen sehr expliziten) Liebeshändeln über die Schulter blicken. Die Autorin hat einen angenehm unaufgeregten Tonfall gefunden, frei von schwülstigem Gefühlskitsch. Sehr gelungen ist die Verwendung der Sozialen Medien als Mittel der Kommunikation. Was mich am meisten angesprochen hat, ist die völlige Fremdheit der Personen und ihrer Lebensumwelt. Man muss nicht mit der Enterprise in die unendlichen Weiten aufbrechen, Miami und New York reichen, manchmal auch Köln.

Thomas Vogtherr: Die Welfen

Wann immer mein Nachwuchs an „Jugend Musiziert“ teilgenommen hat, folgte ein so genanntes Preisträgerkonzert. Oft sind wir nach Hann. Münden gefahren, wo die Veranstaltung im „Welfenschloss“ stattfand. Eigentlich wäre das Grund genug, sich mit der Familiengeschichte einmal auseinanderzusetzen, doch ich habe noch einen: Sie erinnern sich? Ich habe eine Biographie über den König und Kurfürsten George II. gelesen. Der ist ebenfalls ein Welfensprössling, was mir bis dahin entgangen war, obwohl ich von der Personalunion zwischen „Hannover“ und „London“ wusste. Und die Familie der Welfen hat tatsächlich noch sehr viel mehr zu bieten, wie es im Untertitel heißt: schon im Mittelalter!

Verzettelwirtschaft

Es ist mal wieder soweit: Ein Manuskript ist beendet. Jetzt steht das an, was ich „Verzettelwirtschaft“ getauft habe. Mein sehr spezieller Umgang mit Notizen.

Wie in jeder Schriftstellerexistenz halten sich Gedanken und Ideen nicht an Arbeitszeiten oder Projektplanung. In koboldiger Manier tauchen sie einfach auf – und verschwinden auf dem Friedhof der Ideen, wenn man sie nicht irgendwo bannt. Dafür ist ein Notizbuch eine schöne Sache, egal ob digital oder analog. Und natürlich Post-It-Zettelchen.

Soweit, so normal.

Meine Notizen werden nicht zeitnah verarbeitet, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil: Post-It-Zettel kleben an der „gelben Wand“ im Rücken meines Schreibtisches, unberührt, bis ich die wenigstens Rohfassung des Manuskriptes abgeschlossen habe. Erst dann wende ich mich ihnen zu und schaue, ob ich etwas Verwertbares notiert habe. Das gilt auch für die Aufzeichnungen in den Notizbüchern.

Die „gelbe Wand“ im Rücken meines Schreibtisches.

Überraschend oft sind die Ideen, die so festgehalten wurden, längst im Text enthalten, nicht selten weiterentwickelt bzw. mit anderen verschmolzen; andere sind wertlos oder von der Entwicklung des Plots überholt worden. Manche erinnern mich tatsächlich an Versäumnisse, ergänzen oder vertiefen Textstellen und sehr wenige regen zu neuen Abschnitten oder ganzen Kapiteln an.

Diese Vorgehensweise hat aus meiner Sicht den Vorzug, dass der Text organischer, fließender geschrieben wird, weniger unterbrochen durch eine eher bürokratische Aufgabe, wie dem Abgleich mit unleserlichem Gekritzel auf Zettelchen. Schreiben ist für mich eine Tätigkeit unter Hochspannung – „Schreibgewitter“ habe ich nicht umsonst als Motto meiner Webseite gewählt.

Zettelwirtschaft raubt die Schreib-Spannung. Zumindest fürchte ich das. Ich möchte im Schreibfluss bleiben. Außerdem ist in diesem Fall das Verschieben kein Problem, denn meine Erfahrung zeigt:

Die Mehrzahl der Notizen auf den Zetteln sind gar keine echte Erinnerungsstütze, sondern eine Hilfe für die Weiterentwicklung von Gedanken. Einmal aufgeschrieben ist dieser aus dem Bewusstsein entfernt und kann unterbewusst weiterverarbeitet werden. Das Schreiberhirn steht nämlich selten still, irgendwo tief darinnen werkelt immer etwas.

Lesemonat Februar

Mir fällt es aktuell schwer, über Literatur zu schreiben. Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich persönlich zwar nicht überrascht, das hat sich seit Jahren angekündigt, doch fressen das Geschehen dort, die verlogene Brutalität des Regimes, seiner Trolle und Liebediener rund um die Welt meine Aufmerksamkeit. Trotzdem ein Rückblick:

Der zweite Monat des Jahres hat eine Reihe von tollen Lese- und Hörerlebnissen gebracht, ein Buch wird es in die besten Bücher des Jahres 2022 bringen.

Wolfgang Herrndorf: Sand

Ein Geniestreich, den ich gern besonders hervorheben möchte. Eine derart wilde, brutale, konsequent exekutierte und kaum zu ertragende Mixtur habe ich sehr lange nicht mehr gelesen. Es enthält so viele Echos, angefangen von Herrndorfs tödlicher Erkrankung bis hin zu einem anachronistischen Widerhall des 9/11 und Amerikas Weg in die Dunkelheit.

Eine ausführliche Buchvorstellung gibt es hier.

William Shakespeare: Romeo und Julia

Eigentlich fällt es mir schwer, den Namen „Shakespeare“ zu verwenden, denn ich gehöre zu den Oxfordianern, seit ich Kurt Kreilers „Der Mann, der Shakespeare erfand“ gelesen habe. Er hält Edward de Vere, den Earl of Oxford, für den eigentlichen Urheber. Weniger Probleme hatte ich , das Drama um die beiden Verliebten aus Norditalien mit Genuss zu lesen. Zwar sind einige Wendungen so abrupt, dass literarisches ESP nötig ist, um nicht aus der Kurve zu fliegen, dafür wird man mit Humor und Dramatik entschädigt. Wer jetzt meint, „Shakespeare“ wäre doch der aus Stratford, dem antworte ich in akzentfreiem Italienisch: Lecko mio!

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das ist kein Roman! Zumindest kein gewöhnlicher, in den Augen beflissener Literatur-Bürokraten und beflissener Leser von Schreibratgebern. Man mag sich die Atemnot kaum ausmalen, die manchen Lektor befallen würde, hätte er dieses Machwerk auf den Tisch bekommen. Und ja – ich bin begeistert. Typisch Querkopf! Beim Versuch, es zu beschreiben, würde ich auf einen Begriff aus der Kunst zurückgreifen: Installation. Vuillard installiert fiktionale Szenen, persönliche Assoziationen und historische Begebenheiten, dass sonst verborgene Zusammenhänge deutlich werden, die der gewöhnlichen Historiographie einen Schienbeintritt versetzen. Ich mag so etwas. Andere vielleicht nicht. 

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Verse! Ganz dicke TRIGGERWARNUNG! Heinrich Heine, deutscher Dichter im Exil, hat es gewagt! Er hat ein spöttisches, untadelig boshaftes und vor allem politisches Werk verfasst und als Reiselektüre getarnt! Die armen preußisch-deutschen Zensoren! Heute erscheint alles recht harmlos, was nicht nur an den Sozialen Medien liegt, sondern vor allem an den Errungenschaften, die seit der gescheiterten Revolution 1848 erreicht wurden – über einen blutigen Umweg, aus dem allzu viele nichts oder das falsche gelernt haben. Allein dafür lohnt sich die Lektüre.

Barry Unsworth: Das Sklavenschiff

Der Roman „Das Sklavenschiff“ von Barry Unsworth ist eine positive Überraschung gewesen. Die Handlung des Historischen Romans nimmt völlig überraschende Wendungen, berührt dabei Grundsätzliches der menschlichen Existenz, was von einem Abenteuerroman nicht zu erwarten ist. Wie der Titel schon andeutet, wird es brutal, was angesichts der historischen Realitäten wenig verwunderlich und angemessen ist. Doch bleibt der Roman da nicht stehen, er geht mehrere Schritte weiter. Manche Teile sind etwas anstrengend zu lesen, rückblickend hätte man diese Kapitel auch einfach streichen können.

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der abschließende Teil seiner Trilogie führt den Leser in das Kriegsfrankreich des Jahres 1940, das für die Grand Nation ein verheerendes Debakel bringt. Von der Führung längst allein gelassen, entpuppen sich die handelnden Figuren als bemerkenswert anpassungsfähig, während sie durch das vom Vormarsch der Wehrmacht aus den Fugen geratene Frankreich irren und auf einen Ort zusteuern, an dem alle schließlich aufeinandertreffen. Ein toller, rundum gelungener Abschluss des großen Dreiteilers!

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Phillip P. Peterson: Universum

Für einige Tage hat mit das Hörbuch gefesselt. Die Spannung des Romans, der sich etwas Zeit lässt, ehe sich eine Tür öffnet zu einer Reise an die Grenzen des Verstandes, trägt tatsächlich bis zum Ende. Das liegt an der gelungenen Komposition der Erzählung, den Figuren, die gut gewählt und weiterentwickelt werden, so dass sie ihre Konflikte über einen langen Zeitraum miteinander austragen können und diese sich wandeln. Schließlich ist der Roman dankenswerterweise nicht mit technischen Details überfrachtet.

Zur ausführlichen Buchvorstellung: hier entlang.

Volker Kutscher: Der stumme Tod

Der zweite Band seiner Krimi-Reihe um Gereon Rath als ermittelnder Kommissar im Berlin der zugrunde gehenden Weimarer Republik ist unterhaltsam und ein netter Schmöker nebenbei. Das Genre ist nicht gerade mein liebstes, eigentlich mag ich die Kriminalfälle gar nicht besonders, mich interessiert das politische Drumherum, das in diesem Falle eher Couleur ist und am Rande mitschwingt. Aber: Es geht um die Filmindustrie an einer Bruchstelle, nämlich von Stumm- zu Tonfilm und das reicht völlig, um das Buch für lesenswert zu halten.

Deniz Ohde: Streulicht

Bei vielen Dingen, die das eigene Leben geprägt haben, hofft man, dass sie sich irgendwann erübrigen oder aus der Welt geschafft werden. Bestenfalls schon einer nicht wiederkehrenden Vergangenheit angehören. Ein Roman wie „Streulicht“ belehrt dann eines Besseren, in Wirklichkeit natürlich Schlechteren, denn das Übel ist zäh. Ohde ist ein wunderbares Buch gelungen, das auf eine zurückhaltende Art sprachlich großartig die Dinge einfängt und ins Licht stellt, die im Verborgenen liegen. Chapeau!

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Les enfants du désastre Teil 3

Im dritten und letzten Teil seiner Trilogie aus der Zeit zwischen dem siegreichen Ende des Ersten Weltkrieges und dem desaströsen Beginn des Zweiten lässt der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre abermals das offizielle Frankreich in einem Licht erscheinen, das wenig bis nichts von der klischeehaften Gloire aus der Nationalhymne aufweist.

Der Autor arbeitet sich in „Spiegel unseres Schmerzes“ an der ebenso überraschenden wie verheerenden Niederlage Frankreichs (Belgiens, der Niederlande und dem britischen Expeditionsheer) gegen die Wehrmacht im Mai/Juni 1940 ab. Er setzt auf den Kontrast, der für den Leser umso größer ausfällt, je mehr dieser über den Feldzugverlauf, den Vorbereitungen und den Ersten Weltkrieg weiß.

„Der Staatssekretär war ein Mann um die sechzig. Sein pausbäckiges Gesicht und die schmollenden Lippen vermittelten den Eindruck, er würde gleich losschluchzen.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Es ist eine gängige Erkenntnis, dass Kriege immer mit Blick auf den vorangegangenen geplant würden und es daher kein Wunder sei, wenn kein Plan die erste Gefechtsberührung überlebe. Frankreich hat sich eingemauert, einen starken Befestigungsgürtel gebaut und zugleich seine defensive Strategie auf die Erkenntnisse aus dem deutschen Angriff 1914 ausgerichtet.

Die Wehrmacht ist 1940 erwartungsgemäß wie im Ersten Weltkrieg in Belgien, Luxemburg (und den Niederlanden) eingerückt, doch handelte es sich „nur“ um ein Lockmanöver, um die Franzosen sowie das britische Expeditionsheer nach Norden zu locken. Dort angekommen, wurden den Armeen die rückwärtigen Verbindungen gekappt, weil die Wehrmacht durch die Ardennen Richtung Ärmelkanal vorgestoßen ist.

Der Krieg 1940 endete mit einer ungeheuren Niederlage für Frankreich, das nach nur sechs Wochen besiegt, gedemütigt und für Jahre besetzt worden ist. Man sollte sich das vor Augen führen, wenn heute französische Politiker von Deutschland höhere Ausgaben für die Verteidigung fordern – wie unvorstellbar doch die Entwicklung gegenüber der Zeit vor einhundert Jahren gewesen ist.

„Die in Zwanzigerreihen aufgestellten Filter sahen aus wie dicke Edelstahlfässer oder gutmütige Riesenmilchkannen, was Gabriel nicht im Geringsten beruhigte. Sie sollten vor einem Giftgasangriff schützen, doch für ihn waren sie nichts anderes als ängstliche, versteinerte Wachposten.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Was mit „Schmerz“ gemeint ist, dürfte zumindest im Ansatz deutlich sein, doch der Roman bohrt wie ein garstiger Finger in mehr als einer offenen Wunde: Auf der persönlichen, individuellen Ebene haben die fürchterlichen Fehlentscheidungen der französischen Eliten, ihr Selbstbetrug dafür gesorgt, dass der Feind aus dem Osten erfolgreich sein konnte. Lemaitre lässt die Entzauberung durch seine starken Figuren besorgen.

Sie tragen tadelige Züge. Hochstapler. Diebe. Deserteure. Schieber. Klugschwätzer, die am Tresen ihre angeblichen strategischen Einblicke ausbreiten. Und doch haben sie alle ihre überraschenden Seiten, wenn sie sich unter dem Druck der Ereignisse entscheiden müssen  und das nolens volens tun. Von ihrer Führung sind sie längst im Stich gelassen worden.

Zugleich entlarven sie die absurden Entscheidungen der militärisch-politischen Eliten, die ihrerseits zum Mäntelchen des Pathos und der Lüge greifen, um sich zu schützen. Es sind wundervolle Figuren, die sich im Roman tummeln! Vielschichtig, wankelmütig und zugleich stark, wenn die Lage kritisch wird – auch ein schwarzer Spiegel zur Landesführung.

Lemaitre ist bisweilen atemberaubend boshaft, wenn er seine Sprachkunst in eine scharfklingige Waffe verwandelt und erbarmungslos einsetzt – dabei nie mit dem plumpen Knüppel drischt, sondern gewandt und feinsinnig austeilt. Das etwas längere Zitat zeigt wunderbar, wie der Autor kunstvoll die Hilflosigkeit bloßstellt:

„Doch viel beunruhigender war für ihn die Anwesenheit einer Vielzahl von Militärs in Galauniform. Als er die Spitzen des Generalsstabs erblickte, Marschall Petain, General de Castelnau, General Gouraud und so fort, hatte er sich gefragt, ob diese Männer während der Invasion des Landes durch den Erbfeind nichts Besseres zu tun hatten, als einer Messe beizuwohnen. […] Die Messe zog sich endlos hin. Fernand fragte sich, wie viele Kilometer mochten die Panzerdivisionen von General Guderian in dieser Zeit wohl zurückgelegt haben. Es [..] wurde allen klar, dass Gott gerade zum Oberbefehlshaber ernannt worden war.“

Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Der Roman ist wieder aus mehreren Perspektiven erzählt, deren Handlungsträger anfangs nichts miteinander zu tun haben und die doch alle durch zarte Bande miteinander verbunden sind und im Laufe der Erzählung auf einen Ort zustreben, wo sie sich treffen. Das Elend des Krieges wird auf jeder Seite spürbar. Zu den bedrückendsten Szenen gehört jene, in denen Lemaitre den Angriff deutscher Kampfflugzeuge auf eine Flüchtlingskolonne auf den Straßen nach Süden schildert.

Nur einmal wird so etwas wie eine Kampfhandlung geschildert und Lemaitre bleibt seinem Wesen glücklicherweise treu, weil er darauf verzichtet, auch nur den Hauch pathetischen Weihrauchs zu schwenken, denn die beiden „heldenhaften“ Verteidiger einer Brücke agieren mehr zufällig und willenlos, bewirken zudem mit ihrer Tat rein gar nichts, denn die deutschen Panzer wälzen sich in langen Kolonnen schier unaufhaltsam weiter.

Es ist ein wenig schade, dass die Trilogie zu einem Ende gekommen ist. Dabei sind die Bande der drei Teile untereinander eher lose, in diesem Band übernimmt ein Mädchen aus dem ersten eine tragende Rolle, das zugleich Erinnerungen an einige damalige Protagonisten hegt. Und doch hängt alles miteinander zusammen, eingerahmt von den beiden fürchterlichen Kriegen.

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