Alexander Preuße

Monat: Juli 2022

Warum »Piratenbrüder«?

Eine Zeitlang war »Piratenbrüder« der Arbeitstitel des ersten Buches meiner Abenteuerreihe. Wie viele andere Buchtitel habe ich ihn während des Schreibens gefunden. Ja, im Grunde stolpere ich in der Regel über den passenden Titel, während sich die Erzählung langsam entfaltet.

Der Begriff »Piratenbrüder« ist noch immer Bestandteil der Erzählung, keineswegs aus nostalgischen Gründen, wie gleich zu sehen sein wird. Auch wenn er längst nicht mehr als Titel für den Auftaktband taugt, zielt er doch auf ein ganz wesentliches Motiv der Romanreihe: die große Freundschaft zwischen Joshua und Jeremiah.

»Donnerwetter – ein richtiger Lord!«, entfuhr es George. »Ihr seht euch sehr ähnlich – wie zwei Brüder!« Dann fügte er mit feierlichem Ton hinzu: »Piratenbrüder!«
Er machte bei diesen Worten ein Gesicht, als wäre er der stolze Vater. Joshua und Jeremiah sahen sich an und begannen lauthals zu lachen, selbst Pete schmunzelte.
»Was?«, rief George gekränkt. »Ich meine es nur gut! Undankbares…«

Alexander Preuße: Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

An diesem Punkt ist die Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten besiegelt. In der Kinderbuchvariante war es eine sehr treffende Beschreibung für die Freundschaft, jetzt wirkt das Wort ungewollt komisch.

Äußerlich mögen Joshua und Jeremiah in diesem Moment für die Person namens »George« sehr ähnlich erscheinen, was jedoch nur an ihrer Kleidung liegt. 

Das überdeckt für einen kurzen Augenblick die tiefe Kluft zwischen ihnen. Sie stammen aus sehr verschiedenen sozialen Schichten, ihre Wege, die sie bis zu diesem Punkt zurückgelegt haben, sind so weit voneinander entfernt, dass Spannungen unvermeidlich sind.

Von leiblichen »Brüdern« kann also gar keine Rede sein. Und das ist auch gut so. Denn meine Abenteuerreihe ist auch eine Buddy-Geschichte, für die es unerlässlich ist, dass beide sehr unterschiedliche Charaktere aufweisen und bis zum Ende auch eigenständig bleiben.

Eine Kleinigkeit noch am Ende: Gern hätte ich ein Pendant zu dem englischen Verb »to chuckle« zur Verfügung gehabt, denn das hätte in diesem Fall viel besser als »schmunzeln« gepasst, gar nicht zu reden von »in sich hinein lachen« oder »unterdrückt lachen«.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Auf der Seite des von mir sehr geschätzten Literaturblogs Kaffeehaussitzer findet sich ein bemerkenswerter Text über einen wahrlich traumhaften Moment, der in die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre zurückführt. Der Fall der Berliner Mauer hatte den Eindruck erweckt, die historisch-politische Schwerkraft wäre aufgelöst (»Ende der Geschichte«). In meinem Fall war es der blutige Nordirland-Konflikt, der tatsächlich lösbar erschien – und mehrere Jahre später in einem Abkommen wirklich beigelegt wurde. Europa als Überwindung des Nationalismus – alles schien möglich.

Das Beispiel Nordirland zeigt aber auch: Die Geister kehren 25 Jahre später mit Macht zurück. Es ist zutiefst deprimierend und in gewisser Hinsicht auch das Zeichen des Scheiterns. Meines eigenen, denn ich habe mich damals naiv und selbstgewiss auf die automatischen Wirkkräfte Europas und der Demokratie verlassen; nicht lange, denn spätestens die Kriege im zerbrechenden Jugoslawien wirkten wie eine kalte Dusche. Schon damals wurde mir auf brutale Weise klar, dass jede Form von Pazifismus der beste Steigbügelhalter für den Krieg ist. Vielen gehen es jetzt die Augen auf, manche lassen sie trotz Putins Vernichtungskrieg lieber geschlossen.

Was ich damals nicht gesehen habe, ist eine Bedrohung ganz anderer Art. Die hat Nicolas Mathieu in seinem preisgekrönten Roman »Wie später ihre Kinder« als eine Art aktive Kulisse in seinem Coming of Age Roman verbaut: Deindustrialisierung, Niedergang, Prekarisierung, Radikalisierung der Dienstleistungsgesellschaft. Wer sich die jüngsten Wahlergebnisse in Frankreich anschaut und zusieht, wie die Republik zwischen den rechten und linken Demokratie- und Europafeinden langsam zerrieben wird, sieht die langfristigen Folgen von dieser Bedrohung.

So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Aktive Kulisse bedeutet, sie zeigt sich, sie mischt sich ein, tritt als Teil des Schauspiels in Erscheinung. Manchmal ist es nur ein kleiner Satz, manchmal eine wunderbar erzählte, sprachlich kunstvoll gewobene Darstellung der Verhältnisse; immer verknüpft mit dem aktuellen Geschehen, von dem ausgehend weite Schleifen in die Vergangenheit (der Person, des Ortes oder eines Vereins) greifen. Das ist keineswegs immer politisch oder sozial, oft dreht es sich um die Entwicklung einer Hauptfigur oder einer Beziehung zwischen zwei Personen.

Glücklicherweise lässt sich Mathieu in der Wahl seiner ungewöhnlichen Mittel nicht irrtieren. Soe lässt sich der Autor beispielsweise mitten in einer Sex-Szene erst einmal darüber aus, was die junge Frau dazu bringt, ausgerechnet mit diesem jungen Mann intim zu werden – was angesichts der bis dahin erzählten Verhältnisse eine Überraschung darstellt, zumal der Beischlaf an heiklem Ort und in einer obskuren, völlig unmöglichen (und doch irgendwie typischen) Situation stattfindet.

In seinem Handlungskern folgt Mathieus Roman dem Weg mehrerer Jugendlicher über die Schwelle ins Erwachsenenleben. Anthony, Stéph, Hacine sind die drei Protagonisten, doch auch andere wirken kräftig mit. Es geht um Drogen, Sex, wild wirbelnde Hormone, Partys, Saufen, aber auch Gewalt, Integration, Rassismus – und ab und zu gibt es Textstellen von ungeheurer Wucht, wenn es wie in der folgenden um einen musikalischen Kometen geht, der damals auf die Erde einschlug: Nirvana.

Auf der Terrasse wurde die Musik lauter gedreht. Alle hörten hin. Dieser Song, der auf MCs rauf und runter gespielt wurde – normalerweise wollte man dabei eine Gitarre in Stücke hauen oder die Schule in Brand stecken, aber jetzt wurden alle ganz still.
Er war noch neu, ein Song aus einer amerikanischen Stadt, genauso rostig wie Heillange, einer Dreckstadt am Ende der Welt, wo versiffte weiße Jungs in Karohemden billiges Bier soffen. Und dieser Song breitete sich wie ein Virus überall da aus, wo es schlaksige Jungprolls gab, verkorkste Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleine Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler.
In Berlin war eine Mauer gefallen und der einsetzende Frieden hatte etwas von einer Dampfwalze. In jeder Stadt auf dieser deindustrialisierten, gleichförmigen Welt, in jedem abgehängten Kaff hörte die Jugend, die keine Träume mehr hatte, jetzt diese Band aus Seattle namens Nirvana.
Sie ließen sich die Haare wachsen und versuchten, Melancholie in Wut zu verwandeln, Depressionen in Dezibel. Das Paradies war endgültig verloren, die Revolution würde nicht kommen. Ihnen blieb nur der Lärm. Anthony bewegte den Kopf im Takt der Musik. Dreißig andere machten es wie er.
Am Ende hatten sie Gänsehaut. Das war alles. Sie konnten nach Hause gehen.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Wenn ich eingangs gesagt habe, der Fall der Berliner Mauer hätte einen Augenblick der Schwerelosigkeit ausgelöst, dann gilt das rückblickend eben nicht für alle und nicht überall. Vielleicht nicht einmal für eine wie auch immer geartete Mehrheit. Eine Illusion, wie das Zitat wunderbar beschreibt. Für mich ein bittersüßer Moment, durch den Roman vorgeführt zu bekommen, wie sehr ich damals daneben gelegen habe, obwohl ich mir so viel auf die Lektüre guter überregionaler Zeitungen einbildete.

Mathieu wechselt in seinem Roman die Perspektiven und vermeidet eine Positionierung im Verschlichtungsweltbild von Gut und Böse. Der Leser folgt den Pfaden, die Antony, Stéph und Hacine beschreiten, und darf sich selbst um eine Haltung bemühen. Natürlich gilt die Sympathie des Autors den Abgehängten, jenen, die von dieser Dampfwalze nach dem Mauerfall einfach überrollt und plattgemacht wurden. Und trotzdem seziert er sie mit großer Detailversessenheit, ihre Schwächen, plötzlich aufkeimenden Stärken, denen jedoch enge Grenzen gesetzt sind. Nichts »wird« gut.

Die Krise war allerdings nicht mehr zeitlich begrenzt. Sie hatte einen Platz in der Ordnung der Dinge eingenommen. Sie war Schicksal. Sie war ihr Schicksal.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Der Titel des Romans hat auf mich wie ein Hinweis auf eine moderne Form der überkommenen, adeligen Stammbaumbildung gewirkt, die einer zeitweiligen (vielleicht auch nur eingebildeten) sozialen Mobilität in den Gesellschaften ein Ende setzt. Reich bleibt reich, arm bleibt arm. Erstere erlangen Status, Bildung und Macht, letztere sind davon ausgeschlossen. Das ist kein typisch französisches Phänomen, das hat alle westlichen Gesellschaften ergriffen, insbesondere die USA, aber auch Deutschland.

Und doch ist »Wie später ihre Kinder« in erster Linie ein Coming of Age-Roman, mit seinen zähfließenden, hastigen Wirrungen, den Kehrtwenden und Verletzungen, welche die Protagonisten einander zufügen, sprachlos, einsilbig und angefüllt mit einem Schwarm Hormonen, allzeit bereit, den Verstand zu unterjochen und mit tränenden Augen jauchzend und berstend vor Energie Richtung Abgrund zu galoppieren.

Das Leben würde weitergehen. Das war das Schlimmste.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Dieser Abgrund sieht allerdings etwas anders aus, als der Leser erwartet. Mathieu spielt mit Motiven und Andeutungen, die ab einem gewissen Punkt Erwartungen schüren, die nicht erfüllt werden. Bis zum Schluss liegt so eine Grundspannung in der Luft, auch wenn die Kulisse sich überraschend aufhellt. Der Autor legt zwischen die Teile seines Buchs Zeitsprünge, die Entwicklung der Figuren bleibt also nicht auf eine recht kurze Zeitspanne beschränkt, man folgt ihren Wegen über mehrere Jahre hinweg.

Für den Schlussteil hat Mathieu das Jahr 1998 gewählt und zwar vor allem jenen Tag, an dem Frankreich das Halbfinale der Fußball-WM gegen Kroatien gewonnen und das Tor zum späteren WM-Titel aufgestoßen hat. Ein durchaus vertrautes Thema, wenn man mit dem »Wunder von Bern« etwas anzufangen weiß. Das ganze Lang im Rausch, es liegt ein Aufbruch in der Luft, manche wittern die große Wende, etwas werde bleiben, meinen die Optimisten. Wir wissen, was davon übrig blieb.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway ist mir fremd. Ein einziges, kümmerliches Buch habe ich von ihm gelesen. Ich kann nicht einmal behaupten, »A Farewell to Arms« hätte mir nicht gefallen, im Gegenteil: Soweit ich es nach mehreren Jahrzehnten noch in Erinnerung habe, mochte ich das Buch.

Ich glaube mich sogar an eine spezifische Textstelle zu erinnern, in der Hemingway seiner Hauptfigur Gedanken über die Kampfkraft von Österreichern (Operettenarmee) und Deutschen (gefährlich) andichtet. Ein Erinnerungsfetzen über eine so lange Zeit ist gewöhnlich ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Buch bei mir etwas hinterlassen hat.

Je mehr man beim Schreiben eigene Wege geht, umso einsamer wird man.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Und trotzdem Funkstille. Auch in anderen Romanen, die ich bislang gelesen habe, tauchte der Name Hemingway sehr selten auf. Das hat sich jüngst geändert.  Steffen Kopetzky lässt in „Propaganda“ seinen Protagonisten John Glueck mit dem Großmeister der US-Literatur im Jahr 1944 nahe Paris zusammentreffen.

Das geschieht zu einem Zeitpunkt, da dieser bereits »fett« geworden ist und zu straucheln beginnt, auf der Suche nach dem großen Roman über den Zweiten Weltkrieg, dem amerikanischen »Krieg und Frieden«. Trotz der Zwischentöne ist dieser Hemingway noch lichtumflort, seine Tragik beginnt sich nur abzuzeichnen, ganz im Gegensatz zu »Cheminguey« im Roman »Adiós Hemingway« von Leonardo Padura.

Die lange Auffahrt zu dieser Buchvorstellung sei mir verziehen, aber im Kern geht es Padura um den Schriftsteller, auch wenn er das ganze hinter einem sehr durchsichtigen Wandschirm namens Kriminalfall verbirgt. Der Autor reaktiviert seinen in Frührente gegangenen Ermittler Mario Conde und schickt ihn auf die Suche nach dem Mörder eines Toten auf der Finca Virgía, Hemingways Residenz auf Cuba.

Nun war er ein beschissener Privatdetektiv in einem Land, in dem es weder Detektive noch Privatleben gab, mit anderen Worten: Er war eine schiefe Metapher in einer schiefen Wirklichkeit.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Padura geht es in seinen Romanen immer um diese wundervoll formulierte »schiefe Wirklichkeit« unter der Zuchtrute des diktatorischen Regimes mit rostroter Farbe. Hemingway hat davon nichts mehr mitbekommen, zu seinen Zeiten auf der Insel waren Castro und Guevara ein fernes, sich näherndes Unwetter revolutionärer Umtriebe. Wenn also auf der zweiten Zeitebene des Buches von dem Titanen der amerikanischen Literatur die Rede ist, dann geht es um die Zeit vor der Revolution.

Wer sich politisch nicht auskennt, möge vielleicht einen kurzen Blick auf den entsprechenden Artikel bei Wikipedia werfen, um zu verstehen, wie mehrschichtig die Ambivalenz ist, mit der ein cubanischer Schriftsteller fast vier Jahrzehnte nach dessen Tod  dem amerikanischen »Gast« auf der Insel begegnet. Besonders dieser Umstand macht »Adiós Hemingway« für mich so lesenswert.

…wie sehr Hemingway in seiner naiven Eitelkeit zu einem Instrument in den Händen der stalinistisches Propaganda geworden war.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Mario Conde ist zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Romans bereits in vier anderen Büchern auf Verbrecherjagd gegangen, ehe er den Job eines Polizisten geschmissen hat, schriftstellert (bis dahin unerfüllte Sehnsucht) und als Antiquar seine Brötchen verdient. Hemingway ist für ihn eine gewaltige Inspiration gewesen, bis er sich anlässlich der immer deutlicher werdenden Schattenseiten von ihm distanzierte; ihn zu verachten, ja fast zu hassen begann.

Ihm bietet sich nun die Gelegenheit, Hemingways langer (und explizit aufgeführter) Liste an Charakterschwächen eine weitere, schwerwiegende hinzuzufügen: Mord. Die Jagd nach den Hintergründen, die zum Tod der Person geführt hat, die auf dem Grundstück der Villa gefunden wurde, wird zum Kampf um das Erbe des Schriftstellers. Aber auch um  die Frage, ob man eine Gelegenheit nutzen oder Gerechtigkeit walten lassen will, und um den Platz, den der Testosteron-Schreiber erhalten soll.

Vor allem jedoch beschwerte ihn die Schuld, stets das Leben der Literatur, das Abenteuer der schöpferischen Kunst vorgezogen zu haben.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Padura lässt Hemingway selbst zu Wort kommen, denn sein Roman hat zwei Zeitebenen. Für mich immer eine willkommene Erzähltstruktur. Die beiden Erzähllinien sind gut miteinander verknüpft, wer sich für den Mordfall interessiert, wird einen Hauch Spannung empfinden. Vor allem aber bietet es für Padura die unschätzbare Möglichkeit, seine Haltung zu Hemingway darzulegen.

Es soll nicht allzu viel vorweggenommen werden, aber sie ist natürlich indifferent. Padura hat sich dafür entschieden, die allerletzte Lebensphase Hemingways zum Leben zu erwecken, als der Lebenswandel massiv auf die Gesundheit und die Fähigkeit, etwas zu Papier zu bringen, durchschlug. Eine tragische Gestalt im Schatten seiner selbst.

Er hatte einen vom Leben besiegten Mann gesehen. Einen Monat später hat er sich erschossen.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Was mich besonders angesprochen hat, ist der Aspekt des Schreibens. Von (fast) allen klischeehaften, naiven Vorstellungen ist »Adiós Hemingway« weit entfernt, Schreiben ist immer eine Art gewalttätiger Auseinandersetzung, wenn man nicht nur Worte aneinanderreiht, um dem Leser Handlungsspannung zu bieten.

Am Ende dieses kurzen und kurzweiligen Buches ist man als Leser reicher. Hemingway tritt in einer ganz besonderen Gestalt hervor, ein Schriftsteller, der den Nobelpreis nicht persönlich angenommen, aber auch nicht verweigert hat, ein Amerikaner, der in den USA nicht mehr leben konnte und auch nicht zum Cubaner wurde, zwar auf der Insel, aber nicht mit ihren Bewohnern lebte und sich nie in eine Cubanerin verliebte. Aber eben auch jenen, der den einfachen Menschen zuhörte, wenn er mit ihnen Zeit verbrachte.

Lesemonat Juni 2022

Es ist immer noch Krieg. Interessant zu beobachten, auch an mir selbst, wie sich dieser äußerste Ausnahme-Zustand peu á peu in den Alltag als etwas Gewöhnliches einschleicht. Nicht das erste Mal, das galt auch für den russischen Afghanistan-Krieg, die Golf-Kriege, den Bürgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien, den Wahnsinn nach 9/11, die gescheiterten Befreiungskriege der Arabischen Welt, den ewigen Krieg der Kurden um ihr Überleben usw. Ganz schön viele Kriege kommen zusammen, doch ist und bleibt der russische Angriff etwas Außergewöhnliches.

Im vergangenen Monat habe ich »Propaganda« von Steffen Kopetzky noch einmal gelesen, was auch am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lag. Die USA hatten sich in Vietnam (ja, darum geht es in diesem Roman) in einen Kolonial-Krieg der Franzosen (so genannter Indochina-Krieg) verstricken und durch die unsinnige Domino-Theorie nicht wieder befreien können. Putins Krieg ist ein Kolonialkrieg, einer der ganz fürchterlichen, denn er zielt auf die völlige Vernichtung von Staat und Volk. In Russland gibt es – anders als in den USA (ein Kernthema bei »Propaganda«) – keinen nennenswerten Widerstand gegen den Krieg. So oder so wird sich alles auf dem Schlachtfeld entscheiden, ein bitterer Moment.

Die übrige Lektüre in diesem Monat ist ein wenig krautig. Meine Liste an Prix Goncourt-Romanen ist um einen gewachsen und was für einen. »Wie später ihre Kinder« war ein großes Leseerlebnis. Mit »Diesseits des Van-Allen-Gürtels« setze ich meinen Streifzug durch Wolfgang Herrndorfs Werk fort, eine der kurzen Erzählungen darin hat es mir ganz besonders angetan, die »Zentrale Intelligenz Agentur« ist so wunderbar böse und komisch. Ganz anders der »Herr der Diebe« von Cornelia Funke, das in Venedig spielt.

Mit »Macht der Karten« habe ich mal wieder ein Sachbuch gelesen, auch als Recherche. Nicht nur in meiner Abenteuerreihe spielen Karten eine wichtige Rolle; was wäre Fantasy ohne? Es gab einige überraschende Erkenntnisse in diesem lesenswerten Buch. Auch der »Gulliver« ist Teil der Recherche gewesen, Joshua, einer der beiden Protagonisten meines Siebenteilers, hat das Buch von Swift im Gepäck.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Ganz selten lese ich einen Roman nach kurzer Zeit noch einmal. In diesem Fall habe ich das Hörbuch gewählt, das von Johann von Bülow exzellent vorgetragen wird. Ein absoluter Genuss. Wenn man sich auf so etwas einlässt, betritt man eine Welt, die einem bereits vertraut vorkommt, ein weiteres Mal und nimmt viele größere und kleinere Details wahr, die bei der Erstbegegnung durchgerutscht sind. Da »Propaganda« enorm vielschichtig und umfangreich ist, zudem über eine ausgezeichnete Sprache verfügt, die vom Sprecher wunderbar transportiert wird, ist die erneute Reise ungeheuer gewinnbringend. So viele Andeutungen und Vorbereitungen für das, was später im Roman geschieht! Und seine Kernaussage, eine scharfe Kritik an den USA ohne jede Spur von populistischem, dumpfbackigem Antiamerikanismus, wie er gerade in Deutschland von Linken und Rechten mit Wollust vorgebracht wird, ist bei aller Unterhaltung eben eine zentrale, eine existenzielle.

Ausführliche Buchvorstellung – hier.

Cornelia Funke: Herr der Diebe

Unsere Frühjahrsreise 2022 führte nach Venedig. Die Stadt wäre ein Schmuckkästchen, eigentlich, doch leider erscheint sie dem Untergang geweiht. Auch ohne Erderhitzung, denn der Massentourismus ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür. Trotz allem war der Aufenthalt dort in vielerlei Hinsicht ein Gewinn und der perfekte Anlass, endlich eine Leselücke zu schließen. Ich kenne viele Bücher von Cornelia Funke, doch »Herr der Diebe« ist bislang an mir vorüber gegangen. Unmittelbar nach einem Aufenthalt in Venedig ist es tatsächlich etwas Besonderes, den Roman zu lesen. Ein typisches Funke-Buch, die Figuren sind einander verbunden, es herrscht eine charakteristische Wärme, gewürzt mit leichten Antagonismen. Gerade das zeichnet die Literatur der Autorin aus, jedenfalls nach meiner Sicht der Dinge. Die Geschichte selbst ist prima für Kinder geeignet, zum Vorlesen oder für Selbstleser. Ich hatte mein Vergnügen. Und »Der Drachenreiter« ist und bleibt mein Lieblingsbuch von Cornelia Funke.

Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Ein seltsamer Titel. Der Van-Allen-Gürtel ist eine Art Schutzschild für die Erde und seine Bewohner gegen kosmische Strahlung. Es handelt sich also um eine verquere Ortsbezeichnung für die Lebensumwelt des Menschen. Und um die dreht es sich in den sechs Erzählungen, die in diesem Bändchen versammelt sind. Vieles von dem, was die bedauerlicherweise spärliche Literatur Herrndorfs ausmacht, findet sich dort. Es ist ungeheuer spannend, wie der Autor seine Figuren aufeinanderhetzt und die sich daraus ergebenden Irrungen und Wirrungen darbietet. Eine Schlachtplatte menschlicher Beziehungs- und Kommunikationsabgründe, grotesk, irrwitzig und zugleich himmelschreiend banal. Die Frage stellt sich: Welcher Gott sollte je auf die Idee gekommen sein, ausgerechnet diese Wesen mit einem Schutzschild gegen auslöschende Strahlung aus dem Kosmos zu versehen?

Jonathan Swift:  Reise nach Lilliput. Gullivers Reisen erster Teil

Einer der beiden Hauptfiguren meiner Abenteuerreihe nimmt ein Buch mit auf seine Reise in »Eine Neue Welt«. Damit es sich nicht um ein namenloses Werk handelt, vielleicht sogar ein kleiner inhaltlicher Bezug hergestellt werden könnte, habe ich einen kurzen Blick auf die Literatur der Zeit um 1730 geworfen. Swifts Werk, oft als Kinder- und Jugendbuch verstanden, ist rund ein Jahrzehnt vor der Handlung in meinen Romanen entstanden. Es macht Spaß, dem »Clash of Cultures« zu folgen. Die von Swift geschaffene, seine eigene kritisierende Welt, sind für mich überraschend ähnlich fremd. Überhaupt ist es mir ein Rätsel, was Kinder mit dieser Geschichte anfangen sollten; grotesk und überzogen, eine heimliche Kritik an den dank Zensur und Strafe schwer zu kritisierenden Umständen, voller boshaftem Witz.

Ute Schneider: Die Macht der Karten

Ein sehr interessantes Sachbuch über Karten und ihre Geschichte. Vieles, was selbstverständlich erscheint, ist es nicht. Norden ist immer oben? Von wegen! Während der Recherche zu meinen Romanen bin ich mehrfach auf Dinge gestoßen, die mit Karten zu tun haben und die ich ganz direkt in die Handlung einbauen konnte. Kleinigkeiten oft, aber von weitreichender Bedeutung. Die Geschichte der Karten hat viele Facetten, eine für mich ganz besonders interessante, sind »Fehler« und ihre bemerkenswerte Überlebensdauer. Inseln im Atlantik, die es nie gab, wurden über viele Jahrzehnte, ja: Jahrhunderte weitergegeben, obwohl längst hätte klar sein müssen, dass es sie nicht gibt. Und natürlich passt auch der Mensch beim Kartenzeichnen die dort abgebildete Realität seinem Weltbild an, bis in die jüngste Vergangenheit. Vergleichen Sie doch einmal, wer die Krim wem zuschlägt, der Ukraine oder Putins Russland.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Ein Coming of Age Roman. Jugendliche, Hormone, Partys, Sex, Drogen, zäh verstreichende Nachmittage voller Ödnis. Soweit, so erwartbar. Doch gastiert dieses Buch in Ostfrankreich, einem Ort namens Heillange, ein »Dreckskaff«. Über allem liegt Tristess wie ein dichter Nebel aus den Schloten der Industrie, die einst diese Region geprägt hat. Im Ersten Weltkrieg haben sich deutsche Kriegszielphantasten immer wieder die Finger gerieben, heute sähe die Sache wohl anders aus. Auch wenn der Roman Anfang der 1990er Jahre spielt und sich die Lage seitdem noch einmal dramatisch verschärft hat, ist die Handlung auch vom unaufhaltsamen Niedergang der Industrie geprägt. Die Folgen sind drastisch. Autor Mathieu findet die richtige Sprache, oft lakonisch, knapp, verkürzt und dann – plötzlich wie ein lange schlummernder Vulkan – explosiv und von bedrückendem Reichtum an Bildern; niederschmetternden Bildern, um genau zu sein. Prix Goncourt garantiert fast immer sprachlich hohes Niveau.

Ausführliche Buchvorstellung – hier.

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