Alexander Preuße

Monat: August 2022

Seefahrerlatein oder: das Poop-Deck

Als Schriftsteller steht man immer vor der Frage, wie viel man von seinem Wissen in einen Roman hineinschreibt. Wie ein Schatten steht dahinter oft die Frage, was dem Leser gefällt oder eben nicht. Niemand hat darauf eine seriöse Antwort, denn »den Leser« gibt es nicht. Egal, was man schreibt, immer wird es jemanden geben, dem es nicht gefällt.

Das gilt insbesondere für die harten Fakten, die in einem Buch aufgeführt oder weggelassen werden: dem einen Leser ist es zu viel, dem anderen zu wenig und dem dritten genau recht. Eine der wichtigsten Lehren des Schreibens ist, dass man es nicht allen recht machen kann – und besser gar nicht den Versuch unternimmt.

Schon bei der Handvoll Testlesern ist es für mich zu äußerst überraschenden Rückmeldungen gekommen. Man wundere sich über das seefahrerische Fachwissen, das ich in die Romane hätte einfließen lassen; eine ganze Menge Fachbegriffe wären zu erfahren, von denen man nie gehört hätte. Das würde der Handlung ein gutes Stück Authentizität verleihen, ohne zu ermüden.

Meine Befürchtung war eher, dass zu wenig in das Buch eingeflossen sein könnte. Mir ist die Seefahrt völlig fremd, ich bin ein eingefleischtes Landei und werde nie im Leben die Bereitschaft aufbringen, mich in die Details einzufuchsen. Mir persönlich ist das Seefahrerlatein egal und für das, was ich in meiner Abenteuerreihe vermitteln wollte, spielt Fachwissen über die Seefahrt keine Rolle.

Ich habe also einen Pinsel genommen und die Kulissen meines historischen Spiels ein wenig gestaltet. Ein Paar Begriffe wie Bug, Heck, Achterdeck hielt ich für absolute Selbstverständlichkeiten (sind sie nicht), angereichert mit Begriffen wie Wanten oder Krähennest, selten einmal verziert mit dem Namen eines Masts. Macht es für die Handlung einen Unterschied, ob man allgemein »Mast« sagt oder jedem den korrekten Namen gibt (Fock-, Besan- und was weiß ich noch für Masten)? In meiner Abenteuerreihe: nein!

Er schaute nach oben, in das Gewimmel der himmelwärts ragenden Masten. Wie das Netzwerk einer Spinne hingen ungezählte Taue kreuz und quer, Seeleute kletterten darin herum und hantierten an dicken Seilen, Gurten und Segeln.

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

Das Zitat aus dem Auftaktband meiner Abenteuerreihe zeigt, worauf es mir ankommt. Man hätte den Anblick sehr viel präziser mit Fachworten schildern können. Stattdessen erzähle ich aus Joshuas Perspektive, der kein Seemann ist (und niemals wird), ihm sind die Fachbegriffe fremd. Was er wahrnimmt, drücke ich mit alltäglichen Wörtern aus, was die Textstelle leichter verständlich und stimmungsvoller macht.

Vor allem aber ist sie nicht spröde, wie es manchmal in Romanen vorkommt, die mit Fachbegriffen überladen sind. Ein Beispiel sind die Horatio Hornblower Romane, von denen ich nur einen einzigen gelesen habe, eben weil sie für meinen Geschmack völlig überfrachtet sind. Wer sich für Segelmanöver interessiert oder en détail nachvollziehen will, wie ein Schiff nach einem bestimmten Manöver reagiert, ist hier richtig. Mich langweilt das. »Der Marsianer« gehört auch zu dieser Kategorie, ich fand die ausführlichen Erläuterungen lästig.

William erzählte ihm, dass die Seeleute zu dem Achterdeck boshaft PoopDeck sagten, weil sich dort der Abort befand und sie so ungestraft zum Ausdruck bringen konnten, was sie von den bevorrechtigten Menschen hielten, die dort ihre Tage müßig verbrachten.

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

Bei dem Begriff »Poop-Deck« konnte ich nicht widerstehen, weil sich eine wunderbare Möglichkeit bot, einen mir wichtigen Aspekt auszudrücken. (»Poop« kann für »kacken«, »Scheiß«, »Trottel« stehen). Das Zitat zeigt, wie der Begriff eingeführt wird. Es enthält einen faktischen Teil, nämlich die Bezeichnung des Ortes, an dem sich der Abort befindet, und einen ausgedachten. Ich weiß nicht, ob irgendein Zeitgenossen wirklich diesen Gedanken hegte, fände es aber fast folgerichtig.

Das Leben auf einem Segelschiff war brutal, die Lebensumwelt um 1730 ebenfalls. Sie war geprägt durch immense gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Unterschiede. William gehört zu den Privilegierten, was immer wieder anklingt. Er darf auf das Achterdeck, ohne sich die Erlaubnis zu holen; er weiß um seinen Status und auch darum, wie er von anderen gesehen und aufgenommen wird. Im Grunde genommen macht er sich mit seiner nüchternen Erläuterung ein wenig über sich selbst lustig.

Wer im Internet sucht, wird unter dem Begriff Poop-Deck eher Hinweise auf einen – bestehenden oder erdichteten – lateinischen Ursprung finden, der mit »Hinterschiff« übersetzt werden könnte. Seefahrerlatein – in diesem Fall ausnahmsweise auch anregend für weiterreichende Assoziationen.

Der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu

Das Abenteuer beginnt im Oktober 2022 mit dem ersten Band meiner Heptalogie.

Wer wie ich 1968 geboren und in den siebziger und achtziger Jahren sozialisiert wurde, kennt das Phänomen des sonntäglichen Piraten– und Seefahrerfilms. Ganz unterschiedliche Streifen geistern durch mein löchriges Gedächtnis, vom klamaukischen Roten Korsar über Pippi Langstrumpfs Abenteuer bis hin zu Captain Horatio Hornblower als königlicher Admiral.

Angereichert wurde dieses Fundament durch Polanskis Komödie »Piraten«, die wunderbare Animationsversion von Stevensons Schatzinsel als »Schatzplanet« in ferner Zukunft bis hin zum Zombieschauermärchen um Captain Jack Sparrow.

Vorlagen und Anregungen gab es von dieser Seite eine ganze Menge. Die üblichen Clichés auch – die Frage war nur: Gibt es etwas, das noch nicht erzählt wurde? Zumindest in den Filmen und Büchern, an die ich mich erinnern kann, fehlt ein Motiv, das in anderen Genres außergewöhnlich beliebt ist: der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu.

Demnächst wird es eine Fortsetzung des wunderbaren Action-Klassikers »Heat« geben – in der Kinoversion wollte auch jemand sein Kriminellendasein ablegen; »Narcos« oder »Narcos Mexiko«, »4Blocks«, in den Kartell-Romanen von Don Winslow – überall ist das Motiv eines versuchten Ausstiegs Teil des Geschehens.

Aber Piraten?

Joshua hatte noch nie gehört, dass ein Pirat von sich aus aufhören wollte, Pirat zu sein. Sie wurden gejagt, gestellt, verurteilt und gehenkt. Aber aussteigen?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt.

Einem meiner Protagonisten geht es ähnlich wie mir: Er hat noch von keinem Piraten gehört, der sein Handwerk freiwillig aufgeben wollte.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, mir vor dem Schreiben dieses Motiv ausgesucht zu haben. Ich plotte nicht, sondern schreibe ins Dunkel hinein. Am Anfang eines Satzes kenne ich nicht dessen Ende, oft nicht einmal die Mitte. Letztlich folgte ich einer spontanen Regung, als ich – zu welcher Gelegenheit wird nicht verraten – beschloss, jemanden diesen Pfad verfolgen zu lassen.

Während der Recherche in den vergangenen Jahren ist mir vor Augen geführt worden, wie kompliziert und vielschichte, von Grauzonen und Nebelbänken durchzogen dieses Thema wirklich ist. Hier soll jetzt aber eine andere Figur zu Wort kommen und eine naheliegende Frage stellen:

Und für welchen Piraten gilt das nicht, capitán? Welcher Pirat ist jemals dem Galgen entkommen und hat als gewöhnlicher Bürger seine Reichtümer genießen können?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Opfergang

Die Antwort fällt ernüchternd aus. Ausgerechnet John Avery wird nachgesagt, dass es ihm gelungen sei, in Irland an Land zu gehen und unterzutauchen. Er kann für sich in Anspruch nehmen, den einträglichsten Beutezug unternommen zu haben, begleitet von unsäglichen Torturen, Vergewaltigungen, Überbordwerfen und Aussetzen seiner Opfer, die nicht direkt getötet wurden.

Untertauchen heißt aber, eine Form der Illegalität durch eine andere zu ersetzen. Von bürgerlichem Dasein, wie die Figur mit spanischem Akzent fragt, kann also keine Rede sein. Die Frage ist: Gibt es noch einen anderen Weg?

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Venedig ist in diesem großen, europäischen Roman Sinnbild für die zerstörerische Kraft des Massentourismus und für das erstickende Übermaß an Geschichte, das Europas Weg in die Bedeutungslosigkeit ornamentiert.

Zu den wenigen Dingen, die ich vorbehaltlos verachte, gehört der Drang nach touristischer Authentizität. Wenn in Reiseführern die Rede von authentischen kulinarischen Genüssen, Erfahrungen oder ähnlich abstrusem Krams ist, verspüre ich Brechreiz. Der Grund ist nicht zuletzt Heisenberg: Seine Unschärferelation gilt nicht nur in der Physik, sie gilt überall. Den »neutralen«, erlebenden Beobachter gibt es nicht, die bloße Anwesenheit beeinflusst und verändert bereits. Authentizität ist unmöglich.

Der aus den Niederlanden stammende Autor Ilja Leonard Pfeijffer verschafft in seinem Roman einigen obskuren Authentizitäts-Autisten einen gespenstischen Auftritt, der den Leser in einen Zustand flammender Wut und angeekelter Abscheu versetzt. Es ist eine derart eindrückliche Stelle, dass ich mich beim Wiederhören vor ihr ein wenig gefürchtet habe – völlig zu Recht. Pfeijffer führt vor, erbarmungslos und für den Leser bzw. Hörer in diesem speziellen Fall schwer erträglich.

Aber ich schwieg. Ich hatte die Diskussion bereits in Gedanken gewonnen und es wäre schade, diesen Triumph durch die Konfrontation mit der widerspenstigen Realität zu gefährden.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Zum Glück verfügt der Schriftsteller über ein immenses sprachliches Ausdrucksvermögen, was den Roman ungeheuer unterhaltsam macht. Er bedient sich einer wundervollen Form der Verschleierung, nämlich barocker Höflichkeit, deren manierierter Gestelztheit er mit boshafter Ironie und manchmal deftigen Worten den nötigen Ausgleich verschafft. Besonders gefällt Pfeijffers Hang, sich selbst ohne Scheu zu überheben und wenige Absätze weiter wieder vom Sockel der Selbstgefälligkeit zu stürzen. Er teilt in alle Richtungen aus, auch gegen sich selbst.

Das Reisen der Massen ist nur ein Thema, das in Grand Hotel Europa verhandelt wird, allerdings ein wichtiges. Es geht, wie man am Zitat sieht, um die Selbstzerstörung des Tourismus – und des Menschen an sich. Was gäbe es für einen passenderen Ort als Venedig, um das vorzuexerzieren?

Der Tourismus zerstört, wovon er angezogen wird.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Pfeiffer lässt den Leser leiden, indem er ihm auf schmerzhafte Weise vorführt, was vor Ort schiefläuft. Dazu wählt der Autor ein geschicktes Mittel in Form des Stilwechsels. Individuelle Beobachtungen von – schrecklichen – Touri-Zeitgenossen wechseln mit informativen Passagen, die einen essayistischen Charakter haben und genau ausführen, von was eigentlich die Rede ist. Diese Wechsel verleihen dem Roman einen ganz besonderen Reiz.

Doch ist Tourismus nur eine Facette des gleichen Themas, denn ihm wird die unfreiwillige Migration zur Seite gestellt. Der junge Mann auf dem Titelbild steht für Abdul, den Piccolo des Grand Hotels Europa, in dem der Erzähler sich einquartiert hat. Er ist ein Flüchtling aus der Wüste und hat eine ganz andere Reise hinter sich als die Flip-Flop-Scharen, die aus den Kreuzschiff-Giganten wälzen und den Markusplatz überfluten.

Der Roman bezieht Position. Touristen gelten Pfeijffer gemeinhin als willkommen, sind in Wahrheit jedoch Zerstörer; (fliehende) Migranten werden als unwillkommene Eindringlinge gefürchtet, sind jedoch potenzielle Helfer, die beitragen könnten, Krisen (auch in Venedig) zu bewältigen.

Ich erzählte ihm von meiner Idee, ein Buch über den Tourismus zu schreiben. ›Sie möchten also über die barbarische Invasion schreiben‹, sagte Patelski. ›Man hält den Tourismus im Allgemeinen für ein Geschäftsmodell und stimuliert ihn. Dabei ist er eine Bedrohung. Er bildet eine interessante Parallele zur angeblichen Invasion der Afrikaner, die man für eine Bedrohung hält, obwohl sie eine große Zukunftsperspektive birgt.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Die beiden Formen der Mobilität verbindet Pfeijffer äußerst geschickt mit seinem zweiten Anliegen. Europa wäre ein Ort der Geschichte, einzigartig in der Welt. Während anderswo die Zukunft im Fokus stehe, Altes abfällig betrachtet und gern abgerissen würde, lebe Europa von und in der Vergangenheit. Dank Deindustrialisierung und dem Aufstieg anderer Regionen wäre der Tourismus, befeuert von der musealen Historie des Alten Kontinents, für Staaten wie Italien und Griechenland längst unverzichtbare Lebensader.

Die beiden Hauptfiguren, der Autor selbst, der den Ich-Erzähler mimt, und seine italienische Muse Clio, stecken persönlich in diesem Sumpf aus Gestern. Die Geschichte wird ausgehend vom Grand Hotel Europa retrospektiv erzählt, dabei springt der Roman munter zwischen den Zeitebenen und Stilen hin und her. Der Leser folgt der Geschichte der beiden, die sich durch einen Zufall kennenlernen, ein Paar werden, in einer weiteren Erzähllinie einem hübschen Geheimnis um Caravaggio nachgehen und sich zerstreiten.

Die Stadt wird nur noch von den Geistern der Vergangenheit bewohnt.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Das weiß der Leser bereits am Anfang des Romans, denn der Ich-Erzähler ist im Grand Hotel Europa, um Wunden zu lecken und seine Beziehungs-Bauchlandung zu verarbeiten. Clio ist Kunsthistorikerin, sie entstammt einer sehr alten italienische Familie aus Genua. Sie verkörpert somit einen Teil der Geschichte und steckt wörtlich in ihr fest, denn an ein – für Länder nördlich der Alpen selbstverständliches – berufliches Fortkommen ist im historisch-sozial verkrusteten Italien nicht zu denken. Wohlgemerkt: Norditalien, nicht Mezzogiorno.

Mit dieser Beziehung erhält der Roman etwas Spielerisches, denn Pfeijffer weidet sich daran, sie in Szene zu setzen. Sex-Szenen spielen auch eine Rolle und sind sprachlich ganz wunderbar gestaltet. Es kann dabei schon vorkommen, dass der Autor sich mitten im Geschehen entschuldigend an den Leser wendet und die Örtlichkeit dafür verantwortlich macht, dass er die gewohnte sprachliche Eleganz an dieser Stelle vermissen lässt.

›Glauben Sie, dass Reisen den Horizont erweitert?‹

›Ich glaube, dass Nachdenken den Horizont erweitert.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Vor allem bekommen die Reisefreudigen einen literarischen Schuss vor den Bug. Die Lügen und der Selbstbetrug der so genannten Sharing Economy, wie Airbnb, werden wunderbar an einen sprachlich fein ornamentierten Pranger gestellt.

Die Romanfigur Pfeijffer lebt in Venedig, wo längst alles zu spät ist, eine Stadt zum Museum und ihre Bewohner zu niederen Dienstleistern herabgewürdigt wurden. Doch dabei lässt er es nicht bewenden, er führt andere Beispiel vor, wie Amsterdam, wo er ausgerechnet Nutella zum Sinnbild des globalen Missstands werden lässt.

Ungeheuer boshaft, zum Schreien komisch – manchmal auch nur zum Schreien -, dann wieder sachlich, nüchtern oder handfest wird der Leser in Atem gehalten. Gut unterhalten folgt er dem Pfad, der schließlich ganz tief in die europäische Geschichte führt, hinab in das mystische Fundament, die ganz alten Sagen. Ganz groß ist nämlich jener Moment, an dem klar wird, wie schön das mit dem Flüchtlingsschicksal Abduls verwoben wurde. Das halbe europäische Mittelalter hat sich zwecks Legitimation auf Vergils Aeneis berufen, deren Helden nämlich was sind? Jetzt dürfen alle mal raten und diesen wunderbaren Roman lesen.

Lesemonat Juli 2022

Meine Lektüre im Juli 2022. Diesmal zwei Sachbücher, einen Klassiker, eine herausragende Novelle und einen großen Roman Europas.

Jede Zeit hat ihre Widersprüchlichkeiten. In »Robinson Crusoe« von Daniel Defoe wird vom Protagonisten zwar die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas durch die Spanier beklagt und kritisiert; die Sklaverei jedoch nicht. Sie ist ganz normaler Bestandteil der Welt, in der die Geschichte spielt. Immerhin geht Crusoe mit Freitag nicht brutal um, im Gegenteil: Für den schiffbrüchigen Insel-König ist er ein willkommener Gesprächspartner, mit dem er über Gott und die Welt spricht.

Widersprüche gibt es auch im Highlight dieses Monats zuhauf. »Grand Hotel Europa« zielt auf die Absurditäten des (Massen-)Tourismus, der zerstöre, was ihn anziehe. Wie so vieles in diesem großen Roman sehr treffend formuliert. Das Buch nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern feuert aus allen Rohren.

Völlig ungeniert führt der Autor die Abgründe vor, keineswegs nur den Tourismus betreffend; die zweite große Reisebewegung, die Flucht, findet ihren Platz. Kreuzfahrttouristen überschwemmen Malta – und zahlen weniger für ihre komfortablen Reisestädte als Fliehende aus Afrika für die riskante Fahrt mit einem Seelenverkäufer.

Auch der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Ernest Hemingway wird als vielschichtige, widersprüchliche Figur geschildert: Leonardo Padura nimmt sich seiner an, gibt ihm eine eigene Erzähl- bzw. Zeitebene, um das zur Neige gehende Leben Hemingways darzustellen.

Eine Wiederentdeckung war die Lektüre der Schachnovelle von Stefan Zweig. Anlässlich der – sehr gelungenen – Verfilmung habe ich die Erzählung noch einmal durchgeschmökert und war wie bei der Jahre zurückliegenden Erstbegegnung schlicht begeistert. Als ich noch Schach gespielt habe, war übrigens die Königsindische Verteidigung meine Lieblingseröffnung mit Schwarz.

Ganz besonders hat mich das Sachbuch von Kaplan berührt. Die Schicksale der von den Nazis zu Juden gemachten Deutschen in den zwölf Schreckensjahren sind erschütternd – egal, wie viele Bücher man zu diesem Thema liest, dem Terror kann man sich nicht entziehen.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grandhotel Europa

Mit beachtlicher Konsequenz bereitet der Roman seinem Leser einen ganzen Strauß besonders unterhaltsamer Zumutungen. Boshaft, dank einer ungeheuren Sprachgewalt zum Schreien komisch, dann wieder nüchtern und melancholisch – die Vielfalt der Stimmungen, die Pfeijffer hervorzurufen weiß, ist bemerkenswert. Und seinem Thema angemessen, denn ›Grand Hotel Europa‹ hat eines: Reisen in seinen vielfältigen Facetten. Tourismus, natürlich, in seinen schrecklichen Ausprägungen, aber auch Flucht. Es gelingt dem Roman, beide Seiten ganz wunderbar miteinander zu verschlingen, nicht nur durch das Gegenüberstellen von gegenwärtigen Aspekten, sondern auch mittels der Vergangenheit. Ja, der Gründungsmythos Europas, Homers und Virgils Schriften, auf die sich das halbe Mittelalter zwecks Herrschaftslegitimation berufen hat, findet nicht nur Eingang in den Roman, Pfeijffer macht ihn auf eine geniale Weise zum konstituierenden Element. Und die Sprache!

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

Stefan Zweig: Schachnovelle

Hannibal gegen Quintus Maximus, den römischen Zögerer, das hochfliegende Genie gegen den malmenden Steinzerkleinerer, der, in der Sache unendlich unterlegen, durch Zeit und Raum seinen Gegner niederringt. Dessen Wucht verliert sich in der unendlichen Weite, wird von ihr absorbiert. Napoleon gegen Kutusov ist das zweite Paar historischer Größen, die Zweig in seiner Novelle ausdrücklich nennt. Ich musste an die Wehrmacht denken, deren Blitzkrieg in den verschlammten Weiten der Sowjetunion, vor allem der Ukraine, verendete. Zweig schreibt über Geschichte, die tiefen Mechaniken, die alles bestimmen, und personalisiert sie; verknüpft alles mit seiner Gegenwart, den Schrecken des NS-Regimes, namentlich Gestapo und SS, und führt am Ende alles auf den inneren Kern des Menschen zurück. Es ist für mich immer noch ungeheuerlich, dass sich Zweig das Leben nahm, ausgerechnet in jenem Monat, da die deutsche Niederlage bei Stalingrad manifest wurde.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Ich war sehr gespannt auf diesen Roman, der Anfang des 18. Jahrhunderts geschrieben wurde und Mitte des 17. Jahrhunderts spielt. Die grundsätzliche Geschichte glaubt jeder zu kennen, darum haben mich eine Reihe von Dingen sehr überrascht. Die Hauptfigur ist anfangs – gegen weisen elterlichen Rat – auf der ungeheuer dynamischen Überholspur unterwegs; Abenteuerlust, Seefahrt, Geschäftssinn und Erfolg, der dem Protagonisten jedoch nicht genügt. Er stürzt ins Unglück und findet – für mich mit sehr überraschender Wucht – in Gott seine Rettung. Eine Art mönchischer Hippie erkennt in seinem Elend den wahren Wert der Dinge, auch der Einsamkeit, dank seiner Hinwendung zu Bibel und dem Herrn. Eine Art Abenteuer-Heilsgeschichte, eine Warnung vor den Tendenzen der – 300 Jahre alten – Moderne und ihrem Streben nach Vernunft und überschäumenden Ehrgeiz, statt das Leben auf der »Mittelstraße« zu beschreiten. Schön erzählt, ich hatte meine Freude an dem Roman.

Marion A. Kaplan: Der Mut zum Überleben

Ich werde gar nicht erst den Versuch unternehmen, diesem Buch gerecht zu werden. Es ist eine Lawine an Informationen, Schicksalen, Beispielen aus einer Zeit der Dunkelheit, die es fertigbrachte, immer dunkler zu werden. Wann immer ich ein Buch in die Hand nehme, das vom Schicksal jener berichtet, die von den Nazis als Juden gebrandmarkt wurden, bleibt ein gerüttelt Maß Fassungslosigkeit. So oft gehört, so viel gelesen oder gesehen – und am Ende bin ich immer wieder verblüfft über das Ausmaß des Höllensturzes. Was die Autorin dieses lesenswerten Sachbuches geschafft hat, ist den Fokus auf die weibliche Seite des Dramas zu lenken. Tatsächlich stehen die Frauen im Schatten, es bleibt die Hoffnung, dass sich daran seit der Veröffentlichung von »Der Mut zum Überleben« etwas geändert hat. Der Druck, unter dem Frauen standen, war immens! Zu den wirklich bitteren Momenten gehören jene, wenn der Mann seine überkommene Position und eingebildete Weltweisheit nutzte, um eine Auswanderung zu verhindern – gegen den, im Nachhinein weisen – Widerstand seiner Frau.

Katrin Passig: Handbuch für Zeitreisende

Ganz charmant, ab und zu auch ganz witzig und mit einigen kleinen Aha-Erlebnissen ist Katrin Passigs Handbuch für Zeitreisende. Es gibt eine Gruppe, die das wirklich lesen oder hören sollte: Autoren von Zeitreiseromanen. Es erspart ihnen manche Gedankenakrobatik und einige daraus resultierende Fehler, außerdem ist es eine inspirierende Quelle. Wer Historisches schreibt, bekommt vielleicht auch ein paar Hinweise über das Alltagsleben, allerdings sollte man sich mit Dingen wie Datum und seine Abgründe ohnehin befasst haben. Hier und da finden sich kleine Schätze: »Wer Schlachten für entscheidend hält, lässt sich von dem blenden, was leicht zu sehen ist und viel Krach und Aufmerksamkeit erzeugt.« Ja, so ist es. Wallenstein wusste das übrigens.

Leonardo Padura: Adiós Hemingway

Zwischen Cuba und dem amerikanischen Schriftsteller Hemingway gibt es eine recht lange Verbindung. Glaubt man der Hauptfigur aus Leonardo Paduras Roman, war das keine besonders intensive. Überhaupt steht Mario Conde dem Großautor mit Nobelpreis sehr distanziert gegenüber, der Ex-Polizist war einst Bewunderer und wollte wie sein Vorbild als Schriftsteller arbeiten; die Entzauberung Hemingways, sein Verhalten gegenüber Kampfgenossen im Spanischen Bürgerkrieg und später, die fehlende Distanz zu den Roten in Moskau (Intellektuelle haben traditionell eine Wahrnehmungsschwäche) und die eigene Reife haben zum Bruch geführt. Und doch versucht sich Conde dem Verstorbenen mit einer bemerkenswerten Neutralität dem Fall zu nähern, der dem lange verstorbenen Hemingway auch noch einen Mord eintragen würde. Vordergründig ein Krimi, doch unter diesem eher dürren Firnis eine Geschichte über Literatur, Schreiben und die Existenz als scheiternder, sterbende Star.

Ausführliche Buchvorstellung: hier.

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