Schriftsteller - Buchblogger

Monat: Dezember 2022 (Seite 1 von 2)

Bücher 2022

Mein Top-Ten der Bücher, die ich 2022 gelesen oder gehört habe. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt. Alles selbst gekauft.

Soll man? Ja. Also hier sind sie, die Top-Ten meines Lesejahres 2022.

Die beiden Romane von Padura und Jenni habe ich zum zweiten oder dritten Mal gelesen, sie bilden – gemeinsam mit Hilary Mantels Spiegel und Licht – das Best-of-Trio meines Leselebens. Weltliteratur allesamt, einmal Cuba, einmal Frankreich, einmal England. Sie wurden im 21. Jahrhundert geschrieben, gehen jedoch alle drei auf unterschiedlichen Pfaden tief in die Vergangenheit.

Mir ist es wichtig zu betonen, dass es bei der ZehnerAuswahl sowie dem preisgekrönten Top-Trio um eine sehr persönliche handelt. Ehrlich gesagt rechne ich nicht damit, dass jemand anderer in gleicher Weise angesprochen wird. Enttäuschungen sind immer vorprogrammiert, wenn man den Empfehlungen und Jubelrufen anderer folgt; das gehört zum Lesen dazu.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Wolgang Herrndorf: Sand

Steffen Mensching: Schermanns Augen

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Richard Flanagan: Der schmale Pfad ins Hinterland

Gerd Ledig: Vergeltung

Steffen Kopetzky: Propaganda

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Uwe Wittstock: Februar 33

Von allen Buchvorstellungen wurde jene über den französischen Prix Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu, Wie später ihre Kinder am häufigsten aufgerufen; recht dicht gefolgt von Steffen Kopetzkys Propaganda und einem Beitrag aus dem letzten Jahr über Ulrich Boschwitz’ Roman Der Reisende. Diese Zahlen sind natürlich relativ, denn die im Jahresverlauf veröffentlichten Buchvorstellungen haben es schwerer, Zugriffe zu generieren.

Bunte Lektüremischung in 2022

Auch in diesem Jahr ist es eine ziemlich bunte Mischung. Mehrere Klassiker habe ich mir gegönnt, ein Vorhaben, das ich weiter verfolgen werde, um Lücken zu schließen oder große Werke noch einmal zu lesen. Apropos Wiederlesen: Das ist ein zweiter Schwerpunkt in diesem Jahr gewesen, mein Regal ist voller guter Bücher, die es wert sind, wenigstens zweimal gelesen zu werden. Sieben waren es 2022, im kommenden Jahr folgen hoffentlich noch mehr.

Elf Bücher würde ich der Sachbuch-Rubrik zuordnen. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Formulierung etwas schwammig ist, denn einige der Sachbücher sind sprachlich auf einem derart hohen Niveau, dass manch’ literarisches Werk erblasst. Außerdem gibt es noch jene Grenzgänger, wie die drei Bücher des französischen Autors Eric Vuillard, die sich einer genauen Zuordnung entziehen – ich habe sie der Sachbuch-Rubik zugeordnet. Im nächsten Jahr werden es – auch bedingt durch anstehende Recherchen – wahrscheinlich wieder mehr Sachbücher werden.

Die Mehrheit der Bücher ist auf deutsch verfasst, gefolgt von englischsprachigen Werken, die ich zumeist in der Übersetzung gelesen oder gehört habe. Einige französische und spanische Bücher runden das Bild ab, außerdem stammt ein Buch aus dem Niederländischen und ein weiteres aus dem Russischen.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Lesenswerter Roman, inhaltlich nicht in meiner Komfortzone. Cover diogenes, Bild mit Canva erstellt.

Der Autor Benedict Wells ist für mich ein spezieller Fall. Zwei- oder drei Mal habe ich einen Roman von ihm begonnen, einer davon war Becks letzter Sommer, den ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Der Autor erschien bereits verbrannt. Trotzdem habe ich wegen Empfehlungen von mir geschätzter Blogs weitere Anläufe unternommen – erfolglos.

Der Roman Vom Ende der Einsamkeit ist mir so dringend nahegelegt worden, dass es mir nachgehangen hätte, wäre ich dem nicht nachgekommen. Es hat sich durchaus gelohnt, auch wenn der der Stoff ein gutes Stück außerhalb meiner Komfortzone liegt. Was mir besonders gut gefallen hat, ist der Schreibstil, denn Wells erzählt.

Unaufgeregt lässt er den Ich-Erzähler Jules von seinem Schicksalsweg berichten. Der hat es in sich, es ist eine lange Suche nach sich selbst, bei der er durch ein tiefes Tal gehen muss. Die Unbilden des Internatslebens, eine schier endlose, vergebliche Liebe, Orientierungslosigkeit und Scheintätigkeiten aus Schuldgefühlen, gefolgt von einer viel zu knappen Phase des Glücks – Jules wird vom Leben durch die Mangel gedreht.

Er und seine beiden Geschwister bilden ein Spannungsdreieck, völlig voneinander verschieden und doch einander verbunden, ziehen sie durch ihre Leben, die trotz aller Unterschiede geprägt sind von dem frühen, tragischen Tod ihrer Eltern. Wie ein dunkler Schatten liegt das Ereignis über ihnen, auch wenn er augenscheinlich zu verblassen scheint.

Das Trio schreitet auf sehr unterschiedlichen Wegen durchs Leben und findet immer wieder zueinander. Manche Passagen wirken etwas redundant und lassen den Leser ratlos zurück, einige Motive sind allbekannt und die ganze Geschichte wirkt ab einem gewissen Punkt ein wenig konstruiert, doch darüber kann man getrost und flott hinweglesen.

Da der Roman inhaltlich jenseits meines literarischen Tellerands liegt, verweise ich gern auf weitere Rezensionen: positiv bei Buchhaltung, Der Zeilentänzer; offenherzig kritisch: Literaturreich.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Taschenbuch 368 Seiten
Diogenes 2018
ISBN: 978-3-257-24444-1

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Ein epochemachendes Werk, zentral für alle, die Geschichte und Gegenwart verstehen wollen. Cover DVA. Bild mit Canva erstellt.

Allein die Herangehensweise spricht für eine nachdrückliche Lektüreempfehlung dieses umfangreichen Buches namens Die Schlafwandler. Der Historiker Christopher Clark untersucht den Weg in den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe, die am Anfang von Europas Selbstvernichtung stand. Sein Ansatzpunkt ist dabei hochinteressant und – wie es sich über ein Werk dieser Art gehört – umstritten. Aus meiner Sicht hat es epochalen Charakter.

Die Kriegsschuld, die im Versailler Vertrag und von vielen Historikern dem Deutschen Kaiserreich zugesprochen worden ist, darf wie ein bequemes Sofa betrachtet werden. Die Siegermächte entband es von der Notwendigkeit, die eigenen Anteile an dem Desaster kritisch zu beleuchten – man hatte ja einen Verursacher. Aber auch für interessierte Kreise auf Seiten der Deutschen war diese Zuschreibung vorteilhaft, eignete sie sich vortrefflich für antidemokratische und nationalistische Propaganda.

Nach 1945 haben viele deutsche Historiker unter dem Eindruck des Zivilisationsbruchs nur zu gern die schlichte Lösung des angeblich geplanten, provozierten Krieges im Rahmen einer Strategie, die als »Griff nach der Weltmacht« bezeichnet wurde, aufgegriffen und mit Klauen und Zähnen verteidigt; im Kern eine absurde, wenn auch verständliche Rückschau durch die Brille des nationalsozialistischen Weltanschauungs- und Angriffskrieges.

Alles fing mit einem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Christopher Clark geht einen anderen, meines Erachtens seriöseren Weg, und lässt die »Kriegsschuld« außen vor. Stattdessen konzentriert er sich auf die politischen Verhältnisse, Strömungen und Optionen, die den handelnden Personen in der Julikrise zur Verfügung standen und zeigt minutiös auf, wer, wann, wie und vor welchem Hintergrund handelt.

Frappierend, wie sehr die angeblich so sachliche und nüchterne Historiographie Ideologien und Denkmuster widerspiegelt. Clark verweist ganz am Ende seines Buches darauf, wie schnell und umfänglich Serbien als wesentlicher Akteur aus dem Denken der Verantwortlichen verschwunden ist – und auch aus den Werken der Geschichtsschreiber, die sich – wie Franzosen, Russen und Engländer damals – auf Deutschland fokussierten.

Die Schlafwandler nimmt sich eines extrem komplexen Vorganges an, der Jahre vor 1914 seine Wurzeln hat – eben auch dort, wohin bislang kein Scheinwerfer der Historiographie leuchtete. Allein für Clarks ausführliche Darstellung des serbischen Wegs in das Desaster gebührt dem Autor große Anerkennung, die Schilderung des irredentistischen Königsmörder-Flügels unter den Verantwortlichen, rückt einiges ins Licht.

Serbien  wird aus der Bedeutungslosigkeit herausgeholt, zugleich aber der Selbststilisierung als reines Opfer entkleidet und – dankenswerterweise – nüchtern in seiner inneren Entwicklung betrachtet.

Das Opfer war ein zentrales Motiv, fast schon ein Wahn.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Auch der geschulte Leser fühlt sich wie auf einer Entdeckungsreise in eine unbekanntes, nicht kartographiertes Land. Was da aus der Dunkelheit an Licht kommt, lässt im Jahr 2022 schaudern. Die serbischen Stimmen, die vor 1914 von einem Großserbien schwadronierten, lassen die Äußerungen über die Ukraine, die aus Putins Reich kommen, wie ein spätes, gefährliches Echo klingen.

Durch die Beschäftigung mit Serbien wird erst klar, wie sehr die Entente-Mächte dem fünften Großmacht-Rad am europäischen Wagen, Österreich-Ungarn, alle Rechte absprachen, die sie für sich in Anspruch nahmen; ja, auch ohne triftigen Grund für sich beanspruchten. Österreich-Ungarn galt 1914 als verfallender Staat, der zwangsläufig verschwinden würde (wie auch das Osmanische Reich). Auch mit dieser Annahme räumt Clark auf.

Es nimmt sich schon kurios aus, wie sehr Russland wirtschaftlich und militärisch überschätzt und hinsichtlich der internen Schwächen unterschätzt wurde – niemand hätte 1914 eine Wette darauf gewagt, dass der Riese im Osten drei Jahre später kollabieren würde. Umgekehrt ist es eben auch fraglich, ob Österreich-Ungarn nicht hätte eine innere Reform durchführen und sich stabilisieren können.

Das Todesurteil für das Habsburgerreich wurde noch durch eine rosarote Sichtweise Serbiens als Nation der Freiheitskämpfer bekräftigt, denen die Zukunft gehörte.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Geschichte wiederholt sich (nicht). Die ewige Frage würde ich – nicht nur in diesem Fall – mit dem Begriff des historischen Echos versehen – leicht verzerrt, doch in seinem Kern gleich und zusammengenommen ähnlich.  Serbien ist keineswegs nur die Zündflamme des Flächenbrandes namens Erster Weltkrieg gewesen, sondern handelnder und über seine wirkliche Bedeutung hinausreichender Akteur des Desasters gewesen.

Vielleicht musste ein Historiker wie Christopher Clark kommen, den es aus der australischen Ferne nach Europa verschlagen hat, wo er den gewohnten Blick auf den Weg in den verheerenden Ersten Weltkrieg geschärft und viele bequeme Gewohnheiten über den Haufen geworden hat. Clark schaut genauer hin und schildert die Vorgänge und mögliche Alternativen auf sehr vielen Ebenen.

So wird die Bedeutung des Balkans, seiner kleinen, streit- und kriegslustigen Staaten, allen voran Serbiens, aber auch Italiens, das mit seinem ebenso aggressiven wie vergessenen Krieg 1912 verhängnisvollen Entwicklungen den Weg bereitete, der nötige Raum gegeben. Die politischen Entscheidungsfindungsprozesse in den Staaten, ihre Machtgruppen und einander bekämpfenden Gruppen, werden aufgezeigt, die Bedeutung der Monarchen, der Presse und gesellschaftlicher Verbände beleuchtet.

Es ist ein lohnenswerter, verschlungener, vielfach gewundener Weg, den der Leser beschreitet. Im Verlauf wird ihm klar, wie kurios der Begriff der »Schuld« ist, der den Blick auf die wesentlichen Aspekte verstellt. Etwa die ungeheuer aggressive Politik russischer Kreise, die Deutschenfeindlichkeit mächtiger Gruppen in England und Frankreich. Das Buch ist wie eine Impfung, die Neigung, dort eine »Mitschuld« zu verorten, verfliegt und macht der sehr viel wichtigeren Frage Platz: Wie hätte sich das Debakel verhindern lassen?

Mir haben mehrere Aspekte ganz besonders gefallen. Zum einen Clarks Blick auf die Kommunikation zwischen den Machtgruppen und Staaten, insbesondere die Einbettung des Überlieferten in eine Analyse von deren tatsächlicher Wirkung. Zum zweiten die Frage, ob und wann es hätte wie anders kommen können – Die Schlafwandler bricht grundsätzlich mit der Neigung, den Ersten Weltkrieg als zwangsläufigen Endpunkt einer unveränderlichen Entwicklung zu betrachten.

Sehr bemerkenswert ist aber drittens die Feststellung, dass die handelnden Akteure auf allen Seiten wenig über die Intentionen der anderen wussten, mit einer geringen Zuversicht bezüglich der Verlässlichkeit der anderen, selbst innerhalb der Bündnisblöcke ausgestattet waren und die daraus resultierende Instabilität durch die wechselnden Machtverhältnisse innerhalb der jeweiligen Exekutiven verschärft wurde.

Die Österreicher glichen Igeln, die ohne nach rechts oder links zu schauen, über eine Autobahn trippeln.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Die Voraussetzungen für eine mögliche Abwendung des Ersten Weltkrieges waren also nicht besonders gut, aber nicht, weil sich etwa zwei in sich geschlossene Blöcke gegenüberstanden, sondern auch wegen der Unsicherheit innerhalb der Blöcke. Clark hat das beim Blick auf die Julikrise 1914 herausgestrichen, was aus meiner Sicht weit über das historische Ereignis hinausragt und den Blick auf aktuelle politische Entwicklungen schärfen sollte. Aus Die Schlafwandler lässt sich vortrefflich lernen.

Die Vereinfachung komplexer historischer Entwicklungen hat für die Gegenwart verheerende Konsequenzen. Sie erklärt nämlich beispielsweise die nachgerade absurde Ignoranz der deutschen auswärtigen Politik im 21. Jahrhundert gegenüber der Ukraine, den baltischen Staaten, Polen und Belarus und alleinige Fokussierung auf Russland – wohlgemerkt aus Gründen der »historischen Verantwortung«. Als ob die Nazis nur in Russland gewütet hätten.

Die Schlafwandler ist eben auch eine Plädoyer dafür, komplex zu denken, wenn es um komplexe Entwicklungen geht, und Misstrauen gegenüber einfachen Antworten zu entwickeln. Die medial allzu häufig zu Wort kommenden Schlichtgestalten mit ihren einfältigen Schuldzuschreibungen (!) sind nichts weiter als ein erbärmliches Echo bequemer, eindimensionaler Weltsichten, Vertreter einer Art historisch-politischen Autismus’.

Christopher Clark: Die Schlafwandler
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA 2013
Hardcover, 896 Seiten
ISBN: 978-3-421-04359-7

Enttäuschungen sind unvermeidlich 

Blogbeiträge enttäuschen jene oft, die einer Empfehlung folgen. Das ist unvermeidlich, denn Bücher haben immer ihre Zeit und die tickt bei jedem Menschen anders. Bild mit Canva erstellt.

Ich schreibe vor allem über Bücher, die ich lesenswert finde. Verrisse sind Zeitverschwendung, für schlechte Bücher ist das Leben zu kurz, man sollte sie abbrechen. Wer also meine Buchvorstellungen liest, wird fast nur positive Dinge über diese Werke erfahren. Natürlich führt das zwangsweise zu Enttäuschungen. Es muss sie sogar geben.

In meinem Leseleben habe ich mehrere tausend Bücher gelesen. Die Bandbreite meiner Lektüre ist beträchtlich. Sie reicht von Heftromanen á la Perry Rhodan bis hin zu – ja, tatsächlich – Ulysses. Den habe ich  gern gelesen, die Lektüre als anstrengend und spannend zugleich empfunden. Abbrechen war zu keinem Zeitpunkg eine Option.

Viele Romane, die ich in früheren Jahren einmal mochte, würde ich heute verwerfen. Bücher und Lektüren haben ihre Zeit und wenn diese vergangen ist, welkt auch die Lesefreude. Perry Rhodan habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt, aber auch richtige Literatur kann verwelken.

Das Brot der frühen Jahre schmeckt nicht mehr

Heinrich Böll etwa ist durch sein Büchlein Das Brot der frühen Jahre mitverantwortlich dafür, dass ich den Weg eingeschlagen habe, den ich gegangen bin. Zwanzig Jahre später konnte ich nicht mehr nachempfinden, was mich damals so bewegt hat. Die Erzählung wirkte stumpf und langweilig, Böll Sprache schwer erträglich.

Natürlich ist das, was ich gesagt habe, Unsinn: Nicht Bölls Buch war verantwortlich für meinen Lebensweg, meine Entscheidungen waren längst gefallen, die Erzählung ist nur der Spiegel, das Echo der in meinem Inneren ablaufenden Prozesse gewesen. Ich habe sie in das Buch hineingelesen. Jahre später sah es in meinem Innern ganz anders aus, entsprechend blieb der Spiegel blind.

Und das ist auch ein Grund, warum meine Buchvorstellungen enttäuschen können (auch mich, wenn ich das Buch später noch einmal lese). Romane und Erzählungen sind – von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen – mit einer individuellen Halbwertszeit ausgestattet. Dafür sorgt auch noch ein anderer Punkt.

Wiederholungen bleiben nicht aus

Der Berg an Büchern in meinem Leben spielt eine wichtige Rolle. Wer viel liest und keine Wiederholungen mag, wird immer für ihn Neues bevorzugen. Andere, die noch am Anfang ihres Leselebens stehen, können das so gar nicht sehen, werden das, was ich auf dem großen Berg bereits bewältigter Literatur lese, bestenfalls befremdlich finden. Sie müssen fast zwangsweise enttäuscht sein von meinen Jubelrufen.

Wenn ich aktuell einen Roman lese, der mit einer spannenden Action-Sequenz oder einer anderen Form der Konflikt-Zuspitzung beginnt und dann zurückspringt, um die Angelegenheit bis zu diesem Punkt aufzurollen, empfinde ich schon so etwas wie Langeweile. Ich breche deshalb kein Buch ab, aber mir ist das Struktur-Element so häufig begegnet, dass ich über Abwechslung froh bin.

Es geht an dieser Stelle übrigens nicht um die Kategorie: »mag ich« oder »mag ich nicht«. Die gibt es auch und sie hat ihre Berechtigung. (Horror mag ich bis heute nicht, Western, liebes– und vampirromantischen – Verzeihung – Quark auch nicht.) Nur wird fast niemand, der keine Historischen Romane mag, eine Buchvorstellung zu einem Werk aus diesem Genre lesen, geschweige denn es kaufen.

Es geht also um jene, die bereits die Schwelle des »Mag-Ich« überschritten haben, sie können trotzdem enttäuscht werden.

Enttäuschungen und Irrtümer gehören einfach dazu

Aus diesem Umstand könnte man verschiedene Schlüsse ziehen, Blogbeiträge nicht mehr zu lesen, wäre der falsche. Wer über einen gewissen Zeitraum hinweg Buchvorstellungen von einem Blogger liest und vielleicht einer oder zwei gefolgt ist, weiß in etwa, wie er »tickt«.

Sollte also ein gewisser Alexander Preuße wieder einmal das Echo der Niederungen europäischer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Roman besingen, ist man also bereits im Bilde, wohin die literarische Reise geht. Denn bei aller Liebe zur Abwechslung: Muster kann man weder beim Schreiben noch beim Lesen vermeiden.

Am Wichtigsten ist jedoch etwas Anderes: Irrtümer und Enttäuschungen gehören zum Lesen einfach dazu. Isso.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Es ist nicht nur ein Roman über das Leiden in japanischer Kriegsgefangenschaft, aber das Leben und Sterben im Urwald bildet den Kern von allem. Cover: Piper. Bild mit Canva erstellt.

An einer Stelle fragt sich die Hauptfigur des Romans Der schmale Pfad durchs Hinterland, wer »das hier jemals begreifen« solle. »Das hier« meint das Überleben und Sterben in einem japanischen Kriegsgefangenenlager mitten im Dschungel, durch den eine strategisch wichtige Eisenbahn gebaut werden soll. Die Zwangsarbeit führt im Zusammenspiel mit Krankheit, Hunger und brutalen Misshandlungen zum Massensterben unter den Gefangenen.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass die Darstellung der ungeheuerlichen Zustände in japanischen Kriegsgefangenenlagern zwar das Kernmotiv des preisgekrönten Romans ist, Autor Richard Flanagan aber erheblich mehr am Herzen liegt. Es entwickelt sich eine vielschichtige, zeitlich und räumlich multiperspektivische Erzählung mit vielen überraschenden Wendungen in dem falschen Leben des Protagonisten. Selbst dieser Satz greift eigentlich zu kurz.

Die Hauptfigur, der Militärarzt Dorrigo Evans, ist in den Jahren nach dem Krieg zum Helden stilisiert worden, beruflich erfolgreich, verheiratet mit einer schönen, treuen und loyalen Frau, aber unglücklich, nicht zuletzt, weil seine Liebe einer anderen gehört. Sein Leben basiert auf Lügen, Seitensprüngen, persönlichem Unglück und dem langen Schatten der Kriegsgefangenschaft.

Der schmale Pfad ins Hinterland führt den Leser tief hinein in das komplexe Gewirr existenzieller Fragen, auf die das Leben (und Sterben) der handelnden Personen in der Regel von Tragik umwitterte Antworten bereithalten.

Dorrigo wollte nicht zugeben, dass nichts in seinem Leben so viel Sinn gegeben hatte, wie der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Flanagan erzählt seine Geschichte nicht chronologisch. Er montiert zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Szenen unmittelbar nacheinander. An einer Stelle wird über Seiten geschildert, wie die japanischen Wärter und ihre koreanischen Helfer einen Gefangenen über Stunden misshandeln. Die zum Zusehen gezwungenen Mitgefangenen versuchen, das grausame Geschehen nicht an sich heranzulassen.

Direkt im Anschluss springt die Erzählung um Jahrzehnte in die Zukunft und zeigt, wie das Erlebnis von Krieg und Gefangenschaft, von Grausamkeit, Folter und Tod in einem der Überlebenden auf verstörende Weise fortlebt, wie das Erinnerungsgespinst den Rahmen setzt für das Nachleben im Frieden. Es ist nur eine kurze Szene, die jedoch so eindrücklich belegt, dass Kriege nicht enden, wenn die Waffen schweigen.

Die Japaner waren Monster, sagte Dorrigo Evans, Sie haben ja keine Ahnung.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Von den Brüchen und Niederlagen im Leben Dorrigos sowie dem tiefen Schatten seiner Persönlichkeit, erfährt der Leser bereits auf den ersten Seiten. Flanagan hat seinen Roman selbst vielfach zeitlich und örtlich gebrochen, zwischen den Abschnitten können Jahrzehnte und Zehntausende von Kilometern liegen, dennoch wirkt die Erzählung organisch, zusammenhängend und zu keinem Zeitpunkt zerrüttet oder konstruiert.

Zu seinen großen Stärken gehört, dass auch die japanische Seite zu Wort kommt. Die Weltsicht der japanischen Offiziere, der ihre Gefangenen verständnislos begegnen, entfaltet sich vor den Augen des Lesers in ihrer Fremdheit, wenn diese miteinander über die Notwendigkeiten ihres Handelns, den Dienst für den Kaiser sprechen oder die Geschehnisse aus ihrer Sicht geschildert werden.

Erfreulicherweise übergeht Flanagan die Koreaner nicht. Korea, jahrzehntelang eine japanische Kolonie, liefert Nachwuchs für die Armee – nicht zum Kämpfen, aber zum Bewachen der Kriegsgefangenen. Die Rekruten werden in den Dienst gezwungen und mit brutalster Härte gedrillt, was ihr eigenes Handeln beeinflusst.

Nach dem Krieg wurden Kriegsverbrechen verfolgt. Wie in Europa galt auch in Fernost: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Flanagan folgt den gewundenen Schicksalen einiger Lageroffiziere und ihrer Untergebenen in den Jahren nach 1945 – auch ein Gewinn für den europäischen Leser.

Es gab keine gesunden Männer mehr, nur noch die Kranken, die Schwerkranken und die Todgeweihten.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Der Roman ist bei der Darstellung der Verhältnisse im Lager sprachlich wie inhaltlich schonungslos. Anders als etwa in dem Film Die Brücke am Kwai breitet Der schmale Pfad durchs Hinterland die schier unglaublichen Leiden der Kriegsgefangenen während der Zwangsarbeit im Urwald und der unmenschlichen Behandlung durch die Japaner nüchtern aus – für alberne heroische Handlungen ist hier kein Platz.

Die Figuren, die vor dem Auge des Lesers entstehen, erinnern an KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. Flanagan erspart seinem Publikum nicht den Blick auf das Darben und Sterben, es ist die Vorhölle auf Erden, zwischen Erschöpfung, beißendem Hunger, Krankheit und Tod; Worte, die seltsam schal wirken, angesichts dessen, was geschildet wird.

In diesen Passagen wird auch klar, warum sich Dorrigo Evans nicht als Held empfindet. Zwar hat er oft in einem Sinne gehandelt, dem durchaus ein heldenhaften Charakter zugesprochen werden kann, aber  den Verhältnissen, dem grausamen Leiden und Sterben, der Folter und den Misshandlungen steht er hilflos gegenüber.

Er konnte sich weigern, dem Stellvertreter des Todes zu helfen, oder er konnte zu seinem Handlanger werden.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

In beklemmenden Szenen lässt Flanagan den Leser daran teilhaben, wie der Arzt vor fürchterlichen Entscheidungen steht, Zwangslagen aushalten muss, aus denen es kein Entkommen gibt. Er muss beispielsweise auf Befehl der japanischen Offiziere unter den Gefangenen eine bestimmte Anzahl Männer auswählen, etwa für den Arbeitseinsatz oder einen Todesmarsch durch den Dschungel.

Verweigert er sich, werden die Männer von den Japanern wahllos bestimmt, sie würden die Schwächsten und Anfälligsten auswählen und in den sicheren Tod führen – das spare dem Kaiser Reis. Hilft er, macht er sich zum Handlanger, auch wenn er in diesem Fall wenigstens die Möglichkeit hat, jene zu erwählen, die eine Chance haben, die Tortur zu überstehen.

Wer Stiefel hat, überlebt den Marsch durch den Dschungel eher, als jene, die mit bloßen Füßen durchkommen müssten. Das sind angesichts des körperlichen Zustands nur theoretische Erwägungen; auch für die, deren Füße in Stiefeln stecken, wartet auf dem Marsch durch den Dschungel nur der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland
Piper Verlag 2017
Übersetzt von: Eva Bonné
448 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-492-30999-8

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