Beinahe wäre ich Lehrer geworden. Nach dem Ende meines Referendariates habe ich geschworen, nie wieder einen Fuß in eine Schule zu setzen. Mit Kindern war ein Eidbruch unvermeidlich und was ich in den nachfolgenden Jahren erlebt habe, hat meine Abneigung nicht gerade abgeschwächt.

Die endlose Liste an Gravamina seitens eines Unterrichtenden umfasst einen wichtigen Punkt: Korrekturen. Unbefangene Zeitgenossen könnten auf den Gedanken kommen, hier gäbe es eine Überschneidung zur Tätigkeit als Lektor.

Weit gefehlt – zum Glück.

Der banalste Unterschied liegt darin, dass Lehrer bis zu dreißig, Lektoren nur ein Werk bearbeiten. Das ist selbsterklärend, oder?

Weiterhin gehen die Adressaten sehr unterschiedlich mit den Anmerkungen um. Wen wundert es, wird in der Schule doch selten überarbeitet. Meistens werden nur »Fehler« korrigiert.

Schließlich ist der Lehrer Herr über die Noten, während der Lektor alles in dieser Richtung tunlichst vermeiden sollte, denn allein der Autor trägt die Verantwortung für sein Manuskript. Lehrer urteilen, Lektoren beraten, weisen hin, helfen.

Der Unterschied ist nicht zu unterschätzen.

Schule suggeriert über viele Jahre hinweg, es gäbe in allen Lebenslagen so etwas wie »falsch« und »richtig«. Gibt es, klar. Beim Rechnen etwa, doch alles, was man mit Fug und Recht »Mathematik« nennen würde, geht darüber schon hinaus. Das gilt erst recht für Literatur oder den schöpferischen Prozess des Schreibens.

Darum empfinde ich verstärktes Unbehagen, wenn sich in Beiträgen über die Schreibkunst Formulierungen wie »darf nicht« oder »falsch« einschleichen. Wer sich davon zu sehr beeindrucken lässt, endet rasch im Fegefeuer des Besinnungsaufsatzes.