Sechs sehr unterschiedliche Bücher habe ich im September gelesen oder gehört, drei ragen auf ihre Weise heraus. Cover vom jeweiligen Verlag, Bild Canva.

Sachbüchern wohnt schon in der Bezeichnung etwas Nüchternes, Ernüchterndes inne. Doch ist es manchmal eben auch Literatur, wie im Falle des wundervollen Buches über den Winter der Literatur 1933 von Uwe Wittstock. Man folgt den Geschehnissen mit angehaltenem Atem, auch wenn jeder halbwegs informierte Mensch weiß, was geschehen ist. Und doch ist und bleibt es erschütternd, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Gegenwart gerade zeigt, auf welche Weise sich Geschichte wiederholt. Putins Vernichtungskrieg als blutige Groteske.

Ein Nachteil von solchen Kompendien ist immer, dass mich das Bedürfnis packt, die Bücher der Autoren (erneut) zu lesen. Im Februar 1933 ist eine grandiose Zeit der deutschsprachigen Literatur beendet worden. Es gab noch einen recht langen Epilog im Exil, doch in der Nachkriegszeit hat sich die Literatur von diesem Winter nicht erholen können.

Das nachdrücklichste und zugegebenermaßen anstrengendste Buch ist der mit dem Booker-Prize prämierte Roman von Anna Burns gewesen. Über viele hundert Seiten habe ich immer wieder nach einem Ankerpunkt gesucht, bis endlich am Ende etwas in dieser Art zu finden war. »Milchmann« ohne »der« ist ein tiefgründiger, fürchterlicher und doch seltsam zufriedenstellender Roman.

Das kann man von drei anderen Büchern, die ich in diesem Monat gelesen habe, nicht sagen: Bannalecs, Duves und Funkes Werke sind sehr eingängige Schmöker, lustig, komisch und auch ein bisschen spannend. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne, ohne oberflächlich oder gar flach zu sein.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle

Eine als Krimi verkleidete Reiselektüre über einen idyllischen Ort der Bretagne, so lassen sich die Romane um den Kommissar Dupin aus der Feder Bannalecs zusammenfassen. Der zehnte Band macht keine Ausnahme, charmant, witzig, manchmal boshaft geht der Ermittler mit seinem Team einem Mord nach, die wesentlichen Aufklärungsschritte werden eingerahmt durch ausführliche Schilderungen der Umgebung und ihrer Historie, aus dem Mund der Einheimischen erfährt man eine Menge, ebenfalls von den dort aufgewachsenen Polizisten. Die kriminalistische Linie ist gut genug, um einen Hauch Spannung zu empfinden, ansonsten ist es für den Leser ein Wohlfühl-Leseerlebnis. Andererseits hat die Erkundung vor Ort anlässlich eines Urlaubs doch einiges nachempfinden lassen, nicht nur das L´amiral oder Pont Aven, das selbst bei regnerischem Wetter eine Pracht ist.

Anna Burns: Milchmann

Schon der erste Satz ist ein kleiner Hammerschlag. Die Autorin spoilert. Sie enthüllt nicht nur Aspekte der Romanhandlung, die gewöhnlich erst viel später, oft ganz am Ende genannt werden. Derr Leser macht auch Bekanntschaft mit Burns besonderer Sprache, denn jene titelgebende Figur wird wie viele andere fast immer ohne Artikel genannt. Namen sind in diesem Buch eine Seltenheit, Personen, Orte bleiben im Vagen, was der Handlung einen nebulösen Charakter verleiht. Die Personen existieren als Zuschreibungen anderer und diese sind geprägt von Vorurteilen, Gerüchten, Lügen und übler Nachrede. So entsteht ein Dornwald, in dem die Hauptfigur versucht, zu überleben. Ihre Strategie: Abgrenzung. Das funktioniert in einem Dornwald erwartungsgemäß nicht wirklich, mit üblen Folgen. Ein anstrengender Roman, der von Verlagen zunächst abgelehnt und schließlich mit dem Booker-Prize geadelt wurde. So ergeht es auch dem Leser, denn das Ende lässt einen auf eine spezifische Weise zufrieden zurück.

Ausführliche Buchvorstellung: hier lesen.

Karen Duve: Die entführte Prinzessin

Ein Märchen, aber von Karen Duve. Der Leser erhält etwas mehr als die Kost der Gebrüder Grimm. Die Autorin lässt ihre Figuren aufeinander losgehen und sich in Liebes- und andere Händel verstricken. Im Zentrum steht eine Prinzessin, die von einem auswärtigen Prinzen geheiratet werden soll, was jedoch einen heimischen Ritter in Rage versetzt und zu einigermaßen unritterlichem Verhalten anspornt. Daraus entwickeln sich haarsträubende Abenteuer, eine Vielzahl menschlicher Boshaftigkeiten und sogar leicht erotisch angehauchter Begebenheiten (ja, liebe Eltern, wenn ihr das euren Kindern vorlest, könnten Fragen kommen). Einen Drachen gibt es auch. Sein Auftritt beginnt im Wald, in den er mächtig und gewaltig hineinbricht und auf einen Protagonisten losgeht. Was ruft sein Besitzer? »Der tut nichts! Der will nur spielen!«

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

Ein ganz wunderbares, großes Buch. Der Leser wird in einen Schicksalsmonat der deutschen Geschichte entführt, der nicht mehr und nicht weniger als die Verheerung eines ganzen Kontinents mit Millionen von Toten einleitet. Lange vor diesen Schreckenstaten gibt es Opfer. Wittstock gibt ihnen Raum, am Ende jedes geschilderten Tages informieren kurze Sätze über die im Februar ´33 bei Straßenkämpfen Umgekommenen. Im Fokus steht aber der Fallout der Machtübergabe an Adolf Hitler, die unmittelbaren Folgen für die Literaten des Landes. Es sind befremdlich unwirkliche Tage, geprägt von Unsicherheiten, Trugbildern, falschen und richtigen Annahmen. Der Nachgeborene weiß, was kommt, und ist erstaunt über die Klarsichtigkeit einiger und die Illusionen vieler. Vor allem aber ist es ein Buch über den Verlust, über den Brain-Drain Deutschlands zu Beginn der Nazi-Diktatur.

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Mein erklärtes Lieblingsbuch der weltberühmten Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Das hat Gründe. Die Geschichte berührt die tiefen Schichten des Lebens bzw. Überlebens. Freundschaft, Loyalität, Hass, menschliche Gier, eingewoben in eine Abenteuergeschichte, die, wie alle ihres Schlages, eine lange, gewundene Reise schildert. Und in diesem Fall eine gnadenlose Jagd, denn die Drachen, die es in dieser Welt noch gibt, haben einen tödlichen Gegner, der sich den letzten, verstreuten ihrer Art auf die Fersen heftet, um sein Vernichtungswerk zu vollenden. Funke hat ein Meisterstück geschaffen, das ich immer wieder gern lese. Leider ist der Folgeband sehr viel schlechter geraten, den dritten Teil werde ich nicht mehr lesen.

Steffen Möller: Expedition zu den Polen

Manchmal lese oder – wie in diesem Fall – höre ich solche leicht humorvollen Betrachtungen eines Lebens in der Fremde gern. Es ist eine nett verpackte Landeskunde, die einiges Interessantes über Polen offenbart. Allein der Abschnitt über die Tageszeitungen und die Kioskkultur fand ich bemerkenswert; allzu oft geht man stillschweigend davon aus, dass es in den Nachbarländern mehr oder weniger so zugeht, wie hierzulande. Weit gefehlt. Natürlich liegen schon ein paar Jahre zwischen der Veröffentlichung des Buches und der Gegenwart, dennoch dürfte vieles noch aktuell sein. Kurz und kurzweilig, lustig, selten etwas gewollt, oft genug selbstironisch.