Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Coming of Age

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Auf der Seite des von mir sehr geschätzten Literaturblogs Kaffeehaussitzer findet sich ein bemerkenswerter Text über einen wahrlich traumhaften Moment, der in die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre zurückführt. Der Fall der Berliner Mauer hatte den Eindruck erweckt, die historisch-politische Schwerkraft wäre aufgelöst (»Ende der Geschichte«). In meinem Fall war es der blutige Nordirland-Konflikt, der tatsächlich lösbar erschien – und mehrere Jahre später in einem Abkommen wirklich beigelegt wurde. Europa als Überwindung des Nationalismus – alles schien möglich.

Das Beispiel Nordirland zeigt aber auch: Die Geister kehren 25 Jahre später mit Macht zurück. Es ist zutiefst deprimierend und in gewisser Hinsicht auch das Zeichen des Scheiterns. Meines eigenen, denn ich habe mich damals naiv und selbstgewiss auf die automatischen Wirkkräfte Europas und der Demokratie verlassen; nicht lange, denn spätestens die Kriege im zerbrechenden Jugoslawien wirkten wie eine kalte Dusche. Schon damals wurde mir auf brutale Weise klar, dass jede Form von Pazifismus der beste Steigbügelhalter für den Krieg ist. Vielen gehen es jetzt die Augen auf, manche lassen sie trotz Putins Vernichtungskrieg lieber geschlossen.

Was ich damals nicht gesehen habe, ist eine Bedrohung ganz anderer Art. Die hat Nicolas Mathieu in seinem preisgekrönten Roman »Wie später ihre Kinder« als eine Art aktive Kulisse in seinem Coming of Age Roman verbaut: Deindustrialisierung, Niedergang, Prekarisierung, Radikalisierung der Dienstleistungsgesellschaft. Wer sich die jüngsten Wahlergebnisse in Frankreich anschaut und zusieht, wie die Republik zwischen den rechten und linken Demokratie- und Europafeinden langsam zerrieben wird, sieht die langfristigen Folgen von dieser Bedrohung.

So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Aktive Kulisse bedeutet, sie zeigt sich, sie mischt sich ein, tritt als Teil des Schauspiels in Erscheinung. Manchmal ist es nur ein kleiner Satz, manchmal eine wunderbar erzählte, sprachlich kunstvoll gewobene Darstellung der Verhältnisse; immer verknüpft mit dem aktuellen Geschehen, von dem ausgehend weite Schleifen in die Vergangenheit (der Person, des Ortes oder eines Vereins) greifen. Das ist keineswegs immer politisch oder sozial, oft dreht es sich um die Entwicklung einer Hauptfigur oder einer Beziehung zwischen zwei Personen.

Glücklicherweise lässt sich Mathieu in der Wahl seiner ungewöhnlichen Mittel nicht irrtieren. Soe lässt sich der Autor beispielsweise mitten in einer Sex-Szene erst einmal darüber aus, was die junge Frau dazu bringt, ausgerechnet mit diesem jungen Mann intim zu werden – was angesichts der bis dahin erzählten Verhältnisse eine Überraschung darstellt, zumal der Beischlaf an heiklem Ort und in einer obskuren, völlig unmöglichen (und doch irgendwie typischen) Situation stattfindet.

In seinem Handlungskern folgt Mathieus Roman dem Weg mehrerer Jugendlicher über die Schwelle ins Erwachsenenleben. Anthony, Stéph, Hacine sind die drei Protagonisten, doch auch andere wirken kräftig mit. Es geht um Drogen, Sex, wild wirbelnde Hormone, Partys, Saufen, aber auch Gewalt, Integration, Rassismus – und ab und zu gibt es Textstellen von ungeheurer Wucht, wenn es wie in der folgenden um einen musikalischen Kometen geht, der damals auf die Erde einschlug: Nirvana.

Auf der Terrasse wurde die Musik lauter gedreht. Alle hörten hin. Dieser Song, der auf MCs rauf und runter gespielt wurde – normalerweise wollte man dabei eine Gitarre in Stücke hauen oder die Schule in Brand stecken, aber jetzt wurden alle ganz still.
Er war noch neu, ein Song aus einer amerikanischen Stadt, genauso rostig wie Heillange, einer Dreckstadt am Ende der Welt, wo versiffte weiße Jungs in Karohemden billiges Bier soffen. Und dieser Song breitete sich wie ein Virus überall da aus, wo es schlaksige Jungprolls gab, verkorkste Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleine Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler.
In Berlin war eine Mauer gefallen und der einsetzende Frieden hatte etwas von einer Dampfwalze. In jeder Stadt auf dieser deindustrialisierten, gleichförmigen Welt, in jedem abgehängten Kaff hörte die Jugend, die keine Träume mehr hatte, jetzt diese Band aus Seattle namens Nirvana.
Sie ließen sich die Haare wachsen und versuchten, Melancholie in Wut zu verwandeln, Depressionen in Dezibel. Das Paradies war endgültig verloren, die Revolution würde nicht kommen. Ihnen blieb nur der Lärm. Anthony bewegte den Kopf im Takt der Musik. Dreißig andere machten es wie er.
Am Ende hatten sie Gänsehaut. Das war alles. Sie konnten nach Hause gehen.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Wenn ich eingangs gesagt habe, der Fall der Berliner Mauer hätte einen Augenblick der Schwerelosigkeit ausgelöst, dann gilt das rückblickend eben nicht für alle und nicht überall. Vielleicht nicht einmal für eine wie auch immer geartete Mehrheit. Eine Illusion, wie das Zitat wunderbar beschreibt. Für mich ein bittersüßer Moment, durch den Roman vorgeführt zu bekommen, wie sehr ich damals daneben gelegen habe, obwohl ich mir so viel auf die Lektüre guter überregionaler Zeitungen einbildete.

Mathieu wechselt in seinem Roman die Perspektiven und vermeidet eine Positionierung im Verschlichtungsweltbild von Gut und Böse. Der Leser folgt den Pfaden, die Antony, Stéph und Hacine beschreiten, und darf sich selbst um eine Haltung bemühen. Natürlich gilt die Sympathie des Autors den Abgehängten, jenen, die von dieser Dampfwalze nach dem Mauerfall einfach überrollt und plattgemacht wurden. Und trotzdem seziert er sie mit großer Detailversessenheit, ihre Schwächen, plötzlich aufkeimenden Stärken, denen jedoch enge Grenzen gesetzt sind. Nichts »wird« gut.

Die Krise war allerdings nicht mehr zeitlich begrenzt. Sie hatte einen Platz in der Ordnung der Dinge eingenommen. Sie war Schicksal. Sie war ihr Schicksal.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Der Titel des Romans hat auf mich wie ein Hinweis auf eine moderne Form der überkommenen, adeligen Stammbaumbildung gewirkt, die einer zeitweiligen (vielleicht auch nur eingebildeten) sozialen Mobilität in den Gesellschaften ein Ende setzt. Reich bleibt reich, arm bleibt arm. Erstere erlangen Status, Bildung und Macht, letztere sind davon ausgeschlossen. Das ist kein typisch französisches Phänomen, das hat alle westlichen Gesellschaften ergriffen, insbesondere die USA, aber auch Deutschland.

Und doch ist »Wie später ihre Kinder« in erster Linie ein Coming of Age-Roman, mit seinen zähfließenden, hastigen Wirrungen, den Kehrtwenden und Verletzungen, welche die Protagonisten einander zufügen, sprachlos, einsilbig und angefüllt mit einem Schwarm Hormonen, allzeit bereit, den Verstand zu unterjochen und mit tränenden Augen jauchzend und berstend vor Energie Richtung Abgrund zu galoppieren.

Das Leben würde weitergehen. Das war das Schlimmste.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Dieser Abgrund sieht allerdings etwas anders aus, als der Leser erwartet. Mathieu spielt mit Motiven und Andeutungen, die ab einem gewissen Punkt Erwartungen schüren, die nicht erfüllt werden. Bis zum Schluss liegt so eine Grundspannung in der Luft, auch wenn die Kulisse sich überraschend aufhellt. Der Autor legt zwischen die Teile seines Buchs Zeitsprünge, die Entwicklung der Figuren bleibt also nicht auf eine recht kurze Zeitspanne beschränkt, man folgt ihren Wegen über mehrere Jahre hinweg.

Für den Schlussteil hat Mathieu das Jahr 1998 gewählt und zwar vor allem jenen Tag, an dem Frankreich das Halbfinale der Fußball-WM gegen Kroatien gewonnen und das Tor zum späteren WM-Titel aufgestoßen hat. Ein durchaus vertrautes Thema, wenn man mit dem »Wunder von Bern« etwas anzufangen weiß. Das ganze Lang im Rausch, es liegt ein Aufbruch in der Luft, manche wittern die große Wende, etwas werde bleiben, meinen die Optimisten. Wir wissen, was davon übrig blieb.

Lydie Salvayre: Weine nicht

Der Spanische Bürgerkrieg ist in der Literatur vielfach thematisiert, berühmte Schriftsteller wie George Orwell („Mein Katalonien“) oder Ernest Hemingway („Wem die Stunde schlägt“) haben über ihre Erlebnisse berichtet, es gehören literarische Perlen wie das Buch von Almudena Grandes („Der Feind meines Vaters“) und viele andere dazu. Auf dem vorzüglichen Literaturblog Kaffeehaussitzer findet man ein Leseprojekt Spanischer Bürgerkrieg, das eine anregende Buchliste enthält.

2014 hat die Verleihung des französischen Literaturpreises Prix Goncourt ein weiteres Buch ins Rampenlicht gestellt: Weine nicht. Deren Autorin, Lydie Salvayre, hat Wurzeln, die nach Spanien reichen. Sie wurde als Tochter einer Frau geboren, die gerade noch vor den siegreichen Streitkräften des faschistischen Diktators Franco fliehen konnte. Ihr Roman nähert sich dem Thema auf besondere Weise.

Der Spanische Bürgerkrieg gilt vielen als Präludium für den Zweiten Weltkrieg. Das ist etwas eurozentrisch gedacht und auf das Deutsche Reich fokussiert, das in Spanien mit der so genannen „Legion Condor“ Franco unterstützte, während die Verteidiger der Republik nur durch die Sowjetunion Unterstützung erhielten – zu einem hohen Preis, was in „Weine nicht“ dankbarerweise nicht verschwiegen wird: Stalin schickte Waffen und Terror nach Spanien, dem mehrere zehntausend Menschen zum Opfer gefallen sind.

Vielfältige Perspektiv- und Zeitwechsel

Selbstverständlich werden auch die Hinrichtungen durch die Franco-Faschisten nicht übergangen. Die Darstellung ist besonders eindrücklich, weil die Autorin dafür die Perspektive des konservativen Katholiken George Bernanos wählt. Erschüttert durch die Brutalität und die ignorante, menschenverachtende Haltung der Katholischen Kirche räumt der Mann seine politische Position und dokumentiert die Gräueltaten in seinem Werk: Die großen Friedhöfe unter dem Mond.

Schlimme Zeiten für die, die Heilslehren aller Art misstrauten und die lieber ihrem Gewissen gehorchten als doktrinären Einpeitschern der einen oder anderen Seite.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

Salvayre lässt Teile daraus und andere Dokumente geschmeidig in ihren Roman einfließen, ihre Erzählung wandelt spielerisch zwischen faktenreicher Darstellung, Erzählung und Erinnerung, Fiktion und Auszügen aus Quellen. Die Handlung spielt auf mehreren zeitlichen Ebenen, die Autorin mischt kräftig mit, erläutert und kommentiert ihren Schreibprozess, außerdem ist die Interpunktion sehr freizügig gestaltet.

Beeindruckende Leichtigkeit

Der Roman rutscht trotzdem zu keinem Zeitpunkt in ein undurchsichtiges Wirrwarr ab und erzählt mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Das liegt auch daran, dass ihm im Kern eine (tragische) Liebesgeschichte als Leitfaden eingewoben wurde. Die Hauptfigur, Montserrat, schließt sich mit ihrem Bruder den Verteidigern der Republik an. Für kurze Zeit erlebt sie Freiheit und ihre große Liebe.

Der Krieg, meine Liebe, ist genau zum rechten Zeitpunkt gekommen.

Lydie Salvayre: Weine Nicht

So ist das Zitat auch zu verstehen, dass der Krieg zum rechten Zeitpunkt gekommen wäre. Diese flammende Liebe mündet in ein würgendes Desaster, mit lebenslangen Folgen. Es gehört zu den großen Stärken des Buches, dass es den Leser einmal nachempfinden lässt, wie weit die Schatten eines Krieges reichen, auch wenn die Kampfhandlungen lange beendet sind.

Zum Zeitpunkt dieses persönlichen Liebes-Desasters machen Montserrat und ihr Bruder Erfahrungen mit der grausamen Realität der Kriegführung. Die Ideale sind menschenverachtender Ideologie gewichen, auch die Sache der Verteidiger der Republik hat ihren Glanz eingebüßt. Auch aus diesem Grund kehren beide in ihre Heimat zurück.

Besonders wertvoll macht diesen Roman der Umstand, dass er eindrücklich nacherzählt, wie sich die Haltung der Bevölkerung in Montserrats Heimatort gegenüber Revolution und dem sich abzeichnenden Sieg der Franco-Seite wandelt. Wer von Umstürzen träumt, sollte hier genau lesen und zuhören, denn so einfach ist die Sache nicht, auch wenn zu Beginn einer Umwälzung die Begeisterung groß ist.

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