Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Cuba

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ist es ein gutes Zeichen, wenn man das Nachwort eines Romans als brillant empfindet? Ja, wenn es ihn leuchten lässt, wie im Falle von „Labyrinth der Masken“ des cubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um einen Kriminalroman, so kann man ihn in gewissem Grade auch lesen. Doch die Jagd des Ermittlers Mario Conde gerät immer wieder in den Hintergrund.

Conde ist Teniente der cubanischen Polizei und als solcher eigentlich Teil der Staatsmacht. Zum Charme der Romane Paduras gehört, dass sich dieser Polizist in einem schattigen Grenzbereich bewegt – ganz unabhängig davon, ob sich so eine Figur in der sozialistischen Realität Havannas überhaupt würde halten können. Er ist passionierter Schürzenjäger, die Machismo-Ideologie schlägt sich in sprachlich offenen Bildern nieder. Darin sehe ich kein Problem, denn meiner Meinung nach, kann über die Dinge nur reden, wenn man sie benennt, nicht maskiert.

Paduras Ermitteler ist ein verkappter Schriftsteller, der immer wieder von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Schreiben befallen wird. Etwas Untergründiges und Berührendes möchte er verfassen. Auch wenn er sich längst mit seinem Job abgefunden hat, treibt es ihn in regelmäßigen Abständen wieder an den Schreibtisch; es bleibt bei diesen Episoden, während die Lebenszeit unerbittlich verrinnt.

»Achtundzwanzig Jahre«, rechnete El Conde. Er sagte es laut, um es selbst zu glauben, nahm die Finge zu Hilfe und machte noch einmal die gnadenlose Rechnung auf, bei der so viele, viele Jahre herauskamen. Schließlich akzeptierte er das Resultat, und Panik ergriff ihn angesichts des unwiederbringlich Verlorenen.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Schreiben ist in einem sozialistischen System kompliziert. Die Freiheit des Kreativen wird gegängelt, es gibt Zensur und Strafe, wenn die Werke aus dem staatlich vorgegebenen Rahmen fallen oder zumindest dessen bezichtigt werden. Erniedrigende Prozesse sind die Folge, der Konformitätsdruck zwingt Kollegen sich dem Kesseltreiben gegenüber den Aussätzigen anzuschließen.

Ganz früh in seiner Sozialisation ist Conde im Dornwald des sozialistischen Kulturbetriebes hängengeblieben. Statt seiner Berufung zu folgen, bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als nolens volens seinen Job zu erfüllen. Der führt ihn zu einem ungewöhnlichen Mordfall: ein Mann, gekleidet in ein auffälliges rotes Kleid, mitten in einem öffentlichen Park. Ein Transvestit, der sich gegen die Tötung nicht gewehrt hat und dem zwei Münzen im After stecken.

Die Suche nach dem Mörder führt Conde zu einem exzentrischen Theaterregisseur, der wegen seiner Homosexualität einst geächtet wurde. Die Figur des Alberto Marqués konfrontiert den Polizisten mit einer Welt, gegenüber der er starke Vorurteile und eine tiefgreifende Abneigung hegt. Conde weiß das, gibt es offen zu und beginnt zu lernen, einerseits, um den Fall zu lösen; andererseits, weil ihn Marqués fasziniert.

Der Transvestismus war demnach mehr als der bloße Akt eines Schwulen, der in Frauenkleidern auf die Straße geht, so wie er, der Macho aus der Vorstadt, immer geglaubt hatte.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Recht erwartbar ist, dass der Theaterregisseur den Polizisten in die Nachtwelt der Homosexuellen einführt, ein Streifzug, aus dem Conde verwertbare Informationen zu erhalten hofft; und ein Nebenspiel mit einer Frau, die für den Polizisten zu einem sexuellen und emotionalen Abenteuer wird, das ihn aus seiner Depression reißt.

Der eigentliche, tiefere Grund für Condes Interesse liegt in einer gemeinsamen Erfahrung mit den mahlenden Kulturmühlen der sozialistischen Gesellschaft. Marqués eröffnet peu á peu, was ihm angetan wurde. Vom Olymp des gefeierten Theatermannes in das Nichts einer Regionalbibliothek – das Pendant der Verbannung nach Sibirien auf Cuba. Der fluchtartige Abfall von Freunden und Bekannten, die ihn kurz zuvor noch aus eigennütigen Gründen umschwärmten. Abtötende Ödnis statt kreativer Tätigkeit.

Conde kennt die Mechanismen aus seiner eigenen Vergangenheit. Und Gegenwart, denn parallel zu den Ermittlungen ist der Polizist selbst Gegenstand von Nachforschungen der cubanischen Sicherheitsbehörden. Und nicht nur er. Polizisten werden suspendiert und sitzen (wie Marqués) plötzlich von ihrem Lebensinhalt abgeschnitten zu Hause, die Leere frisst an ihnen wie eine Schar hungriger Ratten an einem geschwächten Körper.

»Aber sie wissen alles, ist dir das klar? Das ist ja der Mist, Conde, plötzlich merkt man, dass man wie in einem Schaufenster lebt oder wie in einem Reagenzglas oder was weiß ich.«

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Kollegen werden verhört und ausgehorcht. Der Leser erfährt den Vorgang in einem für das Genre eher untypischen Format: In die Erzählung sind lange, mehrseitige Monologe eingeflochten, wenn die Figuren zu Wort kommen und etwas aus der näheren oder ferneren Vergangenheit berichten. So wie Manolo anlässlich des Verhörs durch die Sicherheitsorgane, so wie Marqués über seine Kaltstellung.

Das bricht den Erzählfluss – für Krimi-Fans vielleicht ein Ärgernis, doch lenkt es die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge: wichtige Wurzeln der Gegenwart, in der sich die handelnden Figuren behaupten müssen. Es führt zum Kern des Ganzen, auch in Condes Sozialisation, die von einer jähen Konfrontation mit der Staatsmacht geprägt war – eine Erfahrung, die ihn mit dem Schicksal von Marqués verbindet.

Letztlich sind wir alle Kinder der Zeit und des Staubes, und die Poesie kann uns davor nicht bewahren.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Am Ende schließlich wird der Fall auf eine konventionelle Weise aufgelöst. Es fallen weitere Masken, einige davon schmerzhaft, wenn geschätzte Mitmenschen und Freunde plötzlich mit anderem Antlitz vor einem stehen. Zurück bleibt, was die Zeit übriglässt: Asche und Staub. Schließlich das Nachwort. Man muss es lesen – vor, während oder nach der Lektüre von „Labyrinth der Masken“. Denn wie dort zu lesen steht: Der Krimi ist sehr kubanisch – und global.

Trivia: Barfly!

Es gibt eine Stelle im Roman, die wie eine kleine Homage an einen Spielfilm wirkt: Barfly. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Charles Bukowski, die männliche Hauptrolle hat Mickey Rourke übernommen. Ich habe den wüsten Film aus dem Jahr 1987 irgendwann in den 1990er Jahren gesehen, er ist mir wegen der schauspielerischen Leistung in Erinnerung geblieben und wegen einer Gegenfrage: „Wie kann man in Ruhe etwas schreiben?“

Ursula Krechel: Landgericht

Die Sprache sticht. Entweder ins Auge oder ins Ohr, je nachdem, ob man zum Buch oder Hörbuch greift. Ich habe mich für Letzteres entschieden. „Landgericht“ klingt etwas sperrig, doch hat es nicht lange gedauert, bis mich der Roman für sich eingenommen hat, auch wenn Inhalt und Stil durchaus mit dem Titel harmonieren. Keine Komfortlektüre. 

Die Autorin Ursula Krechel hat eine Sprache gewählt, die zugleich distanziert und ganz besonders nah, unmittelbar, ja intim wirkt. Der Duktus mutete bisweilen kühl, juristisch, formal an, da er mit einer ungeheuer detaillierten Beobachtung einhergeht und zugleich außergewöhnlich präzise Bilder für die Schilderung nutzt, fühlt sich der Leser ganz dicht am Geschehen, am inneren wie äußeren. Diese Kombination sorgt für eine hohe Intensität.

„Ich bin in einer Mitläuferfabrik gelandet.“

Ursula Krechel: Landgericht

Die Themen machen wütend. Richard Kornitzer, promovierter Jurist, zu Zeiten der Weimarer Republik im Amt eines Richters, kehrt nach dem Krieg aus Cuba nach Deutschland zurück. Der nächste Satz wird schwierig, denn würde ich sagen, Kornitzer wäre Jude, entspräche das nicht der Wahrheit. Die Nazis und ihre antisemitische Vernichtungsideologie haben ihn zum Juden gemacht, obwohl er selbst keiner sein wollte und sogar Protestant geworden ist.

Das mag als kleines Detail erscheinen, ist es allerdings nicht. Die Zuweisung einer einzigen Identität für eine andere Person ist ein signifikantes Merkmal der großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts, nicht nur dem der Nazis. Auch in Stalins und Maos Reichen wurde so verfahren, immer mit dem Ziel, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, ihrer Rechte zu berauben, einzusperren, zu quälen und zu töten.

„Die Geschichte war ein Krater.“

Ursula Krechel: Landgericht

Es gehört zu den großen Vorzügen dieses Romans, dass Krechel einen Protagonisten gewählt hat, der dem Vernichtungsapparat entkommen konnte und wieder zurückgekehrt ist. Diese Rückkehr nach Deutschland steht am Anfang des Romans, der Weg zu seiner Flucht aus dem so genannten „Dritten Reich“ wird als Rückblick im Romanverlauf geschildert. Zunächst einmal geht es um die Ankunft in der ehemaligen Heimat.

Dort hat Kornitzers Frau Claire ausgeharrt. Sie ist aus der Sicht der Nazis „arisch“, durch ihre Heirat mit Kornitzer jedoch belastet, sodass sie keinen Organisationen beitreten kann, was Voraussetzung für ihre Berufsausübung wäre. Claire Kornitzer ist eine sehr moderne Frau, sie leitet eigenständig eine GmbH, ist erfolgreich, selbstständig, stark und dennoch dem Übel der Nazis  hilflos ausgeliefert, denn sie muss Firma und berufliche Tätigkeit aufgeben.

Nach dem Krieg und der Gründung eines demokratischen Deutschlands ändern sich manche Dinge nicht unmittelbar zum Guten. Die während der Weimarer Republik bereits erreichte Modernität war durch die gesellschaftliche Steinzeit im Hitlerregime so weit zurückgedreht worden, dass es lange Jahre dauern sollte, ehe der einmal verlorene Stand wieder erreicht wurde. Das ging ganz erheblich zu Lasten der Frauen. Krechel hat das in ein wunderbares Bild gefasst:

„Es schmerzte sie, als wäre sie an einem anderen Zeitufer stehengeblieben und das Schiff wäre ohne sie abgefahren. Ja, hätte ihr den Zutritt verweigert, nur weil sie eine Frau war. Und was hieß nur? Die Frau eines Landgerichtsdirektors. Jetzt klang es in ihren Ohren wie Hohn.“

Ursula Krechel: Landgericht

Die Kinder der Kornitzers, Georg und Selma, werden gerade noch rechtzeitig nach England geschickt und entgehen so einem schrecklichen Schicksal im Hitlerreich. Auf der Insel haben sie allerdings ebenfalls mit Widrigkeiten zu kämpfen, was den Roman übrigens brandaktuell macht, wenn etwa von „unbegleiteten Minderjährigen“ die Rede ist, die aus Syrien, Afghanistan oder anderen Regionen nach Deutschland fliehen.

In seiner Heimat und sieht sich Kornitzer auf allen Ebenen Widrigkeiten ausgesetzt. Beruflich setzt ihm zum Beispiel die skandalöse Behandlung von Philipp Auerbach heftig zu, privat ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die Familie wieder unter einem Hut zu versammeln. Diese Dinge entwickelt Krechel in ihrem typischen Stil vor den Augen des Lesers, der mitgerissen werden kann, wenn er sich darauf einlässt.

Die „Stunde Null“, der „Neuanfang“ ist eben geprägt von vielen Kontinuitäten, die rückwirkend ebenso verblüffen wie auch verstören. Vor allem der latente, unterschwellige oder auch offene Antisemitismus, das Fortdauern von NS-Ideologie und Denkweise in juristischen (und anderen) Bereichen des Staates und die Hilf- und Wehrlosigkeit der Opfer, insbesondere der Juden, sind eigentlich unfassbar.

„Es rüttelte an seinem Rechtsempfinden wie eine eisige Sturmböe.“

Ursula Krechel: Landgericht

Eine ganz besonders bedrückende Episode ist die so genannte „Irrfahrt der St. Louis„, ein Dampfer, der vollgestopft mit jüdischen Flüchtlingen aus dem Reich Cuba angelaufen hatte. Touristenvisa wurden plötzlich nicht mehr anerkannt, nur wenige der Notleidenden wurden von Bord gelassen, der Rest harrte auf dem Schiff zunächst zwischen Cuba und den USA, später von der Küste Kanadas aus, ehe die St. Louis wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Dieser auch aus der Gegenwart sattsam bekannte Vorgang, der den Eindruck verstärkt, dass manche Dinge sich eben doch wiederholen, ist auch in anderen Werken behandelt worden. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat ihn in seinem Roman „Ketzer“ aufgegriffen und aus Sicht von Einwohnern Havannas geschildert. Für Kornitzer wird Cuba aber zum Rettungsanker, eine ihm sehr fremde Welt.

„Tage, mit heißer Nadel aneinandergestichelt, sich gegenseitig überlappend. Ein Sandmückenschleier sirrt in der Luft über der dösenden Bucht. Klares, blaues Licht. Licht, von ruhiger Eindringlichkeit, das einen blass und bleich erscheinen ließ.“

Ursula Krechel: Landgericht

Mir haben an dem Buch sehr viele Aspekte ganz besonders gefallen. Neben der eindringlichen Sprache vor allem die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen, die Rückblenden und kurzen Ausflüge in Seitenhandlungen, die zusammengenommen auf nachdrückliche Weise aufzeigen, wie die Opfer des NS-Regimes auf verlorenem Posten kämpften, als es darum ging, angemessen entschädigt und anerkannt zu werden. Der Krieg mochte 1945 beendet worden sein, sein verheerendes Wirken dauerte weit darüber hinaus an.

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