Alexander Preuße

Schlagwort: England

Anna Burns: Milchmann

Ein großer Roman, mit dem Booker-Prize ausgezeichnet: Anna Burns, Milchmann.
Cover: Tropen. Bild: Canva.

Anna Burns Roman Milchmann ist im Wortsinne überwältigend. Das fängt mit dem ersten Satz an. Die Autorin spoilert und erzählt, was gewöhnlich erst am Ende des Geschehens offenbart würde. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn zwischen dem, was der Anfang ankündigt, und seiner Vollstreckung liegen viele hundert Seiten, die den Leser in eine Alptraumwelt führen. Zumindest habe ich sie so empfunden: grotesk, gewalttätig, übergriffig, verlogen, kafkaesk und zutiefst deprimierend.

Ein herausragendes Merkmal des preisgekröntem Werks ist seine Sprache, die jene bereits angedeutete Orientierungslosigkeit des Lesers verstärkt. Ich habe lange keinen Zugriff oder Ankerpunkt gefunden, es war mehr das Herumirren in einer gespenstischen. Namen nennt die Autorin selten, die Hauptfigur ist »Mittelschwester«, »Tochter« oder »Vielleicht-Freundin«; viele Personen werden mit dem Verhältnis zu »Mittelschwester« benannt: »Vielleicht-Freund«, »Kleine Schwestern«, »Schwester Eins« und »Schwager Drei«. 

Mit diesem Kniff rückt alles ins Ungefähre, Umnebelte, auch die Handlungsorte, die politischen Verhältnisse, die Gruppierungen und Grüppchen. So entstehen von Beginn an Leerstellen, etwa die Frage, ob die Erzählerin diesen »Irgendwer McIrgendwas« aus dem ersten Satz nicht kennt oder – wenn doch – warum sie ihn so bezeichnet? Und natürlich: Überlebt die Hauptfigur die bedrohliche Lage?

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Anna Burns: Milchmann

Ganz besonders auffällig ist, dass bereits im ersten Satz das Schicksal der titelgebenden Figur enthüllt wird. Der »Milchmann« stirbt, genauer gesagt: Er wird getötet. Die Ich-Erzählerin lebt in brutalen, gewalttätigen Verhältnissen. Durch den Kniff, das bereits mit dem Auftakt klarzustellen, wird alles Nachfolgende massiv aufgeladen. Drohungen sind wörtlich und vor allem ernstzunehmen. 

Es ist vor allem die persönliche Konstellation, die der Auftaktsatz ankündigt, die das Buch bis zum Ende trägt. Die ist ungewöhnlich, selbst in einer Welt, in der die sozialen Netze und Kontakte ohnehin absurd ungewöhnlich sind. Schauderhaft, beklemmend und irritierend ungewöhnlich, dazu kalt und lieblos. Ein Nährboden für abgründige Gedanken.

»[…] Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.«

Anna Burns: Milchmann

Trotz der sprachlichen Nebelwerferei ist jedem Leser sehr schnell klar, dass sich das Drama in Irland abspielt, genauer gesagt: Nordirland, jenem blutdurchtränkten Stückchen Erde, das bei Großbritannien blieb, als der Rest Irlands endlich in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der Fanatismus und die unüberbrückbare Gegnerschaft zwischen den Religionen und den – zumeist entlang der konfessionellen Linie entlanglaufenden – politischen Haltungen prägen das Leben.

Burns bleibt vage und wird in ihrer Kritik dennoch deutlich. Massiv lässt sie ihre Erzählerin auf die Heroen eindreschen, die – wie auf allen Orten unserer Welt – politische Instabilität nutzen, um sich ein kleines Stück Macht zu sichern, unter dem Deckmantel des Kampfes für die Sache. An ihnen lässt sie kein gutes Haar, an ihren Gegnern sowie den englischen Sicherheitskräften und ihren Verbündeten auch nicht. Sie alle werden mit boshafter Komik bloßgestellt.

»[…] ›und es nur drei Optionen gibt – wir überleben, wir sterben, wir werden verwundet, wir scheitern, der Staat erwischt uns.‹
Das waren fünf Optionen.«

Anna Burns: Milchmann

Die Hauptfigur existiert in einer übergriffigen Gesellschaft. Gerüchte, Halbwahrheiten, Lügen gehen Hand in Hand mit bornierter Ignoranz sowie politischem und religiösem Fanatismus. Der Konformitätsdruck ist überwältigend, die Schere im Kopf eifrig beschäftigt, von Freiheit so wenig zu spüren, dass ich oft an die Lebensverhältnisse im Stalinismus erinnert wurde.

Möglicherweise steckt im Menschen doch ein kleiner Blockwart, der Inbegriff des kleinen Mannes, der nach einem Brocken Macht hascht. Burns findet starke Worte und Bilder, die entlarvend sind für die Absurdität der Handlungsweisen. Ein Kompressor (wissen Sie adhoc, was das eigentlich ist?) kann zum Gegenstand von weitreichenden Verdächtigungen bezüglich fehlender Loyalität und potenziellem Verrat werden.

Die Frauenfiguren in »Milchmann« kommen ebenfalls nicht allzu gut weg. Mit Hingabe widmet sich Burns den »Groupies« der stolzen Freiheitskämpfer, jener weiblichen Anhängsel, die voller Stolz zu ihren Heroen aufblicken und gerade von deren Missetaten angezogen werden. Auch die Mutter oder die ältere Schwester, traditionell eher Schutzfiguren in Romanen, sind Teil des immensen Drucks, unter dem die Hauptfigur steht.

»Und erst da erkannte ich, wie sehr ich mich eingeigelt hatte, wie sehr ich mich von diesem Mann in ein sorgfältig konstruiertes Nichts hatte navigieren lassen. Genauso von der Gemeinschaft, vom geistigen Klima, von den vielen kleinen Übergriffigkeiten.«

Anna Burns: Milchmann

Inmitten dieses gesellschaftlich äußerst problematischen Klimas gerät die Hauptfigur besonders unter Druck, weil ein viel älterer Mann ihr nachstellt. »Milchmann« ist nicht Irgendwer, sondern mit einer der politischen Gruppierungen verbunden, ein Machtmensch, der gegenüber der Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass er bekommen wird, was er will. Obwohl der Leser das Schicksal dieses Zudringlings bereits im ersten Satz erfährt, entsteht eine ungeheure Beklemmung über die ganze Handlung hinweg.

Positive Figuren sind rar in diesem Roman. Ein – keineswegs zufällig gewählter – »echter« Milchmann etwa, der sich um die Hauptfigur kümmert, als diese in Schwierigkeiten steckt. Aber auch die Heldin selbst muss sich eingestehen, dass sie im Laufe der Zeit die Fähigkeit eingebüßt hat, anderen zu vertrauen, die grundlegende Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie sich stützen könnte; sie hat sich auch selbst isoliert, wie sie irgendwann selbst begreift. Ob und was daraus folgt, erfährt man auf den letzten Seiten des Romans.

Anna Burns: Milchmann
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Taschenbuch
Tropen
ISBN: 978-3-608-50508-5

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Es ist nur ein schmales Büchlein, das man in wenigen Stunden lesen kann. Und doch ist Eric Vuillard mit seinem Buch „Die Tagesordnung“ ein Streich gelungen, für den er mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, ausgezeichnet worden ist. Ein Roman ist es nicht, jedenfalls nicht im überkommenen Sinne der Literaturbürokratie.

Der Autor hat einen scharfen Blick für Szenen und ein Talent, diese mit anderen zu kombinieren, woraus sich ein Zugang zur Vergangenheit ergibt, der in gewöhnlichen Geschichtsbüchern fehlt. Mängel werden so gnadenlos ans Tageslicht gefördert, bloßgestellt und von Vuillard mit einer bemerkenswerten Boshaftigkeit vor dem Leser ausgebreitet.

Den Anfang seines Buches bildet eine Zusammenkunft von einflussreichen Industriellen und Finanzleuten mit Göring und Hitler kurz nach der Machtübergabe an den selbsternannten Führer im Februar 1933. Vuillard schildert das Eintreffen mächtiger Männer, um sie etwas später in Geister zu verwandeln, hinter denen die überdauernden Firmen stehen: Allianz, Opel, Siemens, BASF, Bayer. Die Botschaft: Es geht um die Gegenwart, die aus der Geschichte entstanden ist.

Die Herren zahlen ordentlich in die Kasse der Nazipartei, die im März 1933 einen Wahlkampf zu gewinnen hat, um Wahlen für die nächsten Jahre, Jahrzehnte zu unterbinden. Diese Ankündigung trifft auf Wohlwollen, man zahlt und – der Nachgeborene weiß es – bereitet damit auch den Weg in den Untergang von Millionen Menschen, Städten und Landstrichen. Die Firmen, die sie vertreten, überdauern. Man mag die Art der Darstellung mögen oder auch nicht. Legitim ist es.

„Man musste nur ein paar belanglose Millimeter, ein kleines Stückchen Wahrheit, abschneiden, um den österreichischen Bundeskanzler seriöser und nicht so verdattert wie auf der ursprünglichen Aufnahme dreinschauen zu lassen; ganz so als verleihe die Tatsache, dass man das Bildfeld etwas eingeengt, ein paar überflüssige Elemente getilgt und die Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert hatte, Schuschnigg mehr Substanz. Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Ein grundsätzliches Problem von Geschichte besteht darin, dass sie mit Geschichtsschreibung und – überlieferung gleichgesetzt wird. Wer also von historischer „Wahrheit“ in welcher Form auch immer fabuliert, hat die Grenze zur Lüge bereits überschritten. Das Zitat macht das schön deutlich, Vuillard bringt weitere Beispiele sanft, aber wirkungsmächtig manipulierter „Quellen“.

Denn Historiographie ist naturgemäß rückblickend, selbst wenn man über etwas berichtet, was man selbst erlebt hat. Es schiebt sich immer etwas zwischen Erleben und Berichten, Niederschreiben und Weitergeben, erst recht, wenn es um die Darstellung vergangener Begebenheiten durch Historiker geht. 

Der Rückblickende schaut durch andere Ereignisse hindurch. Wer heute zum Beispiel etwas über das Jahr 1938 schreibt, hat immer den Verlauf des Zweiten Weltkrieges im Kopf. Es ist unmöglich, sich naiv zu stellen und so zu tun, als wüsste man nichts davon, wie zum Beispiel die Wehrmacht im Jahr 1940 Frankreich zermalmt hat, mit einem Feldzug, der „Blitzkrieg“ genannt wird.

„Am Vormittag des 12. März erwarten die Österreicher fieberhaft und mit unanständigem Frohlocken das Eintreffen der Nazis. […] Doch die Deutschen lassen auf sich warten.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Das hat eine kuriose Vorgeschichte, die schlaglichtartig beleuchtet, wie problematisch solche Begriffe á la „Blitzkrieg“ sind. Wenn es um die Kriegsdrohung des Reiches gegenüber Österreich vor dem so genannten „Anschluss“ geht, wird diese Begrifflichkeit ernstgenommen. Vuillard aber zeigt, dass der Einmarsch der Wehrmacht in Österreich ein Panzerstau gewesen ist – das Gegenteil von „Blitzkrieg“.

Der „Bluff“, die mafiöse Drohung und die Skrupel der Gegner haben den Weg bereitet, nicht unbesiegbare Kampfpanzer – die zu diesem Zeitpunkt eher anfälligen Dosen als gefürchteten Panther, Tiger und Königstiger ähnelten. Von einem Blitzkrieg wie 1940 konnte also gar keine Rede sein.

„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Die Aktualität ist niederschmetternd! Wer denkt nicht an die Ukraine und Putins Spielchen? Wer denkt nicht an das unglaubliche Versagen der Westmächte, England und Frankreich, die von Vuillard genauso erbarmungslos vorgeführt werden?

Sein englischer Schriftstellerkollege Robert Harris geht mit Chamberlain sehr viel zurückhaltender um, in seinem Roman „Munich“ wird aber das Prinzip des Bluffs ebenfalls wunderbar in Szene gesetzt, wenn eine deutsche Panzerdivision durch die Straßen rollt, allein zum Zwecke der Einschüchterung. Und es hat abermals funktioniert!

Vor allem anderen aber überdauern die verlogenen Bilder vom Krieg. Vuillard findet dafür starke Worte, doch sie sind mehr als berechtigt. Denn die Filme über den Westfeldzug 1940 zeigten gar keine Bilder von der Front – das war schlechterdings nicht möglich, denn zwischen Filmen und Zeigen (in der Wochenschau im Kino) verging einige Zeit. Was also sollte man zeigen, als es losging? Aufnahmen von Manövern! Inszeniertes Kriegstheater.

„Die Geschichte entrollt sich vor unseren Augen wie ein Film von Josef Goebbels.“

Eric Vuillard

Goebbels Wochenschauen haben eine Illusion erzeugt, die bis heute prägend gewesen ist. Die Pannenarmee auf dem Weg nach Wien 1938 sah auf den Leinwänden aus wie eine nicht aufzuhaltende Maschine, während in Wirklichkeit die Schwächen immens waren; auch ein halbes Jahr später, anlässlich der Konferenz von München. Doch das mag keiner mehr sehen, weil die Filme eine andere Wirklichkeit in die Köpfe implantiert haben. 1940 ist die Wehrmacht selbstverständlich aufhaltbar gewesen, nur ihre Gegner haben sich maximal blamiert.

Ihren Anteil an der historischen Balkenbiegerei haben auch amerikanische Filmstudios. Vuillard überhäuft Hollywood mit schwerwiegenden Vorwürfen. Das ist etwas ungerecht, denn wer sich im Genre des Kriegsfilms umschaut, wird selten wirklich gute Streifen sehen, die dem Prinzip des Heldentums nicht huldigen und zwar unabhängig vom Entstehungsland.

„Die große amerikanische Maschine schien sich bereits seines ungeheuren Aufruhrs bemächtigt zu haben. Sie sollte den Krieg ausschließlich als Heldentat darstellen.“

Eric Vuillard: Die TAgesordnung

Natürlich stehen Filmemacher vor einem gewissen Dilemma. Wer mag schon die Realität abbilden, wenn die filmische Magerkost verheißt? Der amerikanische General Patton hat einmal die Artillerie als kriegsentscheidend bezeichnet. Sie wollen einen Spielfilm darüber drehen? Dann viel Vergnügen beim Finanzieren!

Zu den ohnehin nicht wenigen Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört, dass ausgerechnet deutsche Kriegsfilme das Heldentum-Narrativ oft brechen und ein brutales Kriegserlebnis zeigen. Goebbels Epigonen haben sich von seiner Schilderung des Krieges gelöst und sind – noch – nicht auf das global wirkmächtige Erzählen eingeschwenkt.

Es ist schon erstaunlich, amerikanisches Filmpublikum beim Betrachten von „Das Boot“ zu beobachten, die betroffene Stille, die sich senkt, wenn die Kamera am Ende über die Gesichter der Toten fährt. Die Erwartungen, eingepflanzt durch die schier endlose Kette an Helden-Kriegsfilmen, wird bei diesem Finale enttäuscht und erwischt den Zuschauer auf dem ungewohnten Fuß.

Ein Roman ist „Die Tagesordnung“ nicht, ein historiographisches Werk im engeren Sinne auch nicht. Es ist eine historische Montage, widerborstig in Anordnung und boshaft direkt in der Sprache, was den Leser zum Nachdenken über bequeme, falsche Gewissheiten zwingt. Die Kenntnis der historischen Vorgänge erleichtert das Lesen und das Nachvollziehen der Gedanken ungemein, ist aber keine unabdingbare Voraussetzung.

Ursula Krechel: Landgericht

Die Sprache sticht. Entweder ins Auge oder ins Ohr, je nachdem, ob man zum Buch oder Hörbuch greift. Ich habe mich für Letzteres entschieden. „Landgericht“ klingt etwas sperrig, doch hat es nicht lange gedauert, bis mich der Roman für sich eingenommen hat, auch wenn Inhalt und Stil durchaus mit dem Titel harmonieren. Keine Komfortlektüre. 

Die Autorin Ursula Krechel hat eine Sprache gewählt, die zugleich distanziert und ganz besonders nah, unmittelbar, ja intim wirkt. Der Duktus mutete bisweilen kühl, juristisch, formal an, da er mit einer ungeheuer detaillierten Beobachtung einhergeht und zugleich außergewöhnlich präzise Bilder für die Schilderung nutzt, fühlt sich der Leser ganz dicht am Geschehen, am inneren wie äußeren. Diese Kombination sorgt für eine hohe Intensität.

„Ich bin in einer Mitläuferfabrik gelandet.“

Ursula Krechel: Landgericht

Die Themen machen wütend. Richard Kornitzer, promovierter Jurist, zu Zeiten der Weimarer Republik im Amt eines Richters, kehrt nach dem Krieg aus Cuba nach Deutschland zurück. Der nächste Satz wird schwierig, denn würde ich sagen, Kornitzer wäre Jude, entspräche das nicht der Wahrheit. Die Nazis und ihre antisemitische Vernichtungsideologie haben ihn zum Juden gemacht, obwohl er selbst keiner sein wollte und sogar Protestant geworden ist.

Das mag als kleines Detail erscheinen, ist es allerdings nicht. Die Zuweisung einer einzigen Identität für eine andere Person ist ein signifikantes Merkmal der großen totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts, nicht nur dem der Nazis. Auch in Stalins und Maos Reichen wurde so verfahren, immer mit dem Ziel, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, ihrer Rechte zu berauben, einzusperren, zu quälen und zu töten.

„Die Geschichte war ein Krater.“

Ursula Krechel: Landgericht

Es gehört zu den großen Vorzügen dieses Romans, dass Krechel einen Protagonisten gewählt hat, der dem Vernichtungsapparat entkommen konnte und wieder zurückgekehrt ist. Diese Rückkehr nach Deutschland steht am Anfang des Romans, der Weg zu seiner Flucht aus dem so genannten „Dritten Reich“ wird als Rückblick im Romanverlauf geschildert. Zunächst einmal geht es um die Ankunft in der ehemaligen Heimat.

Dort hat Kornitzers Frau Claire ausgeharrt. Sie ist aus der Sicht der Nazis „arisch“, durch ihre Heirat mit Kornitzer jedoch belastet, sodass sie keinen Organisationen beitreten kann, was Voraussetzung für ihre Berufsausübung wäre. Claire Kornitzer ist eine sehr moderne Frau, sie leitet eigenständig eine GmbH, ist erfolgreich, selbstständig, stark und dennoch dem Übel der Nazis  hilflos ausgeliefert, denn sie muss Firma und berufliche Tätigkeit aufgeben.

Nach dem Krieg und der Gründung eines demokratischen Deutschlands ändern sich manche Dinge nicht unmittelbar zum Guten. Die während der Weimarer Republik bereits erreichte Modernität war durch die gesellschaftliche Steinzeit im Hitlerregime so weit zurückgedreht worden, dass es lange Jahre dauern sollte, ehe der einmal verlorene Stand wieder erreicht wurde. Das ging ganz erheblich zu Lasten der Frauen. Krechel hat das in ein wunderbares Bild gefasst:

„Es schmerzte sie, als wäre sie an einem anderen Zeitufer stehengeblieben und das Schiff wäre ohne sie abgefahren. Ja, hätte ihr den Zutritt verweigert, nur weil sie eine Frau war. Und was hieß nur? Die Frau eines Landgerichtsdirektors. Jetzt klang es in ihren Ohren wie Hohn.“

Ursula Krechel: Landgericht

Die Kinder der Kornitzers, Georg und Selma, werden gerade noch rechtzeitig nach England geschickt und entgehen so einem schrecklichen Schicksal im Hitlerreich. Auf der Insel haben sie allerdings ebenfalls mit Widrigkeiten zu kämpfen, was den Roman übrigens brandaktuell macht, wenn etwa von „unbegleiteten Minderjährigen“ die Rede ist, die aus Syrien, Afghanistan oder anderen Regionen nach Deutschland fliehen.

In seiner Heimat und sieht sich Kornitzer auf allen Ebenen Widrigkeiten ausgesetzt. Beruflich setzt ihm zum Beispiel die skandalöse Behandlung von Philipp Auerbach heftig zu, privat ist es ein extrem schwieriges Unterfangen, die Familie wieder unter einem Hut zu versammeln. Diese Dinge entwickelt Krechel in ihrem typischen Stil vor den Augen des Lesers, der mitgerissen werden kann, wenn er sich darauf einlässt.

Die „Stunde Null“, der „Neuanfang“ ist eben geprägt von vielen Kontinuitäten, die rückwirkend ebenso verblüffen wie auch verstören. Vor allem der latente, unterschwellige oder auch offene Antisemitismus, das Fortdauern von NS-Ideologie und Denkweise in juristischen (und anderen) Bereichen des Staates und die Hilf- und Wehrlosigkeit der Opfer, insbesondere der Juden, sind eigentlich unfassbar.

„Es rüttelte an seinem Rechtsempfinden wie eine eisige Sturmböe.“

Ursula Krechel: Landgericht

Eine ganz besonders bedrückende Episode ist die so genannte „Irrfahrt der St. Louis„, ein Dampfer, der vollgestopft mit jüdischen Flüchtlingen aus dem Reich Cuba angelaufen hatte. Touristenvisa wurden plötzlich nicht mehr anerkannt, nur wenige der Notleidenden wurden von Bord gelassen, der Rest harrte auf dem Schiff zunächst zwischen Cuba und den USA, später von der Küste Kanadas aus, ehe die St. Louis wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Dieser auch aus der Gegenwart sattsam bekannte Vorgang, der den Eindruck verstärkt, dass manche Dinge sich eben doch wiederholen, ist auch in anderen Werken behandelt worden. Der kubanische Autor Leonardo Padura hat ihn in seinem Roman „Ketzer“ aufgegriffen und aus Sicht von Einwohnern Havannas geschildert. Für Kornitzer wird Cuba aber zum Rettungsanker, eine ihm sehr fremde Welt.

„Tage, mit heißer Nadel aneinandergestichelt, sich gegenseitig überlappend. Ein Sandmückenschleier sirrt in der Luft über der dösenden Bucht. Klares, blaues Licht. Licht, von ruhiger Eindringlichkeit, das einen blass und bleich erscheinen ließ.“

Ursula Krechel: Landgericht

Mir haben an dem Buch sehr viele Aspekte ganz besonders gefallen. Neben der eindringlichen Sprache vor allem die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen, die Rückblenden und kurzen Ausflüge in Seitenhandlungen, die zusammengenommen auf nachdrückliche Weise aufzeigen, wie die Opfer des NS-Regimes auf verlorenem Posten kämpften, als es darum ging, angemessen entschädigt und anerkannt zu werden. Der Krieg mochte 1945 beendet worden sein, sein verheerendes Wirken dauerte weit darüber hinaus an.

Birgit Constant: Der zweite Sohn des Normannen

Mittelbände von Trilogien fristen bisweilen ein tristes Dasein: Ohne Anfang und Ende hängen sie wie eine wacklige Brücke zwischen zwei Bergen und sind ein unumgängliches Zwischending, das der Leser nolens volens überschreiten muss.

Im Fall des Romans „Der zweite Sohn des Normannen“ von Birgit Constant ist das glücklicherweise nicht so. Es ist der Mittelband einer Trilogie, die in Northumbria spielt, und gegenüber dem ersten so selbstständig, dass man ihn auch allein lesen könnte. Zugleich gibt es aber Bindungen, die das Lesevergnügen dank Wiederkennens erhöhen.

Auffällig sind der für eine Trilogie große zeitliche Sprung, der den zweiten vom ersten Teil trennt, und der damit einhergehende Perspektivwechsel: Die Hauptfigur aus dem Auftaktbank „Der Krieger des Königs“, Oswulf, bleibt der Geschichte erhalten, tritt aber in die Kulissen zurück. An seiner Stelle ist Roger, der Zweitgeborene eines normannischen Edelmannes und einer Angelsächsin, die zentrale Person der Erzählung.

Da der Schauplatz der Handlung zunächst immer noch der gleiche ist, empfindet der Leser den Bruch keineswegs als zu groß, zudem sind wieder viele Nebenfiguren mit dabei. Da die Vergangenheit nie ruht und die Gegenwart mit beeinflusst, bleiben die beiden Trilogie-Teile miteinander verwoben und zugleich auf angenehme Weise unterschiedlich. Eine ungewöhnliche, aber sehr gelungene Strukturierung für einen Dreiteiler!

„Ein Toter ist ein gutes Zeichen – und ein guter Anfang.“
„Ihr meint, unsere Zeit ist endlich gekommen?“
„Wir mussten lange genug warten. Doch das Rad der Fortuna dreht sich…“

Birgit Constant, Der zweite Sohn des Normannen


Der Inhalt hat es in sich, wie das Zitat zeigt. Um beim Bild des Hängens zu bleiben: Der Leser hängt tatsächlich sehr lange in der von Spannung geschwängerten Luft, denn die Hauptfigur, aus deren Perspektive die Geschehnisse geschildert werden, ist in für ihn völlig undurchsichtige Pläne und Absichten verstrickt, deren Folgen er durch die Augen Rogers allerdings sieht und spürt.

Eine von Spannungen erfüllte Zeit

Die Spannung wird geschickt aufrechterhalten, die Ereignisse sind überraschend, ohne Teil haarsträubender Twists zu sein, dankenswerterweise. Das liegt auch an der Einbettung der Romanhandlung in eine von Spannungen und Wirrungen erfüllten Zeit, wenige Jahre nach der Eroberung der britischen Inseln durch die Normannen.

Die neuen Herren müssen sich mit den alten und den verbliebenen Nachfahren der Nordmänner arrangieren. Wie schon im ersten Roman hat mir die Schilderung des Neben- und teilweise auch Gegeneinanders als Teil der Handlungsmotivation, aber auch des historischen Hintergrunds sehr gut gefallen.

Besonders gern habe ich einen Handlungsfaden miterlebt: Die Hauptfigur wird im Handlungsverlauf eine größere Stadt betreten und empfindet das in vielfacher Hinsicht als überwältigend. Wunderbar! Denn der Leser fremdelt, wie es sich für einen Historischen Roman gehört. Weiterhin sind es die vielen kleinen Dinge am Rande, vor allem aber der Sprache, die der Handlung eine tolle Couleur verleihen.

Vor allem aber bleibt es bis zum Schluss äußerst spannend, die finalen Enthüllungen der langen Irrungen sind schön motiviert und das Ende weckt die Vorfreude auf den dritten Teil.

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