Alexander Preuße

Schlagwort: Europa

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Venedig ist in diesem großen, europäischen Roman Sinnbild für die zerstörerische Kraft des Massentourismus und für das erstickende Übermaß an Geschichte, das Europas Weg in die Bedeutungslosigkeit ornamentiert.

Zu den wenigen Dingen, die ich vorbehaltlos verachte, gehört der Drang nach touristischer Authentizität. Wenn in Reiseführern die Rede von authentischen kulinarischen Genüssen, Erfahrungen oder ähnlich abstrusem Krams ist, verspüre ich Brechreiz. Der Grund ist nicht zuletzt Heisenberg: Seine Unschärferelation gilt nicht nur in der Physik, sie gilt überall. Den »neutralen«, erlebenden Beobachter gibt es nicht, die bloße Anwesenheit beeinflusst und verändert bereits. Authentizität ist unmöglich.

Der aus den Niederlanden stammende Autor Ilja Leonard Pfeijffer verschafft in seinem Roman einigen obskuren Authentizitäts-Autisten einen gespenstischen Auftritt, der den Leser in einen Zustand flammender Wut und angeekelter Abscheu versetzt. Es ist eine derart eindrückliche Stelle, dass ich mich beim Wiederhören vor ihr ein wenig gefürchtet habe – völlig zu Recht. Pfeijffer führt vor, erbarmungslos und für den Leser bzw. Hörer in diesem speziellen Fall schwer erträglich.

Aber ich schwieg. Ich hatte die Diskussion bereits in Gedanken gewonnen und es wäre schade, diesen Triumph durch die Konfrontation mit der widerspenstigen Realität zu gefährden.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Zum Glück verfügt der Schriftsteller über ein immenses sprachliches Ausdrucksvermögen, was den Roman ungeheuer unterhaltsam macht. Er bedient sich einer wundervollen Form der Verschleierung, nämlich barocker Höflichkeit, deren manierierter Gestelztheit er mit boshafter Ironie und manchmal deftigen Worten den nötigen Ausgleich verschafft. Besonders gefällt Pfeijffers Hang, sich selbst ohne Scheu zu überheben und wenige Absätze weiter wieder vom Sockel der Selbstgefälligkeit zu stürzen. Er teilt in alle Richtungen aus, auch gegen sich selbst.

Das Reisen der Massen ist nur ein Thema, das in Grand Hotel Europa verhandelt wird, allerdings ein wichtiges. Es geht, wie man am Zitat sieht, um die Selbstzerstörung des Tourismus – und des Menschen an sich. Was gäbe es für einen passenderen Ort als Venedig, um das vorzuexerzieren?

Der Tourismus zerstört, wovon er angezogen wird.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Pfeiffer lässt den Leser leiden, indem er ihm auf schmerzhafte Weise vorführt, was vor Ort schiefläuft. Dazu wählt der Autor ein geschicktes Mittel in Form des Stilwechsels. Individuelle Beobachtungen von – schrecklichen – Touri-Zeitgenossen wechseln mit informativen Passagen, die einen essayistischen Charakter haben und genau ausführen, von was eigentlich die Rede ist. Diese Wechsel verleihen dem Roman einen ganz besonderen Reiz.

Doch ist Tourismus nur eine Facette des gleichen Themas, denn ihm wird die unfreiwillige Migration zur Seite gestellt. Der junge Mann auf dem Titelbild steht für Abdul, den Piccolo des Grand Hotels Europa, in dem der Erzähler sich einquartiert hat. Er ist ein Flüchtling aus der Wüste und hat eine ganz andere Reise hinter sich als die Flip-Flop-Scharen, die aus den Kreuzschiff-Giganten wälzen und den Markusplatz überfluten.

Der Roman bezieht Position. Touristen gelten Pfeijffer gemeinhin als willkommen, sind in Wahrheit jedoch Zerstörer; (fliehende) Migranten werden als unwillkommene Eindringlinge gefürchtet, sind jedoch potenzielle Helfer, die beitragen könnten, Krisen (auch in Venedig) zu bewältigen.

Ich erzählte ihm von meiner Idee, ein Buch über den Tourismus zu schreiben. ›Sie möchten also über die barbarische Invasion schreiben‹, sagte Patelski. ›Man hält den Tourismus im Allgemeinen für ein Geschäftsmodell und stimuliert ihn. Dabei ist er eine Bedrohung. Er bildet eine interessante Parallele zur angeblichen Invasion der Afrikaner, die man für eine Bedrohung hält, obwohl sie eine große Zukunftsperspektive birgt.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Die beiden Formen der Mobilität verbindet Pfeijffer äußerst geschickt mit seinem zweiten Anliegen. Europa wäre ein Ort der Geschichte, einzigartig in der Welt. Während anderswo die Zukunft im Fokus stehe, Altes abfällig betrachtet und gern abgerissen würde, lebe Europa von und in der Vergangenheit. Dank Deindustrialisierung und dem Aufstieg anderer Regionen wäre der Tourismus, befeuert von der musealen Historie des Alten Kontinents, für Staaten wie Italien und Griechenland längst unverzichtbare Lebensader.

Die beiden Hauptfiguren, der Autor selbst, der den Ich-Erzähler mimt, und seine italienische Muse Clio, stecken persönlich in diesem Sumpf aus Gestern. Die Geschichte wird ausgehend vom Grand Hotel Europa retrospektiv erzählt, dabei springt der Roman munter zwischen den Zeitebenen und Stilen hin und her. Der Leser folgt der Geschichte der beiden, die sich durch einen Zufall kennenlernen, ein Paar werden, in einer weiteren Erzähllinie einem hübschen Geheimnis um Caravaggio nachgehen und sich zerstreiten.

Die Stadt wird nur noch von den Geistern der Vergangenheit bewohnt.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Das weiß der Leser bereits am Anfang des Romans, denn der Ich-Erzähler ist im Grand Hotel Europa, um Wunden zu lecken und seine Beziehungs-Bauchlandung zu verarbeiten. Clio ist Kunsthistorikerin, sie entstammt einer sehr alten italienische Familie aus Genua. Sie verkörpert somit einen Teil der Geschichte und steckt wörtlich in ihr fest, denn an ein – für Länder nördlich der Alpen selbstverständliches – berufliches Fortkommen ist im historisch-sozial verkrusteten Italien nicht zu denken. Wohlgemerkt: Norditalien, nicht Mezzogiorno.

Mit dieser Beziehung erhält der Roman etwas Spielerisches, denn Pfeijffer weidet sich daran, sie in Szene zu setzen. Sex-Szenen spielen auch eine Rolle und sind sprachlich ganz wunderbar gestaltet. Es kann dabei schon vorkommen, dass der Autor sich mitten im Geschehen entschuldigend an den Leser wendet und die Örtlichkeit dafür verantwortlich macht, dass er die gewohnte sprachliche Eleganz an dieser Stelle vermissen lässt.

›Glauben Sie, dass Reisen den Horizont erweitert?‹

›Ich glaube, dass Nachdenken den Horizont erweitert.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Vor allem bekommen die Reisefreudigen einen literarischen Schuss vor den Bug. Die Lügen und der Selbstbetrug der so genannten Sharing Economy, wie Airbnb, werden wunderbar an einen sprachlich fein ornamentierten Pranger gestellt.

Die Romanfigur Pfeijffer lebt in Venedig, wo längst alles zu spät ist, eine Stadt zum Museum und ihre Bewohner zu niederen Dienstleistern herabgewürdigt wurden. Doch dabei lässt er es nicht bewenden, er führt andere Beispiel vor, wie Amsterdam, wo er ausgerechnet Nutella zum Sinnbild des globalen Missstands werden lässt.

Ungeheuer boshaft, zum Schreien komisch – manchmal auch nur zum Schreien -, dann wieder sachlich, nüchtern oder handfest wird der Leser in Atem gehalten. Gut unterhalten folgt er dem Pfad, der schließlich ganz tief in die europäische Geschichte führt, hinab in das mystische Fundament, die ganz alten Sagen. Ganz groß ist nämlich jener Moment, an dem klar wird, wie schön das mit dem Flüchtlingsschicksal Abduls verwoben wurde. Das halbe europäische Mittelalter hat sich zwecks Legitimation auf Vergils Aeneis berufen, deren Helden nämlich was sind? Jetzt dürfen alle mal raten und diesen wunderbaren Roman lesen.

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Das Hintergrundbild kann im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien angeschaut werden. Der Betrachter steht lange davor, ist überwältigt, erschüttert.

Immer wieder Wallenstein. Und Königgrätz. Ohne „s“ zwischen den beiden „g“. Der Feldherr und der Ort, an dem sich der Krieg zwischen Preußen und Österreich durch eine blutige Niederlage letzterer entschied, spielen in der Gegenwart bestenfalls die Rolle von Randerscheinungen. In diesem Roman aber geht es nicht ohne sie.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Wo liegt eigentlich Königgrätz? Wo liegt Wallenstein könnte man auch fragen, doch das wäre gemein, denn der Begräbnisort des ermordeten Gerneralissimus ist eine Sache für sich. Beide Stätten lassen sich besuchen, so, wie es die beiden Protagonisten in Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs letzte Reise“ tun.

Winterberg und sein Begleiter, Jan Kraus, bilden ein ungleiches Buddy-Gespann. Wie es sich gehört, ist es nolens volens aneinander gekettet, sie kommen nicht mehr von einander los und gehen den langen Weg gemeinsam. Das gleicht Wallenstein und Ferdinand, Generalissimus und Kaiser, die auch nicht voneinander losgekommen sind, wenn man Golo Manns Biographie über den Feldherrn folgen will.

„Und doch wusste ich, dass Winterberg recht hatte.
Es gibt kein Entkommen.
Von seiner Geschichte.
Von meiner Geschichte.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Es gibt überhaupt kein Entkommen von Geschichte, denn die Gegenwart ist nichts anderes als Geschichte. Der Autor nimmt dabei dankenswerter Weise historische Begebenheiten aufs Korn, die in Deutschland unter einer dicken Schicht späterer geschichtlicher Ereignisse begraben sind. Der Zweite Weltkrieg, die Shoah und der Vernichtungskrieg haben wie Caterpillars alles zugeschüttet, was vorher geschah.

Damit wurde auch ein Teil mitteleuropäischer Geschichte verborgen, in einer Region, die in Deutschland allzu oft einfach ignoriert wird, wenn der Blick nach Osten wandert. Ein Schicksal, das sich die mitteleuropäischen Staaten, die hierzulande oft schon Osteuropa zugeordnet werden, mit dem Balkan teilen. Bücher wie „Winterbergs letzte Reise“ ragen wie Hände von Verschütteten aus einer niedergegangenen Lawine und machen auf das Verborgene aufmerksam.

(…) er wollte wissen, ja, ja, warum die Deutschen die Bahnhöfe mit den Feuerhallen verbunden haben, warum die Deutschen das ganze Europa in eine einzige große Feuerhalle verwandelt haben (…)“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Rudiš versteht sich darauf, seine Erzählung um Leitmotive zu stricken, sie mit einander zu verwickeln und zu verbinden, so dass sie über die gesamte Erzählung hinweg tragen. Eisenbahnen, Feuerhallen, Geschichte und der Krieg – um nur einmal einige zu nennen, wie das Zitat so schön zeigt. Dem Holocaust und dem Vernichtungskrieg entkommt man auch in diesem Buch nicht, wie auch, ist doch alles untrennbar mit der Bahn verknüpft.

Ein anderes Motiv ist besagter Wallenstein, mit dem die böhmische, tschechische und deutsche Geschichte so eng verwoben ist. Der Generalissimus ist vieles gewesen, oft wird mit ihm Grausamkeit, Eroberungssucht und – historiographisch längst widerlegt – Verrat verbunden. Doch hat er vor 1648 den einzigen tragfähigen Frieden im Dreißigjährigen Krieg erzwungen und als erster und vielleicht einziger begriffen, dass Siege auf dem Schlachtfeld keinen Frieden bringen.

Vor allem aber wollte er eine Universität gründen, die Vorbereitungen liefen bereits auf Hochtouren, als er von kaiserlichen Häschern ins Totenreich verfrachtet wurde. Mich bewegt bis heute eine Frage: Die Universität Havard wurde 1636 gegründet, ihr Einfluss ist unschätzbar. Was hätte es für Zentraleuropa bedeutet, wenn Wallensteins Projekt verwirklicht worden wäre?

Rudiš nutzt Wallenstein als Projektionsfläche für Assoziationen, zum Beispiel für den Tod des Vaters Winterbergs durch Sudetendeutsche Nazis, so genannte „Henlein-Trottel“.

„Ja, ja, er war im Ratskeller plötzlich von allen verlassen, so wie Wallenstein in Eger von allen verlassen war.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Dabei macht es der Autor dem Leser keineswegs leicht. Es sind keine glatten Marmorböden, über die man schreitet; es geht durch den Schlamm und Matsch diesiger Wintertage, man stapft über Schlachtfelder und durchmisst Orte, deren Gegenwart für Winterberg bereits vergangen ist. Das ist Europa, keine Wohlfühlpromenade.

Die beiden Protagonisten haben manchen Strauß miteinander auszufechten, wie es sich für gute Buddy-Stories gehört. Der Autor lässt den Leser das enervierende Reden Winterbergs mitempfinden, er setzt zum Beispiel auf gnadenlose Wiederholungen, die jedoch im Laufe des Buches immer mehr verschwinden, je näher sich die beiden Gefährten auf ihrer Reise kommen.

Winterberg ist alt, zu Beginn des Romans mehr tot als lebendig, ehe ihn ein einzelner, zufällig dahingesagter Satz aus dem Munde seines Begleiters aus dem Totenreich ins Leben zurückholt und auf die letzte große Reise schickt. Sein Leitmedium ist ein Baedeker-Reiseführer aus der Vorkriegszeit – 1913 erschienen. Das ist ein genialer Griff, wenn auch viele Leser möglicherweise mit den von Winterberg vorgetragenen Passagen wenig anfangen können.

So entsteht eine Reise durch die Geschichte im eigentlichen Sinne, die Komposition ist so ungewöhnlich wie wirkungsvoll. Die meisten Regionen, die Winterberg und Kraus durchfahren, waren lange durch Grenzen klar getrennt. Die EU hat das Rad der Zeit wieder zurückgedreht, denn diese Gebiete gehörten einst bereits zu einem einzigen Staat: Österreich-Ungarn.

„Es dämmerte immer mehr und wir waren in Tschechien.
In Österreich, wie Winterberg sagte.
In Böhmen.
Winterberg freute sich und mir war schlecht.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

In allem steckt mehr als eine Warnung. Offene Grenzen, ein politisches Gebilde, das viele Völker beherbergte und am Ende in einer riesigen Katastrophe zerbrach, die trotz ihrer historisch horrenden Verluste nur das Präludium zu einer noch viel furchtbareren sein sollte – das war Österreich-Ungarn. Vieles, das als sicher gilt, würde vielleicht einfacher zerbrechen als man glaubt, die Krisen um die Flüchtlinge, Corona und den Neo-Imperialismus haben gezeigt, dass die Wölfe noch immer lauern.

Was mir besonders eindrücklich in Erinnerung bleiben wird, ist die Erkenntnis, dass unweit meines eigenen Lebensmittelpunktes das eigentliche Zentrum Europas lag und liegt, verborgen im Nebel des Krieges wie ein unentdecktes Land. Dabei müsste man eigentlich nur mit der Bahn fahren, ein viel weniger gefährliches Unternehmen als die Atlantiküberquerung in einer Karacke oder Karavelle.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Der Autorin Antje Rávik Strubel ist mit ihrem Roman „Blaue Frau“ das Kunststück geglückt, ein individuelles Schicksal mit dem komplexen Netz zu verweben, das die Lebenswege in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts bestimmt. Das macht den preisgekrönten Text zu einem Glücksfall, denn Strubel hätte auch den viel leichteren Weg gehen und sich auf eine einzelne Erzähl-Linie beschränken können. Das hätte „Blaue Frau“ allerdings um einen erheblichen Teil ihres  Wertes beraubt.

Wie an den vielen kritischen, ja wütenden Reaktionen auf den Roman zu sehen, wurden die Erwartungen von Teilen des Lesepublikums verfehlt. Ich spreche hier nicht von den Troll-Horden, die pöbelnd über „Blaue Frau“ herfallen und aus unterschiedlichen Gründen darauf einprügeln. Es geht um jene, die das Buch auf der Suche nach eng begrenzten Motiven gelesen haben: starke Frau, MeToo-Anklage oder (justiziale) Rache.

1968 trugen Demonstranten in Frankfurt und Paris stolz jene Köpfe auf Transparenten durch die Straßen, die dafür verantwortlich waren, dass in Prag auf Demonstranten geschossen wurde.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Diese Dinge finden sich in dem Roman, allerdings eingebettet und verstrickt mit politischen, historischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Aspekten. Nicht wenigen erscheint das offensichtlich als abschweifend, ihre herbeigewünschte Hauptsache von Nebensächlichkeiten erstickt. Dabei gibt es in diesem Buch keine Nebensächlichkeiten, alles hängt miteinander zusammen und beeinflusst sich gegenseitig.

Die Alternative wäre ein eindimensionaler Hollywood-Helden-Schwank gewesen, der die Hauptfigur Adina oder vielleicht Kristiina, die tapfere Aktivistin und Parlamentsabgeordnete, eine Art Rachefeldzug zu einem erfolgreichen Ende führen lässt. Zum Glück ist Strubel dieser Versuchung nicht erlegen, sondern den schwereren Weg gegangen, ihre Personen mit Schwächen und Schattenseiten auszustatten. Ihre Hauptfigur ist in vielerlei Hinsicht sperrig. Und das ist auch gut so.

Wir haben zwei Realitäten innerhalb der EU, die auf gegensätzlichen Erinnerungsregimen beruhen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina kämpft nach dem traumatischen Erlebnis eines sexuellen Übergriffs und der abermaligen Begegnung mit ihrem Peiniger mit den Gespenstern ihrer Vergangenheit. Und doch will sie nicht aussagen vor Gericht, sich nicht auf das Spiel einlassen, das mit der Öffentlichkeit gespielt werden könnte, um dem Übeltäter zu schaden.

Auf  den ersten Blick könnte man annehmen, sie wolle sich nicht helfen lassen, auf den zweiten stellt sich die Frage, ob sie sich nicht einspannen lassen will in die Denk- und Handlungsweise ihrer Helfer, der dritte richtet das Augenmerk auf strukturelle Faktoren, die einen Gang vor Gericht problematisch, wenn nicht sinnlos machen.

Die Autorin geht dabei äußerst geschickt vor. Die Frage, wem das Helfen hilft, wird in anderem Zusammenhang früh im Buch aufgeworfen. Leonides, Vorkämpfer für Menschenrechte, meint, dass eine Gabe immer auch für den Gebenden hilfreich sei. Später wird dieser Zusammenhang immer wieder angedeutet, diejenigen, die sich für Adina einsetzen, tun dies immer auch in eigenem Interesse.

Das wiederum ist ihrem Weltbild, ihren Erfahrungen, ihren Zielen und den Mitteln geschuldet, die sie anwenden, um sie zu erreichen. Und es heißt nicht, dass es schlecht oder unlauter wäre. Derart differenziert und vielschichtig ist „Blaue Frau“.

Die Frage ist, welche Hände Leonides gewaschen hat, ob er zur Verteidigung der Menschenrechte die Hände derjenigen waschen muss, die diese Rechte verletzen. Auch wenn es sich um eines der elementarsten Rechte handelt, das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Adina könnte auf diese Weise selbst zu einem Mittel werden, mit dem ein Zweck erreicht werden soll, verweigert sich aber. Sie ist keineswegs passiv, sondern tritt trotz ihrer prekären Lage mit Gesten der Stärke auf. Am Ende greift zu einem eigenen, sehr persönlichen Mittel, das im Verlauf des Romans motivisch wunderbar vorbereitet und auf das Finale hingeleitet worden ist.

Auch für Helfer ist das Helfen nicht einfach, weil diejenigen, denen sie helfen wollen, sehr eigene, widersprüchliche Vorstellungen haben. Das kann für den Leser unangenehm sein, wenn er aus seinen bequemen Selbstverständlichkeiten gescheucht wird. Vor allem aber wird klar, wie wenig sich für Opfer sexualisierter Gewalt innerhalb des bestehenden Justizsystems die eigenen Rechte durchsetzen lassen. Ein Sieg vor Gericht würde den Roman zu einer romantisierenden Farce degradieren.

Dabei habe ich mehr und mehr verstanden, wie wenig Fälle überhaupt angezeigt werden, und das liegt daran, dass so wenig verurteilt werden. Aber auch, was es für eine Hürde für eine Frau ist, der so etwas passiert ist, vor Gericht auszusagen.

Antje Ravik Strubel im Interview

Zu den Stärken des Romans gehört seine Struktur. Adinas Weg wird in vielen Schleifen und Rückblenden erzählt, er ist verschlungen und gewunden, die zahlreichen zeitlichen Sprünge machen die Lektüre für meinen Geschmack richtig interessant und lohnenswert, denn so können Aspekte einander gegenübergestellt oder miteinander verknüpft werden, die zeitlich oder geographisch bei einer rein linearen Erzählweise getrennt bleiben müssten.

Aus den Lesermeinungen ist deutlich abzulesen, dass das von vielen als zu komplex empfunden wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass wesentliche inhaltliche Teile, politische-historische Aspekte wie die bleierne Besetzung Osteuropas durch die Sowjetunion oder die Ignoranz des Westens gegenüber den Verbrechen gegen die Bevölkerung als Nebensächlichkeiten wahrgenommen werden?

Es geht ums Gehörtwerden, Sichtbarmachen von Schicksalen, die allzu schnell abgetan werden mit Worten wie Wirtschaftsmigranten. Zu diesem Bedürfnis gesellt sich jenes, zur Gesellschaft dazuzugehören und respektiert zu werden. Denn „Blaue Frau“ ist auch eine Migrationsgeschichte, mit weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln.

Und wenn ihr die jungen Frauen mit Schirmkappen auf Deutsch antworteten und nicht auf Englisch, nahm ihr das Glück fast die Luft. Sie merkten nicht, dass Adina keine Einheimische war. Für sie gehörte Adina dazu.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Wer den Klappentext des Romans selektiv gelesen, sich nur von Schlüsselworten wie „unsichtbar gemacht“ oder „aufwühlend“ angesprochen gefühlt oder „Blaue Frau“ als lautes MeToo – Pamphlet gekauft hat, dürfte enttäuscht und vielleicht auch überfordert gewesen sein. Es ist auch nicht angenehm zu lesen, dass Gerichte nicht für Gerechtigkeit existieren, außer in amerikanischen Filmen, mit ihren heroischen Schlachten unter dem Schwert der Justizia. Aber nicht zuletzt das macht den Wert von „Blaue Frau“ aus.

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Die Wahrheit ist kompliziert, die Lüge einfach – das macht sie so gefährlich. Noch gefährlicher allerdings ist die Lüge, die nur scheinbar einfach daherkommt und wie eine Matrjoschka-Puppe ineinandergeschachtelt in die Welt gesetzt wird. Ganz am Ende des unbedingt lesenswerten Romans von Yassin Musharbash bekommt auch der zunächst harmlos wirkende Titel seine tiefgreifende Bedeutung und die Botschaft des Buches entfaltet ihre volle Wirkung.

Der Autor widmet seinen Roman dem unlängst verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré, für den er als Rechercheur gearbeitet hat. Nicht nur in Spurenelementen macht sich das im Verlauf der Erzählung bemerkbar, denn obwohl es sich hier um einen Thriller handelt, gibt es glücklicherweise sehr viele Phasen, in denen es nicht actiongeladenes Gedöns, sondern fast gemächlich sich ent- und verwickelnde Fortschritte bei dem Versuch gibt, ein Rätsel zu lösen.

Die Hauptdarstellerin ist eine investigativ arbeitende Journalistin namens Merle Schwalb. Ihre Persönlichkeit lernt der Leser peu á peu kennen, Musharbash nutzt ihr familiäres Umfeld, sowie einige Begegnungen im Laufe ihrer Recherche, um die Erosion des Vertrauens gegenüber seriösen Medien eindrücklich darzustellen. Wie oben schon gesagt: Das skizzierte Bild ist bekannt, doch wird erst am Ende klar, was das für weitreichende Folgen haben könnte.

Ein plötzlicher Todesfall führt sie ausgerechnet in einem für ihr persönliches Fortkommen entscheidenden Moment auf die Spur einer Verschwörung, deren Wurzeln in Putins Russland zu suchen und finden sind. Sie steht dem – glücklicherweise – nicht allein gegenüber, aus dem eigenen Haus und einer anderen Zeitung stoßen Kollegen zu ihr.

Diese Entscheidung ist nur zu loben. Recherchenetzwerke gibt es wirklich, was die Authentizität des Buches erhöht. Auch die Schilderung der Kooperation journalistischer Alphatiere wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das gilt auch für jene Passagen im Roman, in denen Merle (und damit auch dem Leser) die Welt erklärt wird, in diesem Falle die verwickelte, keineswegs leicht durchschaubare Welt der aggressiven russischen Operationen gegen Deutschland (und die Ideen des freien Westens).

Wie le Carré verwendet Musharbash erfreulich viel Mühe darauf, die Kulissen für die Handlung ausführlich zu kreieren. Das geht über den reinen Fall, an dem sich die Hauptperson mit ihren Kollegen abarbeitet, hinaus, wenn es etwa um die vielzitierten „Clans“ in Berlin und ihre Wurzeln in einer verfehlten Einwanderungspolitik gegenüber den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon geht. Die selbstgefällige Bigotterie, über das Drogen- und Gang-Problem zu reden und gleichzeitig den Koks zu schnupfen, kommt nicht zu kurz.

Viele Begebenheiten und Motive des Romans wirken wie ein Echo dessen, was in den vergangenen Jahren in der seriösen Presse zu lesen war. Der vielfältige Druck, dem diese Medien ausgesetzt sind, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass es im Journalismus tatsächlich ein grundlegendes Problem mit der Wahrheit gibt – ganz unabhängig von den unsäglichen Anwürfen, denen sie ausgesetzt ist: „An einer Geschichte kann alles richtig sein – und die Geschichte stimmt trotzdem nicht.“

Ein strategischer Nachteil gegenüber schlichten Lügen und erst recht gegenüber den vertrackten.

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