Alexander Preuße

Schlagwort: Fantasy

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Der Roman gehört zu meinen Favoriten im Kinder- und Jugenbuchsegment, ist aber darüber hinaus für Schriftsteller lesenwert, die etwas über Antagonismen lernen möchten. Cover Dressler, Bild Canva.

So oft habe ich dieses Buch nun (vor-)gelesen und freue mich immer wieder, wenn es losgeht mit den Schlechten Nachrichten im ersten Kapitel. Der Roman Der Drachenreiter von Cornelia Funke ist mein allerliebstes Jugendbuch, das ich auch im fortgeschrittenen Alter immer noch gern lese. Um es vorwegzunehmen: Den zweiten Teil fand ich so viel schlechter, dass ich den dritten ignorieren werde.

Nichts liegt mir ferner, als in irgendeiner Form andere Bücher herabzuwürdigen, aber Der Drachenreiter ist nicht zuletzt so gut gelungen, weil er Qualitäten aufweist, die dem Nachfolger abgehen. Die Geschichte um die letzten Drachen, die vom Menschen in ihrem Rückzugsressort bedroht und zur Flucht gezwungen werden, ist spannend, voller Tempo, Warmherzigkeit und Überraschungen.

»›Lung!‹, rief sie. ›Lung, wach auf. Sie kommen!‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Der Leser wird mit einem ganzen Strauß an großartigen Ideen bedacht, als alter Kartenfreund hat mich deren Bedeutung für den Handlungsverlauf gefreut, mehr noch, weil Funke das auf so ungewöhnliche, schöne Weise umgesetzt hat. Natürlich gibt es auch bekannte Motive, etwa das des Jungen, der aufbricht und sich selbst in plötzlich in einer herausgehobenen Rolle wiederfindet – eine Fantasy-Figur par excellence.

Funke gelingt es jedoch, die Figuren auszubalancieren. Ich mag das Wort Balance im Zusammenhang mit Romanen eigentlich nicht, es klingt zu sehr nach billigem Schreibratgeber und schlechten Streaming-Serien, die vor lauter Balancieren das Erzählen vergessen. Der Drachenreiter ist davon glücklicherweise weit entfernt, weil er voller offener und versteckter Antagonismen ist.

Ein Protagonist kann immer nur so gut sein, wie sein bester Antagonist. Charaktere in Romanen bedingen sich gegenseitig, sie konstituieren sich in ihrem Wechselspiel. Die Drachen stehen einem grausamen Feind gegenüber, dem Menschen, der sie aus ihrem Lebensraum vertreibt. Dieser Grundkonflikt ist der Auslöser der Handlung, weil er den Drachen Lung und die Koboldin Schwefelfell zum Aufbruch zwingt.

»›Nach so vielen, langen Jahren. Aaah, ich wusste, dass sie sich nicht ewig vor mir verstecken können. Vor den Menschen vielleicht, aber nicht vor mir.‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Auf ihrer Reise finden sie Mitstreiter, wie etwa den Jungen Ben. Ab diesem Punkt manifestiert sich die große Stärke des Romans, denn auch zwischen den Protagonisten gibt es Antagonismen: Schwefelfell ist ohnehin mit einer spitzen Zunge und einer gehörigen Portion Leichtfertigkeit gesegnet, es kommt zu Eifersüchteleien und Streits, die wiederum Auslöser für törichte und gefährliche Handlungen sind.

Für die Erzählung ist das eine großartige Zutat, von der Autorin gekonnt und mit spürbarem Spaß umgesetzt. Cornelia Funke hat noch mehr auf Lager, denn auf ihrem Weg scheuchen die Helden einen richtigen Antagonisten auf, der ebenfalls über bösartige Verbündete, nie verlöschenden Hass, die nötige Verwerflichkeit und Aggressivität verfügt, um ein tödlicher Gegner zu sein. Eine erbarmungslose Jagd beginnt, garniert mit Verrat, Frontwechseln und vielem mehr.

Vor allem aber steckt hinter diesem fürchterlichen Antagonisten wieder der Mensch, der sich als die eigentliche Bedrohung erweist. Seine Gier ist die Antriebskraft für Böses, indem er sich überall ausbreitet und alles vereinnahmt, egal, ob andere ihren Lebensraum dadurch verlieren. Und er ist auch für den tödlichen Feind verantwortlich, aus niederen, gegenüber dem Leben gleichgültigen Beweggründen. Funkes Fantasy-Roman hat damit, was hochwertige Literatur auszeichnet: Thema.

»›Duuuuu bist der Eeeerste! Der Eeeeeerste, der nicht für sich fragt, käferkleiner Mensch.‹«

Cornelia Funke: Der Drachenreiter

Zu den schönsten Momenten der Geschichte gehört die Begegnung mit einem Dschinn, der – ganz im Stile von Märchen und Fantasy – einen Wunsch gewährt, natürlich erst, wenn eine bestimmte Voraussetzung gegeben ist, sonst droht dem Wünschenden ein schreckliches Schicksal. Funke nutzt das geradezu klassische Motiv, das es zum Beispiel durch Ernest Hemingway auch in die Weltliteratur geschafft hat, um einen ganz wunderbaren Akzent zu setzen, der im Gedächtnis bleibt.

Und spoilere ich zu sehr, wenn ich die Überschrift des letzten Kapitels verrate? Nein, denn nicht das Ende ist entscheidend, sondern der Weg dahin. Und der führt über zahlreiche Wendungen zu Guten Nachrichten. Wie die aussehen, muss allerdings selbst erlesen werden. Viel Vergnügen dabei!

Cornelia Funke: Der Drachenreiter
Dressler Verlag
Gebunden
ISBN ‎ 978-3791504544

Erzählfluss statt stehendes Gewässer

George R.R. Martins »Lied von Eis und Feuer« ist ein prominentes Beispiel für die Schwierigkeiten episch angelegter Buchreihen: Der Fantasy-Welterfolg hat sich im dichten Gestrüpp zahlloser Personen und Schauplätze verheddert. Bild Canva.

Im November 2017 hat sich der Blogger Der Wortvogel parallel zum Beginn der sechsten Staffel der überaus erfolgreichen HBO-Serie Game of Thrones zum Thema vertikales Storytelling geäußert. Ich habe einen etwas anders akzentuierten Beitrag von ihm damals in der Süddeutschen Zeitung gelesen und er hat mich sehr lange beschäftigt. Denn: Ich hatte gerade begonnen, selbst eine Buchreihe zu verfassen.

Buchreihen können tückisch sein. George R.R. Martin hat aus meiner Sicht eine großartige Fantasy-Reihe geschrieben, mit leicht abfallender Qualität. Der erste Band (die ersten beiden in der deutschen Ausgabe) gefallen mir jedoch ganz besonders gut. Der strukturelle Ansatz ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, die Torsten Dewi in seinem allgemeinen Beitrag Kaugummi TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings schön aufgezeigt hat.

Großer Beginn, leicht abfallendes Niveau

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erzählfluss in Das Lied von Eis und Feuer mehr und mehr zu einem stehenden Gewässer wurde. Die Erzählung verhedderte sich immer mehr im vielbeinigen Gestrüpp zahlloser Figuren und Schauplätze, dabei hätte die Neigung des Autors, seine Charaktere ins Reich des Jenseits zu schicken, durchaus Abhilfe schaffen können. Nicht jedoch, wenn diese teilweise wieder als Untote oder Wiederauferstandene zurückkehren.

Martin sah sich auch gezwungen, die ständig wechselnden Perspektiven in zwei dicke Stränge zu bündeln und auf zwei (in der deutschen Ausgabe vier, also je zwei) Bücher zu verteilen. Das macht alles noch komplizierter, zumal mir beim Lesen recht oft Redundanzen und Muster aufgefallen sind. Die Romanreihe verliert, je weiter sie voranschreitet.

Die Filmserie The Game of Thrones ist ja – gottlob – beendet, wenngleich mit einem grauenerregenden Qualitätseinbruch. Das Buch verharrt seit langem an der gleichen Stelle, obwohl der Autor nach eigenem Bekunden an dem vorletzten Band arbeitet. Sicherlich ist die immense Komplexität ein wesentlicher Faktor für die lange Pause. Das wirft Fragen auf, etwa: Wie lassen sich die vielen offenen Erzählstränge wieder zusammenfügen, um die gesamte Geschichte voranzutreiben?

Wie ein Crescendo in der Musik

Ich bin gespannt. Die Wartezeit habe ich mir damit vertrieben, selbst eine Buchreihe mit etwas mehr als zweitausend Seiten zu verfassen. Auf der Basis des Artikels, der Lektüre und einiger Binge-Watch-Tage in der Welt von Eis und Feuer habe ich irgendwann die Entscheidung getroffen, mit der Erzählung der Abenteuer von Joshua und Jeremiah sehr schmal anzufangen und dann Stück für Stück aufzufächern.

Es kam mir vor allem darauf an, am Ende der siebenteiligen Reihe noch genug Spielraum zu haben, einen effektvollen Showdown zu schaffen, ohne völlig zu überziehen. Das ist mir, denke ich, durchaus gelungen. Alles, was im Schlussband namens Opfergang geschieht, ist rein fiktional, aber nicht undenkbar; und es ist ein grandioses, spannendes Spektakel.

Ich habe eine Anleihe aus der Musik genommen, um die strukturelle Gestaltung der gesamten historischen Abenteuerreihe zu verdeutlichen: ein Crescendo. Wer das zum Beispiel auf dem Klavier erzeugen will, muss keineswegs nur immer lauter spielen – dann brüllt das Klavier am Ende und verursacht Schmerzen.

Piano zu Beginn

Viel wichtiger, ja entscheidend ist: Piano am Anfang. Um ein Crescendo zu erzeugen, muss man unbedingt leise beginnen und – ganz wichtig – nicht linear lauter werden. Im Verlauf sollten kleiner Decrescendi eingebaut werden, Verzögerungen, um den Effekt zu verstärken. Außerdem könnten zu der anfangs einstimmigen Tonfolge weitere Stimmen hinzukommen.

Daher beginnt meine Abenteuerreihe sehr schmal, klein, leise, fokussiert sich auf wenige Personen und Handlungsorte, täuscht manches vor, deutet vieles an und ist keineswegs auf Handlungsspannung oder Action beschränkt. Denn was hilft alles Crescendo, wenn es an der Baisis fehlt, dem Leitmotiv oder Thema? Es wäre ein hohler, langweiliger Effekt.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Ein wunderbares Zitat aus dem Buch von J.R.R. Tolkien, das nur dann enttäuscht, wenn man es mit den gleichen Maßstäben misst, wie seinen Roman »Der Herr der Ringe«.

Mein erster Kontakt mit dem Fantasy-Epos »Der Herr der Ringe« geht auf das Jahr 1980 zurück. Der grüne Dreiteiler lag  unübersehbar auf dem Schreibtisch eines Freundes, es brauchte keine fünf Minuten, um mich vom Kauf zu überzeugen; gelesen habe ich ihn aber erst nach »Der kleine Hobbit« und – nicht lachen – war anfangs etwas enttäuscht, weil nicht etwa Bilbo, sondern ein gewisser Frodo die Hauptlast in Form eines kleinen, goldenen Ringes zu tragen hatte.

Seine Fahrt bis zum Schicksalsberg und darüber hinaus ist und bleibt eines der größten Abenteuer der Literatur. Das liegt auch an einem Buch, das ich erst jetzt, vier Jahrzehnte später, gelesen habe. Seinerzeit hieß es, »Das Silmarillion« wäre nicht so gut wie »Der Herr der Ringe«. Das stimmt und stimmt zugleich überhaupt nicht, denn beide Bücher gehören zwei völlig unterschiedlichen literarischen Spezies an. Sie lassen sich nicht über den gleichen Kamm scheren.

Damit komme ich bereits zur ersten wichtigen Empfehlung, was die Lektüre von »Das Silmarillion« anbelangt: weg mit den Erwartungen! Wer das Buch zur Hand nimmt, sollte den Ringkrieg aus seinem Kopf verbannen, sonst ist eine derbe Enttäuschung vorprogrammiert, einschließlich der Gefahr, das Buch gleich wegzulegen. Und das hielte ich für einen schweren Fehler, denn »Das Silmarillion« hat eine Menge zu bieten, wenn man die Geduld aufbringt, das sperrige Werk langsam in sich aufzunehmen.

Dem Westen sind unsere Herzen zugewandt, und wir glauben, dass wir dort Licht finden.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Die ersten Kapitel erinnern sehr an die Bibel, dem Leser treten keine handelnden Figuren entgegen, sondern Teile eines Schöpfungsprozesses, den Eru oder Illuvater in Gang setzt. In der kleinen Flut an Namen und Orten kann der verwöhnte Leser, der auf Action und unmittelbares Erleben von Handlungsspannung fokussiert ist, leicht ertrinken. Es passiert in diesem Sinne nichts, in anderem schon, denn man wird Zeuge, wie eine neue Welt entsteht.

Der Leser erfährt so eine ganze Menge über Personen und Umstände, die ein »Aha!« provozieren. Sauron; Melkor bzw. Morgoth; die Balrogs, von denen es eine ganze Menge mehr gab als jenen in den Tiefen Morias. Spätestens beim Aufstieg dieser dunklen Gestalten bekommt »Der Herr der Ringe« nachträglich einen gewaltigen Schub, denn erst jetzt wird dem Leser richtig bewusst, wem die Halblinge und ihre Gefährten wirklich gegenüber stehen und wer ihnen in Gestalt von Gandalf, Galadriel und Elrond zur Seite steht.

Immer wieder gibt es jene kleinen Glücksmomente, wenn etwas, das man als Wiederholungsleser des Ringkrieges bereits gut kennt, erheblich mit Bedeutung aufgeladen wird; das ist ein einmaliges Erlebnis, denn in welcher anderen Fantasy-Welt wäre das überhaupt möglich? Die ernüchternde Antwort: in keiner.

Der Leser wird Zeuge eines Weltenbaus. Oft hat mich »Das Silmarillion« an den Schreibprozess selbst erinnert. Anfangs ist alles öde und leer, dann ist Musik zu hören – eine Form der Inspiration, die ich für mich anders empfinde. Was daraus folgt, ist allerdings ähnlich, denn diese Musik setzt einen schöpferischen Prozess in Gang. Peu á peu entsteht eine neue Welt, wird umgeformt und neu gestaltet, ausgefüllt, Licht kommt ins Dunkel, Leben entsteht, erste Konflikte kommen auf und dann gerät die Erzählung langsam in Gang.

Die Lügen aber, … , sind eine Saat, die nicht stirbt und nicht vernichtet werden kann; und von Zeit zu Zeit treibt sie neue Sprossen und wird ihre dunkle Frucht tragen bis zum letzten Tage.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

»Das Silmarillion« ist in gewisser Hinsicht wirklich »nicht so gut« wie »Der Herr der Ringe«. Tolkiens Hauptwerk werden immer wieder besondere Stärken attestiert, vor allem die Sprache, die Historie, der reiche Schatz an überlieferten Geschichten und Sagen, die bis zum Beginn der Schöpfung Mittelerdes reichenden Wurzeln seiner Erzählung und nicht zuletzt die epischen Schlachten.

Derlei enthält »Das Silmarillion« auch. Was fehlt ist jener Part, der für mich den Ringkrieg im Zusammenspiel mit den übrigen Aspekten zu einem herausragenden Werk macht, der brillant getimte Wettlauf nach dem Ring, eingebettet in parallel verlaufende dramatische Kriegstage. Tolkien war ein Meister des Timings, nicht umsonst hat er gesagt, er habe die weise Entscheidung getroffen, mit einer Karte begonnen zu haben. 

Was im »Silmarillion« bereits eine große Rolle spielt, sind Lüge und Verrat. Die Erzählungen, los zusammenhängend und einander zeitlich oft überlappend, sind wie Fingerübungen für die großen und kleinen Untreuen, die im »Der Herr der Ringe« für grandiose Überraschungen und Handlungswendungen sorgen. Saruman, Denethor und andere haben ihre Vorgänger, aber auch jene, die treu zu ihren Eiden und dem Licht stehen.

Wer hat den Dunklen König im Norden gesehen? Wer hier nach Herrschaft über Mittelerde strebt, sind die Eldar. In ihrer Gier nach Schätzen und Geheimnissen haben sie in der Erde gegraben und den Zorn derer erregt, die unter ihr wohnen, seit je und immer. Last den Orks ihr Reiche, und wir werden da unsere haben! Platz genug ist in der Welt, wenn ihn die Eldar uns nur gönnen.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Das Zitat ist auf eine gespenstische Weise aktuell. Die Verdrehung von Ursache und Wirkung, die Zuschreibung der eigenen bösen Absichten auf andere und die Behauptung, es gäbe ein Nebeneinander beider Welten, der des Lichts und der Dunkelheit, wirkt wie eine poetische Umschreibung dessen, was tagtäglich an propagandistischer Desinformation auf den freien Westen einprasselt.

Nach dem Ende des eigentlichen Silmarillions verfolgt der Leser noch Aufstieg und Untergang Numenors, jenes Menschenvolks, aus dem auch Aragorn und seine Dunedain entstammen. Viele Dinge, die im Der Herr der Ringe geschildert werden, erhalten einen tieferen Sinn – etwa der halb verstorbene Baum in Minas Tirith. Auch über Sauron erfährt der Leser bemerkenswerte Dinge, die im Ringkrieg eine Rolle spielen.

Ein weiterer Tipp: Erwerben Sie den herausragenden »Historischen Atlas Mittelerdes« von Karen Wynn Fonstad und betrachten Sie die Karten, während Sie gemächlich Kapitel für Kapitel durch »Das Silmarillion« schmökern, wie durch ein Buch mit Märchen oder Sagen, die allerdings miteinander verknüpft sind und mehr und mehr zu einer romanartigen Handlung verwoben werden.

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