Alexander Preuße

Schlagwort: Irland

Anna Burns: Milchmann

Ein großer Roman, mit dem Booker-Prize ausgezeichnet: Anna Burns, Milchmann.
Cover: Tropen. Bild: Canva.

Anna Burns Roman Milchmann ist im Wortsinne überwältigend. Das fängt mit dem ersten Satz an. Die Autorin spoilert und erzählt, was gewöhnlich erst am Ende des Geschehens offenbart würde. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn zwischen dem, was der Anfang ankündigt, und seiner Vollstreckung liegen viele hundert Seiten, die den Leser in eine Alptraumwelt führen. Zumindest habe ich sie so empfunden: grotesk, gewalttätig, übergriffig, verlogen, kafkaesk und zutiefst deprimierend.

Ein herausragendes Merkmal des preisgekröntem Werks ist seine Sprache, die jene bereits angedeutete Orientierungslosigkeit des Lesers verstärkt. Ich habe lange keinen Zugriff oder Ankerpunkt gefunden, es war mehr das Herumirren in einer gespenstischen. Namen nennt die Autorin selten, die Hauptfigur ist »Mittelschwester«, »Tochter« oder »Vielleicht-Freundin«; viele Personen werden mit dem Verhältnis zu »Mittelschwester« benannt: »Vielleicht-Freund«, »Kleine Schwestern«, »Schwester Eins« und »Schwager Drei«. 

Mit diesem Kniff rückt alles ins Ungefähre, Umnebelte, auch die Handlungsorte, die politischen Verhältnisse, die Gruppierungen und Grüppchen. So entstehen von Beginn an Leerstellen, etwa die Frage, ob die Erzählerin diesen »Irgendwer McIrgendwas« aus dem ersten Satz nicht kennt oder – wenn doch – warum sie ihn so bezeichnet? Und natürlich: Überlebt die Hauptfigur die bedrohliche Lage?

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Anna Burns: Milchmann

Ganz besonders auffällig ist, dass bereits im ersten Satz das Schicksal der titelgebenden Figur enthüllt wird. Der »Milchmann« stirbt, genauer gesagt: Er wird getötet. Die Ich-Erzählerin lebt in brutalen, gewalttätigen Verhältnissen. Durch den Kniff, das bereits mit dem Auftakt klarzustellen, wird alles Nachfolgende massiv aufgeladen. Drohungen sind wörtlich und vor allem ernstzunehmen. 

Es ist vor allem die persönliche Konstellation, die der Auftaktsatz ankündigt, die das Buch bis zum Ende trägt. Die ist ungewöhnlich, selbst in einer Welt, in der die sozialen Netze und Kontakte ohnehin absurd ungewöhnlich sind. Schauderhaft, beklemmend und irritierend ungewöhnlich, dazu kalt und lieblos. Ein Nährboden für abgründige Gedanken.

»[…] Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.«

Anna Burns: Milchmann

Trotz der sprachlichen Nebelwerferei ist jedem Leser sehr schnell klar, dass sich das Drama in Irland abspielt, genauer gesagt: Nordirland, jenem blutdurchtränkten Stückchen Erde, das bei Großbritannien blieb, als der Rest Irlands endlich in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der Fanatismus und die unüberbrückbare Gegnerschaft zwischen den Religionen und den – zumeist entlang der konfessionellen Linie entlanglaufenden – politischen Haltungen prägen das Leben.

Burns bleibt vage und wird in ihrer Kritik dennoch deutlich. Massiv lässt sie ihre Erzählerin auf die Heroen eindreschen, die – wie auf allen Orten unserer Welt – politische Instabilität nutzen, um sich ein kleines Stück Macht zu sichern, unter dem Deckmantel des Kampfes für die Sache. An ihnen lässt sie kein gutes Haar, an ihren Gegnern sowie den englischen Sicherheitskräften und ihren Verbündeten auch nicht. Sie alle werden mit boshafter Komik bloßgestellt.

»[…] ›und es nur drei Optionen gibt – wir überleben, wir sterben, wir werden verwundet, wir scheitern, der Staat erwischt uns.‹
Das waren fünf Optionen.«

Anna Burns: Milchmann

Die Hauptfigur existiert in einer übergriffigen Gesellschaft. Gerüchte, Halbwahrheiten, Lügen gehen Hand in Hand mit bornierter Ignoranz sowie politischem und religiösem Fanatismus. Der Konformitätsdruck ist überwältigend, die Schere im Kopf eifrig beschäftigt, von Freiheit so wenig zu spüren, dass ich oft an die Lebensverhältnisse im Stalinismus erinnert wurde.

Möglicherweise steckt im Menschen doch ein kleiner Blockwart, der Inbegriff des kleinen Mannes, der nach einem Brocken Macht hascht. Burns findet starke Worte und Bilder, die entlarvend sind für die Absurdität der Handlungsweisen. Ein Kompressor (wissen Sie adhoc, was das eigentlich ist?) kann zum Gegenstand von weitreichenden Verdächtigungen bezüglich fehlender Loyalität und potenziellem Verrat werden.

Die Frauenfiguren in »Milchmann« kommen ebenfalls nicht allzu gut weg. Mit Hingabe widmet sich Burns den »Groupies« der stolzen Freiheitskämpfer, jener weiblichen Anhängsel, die voller Stolz zu ihren Heroen aufblicken und gerade von deren Missetaten angezogen werden. Auch die Mutter oder die ältere Schwester, traditionell eher Schutzfiguren in Romanen, sind Teil des immensen Drucks, unter dem die Hauptfigur steht.

»Und erst da erkannte ich, wie sehr ich mich eingeigelt hatte, wie sehr ich mich von diesem Mann in ein sorgfältig konstruiertes Nichts hatte navigieren lassen. Genauso von der Gemeinschaft, vom geistigen Klima, von den vielen kleinen Übergriffigkeiten.«

Anna Burns: Milchmann

Inmitten dieses gesellschaftlich äußerst problematischen Klimas gerät die Hauptfigur besonders unter Druck, weil ein viel älterer Mann ihr nachstellt. »Milchmann« ist nicht Irgendwer, sondern mit einer der politischen Gruppierungen verbunden, ein Machtmensch, der gegenüber der Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass er bekommen wird, was er will. Obwohl der Leser das Schicksal dieses Zudringlings bereits im ersten Satz erfährt, entsteht eine ungeheure Beklemmung über die ganze Handlung hinweg.

Positive Figuren sind rar in diesem Roman. Ein – keineswegs zufällig gewählter – »echter« Milchmann etwa, der sich um die Hauptfigur kümmert, als diese in Schwierigkeiten steckt. Aber auch die Heldin selbst muss sich eingestehen, dass sie im Laufe der Zeit die Fähigkeit eingebüßt hat, anderen zu vertrauen, die grundlegende Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie sich stützen könnte; sie hat sich auch selbst isoliert, wie sie irgendwann selbst begreift. Ob und was daraus folgt, erfährt man auf den letzten Seiten des Romans.

Anna Burns: Milchmann
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Taschenbuch
Tropen
ISBN: 978-3-608-50508-5

Lesemonat April

Im Lesemonat April gab es wieder mehrere tolle Leseerlebnisse. Ganz besonders gefallen haben mir die Bücher von Karen Duve, Graham Swift, Nino Haratischwili und vor allem Wolfgang Herrndorf.

Wie immer mäandere ich durch Genres, Zeiten und Themen, mit Kleist ist wieder etwas Klassisches dabei, was einigermaßen selten gelesen werden dürfte. Mich hat interessiert, wie sich bei dem Dichter der nationalistisch verbrämte Germanenkult des 19. Jahrhunderts niederschlägt.

Die Anregung habe ich aus Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff erhalten, deren Heldin Zeitgenossin von Kleist gewesen wäre, wenn dieser nicht so zeitig den Freitod gewählt hätte. Ein tolles Buch, das anregt, „Die Judenbuche“ wieder zu lesen.

Während in der Ukraine weiter der Vernichtungskrieg von Putins Russland tobt und – ganz typisch für den Menschen – immer weiter zur Gewohnheit zu werden droht, habe ich durch den Wälzer aus der Feder von Nino Haratischwili eine Reise zu den Wurzeln des Alptraums unternommen: Tschetschenien. Putins Kriegsverbrechen in der Ukraine haben eine lange Vorgeschichte – man könnte sagen: Tradition.

Eine Enttäuschung war auch dabei, es dürfte mein letzter Anlauf gewesen sein, ein Werk von Robert Seethaler zu lesen.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Meine dritte Begegnung mit Karen Duves Literatur, Wolfgang Herrndorf sei dank, der sie in „Arbeit und Struktur“ einmal erwähnt hat und mein Interesse weckte. Warum? Herrndorf hat auch andere erwähnt, auf andere Weise, sagen wir einmal so. Und ja, man schaut in eine sehr interessante Zeit, ist dabei, wenn altdeutsch überspannte Studenten poetisieren und lamentieren, berühmte Persönlichkeiten in Erscheinung treten und Frauen nicht einmal die zweite Geige, sondern nur Bratsche spielen dürfen. Nette, die keineswegs nette Annette von Droste-Hülshoff, fällt aus diesem Rahmen und erfreut den Leser mit kleinen und größeren Gemeinheiten gegenüber ihrer Umwelt, nicht war, Herr Grimhelm Wimm?  Und doch: Auch starke Frauen können scheitern. Im Falle der Annette von Droste-Hülshoff ist es ein „Wunder“, dass sie noch zum Schreiben kam.

Heinrich von Kleist: Die Herrmannsschlacht

Der jung verstorbene. Dichter Heinrich von Kleist ist vor allem durch seine Novelle „Michael Kohlhaas“ und die Komödie „Der zerbrochene Krug“ bekannt, sein Werk „Die Hermannsschlacht“ gehört zu den eher unbekannten und ignorierten Stücken. Kein Wunder. Für Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts eine Zumutung. Germanien und seine Völker sind die Deutschen, die von entstellenden Clichés gezeichneten Römer ihre Unterdrücker. Aber – es gibt Herrmann, deutsche Tugenden, Verrat und Rache. Gottlob. Für von Kleist und die meisten seiner Zeitgenossen ein Wunschtraum, hatte Napoleons Frankreich gerade Preußen vernichtet und dem Heiligen Römischen Reich den Todesstoß versetzt. Und doch: Haben die wirklich gern gelesen, dass eine von den Römern Vergewaltigte zuerst vom eigenen Vater getötet, dann in Teile geschickt und als aufrüttelndes Symbol an die germanischen Stämme verschickt wurde? Wenn ja, dann hätten die Franzosen vielleicht besser länger östlich des Rheins ausgeharrt.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die Zutaten dieses Romans sind wie für mich gemacht. Ich lese so gern Geschichten, die sich auf mehreren Zeitebenen entfalten und ihre Erzähllinien langsam ineinander verwickeln. Sind diese noch mit historisch-politischen Aspekten verknüpft, umso besser. Dafür nehme ich gern etwas Info-Dump inkauf, der in dem Roman „Die Katze und der General“ absolut im Rahmen bleibt bzw. sehr geschickt eingeflochten wurde. Dafür hätte Nino Hartischwili gern an der einen oder anderen Stelle kürzen können, insbesondere bei den Kapiteln, die nahe der Gegenwart spielen. Die Vergangenheit ist aber mitreißend, denn sie führt den Leser in hierzulande gern ignorierte Kriege und entlarvt das „Frieden in Europa seit 1945“ als hohles Geschwätz. Schließlich hält der Roman dem deutschen Leser manchmal einen Spiegel vor. Es besteht durchaus die Gefahr, dass man sich schämt.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem, wenn in der verstrichenen etwas lebensumstürzendes wie das iPhone auf den Markt gebracht wird. Ja, so betrachtet, wirkt der Roman alt. Und doch zeitlos. Wolfgang Herrndorf hat als Titel eine Anspielung auf Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ gewählt, inhaltlich spiegelt sich das nicht unbedingt wider. Allerdings ist der Stil schon sehr prägnant, wuchtig, zielstrebig und dynamisch und ohne moralische bzw. politisch-gesellschaftliche Intention. Weniger leicht und komisch als bei Tschick, weniger erbarmungslos als bei Sand und von der tiefen Hoffnungslosigkeit in Arbeit und Struktur ist nichts zu spüren. Und doch singt ein Ton mit, der in gewisser Hinsicht desillusionierend wirkt. Und das ist Herrndorf bei allem eben doch: ein Desillusionator.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Kein musikalisches Werk habe ich so oft gehört, wie die zweite Sinfonie von Gustav Mahler. Insofern bestand eine gewisse Verpflichtung, in das schmale Büchlein von Robert Seethaler einmal hineinzuhören, denn da geht es um die letzten Monate des Komponisten. Zwei Stunden waren gerade so in Ordnung, ohne die Gehässigkeiten über das Wiener Publikum wäre es unerträglich langweilig gewesen. Man könne über Musik nicht reden bzw. schreiben, heißt es einmal sinngemäß im Buch. Dann lasst es doch, bitte. Danke.

Graham Swift: Ein Festtag

Eine Geschichte, wie ein Alptraum für Anhänger des „Show, don´t tell“-Axioms. Graham Swift erzählt hingebungsvoll. Aus der schwebenden Gegenwart, einem frühsommerlichen Märztag, lässt er seine Protagonistin das Schlafzimmer mit ihrem Geliebten und ihren späteren Streifzug durch das Haus, in weiten Schleifen durch die Vergangenheit ziehen. Aus der fernen Zukunft kommt die Schriftstellerin zu Wort, denn dieser Tag ist nicht nur das (tragische) Ende einer verbotenen sexuellen Leidenschaft, sondern die Geburtsstunde der Idee, zu schreiben. „Es ging darum, eine Sprache zu finden; und es ging darum – und das folgte aus dem Vorherigen  – der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.“

Ó Cadhain Maírtín: Die Asche des Tages

Sehr passend erscheint mir das Motiv auf dem Cover des kleinen Büchleins: eine Flasche. Die Assoziationen sind eindeutig, Alkoholismus, eine gewisse Verlorenheit und Tragik und Flaschenpost! Wirft man eine Flasche in ein stehendes oder fließendes Gewässer, liefert man sie aus. Aus eigener Kraft kann sie sich nicht fortbewegen, keinen eigenen Willen entwickeln und in die Tat umsetzen. Strömungen und Hindernisse entscheiden darüber, in welche Richtung es geht, wenn die Flasche nicht irgendwo hängenbleibt. Daran musste ich bei der Lektüre dieses geradezu grotesk wirkenden Buches von Ó Cadhain Maírtín denken, deren Hauptfigur N. ähnlich durch einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag irrlichtert.
Man muss das Rad nicht neu erfinden! Eine ausführliche und sehr treffende Rezension zu „Die Asche des Tages“ gibt es auf dem schönen Literatur-Blog Horatio-Bücher.

© 2022 Schreibgewitter

Theme von Anders NorénHoch ↑

GDPR Cookie Consent mit Real Cookie Banner