Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Lektorat

Lehrer vs Lektor

Beinahe wäre ich Lehrer geworden. Nach dem Ende meines Referendariates habe ich geschworen, nie wieder einen Fuß in eine Schule zu setzen. Mit Kindern war ein Eidbruch unvermeidlich und was ich in den nachfolgenden Jahren erlebt habe, hat meine Abneigung nicht gerade abgeschwächt.

Die endlose Liste an Gravamina seitens eines Unterrichtenden umfasst einen wichtigen Punkt: Korrekturen. Unbefangene Zeitgenossen könnten auf den Gedanken kommen, hier gäbe es eine Überschneidung zur Tätigkeit als Lektor.

Weit gefehlt – zum Glück.

Der banalste Unterschied liegt darin, dass Lehrer bis zu dreißig, Lektoren nur ein Werk bearbeiten. Das ist selbsterklärend, oder?

Weiterhin gehen die Adressaten sehr unterschiedlich mit den Anmerkungen um. Wen wundert es, wird in der Schule doch selten überarbeitet. Meistens werden nur »Fehler« korrigiert.

Schließlich ist der Lehrer Herr über die Noten, während der Lektor alles in dieser Richtung tunlichst vermeiden sollte, denn allein der Autor trägt die Verantwortung für sein Manuskript. Lehrer urteilen, Lektoren beraten, weisen hin, helfen.

Der Unterschied ist nicht zu unterschätzen.

Schule suggeriert über viele Jahre hinweg, es gäbe in allen Lebenslagen so etwas wie »falsch« und »richtig«. Gibt es, klar. Beim Rechnen etwa, doch alles, was man mit Fug und Recht »Mathematik« nennen würde, geht darüber schon hinaus. Das gilt erst recht für Literatur oder den schöpferischen Prozess des Schreibens.

Darum empfinde ich verstärktes Unbehagen, wenn sich in Beiträgen über die Schreibkunst Formulierungen wie »darf nicht« oder »falsch« einschleichen. Wer sich davon zu sehr beeindrucken lässt, endet rasch im Fegefeuer des Besinnungsaufsatzes.

Wovor ein Lektorat nicht schützen kann

Eigentlich mag das niemand hören. Wer ein Buch veröffentlicht, hat einen langen, harten Weg hinter sich, viel Arbeit, Frust und Höhenflüge, dazu im Falle des Selfpublishings auch eine Menge Geld investiert.

Dann ist das Buch endlich auf dem Markt – und es gibt Dresche!

Ein paar Mitleidskäufe, dazu noch eine Handvoll aus dem eng begrenzten Kreis derjenigen, die man über die Sozialen Medien erreicht. Das eigene, mühevoll verfasste Werk ist ein Ladenhüter. Statt Ruhm und Geld zu ernten, sitzt man auf einem Defizit, monetär und emotional.

Misserfolg ist die Regel, nicht die Ausnahme, nicht nur bei den Selbstpublizierern. In der Wahrnehmung ist es umgekehrt, denn nur die Erfolgreichen stehen im Rampenlicht. Menschen sind Meister der Illusion und lassen sich nur zu gern davon blenden.

Nur einmal in mehreren Jahrzehnten (!) habe ich in einer überregionalen Zeitung im Feuilleton einen Beitrag gelesen, der sich mit einem unveröffentlichten Schreiberling befasste. Vier Manuskripte, vier Anläufe, einen Roman bei einer Agentur bzw. einem Verlag unterzubringen – am Ende ein Satz mit „x“.

Das ist die Regel!

Hat man Erfolg, gibt es Dresche. Neid. Missgunst. Rachebewertungen. Trollerei. Die Zahl der apokalyptischen Reiter lässt die Bibel alt aussehen. Die Angriffe können aus verschiedenen Richtungen kommen, sie können gehaltvoll sein oder auch schlicht aus der Lust am Draufhauen.

Ganz besonders hübsch: Verachtung anderer Autoren. (ja, das ist die Regel!) Autoren verachten andere Autoren, selbst in allerhöchsten Kreisen. Thomas Mann über Lion Feuchtwanger – nichts, was man als Autor gern hören möchte.

Allen gemein ist, dass ein Lektorat nicht davor schützen kann. Es ist kein Schild, mit dem man in die Schlacht ziehen und gefeit ist vor Zudringlichkeiten. Autoren müssen sich selbst rüsten.

Vergiftetes Lob

Wer freut sich nicht über lobende Worte von Testlesern? Doch was, wenn dieses Lob mittelbar Kritik übt? Ein indirekter Fingerzeig auf Schwächen eines Textes ist, den man als solchen anfangs gar nicht bemerkt, berauscht von den positiven Worten?

Testleser sind nicht dafür da, einem Autor Honig ums Maul zu schmieren. Das dürfen sie natürlich und ich lobe auch immer, gleichgültig, ob als Lektor oder Testleser. Doch sollte der Testlesefokus darauf liegen, verbesserungswürdige Textstellen aufzuspüren.

Fingerzeig hinter dem Schleier

Man könnte also denken, indirekte Kritik wäre eine feine Sache. Lob und Fingerzeig in einem. Dummerweise wirkt das Lob wie ein Schleier, der sich über die Missstände legt. In diesem Sinne ist die Überschrift des Blog-Beitrages gemeint: Das Lob verhüllt nur anfänglich, wie ein Gift wirkt es irgendwann eben doch wie Kritik.

Das erlebe ich gerade am eigenen Werk.

Meine Abenteuerreihe ist faktisch fertig. Die Avantgarde-Testleserin hat Band VI gelesen (und zum Teil für dürftig befunden, womit sie  recht hat), der vierte Band ist von drei weiteren Testlesern, der dritte von noch einem durchgeforstet worden.

Tenor: Es gefällt uns immer besser.

Schön, nicht wahr? Ja! Die Sonne geht auf, der Größenwahn tätschelt die Schulter und hach – was bin ich doch gut. Erzähle mir keiner, dass ich der einzige wäre, der sich in diesen Momenten so fühlt! Menschen sehnen sich nach Anerkennung und natürlich will jeder Schreibende von seinen Testlesern hören, dass es schon irgendwie genial ist, was man zu Papier gebracht hat.

Besser heißt: Vorher war es schlechter

Doch ist das Lob vergiftet. Denn in dem „besser“ steckt nämlich auch der dezente Hinweis, dass die Bände vorher offensichtlich ordentlich Luft nach oben hatten. Sie sind nämlich automatisch „schlechter“, wenn die Teile danach „besser“ waren.

Natürlich kann das auch in der Natur einer Buchreihe liegen. Der Leser identifiziert sich mit den Personen, die in jedem Band auftauchen, fühlt sich beim Öffnen eines neuen Teils wie beim Betreten eines bislang unbekannten Zimmers in einem Haus, das mehr und mehr zu seiner Lese-Heimat wird. Das kann alles als „besser“ empfunden werden.

In meinem Fall wurde das „besser“ zum Glück auch begründet. Ich hätte viele Szenen ausführlicher gestaltet, hieß es. Im Umkehrschluss war das ein Hinweis auf unausgeschöpftes Potenzial in den ersten beiden Bänden; und tatsächlich ist das der Fall. Viele, gerade spannende Stellen, hatte ich in den bisherigen Versionen zu hastig und flüchtig abgehandelt.

Überarbeiten statt überstürzt veröffentlichen

Das habe ich ziemlich spät begriffen. Statt wie geplant den ersten Band der Abenteuerreihe schon auf den Markt gebracht zu haben, überarbeite ich ihn gerade. Aus 180 sind 250 Seiten geworden. Es gab also wirklich noch einiges zu erzählen! Bei Gelegenheit ging es noch einem dicken Logik-Fehler an den Kragen, den kurioserweise kein Testleser bemängelt hatte (vielleicht waren sie einfach zu höflich?).

Und ja: Die Buchreihe wird auch aus anderen Gründen „besser“. Sie löst sich aus der anfänglich auf den Protagonisten fokussieren Perspektive, wird komplexer, düsterer, es kommen mehr und mächtigere Personen ins Spiel, einander überlagernde Interessen, eine verwickelte Liebesgeschichte, ehe alles auf ein gewaltiges Finale hinausläuft.

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