Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Mittelalter

Birgit Constant: Der Krieger des Königs

Die Landung des späteren Königs Wilhelm von der Normandie in England im Jahre 1066 gilt als einschneidendes Ereignis in der Geschichte Britanniens. Es wird gemeinhin als das letzte erfolgreiche Invasionsunternehmen gegen die Insel gesehen; oft auch als das einzige neben Caesars, womit man Knut den Großen geflissentlich übergeht.

Dramatisch und aus angelsächsischer Sicht tragisch ist, dass der Niederlage ihres Königs bei Hastings ein epochaler Sieg gegen die Wikinger vorangegangen war, wobei – ironischerweise – Wilhelms Normannen selbst starke Nordmann-Wurzeln besaßen. Die Folgen der Invasion und beginnenden Herrschaft waren für die Angelsachsen drastisch, wie der Leser von der ersten Seite an erfährt.

Umstürzende Ereignisse

Denn er wird mitten hineingeworfen in lebensumstürzende Ereignisse, die Tod und Verderben über Verwandte und Freunde des Protagonisten Oswulf bringen. Sein Leben wird aus den Angeln gehoben, Pläne, Absichten und Hoffnungen zerstäuben an einem einzigen Tag. Für ihn und seine angelsächsischen Zeitgenossen ist die Invasion umwälzend wie der Einschlag eines Kometen.

Selbst in der Stille der Nacht dröhnte in meinen Ohren der Lärm aus Schreien, den dumpfen Aufschlägen der Waffen auf hölzernen Schilden und dem Klirren von Metall auf Metall.

Birgit Constant: Der Krieger des KÖnigs

Von Anfang an setzt die Autorin Birgit Constant darauf, den Leser mit der Fremdheit der lange vergangenen Welt zu konfrontieren. Am auffälligsten ist die Verwendung der Sprache, die zunächst den Lesefluss herausfordert, dann immer mehr zum organischen Teil der fernen, fremden Welt wird.

Schöne Details, wie dünnflüssiger, bockiger Getreidebrei anstelle der aus Filmen so vertrauten, brutzelnden Fleischbrocken als Mahlzeit oder die Namen der handelnden Figuren verleihen dem Geschehen viel Authentizität. Es ist eine gnadenlose Welt, garstig und fern aller Mittelalterromantik, in der sich Oswulf behaupten muss.

Große Spannung bis zum Schluss

Die Erzählung ist sehr spannend, wobei die Autorin dankenswerterweise auf wüste Loki-Twists verzichtet. Überraschende Ereignisse und Wendungen gibt es genug und sie sind gut motiviert und fest verwurzelt in der Grundspannung des Buches, ob es dem Angelsachsen Oswulf gelingt, in der normannisch beherrschten Welt ein Leben zu gewinnen.

Vertraue nie einem Wikinger!

Birgit Constant: Der Krieger des Königs

Die Geschichte ist in der Ich-Erzählhaltung verfasst, die im ersten Teil des Romans an wenigen Stellen etwas verschwimmt, was den Leser irritieren kann, eben weil die Autorin damit sonst sehr sorgfältig umgegangen ist.

Das gilt auch für manche Dialoge, bei denen die Redenden recht ausführlich sprechen, während um sich um sie herum dramatische und lebensbedrohliche Ereignisse vollziehen. Aber das sind Kleinigkeiten gemessen an dem Spaß, den es macht, das Buch zu lesen und Oswulfs Schicksal mitzuerleben.

Eine Sache hat mir ganz besonders gefallen: In den Orten des Landes leben Angelsachen, Wikinger und die neuen normannischen Herren dicht beieinander, mit allen Vorurteilen und Konflikten, die das mit sich bringt; aber auch dem gedeihlichen, friedlichen Miteinander.

Birgit Constant: Der zweite Sohn des Normannen

Mittelbände von Trilogien fristen bisweilen ein tristes Dasein: Ohne Anfang und Ende hängen sie wie eine wacklige Brücke zwischen zwei Bergen und sind ein unumgängliches Zwischending, das der Leser nolens volens überschreiten muss.

Im Fall des Romans „Der zweite Sohn des Normannen“ von Birgit Constant ist das glücklicherweise nicht so. Es ist der Mittelband einer Trilogie, die in Northumbria spielt, und gegenüber dem ersten so selbstständig, dass man ihn auch allein lesen könnte. Zugleich gibt es aber Bindungen, die das Lesevergnügen dank Wiederkennens erhöhen.

Auffällig sind der für eine Trilogie große zeitliche Sprung, der den zweiten vom ersten Teil trennt, und der damit einhergehende Perspektivwechsel: Die Hauptfigur aus dem Auftaktbank „Der Krieger des Königs“, Oswulf, bleibt der Geschichte erhalten, tritt aber in die Kulissen zurück. An seiner Stelle ist Roger, der Zweitgeborene eines normannischen Edelmannes und einer Angelsächsin, die zentrale Person der Erzählung.

Da der Schauplatz der Handlung zunächst immer noch der gleiche ist, empfindet der Leser den Bruch keineswegs als zu groß, zudem sind wieder viele Nebenfiguren mit dabei. Da die Vergangenheit nie ruht und die Gegenwart mit beeinflusst, bleiben die beiden Trilogie-Teile miteinander verwoben und zugleich auf angenehme Weise unterschiedlich. Eine ungewöhnliche, aber sehr gelungene Strukturierung für einen Dreiteiler!

„Ein Toter ist ein gutes Zeichen – und ein guter Anfang.“
„Ihr meint, unsere Zeit ist endlich gekommen?“
„Wir mussten lange genug warten. Doch das Rad der Fortuna dreht sich…“

Birgit Constant, Der zweite Sohn des Normannen


Der Inhalt hat es in sich, wie das Zitat zeigt. Um beim Bild des Hängens zu bleiben: Der Leser hängt tatsächlich sehr lange in der von Spannung geschwängerten Luft, denn die Hauptfigur, aus deren Perspektive die Geschehnisse geschildert werden, ist in für ihn völlig undurchsichtige Pläne und Absichten verstrickt, deren Folgen er durch die Augen Rogers allerdings sieht und spürt.

Eine von Spannungen erfüllte Zeit

Die Spannung wird geschickt aufrechterhalten, die Ereignisse sind überraschend, ohne Teil haarsträubender Twists zu sein, dankenswerterweise. Das liegt auch an der Einbettung der Romanhandlung in eine von Spannungen und Wirrungen erfüllten Zeit, wenige Jahre nach der Eroberung der britischen Inseln durch die Normannen.

Die neuen Herren müssen sich mit den alten und den verbliebenen Nachfahren der Nordmänner arrangieren. Wie schon im ersten Roman hat mir die Schilderung des Neben- und teilweise auch Gegeneinanders als Teil der Handlungsmotivation, aber auch des historischen Hintergrunds sehr gut gefallen.

Besonders gern habe ich einen Handlungsfaden miterlebt: Die Hauptfigur wird im Handlungsverlauf eine größere Stadt betreten und empfindet das in vielfacher Hinsicht als überwältigend. Wunderbar! Denn der Leser fremdelt, wie es sich für einen Historischen Roman gehört. Weiterhin sind es die vielen kleinen Dinge am Rande, vor allem aber der Sprache, die der Handlung eine tolle Couleur verleihen.

Vor allem aber bleibt es bis zum Schluss äußerst spannend, die finalen Enthüllungen der langen Irrungen sind schön motiviert und das Ende weckt die Vorfreude auf den dritten Teil.

© 2022 Schreibgewitter

Theme von Anders NorénHoch ↑

Cookie Consent mit Real Cookie Banner