Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Reisen

Literarische Begegnung mit F.C. Delius

Ende Mai 2022 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius verstorben. Im Netz gibt es so viele Nachrufe, dass ich keinen hinzufügen möchte, stattdessen will ich meine Begegnungen mit seiner Literatur schildern. Der Grund ist: Delius hat einige sehr interessante, unterhaltsame und vor allem inhaltlich gewinnbringende Romane und Erzählungen verfasst, die »Birnen von Ribbeck« einmal ausgenommen.

Ich war selbst ein wenig überrascht, wie viele Bücher ich von ihm gelesen habe. In meinem Regal nehmen sie nur einen vergleichsweise geringen Raum ein, denn ich besitze nur Taschenbücher, außerdem fallen die Werke zum Teil recht schmal aus. Das ist aber kein Nachteil, denn Delius hat etwas zu sagen, wofür er eben nicht episch ausholen muss.

Das gilt für mein Lieblingsbuch von ihm: »Die linke Hand des Papstes«. Es ist ein perfekter Reisebegleiter für einen Trip nach Rom. Dort habe ich es mit großen Vergnügen ein weiteres Mal gelesen, abends, wenn es frisch geworden war und ich davor in meiner kleinen Unterkunft Schutz gefunden hatte. Tagsüber habe ich die üblichen Stätten der Stadt besucht und bin immer wieder auf einen caffé al banco irgendwo eingekehrt. Merke: Ein mürrischer Barista zaubert bisweilen tollen caffé.

Es geht um die Hand dieses Papstes namens Benedikt.

Das Buch über die linke Hand des Papstes reicht weit über Rom hinaus. Delius, der in dieser Stadt 1943 das Licht der Welt erblickte, hat mit Italien einige Rechnungen zu begleichen, die sich als Gegenpart der unerträglichen Schwärmerei gegenüber diesem Land lesen. Gesellschaftlich, politisch und religiös herrschen unappetitliche Zustände, die der Autor wunderbar boshaft und mit sehr spitzer Feder zu Papier bringt.

Besonders beeindruckt hat mich »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Was für ein Titel! Und was für eine Form! Delius nutzt die Szenerie eines Interviews bzw. Gesprächs, bei der nur der Befragte zu Wort kommt. Ja, so kann man einen ganzen Roman erzählen. Und was für einen. Konrad Zuse hat während des Zweiten Weltkrieges einen Computer gebaut, der tatsächlich funktionierte – 1945, in Göttingen, meiner Wahlheimat. Hier können Sie lange nach einem Hinweis darauf suchen, was sehr viel mehr über diese Stadt, die angeblich »Wissen schafft«, sagt als alle hübschen Fachwerkbauten.

Zuse hat auch gemalt. Seit Protrait von Bill Gates hat er diesem in den 1990er Jahren selbst übergeben.

Richtig gern gelesen habe ich auch »Die Flatterzunge«. Ein Musiker tourt mit seinem Orchester in Israel und unterzeichnet einen Getränkebeleg mit »Adolf Hitler«. Was nach dieser Entgleisung folgt, kann man sich denken, auch wenn die dem fiktionalen Text zugrundeliegende Handlung 1997, also lange vor den so genannten digitalen Scheiterhaufen namens Soziale Medien geschah. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Delius gibt eine Art von Antwort.

Das erste Buch des Autors, was mir in die Hände fiel, war »Bildnis der Mutter als junge Frau«. Ein langer Innerer Monolog einer Einundzwanzigjährigen, die im Januar 1943 durch Rom geht, hochschwanger (Delius kam im Februar 1943 in Rom zur Welt), während ihr Mann in Afrika soldatiert. Es ist jene Zeit, als in Stalingrad eine ganze Armee verreckt und das große Sterben auch auf deutscher Seite beginnt; der befremdete Blick auf die scheinfriedliche Umwelt Roms aus einer Frau »in anderen Umständen« heraus ist berührend.

Im Januar 1943 waren Italien und das Deutsche Reich noch verbündet; in Rom war es ruhig. Ein dreiviertel Jahr später hatte sich alles gewandelt.

Ein ganz besonderer Reise-Roman ist »Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, bei der Delius seinen Protagonisten auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (»Spaziergang nach Syrakus«) nachvollziehen lässt. Aber: Die Hauptfigur lebt in der DDR, die sie illegal verlassen muss, um den Lebenstraum einer Reise nach Italien zu verwirklichen.

Besonders schön ist auch »Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde«. Es verknüpft einen der Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland, den WM-Sieg 1954, mit dem Befreiungsschlag eines Kindes, das sich aus dem erstickenden Überbau des heimischen Pastorvaters herauskämpft. Ein Fußballbuch? Nein.

Ein Gründungsmythos der Bundesrepublik; bei Delius Anlass für eine Lossagung.

Der Roman »Mein Jahr als Mörder« dreht sich um die mörderische Wut, die ein ungerechtes Urteil entflammen kann. Der Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse, der während des so genannten Dritten Reichs unter anderem Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt hatte, wird in der Bundesrepublik freigesprochen. Die Empörung lodert hell, ein Student entschließt sich zur Tat. Delius nimmt hier die Nachkriegsjustiz aufs Korn und berührt die uralte Frage nach »Gut« und »Böse«.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Reisen ist für gewöhnlich positiv belegt. In Corona-Zeiten hat sich daran (noch) nichts grundlegend geändert. Also könnte ein unbedarfter Leser mit Blick auf den Titel des Buches „Der Reisende“ meinen, einen schönen Sommerroman zu erwerben. Am Strand oder auf Terrassen, in Cafés oder auf dem Hotelbalkon mit Blick auf den Comer See: ein schöner Zeitvertreib.

Doch das Reisen im Roman von Ulrich Alexander Boschwitz ist eine Zwangshandlung, eine Tortur. Die Hauptfigur, Otto Silbermann, fährt mit dem Zug kreuz und quer durch Deutschland – kurz nach den Novemberpogromen 1938. Der Sommer ist fern, das politische Klima im so genannten Dritten Reich bestenfalls neblig-trüb. Zwar ist ein Krieg durch das Münchner Abkommen vorerst abgewendet, den im Reich verbliebenen Juden wird aber die Luft zum Atmen genommen.

Otto Silbermann ist Jude.

Oder besser: Silbermann gilt als Jude, denn eigentlich will er keiner sein, wie er während seiner Irrfahrt einmal sehr offen bemerkt. Die Nationalsozialisten haben ihn zum Juden gemacht, ihm diese Identität aufgezwungen, in darauf reduziert. Das ist historisch selbstverständlich völlig korrekt und damit eine (sicherlich verhallende) Warnung für einen leichtfertigen Umgang mit identitärem Denken.

Mein Vater war Arzt, Freimaurer, Deutscher Bürger israelitischer Konfession. Der Finger Hitlers hat ihn auf seine jüdische Identität reduziert.“

Alfred Grosser, Vorwort zu John von Dippel: Die Große Illusion

Boschwitz selbst ist frühzeitig aus dem Reich entwichen, zunächst nach Schweden, später nach England. Er hat geschafft, was für die Hauptfigur des Romans unmöglich wird. Der Leser wird unmittelbar mit dem Druck konfrontiert, den der Autor am eigenen Leib erfahren hat. Für die Zurückbleibenden wurde das Leben immer schwerer, denn die Behandlung der Deutschen, die in den Augen des NS-Regimes als Juden galten, verschärfte sich von Jahr zu Jahr.

Dennoch umweht auch die Lebensgeschichte des Autors der Atem der Tragödie. Sein Roman wurde 1939 auf Englisch veröffentlicht, er selbst starb aber schon 1942 durch einen Torpedo, abgefeuert von einem deutschen U-Boot auf das Schiff, das ihn von Australien nach England zurückbringen sollte.

Boschwitz galt als enemy alien – als feindlicher Ausländer.

Wieder wurde ihm eine Identität übergestülpt, wieder wurde er darauf reduziert, wenngleich nur zeitweilig, denn er befand sich zum Zeitpunkt seines Todes auf dem Weg, sich im Rahmen der britischen Streitkräfte dem Kampf gegen den Nationalsozialismus anzuschließen.

Noch ein anderes biographisches Detail ist bemerkenswert. Boschwitz´ Vater fiel im Ersten Weltkrieg, als der Autor 1915 das Licht der Welt erblickte, war er bereits Halbwaise. Sein Vater gehört zu jenen Deutschen jüdischen Glaubens, die sich vor allem als Deutsche empfanden, der wohlhabende Kaufmann hatte auch eine Frau geehelicht, die nicht dem jüdischen Glauben anhing.

Um den Kreis zu schließen: Auch die Figur des Otto Silbermann ist sehr säkular. Er verfügt über ein „arisches“ Äußeres, weshalb ihm der Aufenthalt in Deutschland oberflächlich erleichtert wird. Zum literarischen Spiel, das auf realistischen Fundamenten ruht, gehört die Abneigung und Zurückweisung jüdischer Schicksalsgenossen, die den Reisenden – Fliehenden als Juden entlarven.

Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.

Ulrich alexander Boschwitz, Der Reisende

Mich hat das Buch restlos begeistert. Ich bin voller Bewunderung über die sprachliche Souveränität des Autors, die ein Echo der Fabulierkunst vor 1945 ist. Das Thema ist unangenehm, viele Begegnungen und Begebenheit sind es. In der Figur des Otto Silbermann spiegelt sich die Entwurzelung jener, die sich als Deutsche begriffen und von dem NS-Regime zu Juden gemacht wurden.

Der Roman fesselt den Leser, zieht in mitten hinein in die Welt der ausgehenden 1930er Jahre, als der Holocaust noch undenbar schient, er verstört und macht nachdenklich. Die Grenzen sind für Silbermann und seine Schicksalsgenossen schon gesperrt, ein Umstand der unsere Gegenwart und Zukunft ebenfalls bestimmt.

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