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Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der Roman wurde 2022 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und weithin gelobt. Für mich eher eine Enttäuschung. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Die ersten achtzig Seiten war meine Lektüre von mehr oder weniger lautlosen Seufzern begleitet, ehe der preisgekrönte Roman seine Qualitäten entfaltet. Danach nimmt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Leser gefangen und hält ihn fest umschlungen, auch wenn der Inhalt von den Pageturner-Niederungen weit entfernt ist, möchte man unbedingt weiterlesen. Der letzte Romanteil ist bedauerlicherweise eine Enttäuschung und so bleibt ein zwiespältiger, tendenziell negativer Eindruck zurück.

Romane mit Ich-Perspektive oder Schriftstellern als Protagonisten bereiten mir immer Mühe, tritt beides in Kombination auf und drehen sich Gedanken und Gespräche der Handelnden um die Schreiberei, Literatur und den Buchmarkt, wird es zäh. Diese Dreifaltigkeit ist meine literarische Nemesis und in Moahamed Mbougar Sarrs Roman tritt sie dem Leser entgegen. Tatsächlich habe ich an manchen Stellen sogar erwogen, die Lektüre einzustellen.

Doch sind Sprache und Inhalt von Anbeginn an auf einem recht hohen Niveau, die Erzählung geht flott voran und touchiert bereits das, was nach rund einem Fünftel anhebt: Die Suche nach T.C. Elimane, dem verschollenen und von Rätseln umwirkten Schöpfer eines skandalträchtigen Romans. Der ist 1938 unter dem Titel Das Labyrinth des Unmenschlichen erschienen und wurde gefeiert und angefeindet, wie es zum – nun, ja: guten Ton der Literaturszene gehört.

Ich sage es dir noch einmal: Das Ganze ist nichts weiter als eine Komödie. Eine finstere Komödie.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Der junge Schrifsteller Diégane, senegalesischer Herkunft wie Elimane und wohnhaft in Paris (wo auch sonst), gehört zu einer Generation von Schreibenden, die noch auf der Suche sind und sich dabei gern in worthülsige Debatten um „die Literatur“ und ihre Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Sinn, Unsinn und allerlei andere unlösbare, daher unendlich ergiebige Themen ergehen. Um es vorwegzunehmen: In ähnlich schwergängigem Gelände endet der Roman auch wieder.

Diégane ist mit dem geheimnisvollen Buch Elimanes in Berührung gekommen, obwohl es wegen Plagiatsvorwürfen vom Verlag zurückgezogen werden musste. Eigentlich gibt es keine Exemplare mehr, doch wird Diégane überraschenderweise mit einem beschenkt – ein zweischneidiges Schwert, denn die Schenkerin beneidet und bemitleidet den Beschenkten zugleich. Ominöse Prophezeiungen dieser Art haben immer etwas Stiefeliges, leider bleibt es nicht die letzte im Romanverlauf.

Elimanes Roman wohnt ein Zauber inne, der seine Leser in Bann schlägt. Zumindest die Schriftsteller-Peer von Diégane kann sich diesem nicht entziehen, auch die Hauptfigur nicht. Dergleichen Geniales etwas ist immer etwas problematisch in Romanen (oder Filmen), denn ausgedachte Genialität kann immer nur behauptet und nicht gezeigt oder erzählt werden. Passagen, die über die Brillanz des jeweiligen Werkes Auskunft geben sollen, wirken rasch aufgeblasen.

Ja, sagte ich, ja, in diesem Land will ich Bürgerin sein, diesem Königreich will ich Treue schwören, dem Königreich der Bibliothek.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Das kann man nicht von den Rezensionsschnipseln sagen, die Sarr in seinen Text einstreut. Das Feuilleton ist begeistert, neidisch, beleidigt, misstrauisch, vorwurfsvoll und rassistisch und auch vernichtend. Dem Autor ist es gelungen, diese Einschübe (und viele andere) organisch mit seiner Erzählung zu verweben, gleichzeitig den Fluss des Erzählens zu brechen – als handelte es sich um Steine in einem Strom.

Sarr spielt mit der Sprache und den Erzählperspektiven, der Leser darf sich immer wieder auf Neues einstellen, der gewohnte Gang des Erzählens wechselt, Perspektiven lösen sich auf, geschickt eingeflochten in die Handlung durch Erscheinungen und Assoziationen, wodurch die zeitlich und örtlich weit voneinander entfernt liegenden Ereignisse unmittelbar miteinander verknüpft werden. Als Leser ist man gut beraten, aufmerksam zu sein, sonst überhuscht man leicht jene kleinen Hinweise darauf, wer eigentlich spricht.

Inhaltlich hat mich ein Aspekt besonders beeindruckt. Die Geschichte, die mir in Studium und Lektüre so vertraut geworden ist, wird in diesem Roman aus einer ganz anderen Sichtweise geschildert, nämlich der mehrerer Senegalesen. Kolonialismus, kulturelle Assimilation und die Liebe zu einem Land, das als Beherrscher auftritt, für das der Beherrschte dennoch in den Krieg zieht. Einfach ist hier gar nichts, denn dieses Handlungsmotiv führt zu einem Kern von Die geheimste Erinnerung der Menschen.

»Mit Hilfe seiner afrikanischen Söhne und Brüder wird Frankreich den Krieg schnell gewinnen.«

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen

Die Spurensuche, die Sarr in bemerkenswert abwechslungsreicher Weise ausführt, ist spannend, trägt kriminalistische bzw. allgemeiner formuliert investigative Züge. Die Hauptfigur jagt einem Phantom nach, das nicht gefunden werden will; ihm begegnet man, wenn er es will. Leider dichtet Sarr seinem Elimane intellektuelle und körperliche Eigenschaften an, die man ihm ab einem gewissen Punkt nicht mehr abnehmen möchte.

Sarr scheut sich nicht, die Grenzen zwischen Realität und Mystik verschwimmen zu lassen, das funktioniert zumeist, weil er diese Übertritte auf erklärbaren Ursachen fußen lässt – etwa Drogen, Fieber und natürlich Träume. Weniger fundamentiert sind die Äußerungen derjenigen, die sich mit dem Buch und seinem Urheber befassen, Elimane Wirkung und die seiner Schrift, die seine Leser wie ein Zauberelexir in – man muss es leider so deutlich sagen – schwülstige Verzückung versetzt.

Das Ende erscheint mir schwach, der letzte Satz regelrecht banal. Das ist immens schade, denn auf dem langen Weg dahin touchiert Sarrs Erzählen eine ganze Reihe hochspannender Aspekte, etwa die Erlebnisse seines Freundes Musimbwa, der über ein immens beklemmendes und bedrückendes Kindheitserlebnis berichtet und lang langem Kampf mit sich selbst eine radikale Abkehr von der europäischen Literatur-Kultur hin zu einer eigenen Tradition vollzieht. Das bleibt aber bloße Episode, wie viele andere Dinge, etwa den – scheinbar obligatorischen – Nazi-Auftritt und eine Halbsatz-Jagd nach selbigen Schurken im Nachkriegssüdamerika.

So bleibt ein zwiespältiges Empfinden zurück, auch wenn ich Die geheimste Erinnerung der Menschen insgesamt für durchaus lesenswert halte. Der Roman hat unbestreitbar Stärken, ist ungewöhnlich vielfältig in Stil und Form, die nicht zu Fingerübungen verkommen, sondern mit dem Inhalt verwoben bleiben, der überwiegend mit einer schönen Sprache dargeboten wird. Trotzdem bleibt der Eindruck, einen schwächeren Preisträgerroman des Prix Goncourt gelesen zu haben.

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen
aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hanser Verlag 2022
Hardcover 448 Seiten
ISBN: 978-3-446-27411-2

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Man möchte der Aussage nicht widersprechen, denn – nüchtern betrachtet – ist sie völlig zutreffend. Steffen Mensching schickt den Leser in die nahe Zukunft und lässt ihn mit seiner Hauptfigur eine dramatische Erfahrung erleben. Cover Wallstein, Bild mit Canva erstellt.

Mehr vom Gleichen? Nicht mit Steffen Mensching. Sein Roman Hausers Ausflug ist in Umfang, Stil, Thema und Zeit des Geschehens ganz anders als Schermanns Augen. In gewisser Weise jedoch ähnlich überwältigend, was nicht zuletzt am spektakulären Ansatz dieses »Ausflugs« liegt.

Man stelle sich einen deutschen Top-Manager vor, der höchst erfolg- und geldreich inmitten seines eigenen Produktes erwacht. Unverhofft erwacht, denn jener Behälter ist für den Transport von Menschen vorgesehen. Genauer gesagt, abzuschiebenden Menschen, die über dem jeweiligen Zielgebiet per Fallschirm abgeworfen werden.

Hauser, der Menschhändler, der Flüchtlinge zu Postwurfsendungen erniedrigte.

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Airdrop heißt der Firmenname, ein Lieferservice ganz speziellen Charakters. Darüber ist der geneigte Buchinteressent schon informiert, wenn er nach Autor, Titel und Buchrücken noch einen Blick in den Klappentext wirft. Klar ist auch, was dem David Hauser widerfährt: Er wird in ein fremdes Land geliefert und ist dort geliefert.

Mensching ist es gelungen, diese groteske Situation literarisch auszuweiden. Der Titel Hausers Ausflug ist eine ebenso boshafte wie komische Ankündigung dessen, was der »Manger des Jahres« durchmacht. Wie man sich denken kann, ist seine Lage von einem Ausflug ebensoweit entfernt wie eine Abschiebung per Flugzeug von einer Pauschalreise auf die Malediven.

David Hauser, Manager des Jahres, in seinen Unterhosen im Niemandsland.

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Der Chef und Gründer darf am eigenen Leibe miterleben, was es heißt, mit seinem humanen Luftverschickungsservice eine Reise anzutreten. Was ihm an Ort und Stelle blüht, wird verschärft durch seine gestohlene Identität: Von den Unterhosen einmal abgesehen, steckt er in Billig-Kleidung und ist mit einem falschen Pass ausgestattet.

Nach der Landung dreht sich anfangs alles ums nackte Überleben. Die Unbilden, mit denen Hauser kämpfen muss, setzt Mensching wunderbar in Szene. Man kann derlei auf ganz unterschiedliche Weise angehen, auf Action oder eine unablässlige Abfolge von Wende-, Dreh- und Angelpunkten setzen oder aber den Protagonisten mit sich selbst konfrontieren.

Mensching kombiniert diese und schafft auf diese Weise eine Erzählung, die einerseits voller Handlungsspannung ist, andererseits aber auch ausreichend Tiefgang. Auch in Kenntnis der überraschenden Wendungen wäre der Roman bei der zweiten Lektüre keineswegs langweilig, im Gegenteil.

Allmählich begriff er, dass das Ganze kein Spiel war, keine Gespensterbahnfahrt, die ihn nur in Unruhe versetzen sollte, ihm passierte etwas anderes, das er noch nicht durchschaute, das er womöglich nie durchschauen würde, aber etwas, das es auf ihn abgesehen hatte.

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Während der Ausgesetzte darum kämpft, nach seiner Landung den nächsten Ort zu erreichen, hat er Zeit, über viele Dinge nachzudenken. Natürlich stellt er Spekulationen über die Urheber und Motive seiner misslichen Lage an, in die sich immer wieder Selbstrechtfertigungen mischen, mit denen er sein Lebenswerk gegenüber sich selbst (und dem Leser) zu verteidigen sucht.

Dabei erfährt man einiges über Hauser Umfeld. Mensching lässt diese Gelegenheit nicht verstreichen, ohne genüsslich vorzuführen, dass auch unter den Gegnern von Geschäftemachern á la David Hauser bigotte Figuren herumirren, etwa der linke Schriftstellervater, wohnhaft im Prenzlauer Berg, mit seiner dunkelhäutigen Haushälterin.

Mein Vater ist Kommunist, ich wurde Konsumist, es klingt ähnlich, ist aber nicht das Gleiche.

Steffen Mensching: Hausers Ausflug

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Darstellung der Isolation Hausers und seine völlige Orientierungslosigkeit. Er irrt durch das ihm unbekannte Land wie durch einen undurchdringlichen Nebel, verzweifelt bemüht, die überlebensnotwendigen Fakten und Optionen auszuloten. Sein Weg ist kaum mehr als ein halbblindes Tappen, alle erlernten und erfahrenen Routinen laufen ins Leere.

Man liest die Ausnahmesituation des David Hauser mit großer Spannung, gelegentlichem Lachen oder Schmunzeln, denn Mensching verzichtet nicht darauf, die Komik der misslichen Lage zu extrahieren, und einem immerwährenden Schauder, der sich aus der bloßen Vorstellung speist, man könnte selbst einmal in diese Lage kommen. Natürlich wirft Hausers Ausflug Fragen auf, die dankenswerterweise im Buch selbst unbeantwortet bleiben. Dem darf man sich als Leser selbst stellen.

Und das Ende? Wie lässt man so einen Ausflug enden? Steffen Mensching hat ein angemessenes gefunden und aufgeschrieben.

[Rezensionsexemplar; daher Werbung].

Steffen Mensching: Hausers Ausflug
Wallstein 2022
Gebunden 249 Seiten
ISBN 978-3-8353-5305-3

Eine Begegnung im Sommer 1944

Im preisgekrönten Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni gibt es eine Schlüssel-Szene, die mir seit dem ersten Lesen unvergessen geblieben ist.

Frankreich 1944: Ein französischer Widerstandskämpfer und ein deutscher Offizier stehen sich gegenüber. Zwei Meter trennen sie, unüberwindliche zwei Meter, nicht zuletzt wegen des Stacheldrahts. Der Deutsche ist der Gefangene, der Franzose sein Bewacher. Zwei Antagonisten, wie man sie aus hunderten von Büchern und Filmen kennt, eine saubere Trennung nach Gut und Böse. Einfach und schön.

Doch so einfach ist es nicht, glücklicherweise, sonst wäre der Literatur eine Textstelle entgangen, die für mich ein Schlüsselmoment darstellt. Sie entstammt dem genialen Roman Die französische Kunst des Krieges von Alexis Jenni, der den Leser in ein Spiel mit Antagonismen hineinzieht, an dessen Ende diese augenscheinlichen Klarheiten gewichen sind.

Der Franzose und der Deutsche kennen sich von einer Begegnung aus dem Jahr 1943. Der Offizier hat den Vater des Widerständlers, der einen Laden unterhält, trotz seiner Schwarzmarktaktivitätn davonkommen lassen. Warum er das getan habe, erkundigt sich der Franzose. Alle hätten Schwarzhandel betrieben, den einen hätte er bestraft, den anderen eben nicht, meint der Deutsche.

Willkür, mit achselzuckender Gleichgültigkeit eingestanden.

Das ist erst der Auftakt, denn der Offizier war bei einer Aktion beteiligt, bei der ein ganzes Dorf ausgelöscht wurde. Jedem historisch halbwegs Informierten wird der Name Oradur sûr Glane etwas sagen, diese brutalte Vernichtungsaktion war keineswegs das einzige Verbrechen dieser Art in Frankreich.

Der Deutsche erklärt, das man Terror ausgeübt habe, um gegen den Maquis vorzugehen. Eine »militärische Taktik« sei das, die gezielt die Zivilisten ins Visier nähme, um Schrecken zu erzeugen – allein Maquisarden zu töten würde nicht reichen. Ein »raffiniertes Instrument«, um den Partisanen die Unterstützung zu unterziehen  – durch »unpersönlichen Terror«.

Bis zu diesem Punkt ist alles bekannt und gewöhnlich – doch das ändert sich schlagartig und macht diese Textstelle zu einem Schlüssel des gesamten Buches, für mich auch darüber hinaus.

Der Deutsche erkundigt sich, was der Franzose an seiner Stelle getan hätte. Der wehrt die Frage lakonisch ab, in dem er darauf verweist, das er eben nicht an der Stelle des Deutschen gewesen sei. Er habe alles getan, um nicht an seiner Stelle zu sein.

Eine Haltung, die auch von Nachgeborenen in abgewandelter, angepasster Form vorgetragen wird, sie findet in der Formulierung von der »Gnade der späten Geburt« oder dem briefeschreibenden Sofapazifismus ihren Niederschlag. Mit diesem Kniff ist man auf der Seite der Guten.

»Das Rad dreht sich, junger Mann.«

Alexis Jenni: Die Französische Kunst des Krieges

So lautet die Antwort des Deutschen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine bildliche Umschreibung, dass die Geschichte nicht stehenbleibt, sondern weitergeht. Eben noch Herr gewesen, jetzt Gefangener, eben noch derjenige, der über das Schicksal entscheidet, jetzt im Ungewissen über das eigene Schicksal, über das von anderen entschieden wird. Der Franzose hat den Platz des Deutschen eingenommen.

Es ist ein Rollentausch, der – nach Ansicht des Offiziers – durchaus die Möglichkeit beinhaltet, eben auch in anderer Hinsicht an seine Stelle zu treten, wenn der Franzose wie er selbst zuvor »für Ordnung sorgen«, also die gleichen schrecklichen Dinge tun oder anordnen müsse.

Das ist eine Warnung, eine Prophezeiung – wir müssen nicht so tun, als kennten wir nicht den Gang der Geschichte: Indochina. Algerien. Orte des Schreckens, an denen Franzosen fürchterliche Dinge getan und Verbrechen begangen haben. Ihre Gegner, das soll nicht verschwiegen werden, auch.

Der Deutsche hat noch einen Ratschlag parat.

»Das Rad dreht sich. Nutzen Sie Ihren Sieg aus, Ihren noch ganz neuen Sieg, nutzen Sie den schönen Sommer aus. 1940 war das schönste Jahr meines  Lebens. Danach war es nicht mehr so schön. Das Rad dreht sich.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Indochina und Algerien sind die Orte, an denen sich diese Prophezeiung verwirklicht, denn die Ereignisse dort waren alles andere als »schön«. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Leser des Romans längst, was in Algerien geschehen ist, von jenem Blutzoll unter Zivilisten, er weiß, dass hier tatsächlich eine Art Stabwechsel vollzogen wird.

Eben noch Opfer, dann Sieger und wenig später Täter.

Das Motiv der Ordnung, für die gesorgt werden muss, der Rollentausch von Herr und Knecht, Sieger und Besiegtem ist eine Art Stabwechsel. Interessanterweise ist mir dieses Motiv  jüngst in einem anderen Roman schon einmal begegnet, wenn John Glueck in Steffen Kopetzkys Propaganda die amerikanische Armee durch den Kampfkontakt mit der  deutschen Wehrmacht selbst ein wenig in diese Richtung driften sieht – mit verheerenden Folgen, nämlich in Vietnam.

Was also bleibt von jenem schönen, einfachen, gefälligen und äußerst bequemen Antagonismus, von dem anfangs die Rede war? Er löst sich auf, die klaren Konturen verschwimmen. Die Prophezeihung des deutschen Offiziers, dass die Freude über den militärischen Sieg von kurzer Dauer sein und ein Rollentausch erfolgren könnte, hat sich als richtig erwiesen.

Alexis Jenni geht noch einen Schritt weiter: Er stellt seiner Hauptfigur, dem Franzosen Victorien Salagnon, im Verlauf der Handlung zeitweise einen anderen Deutschen zur Seite, der mit ihm in Indochina  gegen den Vietminh kämpft. Eben noch Feind, nun Waffenbruder in einem brutalen, ungerechten und dummen  Kolonialkrieg, in dem die Franzosen von den Vernichtungskriegern adaptieren, wie man Terror gegen die Zivilbevölkerung einsetzt.

In Algerien haben sie dann eine eigene Kunst des Krieges entwickelt; Krieg und Kolonie gehen dennoch verloren. Alexis Jenni betreibt damit keineswegs eine Form der Verharmlosung von Verbrechen, die in der NS-Zeit in den von der Wehrmacht eroberten und besetzten Ländern verübt wurden; ganz im Gegenteil. Er verweist darauf, dass Geschichte nichts Statisches ist, die Rollen werden immer wieder neu verteilt.

Serhiy Zhadan: Internat

Ein großer Roman über die Zeit, als man im Westen noch von Minsk und eingefrorenem Konflikt schwadronierte. Für die Menschen vor Ort war es Krieg. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.

Der harmlos klingende Buchtitel täuscht. Mit dem Öffnen des Romans Internat von Serhij Zhadan verlässt der Leser seine friedliche Existenz in Mitteleuropa und tritt ein in eine acht lange Jahre weitgehend ignorierte Wirklichkeit im Osten der Ukraine. Auch wenn Orte und Namen, Personen und Uniformen im Ungefähren bleiben, weiß man bald, dass die Erzählung unweit der unruhigen Front zwischen den russischen Truppen mit ihren Verbündeten und den Ukrainern stattfindet.

Muss man erläutern, was seit 2014 im Osten der Ukraine vor sich geht? Ich hoffe, nicht.

Gleich zu Beginn des Romans macht der Leser Bekanntschaft mit Zhadans krautigem Humor sowie seiner Fähigkeit, sehr treffende Bilder zu malen. Manchmal geht das ein bisschen zu weit, die Erzählung trippelt in den ersten Passagen recht dicht entlang der Grenze sprachlicher Selbstverliebtheit. Angesichts der großen Stärken des Romans, ist das aber zu verschmerzen, zumal es auf den Anfang beschränkt bleibt. Im Verlauf entfaltet sich zunehmend ein bestaunenswertes sprachmächtiges Kunstwerk.

Aus der Ferne ähnelt das Krankenhaus einem Ozeanriesen, der ganz langsam, ohne Eile auf den Grund sinkt.

Serhij Zhadan: Internat

Mit der Hauptfigur, Pascha, begibt sich der Leser auf eine Tour durch den Wahnsinn des Frontgebietes in einem Krieg, der keiner sein soll. Es mutet etwas nach Dreißigjährigem Krieg an, denn Freund und Feind sind oft nicht recht zu unterscheiden, während die Hauptfigur versucht, sich zum titelgebenden Internat in der namenlosen Stadt durchzuschlagen. Die Begegnungen auf diesem Weg sind hanebüchen, grotesk, lebensgefährlich und kafkaesk.

Mal wird Pascha von einem wildfremden Mann, der sich als Journalist ausgibt, mitgenommen und gerät an einen Ort, an dem ihm finstere Milizionäre filzen und die Papiere kontrollieren – sie haben, wie alle Waffenträger in dem Gebiet, das Recht des Stärkeren und das tiefsitzende Misstrauen des Frontschweins auf ihrer Seite. Mal eilt der Protagonist mit einer Gruppe, geführt von einem Schlepper, durch die Frontlinie, gerät unter Feuer und irrt inmitten schwarzer Nacht durch die namenlose Stadt, wo sein Ziel liegt.

Pascha will seinen Neffen aus dem Internat holen, ein Vorhaben, das angesichts der Umstände mehr als heikel ist. Immer wieder macht er sich Vorwürfe, nicht schon früher auf die Idee gekommen und aufgebrochen zu sein, denn die Fronten sind in Bewegung geraten. Die eine Seite zieht sich zurück, die anderen rücken nach. Dabei kommt es zu gruseligen Gewaltakten, die nicht explizit beschrieben werden – wozu auch? Wenn Zhadan von dem spricht, was übrig bleibt, reicht es dem Leser vollauf.

Er musste erst hierher geraten, ins Zentrum der Hölle, um zu spüren, wie viel er besaß und wie viel er verloren hat.

Serhij Zhadan: Internat

Zhadan lässt den Leser an der Geschichte seiner Hauptfigur teilhaben. Pascha ist Lehrer, in weiten Rückblenden erfährt man einiges über seinen Weg bis zu diesem Tag, über seine Versuche, sich aus dem Krieg und den politischen Wirren herauszuhalten. Er unterrichtet „die Sprache“, ohne dass bis zum Ende klarwerden würde, ob es sich um Ukrainisch oder Russisch handelt. Die generelle Unschärfe, der sich der Autor bedient, verstärkt das Gefühl der Unwirklichkeit, ein großartiger Kniff des Zhadans, den dieser bis zum Ende konsequent exekutiert.

Apropos Exekution. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft die Hauptfigur, sein Neffe oder irgendwelche Bewaffneten bzw. Zivilisten davon gesprochen haben, dass man ihn, Pascha, erschießen könne / müsse / solle. Angesichts der Umstände, der Toten, Verwundeten, der aggressiven Waffenträger, ist das keine leere Drohung, sondern eine ganz reale Möglichkeit, wie der Lebensweg der Hauptfigur jäh enden könnte. Wie ein schwärzlicher Nebel umwallt die stete Gefahr eines gewaltsamen Todes aus dem Nichts heraus die gesamte Handlung.

Noch einmal sei darauf verwiesen, dass der Inhalt des Romans auf die Zeit vor Putins Vernichtungskries in der Ukraine zurückgeht. Hier ist die Rede von dem, was im Westen Europas vielstimmig als stabiler Waffenstillstand bezeichnet wurde und von eifrigen salonlinken Briefeschreibern als wünschenswerter Zustand nach Friedensgesprächen bezeichnet wird. Frieden würden wohl nur ihre realitätsfernen Ideologenseelen gewinnen.

Er würde sich gerne hinsetzen und ausruhen, niemanden sehen, niemanden hören, alle diese Laute und Gerüche vergessen, den Bahnhof, den Bus, die kaputte Straße, die Mondlandschaften hinter dem Fenster, die unseligen Wanderer, die durch die Januarfelder stapfen, den schwarzen, zerschossenen Wald, die dunklen Häuser, die verängstigten Stimmen, die Fenster, hinter es kein Leben gibt, die Straßenkreuzungen, hinter denen überall der Tod auf dich lauern kann. Das alles hat sich in ihm festgesetzt wie Blei.

Serhij Zhadan: Internat

Die Personen in Zhadans Roman werden dagegen durch sehr reale, apokalyptische Verhältnisse getrieben, die an einen Endzeitfilm gemahnen. Unsicherheit, Hunger, Kälte und Furcht, vor allem aber Ohnmacht sind ihre ständigen Begleiter; sie rumpeln und grollen wie der ferne Artilleriedonner, klirren wie die Ketten der Panzer und knallen, knattern, bellen wie das Kleinwaffenfeuer, das durch die Straßen der Städte hallt.

Ein sehr eindrücklicher Roman des ukrainischen Schriftstellers, der dankenswerterweise mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Man wünscht dem Roman Internat viele Leser, keineswegs nur wegen des Krieges, aber auch. Große Leseempfehlung.

Serhij Zhadan: Internat
aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot
Suhrkamp 2018
Gebunden 300 Seiten
ISNB: 978-3-518-42805-4

Enttäuschungen sind unvermeidlich 

Blogbeiträge enttäuschen jene oft, die einer Empfehlung folgen. Das ist unvermeidlich, denn Bücher haben immer ihre Zeit und die tickt bei jedem Menschen anders. Bild mit Canva erstellt.

Ich schreibe vor allem über Bücher, die ich lesenswert finde. Verrisse sind Zeitverschwendung, für schlechte Bücher ist das Leben zu kurz, man sollte sie abbrechen. Wer also meine Buchvorstellungen liest, wird fast nur positive Dinge über diese Werke erfahren. Natürlich führt das zwangsweise zu Enttäuschungen. Es muss sie sogar geben.

In meinem Leseleben habe ich mehrere tausend Bücher gelesen. Die Bandbreite meiner Lektüre ist beträchtlich. Sie reicht von Heftromanen á la Perry Rhodan bis hin zu – ja, tatsächlich – Ulysses. Den habe ich  gern gelesen, die Lektüre als anstrengend und spannend zugleich empfunden. Abbrechen war zu keinem Zeitpunkg eine Option.

Viele Romane, die ich in früheren Jahren einmal mochte, würde ich heute verwerfen. Bücher und Lektüren haben ihre Zeit und wenn diese vergangen ist, welkt auch die Lesefreude. Perry Rhodan habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr angerührt, aber auch richtige Literatur kann verwelken.

Das Brot der frühen Jahre schmeckt nicht mehr

Heinrich Böll etwa ist durch sein Büchlein Das Brot der frühen Jahre mitverantwortlich dafür, dass ich den Weg eingeschlagen habe, den ich gegangen bin. Zwanzig Jahre später konnte ich nicht mehr nachempfinden, was mich damals so bewegt hat. Die Erzählung wirkte stumpf und langweilig, Böll Sprache schwer erträglich.

Natürlich ist das, was ich gesagt habe, Unsinn: Nicht Bölls Buch war verantwortlich für meinen Lebensweg, meine Entscheidungen waren längst gefallen, die Erzählung ist nur der Spiegel, das Echo der in meinem Inneren ablaufenden Prozesse gewesen. Ich habe sie in das Buch hineingelesen. Jahre später sah es in meinem Innern ganz anders aus, entsprechend blieb der Spiegel blind.

Und das ist auch ein Grund, warum meine Buchvorstellungen enttäuschen können (auch mich, wenn ich das Buch später noch einmal lese). Romane und Erzählungen sind – von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen – mit einer individuellen Halbwertszeit ausgestattet. Dafür sorgt auch noch ein anderer Punkt.

Wiederholungen bleiben nicht aus

Der Berg an Büchern in meinem Leben spielt eine wichtige Rolle. Wer viel liest und keine Wiederholungen mag, wird immer für ihn Neues bevorzugen. Andere, die noch am Anfang ihres Leselebens stehen, können das so gar nicht sehen, werden das, was ich auf dem großen Berg bereits bewältigter Literatur lese, bestenfalls befremdlich finden. Sie müssen fast zwangsweise enttäuscht sein von meinen Jubelrufen.

Wenn ich aktuell einen Roman lese, der mit einer spannenden Action-Sequenz oder einer anderen Form der Konflikt-Zuspitzung beginnt und dann zurückspringt, um die Angelegenheit bis zu diesem Punkt aufzurollen, empfinde ich schon so etwas wie Langeweile. Ich breche deshalb kein Buch ab, aber mir ist das Struktur-Element so häufig begegnet, dass ich über Abwechslung froh bin.

Es geht an dieser Stelle übrigens nicht um die Kategorie: »mag ich« oder »mag ich nicht«. Die gibt es auch und sie hat ihre Berechtigung. (Horror mag ich bis heute nicht, Western, liebes– und vampirromantischen – Verzeihung – Quark auch nicht.) Nur wird fast niemand, der keine Historischen Romane mag, eine Buchvorstellung zu einem Werk aus diesem Genre lesen, geschweige denn es kaufen.

Es geht also um jene, die bereits die Schwelle des »Mag-Ich« überschritten haben, sie können trotzdem enttäuscht werden.

Enttäuschungen und Irrtümer gehören einfach dazu

Aus diesem Umstand könnte man verschiedene Schlüsse ziehen, Blogbeiträge nicht mehr zu lesen, wäre der falsche. Wer über einen gewissen Zeitraum hinweg Buchvorstellungen von einem Blogger liest und vielleicht einer oder zwei gefolgt ist, weiß in etwa, wie er »tickt«.

Sollte also ein gewisser Alexander Preuße wieder einmal das Echo der Niederungen europäischer Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Roman besingen, ist man also bereits im Bilde, wohin die literarische Reise geht. Denn bei aller Liebe zur Abwechslung: Muster kann man weder beim Schreiben noch beim Lesen vermeiden.

Am Wichtigsten ist jedoch etwas Anderes: Irrtümer und Enttäuschungen gehören zum Lesen einfach dazu. Isso.

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