Schreiben - Lektorieren

Schlagwort: Rezension (Seite 1 von 6)

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Der Erzähler sitzt im Gefängnis. Ein bekanntes Szenario, das mir zuletzt im herausragenden Roman von Steffen Kopetzky »Propaganda« begegnet ist. Und natürlich: »Die Blechtrommel« von Günter Grass. Ein spezieller Ort, der dem Erzähler einerseits eine gewisse Ruhe, weil Abgeschlossenheit von der Außenwelt verschafft; andererseits aber unruhestiftend, denn Gefängnisse sind geprägt von Gewalt, Aufruhr, schlechtem Essen und eben Straftätern.

Anders als Grass und Kopetzky lässt Jean-Paul Dubois in seinem preisgekrönten Roman »Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise« seinen Erzähler nicht schreiben, das wäre unmöglich. Während in der vergitterten Gegenwart die Zeit langsam voranschreitet und der Leser eingeführt wird in die Umstände, die erbärmlichen Verhältnisse innerhalb und extremen Wetterbedingungen außerhalb der Mauern, breitet sich in langen Schleifen und Rückblenden das Leben des Ich-Erzählers aus.

Zunächst ist völlig unklar, warum Paul Christian im Gefängnis sitzt, klar ist nur, dass es zu einem Gewaltausbruch gekommen ist. Seine Strafe sitzt er in einem kanadischen Gefängnis ab, in einer Region, in der es zum Jahreswechsel durchaus achtundzwanzig Grad unter Null sein kann. Ein Teil des Romans beschreibt, wie er das Dasein als Gefangener erlebt, gemeinsam mit einem Gewalttäter namens Patrick in einer Zelle, ohne Privatsphäre und einem Klo.

Die Haft zieht die Tage in die Länge, streckt die Nächte, dehnt die Stunden, verleiht der Zeit eine breiige, angeranzte Konsistenz. Jeder hier hat das Gefühl, sich in einem zähen Schlamm zu bewegen, aus dem er sich bei jedem Schritt herausziehen muss, mit aller Kraft darum kämpfend, nicht im Selbstekel stecken zu bleiben. Das Gefängnis begräbt uns bei lebendigem Leib. Die mit kurzen Strafen können Hoffnung haben, die anderen befinden sich bereits im Massengrab.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Nur ein Beispiel von der erzählerischen Kraft, über die Dubois verfügt. Aus meiner Sicht nimmt der Roman auch in dieser Hinsicht einen recht langen Anlauf, ehe sich der Autor aus dem ihm zu Verfügung stehenden Werkzeugkasten der Sprache bedient. Inhaltlich gerät das Leben der Handelnden zu diesem Zeitpunkt bereits ins Rutschen, das, was die »Röhren des Schicksals« enthalten und ausspeien, lenkt ihre Geschicke.

Paul stammt aus Frankreich. Sein Vater war ein protestantischer Pastor aus Dänemark, seine Mutter betrieb ein Programmkino in der französischen Provinz. Ein sehr ungewöhnliches Paar mit ebensolchen Berufen, deren Zusammenkommen und -bleiben ein Zufall ist. Die Ehe der Eltern, im Grunde ein Unding, zerbricht irgendwann auf ziemlich rabiate Weise, nachdem sie bereits jahrelang vor sich hin siechte.

Pauls Leben ist mehr als ein Vierteljahrhundert geprägt von einem unauffälligem Werdegang, der sich von den besonderen seiner Eltern abhebt. Eine Art Verwalter in einem Wohnkomplex mit vielen Wohneinheiten, in dessen Eingeweiden Paul für einen mehr oder weniger reibungslosen Ablauf der nötigen Dinge zu sorgen hat.

Das auf den ersten Blick kleine Leben kontrastiert mit der Gewalttat, über die der Leser erst lange nach dem Zellgenossen informiert wird. Bis dahin ist allerdings klar, dass Pauls Existenz eben doch nicht so konform ist, wie es zunächst scheint, sondern mit den Widrigkeiten der Welt, ihren Regeln, und schließlich den Zudringlichkeiten eines ganz speziellen Menschenschlags kollidiert.

Als Patrick den Grund für meine Inhaftierung erfuhr, interessierte er sich für meine Geschichte mit dem Wohlwollen eines Gildenbruders, der von den ersten ungeschickten Versuchen eines Lehrlings Kenntnis nimmt.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Recht früh wird deutlich, dass es sich um kein kapitales Schwerverbrechen handelt. Eigentlich würde er wegen guter Führung früher entlassen werden, eigentlich weiß Paul darum, wie er sich zu geben hat, um die nötige Empfehlung zu erhalten, eigentlich ist ihm klar, dass jeder im Knast darum weiß – nur tut er es nicht. Im Gegenteil. Die Gewalttat und der bockige Nonkonformismus im Gefängnis überraschen, das reißt eine Leerstelle auf, die im Handlungsverlauf langsam geschlossen wird.

Im Grunde genommen ist das gewöhnliche Leben Pauls in seinem Beruf von einem ungeheuren Druck geprägt. Pauls Job bereitet ihm oft schlaflose Nächte, die Herausforderung, ein 200.000 Liter fassendes Schwimmbad in der notwendige Balance zu halten, ist lange übermächtig. Und ja, ausgerechnet dieses Schwimmbad liefert den Anlass, für eine Handlung, die letztlich in der Gewalttat mündet, alles wird fein vorbereitet und angedeutet.

Bei seinem Lebenslauf lernt Paul eine Reihe seltsamer Orte und Menschen kennen. Ein so genannter »casuality adjuster«, eine Person, die darauf spezialisiert ist, für Versicherungen durch persönliche Nachforschungen oder Gespräche mit Hinterbliebenen die finanzielle Last zu verringern. Das Zitat beschreibt, wie dieser Mann seine eigene Tätigkeit sieht und gegenüber Paul offen beschreibt.

»Ich gehe einer schmutzigen Arbeit nach, mit schmutzigen Methoden inmitten von schmutzigen Leuten.«

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Es ist nicht die einzige Passage im Roman, an der Dubois massive Sozialkritik übt, aber eine der prägnantesten, was sicher daran liegt, dass der Autor die Form eines offenen, selbstanklagenden Geständnisses wählt. Dubois nimmt generell die Auswüchse des kapitalistischen Wirtschaftens in den Fokus, statt des mahnend und oft selbstgefällig in die Höhe gereckten Zeigefingers wählt er den Humor: lakonisch, ironisch oder einfach zum Schreien komisch.

Durch die beinahe gemächliche inhaltliche Zuspitzung wird die Kritik an den dunklen Schatten des Kapitalismus, der glücklicherweise keineswegs per se infrage gestellt wird, immer schärfer. Seine unmenschlichen Seiten geraten in den Mittelpunkt und Dubois bleibt zum Glück bei seiner sehr anschaulichen und unterhaltsamen Art, diese vorzubringen.

Als es beispielsweise um die aberwitzigen Summen geht, die von Bankern während der Finanzkrise vernichtet wurden, lässt er Pauls Mithäftling fragen, ob der ausrechnen könne, wieviel seiner geliebten Harley Davidsons man davon hätte kaufen können – wenn er ihm den Neupreis verriete.

Die Gewalttat, die den Ich-Erzähler ins Gefängnis gebracht hat, fällt überraschend heftig aus, gemessen an dem oft harmlosen, lakonischen, überlegt-zurückhaltenden Verhaltens- und Erzählweisen. Es ist, als wäre der Punkt erreicht, an dem der Wolf aus dem Menschen hervorbricht und seinen Peiniger traktiert. Insofern ist es auch eine Warnung an Politik und Gesellschaft, denn wenn dieser Punkt erst erreicht wird, fließt Blut.

Phillip P. Peterson: Vakuum

Ich werde einen Teufel tun, und spoilern. Nichts werde ich verraten, auch wenn das eine Rezension ungemein erschwert. Stattdessen ergehe ich mich in Andeutungen, die boshaft als „Herumeiern“ ausgelegt werden könnten. Die Stimmung, die sich ab der ersten Seite des Romans entfaltet, möchte ich nicht durch Vorgriffe abschwächen. Auf zum Eiertanz!

Science Fiction lese ich zur Unterhaltung. Zuvörderst jedenfalls. Ganz sicher lese ich das Genre nicht mit Blick auf die sachliche Richtigkeit der dargestellten Phänomene, dafür verstehe ich selbst viel zu wenig von der Materie. Info-Dump ist mir ein Gräuel, Passagen, in denen der Leser mit ellenlangen Erklärungen und Lösungsansätzen traktiert wird, verderben mir die Laune. »Der Marsianer« von Andy Weir hat mich passagenweise ordentlich gequält, obwohl die eigentliche Geschichte wirklich toll war – und ist.

»Auf die Mayflower! Möge sie von Flauten, Ratten und Klabautermännern verschont bleiben!«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Phillip P. Peterson macht es mit seinem Roman „Vakuum“ besser. Es ist der zweite, den ich von dem Autor lese, und sicher nicht der letzte. Schon »Universum« hat mir gut gefallen, ein kleines Kammerspiel in den Unendlichkeiten von Zeit und Raum. Beiden Büchern ist gemein, dass sie den Leser bezüglich der physikalischen Phänomene mitnehmen, ohne allzu viel ermüdenden Infodump zu betreiben.

Peterson schafft es, die Figuren auf eine verständliche und sinnvolle Weise untereinander über die Hintergründe sprechen zu lassen und so den (unwissenden) Leser zu informieren. Das klingt einfacher als es oft ist, sonst würden nicht so viele Schriftsteller die so genannte Vierte Wand zum Publikum durchbrechen: Das geschieht, wenn zum Beispiel ein Physiker einem anderen etwas erklärt, was dieser berufsbedingt ganz sicher weiß – die Info ist auch nicht für ihn, sondern für den Leser bestimmt.

In „Vakuum“ erläutern die Experten in handlichen Häppchen den Laien, worum es geht: Wissenschaftler, Militärs, Astronauten usw. Der Leser kann relativ leicht folgen, was für die Handlung natürlich vorteilhaft ist, weil man nicht nur weiß, dass die Erde und seiner Einwohner bedroht sind, sondern auch wie und welche Dinge daraus folgen. Der Spannung hilft das auf die Sprünge.

»Was wäre in der Zukunft alles möglich gewesen, wenn die Erde eine Zukunft gehabt hätte!«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Wirklich lesenswert finde ich den Roman nicht nur wegen der Handlungsspannung, sondern weil einige grundlegende Fragen aufgeworfen werden und die Figuren, insbesondere Astronaut Colin Curtis, sich mit moralischen Entscheidungen konfrontiert sehen, auf die sie Antworten finden müssen, die nicht Büchern zu entnehmen sind. Denn die Lage auf der Erde ist eine nahezu undenkbare Ausnahme.

Schon in den ersten Kapiteln wird klar, dass etwas heranrauscht. Peterson hat seinen Roman konsequent multiperspektivisch angelegt, zwischen den hin- und herspringenden Sichten entwickelt sich um das Kernthema eine immense Dynamik, die keineswegs auf das Problem beschränkt ist, sondern politische, soziale und durchaus aktuelle Fragen (z.B. Sterbehilfe, künstliche Ernährung) streift.

Manche dieser Fragen werden etwas holzschnittartig abgehandelt, was in diesem Rahmen leicht verträglich ist, handelt es sich bei »Vakuum« nicht um eine verkappte Sozialstudie. Aber der Roman verlässt die gewöhnlichen Pfade – ohne zu spoilern belasse ich es inhaltlich bei diesem Hinweis.

»Heute ist der Tag, an dem die Zivilisation endet.«

Phillip P. Peterson: Vakuum

Strukturell bricht er mit einem Handlungsstrang nicht nur Zeit und Raum auf, sondern auch das Genre. Der Leser sieht sich mit einer Perspektive konfrontiert, die lange Zeit nichts mit den anderen zu tun zu haben scheint, ehe irgendwann klar wird, dass beide doch miteinander zusammenhängen. Aus diesem Kniff entsteht eine weitere, über den ganzen Roman hinweg tragende Grundspannung, wie ein Generalbass, denn diese zweite Erzählebene wirkt dystopisch.

Im ersten Moment glaubt man sich zu einem Naturvolk verschlagen, ehe sich peu á peu der Eindruck einer postapokalyptischen Welt herausschält. Etwas scheint schiefgegangen und die Frage, was das gewesen sein könnte, hängt mit den Lösungsansätzen auf der ersten, hauptsächlichen Erzählebene zusammen. Verwirrung komplett? Prima. Denn um das wirklich zu begreifen, muss man den Roman lesen oder hören.

Dann bieten sich eine Reihe von Möglichkeiten, darüber nachzudenken, ob man die Darstellung menschlichen Verhaltens durch die Autor glaubwürdig oder zu optimistisch (vielleicht auch zu pessimistisch?) hält. Wenn Menschen in Extremsituationen gezwungen werden, Entscheidungen zu treffen, die unter gewöhnlichen Umständen moralisch untragbar wären, sind sie durch die Umstände gerechtfertigt?

Die endgültige Frage lautet: Gibt es eine Hoffnung? Ist sie berechtigt? Durch die beiden Handlungsebenen wird sie noch tiefgreifender gestellt, als es möglich gewesen wäre, wenn Peterson sein »Vakuum« nur auf einer angesiedelt hätte. Famose Unterhaltung mit der Möglichkeit des Tiefgangs in den Grenzen von Science Fiction.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Ist es ein gutes Zeichen, wenn man das Nachwort eines Romans als brillant empfindet? Ja, wenn es ihn leuchten lässt, wie im Falle von „Labyrinth der Masken“ des cubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um einen Kriminalroman, so kann man ihn in gewissem Grade auch lesen. Doch die Jagd des Ermittlers Mario Conde gerät immer wieder in den Hintergrund.

Conde ist Teniente der cubanischen Polizei und als solcher eigentlich Teil der Staatsmacht. Zum Charme der Romane Paduras gehört, dass sich dieser Polizist in einem schattigen Grenzbereich bewegt – ganz unabhängig davon, ob sich so eine Figur in der sozialistischen Realität Havannas überhaupt würde halten können. Er ist passionierter Schürzenjäger, die Machismo-Ideologie schlägt sich in sprachlich offenen Bildern nieder. Darin sehe ich kein Problem, denn meiner Meinung nach, kann über die Dinge nur reden, wenn man sie benennt, nicht maskiert.

Paduras Ermitteler ist ein verkappter Schriftsteller, der immer wieder von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Schreiben befallen wird. Etwas Untergründiges und Berührendes möchte er verfassen. Auch wenn er sich längst mit seinem Job abgefunden hat, treibt es ihn in regelmäßigen Abständen wieder an den Schreibtisch; es bleibt bei diesen Episoden, während die Lebenszeit unerbittlich verrinnt.

»Achtundzwanzig Jahre«, rechnete El Conde. Er sagte es laut, um es selbst zu glauben, nahm die Finge zu Hilfe und machte noch einmal die gnadenlose Rechnung auf, bei der so viele, viele Jahre herauskamen. Schließlich akzeptierte er das Resultat, und Panik ergriff ihn angesichts des unwiederbringlich Verlorenen.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Schreiben ist in einem sozialistischen System kompliziert. Die Freiheit des Kreativen wird gegängelt, es gibt Zensur und Strafe, wenn die Werke aus dem staatlich vorgegebenen Rahmen fallen oder zumindest dessen bezichtigt werden. Erniedrigende Prozesse sind die Folge, der Konformitätsdruck zwingt Kollegen sich dem Kesseltreiben gegenüber den Aussätzigen anzuschließen.

Ganz früh in seiner Sozialisation ist Conde im Dornwald des sozialistischen Kulturbetriebes hängengeblieben. Statt seiner Berufung zu folgen, bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als nolens volens seinen Job zu erfüllen. Der führt ihn zu einem ungewöhnlichen Mordfall: ein Mann, gekleidet in ein auffälliges rotes Kleid, mitten in einem öffentlichen Park. Ein Transvestit, der sich gegen die Tötung nicht gewehrt hat und dem zwei Münzen im After stecken.

Die Suche nach dem Mörder führt Conde zu einem exzentrischen Theaterregisseur, der wegen seiner Homosexualität einst geächtet wurde. Die Figur des Alberto Marqués konfrontiert den Polizisten mit einer Welt, gegenüber der er starke Vorurteile und eine tiefgreifende Abneigung hegt. Conde weiß das, gibt es offen zu und beginnt zu lernen, einerseits, um den Fall zu lösen; andererseits, weil ihn Marqués fasziniert.

Der Transvestismus war demnach mehr als der bloße Akt eines Schwulen, der in Frauenkleidern auf die Straße geht, so wie er, der Macho aus der Vorstadt, immer geglaubt hatte.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Recht erwartbar ist, dass der Theaterregisseur den Polizisten in die Nachtwelt der Homosexuellen einführt, ein Streifzug, aus dem Conde verwertbare Informationen zu erhalten hofft; und ein Nebenspiel mit einer Frau, die für den Polizisten zu einem sexuellen und emotionalen Abenteuer wird, das ihn aus seiner Depression reißt.

Der eigentliche, tiefere Grund für Condes Interesse liegt in einer gemeinsamen Erfahrung mit den mahlenden Kulturmühlen der sozialistischen Gesellschaft. Marqués eröffnet peu á peu, was ihm angetan wurde. Vom Olymp des gefeierten Theatermannes in das Nichts einer Regionalbibliothek – das Pendant der Verbannung nach Sibirien auf Cuba. Der fluchtartige Abfall von Freunden und Bekannten, die ihn kurz zuvor noch aus eigennütigen Gründen umschwärmten. Abtötende Ödnis statt kreativer Tätigkeit.

Conde kennt die Mechanismen aus seiner eigenen Vergangenheit. Und Gegenwart, denn parallel zu den Ermittlungen ist der Polizist selbst Gegenstand von Nachforschungen der cubanischen Sicherheitsbehörden. Und nicht nur er. Polizisten werden suspendiert und sitzen (wie Marqués) plötzlich von ihrem Lebensinhalt abgeschnitten zu Hause, die Leere frisst an ihnen wie eine Schar hungriger Ratten an einem geschwächten Körper.

»Aber sie wissen alles, ist dir das klar? Das ist ja der Mist, Conde, plötzlich merkt man, dass man wie in einem Schaufenster lebt oder wie in einem Reagenzglas oder was weiß ich.«

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Kollegen werden verhört und ausgehorcht. Der Leser erfährt den Vorgang in einem für das Genre eher untypischen Format: In die Erzählung sind lange, mehrseitige Monologe eingeflochten, wenn die Figuren zu Wort kommen und etwas aus der näheren oder ferneren Vergangenheit berichten. So wie Manolo anlässlich des Verhörs durch die Sicherheitsorgane, so wie Marqués über seine Kaltstellung.

Das bricht den Erzählfluss – für Krimi-Fans vielleicht ein Ärgernis, doch lenkt es die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge: wichtige Wurzeln der Gegenwart, in der sich die handelnden Figuren behaupten müssen. Es führt zum Kern des Ganzen, auch in Condes Sozialisation, die von einer jähen Konfrontation mit der Staatsmacht geprägt war – eine Erfahrung, die ihn mit dem Schicksal von Marqués verbindet.

Letztlich sind wir alle Kinder der Zeit und des Staubes, und die Poesie kann uns davor nicht bewahren.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken

Am Ende schließlich wird der Fall auf eine konventionelle Weise aufgelöst. Es fallen weitere Masken, einige davon schmerzhaft, wenn geschätzte Mitmenschen und Freunde plötzlich mit anderem Antlitz vor einem stehen. Zurück bleibt, was die Zeit übriglässt: Asche und Staub. Schließlich das Nachwort. Man muss es lesen – vor, während oder nach der Lektüre von „Labyrinth der Masken“. Denn wie dort zu lesen steht: Der Krimi ist sehr kubanisch – und global.

Trivia: Barfly!

Es gibt eine Stelle im Roman, die wie eine kleine Homage an einen Spielfilm wirkt: Barfly. Das Drehbuch stammt aus der Feder von Charles Bukowski, die männliche Hauptrolle hat Mickey Rourke übernommen. Ich habe den wüsten Film aus dem Jahr 1987 irgendwann in den 1990er Jahren gesehen, er ist mir wegen der schauspielerischen Leistung in Erinnerung geblieben und wegen einer Gegenfrage: „Wie kann man in Ruhe etwas schreiben?“

Lesemonat April

Im Lesemonat April gab es wieder mehrere tolle Leseerlebnisse. Ganz besonders gefallen haben mir die Bücher von Karen Duve, Graham Swift, Nino Haratischwili und vor allem Wolfgang Herrndorf.

Wie immer mäandere ich durch Genres, Zeiten und Themen, mit Kleist ist wieder etwas Klassisches dabei, was einigermaßen selten gelesen werden dürfte. Mich hat interessiert, wie sich bei dem Dichter der nationalistisch verbrämte Germanenkult des 19. Jahrhunderts niederschlägt.

Die Anregung habe ich aus Karen Duves Roman über Annette von Droste-Hülshoff erhalten, deren Heldin Zeitgenossin von Kleist gewesen wäre, wenn dieser nicht so zeitig den Freitod gewählt hätte. Ein tolles Buch, das anregt, „Die Judenbuche“ wieder zu lesen.

Während in der Ukraine weiter der Vernichtungskrieg von Putins Russland tobt und – ganz typisch für den Menschen – immer weiter zur Gewohnheit zu werden droht, habe ich durch den Wälzer aus der Feder von Nino Haratischwili eine Reise zu den Wurzeln des Alptraums unternommen: Tschetschenien. Putins Kriegsverbrechen in der Ukraine haben eine lange Vorgeschichte – man könnte sagen: Tradition.

Eine Enttäuschung war auch dabei, es dürfte mein letzter Anlauf gewesen sein, ein Werk von Robert Seethaler zu lesen.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

Meine dritte Begegnung mit Karen Duves Literatur, Wolfgang Herrndorf sei dank, der sie in „Arbeit und Struktur“ einmal erwähnt hat und mein Interesse weckte. Warum? Herrndorf hat auch andere erwähnt, auf andere Weise, sagen wir einmal so. Und ja, man schaut in eine sehr interessante Zeit, ist dabei, wenn altdeutsch überspannte Studenten poetisieren und lamentieren, berühmte Persönlichkeiten in Erscheinung treten und Frauen nicht einmal die zweite Geige, sondern nur Bratsche spielen dürfen. Nette, die keineswegs nette Annette von Droste-Hülshoff, fällt aus diesem Rahmen und erfreut den Leser mit kleinen und größeren Gemeinheiten gegenüber ihrer Umwelt, nicht war, Herr Grimhelm Wimm?  Und doch: Auch starke Frauen können scheitern. Im Falle der Annette von Droste-Hülshoff ist es ein „Wunder“, dass sie noch zum Schreiben kam.

Heinrich von Kleist: Die Herrmannsschlacht

Der jung verstorbene. Dichter Heinrich von Kleist ist vor allem durch seine Novelle „Michael Kohlhaas“ und die Komödie „Der zerbrochene Krug“ bekannt, sein Werk „Die Hermannsschlacht“ gehört zu den eher unbekannten und ignorierten Stücken. Kein Wunder. Für Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts eine Zumutung. Germanien und seine Völker sind die Deutschen, die von entstellenden Clichés gezeichneten Römer ihre Unterdrücker. Aber – es gibt Herrmann, deutsche Tugenden, Verrat und Rache. Gottlob. Für von Kleist und die meisten seiner Zeitgenossen ein Wunschtraum, hatte Napoleons Frankreich gerade Preußen vernichtet und dem Heiligen Römischen Reich den Todesstoß versetzt. Und doch: Haben die wirklich gern gelesen, dass eine von den Römern Vergewaltigte zuerst vom eigenen Vater getötet, dann in Teile geschickt und als aufrüttelndes Symbol an die germanischen Stämme verschickt wurde? Wenn ja, dann hätten die Franzosen vielleicht besser länger östlich des Rheins ausgeharrt.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die Zutaten dieses Romans sind wie für mich gemacht. Ich lese so gern Geschichten, die sich auf mehreren Zeitebenen entfalten und ihre Erzähllinien langsam ineinander verwickeln. Sind diese noch mit historisch-politischen Aspekten verknüpft, umso besser. Dafür nehme ich gern etwas Info-Dump inkauf, der in dem Roman „Die Katze und der General“ absolut im Rahmen bleibt bzw. sehr geschickt eingeflochten wurde. Dafür hätte Nino Hartischwili gern an der einen oder anderen Stelle kürzen können, insbesondere bei den Kapiteln, die nahe der Gegenwart spielen. Die Vergangenheit ist aber mitreißend, denn sie führt den Leser in hierzulande gern ignorierte Kriege und entlarvt das „Frieden in Europa seit 1945“ als hohles Geschwätz. Schließlich hält der Roman dem deutschen Leser manchmal einen Spiegel vor. Es besteht durchaus die Gefahr, dass man sich schämt.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, vor allem, wenn in der verstrichenen etwas lebensumstürzendes wie das iPhone auf den Markt gebracht wird. Ja, so betrachtet, wirkt der Roman alt. Und doch zeitlos. Wolfgang Herrndorf hat als Titel eine Anspielung auf Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ gewählt, inhaltlich spiegelt sich das nicht unbedingt wider. Allerdings ist der Stil schon sehr prägnant, wuchtig, zielstrebig und dynamisch und ohne moralische bzw. politisch-gesellschaftliche Intention. Weniger leicht und komisch als bei Tschick, weniger erbarmungslos als bei Sand und von der tiefen Hoffnungslosigkeit in Arbeit und Struktur ist nichts zu spüren. Und doch singt ein Ton mit, der in gewisser Hinsicht desillusionierend wirkt. Und das ist Herrndorf bei allem eben doch: ein Desillusionator.

Eine ausführliche Buchvorstellung: hier entlang.

Robert Seethaler: Der letzte Satz

Kein musikalisches Werk habe ich so oft gehört, wie die zweite Sinfonie von Gustav Mahler. Insofern bestand eine gewisse Verpflichtung, in das schmale Büchlein von Robert Seethaler einmal hineinzuhören, denn da geht es um die letzten Monate des Komponisten. Zwei Stunden waren gerade so in Ordnung, ohne die Gehässigkeiten über das Wiener Publikum wäre es unerträglich langweilig gewesen. Man könne über Musik nicht reden bzw. schreiben, heißt es einmal sinngemäß im Buch. Dann lasst es doch, bitte. Danke.

Graham Swift: Ein Festtag

Eine Geschichte, wie ein Alptraum für Anhänger des „Show, don´t tell“-Axioms. Graham Swift erzählt hingebungsvoll. Aus der schwebenden Gegenwart, einem frühsommerlichen Märztag, lässt er seine Protagonistin das Schlafzimmer mit ihrem Geliebten und ihren späteren Streifzug durch das Haus, in weiten Schleifen durch die Vergangenheit ziehen. Aus der fernen Zukunft kommt die Schriftstellerin zu Wort, denn dieser Tag ist nicht nur das (tragische) Ende einer verbotenen sexuellen Leidenschaft, sondern die Geburtsstunde der Idee, zu schreiben. „Es ging darum, eine Sprache zu finden; und es ging darum – und das folgte aus dem Vorherigen  – der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viele mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.“

Ó Cadhain Maírtín: Die Asche des Tages

Sehr passend erscheint mir das Motiv auf dem Cover des kleinen Büchleins: eine Flasche. Die Assoziationen sind eindeutig, Alkoholismus, eine gewisse Verlorenheit und Tragik und Flaschenpost! Wirft man eine Flasche in ein stehendes oder fließendes Gewässer, liefert man sie aus. Aus eigener Kraft kann sie sich nicht fortbewegen, keinen eigenen Willen entwickeln und in die Tat umsetzen. Strömungen und Hindernisse entscheiden darüber, in welche Richtung es geht, wenn die Flasche nicht irgendwo hängenbleibt. Daran musste ich bei der Lektüre dieses geradezu grotesk wirkenden Buches von Ó Cadhain Maírtín denken, deren Hauptfigur N. ähnlich durch einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag irrlichtert.
Man muss das Rad nicht neu erfinden! Eine ausführliche und sehr treffende Rezension zu „Die Asche des Tages“ gibt es auf dem schönen Literatur-Blog Horatio-Bücher.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Dieser Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky ist so vielschichtig, dass es schwerfällt, einen geeigneten Zugang für eine Besprechung zu finden. Ein kleines Beispiel: der „Crazy Nigger Highway“. Dieser rassistische Begriff wird im Roman von den Zeitgenossen als Spitzname für ein ebenso gigantisches, wie vergessenes oder missachtetes Logistik-Unternehmen verwendet, dem ein wesentlicher Anteil für den schnellen Vormarsch der alliierten Truppen zugesprochen wird.

Rund 6.000 Lastwagen betrieben den „Red Ball Highway“ oder „Red Ball Express“, eine Nachschublinie quer durch Frankreich, eine Art Nabelschnur zwischen den wenigen großen Häfen am Atlantik und der nach Osten vorrückenden Front. Die LKW wurden zu drei Vierteln von Afroamerikanern gesteuert, die unmenschliche Belastungen auf sich nahmen, damit der Express nicht zum Stocken kam. Die deutsche Luftwaffe war deren geringstes Problem; Schlamm, Treibstoffverbrauch und Materialermüdung neben der immer weiter reichende Strecke schon eher.

Die Hauptfigur in Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, der US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln (fragt ihn bloß nicht…!), John Glueck, macht sich eines Nachts auf den Weg in den Hürtgen-Wald, dem mythischen, verlustreichen Schlachtfeld der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Wehrmacht, auch „Fleischfabrik“ geheißen. Sein Taxi: Ein Truck auf dem „Red Ball Highway“, gesteuert von einem Afroamerikaner. Dem ersten, dem Glueck in seinem Leben die Hand reicht, obwohl es ihm leicht gefallen wäre, das vorher zu tun.

Vom Hürtgen-Wald nach Vietnam

Es ist eine lehrreiche Nacht. Glueck lernt den Rassismus und die großen Gefahren kennen, die davon für die USA ausgehen, ihre Demokratie und Freiheit. Und den kuriosen Widerspruch, dass diese Armee in den Kampf zieht, um die Freiheit gegen ein zutiefst rassistisches Regime zu erzwingen. Den Rassismus ist die Armee nicht losgeworden, auch im unseligen Vietnam-Krieg war dieser virulent, wie zum Beispiel im Sachbuch „Krieg ohne Fronten“ dargestellt.

Damit ist die Verbindung zum zweiten, wichtigen Erzählmotiv geschaffen: Vietnam. „Propaganda“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt, was mich immer für einen Roman einnimmt. Der Erzähler selbst sitzt im Knast, spätestens seit der Blechtrommel ein vertrautes literarisches Motiv, dem Kopetzky glücklicherweise eine sehr eigenständige, amerikanische und erfreulich abwechslungsreiche Note verleiht.

Der Anlass seiner Einbuchtung ist banal, der Grund hingegen etwas, das die amerikanische Gesellschaft in ihren Fundamenten erschütterte: die Pentagon-Papers. Wie der Autor das einflicht und mit seinem Helden verknüpft, bleibt an dieser Stelle ungenannt, doch soviel darf gesagt sein: Das Thema ist bis in unsere Zeit hochsensibel und brandaktuell, eigentlich Grund genug, einen Roman wie „Propaganda“ zu lesen.

Erzählen ist niemals unschuldig

Der zweite, große Erzählstrang in diesem Buch ist die Erzählkunst, ihre Irrungen, Wirrungen und Untiefen. John Glueck ist selbst Autor, er sitzt ja an seinem ersten Roman, hat als junger Mann an Sommercamps über literarisches Schaffen teilgenommen und läuft während der sich entfaltenden Handlung einer ganzen Reihe amerikanischer Autoren über den Weg: Bukowski, Salinger und natürlich Ernest Hemingway.

Bei der Lektüre habe ich immer wieder an ein Büchlein aus der Feder des französischen Autors Eric Vuillard gedacht. In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ heißt es, nichts sei unschuldig in der Kunst des Erzählens. Ein Brückenschlag zu dem, was „Propaganda“ erzählt, ist einfach, denn unschuldig ist auch hier wenig bis gar nichts, wie Glueck selbst an einer Stelle sehr treffend reflektiert.

Amerikanisch im besten Sinne

Der Erzählstil, den Kopetzky gewählt hat, mutet sehr amerikanisch an, im besten Sinne. Zu meiner großen Erleichterung hat er sich nicht wie so mancher hochgelobter Autor aus den USA in den Sümpfen erzählerischer Selbstgefälligkeit verirrt und seinen Roman mit weitschweifigem Geschwafel überladen.

Von einer einzigen, typisch amerikanischen Szene (Gerichtsmonolog) einmal abgesehen, ist der Roman abwechslungsreich und voller Überraschungen, lang angelegten und exekutierten Verknüpfungen und rasanten Wendungen, die Kopetzky in den historischen Kontext eingebettet hat. Die Hauptfigur ist wunderbar vielgestaltig, Offizier, Schreiber, Liebhaber, mitgenommen vom Leben, deutsch und amerikanisch – ja, ein Gluecksfall.

Wie alle gute Literatur hat „Propaganda“ auch etwas Sperriges, was gemäß literaturbürokratisch orientierten Schreibtipps nie hätte geschrieben, geschweige denn gedruckt werden dürfen. Denn es fordert den Leser, manchen überfordert es auch, doch was macht das schon? Denn unter dem Strich bleibt so viel, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Propaganda im Internet-Dschungel-Krieg

Die Propaganda mag im Ersten Weltkrieg ihre Geburtsstunde gehabt haben, seitdem bilden Propaganda und Krieg ein untrennbares Paar. Beide entwickeln sich weiter, das Bild hat das Wort längst an Bedeutung überflügelt. Dank Apples iPhone ist ein nichtstaatliches Element hinzugekommen, das eine Flut an Bildern liefert und den Wahrheitsgehalt von Information für die Unbeteiligten noch weniger durchschaubar macht.

Der Krieg im Roman wurde 1944 im Wald gefochten, in Vietnam war es der Dschungel, der die Amerikaner so überforderte, dass ihnen wahnsinnige Ideen sinnvoll erschienen (Agent Orange). Die Gegenwart hat ein virtuelles Dickicht gebildet, und aus dem Dunkel dieses Dschungels, in dessen so genannten Sozialen Medien ein ewiger Krieg geführt wird, klingt geschickt gemachte Propaganda besonders schaurig.

Kopetzkys „Propaganda“ auf dem sehr schönen Literaturblog von Kaffeehaussitzer besprochen. Seine treffende Rezension hat einen etwas anderen Schwerpunkt und verrät ein wenig mehr von der Handlung.

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