Alexander Preuße

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Anna Burns: Milchmann

Ein großer Roman, mit dem Booker-Prize ausgezeichnet: Anna Burns, Milchmann.
Cover: Tropen. Bild: Canva.

Anna Burns Roman Milchmann ist im Wortsinne überwältigend. Das fängt mit dem ersten Satz an. Die Autorin spoilert und erzählt, was gewöhnlich erst am Ende des Geschehens offenbart würde. Der Spannung tut das keinen Abbruch, denn zwischen dem, was der Anfang ankündigt, und seiner Vollstreckung liegen viele hundert Seiten, die den Leser in eine Alptraumwelt führen. Zumindest habe ich sie so empfunden: grotesk, gewalttätig, übergriffig, verlogen, kafkaesk und zutiefst deprimierend.

Ein herausragendes Merkmal des preisgekröntem Werks ist seine Sprache, die jene bereits angedeutete Orientierungslosigkeit des Lesers verstärkt. Ich habe lange keinen Zugriff oder Ankerpunkt gefunden, es war mehr das Herumirren in einer gespenstischen. Namen nennt die Autorin selten, die Hauptfigur ist »Mittelschwester«, »Tochter« oder »Vielleicht-Freundin«; viele Personen werden mit dem Verhältnis zu »Mittelschwester« benannt: »Vielleicht-Freund«, »Kleine Schwestern«, »Schwester Eins« und »Schwager Drei«. 

Mit diesem Kniff rückt alles ins Ungefähre, Umnebelte, auch die Handlungsorte, die politischen Verhältnisse, die Gruppierungen und Grüppchen. So entstehen von Beginn an Leerstellen, etwa die Frage, ob die Erzählerin diesen »Irgendwer McIrgendwas« aus dem ersten Satz nicht kennt oder – wenn doch – warum sie ihn so bezeichnet? Und natürlich: Überlebt die Hauptfigur die bedrohliche Lage?

»Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.«

Anna Burns: Milchmann

Ganz besonders auffällig ist, dass bereits im ersten Satz das Schicksal der titelgebenden Figur enthüllt wird. Der »Milchmann« stirbt, genauer gesagt: Er wird getötet. Die Ich-Erzählerin lebt in brutalen, gewalttätigen Verhältnissen. Durch den Kniff, das bereits mit dem Auftakt klarzustellen, wird alles Nachfolgende massiv aufgeladen. Drohungen sind wörtlich und vor allem ernstzunehmen. 

Es ist vor allem die persönliche Konstellation, die der Auftaktsatz ankündigt, die das Buch bis zum Ende trägt. Die ist ungewöhnlich, selbst in einer Welt, in der die sozialen Netze und Kontakte ohnehin absurd ungewöhnlich sind. Schauderhaft, beklemmend und irritierend ungewöhnlich, dazu kalt und lieblos. Ein Nährboden für abgründige Gedanken.

»[…] Erkenntnis, dass man als normaler, gewöhnlicher, sehr netter Mensch den Wunsch hegen konnte, jemanden umzubringen, oder erleichtert war über einen Mord.«

Anna Burns: Milchmann

Trotz der sprachlichen Nebelwerferei ist jedem Leser sehr schnell klar, dass sich das Drama in Irland abspielt, genauer gesagt: Nordirland, jenem blutdurchtränkten Stückchen Erde, das bei Großbritannien blieb, als der Rest Irlands endlich in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der Fanatismus und die unüberbrückbare Gegnerschaft zwischen den Religionen und den – zumeist entlang der konfessionellen Linie entlanglaufenden – politischen Haltungen prägen das Leben.

Burns bleibt vage und wird in ihrer Kritik dennoch deutlich. Massiv lässt sie ihre Erzählerin auf die Heroen eindreschen, die – wie auf allen Orten unserer Welt – politische Instabilität nutzen, um sich ein kleines Stück Macht zu sichern, unter dem Deckmantel des Kampfes für die Sache. An ihnen lässt sie kein gutes Haar, an ihren Gegnern sowie den englischen Sicherheitskräften und ihren Verbündeten auch nicht. Sie alle werden mit boshafter Komik bloßgestellt.

»[…] ›und es nur drei Optionen gibt – wir überleben, wir sterben, wir werden verwundet, wir scheitern, der Staat erwischt uns.‹
Das waren fünf Optionen.«

Anna Burns: Milchmann

Die Hauptfigur existiert in einer übergriffigen Gesellschaft. Gerüchte, Halbwahrheiten, Lügen gehen Hand in Hand mit bornierter Ignoranz sowie politischem und religiösem Fanatismus. Der Konformitätsdruck ist überwältigend, die Schere im Kopf eifrig beschäftigt, von Freiheit so wenig zu spüren, dass ich oft an die Lebensverhältnisse im Stalinismus erinnert wurde.

Möglicherweise steckt im Menschen doch ein kleiner Blockwart, der Inbegriff des kleinen Mannes, der nach einem Brocken Macht hascht. Burns findet starke Worte und Bilder, die entlarvend sind für die Absurdität der Handlungsweisen. Ein Kompressor (wissen Sie adhoc, was das eigentlich ist?) kann zum Gegenstand von weitreichenden Verdächtigungen bezüglich fehlender Loyalität und potenziellem Verrat werden.

Die Frauenfiguren in »Milchmann« kommen ebenfalls nicht allzu gut weg. Mit Hingabe widmet sich Burns den »Groupies« der stolzen Freiheitskämpfer, jener weiblichen Anhängsel, die voller Stolz zu ihren Heroen aufblicken und gerade von deren Missetaten angezogen werden. Auch die Mutter oder die ältere Schwester, traditionell eher Schutzfiguren in Romanen, sind Teil des immensen Drucks, unter dem die Hauptfigur steht.

»Und erst da erkannte ich, wie sehr ich mich eingeigelt hatte, wie sehr ich mich von diesem Mann in ein sorgfältig konstruiertes Nichts hatte navigieren lassen. Genauso von der Gemeinschaft, vom geistigen Klima, von den vielen kleinen Übergriffigkeiten.«

Anna Burns: Milchmann

Inmitten dieses gesellschaftlich äußerst problematischen Klimas gerät die Hauptfigur besonders unter Druck, weil ein viel älterer Mann ihr nachstellt. »Milchmann« ist nicht Irgendwer, sondern mit einer der politischen Gruppierungen verbunden, ein Machtmensch, der gegenüber der Erzählerin keine Zweifel daran lässt, dass er bekommen wird, was er will. Obwohl der Leser das Schicksal dieses Zudringlings bereits im ersten Satz erfährt, entsteht eine ungeheure Beklemmung über die ganze Handlung hinweg.

Positive Figuren sind rar in diesem Roman. Ein – keineswegs zufällig gewählter – »echter« Milchmann etwa, der sich um die Hauptfigur kümmert, als diese in Schwierigkeiten steckt. Aber auch die Heldin selbst muss sich eingestehen, dass sie im Laufe der Zeit die Fähigkeit eingebüßt hat, anderen zu vertrauen, die grundlegende Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, auf das sie sich stützen könnte; sie hat sich auch selbst isoliert, wie sie irgendwann selbst begreift. Ob und was daraus folgt, erfährt man auf den letzten Seiten des Romans.

Anna Burns: Milchmann
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Taschenbuch
Tropen
ISBN: 978-3-608-50508-5

Talent und Thema

Kann Selfpublishing Literatur oder bleiben Verlage eine unerlässliche Vermittlungsinstanz? In beiden Fällen bestehen Zweifel. Eine ergänzende Antwort zu einem anregenden Blogbeitrag.

Literaturblogs bieten das, was Instagram niemals schaffen wird: ausführliche, differenzierte und zum Nachdenken anregende Beiträge. Mit etwas Glück entwickelt sich daraus ein kleiner Meinungsaustausch. In Twitter-Zeiten ist es wohl nötig, darauf zu verweisen, dass das nicht gleichbedeutend mit einem Streit oder gar wutentbranntem Gepöbel ist, sondern es sich um einen respektvollen Austausch handelt.

Zuletzt hat es einen für mich hochspannenden Artikel bei Kaffeehaussitzer zu lesen gegeben, der einen Blick durch die Verlagsbrille auf das Wesen des Selfpublishing bietet (und davon angeregt einen lesenswerten Beitrag von Sören Heim). Dank des zurückhaltenden Duktus, des Eingeständnisses, dass die dynamische Entwicklung des Buchmarktes allgemein und des Selfpublishings besonders, Gesagtes schnell überholen könnte, ist der Text ausgesprochen angenehm zu lesen.

Als Autor in spe, der seine ersten Werke selbst auf den Markt bringen muss, sehe ich überhaupt keinen Grund, beleidigt zu reagieren oder Gatekeeping-Absichten zu wittern. Warum auch? Ich mache die Selbstpubliziererei nolens volens, weil meine Versuche, mich bei Agenturen und Verlagen zu bewerben, fruchtlos geblieben sind. Ich kann also nur eine begrenzte Aussage darüber treffen, ob ich mich als Verlagsautor oder Selbstpublizierer wohler fühlen würde – derzeit kenne ich weder die eine noch die andere Seite.

»[…] vor allem Juan Cerezo, der sich die Mühe gemacht hat, das Buch Wort für Wort durchzusehen, mit einer Intelligenz, einer Hingabe und einer Liebe, die nur noch wenige Verleger besitzen und die wenigsten investieren.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte.

Qualität und Talent als Auswahlkriterium?

Meine Wahrnehmung als Leser, der mittlerweile einige Bücher von Selfpublishern und einige tausend im Verlag erschienene gelesen hat, lässt einige Fragezeichen bei verschiedenen Aussagen über die Qualität von Literatur aufscheinen. Leider garantiert ein Verlag keine Qualität (mehr?), leider erscheinen mir weder Talent noch sprachliches bzw. literarisches Niveau unbedingt ausschlaggebend; eher etwas, das ich als »Vermarktbarkeit« bezeichnen würde.

Das bezieht sich vor allem auf den Urheber des Buches und bestimmte inhaltliche Kriterien, die ich aus meiner Zeit als Schreiberling im Bereich von Aktienmärkten und Startups unter der Rubrik »MeToo«-Produkt kennengelernt habe. Es meint eine Form der Produktanalogie zur Risikovermeidung, Hand in Hand mit inhaltsfreien Vermarktungssternchen am Marketingfirmament. Aus gutem Grund!

Aktienkäufer halten sich für rational und individuell, handeln aber doch mehrheitlich emotional und im Herdentrieb. Autoren und Leser sind durchaus ähnlich. Jeder würde gern eigenständig sein, frei, kritisch denkend und neue Wege beschreitend. Doch überwiegen Angst und Unsicherheit, man sucht Anlehnung – und findet sie in dem, was andere auch schreiben oder kaufen.

»Besonders von der am häufigsten angesprochenen Qualitätssicherung durch Verlage habe ich, der wahrscheinlich 150 bis 200 Bücher im Jahr liest, zumindest noch nicht viel bemerkt.«

Sören Heim, Schriftsteller und Journalist, 4. September 2022

Schönreden?

Natürlich liege ich mit dieser Aussage im Wirkungsbereich des Vorwurfes, ich wollte mein eigenes Scheitern schönreden. Meinetwegen. Doch ändert das etwas am Gehalt meiner Worte? Ich bin ja auch Leser und das, was ich gesagt habe, entspringt Enttäuschungen bei Buchkäufen. Ich habe mich oft gefragt, wie das Machwerk durch ein Lektorat gekommen sein kann.

Wichtig ist mir dabei, dass ich derlei Kritik nur äußern kann, weil ich entsprechende Bücher kenne, die den Anspruch von Qualität erfüllen. Es gibt sie tatsächlich, man kann auf meinem Blog eine ganze Reihe davon finden; auf anderen, guten Literaturblogs hunderte, tausende, die Aussagen á la »alle Verlage machen das Gleiche« als absurden Nonsens entlarven, weil die Vertreter dieser Meinung von ihrem eigenen, suppentellerengen Leseverhalten auf den Markt schließen.

Gerade deswegen entsetzen mich manche Verlagstitel, stoßen mich regelrecht ab. Das fängt schon bei den Covern an, wenn das hundertste Buch eine Frau zeigt, die sich dem Leser über die Schulter blickend zuwendet, während sie irgendetwas entgegenstrebt; oder den römischen Soldaten in Kampfmontur mit blutigem Schwert; oder die Pastellfarbenregale; oder; oder. Und es geht innen weiter – wenn Schreiben wie Malen nach Zahlen sich entlang von Schreibratgebern hangelt und abwegigen Dogmen (show don´t tell) folgt. Bestsellerromane wirken manchmal wie ausgefüllte Formulare.

Mit je einem Fuß in verschiedenen Welten

Ich bin alt genug, um meine Grenzen zu kennen. Daher weiß ich, dass ich als Leser bzw. Buchblogger in der einen und als Schriftsteller in der anderen Welt stehe, auch wenn ich es gern anders hätte. Die Absagen von Agenturen und Verlagen waren nachvollziehbar, auch wenn ich das Buch, das bald veröffentlicht wird, so nirgends vorgestellt habe. Die Version, die ich seinerzeit eingereicht habe, hat mit der finalen glücklicherweise nur noch wenig zu tun.

Und trotzdem: Es ist nicht das, was ich als Leser schätze und statt Schreibratgebern als Leitstern sehe, an dem ich mich als Schriftsteller orientiere. Meines Erachtens kann man gute Literatur nur schreiben, wenn man solche auch liest. Damit ist die wesentliche Frage aufgeworfen: Was ist gute Literatur und wer kann sie schreiben? Kaffeehaussitzer bringt Talent ins Spiel (und zitiert Goethe, der auf den Fleiß verweist). Hier darf ich vehement zustimmen – und einen Gesichtspunkt ergänzen: Thema.

»Das Quäntchen, das einen Text besonders macht, das ihn zu Literatur werden lässt, die berührt, die begeistert und die mitten ins Mark trifft – das ist nach wie vor kein Handwerk, sondern das Talent der Schreibenden.«

Uwe Kalkowski »Kaffeehaussitzer« 27. August 2022

Gute Literatur braucht Talent und Thema

Klaus Mann, der Sohn von Thomas Mann und Neffe von Heinrich Mann, war zweifelsfrei mit Talent gesegnet. Und mit Fleiß, wie der Berg an Schriften zeigt, die er in seinem recht kurzen, wechselhaften, durch Flucht, Exil und heftigen Enttäuschungen nach der Rückkehr gebrochenen Leben im kalten Schatten des berühmten Vaters geschaffen hat. Trotzdem hat es etwas gedauert, bis Mann – aus meiner Sicht! – jene Bücher geschrieben hat, die für mich gute Literatur sind.

Wenn man die Romane Klaus Manns liest, bemerkt man den Bruch recht deutlich. »Symphonie Páthetique« hat bereits ein ganz anderes Niveau als die ersten Romane, »Mephisto« ist noch einmal eine wesentliche Steigerung. Auch jenes autobiographische Werk namens »Der Wendepunkt«, das Mann zunächst auf Englisch schrieb, später auf Deutsch übersetzte, kürzte und erweiterte, spiegelt die Entwicklung wider.

Das liegt vor allem daran, dass Mann endlich ein Thema gefunden hatte: Faschismus und Nationalsozialismus. Der Karriereroman eines Künstlers, der sich den Nazis anbiedert, »Mephisto«, ist aus diesem Grund gute Literatur. Ich würde die Behauptung wagen, dass Klaus Mann ohne sein Thema das ihm gegebene Talent und seinen Fleiß möglicherweise nicht hätte in gute Literatur umwandeln können.

Was ist ein Thema?

Natürlich könnte man behaupten, jeder Roman habe ein Thema. Geschenkt. Themen, von denen ich spreche, sind bitte nicht mit dem zu verwechseln, was in Genre- oder Schlagwortangaben von Büchern steht oder den Marketingtexten bejubelt wird. Themen sind das, was allgemeine Grundlagen des Lebens berührt. »Liebe« ist keines dieser Themen, Liebe im Rahmen spezieller gesellschaftlicher oder familiärer bzw. persönlicher Umstände kann eines sein.

Ein kleines Beispiel: »Stolz und Vorurteil«. Hier geht es um Liebe – auf den ersten Blick. Doch eigentlich steht im Fokus, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Frauen in dieser Zeit einwirken und verschiedene Wege (manche richtig, manche falsch) ebnen oder versperren; die erzählerische Qualität rührt u.a. daraus, dass hier eine ganze Reihe unterschiedlicher Pfade aufgezeigt und in ihren Konsequenzen beleuchtet werden. So entsteht tatsächlich ein Thema, so entsteht Literatur.

Große Literatur hat immer ein Thema, meist mehrere Themen, ineinander verschlungen und verwickelt. Talent zeigt sich auch in der Befähigung, dem eine Struktur zu geben, es in eine Form zu gießen und sprachlich so aufzubereiten, dass daraus eine Erzählung entsteht. Der Autor steht dabei in einer möglicherweise jahrelangen, erbitterten Auseinandersetzung mit seinem Stoff; manchmal scheitert er auch.

Verlag – notwendiger Puffer?

Kann das Selfpublishing oder ist die Verlagsinstanz dazwischen unumgänglich? Tatsächlich bin ich bei meinen noch recht begrenzten Streifzügen durch den Selfpublisher-Bereich auch auf Texte gestoßen, die ein Thema zumindest berühren und – trotz aller anderen Schwächen – einen Schritt Richtung Literatur gemacht hatten. Ein Problem, das Kaffeehaussitzer genannt hat, ist und bleibt: Wie soll man Perlen finden, wenn sie denn irgendwo geschrieben werden?

Wenn ich also oben gesagt habe, dass meine eigenen Schreibversuche sich an dem orientieren, was ich als Leser als gute Literatur wahrnehme, dann meine ich vor allem das: die Erzählung auf dem Fundament eines Themas zu errichten. Ich habe das für meine historische Buchreihe versucht, gehüllt in den Mantel eines Abenteuers. Ob das gelungen ist? Meine Meinung dazu spielt in diesem Falle keine Rolle, denn bei meinen eigenen Texten falle ich als Leser leider aus.

Dieser Beitrag ist angeregt durch die beiden verlinkten Blog-Texte, deren Lektüre ich hier noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Der Roman des Cubaners Leonardo Padura gehört zu den drei besten, die ich je gelesen habe.

Wie bringt man jemanden dazu, einen Menschen zu töten? Auf diese Frage gibt es unzählige Antworten, abhängig davon, unter welchen Umständen der Tötungsakt vollzogen werden soll. Der cubanische Schriftsteller Leonardo Padura führt in seinem großen Roman vor, welchen Weg Ramón Mercader, der Mörder von Leo Trotzki, gegangen ist; oder besser: entlang getrieben wurde, denn erst eine massive Manipulation unter anderem seitens der eigenen Mutter sowie Mitarbeitern von Stalins Geheimdienst hat ihn zu der Bluttat befähigt.

Die Vielschichtigkeit der Charaktere in »Der Mann, der Hunde liebte« gehört zu den Stärken des Romans. Wenn ich Ramóns Mutter und Geheimdienst-Schergen den Schwarzen Peter im einleitenden Absatz zuschiebe, bleibt wenig Raum für Verständnis; ihr Antrieb zum Handeln ist aber ebenfalls vielschichtig, sie haben alle ihre Beweggründe, die sie aber auch als Waffe einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen, oft verstärkt durch Lügen.

»Ich war gläubig, aber ich habe dich gezwungen, an Dinge zu glauben, von denen ich wusste, dass es Lügen waren.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Padura hat zum Glück eine brillante Entscheidung getroffen und seinem Roman eine angemessen komplexe Struktur gegeben, statt sich nur auf die Geschichte des Mörders zu beschränken. Wer nun ein zähes Leseerlebnis befürchtet, sei beruhigt: Die Erzählung umschlingt den Leser unmittelbar und lässt ihn bis zum bitteren Ende nicht mehr los. Komplex heißt nämlich, dass schon die drei zeitlich getrennten, inhaltlich aber eng miteinander verwobenen Erzähllinien für eine immense Abwechslung und Spannung sorgen.

Das Endergebnis, der Tod Leo Trotzkis, steht mit der ersten Zeile des Romans fest, denn die ist nichts anderes als eine karge Zeitungsnotiz, gefolgt von dem Auszug eines Verhörprotokolls, in dem der Mörder schildert, wie er – mittels eines Eispickels – die Tat ausführt und wie – sehr wichtig! – Trotzki darauf reagiert. Diesen beiden Anfängen schließt sich die Schilderung einer Beerdigung an, nicht etwa des gemeuchelten Revolutionärs, sondern der nach langer Krankheit verstorbenen Frau des Erzählers namens Iván.

Kaum hatte Ramón Pawlowitsch den Hörer aufgelegt, hörte er wieder den Schrei.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Man stolpert also ein wenig in diese große Erzählung, ist verständlicherweise etwas verwirrt und orientierungslos – ein angemessener geistiger Zustand für diesen Roman. Denn für Iván, den – wie immer bei Padura – unvollendeten Schriftsteller, bricht durch seine Begegnung mit dem »Mann, der Hunde liebte« eine Welt zusammen. Der Zusammenbruch vollzieht sich langsam, streckt sich über Jahre und ist gewissermaßen eine Parallele zur Agonie des Sowjetreiches, ehe es schließlich innerhalb weniger Wochen implodierte.

Im Falle Iváns zerfällt sein Glaube an eine Ideologie zu Staub, während die Erkenntnis reift, über Jahre, Jahrzehnte hinweg belogen und betrogen worden zu sein. Als Kommunist auf der Insel Cuba unter dem Regime von Fidel Castro sah sich Iván als Mitstreiter für eine bessere und gerechtere Welt, was ihn übrigens sowohl mit Trotzki als auch mit dessen Mörder Ramón verbindet.

Ein naiver, zunächst aufstrebender Mitstreiter, dem das Regime auf brutale Weise klarmacht, dass es in Wahrheit um Konformismus geht und jede Form von Abweichung, ob gewollt oder unbewusst, erbarmungslos geahndet wird. Iván wird fast alles genommen, was sein Leben hätte ausmachen können – trotzdem ist die Konfrontation mit der Wahrheit, den unendlich brutalen, erbarmungslosen und zutiefst verlogenen Abgründen des Stalinismus auch für den Geschlagenen und Geprügelten ein tiefer Schock.

Den eigenen Glauben an eine gerechte Welt zu verlieren, ist eine Sache; die kommunistische Wirklichkeit als verlogene Hölle auf Erden zu durchschauen, eine ganz andere. Das verbindet Iván ebenfalls mit Trotzki und dem Attentäter Ramón. Alle drei machen eine Phase der Ernüchterung durch, der schmerzhaften Erkenntnis, dass ihre Träume nur als Alpträume realisiert worden sind.

Doch war meine erste Reaktion die, dass ich mir leidtat, ich und all jene, die an die in der damals untergegangenen Sowjetunion erreichte Utopie geglaubt hatten.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Padura doziert nicht. Er lässt den Leser miterleben, wie sich die drei Protagonisten Stück für Stück inmitten dieser grausamen Flut bewegen, abstrampeln und von ihr mitgerissen werden. Es ist auch ein Roman über mein ganz persönliches Herzensthema, wie der Einzelne  dem Phänomen namens Macht gegenübersteht. In Stalins Reich spielte das Individuum keine Rolle, auch wenn es sich mit vielen anderen zu Millionen aufsummierte; alles wurde dem Machterhalt untergeordnet, der vorgeblich dem Erreichen einer besseren Welt diente.

Während Iván und mit Abstrichen auch Ramón tatsächlich keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge hatten, gilt das nicht für Leo Trotzki. Der ist selbst ein Massenmörder gewesen, ein roter Blutsäufer in himmelschreiendem Ausmaß. Auf sein Konto gehen – zum Erhalt der Macht – Entscheidungen, die Millionen Menschen in den Tod gerissen haben. Lange vor Stalins unmenschlichem Regime ist das (Lenins und) Trotzkis nichts anderes gewesen als eine erbärmlich verbrämte Schreckensherrschaft.

[…] und ohne Gesetz und Gnade eine rote Schreckensherrschaft zu installieren und mit Feuer und Schwert eine dahintaumelnde Revolution zu retten, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Wie kann man einem solchen Monster anders als mit tiefgreifender Antipathie folgen? Paduras Kniff ist, dessen Geschichte in dem Augenblick beginnen zu lassen, da er selbst zum ohnmächtigen Opfer wurde und vor ihm ein langer, qualvoller Weg in Bedeutungslosigkeit und Tod lag. Vor allem aber dessen hellsichtige Klarheit über das Stalinregime und dessen irrsinnige politische Manöver, die mithalfen, Hitler an die Macht zu bringen und Franco den Sieg in Spanischen Bürgerkrieg einzufahren, wecken ein gewisses Maß an Respekt.

Ramóns Weg beginnt später, in jenem Spanischen Bürgerkrieg. Zwischen seiner und der Erzähllinie Trotzkis liegen zunächst Jahre, der zeitliche Abstand schmilzt peu á peu dahin, je näher sich die Handlung dem Attentat nähert. Padura hat keinen Thriller verfasst, obwohl die Spannung über das »Wie« des Tötungsaktes bleibt; es geht ihm um eine Entzauberung, die der Mord für Ramón, aber auch für die gesamte Sowjetideologie bedeutet. Pars pro toto – ein Akt stellvertretend für ein ganzes Weltbild, das von Menschenfeinden bis in die Gegenwart verfochten wird.

Iváns Perspektive, die sich immer wieder in diesen tödlichen Paartanz zwischen Trotzki und Ramon, Opfer und Mörder, (Massen-)Mörder und Opfer, hineinwindet, füllt die öde Polit-Phrase vom Lernen aus der Geschichte mit Leben. Schmerzhafte Entscheidungen und Prozesse sind unvermeidlicher Teil dieses Lernens, das sonst keins ist. Es verlangt Taten, die sich mit der gepflegten Ideologie nicht vereinbaren lassen.

Padura führt seinen Leser durch Szenen von abgründiger Beklemmung, er braucht die Folterkeller in Stalins Reich nicht zu betreten, es reicht, einem der Schauprozesse beizuwohnen. Besondere Intensität wohnt der letzten Wegstrecke inne, die der Mörder zurücklegt, ehe er das Attentat ausführt. Zu den Kuriositäten der Literatur gehört, dass Spoiler die Spannung keineswegs zerstören (müssen), im Gegenteil: Jeder weiß, dass der Mord gelingt, dennoch ist die einengende Spannung schwer erträglich.

»[…] und deswegen habe ich euch, meine Kinder, zu dem gemacht, was ihr seid: Kinder des Hasses.«

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte

Ramón Mercader ist zu einem Killer ausgebildet worden, angefüllt mit Hass und auf vielfältige Weise manipuliert. Dennoch nagt der Zweifel an ihm wie eine gefräßige Ratte an einem Kadaver; er weiß, dass er eine Marionette geworden ist, er weiß, dass ihm der Tod droht, er spürt die Schwäche seiner Beweggründe und das knackende Eis unter seinen Füßen und trotzdem schreitet er zur Tat. Es mag sein, dass Wissen Macht ist; doch schützt es weder vor Ohnmacht noch vor Verbrechen.

Der letzte Teil des Romans trägt – anders als die ersten beiden – einen Titel: Apokalypse. Er trägt ihn zurecht, denn wie ein Hammer trifft auch den Mann, der Hunde liebte, die Erkenntnis vom tiefen Verrat an allem, was er geglaubt hat. Man stelle sich vor: Das gesamte Leben, alle Träume von einer gerechteren Welt, der Glaube an die Sowjetunion und ihre Führer zerfallen zu Asche, aus der wie ein Phönix eine blutgetränkte Wahrheit emporsteigt, die alle eigenen Opfer in Mittäterschaft verwandeln. Folgerichtig trägt das finale Kapitel den Titel: Requiem.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Ein wunderbares Zitat aus dem Buch von J.R.R. Tolkien, das nur dann enttäuscht, wenn man es mit den gleichen Maßstäben misst, wie seinen Roman »Der Herr der Ringe«.

Mein erster Kontakt mit dem Fantasy-Epos »Der Herr der Ringe« geht auf das Jahr 1980 zurück. Der grüne Dreiteiler lag  unübersehbar auf dem Schreibtisch eines Freundes, es brauchte keine fünf Minuten, um mich vom Kauf zu überzeugen; gelesen habe ich ihn aber erst nach »Der kleine Hobbit« und – nicht lachen – war anfangs etwas enttäuscht, weil nicht etwa Bilbo, sondern ein gewisser Frodo die Hauptlast in Form eines kleinen, goldenen Ringes zu tragen hatte.

Seine Fahrt bis zum Schicksalsberg und darüber hinaus ist und bleibt eines der größten Abenteuer der Literatur. Das liegt auch an einem Buch, das ich erst jetzt, vier Jahrzehnte später, gelesen habe. Seinerzeit hieß es, »Das Silmarillion« wäre nicht so gut wie »Der Herr der Ringe«. Das stimmt und stimmt zugleich überhaupt nicht, denn beide Bücher gehören zwei völlig unterschiedlichen literarischen Spezies an. Sie lassen sich nicht über den gleichen Kamm scheren.

Damit komme ich bereits zur ersten wichtigen Empfehlung, was die Lektüre von »Das Silmarillion« anbelangt: weg mit den Erwartungen! Wer das Buch zur Hand nimmt, sollte den Ringkrieg aus seinem Kopf verbannen, sonst ist eine derbe Enttäuschung vorprogrammiert, einschließlich der Gefahr, das Buch gleich wegzulegen. Und das hielte ich für einen schweren Fehler, denn »Das Silmarillion« hat eine Menge zu bieten, wenn man die Geduld aufbringt, das sperrige Werk langsam in sich aufzunehmen.

Dem Westen sind unsere Herzen zugewandt, und wir glauben, dass wir dort Licht finden.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Die ersten Kapitel erinnern sehr an die Bibel, dem Leser treten keine handelnden Figuren entgegen, sondern Teile eines Schöpfungsprozesses, den Eru oder Illuvater in Gang setzt. In der kleinen Flut an Namen und Orten kann der verwöhnte Leser, der auf Action und unmittelbares Erleben von Handlungsspannung fokussiert ist, leicht ertrinken. Es passiert in diesem Sinne nichts, in anderem schon, denn man wird Zeuge, wie eine neue Welt entsteht.

Der Leser erfährt so eine ganze Menge über Personen und Umstände, die ein »Aha!« provozieren. Sauron; Melkor bzw. Morgoth; die Balrogs, von denen es eine ganze Menge mehr gab als jenen in den Tiefen Morias. Spätestens beim Aufstieg dieser dunklen Gestalten bekommt »Der Herr der Ringe« nachträglich einen gewaltigen Schub, denn erst jetzt wird dem Leser richtig bewusst, wem die Halblinge und ihre Gefährten wirklich gegenüber stehen und wer ihnen in Gestalt von Gandalf, Galadriel und Elrond zur Seite steht.

Immer wieder gibt es jene kleinen Glücksmomente, wenn etwas, das man als Wiederholungsleser des Ringkrieges bereits gut kennt, erheblich mit Bedeutung aufgeladen wird; das ist ein einmaliges Erlebnis, denn in welcher anderen Fantasy-Welt wäre das überhaupt möglich? Die ernüchternde Antwort: in keiner.

Der Leser wird Zeuge eines Weltenbaus. Oft hat mich »Das Silmarillion« an den Schreibprozess selbst erinnert. Anfangs ist alles öde und leer, dann ist Musik zu hören – eine Form der Inspiration, die ich für mich anders empfinde. Was daraus folgt, ist allerdings ähnlich, denn diese Musik setzt einen schöpferischen Prozess in Gang. Peu á peu entsteht eine neue Welt, wird umgeformt und neu gestaltet, ausgefüllt, Licht kommt ins Dunkel, Leben entsteht, erste Konflikte kommen auf und dann gerät die Erzählung langsam in Gang.

Die Lügen aber, … , sind eine Saat, die nicht stirbt und nicht vernichtet werden kann; und von Zeit zu Zeit treibt sie neue Sprossen und wird ihre dunkle Frucht tragen bis zum letzten Tage.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

»Das Silmarillion« ist in gewisser Hinsicht wirklich »nicht so gut« wie »Der Herr der Ringe«. Tolkiens Hauptwerk werden immer wieder besondere Stärken attestiert, vor allem die Sprache, die Historie, der reiche Schatz an überlieferten Geschichten und Sagen, die bis zum Beginn der Schöpfung Mittelerdes reichenden Wurzeln seiner Erzählung und nicht zuletzt die epischen Schlachten.

Derlei enthält »Das Silmarillion« auch. Was fehlt ist jener Part, der für mich den Ringkrieg im Zusammenspiel mit den übrigen Aspekten zu einem herausragenden Werk macht, der brillant getimte Wettlauf nach dem Ring, eingebettet in parallel verlaufende dramatische Kriegstage. Tolkien war ein Meister des Timings, nicht umsonst hat er gesagt, er habe die weise Entscheidung getroffen, mit einer Karte begonnen zu haben. 

Was im »Silmarillion« bereits eine große Rolle spielt, sind Lüge und Verrat. Die Erzählungen, los zusammenhängend und einander zeitlich oft überlappend, sind wie Fingerübungen für die großen und kleinen Untreuen, die im »Der Herr der Ringe« für grandiose Überraschungen und Handlungswendungen sorgen. Saruman, Denethor und andere haben ihre Vorgänger, aber auch jene, die treu zu ihren Eiden und dem Licht stehen.

Wer hat den Dunklen König im Norden gesehen? Wer hier nach Herrschaft über Mittelerde strebt, sind die Eldar. In ihrer Gier nach Schätzen und Geheimnissen haben sie in der Erde gegraben und den Zorn derer erregt, die unter ihr wohnen, seit je und immer. Last den Orks ihr Reiche, und wir werden da unsere haben! Platz genug ist in der Welt, wenn ihn die Eldar uns nur gönnen.

J.R.R. Tolkien: Das Silmarillion

Das Zitat ist auf eine gespenstische Weise aktuell. Die Verdrehung von Ursache und Wirkung, die Zuschreibung der eigenen bösen Absichten auf andere und die Behauptung, es gäbe ein Nebeneinander beider Welten, der des Lichts und der Dunkelheit, wirkt wie eine poetische Umschreibung dessen, was tagtäglich an propagandistischer Desinformation auf den freien Westen einprasselt.

Nach dem Ende des eigentlichen Silmarillions verfolgt der Leser noch Aufstieg und Untergang Numenors, jenes Menschenvolks, aus dem auch Aragorn und seine Dunedain entstammen. Viele Dinge, die im Der Herr der Ringe geschildert werden, erhalten einen tieferen Sinn – etwa der halb verstorbene Baum in Minas Tirith. Auch über Sauron erfährt der Leser bemerkenswerte Dinge, die im Ringkrieg eine Rolle spielen.

Ein weiterer Tipp: Erwerben Sie den herausragenden »Historischen Atlas Mittelerdes« von Karen Wynn Fonstad und betrachten Sie die Karten, während Sie gemächlich Kapitel für Kapitel durch »Das Silmarillion« schmökern, wie durch ein Buch mit Märchen oder Sagen, die allerdings miteinander verknüpft sind und mehr und mehr zu einer romanartigen Handlung verwoben werden.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Venedig ist in diesem großen, europäischen Roman Sinnbild für die zerstörerische Kraft des Massentourismus und für das erstickende Übermaß an Geschichte, das Europas Weg in die Bedeutungslosigkeit ornamentiert.

Zu den wenigen Dingen, die ich vorbehaltlos verachte, gehört der Drang nach touristischer Authentizität. Wenn in Reiseführern die Rede von authentischen kulinarischen Genüssen, Erfahrungen oder ähnlich abstrusem Krams ist, verspüre ich Brechreiz. Der Grund ist nicht zuletzt Heisenberg: Seine Unschärferelation gilt nicht nur in der Physik, sie gilt überall. Den »neutralen«, erlebenden Beobachter gibt es nicht, die bloße Anwesenheit beeinflusst und verändert bereits. Authentizität ist unmöglich.

Der aus den Niederlanden stammende Autor Ilja Leonard Pfeijffer verschafft in seinem Roman einigen obskuren Authentizitäts-Autisten einen gespenstischen Auftritt, der den Leser in einen Zustand flammender Wut und angeekelter Abscheu versetzt. Es ist eine derart eindrückliche Stelle, dass ich mich beim Wiederhören vor ihr ein wenig gefürchtet habe – völlig zu Recht. Pfeijffer führt vor, erbarmungslos und für den Leser bzw. Hörer in diesem speziellen Fall schwer erträglich.

Aber ich schwieg. Ich hatte die Diskussion bereits in Gedanken gewonnen und es wäre schade, diesen Triumph durch die Konfrontation mit der widerspenstigen Realität zu gefährden.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Zum Glück verfügt der Schriftsteller über ein immenses sprachliches Ausdrucksvermögen, was den Roman ungeheuer unterhaltsam macht. Er bedient sich einer wundervollen Form der Verschleierung, nämlich barocker Höflichkeit, deren manierierter Gestelztheit er mit boshafter Ironie und manchmal deftigen Worten den nötigen Ausgleich verschafft. Besonders gefällt Pfeijffers Hang, sich selbst ohne Scheu zu überheben und wenige Absätze weiter wieder vom Sockel der Selbstgefälligkeit zu stürzen. Er teilt in alle Richtungen aus, auch gegen sich selbst.

Das Reisen der Massen ist nur ein Thema, das in Grand Hotel Europa verhandelt wird, allerdings ein wichtiges. Es geht, wie man am Zitat sieht, um die Selbstzerstörung des Tourismus – und des Menschen an sich. Was gäbe es für einen passenderen Ort als Venedig, um das vorzuexerzieren?

Der Tourismus zerstört, wovon er angezogen wird.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Pfeiffer lässt den Leser leiden, indem er ihm auf schmerzhafte Weise vorführt, was vor Ort schiefläuft. Dazu wählt der Autor ein geschicktes Mittel in Form des Stilwechsels. Individuelle Beobachtungen von – schrecklichen – Touri-Zeitgenossen wechseln mit informativen Passagen, die einen essayistischen Charakter haben und genau ausführen, von was eigentlich die Rede ist. Diese Wechsel verleihen dem Roman einen ganz besonderen Reiz.

Doch ist Tourismus nur eine Facette des gleichen Themas, denn ihm wird die unfreiwillige Migration zur Seite gestellt. Der junge Mann auf dem Titelbild steht für Abdul, den Piccolo des Grand Hotels Europa, in dem der Erzähler sich einquartiert hat. Er ist ein Flüchtling aus der Wüste und hat eine ganz andere Reise hinter sich als die Flip-Flop-Scharen, die aus den Kreuzschiff-Giganten wälzen und den Markusplatz überfluten.

Der Roman bezieht Position. Touristen gelten Pfeijffer gemeinhin als willkommen, sind in Wahrheit jedoch Zerstörer; (fliehende) Migranten werden als unwillkommene Eindringlinge gefürchtet, sind jedoch potenzielle Helfer, die beitragen könnten, Krisen (auch in Venedig) zu bewältigen.

Ich erzählte ihm von meiner Idee, ein Buch über den Tourismus zu schreiben. ›Sie möchten also über die barbarische Invasion schreiben‹, sagte Patelski. ›Man hält den Tourismus im Allgemeinen für ein Geschäftsmodell und stimuliert ihn. Dabei ist er eine Bedrohung. Er bildet eine interessante Parallele zur angeblichen Invasion der Afrikaner, die man für eine Bedrohung hält, obwohl sie eine große Zukunftsperspektive birgt.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Die beiden Formen der Mobilität verbindet Pfeijffer äußerst geschickt mit seinem zweiten Anliegen. Europa wäre ein Ort der Geschichte, einzigartig in der Welt. Während anderswo die Zukunft im Fokus stehe, Altes abfällig betrachtet und gern abgerissen würde, lebe Europa von und in der Vergangenheit. Dank Deindustrialisierung und dem Aufstieg anderer Regionen wäre der Tourismus, befeuert von der musealen Historie des Alten Kontinents, für Staaten wie Italien und Griechenland längst unverzichtbare Lebensader.

Die beiden Hauptfiguren, der Autor selbst, der den Ich-Erzähler mimt, und seine italienische Muse Clio, stecken persönlich in diesem Sumpf aus Gestern. Die Geschichte wird ausgehend vom Grand Hotel Europa retrospektiv erzählt, dabei springt der Roman munter zwischen den Zeitebenen und Stilen hin und her. Der Leser folgt der Geschichte der beiden, die sich durch einen Zufall kennenlernen, ein Paar werden, in einer weiteren Erzähllinie einem hübschen Geheimnis um Caravaggio nachgehen und sich zerstreiten.

Die Stadt wird nur noch von den Geistern der Vergangenheit bewohnt.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Das weiß der Leser bereits am Anfang des Romans, denn der Ich-Erzähler ist im Grand Hotel Europa, um Wunden zu lecken und seine Beziehungs-Bauchlandung zu verarbeiten. Clio ist Kunsthistorikerin, sie entstammt einer sehr alten italienische Familie aus Genua. Sie verkörpert somit einen Teil der Geschichte und steckt wörtlich in ihr fest, denn an ein – für Länder nördlich der Alpen selbstverständliches – berufliches Fortkommen ist im historisch-sozial verkrusteten Italien nicht zu denken. Wohlgemerkt: Norditalien, nicht Mezzogiorno.

Mit dieser Beziehung erhält der Roman etwas Spielerisches, denn Pfeijffer weidet sich daran, sie in Szene zu setzen. Sex-Szenen spielen auch eine Rolle und sind sprachlich ganz wunderbar gestaltet. Es kann dabei schon vorkommen, dass der Autor sich mitten im Geschehen entschuldigend an den Leser wendet und die Örtlichkeit dafür verantwortlich macht, dass er die gewohnte sprachliche Eleganz an dieser Stelle vermissen lässt.

›Glauben Sie, dass Reisen den Horizont erweitert?‹

›Ich glaube, dass Nachdenken den Horizont erweitert.‹

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa

Vor allem bekommen die Reisefreudigen einen literarischen Schuss vor den Bug. Die Lügen und der Selbstbetrug der so genannten Sharing Economy, wie Airbnb, werden wunderbar an einen sprachlich fein ornamentierten Pranger gestellt.

Die Romanfigur Pfeijffer lebt in Venedig, wo längst alles zu spät ist, eine Stadt zum Museum und ihre Bewohner zu niederen Dienstleistern herabgewürdigt wurden. Doch dabei lässt er es nicht bewenden, er führt andere Beispiel vor, wie Amsterdam, wo er ausgerechnet Nutella zum Sinnbild des globalen Missstands werden lässt.

Ungeheuer boshaft, zum Schreien komisch – manchmal auch nur zum Schreien -, dann wieder sachlich, nüchtern oder handfest wird der Leser in Atem gehalten. Gut unterhalten folgt er dem Pfad, der schließlich ganz tief in die europäische Geschichte führt, hinab in das mystische Fundament, die ganz alten Sagen. Ganz groß ist nämlich jener Moment, an dem klar wird, wie schön das mit dem Flüchtlingsschicksal Abduls verwoben wurde. Das halbe europäische Mittelalter hat sich zwecks Legitimation auf Vergils Aeneis berufen, deren Helden nämlich was sind? Jetzt dürfen alle mal raten und diesen wunderbaren Roman lesen.

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