Alexander Preuße

Schlagwort: Russland

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Stellen wir uns diesen Roman als Landschaft vor, die sich vor unseren Augen ausbreitet. Anders als in der Wirklichkeit sehen wir nicht nur verschiedene Orte, sondern auch unterschiedliche Zeiten. Alles nebeneinander angeordnet, wie ein Flickenteppich. Entlang eines roten Fadens wird der Leser von der Autorin hindurchgeführt, dank der fehlenden Chronologie und wechselnder Erzählhaltungen ein immens abwechslungsreicher Marsch. Ab und zu mogelt sich eine sumpfige oder matschige Stelle dazwischen, die das Vorwärtskommen erschwert.

So habe ich den Roman „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili empfunden, den ich für lesenswert halte, ohne einige Schwächen verschweigen zu wollen. Die Qualität des Erzählens unterliegt beträchtlichen Schwankungen, einige Passagen wirken überladen, redundant und manchmal auch schlichtweg vernachlässigenswert, was den Gesamteindruck etwas trübt. Der Hauptkritikpunkt ist aber der Persönlichkeitstwist, aus dem der „General“ hervorgeht, eine eher ins Reich der Fabel weisende Saulus-Paulus-Blitzwandlung.

Ein großer Wert des Romans liegt in der Perspektive, die dem Leser von der Autorin eröffnet wird. Ferne, vom woken, ichfixierten Westeuropa vergessene oder einfach ignorierte Landstricherücken ins Licht. Tschetschenien, irgendwo im Kaukasus, nur politisch Interessierten als Ort unendlich brutaler Kriege geläufig und noch weniger Personen als Ausgangspunkt allen Unheils, das angeschwollen und die Ukraine mit einem blutigen Vernichtungskrieg überzieht.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde darauf verwiesen, dass Putin bereits in den 1990er Jahren zum Kriegsverbrecher geworden sei. Was das für die Menschen dort, aber auch für die Soldaten aus Russland bedeutete, was das sinnlose, blutige Gemetzel mit ihnen angerichtet hat, bekommt der Leser zu spüren.

„…einfach nur da stehend, staunend, etwas überfordert, aber vor allem verloren und mit dem alles dominierenden Gefühl, fehl am Platz zu sein.“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die menschliche Niedertracht, die der Krieg aus der schützenden Hülle namens Zivilisation befreit, wird von Nino Haratischwili vorgeführt. Es sind nicht nur die Politiker, die kommandierenden Generäle und Offiziere, die sich vergehen, es ist nicht nur ihr Krieg. Auch die einfachen Mannschaftsränge bedienen sich. Die Autorin stellt dem gewöhnlichen die Ausnahme entgegen, um das Abscheuliche hervorzuheben.

Doch ist „Die Katze und der General“ ganz erheblich vielschichtiger, was den Roman insgesamt zu einem Leseerlebnis macht. Es geht um Schuld, Sühne, den komplexen, keineswegs vorbestimmten Weg zum Verbrechen und den Versuch, Rache zu nehmen. Schließlich ist es auch ein verwickelter Rachefeldzug, der oberflächlich Unbeteiligte und doch irgendwie Verstrickte in das Dunkel des Unheils hineinzieht.

Was mir ganz besonders gefallen hat, sind einige handelnde Personen. Vor allem diejenigen, die aus Russland nach Tschetschenien gelangen, in diesem ekelhaften Krieg, der Russland bis in die Gegenwart vergiftet hat und half, den Weg in eine erbarmungslose Diktatur zu eröffnen, sind großartig getroffen. Wer glaubt, Diktaturen würden, von einer kleinen Minderheit abgesehen, von ihren Bewohnern abgelehnt, wird eines Besseren belehrt. Wer glaubt, Kriege kennten nur Verlierer, ebenso.

„Man vergaß, dass man sich als Rambo gewähnt hatte und die ganz östliche Hemisphäre zum Teufel hatte schicken wollen.“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Doch geht es keineswegs nur um den Krieg. Haratischwilis Roman gibt den Blick frei auf die Verlorenen inmitten der westlichen Zivilisation, jene, die ohne Zwang den Propaganda-Tropf des Kreml der freien Vielfalt der Medien im Westen vorziehen. Und sie lässt den Leser die Gründe fühlen, jene unendliche Verlorenheit, das Lebensgefühl derjenigen, die aus den Trümmern des Sowjetreiches nach Deutschland gekommen sind.

Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Homo Sowjeticus! Wenn Margot Kässmann etwa über die Ukraine, Russland, Putin und die Nato räsoniert und ohne jede Scham den Vietnam-Krieg und ihre (!) Protestaktionen dagegen ins Feld führt, dann ist das im Kern das Gleiche, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Nach diesem Roman wird man besser verstehen, warum es Autokorsos in Deutschland gibt, die russische Fahnen schwingen; gutheißen wird man es nicht.

„Diese Hölle stank zwar weiterhin nach Schwefel, aber immerhin war es ihre Hölle!“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

An manchen Stellen berührt der Roman die Fundamente des Westens. Ein Axiom der westlichen Aufklärer, der Mensch wäre von Grund auf gut, stellt Orlof, der „General“ infrage. Er geht davon aus, der Mensch wäre grundlegend böse, amoralisch und nur absolute Ausnahmen gäbe es, die bereit wären, für ihre Ideale in den Tod zu ziehen. Der Rest sind Opportunisten. In Abwandlung von Goethes berühmten Gedichtanfang: Käuflich sei der Mensch, boshaft und schlecht.

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Die Wahrheit ist kompliziert, die Lüge einfach – das macht sie so gefährlich. Noch gefährlicher allerdings ist die Lüge, die nur scheinbar einfach daherkommt und wie eine Matrjoschka-Puppe ineinandergeschachtelt in die Welt gesetzt wird. Ganz am Ende des unbedingt lesenswerten Romans von Yassin Musharbash bekommt auch der zunächst harmlos wirkende Titel seine tiefgreifende Bedeutung und die Botschaft des Buches entfaltet ihre volle Wirkung.

Der Autor widmet seinen Roman dem unlängst verstorbenen britischen Schriftsteller John le Carré, für den er als Rechercheur gearbeitet hat. Nicht nur in Spurenelementen macht sich das im Verlauf der Erzählung bemerkbar, denn obwohl es sich hier um einen Thriller handelt, gibt es glücklicherweise sehr viele Phasen, in denen es nicht actiongeladenes Gedöns, sondern fast gemächlich sich ent- und verwickelnde Fortschritte bei dem Versuch gibt, ein Rätsel zu lösen.

Die Hauptdarstellerin ist eine investigativ arbeitende Journalistin namens Merle Schwalb. Ihre Persönlichkeit lernt der Leser peu á peu kennen, Musharbash nutzt ihr familiäres Umfeld, sowie einige Begegnungen im Laufe ihrer Recherche, um die Erosion des Vertrauens gegenüber seriösen Medien eindrücklich darzustellen. Wie oben schon gesagt: Das skizzierte Bild ist bekannt, doch wird erst am Ende klar, was das für weitreichende Folgen haben könnte.

Ein plötzlicher Todesfall führt sie ausgerechnet in einem für ihr persönliches Fortkommen entscheidenden Moment auf die Spur einer Verschwörung, deren Wurzeln in Putins Russland zu suchen und finden sind. Sie steht dem – glücklicherweise – nicht allein gegenüber, aus dem eigenen Haus und einer anderen Zeitung stoßen Kollegen zu ihr.

Diese Entscheidung ist nur zu loben. Recherchenetzwerke gibt es wirklich, was die Authentizität des Buches erhöht. Auch die Schilderung der Kooperation journalistischer Alphatiere wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das gilt auch für jene Passagen im Roman, in denen Merle (und damit auch dem Leser) die Welt erklärt wird, in diesem Falle die verwickelte, keineswegs leicht durchschaubare Welt der aggressiven russischen Operationen gegen Deutschland (und die Ideen des freien Westens).

Wie le Carré verwendet Musharbash erfreulich viel Mühe darauf, die Kulissen für die Handlung ausführlich zu kreieren. Das geht über den reinen Fall, an dem sich die Hauptperson mit ihren Kollegen abarbeitet, hinaus, wenn es etwa um die vielzitierten „Clans“ in Berlin und ihre Wurzeln in einer verfehlten Einwanderungspolitik gegenüber den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Libanon geht. Die selbstgefällige Bigotterie, über das Drogen- und Gang-Problem zu reden und gleichzeitig den Koks zu schnupfen, kommt nicht zu kurz.

Viele Begebenheiten und Motive des Romans wirken wie ein Echo dessen, was in den vergangenen Jahren in der seriösen Presse zu lesen war. Der vielfältige Druck, dem diese Medien ausgesetzt sind, ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass es im Journalismus tatsächlich ein grundlegendes Problem mit der Wahrheit gibt – ganz unabhängig von den unsäglichen Anwürfen, denen sie ausgesetzt ist: „An einer Geschichte kann alles richtig sein – und die Geschichte stimmt trotzdem nicht.“

Ein strategischer Nachteil gegenüber schlichten Lügen und erst recht gegenüber den vertrackten.

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