Alexander Preuße

Schlagwort: Verdeckter Krieg

Keine Frage der Ehre: Kämpfen bis in den Tod?

Ein dramatischer Moment, der ein Echo eines überkommenen, korrumpierten Ehrbegriffs darstellt. Fotos: Wikipedia. Cover meines ersten Romanes. Bild mit Canva erstellt.

Das Zitat entstammt dem ersten Band meiner Abenteuerreihe um Joshua und Jeremiah. Es ist ein dramatischer Moment, der sich über viele Seiten langsam zugespitzt hat und zu einer heftigen Auseinandersetzung um eine existenzielle Frage führt: Soll man kämpfen oder nicht?

Wie das Drama ausgeht, werde ich hier selbstverständlich verschweigen, es geht mir um etwas anderes.

Schreiben ist ein unbewusster Prozess. Die Gestaltung einer Szene plane ich nie voraus, ich verfolge kein Ziel, schon gar kein programmatisches, um irgendetwas darzulegen oder Leser von meiner Sichtweise zu überzeugen. Das heißt aber nicht, dass Textstellen so etwas enthalten können, im Gegenteil: Unbewusst kann viel Haltung, Meinung und Standpunkt einfließen.

Die Textstelle hat im Rahmen der Korrekturen eine Auseinandersetzung darüber ausgelöst, ob das Verhalten zweier Personen so überspitzt, übertrieben geschildert wird, dass sie lächerlich und unpassend wirken. Darüber war ich einigermaßen verblüfft, denn mir erschien deren Auftreten einfach folgerichtig.

Ich habe aber in einem zweiten Schritt verstanden, dass in dieser Textstelle etwas schlummert, was ich unbewusst hineingeschrieben habe. Die beiden Figuren stehen stellvertretend für eine korrumpierte Form dessen, was man militärische Ehre nennt. Die Textstelle bietet also einen unterschwelligen Hinweis auf meine Haltung dazu.

Korrumpierte Ehre

Am 27. Mai 1941 starben rund zweitausend deutsche Matrosen. Das Schlachtschiff Bismarck wurden von schweren Einheiten der britischen Flotte versenkt, von den Überlebenden konnten einige gerettet werden. Neben den britischen Schiffen nahmen auch ein deutsches U-Boot und ein Hochseetrawler Schiffbrüchige auf.

Der Kapitän des Schlachtschiffes Bismarck, Ernst Lindemann, starb ebenfalls an diesem Tag. Der Militärhistoriker Holger Afflerbach schreibt in einem Artikel der Viertelsjahreshefte für Zeitgeschichte, er habe militärisch salutiert, als er mit seinem Stahlkoloss in den Fluten des Atlantik versank.

Was für ein Bild! Der Kapitän eines Kriegsschiffs lässt selbiges in einer völlig aussichtslosen Situation kämpfend untergehen, reißt damit mehrere tausend Matrosen in den Tod und stirbt selbst in einer heroischen Pose, die auf Nachgeborene eher lächerlich wirkt. Ist ein solches Verhalten wirklich militärische Ehre oder ein spätpubertärer Fiebertraum?

Kämpfen ohne Alternative

Manchmal gibt es keine Alternative. Wenn das Strecken der Waffen einem Selbstmord gleichkommt oder die zu verteidigende Bevölkerung damit einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert wird. Sicher – der Kampf geht verloren und damit ist das Schicksal unabwendbar, wenn nicht ein kleines Wunder geschieht; aber dennoch macht man es dem Gegner nicht leicht.

Der Aufstand des Warschauer Ghettos oder ein Jahr später von ganz Warschau gegen die Nazis wäre ein Beispiel. Ein anderes wäre die Verteidigung der Armenier auf dem Berg des Musa Dagh gegen die Türken, die ihnen nach dem Leben trachteten; ihnen kamen in letzter Minute alliierte Schiffe zur Hilfe und retteten die Hoffnungslosen, die den Genozid an ihren Landsleuten überlebten.

Tod trotz Alternative

Im Falle der Bismarck liegt die Sache anders. Hier war das Schicksal des Schiffes besiegelt und der Kapitän sowie seine Offiziere wussten das ganz genau. Sie hatten – anders als die Juden im Ghetto, die Polen in ihrer zertrümmerten Stadt oder die Armenier auf dem Musa Dagh – eine Alternative: Kapitulation.

Kapitän Lindemann hätte seine Männer dem Feind übergeben und vielleicht noch das Schiff versenken können. Wäre das ehrlos gewesen? Er selbst hätte ja an Bord bleiben können, um damit heroisch zu versinken.

Er hat sich anders entschieden. In meinen Augen ein Verbrechen. Nicht ganz untypisch für autoritäre und diktatorische Systeme, bzw. solche, die der Krieg peu á peu in diese Richtung abgleiten lässt. Die Faustregel lautet: Diktaturen scheren sich nicht um Menschenverluste, Demokratien können sich das nicht leisten.

Die beiden Figuren in meinem Roman sind ein Echo dieses aus meiner Sicht korrumpierten Ehrbegriffs. Das mag lächerlich wirken, übertrieben und vielleicht ein wenig unangenehm für den Leser – aber das ist auch gut so.

Verdeckter Krieg

Zu den spannendsten Erkenntnissen während meiner Recherche gehörte jene, dass in der Karibik über Jahre hinweg ein unerklärter Krieg zwischen den Großmächten schwelte. Kaperfahrten und Piraterie gehörte mit dazu.

Während meiner Recherche für meine Abenteuerreihe bin ich auf eine interessante Sichtweise gestoßen. Sinngemäß hieß es, dass in Europa zwar nach Beendigung des Spanischen Erfolgekrieges Frieden herrschte, in der Karibik jedoch fortlaufend militärische Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten ausgetragen wurden. Kern dieser Aktivitäten waren Kaperfahrten, aber auch Schmuggel und Zollkontrollen.

Möglicherweise spielten die Sklavenaufstände auch eine Rolle, wenn ich auch keinen Beleg dafür gefunden habe. Für meine Romanreihe habe ich mir jedoch die Freiheit genommen, diese als Teil des unterschwelligen Krieges zu betrachten. Was läge näher, als über provozierte und heimlich unterstützte Aufstände den Gegner empfindlich zu treffen?

Verdeckter Krieg

Aus meiner Sicht war das alles nichts anderes als ein verdeckter Krieg, wie ihn Putins Russland seit vielen Jahren führt. Damals wie heute wird er auf verschiedenen Ebenen ausgetragen, in der Ukraine über Jahre hinweg durch einen als »Bürgerkrieg« zwischen angeblichen »Separatisten« und den Ukrainern verbrämten Angriff; die eingefrorenen, aber nicht gelösten Kriege in Georgien, Moldau, flankiert von destabilisierenden Maßnahmen gegenüber den westlichen Demokratien.

Der Vorzug des verdeckten Krieges liegt darin, dass man offiziell gar keinen Krieg führt. Wer die letzten Jahre Revue passieren lässt, wird unschwer feststellen, wie wirkungsvoll dieses Mittel ist. Politik geht ungern unbequeme Wege (Sanktionen, Waffenlieferungen etc.) und lässt sich allzu oft von den verheißungsvollen Honigtöpfen wie billigem Gas verlocken.

Offene Kriege sind ein ungeheures Risiko, weil sie unglaublich teuer sind, nicht leicht beendet werden können und am Ende zumindest auf wirtschaftlicher Ebene alle verlieren. Von der Verelendung der Bevölkerung durch Nebeneffekte (Teuerung, Seuchen, Verwundete, entlassene Soldaten) einmal ganz abgesehen. Außerdem kann man militärisch unterliegen.

Vorteile und Nachteile

Ganz anders der verdeckte Krieg, der nicht begonnen wird und gleichfalls nicht beendet werden muss. Außerdem unterhält er eine gewisse Kriegsinfrastruktur. Als in den 1720er Jahren ein kurzer Krieg zwischen England und Spanien aufflammte, viel kleiner und letztlich folgenloser als der große um die spanische Erbfolge, konnte in der Karibik rasch operiert werden, wenn auch ohne Fortune.

Ein Nachteil dieser Art der Kriegführung besteht darin, dass sich die Kämpfenden von der Leine lösen und ihren Kampf auf eigene Rechnung weiterführen. Damals waren die Grenzen zwischen Kaperfahrern, Piraten und Piratenjägern (!) fließend; die Folgen für die zivile Schifffahrt, auch des eigenen Landes, verheerend.

Prägend für die Abenteuerreihe

Alle genannten Aspekte spielen für meine Romanreihe eine zentrale Rolle. Meine Protagonisten, Joshua und Jeremiah, werden in eine Auseinandersetzung zweier ehemaliger Kaperfahrer hineingezogen, die jedoch eng mit dem globalen Machtkampf zwischen England und Spanien (und Frankreich) verknüpft ist.

Damit bot sich die Möglichkeit, die Romanreihe wachsen zu lassen. Während der Fokus in den ersten Teilen noch stark auf der persönlichen und individuellen Ebene liegt, erweitert sich dieser von Band zu Band und wird immer stärker mit dem verflochten, was das Zeitalter geprägt hat: Piraterie, Verdeckter Krieg, globaler Machtkampf, Sklaverei, Handel mit Genussmitteln (Zucker, Tabak, Kaffee).

Piraterie – im Schlagschatten des Krieges

Der Klappentext und das Cover für den Auftaktroman meiner siebenteiligen Abenteuerreihe. Das E-Book erscheint am 03. Oktober 2022. Bild mit Canva erstellt.

Wie wird man eigentlich Pirat? Folgt man populären Filmen, könnte man den Eindruck haben, Piraten wären einfach da. Oft wird ihre Herkunft gar nicht weiter geklärt, man könnte meinen, sie fielen mehr oder weniger vom Himmel. Manchmal wird der Weg zur Piraterie auch als eine Art Vermächtnis geschildert, wenn etwa Henry Morgan Jack Sparrow mit Kompass und Kapitänsamt beglückt. Oder William Turner in die Fußstapfen seines Vaters tritt, als hätte er genetisch – schicksalsträchtig gar keine andere Wahl.

Wenn man einen Blick auf die Biographien historischer Piraten wirft, wie zum Beispiel eben jenen Henry Morgan, ist eine andere Sache recht augenfällig: Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Piraterie und Krieg. Selbstverständlich gab es auch in langen Friedenszeiten Piraterie, doch sorgten Kriege in der Regel für ein massives Ansteigen der Aktivitäten von Piraten.

Piratenrepublik und Goldenes Zeitalter

Es ist kein Zufall, dass die so genannte »Piratenrepublik« von Nassau in den Schlagschatten des ersten wirklich weltumspannenden Krieges fiel: Der Spanische Erbfolgekrieg wurde nicht nur in Europa ausgetragen, sondern auch in der Neuen Welt (gemeinsam mit dem teilweise zeitgleich stattfindenden Großen Nordischen Krieg brannte es in ganz Europa).

Das gleiche gilt für das so genannte »Goldene Zeitalter« der Piraterie, das von Historikern zwischen 1714 und 1722 bzw. 1716 und 1726 verortet wird. Der Große Krieg endete in Europa offiziell 1713, doch in der Neuen Welt ging es munter weiter. Ein Teil der Kaperfahrer, sprich: der von der jeweiligen Krone beauftragten oder zumindest geduldeten Seeräuber bekam das Ende der Kampfhandlungen erst mit großer Zeitverzögerung mit und war keineswegs immer begeistert vom Friedensschluss.

Manche haben einfach auf eigene Rechnung weitergemacht. Warum auch nicht? Die Alternativen waren nicht besonders verlockend. Frieden bedeutete nicht für jeden eine Erleichterung, mit dem Ende der Kampfhandlungen verloren viele Seeleute Anstellung und Einkünfte; manche standen einfach vor dem Nichts und die Aussicht auf Einkünfte durch Raub, für dessen Ausführung sie die nötigen Kompetenzen erworben hatten, bot einen Ausweg.

Grauzonen

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. In Europa mag für einige Jahre Frieden geherrscht haben, in der Neuen Welt jedoch nicht. Die Kaperfahrerei bot eine großartige Möglichkeit, einen verdeckten Krieg zu führen, ohne ihn offen erklären zu müssen. Man konnte seine Feinde schwächen, ohne einen unpopulären Waffengang vom Zaun zu brechen.

Außerdem gab es eine Grauzone. Wer mochte verhindern, dass Kaperfahrer die »falschen« Schiffe auf ihrem Weg nicht einfach auch aufbrachten? Wenn ein englischer Kapitän auf der Suche nach spanischen und französischen Schiffen lange ohne Beute blieb, was aber essentiell für die Loyalität der Mannschaft war, würde er nicht auch ein englisches Handelsschiff überfallen?

Doch die Grauzone reicht noch weiter. Mancher für die Piratenjagd ausgesandte Kapitän konnte der Verlockung des scheinbar schnellen Geldes ebenfalls nicht widerstehen und hat sich entsprechend an friedlichen Kauffahrern vergriffen. Diese verschwommene Grenzlinie zwischen Kapern, Piraterie und Piratenjagd wurde gelegentlich mehrfach überschritten.

Gnade und Blutbad

Letzten Endes haben sich die europäischen Großmächte England, Frankreich, Spanien, die Vereinigten Niederlande und auch Portugal irgendwann aufgerafft und mit dem Piratenproblem gründlich aufgeräumt. Neben der Möglichkeit, der Piraterie abzuschwören und auf friedlichem Wege das blutige Handwerk hinter sich zu lassen, wurde auch zu brutaler Gewalt gegriffen.

Am Ende des »Goldenen Zeitalters« der Piraterie stand ein Blutbad, das entschlossene Vorgehen dämmte das Piratenunheil massiv ein und machte die Seefahrt wieder sicherer. Doch der verdeckte Kaperkrieg war ein viel zu verlockendes Mittel, um darauf zu verzichten, im Grunde herrschte in der Karibik über Jahrzehnte ein kaum bemäntelter Waffengang.  Mit den bekannten Folgen. 

Das ist die Lage, als die Hauptfigur meiner Abenteuerreihe, Joshua, 1732 aus London aufbricht. Er kann eigentlich darauf setzen, dass Piraten kein großes Problem mehr darstellen, zumal sein Schiff, die Sturmvogel, in einem Konvoi fährt, was Überfälle gewöhnlich erheblich erschwert.

Seefahrerlatein oder: das Poop-Deck

Als Schriftsteller steht man immer vor der Frage, wie viel man von seinem Wissen in einen Roman hineinschreibt. Wie ein Schatten steht dahinter oft die Frage, was dem Leser gefällt oder eben nicht. Niemand hat darauf eine seriöse Antwort, denn »den Leser« gibt es nicht. Egal, was man schreibt, immer wird es jemanden geben, dem es nicht gefällt.

Das gilt insbesondere für die harten Fakten, die in einem Buch aufgeführt oder weggelassen werden: dem einen Leser ist es zu viel, dem anderen zu wenig und dem dritten genau recht. Eine der wichtigsten Lehren des Schreibens ist, dass man es nicht allen recht machen kann – und besser gar nicht den Versuch unternimmt.

Schon bei der Handvoll Testlesern ist es für mich zu äußerst überraschenden Rückmeldungen gekommen. Man wundere sich über das seefahrerische Fachwissen, das ich in die Romane hätte einfließen lassen; eine ganze Menge Fachbegriffe wären zu erfahren, von denen man nie gehört hätte. Das würde der Handlung ein gutes Stück Authentizität verleihen, ohne zu ermüden.

Meine Befürchtung war eher, dass zu wenig in das Buch eingeflossen sein könnte. Mir ist die Seefahrt völlig fremd, ich bin ein eingefleischtes Landei und werde nie im Leben die Bereitschaft aufbringen, mich in die Details einzufuchsen. Mir persönlich ist das Seefahrerlatein egal und für das, was ich in meiner Abenteuerreihe vermitteln wollte, spielt Fachwissen über die Seefahrt keine Rolle.

Ich habe also einen Pinsel genommen und die Kulissen meines historischen Spiels ein wenig gestaltet. Ein Paar Begriffe wie Bug, Heck, Achterdeck hielt ich für absolute Selbstverständlichkeiten (sind sie nicht), angereichert mit Begriffen wie Wanten oder Krähennest, selten einmal verziert mit dem Namen eines Masts. Macht es für die Handlung einen Unterschied, ob man allgemein »Mast« sagt oder jedem den korrekten Namen gibt (Fock-, Besan- und was weiß ich noch für Masten)? In meiner Abenteuerreihe: nein!

Er schaute nach oben, in das Gewimmel der himmelwärts ragenden Masten. Wie das Netzwerk einer Spinne hingen ungezählte Taue kreuz und quer, Seeleute kletterten darin herum und hantierten an dicken Seilen, Gurten und Segeln.

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

Das Zitat aus dem Auftaktband meiner Abenteuerreihe zeigt, worauf es mir ankommt. Man hätte den Anblick sehr viel präziser mit Fachworten schildern können. Stattdessen erzähle ich aus Joshuas Perspektive, der kein Seemann ist (und niemals wird), ihm sind die Fachbegriffe fremd. Was er wahrnimmt, drücke ich mit alltäglichen Wörtern aus, was die Textstelle leichter verständlich und stimmungsvoller macht.

Vor allem aber ist sie nicht spröde, wie es manchmal in Romanen vorkommt, die mit Fachbegriffen überladen sind. Ein Beispiel sind die Horatio Hornblower Romane, von denen ich nur einen einzigen gelesen habe, eben weil sie für meinen Geschmack völlig überfrachtet sind. Wer sich für Segelmanöver interessiert oder en détail nachvollziehen will, wie ein Schiff nach einem bestimmten Manöver reagiert, ist hier richtig. Mich langweilt das. »Der Marsianer« gehört auch zu dieser Kategorie, ich fand die ausführlichen Erläuterungen lästig.

William erzählte ihm, dass die Seeleute zu dem Achterdeck boshaft PoopDeck sagten, weil sich dort der Abort befand und sie so ungestraft zum Ausdruck bringen konnten, was sie von den bevorrechtigten Menschen hielten, die dort ihre Tage müßig verbrachten.

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt

Bei dem Begriff »Poop-Deck« konnte ich nicht widerstehen, weil sich eine wunderbare Möglichkeit bot, einen mir wichtigen Aspekt auszudrücken. (»Poop« kann für »kacken«, »Scheiß«, »Trottel« stehen). Das Zitat zeigt, wie der Begriff eingeführt wird. Es enthält einen faktischen Teil, nämlich die Bezeichnung des Ortes, an dem sich der Abort befindet, und einen ausgedachten. Ich weiß nicht, ob irgendein Zeitgenossen wirklich diesen Gedanken hegte, fände es aber fast folgerichtig.

Das Leben auf einem Segelschiff war brutal, die Lebensumwelt um 1730 ebenfalls. Sie war geprägt durch immense gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Unterschiede. William gehört zu den Privilegierten, was immer wieder anklingt. Er darf auf das Achterdeck, ohne sich die Erlaubnis zu holen; er weiß um seinen Status und auch darum, wie er von anderen gesehen und aufgenommen wird. Im Grunde genommen macht er sich mit seiner nüchternen Erläuterung ein wenig über sich selbst lustig.

Wer im Internet sucht, wird unter dem Begriff Poop-Deck eher Hinweise auf einen – bestehenden oder erdichteten – lateinischen Ursprung finden, der mit »Hinterschiff« übersetzt werden könnte. Seefahrerlatein – in diesem Fall ausnahmsweise auch anregend für weiterreichende Assoziationen.

Der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu

Das Abenteuer beginnt im Oktober 2022 mit dem ersten Band meiner Heptalogie.

Wer wie ich 1968 geboren und in den siebziger und achtziger Jahren sozialisiert wurde, kennt das Phänomen des sonntäglichen Piraten– und Seefahrerfilms. Ganz unterschiedliche Streifen geistern durch mein löchriges Gedächtnis, vom klamaukischen Roten Korsar über Pippi Langstrumpfs Abenteuer bis hin zu Captain Horatio Hornblower als königlicher Admiral.

Angereichert wurde dieses Fundament durch Polanskis Komödie »Piraten«, die wunderbare Animationsversion von Stevensons Schatzinsel als »Schatzplanet« in ferner Zukunft bis hin zum Zombieschauermärchen um Captain Jack Sparrow.

Vorlagen und Anregungen gab es von dieser Seite eine ganze Menge. Die üblichen Clichés auch – die Frage war nur: Gibt es etwas, das noch nicht erzählt wurde? Zumindest in den Filmen und Büchern, an die ich mich erinnern kann, fehlt ein Motiv, das in anderen Genres außergewöhnlich beliebt ist: der Aussteiger – aus einem kriminellen Milieu.

Demnächst wird es eine Fortsetzung des wunderbaren Action-Klassikers »Heat« geben – in der Kinoversion wollte auch jemand sein Kriminellendasein ablegen; »Narcos« oder »Narcos Mexiko«, »4Blocks«, in den Kartell-Romanen von Don Winslow – überall ist das Motiv eines versuchten Ausstiegs Teil des Geschehens.

Aber Piraten?

Joshua hatte noch nie gehört, dass ein Pirat von sich aus aufhören wollte, Pirat zu sein. Sie wurden gejagt, gestellt, verurteilt und gehenkt. Aber aussteigen?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Eine neue Welt.

Einem meiner Protagonisten geht es ähnlich wie mir: Er hat noch von keinem Piraten gehört, der sein Handwerk freiwillig aufgeben wollte.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, mir vor dem Schreiben dieses Motiv ausgesucht zu haben. Ich plotte nicht, sondern schreibe ins Dunkel hinein. Am Anfang eines Satzes kenne ich nicht dessen Ende, oft nicht einmal die Mitte. Letztlich folgte ich einer spontanen Regung, als ich – zu welcher Gelegenheit wird nicht verraten – beschloss, jemanden diesen Pfad verfolgen zu lassen.

Während der Recherche in den vergangenen Jahren ist mir vor Augen geführt worden, wie kompliziert und vielschichte, von Grauzonen und Nebelbänken durchzogen dieses Thema wirklich ist. Hier soll jetzt aber eine andere Figur zu Wort kommen und eine naheliegende Frage stellen:

Und für welchen Piraten gilt das nicht, capitán? Welcher Pirat ist jemals dem Galgen entkommen und hat als gewöhnlicher Bürger seine Reichtümer genießen können?

Die Abenteuer von Joshua und Jeremiah in Übersee und anderswo – Opfergang

Die Antwort fällt ernüchternd aus. Ausgerechnet John Avery wird nachgesagt, dass es ihm gelungen sei, in Irland an Land zu gehen und unterzutauchen. Er kann für sich in Anspruch nehmen, den einträglichsten Beutezug unternommen zu haben, begleitet von unsäglichen Torturen, Vergewaltigungen, Überbordwerfen und Aussetzen seiner Opfer, die nicht direkt getötet wurden.

Untertauchen heißt aber, eine Form der Illegalität durch eine andere zu ersetzen. Von bürgerlichem Dasein, wie die Figur mit spanischem Akzent fragt, kann also keine Rede sein. Die Frage ist: Gibt es noch einen anderen Weg?

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