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Mischa Meier: Die Hunnen

Sie galten als die Barbaren schlechthin, haben ganze Lanstriche mit ihren aggressiven Raub- und Mordzügen verwüstet und Imperien ins Wanken gebracht: die Hunnen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Der Untergang des weströmischen Kaisertums war nicht zuletzt auch eine Folge des Zusammenbruchs des hunnischen Machtgebildes gut eine Generation zuvor und des dadurch ausgelösten Westdrifts zahlreicher Krieger.

Mischa Meier: Die Hunnen

Wer waren denn nun eigentlich Die Hunnen? Nach der Lektüre des Buches über die »Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger« lässt sich diese Frage noch weniger als zuvor mit einem kurzen Satz beantworten. Der Begriff »Hunne« bezeichnet (wie etwa auch »Skythe«) ganz unterschiedliche Gruppierungen, deren wesentliche Kennzeichen eine hohe Fluktuation oder Fluidität, eine nomadische Lebensweise, geprägt durch die Steppe, und große Mobilität waren.

In diesen nebeltrüben Annäherungen kann man schon Geheimnisse wittern, was in der Rezeption der Hunnen von den Römern bis Fritz Lang weidlich ausgenutzt wurde. Leichter fällt die Eingrenzung, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Hunnen nicht waren. Als Volk, Stamm oder gar »Rasse« kann man die Hunnen nicht bezeichnen, für sie lässt sich auch kein eindeutiger Herkunftsort nennen. So kann man beispielsweise für einen Nordhessen einen Landstrich verorten, ein »Hunnien« wird man jedoch vergeblich suchen.

Große Vorsicht ist auch mit dem Begriff »Barbaren« geboten. Die Römer haben beherzt alles, was nicht-römisch war, als »barbarisch« abgegrenzt. Das Wort sagt wenig über die kulturellen Errungenschaften der jeweiligen »Barbaren« aus. Wer damit zottelige Geschöpfe in Pelzen, die kaum ein klares Wort über die Lippen bekamen, verbindet, denke bitte an die Karthager, die Parther (Sassaniden, Perser), Chinesen und alle anderen im Schatten europäischer Nabelschau verborgenen Hochkulturen.

Die Hunnen gelten als die Barbaren schlechthin.

Mischa Meier: Die Hunnen

Auch mit dem Begriff »Reiterkrieger« oder »Steppennomade« verlässt man das Niemandsland des Unpräzisen nicht, denn – wie etwa auch die Wikinger – haben die Hunnen keineswegs nur (Raub-)Kriege geführt und kein reines Nomadenleben geführt, sondern auch Handel betrieben und in geringem Maße auch Elemente einer sesshaften Lebensweise gezeigt. Autor Mischa Meier betont die hochkomplexe Herausforderung, die eine mobile Existenzform (Pferdezucht, Viehweidewirtschaft) darstellt, nicht umsonst sollen Steppennomaden nicht etwa der Sesshaftigkeit vorangegangen, sondern erst danach aufgetreten sein. 

Vor allem aber verbirgt sich hinter diesen Begriffen der gescheiterte Versuch Attilas, das hunnische Fundament der Machtausübung grundsätzlich zu wandeln, was letztlich zum Verschwinden der Hunnen führte. Was Meier in seinem Buch über das Ende der Hunnen unter Attila darstellt, berührt aus meiner Sicht mehrere der ganz grundlegenden Fragen an die Vergangenheit. Etwa: Warum scheitern Gesellschaften?

Gleich mehrere Staaten und sich in Ansätzen verstaatlichende, also in den römischen Kosmos integrierende Gruppierungen, sowie die Reiterverbände selbst scheiterten bzw. gerieten unter existenziellen Druck. Die Hunnen zeigt gleich mehrere grundverschiedene Beispiele für die Handlungsweisen von (staatlichen) Eliten in Extremsituationen. West- und Ostrom, Sassaniden, Goten, Burgunder, Franken, Hunnen usw. versuchten sich an ganz unterschiedlichen taktischen und strategischen Wegen, um zu überleben.

Auch in der Spätantike […] hingen große Teile der (römischen A.P.) Eliten an den überkommenen Vorstellungen eines permanent expandierenden Reiches an, dessen Grenzen letztlich mit den Rändern der bewohnten Welt identisch waren […] und dessen militärische Überlegenheit über jeden Zweifel erhaben sei.

Mischa Meier: Die Hunnen

Freunde schlichter Wahrheiten und Erklärungen werden es mit Die Hunnen schwer haben. Die Schilderung, was man aus wissenschaftlicher Sicht sagen kann, ist bei einer seriösen Herangehensweise immer mit der Diskussion darüber verbunden, worauf das Gesagte fußt. Meier stellte auführlich dar, wie weit die Thesen im Falle der Hunnen auseinandergehen, wo die jeweiligen Vorzüge und Nachteile des Erklärungsansatzes liegen und welche er für stichhaltig hält. Daran zeigt sich, wie »Wissen« und »Fakten« auf Konsens bei gleichzeitigem Dissens beruhen und eben nicht auf Eindeutigkeit oder gar Wahrheit.

Das reicht direkt in aktuelle Diskussionen hinein, etwa bei der Frage, ob man der hunnischen Machtbildung den Charakter eines Imperiums zuschreiben kann oder nicht. Zwangsläufig wird man mit Überlegungen konfrontiert, was eigentlich ein Imperium ist oder – wie Meier es im Zusammenhang mit den Hunnen vorzieht – ein Reich. Die dynamische Aggressivität der »Kriegskonföderation« aus Reiterkriegerverbänden beruhte nicht zuletzt auf dem Herrschaftsmodell eines charismatischen Anführers, der unter großem Erfolgsdruck durch seine Gefolgschaft stand und zur Expansion faktisch gezwungen wurde.

Es ist extrem spannend zu verfolgen, wie sämtliche Kontrahenten unter inneren Zwängen litten. Bei den Hunnen setzte der Machtzerfall ein, wenn der Erfolg ausblieb, aber eben auch, wenn der Erfolg zu groß wurde. Ganz praktisch enden die Möglichkeiten räuberischer Kriegszüge, wenn ein blühender Landstrich vernichtet wurde. Daher durfte das Römische Reich als lohnendes Ziel von Raubzügen nicht zerstört werden. Es blieb der Strategiewechsel, nämlich auf den Spuren anderer multiethnischer Gruppen Teil der Römischen Welt zu werden. Das heißt nicht, sich römisches Territorium zu unterwerfen, sondern eher den Versuch der Einbindung beispielsweise durch einen funktionalen Titel, wie magister militum für den Anführer etwa.

Attila wurde allmählich zum Opfer seines eigenen Erfolges.

Mischa Meier: Die Hunnen

Attila versuchte und verhob sich daran. Die Ereignisse um 450 n. Chr. sind in jeder Hinsicht spektakulär. Ausgerechnet auf weströmischem Territorium gelang militärischer Widerstand, der in der dramatischen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern mündete. Der schauerliche Blut-Tag endete unentschieden, doch war der »Hunnen-Sturm« gestoppt. Das erinnert an die Schlacht bei Lützen 1632 und Wallensteins Diktum, was nach einer Schlacht geschehe, sei wichtiger als die Schlacht selbst.

Attila zog nach der Demütigung in Gallien im Folgejahr gen Italien und wurde dort nach Anfangserfolgen von Hunger, Krankheiten und logistischen Problemen abermals gestoppt. Das war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft, die »Kriegerkonföderation« brach nach seinem überraschenden Tod rasch zusammen. Der »Sieg« über Attila und dem Zerfall seines Kriegsvolks war laut Meier allerdings ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches. Was kurios anmutet, klingt folgerichtig.

Statt eines großen Verbandes standen plötzlich zahllose kleinere Gruppen bereit, ein riesiger Pool an Kriegern, die bereit waren, sich für Beute und Land (!) in den Kampf zu stürzen. Jeder Warlord im zerrütteten römischen Westen konnte problemlos Kriegshaufen zusammenstellen, während die Zentralmacht um Kaiser Valentian III. ausgerechnet Flavius Aëtius (wie Wallenstein durch Ferdinand II.) beseitigen ließ, den Architekten eines halbwegs geordneten Galliens und der Allianz gegen Attila. Wenige Jahre später war Westrom nicht nur faktisch, sondern auch nominell Geschichte.

Anders als im Fall der gegenwärtigen russischen Aggression gegen die europäischen Demokratien muss aber keineswegs davon ausgegangen werden, dass sich im Fall eines hunnischen Erfolges «ein Leichentuch über das occidentalische Leben» gebreitet hätte.

Mischa Meier: Die Hunnen

Das Zitat ist eine ausgesprochen interessante Antwort auf die Frage, was geschehen wäre, wenn Attila sich militärisch durchgesetzt hätte. Dreimal nimmt Meier Bezug auf den allumfassenden Krieg des Moskauer Diktators gegen die Ukraine und Westeuropa. An einer anderen Stelle heißt es, dass wertvolle kulturelle Güter durch die Taliban aus der Hunnen-Zeit zerstört wurden, wie andere Kulturschätze aktuell in der Ukraine durch »russische Angriffshorden« für immer vernichtet werden.

Das erscheint mir ein sehr passender Gegenwartsbezug, der die menschenverachtende russländische Landnahme in eine lange, unselige Tradition stellt. Denn bei allem anderen haben die Raub- und Kriegszüge der Hunnen unendliches Leid über die Bevölkerung gebracht, ganze Landstriche verwüstet, zerstört und entvölkert. So geschieht es heute. Man kann derlei hinter einem Wort wie »Transformation« verstecken, ich bevorzuge allerdings zur Beschreibung von Vergangenheit und Gegenwart »Vernichtung« und »Untergang«.

Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.

Mischa Meier: Die Hunnen
Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger
C.H. Beck 2025
Gebunden, 534 Seiten
Mit 22 Abbildungen und 11 Karten
ISBN: 978-3-406-82915-4

Ann-Cathrin Harders: Kleopatra

Die ptolemäische Königin Ägyptens ist hinter Mythen, Legenden, verzerrender Sieger-Überlieferung und grotesken politischen Instrumentalisierungsversuchen verborgen wie die Grabkammern in den Pyramiden. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Filme sind zweifelsfrei wirkmächtiger als Bücher, insbesondere Sachbücher. So verwundert es nicht, dass ein monumentaler Hollywood-Streifen aus dem Jahr 1963 das Bild von Kleopatra bis in die Gegenwart prägt. Elisabeth Taylor in der Rolle der Königin, gewandet in ein Goldflügelkleid, mit schwarzem Bob und türkis-schwarzem Kajal hat jenes Bild geschaffen, das mehr als ein halbes Jahrhundert nachwirkt. In Deutschland ist daran auch das Leitmedium für antike Geschichte verantwortlich, die Comic-Reihe um Asterix und Obelix, die jenes Bild ebenfalls verbreitet.

Mit der historischen Kleopatra hat das ebenso wenig zu tun, wie der pompös inszenierte Einzug Kleopatras in Rom im berühmten Spielfilm mit Richard Burton. Wobei die Selbstinszenierung ein zentrales Merkmal ptolemäischer Herrschaft seit Alexander dem Großen war, der Filme also selbst diese völlig fiktionale (und allem, was man über Rom weiß, diametral widersprechende) Szene ein Körnchen historischer Fakten enthält. Mehr aber auch nicht, wie der Leser nach dem vorzüglichen Buch Ann-Cathrin Harders über Kleopatra. Ägyptens letzte Königin weiß.

Das gilt für alle Kleopatren, die in den vergangenen fünf Jahrhunderten geschaffen wurden. Im Kapitel mit dem schönen Titel »Viva la Diva!« führt Harders ihre Leser durch die Rezeptionsgeschichte der ägyptischen Königin, der immer grellere Blüten treibt, je näher man der Gegenwart kommt. Selbstverständlich gehört dazu auch die Instrumentalisierung. Ein gruseliges Beispiel ist die us-amerikanische Autorin Morgan Jenkins, die sich zur Besetzung eines neuen Kleopatra-Films mit Gal Gadot wie folgt geäußert hat:

Ich persönlich würde eine Kleopatra lieben, die dunkler ist als eine braune Papiertüte, weil das historisch genauer wirken würde.

RND 14.10.2020

Das ist intellektuelle Selbstentleibung. Bezeichnend, dass Jenkins auf die »Wirkung« abzielt und – frei von Sachkenntnis – die Behauptung in die Welt setzt, diese wäre »historisch genauer«. Schön zu erkennen ist, wie zugunsten der eigenen politischen Agenda die überlieferten Fakten auf groteske Weise ignoriert werden. Denn die Frage, welche Hautfarbe Kleoptra hatte, lässt »sich schlichtweg nicht beantworten«, wie Harders darlegt. Die Quellen geben es einfach nicht her. Trotzdem wird erbittert gestritten, was eine Menge über das Diskurs-Niveau der Gegenwart sagt, die dem Reiz des Schlichten, Einfachen, auf einen Aspekt Reduzierten gern erliegt.

Viel wichtiger als die Hautfarbe sind ganz andere Dinge. Aspekte, die sich etwa aus der sehr lückenhaften und einseitigen Überlieferung ergeben. Die Sieger schreiben die Geschichte und das waren die Römer, genauer gesagt: Octavian bzw. Augustus. Die ptolemäischen Herrscher/-innen Ägyptens hatten in der Endphase der Römischen Republik längst ihre Eigenständigkeit eingebüßt und waren auf einen römischen Patron angewiesen. Kleopatra stand auf der Seite von Octavians Gegner Antonius, sie war entsprechend Ziel heftigster Angriffe während der Auseinandersetzungen und in den Jahrhunderten danach.

Das so überlieferte Bild Kleopatras ist also nicht nur durch die neuzeitliche Rezeption verzerrt, sondern auch durch die zeitgenössische und kaiserzeitliche Überlieferung. Harders verweist darauf, dass die Person Kleopatras ein Ziel für Octavians Partei bot, um den Eindruck eines neuerlichen Bürgerkrieges zu übertünchen. In der Propaganda war sie (und nicht der ihr angeblich sexuell hörige Antonius) die eigentliche Gegnerin Roms, sie wurde zur tödlichen, traditionszerstörenden Gefahr stilisiert. Das erotisch aufgeladene Bild der märchenhaft schönen Verführerin ist ähnlich wirkmächtig für die Gegenwart wie der Taylor-Burton-Film.

Octavian wollte den Eindruck vermeiden, einen Bürgerkrieg zu führen, und rückte deshalb Kleopatra als externe Feindin, gegen die man sich rechtmäßig schützen müsse, ins Zentrum der Auseinandersetzung.

Ann-Cathrin Harders: Kleopatra

Die Frage der Hautfarbe schrumpft vor dieser Kulisse zu einer Petitesse. Wichtiger ist anderes. Welche Handlungsspielräume blieben einer ptolemäischen Königin in dieser prekären Lage ? Schon ihre Vorgänger hatten die Eigenständigkeit im Angesicht der militärischen Überlegenheit Roms und dessen gnadenloser Expansion testamentarisch aufgegeben. Das war nicht ungewöhnlich, zudem geschickter als etwa die testamentarische Vererbung Pergamons durch Attalos III. oder dem verzweifelten Auflehnen gegen Roms Hegemonie anderer.

Kleopatra hat tatsächlich eine bemerkenswerte Leistung vollbracht. Sie hat einerseits erstaunlich lange allein regiert, andererseits die realpolitischen Notwendigkeiten akzeptiert und sich an Rom auf persönlicher Ebene angelehnt, ohne sich zu unterwerfen. Harders beschreibt ihre Beziehung zu Caesar und Antonius über das romantisch-verkitschte Sexuelle hinaus als die eines Arbeitspaares. Man teilte das Bett, nicht die Herrschaft und arrangierte sich durch knallhartes Verhandeln entlang der jeweiligen Interessenlinien zu beiderseitigem Vorteil. Das entspricht dem antiken Bild einer idealen Ehe – obwohl Kleopatra weder mit Caesar noch Antonius offiziell liiert war.

»Arbeitspaar« ist weit entfernt vom Topos der hypererotischen Femme Fatale. Kleopatra wusste um die Pfunde Ägyptens mit seiner einzigartigen griechischen Polis Alexandria, dem Reichtum und der strategisch bedeutenden Stellung als Kornkammer und logistischer Basis. Ihr gelang es, die inneren Probleme zu bewältigen, Missernten und die traditionell ptolemäische Neigung zu blutigen Fehden um die Macht. So schuf sie das Fundament, mit den Vorzügen ihres Landes auf dem schwierigen geopolitischen Feld zu wuchern. Letztlich ist sie wie so viele andere historische Persönlichkeiten an einem starken Gegner und Zufällen gescheitert.

Die Quellen zeichnen das Bild einer kompetenten, vielsprachigen Führungspersönlichkeit, die den Aufgaben, eine so komplexes Reich wie Ägypten zu verwalten und zu regieren, durchaus gewachsen war.

Ann-Cathrin Harders: Kleopatra

Identität setzt sich aus vielen Aspekten zusammen, die durchaus widersprüchlich sein können. Die Reduktion auf einen Aspekt ist auch deshalb problematisch, weil das ein probates Mittel der großen totalitären Vernichtungsregime in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war, Menschen auszugrenzen, einzusperren, auszubeuten und zu töten. Ann-Cathrin Harders gelingt es, Kleopatras persönliche Vielschichtigkeit einzufangen. Sie spricht bewusst von einer ptolemäischen Prinzessin und der Königin Ägyptens, nicht von einer ägyptischen Prinzessin bzw. Königin.

Das ist ein großer Unterschied. Die Ptolemäer haben bis zum Tod Kleopatras in einer Doppelrolle über Ägypten regiert. Sie waren »hellenistische basileis und ägyptische Pharaonen«. Einerseits war eine Anbindung an die Eliten des Reiches, namentlich der Priester, unerlässlich, um überhaupt herrschen zu können. Andererseits wurde das griechische Erbe in ptolemäischer Ausprägung gehegt. Allein Alexandria, das in einem eigenen Kapitel als bis dahin unübertroffener urbaner Stern der vorchristlichen Antike geschildert wird, spricht Bände: Es handelte sich um eine griechische Polis.

Die inzestuöse Heiratspolitik der Ptolemäer gehört ebenfalls dazu, sie ist Teil einer Inszenierung als Götter. Alexandria bildete die Bühne für eine ebenso pompöse wie atemberaubend prächtige und verschwenderisch Selbstdarstellung von Herrschern und Hof. Elementar war ein großes (Herrschafts-)Wissen, symbolisiert durch die einzigartige Bibliothek. Auch wenn die Überlieferung fragmentiert und durch die römische Siegerperspektive verzerrt ist, bleiben die ptolemäisch-griechischen Wurzeln als Faktum bestehen, das zentral für das Verständnis der Person ist: 

Kleopatra ist in mancher Hinsicht eine Ausnahme, ihre Herrschaft kam aber nicht aus dem Nichts, sondern fußte auf einer 300 Jahre alten Tradition und einem besonderen dynastischen Selbstverständnis und Herrschaftswissen.

Ann-Cathrin Harders: Kleopatra

Rezensionsexemplar

Ann-Cathrin Harders: Kleopatra
Ägyptens letzte Königin
C.H.Beck 2025
Taschenbuch 128 Seiten
ISBN: 978-3-406829468

Martin Pfaffenzeller, Eva-Maria Schnurr (Hg.): Die letzten Tage von Pompeji

Nach diesem Buch steht ein Besuch in Pompeji recht weit oben auf der Liste. Das Komendium ist ein wunderbarer Streifzug durch die Lebens- und Alltagswelten der Menschen, die in Pompeji lebten und starben. Wissenschaftliche Fragestellungen, etwa über die Aussagekraft von archäologischen Funden, kommen nicht zu kurz.

Wie lebten sie eigentlich, die Leute von Pompeji? Wie starben sie? Diesen Fragen geht das Kompendium Die letzten Tage von Pompeji von Martin Pfaffenzeller und Eva-Maria Schnurr (Hg.) in vielen kurzen Beiträgen nach. Nebenbei werden noch wichtigere Fragen aufgeworfen. Woher stammt eigentlich unser Wissen? Wie glaubwürdig ist die Überlieferung? Und noch wichtiger: Was davon ist wirklich Wissen, was Vermutung, was Konsens, was umstritten?

Die Fragen beginnen damit, was eigentlich in Pompeji und Umgebung, einschließlich Herculaneum geschah. Klar ist, dass der Vesuv ausbrach, vermutlich im Oktober 79 n. Chr. In einem Beitrag versucht Martin Pfaffenzeller die letzten Stunden eines Pompejaners nachzuzeichnen, der (zu) lange ausgeharrt hatte, ehe er am 25. Oktober zu fliehen versuchte und dabei von der Glutlawine des Vulkans überrollt wurde.

Die Umstände müssen apokalyptisch gewesen sein. Der Fliehende konnte sein Haus nicht mehr auf gewöhnlichem Wege verlassen, denn in der Gasse davor lagen Bimssteinchen in einer nahezu zwei Meter hohen Schicht. Ein beherzter Sprung aus dem Fenster wurde nötig, die Flucht geriet zum mühsamen Vorankämpfen in der Dunkelheit, ehe den Pompejianer an einer Kreuzung der Tod – vermutlich durch Ersticken in den heißen Aschewolken – ereilte.

Der Mann, der wohl zwischen 30 und 40 Jahre alt war, hätte auch schon vorher sterben können. Viele Bewohner der Stadt wurden von den Dächern ihrer eigenen oder fremden Häuser erschlagen, als diese unter dem Druck der Bimssteinmassen nachgaben. Eine Flucht war jedoch ebenso möglich, allerdings bald nur noch zu Fuß: Westliche Winde blockierten die Abfahrt von Schiffen, Bimsstein den Fluss Sarno.

Sie [die Glutlawine] bewegte sich so schnell, dass sie für die gut zehn Kilometer vom Vesuv nach Pompeji nur etwas länger als eine Minute brauchte.

Martin Pfaffenzeller, Eva-Maria Schnurr (Hg.): Die letzten Tage von Pompeji

Besonders gelungen ist die knappe Spurensuche, an deren Ende das Datum der Katastrophe steht. Lange ist man vom 24. August 79 n. Chr. ausgegangen, doch legen Feuerschalen in den Häusern sowie dort aufgefundene Granatäpfel einen Tag im Herbst nahe. Aufschluss gibt ein Holzkohle-Graffito, das informiert, an einem 17. Oktober wären Öle aus der Vorratskammer entnommen worden. Gewöhnlich wäre der Schriftzug rasch verschwunden, er muss also kurz vor dem Desaster verfasst worden sein, zumal im ebenfalls zerstörten Herculaneum eine ähnliche Inschrift aufgefunden wurde.

Das Beispiel zeigt, wie in dem Kompendium Pompeji versucht wird, Erkenntnisse über das Leben in der Stadt und die Quellen auf ihre Stichhaltigkeit zu hinterfragen. Naturgemäß sind es archäologische Funde, die Auskunft geben oder eben auch verweigern bzw. verzerren oder gar verfälschen. Ein schönes Beispiel ist der Beitrag über die Ökonomie Pompejis. Gewöhnlich wird von der erstaunlichen wirtschaftlichen Potenz der Stadt gesprochen. Als Beleg gelten etwa die Amphoren mit dem Stempel eines pompejanischen Fabrikanten, die in Südfrankreich oder nördlich der Alpen aufgefunden wurden.

Jens-Arne Dickmann, der Autor des Beitrags, verweist darauf, dass einzelne Funde nur eine sehr begrenzte Aussagekraft haben. Zwar wurden auch Fragmente von Weinamphoren mit dem Stempel eines weiteren Pompejianers in Karthago gefunden, doch wurden Amphoren auch wiederverwendet – mit ganz anderen Inhaltsstoffen. Dickmann hält es für angemessener, von einzelnen wirtschaftlich potenten Personen aus Pompeji zu sprechen, wenn es um als typisch geltende Produkte aus der Stadt geht, als von der der Stadt an sich.

Generalisierende Aussagen sind ohnehin schwierig, wie ein weiteres Beispiel zeigt. So wurden hunderte von tabernas, also Ladengeschäfte ausgegraben, die oft Menschen auch als einfache Unterkunft dienten. Auch aus diesem Grund haben wohl wesentlich mehr Menschen in der vollgestopften Stadt gewohnt, als lange angenommen. Viele dieser Ausgrabungen wurden wenig sorgfältig durchgeführt, man kann über das Gewerbe in der jeweiligen taberna oft nichts mehr sagen.

Bei festen Einbauten für die Verarbeitung von Waren oder Wasserversorgung liegt die Sache anders, diese sind zumeist vorhanden. Das handelt es sich häufig um textilverarbeitende Werkstätten, woraus geschlossen wurde, Pompeji wäre ein Zentrum der Wollverarbeitung gewesen. Ein Kurzschluss angesichts hunderter Länden, in denen möglicherweise etwas anders hergestellt oder weiterverarbeitet wurde. Beispielsweise gibt es Hinweise, dass Parfüme eine große Rolle spielten. Gärtnereien für die Zuchtblumen, deren Blüten in Öl gebunden wurden, sind bezeugt, wie auch die Verarbeitung selbst.

Ihr Begehren ausleben durften vor allem männliche Vollbürger, für die Objekte ihres Begehrens – Frauen, Jünglinge oder auch männliche Sklaven – blieb nur eine passive Rolle.

Martin Pfaffenzeller, Eva-Maria Schnurr (Hg.): Die letzten Tage von Pompeji

Die vielen, bunten Facetten des Zusammenlebens in Pompeji spiegeln sich in der Vielfalt der Themen von Die letzten Tage von Pompeji. Wie das Zitat zeigt, wäre es ebenfalls ein Kurzschluss von den zahllosen erotischen Wanddarstellungen und Gegenständen auf eine freizügige Sexualmoral zu schließen. Im Gegenteil: Für Frauen, insbesondere der Oberschicht, galt es Züchtigkeit und einen guten Ruf zu wahren. Prostitution einfacher Frauen gab es hingegen zuhauf.

Wie das Leben der einflussreichen Bürger aussah, lässt manchmal staunen. Die Mannwerdung eines Heranwachsenden wird von seinen Eltern mit stolzen 6.840 Gästen begangen – rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Speis, Trank, Unterhaltung, Gladiatorenspiele mit mehr als 400 Gladiatoren (gewöhnlich kämpften 20 bis 30) machten aus dem Event eine Demonstration von Macht, Reichtum und Einfluss.

Doch auch im Kleineren gibt es Spektakuläres zu entdecken. Die Fluchtäfelchen etwa oder auch die Frage, wie es um die Lesefähigkeit der Bevölkerung Pompejis bestellt war. Wozu wären Graffiti gut gewesen, wenn niemand sie lesen, also verstehen konnte? Wie also lernte das man ohne öffentliche Schulen? Blutige (Hooligan-?) Krawalle im Stadion, Zoff beim Zocken in der Taverne, gefährlicher Mief in Bedürfnisanstalten, Heilkunst, Saufkunst, Kochkunst – es gibt in Die letzten Tage von Pompeji eine Menge Wissenswertes auf informative und unterhaltsame Weise zu entdecken.

Rezensionsexemplar

Martin Pfaffenzeller, Eva-Maria Schnurr (Hg.): Die letzten Tage von Pompeji
So lebten die Römer im Schatten des Vulkans
Penguin Random House 2025
Taschenbuch 256 Seiten
ISBN: 978-3-328-11242-6

Lesevorhaben 12 für 2025

Diese zwölf Bücher möchte ich im laufenden Jahr lesen. Das ganze ist eine so genannte Challenge, auf die ich bei Instagram gestoßen bin.

Sechs Romane und sechs Sachbücher habe ich für mein Lesevorhaben 12 für 2025 ausgewählt. Der Fokus liegt ganz eindeutig auf historisch-politischen Themen, auch bei Schubert (»und seine Zeit«). Ich erhoffe mir einen weiteren Horizont nach der Lektüre, um das »Schaffen« geht es mir nicht. Meine mir im Vorjahr selbst auferlegte Buchkauf-Diät bleibt bestehen.

Thomas Medicus: Klaus Mann
Biographie, Schriftsteller, kenne alle Romane

Stephan Thome: Gott der Barbaren
Roman, Historisch, China

Friedrich Christian Delius: Die Sieben Sprachen des Schweigens
Essays, Autobiographisch, toller Autor

Thomas de Padova: Allein gegen die Schwerkraft
Biographisch, Erster Weltkrieg, Einstein

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge
Roman, Historische Dystopie, Hitler hat den Krieg gewonnen

Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin
Roman, Erster Weltkrieg, Perspektive belgisch-flämisch

Nino Haratischwili: Das achte Leben
Roman, Georgien, epischer Mehrgenerationenroman

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis
Roman, Stalinismus, mein zweites Buch vom Autor

Peter Gülke: Franz Schubert und seine Zeit
Biographie, Komponist, mehrere Werke gehören zu meinen Favoriten

W.B. Bartlett: King Cnut
Biographie, Wikinger, neben Claudius & William der dritte Eroberer Englands

Robert Harris: Precipice
Roman, 1914, kenne fast alles von Harris

Mischa Meier: Die Völkerwanderung
Historiographie, es gab keine »Völker«, also auch keine »Völkerwanderung«

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Der Lektüre habe ich mit großer Spannung entgegengesehen, schließlich beschäftigt mich das Schicksal der Gracchen seit meinem Studium. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wie konnte es so weit kommen?

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das zweite Kapitel von Der Tod der Tribune ist mit dieser Frage überschrieben. „So weit“ meint dabei die brutale Ermordung des Volkstribuns Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr., das erbarmungslose Niederhauen von 300 seiner Anhänger, die nachfolgende Schändung ihrer Leichen. Zehn Jahre später wurde der jüngere Bruder, Gaius Gracchus, ebenfalls auf gewaltsame Weise mit 3.000 Gefolgsleuten getötet.

Der Vorgang ist – bis dahin – einmalig gewesen, die Folgen für die Römische Republik werden als verheerend angesehen: Oft wird mit dem Doppelmord ein Anfangspunkt benannt, nach dem die Republik Schritt für Schritt in den Abgrund glitt. Dafür kann man Gründe anführen: Beschädigung der Verfassungsordnung, des sakrosankten Amte und des Rechts allgemein. Vor allem aber wurde ein doppelter Präzedenzfall geschaffen, nämlich, auf Gewalt zu setzen.

Politisch denkende Zeitgenossen mögen an dieser Stelle vielleicht an den Sturm auf das Capitol denken oder auch an den Angriff auf Robert Habeck, verbunden mit dramatischen Befürchtungen bezüglich der Aussichten für die westliche Demokratie. Grundsätzlich sind Analogien mit großer Vorsicht zu genießen, Vergleiche, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen, sind aber wichtig, sonst bleibt die Lektüre zwangsweise akademisch.

Andererseits tut akademische Nüchternheit und eine möglichst sachliche Betrachtung dessen, was über die Umstände, Hergänge, Gründe und Folgen überliefert ist und in der Forschung diskutiert wird, dem Thema gut. Die Gracchen werden manchmal in ein sozialromantisches Licht getaucht, als tragisch gescheiterte Retter der ins Straucheln geratenen Römischen Republik; eine Art Che Guevara – Brüderpaar der Antike. Ausgerechnet Cicero hat allerdings eine ganz andere Einschätzung geäußert.

Tiberius Gracchus der Ältere [d.h. der Vater des ermordeten Volkstribuns] habe, so Cicero später, den Bestand der Republik gerettet, sein Sohn sie zertrümmert.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die Autorin Charlotte Schubert widmet sich zunächst der Mordtat und den nachträglichen Versuchen einer Legitimation. Das ist wichtig, denn es zeigt, wie dünn und lückenhaft die Überlieferung ist und wie schwierig quellenkritisch tragfähige Aussagen sind. So steht Ciceros Einschätzung im Verdacht, weniger die realen Ereignisse zu bewerten, als einen Versuch zu unternehmen, die eigene Missachtung institutionalisierten Rechts zu überdecken.

Tiberius und Caius Gracchus haben allein wegen ihrer Herkunft und sozialen Verankerung in der römischen Gesellschaft mehr mit ihren Gegnern als mit »dem Volk« gemeinsam: Sie gehörten zur Elite Roms. Tiberius bekleidete zwar das Amt eines Volkstribuns, er stammte weder aus dem Volk noch sprach er für „das Volk“ in einem sozialromantischen Sinne. Noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Roms Elite befand sich in einem erbarmungslosen Wettstreit um Macht, Ansehen und Ruhm.

Der Tod der Tribune entfaltet nun ein politisches Panorama, das viele Fäden aufzeigt, die zu jenem Knäuel führten, das mittels einer unerhörten Bluttat kurzfristig »gelöst« wurde. Im Kern drehte sich die Auseinandersetzung um die Bodenreform, die Zuteilung von Land an römische Bürger, ein Projekt, das keineswegs nur die Gracchen vertraten und das nach dem Tod von Tiberius und Caius eben auch nicht in der Versenkung verschwand.

Es verbietet sich, hier auch nur den Versuch zu unternehmen, die komplexe und durchaus widersprüchliche Entwicklung, immer überschattet von der schwierigen Quellenlage, auch nur halbwegs adäquat zu skizzieren. Das bleibt der Lektüre des ausgesprochen interessanten und sehr gut informierenden Buches vorbehalten. Der Leser wird Zeuge eines sich dramatisch zuspitzenden Machtkampfes, in den zufällig äußere Einflüsse hineinspielten.

Wieder einmal – wie so oft in der Geschichte – stellte sich das Geld als der entscheidende Punkt heraus: Tiberius brauchte für die Verwirklichung seiner Reform die materiellen Mittel, und die Mehrheit des Senats wollte ihm nichts bewilligen.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die so genannte Schenkung durch Attalos III. von Pergamon etwa, mit der Rom als Erbe eines Königreichs im Osten wurde, war dabei wohl entscheidend. Um sich aus dem finanziellen Würgegriff des Senats zu befreien, versuchte Tiberius Gracchus per Gesetz den »Schatz« des verstorbenen Königs zur Finanzierung seines Vorhabens zu nutzen. Das dürfte der Schritt über die »rote Linie« des Senats sein, wie Schubert meint, denn außenpolitische Angelegenheiten gehörten in dessen Verantwortungsbereich.

Entscheidend ist aber nach Einschätzung der Autorin das Verhalten des Volkstribuns während seiner letzten Volksversammlung, das sie als unklug und wohl missverständlich beschreibt und für seine Gegner nicht tolerierbar gewesen sei. Das ist durchaus nachvollziehbar. Machtkämpfe sind immer auch ein Ringen um Handlungsspielräume inmitten der institutionalisieren und formalrechtlich festgelegten Grenzen, die dabei gedehnt und auch überschritten werden.

Tatsächlich haben das vor den Gracchen andere Mitglieder der Elite ebenfalls getan, ohne getötet zu werden. Umgekehrt bleibt aber die Frage, warum sich der Senat nicht nur mit bemerkenswerter Kompromisslosigkeit gegen das Reformvorhaben wandte, die Reformer brüskierte, bloßstellte und diskreditierte. Scheinbar waren Tiberius und später auch Caius so weit gegangen, dass sie von den Senatoren als grundlegende Gefahr für deren Macht angesehen und ausgeschaltet wurden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Gegner der Gracchen und ihres mit Tiberius’ Tod nicht beendeten Reformwerks Scipio Aemilianus zum Diktator ernennen wollten, um den immer höher kochenden Aufruhr in Rom zu bekämpfen. Scipio war mit Tiberius verwandtschaftlich verbunden, aber politisch verfeindet. Er hatte Karthago und Numantia dem Erdboden gleichgemacht, es erscheint keineswegs übertrieben, wenn Schubert meint, dass Sullas Handlungsweise zwei Generationen später als Blaupause dienen könnten für das, was Rom bereits nach 129 v. Chr. hätte blühen können.

Der Tod Scipios löste zumindest dieses Problem. Nach seinem Tod unterblieben weitere Attacken gegen die Bodenreform und die Gefahr eines Aufruhrs war vom Tisch.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das ist ein bemerkenswerter Hinweis. Der Tod eines Gegners und entschiedenen Bekämpfers der Reformen war der Grund für die ersterbenden Flammen der Empörung. Das gibt einen wichtigen Hinweis, wo der Unruheherd zu suchen ist. Das schwelende Feuer erlosch jedoch nicht, denn mit dem Volkstribunat des jüngeren Gracchen-Bruders ging das Spiel in verschärfter Form weiter. Caius Gracchus entfaltete ein Feuerwerk an Reformaktivitäten, seine Gegner griffen zu neuen, durchaus perfiden Mitteln, um ihn zu stoppen.

Caius Gracchus kam am Ende im Rahmen einer brachialen Bluttat mit mehr als 3.000 Toten um. Charlotte Schubert skizziert den zeitlichen Ablauf: Zunächst habe sich der vormalige Volkstribun mit seinen bewaffneten Anhängern auf den Aventin versammelt, erst danach sei diese bar jeglicher Legitimität zusammengerottete Truppe Aufständischer mit »umstürzlerischer« Absicht attackiert und niedergehauen worden. Kann man Caius tatsächlich unterstellen, er plante eine Aktion, die in einen Bürgerkrieg geführt hätte? 

Es erscheint  richtig, dass die Morde von 133 und 121 v. Chr. »kaum zu vergleichen« (im Sinne von gleichzusetzen) sind, doch kann man in der Betrachtung der Ereignisfolge die Tötung des Tiberius nicht übergehen. Sie war die erste Gewalttat, initiiert und ausgeführt von Reformgegnern aus dem Senat. Allein die Überlieferung von Caius’ Traumgesicht, das ihm seinen Tod vorausgesagt haben soll, unterstreicht die Bedeutung des Mordes von 133 für die Handlungsweise von Caius und seinen Anhängern zwölf Jahre später. Der vielzitierte Traum wirkt eher wie ein illusionsloser Blick auf das besiegelte Schicksal des ehemaligen Volkstribuns.

Vielleicht war die Zusammenkunft auf dem Aventin eine letzte heroische Geste oder ein Akt der Verzweiflung, um das verwirkte Leben zu retten? Sie wirkt tatsächlich eher defensiv. 3.000 Anhänger des Gracchen wurden niedergemacht; auch wenn sie bewaffnet waren, müssen sich gegenüber den Kräften des Opimius (»Schwerbewaffnete und Bogenschützen«) dramatisch unterlegen gewesen sein. Auch aus diesem Grund frage ich mich, ob  Caius´ Absicht tatsächlich »umstürzlerisch« im Sinne eines bewaffneten Aufstandes war, insbesondere angesichts der erbarmungslosen Schlächtermentalität ihres Gegners.

Dreitausend Menschen haben die Widersacher des Volkstribunen Caius Gracchus niedergemacht; deren Vermögen zog die Staatskasse ein.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Selbst der Hinweis auf den rechtlichen Status von Caius als Privatmann zum Zeitpunkt seines Todes hilft nur bedingt weiter, denn die Ermordung seines Bruders hat gezeigt, dass auch ein Amt keinen Schutz mehr bot. Nicht umsonst versuchte Caius den Schutz gegen gewalttätige Übergriffe wiederherzustellen und zu erhöhen, gerade auch für Privatmänner, die oft dem Machtmissbrauch der Elite ausgesetzt waren; auch die Volkstribunen sollten vor Attacken nach Beendigung ihres Amtes geschützt werden.

Vor allem aber ist augenfällig, dass die Reformgegner eine zutiefst destruktive Verhaltensweise an den Tag legten. Neben der schon aus den Zeiten des Tiberius bekannten Blockade sah sich Caius einer perfiden Taktik seiner Gegner gegenüber: Die Überflügelung der Reformgesetze durch viel weiter reichende, die zwar von der Volksversammlung abgesegnet wurden, aber in keiner Weise finanzierbar waren und nicht umgesetzt wurden; ja, niemals umgesetzt werden sollten. Parallel wurden auf diese Weise Vorhaben des Caius abgeschwächt.

Charlotte Schubert ist in jedem Fall zuzustimmen, dass diese Vorgehensweise geschickt und sehr effektiv gewesen ist. Offen bleibt für mich aber die Frage, woher dieser fundamentale, extrem aggressive und schließlich in dem sehr zwiespältigen und rechtlich obskuren Senatus Consultum Ultimum mündende Widerstand eigentlich rührte. Naheliegend wäre die Vermutung, dass der Senat das Volkstribunat einhegen oder gar beseitigen wollte, mithin also eine institutionelle Umformung der Republik, die man den Gracchen und ihren Anhängern unterstellte.

Faktisch fehlte „die über Jahrhunderte eingeübten Verfahren der Konsensherstellung“, aus meiner Sicht macht Tod der Tribune deutlich, dass diese vor allem auf Seiten des Senats verschwunden war, und zwar auch gegenüber ganz herausragenden Persönlichkeiten wie Fulvius Flaccus. Aber warum? Wo auf dem Weg vom Sieg über Hannibal waren sie verloren gegangen? Einen Ersatz für die Konsensherstellung gab es bis zum Ende der Republik nicht.

Das Instrument des Senatus Consultum Ultimum hat 121 keine Eskalation verhindert, später auch nicht. Nach dem Tod des Caius’ begann eine immer dramatischere Zeit der inneren Gewalt in der römischen Republik, endlose, blutige Kriege im Innern, Proskriptionen, Mord und Totschlag. Diejenigen, die Öl ins Feuer gegossen haben, saßen im Senat; dafür haben nicht nur die Gracchen einen hohen Preis bezahlt:

Mit der Ermordung der Tribunen und der Abschlachtung der Gefolgsleute des Caius hatte sich das senatorische Rom für die Zukunft entscheidende Wege zur Konfliktlösung innerer Krisen verlegt – die Eliten führten so die Republik in eine Sackgasse, aus der es einhundert Jahre später endgültig keinen Ausweg mehr gab.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

So ist es.

[Rezensionsexemplar]

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Leben und Sterben des Tiberius und Caius Gracchus
C.H.Beck 2024
Gebunden 304 Seiten
ISBN: 978 3 40681372 6

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