Schriftsteller - Buchblogger

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Blogmonat Juni 2024

Sechs Bücher, drei Romane, drei Sachbücher, allesamt lesenswert. Zwei davon, »Auf Messers Schneide« und »Das Totenschiff«, wollte ich seit Jahren lesen und bin endlich dazu gekommen. Cover beim jeweiligen Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wenig überraschend ist Das Totenschiff* von B. Traven das Buch, dessen Besprechung im Juni am häufigsten gelesen wurde. Auch für mich ist es das Highlight des Monats gewesen. Charlotte Schuberts Tod der Tribune* wurde am zweithäufigsten angesteuert, für ein dramatisches, aber sperriges Thema aus der Antike nicht selbstverständlich.

Wer sich mit einem gesellschaftskritischen Thema befasst, läuft immer Gefahr, sich davon überwältigen zu lassen. Die Leser meiner Besprechung des Beitrags zu Amsterdam, verlorene Stadt*, wissen, dass und wie es dem Autor Ries Roowaan gelungen ist, die Gefahr zu bannen. Der Artikel wurde am dritthäufigsten angesteuert.

Für das zweite Halbjahr habe ich unter den Neuerscheinungen eine Reihe von Büchern zusammengestellt (siehe Galerie am Ende des Beitrags), die ich unbedingt lesen will. Nun, eigentlich will ich noch viel mehr lesen, doch realistisch betrachtet werde ich mit diesen und dem, was ich als Recherchelektüre zu bewältigen habe, kaum fertig werden. Dazu gesellen sich nämlich noch knapp einhundert ungelesene und mehrere hundert nochmal zu lesende Bücher – weshalb ich auf Buchkauf-Diät bin.

Vor allem habe ich noch einiges selbst zu schreiben. Die beiden Schlussbände meiner Piratenbrüder-Buchreihe stehen an, mit der Überarbeitung von Verräter (es gibt so viele Formen von Verrat!) habe ich bereits begonnen, parallel werkele ich auch ein wenig am Schlussband Opfergang.

Doch überlege ich schon, wie es danach weitergeht. Ein historischer Roman aus der Wikinger-Zeit, der die Geschichte um Eillir, Stígandr und Ryldr aus Vinland – Piratenbrüder Band 4 weiterschreibt? Oder die Fantasy-Buchreihe, für die ich bereits umfangreiche Vorarbeiten erledigt habe? Was folgt als nächstes? Das ist hier die Frage.

Definitiv folgt am 20. September Totenschiff – Piratenbrüder Band 5. Und ja – ich habe ein schönes Zitat aus B. Travens Roman gefunden, das ich meinem eigenen voranstellen kann.

Das Zitat aus dem ganz vorzüglichen Roman von B. Traven wird »meinem« Totenschiff vorangestellt.

Kurz-Besprechungen der Juni-Bücher

Als einen Kipp-Punkt in der innenpolitischen Entwicklung der römischen Republik bezeichnet die Historikerin Charlotte Schubert den Mord an Tiberius Gracchus im 133 v. Chr. Ihr Buch Der Tod der Tribune* zeichnet die Entwicklung, die zu diesem dramatischen Moment führt, nach und blickt auf die Zeit zwischen und nach dem zwölf Jahre später unter grauenhaften Umständen zu Tode gekommenen Caius Gracchus. Es gibt einige sehr bemerkenswerte Erkenntnisse, etwa die archäologischen Forschungen zur Entwicklung des bäuerlichen Lebens in Italien, die gängige Behauptungen entkräftet. Vor allem gefällt die Einordnung des Geschehens am Schluss des Buches, das deutlich macht, wie die Elite Roms sich durch ihre knallharte Konfrontation mit den Gracchen selbst in eine lang- und mittelfristig höchst problematische Lage gebracht hat.

Kleinod ist so ein schönes Wort. Es trifft ganz wunderbar auf Durch den Nebel* von Jaroslaw Rudiš zu, einem kurzen Bändchen, das eine ganze Menge über das Schreiben und die bereits geschriebenen Bücher des Autors verrät. Die Perspektive ist ungewöhnlich, denn Rudiš in einer ungewöhnlichen Weise eisenbahnaffin. Wenig verwunderlich, wie sehr das Zugfahren in diesem Text im Mittelpunkt steht, ja, der erste Teil sogar aus einem Bahnhofslokal heraus erzählt wird. Reisen auf der Schiene ist für Rudiš nie Zeitverschwendung, daran ändern Verspätungen oder verpasste Anschlusszüge nichts. Die ohnehin gewinnbringende Lektüre wird noch besser, wenn man den Roman Winterbergs letzte Reise kennt. Die Schienen führen eben nicht nur von Ort zu Ort, sondern auch in die Vergangenheit, wenn man weiß, was man sieht. Nach dem Lesen von Durch den Nebel blickt man ein wenig mehr durch, historisch und auch sonst.

Zu den beliebtesten Zielen des internationalen Massentourismus gehört Amsterdam. Wie Ries Roowaan in seinem Roman Amsterdam, verlorene Stadt* auf boshaft-sarkastische, manchmal auch drastische Weise zeigt, hat das für die Ortsansässigen viele negative Folgen. Vor allem der beste Freund der Hauptfigur, Jan Janssen, leidet darunter; nach Corona, das wie eine segensreiche Atempause wirkte, radikalisiert er sich einer bis dahin schwer vorstellbaren Weise. Doch ist das nur der rote Faden durch eine Erzählung, die viel mehr zu bieten hat. Allein der Erzähler Leo mit seiner Lebensweise: In einem musikalischen Kokon folgt er dem Pfad des sexuellen Hedonismus’. Neben Rückblenden und durchaus wehmütig wirkenden Erinnerungen gibt es eine ganze Reihe kluger Beobachtungen, Gesellschaftskritik im Gewand einer bemerkenswert ungewöhnliche Erzählhaltung: Die Hauptfigur ist nämlich bereits tot.

Ein Abenteuerroman mit Tiefgang: So würde ich Das Totenschiff* von B. Traven beschreiben. Einordnen lässt er sich nicht so leicht, schockierend für Literaturbürokraten, schön für den Leser. Spannend ist der Weg, den der amerikanische Seemann Gales zurücklegt, auf jeden Fall. Zunächst irrt er ohne Papiere und zunehmend ohne Hoffnung auf eine Rückkehr in die geordnete Welt durch Westeuropa. Nach gut einem Viertel des Romans geht es auf die »Yorrike«, ein Seelenverkäufer, auf dem hanebüchene Zustände herrschen. Und doch ist es noch lange nicht der Tiefpunkt auf dieser grotesken, wilden, fürchterlichen und leider auch immer noch aktuellen Reise. Das Ende der Handlung zeichnet sich früh ab, doch hat der Autor noch eine unvorhergesehene Wendung als Schlusspunkt gesetzt. Damit ist das Buch noch nicht zu Ende, denn Volker Kutscher hat ein sehr lesenswertes Nachwort beigesteuert.

Der Erste Weltkrieg ist die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts. Ein gut vier Jahre währendes Töten, dem Millionen Soldaten und zahllose Zivilisten zum Opfer fielen, der keineswegs in einen tragfähigen Frieden mündete, sondern in eine Zeit voller Bürgerkriege, Unruhen und schließlich einen weit schrecklicheren Krieg. Auf Messers Schneide von Holger Afflerbach zeichnet den Verlauf des Ersten Weltkrieges nach, zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der kriegführenden Parteien und welche Entscheidungen sich daraus ergaben. Verloren war der Krieg lange für keine der beiden Seiten, auch nicht für die Mittelmächte, die durchaus ein Unentschieden oder unter besonders günstigen Umständen einen Sieg hätten erringen können. Das ausgewogen argumentierende Buch kommt zu manchem recht überraschend wirkendem Schluss, wenn es sich zum Beispiel mit den Kriegszielen Englands und Frankreichs sowie der USA befasst, die einen Friedensschluss 1917/18 massiv erschwerten, vielleicht sogar unmöglich machten.

Gereon Rath ist die Hauptfigur der Romanreihe von Volker Kutscher. Am Ende des achten Bandes stirbt Rath zum Schein, im neunten tritt er folglich in die Kulissen. Charlotte Rath übernimmt in Berlin, während ihr Ehemann im Verborgenen ein Scheinleben führt. Der Mord an einem SS-Offizier bringt die Handlung ins Rollen, die Ermittlungen verstricken sich mit anderen Handlungsfäden, etwa den Schwierigkeiten, in denen Friedrich (Fritze) Thormann steckt. Die Geschichte ist sehr spannend erzählt, dies- und jenseits des Atlantiks spitzt sich die Lage immer weiter zu, ehe alles in einem dramatischen Finale endet. Das wirkt ein wenig überspannt, was an der Lesefreude aber nichts ändert. Denn wie in den vorangegangenen Romanen ist die Atmosphäre der heimliche Star von Transatlantik*, der nahende Krieg wirft seinen Schatten, was selbst manchen eingefleischten Nazi zum Nachdenken bringt. Doch ein Entkommen ist nicht so einfach, weder dies- noch jenseits des Atlantiks.

Blog-Gestöber

Beim Stöbern auf Blogs stoße ich immer wieder auf sehr interessante Bücher, die ich allzu gern lesen würde. Besonders freue ich mich, wenn eines besprochen wird, das sich selbst auf meiner Liste hatte, aber letztlich streichen musste. Das gilt für Nora Krug, Im Krieg. Petra Reich von Literaturreich hat sich dieser Annäherung an den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine angenommen, die allein wegen der Gegenüberstellung einer ukrainischen und russischen Stimme interessant (und diskussionswürdig) ist. Sehr lesenswerter Beitrag.

Bei Kaffeehaussitzer bin ich durch einen Verweis auf Tage der Toten von Don Winslow »getriggert« worden, wie man so schön sagt. Der Dreiteiler des US-Thriller-Autors befasst sich mit dem Thema »war on drugs«, jenem nicht enden wollenden Krieg gegen die Drogen, der mich seit Jahrzehnten beschäftigt. Diesmal geht es aber um Israel, einen Staat in einer sehr speziellen Lage, umgeben von aggressiv agierenden Todfeinden. Krieg war immer schon ein Katalysator für den Drogenkonsum, beides gehört zusammen, wie man bei Maror von Lavie Tidhar offensichtlich sehen kann. 

768 Seiten sind mir einfach zu viel gewesen, sonst hätte ich La Storia von Elsa Morante gern gelesen. So freue ich mich, dass auf Buch-Haltung eine interessante Besprechung zu lesen ist. Der Roman ist zarte fünfzig Jahre alt und – bedauerlicherweise – brandaktuell, zeigt er doch die Abgründe auf, in die totalitäre, namentlich faschistische Gesellschaften steuern.

Ein wenig Stöbern kann man bei Literaturleuchtet und eine kleine, subjektive Buchauswahl für den Herbst kennenlernen, mit erläuternden Worten! So fleißig bin ich nicht, hier nun einige Bücher, auf die ich mich freue (leider gibt es für wenigsten vier weitere Titel noch kein Cover).

Blogmonat Mai 2024

In jeder Hinsicht ein wirklich guter Lesemonat.

Thomas Willmann hat einen monumentalen Historischen Roman geschaffen, der vor allem durch seine Sprache überwältigt. Der Roman braucht Zeit, der Leser sollte sie ihm gewähren und ganz in diese Welt eintauchen, die so üppig, ausschweifend und sprachmächtig gestaltet ist, dass man aus dem Staunen gar nicht wieder herauskommt. Es geht um das Streben nach Höherem, das selbst (oder auch gerade) die Begabten in die tiefsten Abgründe führt. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Nachahmung des Schöpfungsaktes, das Leben, ein Motiv, das bis in die Gegenwart eine immer wichtigere Rolle spielt und diese zweifelsfrei auch in der Zukunft spielen wird. Der Eiserne Marquis erzählt vom verzweifelten Versuch, sich gegen die Allmacht des Todes zu behaupten, mit all seinen tragischen Folgen.

Ein sehr lesenswerter Klassiker des Spionageromans ist Ein Dandy in Aspik* von Derek Marlowe. Erzählt wird die Geschichte eines Doppelagenten namens Alexander Eberlin, der in Wahrheit Krasnevin heißt. Eberlin arbeitet pro forma für die Briten, seine Aufgabe ist aber, Gegner des sowjetischen Geheimdienstes zu eliminieren. Ein Profikiller, der aber von der Spionage-Ikone James Bond weit entfernt ist, ebenso nicht dem in den 1960er Jahren gängigen Bild des ideologisch geprägten Sowjet-Agenten entsprechen will. Eberlin wird nach Berlin geschickt, um dort nach einem Doppelagenten zu suchen: Krasnevin. Er jagt also sich selbst. Spannend, krautig, rasant und mit viel Witz und Sarkasmus erzählt. 

Auf eine Reise in die Abgründe der Pharma-Industrie begibt man sich bei der Lektüre von Imperium der Schmerzen von Patrick Radden Keefe. Die so genannte Opioid-Krise ist sicher vielen als Schlagwort bekannt, allein die Zahlen, die zu Beginn des Buches genannt werden, offenbaren ihre katastrophalen Ausmaße: mehr als 450.000 Tote hat diese Krise gefordert. Keefe unternimmt eine Fahrt in die Geschichte und erzählt von der Familie Sackler und ihrem Aufstieg, der fest verbunden ist mit Purdue Pharma, dem Hersteller des verhängnisvollen Medikaments. An vielen Stellen bleibt nur fassungsloses Kopfschütteln, etwa bei der Markteinführung des ersten Morphins in Tablettenform in den 1980er Jahren. Bis zum Ende des Buches ändert sich daran nichts, im Gegenteil: der Abgrund wird tiefer und tiefer. Bemerkenswert ist nämlich auch, wie taktisch und strategisch klug sich die Sackler-Familie bis zum Ende gewehrt hat und wie hilfreich das politische und juristische System der USA sind, wenn man reich ist.

Drei Romane habe ich von Stefan Heym gelesen, die bei allen inhaltlichen Unterschieden historisch-politisch ausgerichtet sind. Ich habe die Bücher gern gelesen, trotz der – aus meiner Sicht irritierenden politischen Aktivitäten Heyms nach 1990. Umso erfreuter war ich, dass es eine Graphic Novel gibt, die sich dem Werdegang des Schriftstellers widmet. Die sieben Leben des Stefan Heym von Gerald Richter (Text & Konzeption) und Marian Kretschmer (Illustration) ist nicht nur sehr stimmungsvoll graphisch umgesetzt, sondern informativ und spannend zu lesen. Heym hat alles mitgenommen, was das 20. Jahrhundert zu bieten hatte. Sein Leben ist von heftigen Brüchen durchzogen, der Titel ist absolut gerechtfertigt. Die Geschichte macht auch deutlich, wie ungewöhnlich ruhig es im Deutschland der vergangenen Jahrzehnte doch gewesen ist. Das ist jetzt allerdings vorbei.

Seit vielen Jahrzehnten begleiten mich die Romane von Martin Cruz-Smith, die sich um die fiktive Figur des russischen Ermittlers Arkadi Renko drehen. Den Anfang bildete Gorki Park, das auch großartig verfilmt wurde, und in gewisser Hinsicht auch den besten der Romane darstellt. Da die Sowjetunion zerbrach (und sich die in Gorki Park für mich beim Erstlesen abwegige Furcht eines KGBlers, die Deutschen könnten sich wiedervereinigen, tatsächlich bewahrheitete) und Russland seither mehrere Wandlungen durchlief, blieben die nachfolgenden Romane allesamt sehr interessant (Korruption, Seilschaften, Tschernobyl, Cuba, Putsch, Putin, Oligarchen, politische Apathie); der jüngste, nunmehr zehnte Teil heißt Independence Square und spielt denn auch recht passend in Russland und der Ukraine. Wie immer: Hoffentlich gibt es noch einen. 

Mittlerweile kenne ich einige Bücher von Christian Friedrich Delius, die mir allesamt gefallen haben. Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich bildet keine Ausnahme. Es ist ein Rant in Tagebuchform, verfasst von einem geschassten Zeitungsmann, der seine erzwungene Frei-Zeit in Betrachtungen steckt, die nicht als Blog oder Buch veröffentlich werden, sondern seiner Nichte Lena zugute kommen sollen. Die Aufzeichnungen sind hochpolitisch und haben einen wirtschaftlichen Touch. Ja, so sperrige Begriffe wie »Deflation« werden gebraucht. Überhaupt ist es vorteilhaft, die vergangenen dreißig Jahre aufmerksam durchs Leben gegangen zu sein, dann entfaltet der anhaltend boshafte, sarkastische, ironische, bissige und schön formulierte Rant seinen wunderbar pointierten Charme. Ich bin keineswegs mit allem einverstanden, wäre ja noch schöner! Aber die Mük – die „Meist überschätzte Kanzlerin“ – und anderes Polit-Gekreuch, das hat schon was. „Ab wann darf man von Bananenrepublik sprechen?“ Gute Frage.

Urban Fantasy lese ich als Unterhaltungsliteratur, bestens geeignet für einige entspannte Stunden in einer magisch erweiterten Welt. Es ist weniger Harry Potter als Bartimäus gewesen, der mich für dieses Genre sensibilisiert habe, jenes dschinngewordene Musterexemplar an Bescheidenheit. Allzu häufig verirre ich mich nicht in diese Gefilde, aktuell stibitze ich meinem Sohn gelegentlich ein Exemplar der Alex-Verus-Reihe von Benedict Jacka. Der vierte Teil, Der Wächter von London,  hat mir sehr viel Spaß bereitet, was auch daran liegt, dass es vielschichtig, düster und grenzverwischend zur Sache geht. Die Hauptfigur wird von ihrer Vergangenheit eingeholt, der Versuch, diese abzuschütteln, erweist sich als gescheitert. Jacka kleidet das in eine sehr spannende Jagd-Geschichte, denn an Verus soll blutige Rache geübt werden – für einen Tod, den er mit zu verantworten hat. Alles gut? Die Übersetzung ist bisweilen ein wenig seltsam.

Blog-Gestöber

Die meiste Aufmerksamkeit auf meinem Blog wurde im Mai dem Spionage-Klassiker Ein Dandy in Aspik* von Derek Marlowe zuteil, dicht gefolgt von der Graphic-Novel Die sieben Leben des Stefan Heym* von Gerald Richter und Marian Kretschmer. Auf dem dritten Rang liegt eine ältere Besprechung von Éric Vuillard, Die Tagesordnung.

Bei den Sachbüchern fand meine Buchvorstellung Aus dem Nebel des Krieges, hrsg. von Kateryna Mishenko und Katharina Rabe die meiste Beachtung, auch die Besprechung von Die Sklaverei und die Deutschen*, hrsg. von Jasmin Lörchner und Frank Patalong wurde recht häufig angesteuert. Auch hier rundet eine ältere Besprechung von Christopher Clarks Die Schlafwandler* das Top-Trio ab.

Der Frühling ist noch nicht vorbei, angesichts des Wetters vielleicht nicht einmal richtig begonnen, da liegen schon sehr viele Vorschauen der Verlage für den Herbst vor. Ich habe meine eigene Liste erstellt, anfangs waren es 45 Bücher, angesichts begrenzter Lesezeit habe ich diese auf zwölf zurückgestutzt.

Wer einmal einen ganz individuellen Blick auf die Auswahl von Bloggern werfen will, wird bei Buch-Haltung und Literaturreich fündig. Hier freue ich mich schon auf die Blogbeiträge, da ich kein einziges der dort aufgeführten Bücher selbst lesen werde. Ein Besuch lohnt sich, es sind einige sehr interessante Werke darunter.

Einen Besuch möchte ich auch auf Literaturleuchtet empfehlen und zwar aus zwei Gründen. Einmal findet sich dort eine positive Besprechung von Hernan Diaz, Treue, ein Roman, mit dem ich selbst nicht so viel anzufangen wusste;  zum zweiten wegen des Beitrags zu Salman Rushdies Knife, der zum Nachdenken anregt.

Das eBook kann bereits vorbestellt werden – einfach auf das Bild klicken.

Blogmonat Februar 2024

Acht Bücher haben es in meinen Blogmonat Februar 2024 geschafft, darunter Fall, Bombe, Fall, das mit ziemlicher Sicherheit auf meiner Jahresbestenliste landen wird. Wieder gibt es vielfältige Themen und Formen, von den vier Romanen ist einer jedoch enttäuschend, ausgerechnet von Kurkow, der mit seinem großartigen Tagebuch gleich noch einmal vertreten ist.

Auch im achten Teil der historischen Kriminalreihe um Gereon Rath wird der Leser hervorragend unterhalten. Olympia ist ungeheuer spannend, Volker Kutscher gelingt es, die missliche Lage, in der sich der Protagonist am Ende des Vorgängerbandes befindet, auf die Spitze zu treiben. Mehr als drei Jahre nach der Machtergreifung endet das ewige Lavieren Raths, aber auch Charly und Fritze müssen feststellen, dass sie auf gewohnte Weise nicht weiterkommen. Der Schatten des Nazi-Regimes wird immer finsterer, die propagandistisch ausgeschlachteten Olympischen Spiele sind nur eine zeitlich begrenzte Lücke in der schwarzen Wolkendecke.

Mit Tagebuch einer Invasion setze ich die Lektüre über den Krieg Russlands gegen die Ukraine im Spiegel von Tagebüchern, Berichten und Essays fort. Andrej Kurkow ist einer der bekanntesten Autoren des Landes, er sieht sich als ethnischen Russen, der auf Russisch schreibt. Der Krieg ist in mehrfacher Hinsicht ein tiefer Einschnitt in sein Leben, Flucht aus Kyjiw, Schreibblockade bei fiktionaler Literatur, verschärfte Beschämung wegen des Russischen. Die Beiträge beleuchten das und viele andere Aspekte in einer Weise, dass der Krieg näher rückt, dessen Auswirkungen spürbar werden, auch wenn man im sicheren Deutschland sitzt.

Ein klarer Befehl: Überlebende von torpedierten Schiffen dürfen nicht an Bord eines U-Bootes genommen oder abgeschleppt werden. Es ist Krieg und Teil des Krieges ist das Töten von Menschen, oft auf brutale Weise. Der Roman Comandante bringt einen italienischen U-Boot-Kommandanten in die Lage, in der er eine Entscheidung treffen muss; er hilft den Schiffbrüchigen, trotz des Befehls, wegen eines höheren See-Rechts. Der spannend und aus ungewöhnlich vielen Perspektiven erzählte Roman von Edoardo de Angelis und Sandro Veronesi nimmt sich des Themas mit Blick auf die Gegenwart an und lässt den Leser nachdenklich zurück.

Ein Augenöffner ist das Buch von Anne Applebaum für mich gewesen. Die Verlockung des Autoritären  befasst sich mit der Entwicklung von Polen, Ungarn, England und den USA in den zurückliegenden 25 Jahren, Abstecher nach Spanien, Frankreich und Italien runden den Streifzug ab. Es geht um grundlegende Fragen, woher der Drang nach autoritären Regierungsformen, die Mechaniken, die sie begünstigen, und natürlich auch, ob ein Ende der Demokratie vermeidbar ist. Deutschland spielt keine Rolle, als Leser kann man selbst die Frage stellen, ob und was übertragbar ist. Eine sehr wichtige Lektüre! Unbedingt empfehlenswert.

Physik! Wer jetzt meint, Reißaus nehmen zu müssen, bitte sehr. Ich habe Die Stunde der Physiker von Ernst Peter Fischer mit großem Gewinn gelesen. Nein, liebe Studienräte, ich habe nicht alles verstanden, schon gar nicht so weit, dass ich es wiedergeben könnte. Doch deswegen greife ich auch nicht zu solchen Büchern, sondern weil ich gern wissen möchte, wo meine Verständnisgrenzen liegen und einen Eindruck gewissen möchte, wie es jenseits davon aussieht. Was ich noch in der Schule gelernt habe, ist 19. Jahrhundert, Atommodelle, die zwischen 1922 und 1932 ersetzt wurden. Faszinierend die Gleichzeitigkeit von genialer Wissenschaft á la Planck, Bohr, Einstein, Heisenberg und dem populistischen Geschwurbel von Oswald Spengler.

Der zweite Teil der Romanreihe um Samson aus dem Kyjiw des Jahres 1919 ist leider nicht so gut gewesen, wie der Auftakt. Samson und das gestohlene Herz habe erwartungsfroh begonnen, war meine Leselust doch nicht zuletzt durch eine Lesung mit Autor Andrej Kurkow geweckt worden, doch nach wirklich gutem Beginn zerfaserte die Handlung auf eine seltsame Weise. Sie geriet krautig, die anfängliche Erzähllinie verblasste und das Geschehen mäanderte mehr, als es voranschritt. Gern hätte ich hier Positives geschrieben, mochte ich Samson und Nadjeschda doch gern. So bleibt die Hoffnung auf den dritten Teil.

Lohnt sich eine genaue Analyse der Rhetorik, derer sich die Rechten, insbesondere der AfD bedienen? Um die genau geplante Wirkung der Reden zu durchschauen, ist Was heißt hier »wir«? von Heinrich Detering hervorragend geeignet. Damit wird man niemanden erreichen, der bereits in den Fängen des braunen Gesindels ist, aber alle anderen werden mit dem nötigen sprachlichen Rüstzeug versehen, wie gefährlich es ist, dass Vertreter der Rechten allzu oft die Öffentlich-Rechtlichen Medien als Plattform nutzen können, um ihr Gift unwidersprochen oder hinterfragt zu verbreiten.

Ein Kleinod im besten Sinne ist Fall, Bombe, Fall von Gerit Kouwenaar. Die Novelle, die bereits 1950 erschienen ist, spielt im Jahr 1940 und schildert wie der siebzehnjährige Karel den Schritt der Niederlande in den Krieg vollzieht. Die Verschränkung zwischen Coming of Age und dem dräuenden Schrecken des deutschen Überfalls ist großartig. Nirgendwo sonst habe ich das Niemandsland zwischen Frieden und Krieg, wenn der eine verschwunden, der andere noch nicht angekommen ist, was alles zutiefst unwirklich erscheinen lässt, so atmosphärisch gelungen beschrieben gesehen. Ein Kandidat für das »Buch des Jahres 2024«.

Blog-Gestöber

Im Februar war meine Besprechung des Romans Comandante* von Edoardo De Angelis und Sandro Veronesi am stärksten nachgefragt. Wunderbar, denn das Thema ist aktuell und die Hauptfigur mit ihrem Kriegerethos ungewöhnlich. Kurios ist, dass mit Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price ein Sachbuch auf dem zweiten Platz gelandet ist, das ich schon vor einigen Monaten besprochen habe. Es gehört zu meinen beiden Favoriten des Jahres 2023, also ist das kein Grund für Traurigkeit.

Ein Grund für das Interesse ist sicher, dass dieses monumentale Werk über die Nordmänner in einigen Artikeln über mein nächstes Buch Vinland – Piratenbrüder Band 4 erwähnt wird, die ebenfalls oft angesteuert wurden. Price hat noch einige Dinge zu meinem Roman beigetragen, auf den letzten Drücker (Walhalla-Sessrumnir), aber vor allem einen Grundgedanken fundamentiert: Zwischen Wikingern und Piraten gab es Berühungspunkte und Gemeinsamkeiten.

Trotzdem ist es ein Wagnis gewesen, einen Roman auf zwei Zeitebenen zu schreiben, ein Spaziergang im Wald hat letztlich die Entscheidung gebracht. Es handelt sich immerhin um den Mittelband einer Heptalogie um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah, bricht mit der Erzählstruktur und beeinflusst damit den folgenden Band, Totenschiff –  Piratenbrüder Band 5, mit dem wieder auf eine Zeitebene zurückgekehrt wird. Der würde sich ohne die besondere Erzählstruktur von Teil 4 anders lesen.

Vinland erscheint am 20. März 2024.

Ein Wikingerschatz? Im »Blue Cove« zu Charles Town ist man sich einig: Der Fremde mit dem zerstörten Gesicht spinnt Seemannsgarn. Doch ahnt niemand, dass 700 Jahre zuvor ein junger Nordmann auf einem Fass steht, einen Strick um den Hals und den Tod vor Augen. Und so beginnt es …

Auf dem dritten Rang in der Lesergunst liegt die Besprechung eines Sachbuches zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Anne Applebaums Die Verlockung des Autoritären. Die Autorin geht der Frage nach, warum so viele Menschen antidemokratischen Trommlern hinterherlaufen, wie es dazu kommen konnte, dass nach dem Sieg über die menschverachtende Sowjetunion 1990 die Demokratie nicht weiter auf dem Vormarsch war, sondern immer mehr autoritäre Regime sich etablieren konnten. Die Antworten sind wenig erfreulich.

Leseförderung

Zwischen 2012 und 2022 ist die Zahl der Buchkäufer in Deutschland um elf Millionen auf 26 Millionen gefallen. Das ist eine dramatische Entwicklung. Die Lektüre von Büchern hat unbestreitbare Vorzüge für den Lesenden, nicht nur im Gegensatz zum flüchtigen Hinwegfliegen von Mini-Beiträgen in den Sozialen Medien. Entsprechend schauerlich sind die Zahlen.

Immer wieder wird auf  die Notwendigkeit der Leseförderung hingewiesen. Marius Müller (Buch-Haltung) hat in einem Beitrag die Idee einer Bücher- und Bildungsnation propagiert und eine ganze Reihe interessanter und wohl hilfreicher Vorstellungen zum Thema Leseförderung unterbreitet. Und ja: Bildung hängt von der Sozialen Herkunft ab, die Chancen, die sich daraus ergeben, auch.

Mir käme es nie in den Sinn, derlei infrage zu stellen. Leseförderung zum Erwerb von Kernkompetenzen ist zentral. Die Realitäten in der Schule sehen allerdings anders aus. 300 Seiten recht großzügig bedrucktes Lesewerk ist schon viel zu viel – für die Schüler und auch für die Portemonnaies der Eltern. Zehn Euro pro Buch ist das Maximum (kostenlos wäre besser)! Flatscreen-TV, Smartphone, Fernreise usw. müssen ja auch bezahlt werden.

Damit wären wir wieder bei der Herkunft. Wie sollte Schule gegen das vorgelebte Wertemodell des Elternhauses ankommen? Wie gegen die Algorithmen der großen Plattformen (und Streaming-Dienste)? Die sprechen das Belohnungssystem des Menschen gezielt an, sie leben von der Aufmerksamkeit, melken die Menschen regelrecht  und entziehen ihnen das Kostbarste, was sie haben: Zeit. 

Ein Buch kann da nicht mithalten, selbst mit dem quietschigsten Farbschnitt nicht, denn gelesen werden muss ja trotzdem. Das ist zunächst einmal bis zum Erwerb von Lesekompetenz nichts, was das Belohnungssystem anspricht.

Selbst wenn das Kind aus einem lese- und förderfreudigen Haushalt kommt, gibt es keine Garantie, dass es klappt. Aus nächster Nähe konnte ich beobachten, wie aus einem Lesemonster ein konsequenter Buch-Abstinenzler wurde. Dafür brauchte es nur wenige Wochen, Bücher und Lesen sind seitdem unrettbar verloren.

Mir liegt es völlig fern, aus diesem Beispiel auf die Gesamtheit zu schließen und  etwa das Konzept oder den Sinn von Leseförderung infrage zu stellen. Leseförderung ist und bleibt wichtig und sollte massiv unterstützt werden. Sie hat nur mit mächtigen, ja überlegenen Gegnern zu kämpfen, die gar kein Interesse daran haben, dass es mehr Leser gibt.

Im Grunde genommen müsste Leseförderung mit eine Regulierung der Nutzung von SoMe-Plattformen usw. einhergehen, sonst wird das Fördern wie Heizen bei geöffnetem Fenster im Winter sein. 

Blogmonat Januar 2024

Mein Monatshiglight ist eindeutig Tyll von Daniel Kehlmann, doch sind auch die übrigen sehr lesenswert. Ein Buch fehlt auf dem Bild, das mit Canva erstellt wurde.

Apokalypse im Dreißigjährigen Krieg. Die Kapitel, in denen Daniel Kehlmann die Verwüstungen schildert, die der nicht enden wollende Krieg angerichtet hat, sind von schauriger Schönheit. In diesem blutigen Strudel aus Tod, Dreck und Hunger kämpft Tyll Uhlenspiegel um ein Leben, dabei ist er keineswegs der einzige Narr, denn das Prädikat verdiente auch Friedrich V., der so genannte „Winterkönig“, ein Herrscher ohne Land und Leben. Die Lebenspfade beider überschneiden sich, Kehlmann nutzt die Perspektive geschickt aus, um den närrischen Irrsinn menschlichen Handelns auszubreiten. Ein großartiger Roman.

Mit dem Roman Das Meer der Illusionen endet das Havanna-Quartett des kubanischen Autors Leonardo Padura um den Polizisten und verkappten Schriftsteller Mario Conde. Es ist der beste der vier Bände, aus meiner Wahrnehmung heraus steigert sich der Autor von Teil zu Teil. Der Roman ist Literatur im Gewand eines Krimis, es geht – wie auch bei den drei anderen Teilen – um sehr viel mehr als die Lösung eines Mordfalles, Padura nutzt das Genre, um die Lebenswirklichkeit auf der Insel zu beschreiben. Die Qualität des Romans ist hoch, seine Figuren lebendig, lebenswirklich und authentisch, es gibt eine Reihe von Zumutungen, auch stilistischer Natur.

Mit der Graphic Novel Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein  unternimmt der Leser eine Reise durch das Leben der Essayistin, Autorin und Philosophin. Die Stationen ihres Daseins sind geprägt von dramatischen Ereignissen, wie der Flucht aus Marseille vor den kollaborierenden französischen Sicherheitskräften, doch ist das Buch noch sehr viel mehr: Es macht deutlich, mit welchen Fragen sich Arendt beschäftigt hat, was ihre originellen und singulären Antworten an Gegenwind (Shit-Storms) ausgelöst haben und dass es durchaus sinnvoll ist, von ihr einmal einen Text zu lesen.

Was für eine Provokation! Bernhard Jussen unternimmt mit seinem so harmlos klingenden Buch Das Geschenk des Orest* einen Frontalangriff auf die bisherigen Deutungskonventionen der Zeit, die als „Mittelalter“ geläufig ist; ebenso kehrt der Autor die bisherige Materialauswahl um und stellt Medien in den Mittelpunkt seiner Arbeit, die bislang bestenfalls als Bestätigung der gängigen Schriftquellen verwendet wurden. Das stellt den Leser vor eine Herausforderung, allerdings eine lohnenswerte, denn ihm eröffnet sich ein völlig neuer Blick auf die Geschichte zwischen 525 und 1535.

Großen Spaß hat mir das Hören des Sachbuches Die beste aller möglichen Welten von Michael Kempe gemacht, in dem dieser einige Stationen und viele Denkwege des Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz nachzeichnet. Allein die Frage, wie viele Welten es eigentlich gibt, ist auf eine originelle Weise beantwortet und wie die allermeisten anderen Aspekte im Buch anregend zum Nachdenken. Nebenbei erfährt der Leser / Hörer eine Menge über die Zeit und das Leben eines Denkers im Europa des Absolutismus und der Gelehrtenrepublik.

Die Textsammlung Krieg und Frieden. Ein Tagebuch lässt Autorinnen und Autoren aus mehreren europäischen Staaten zum Thema Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zu Wort kommen. Die sind nun bald zwei Jahre alt, haben aber oft nicht oder nur wenig an Aktualität verloren. Vor allem lassen sie Menschen zu Wort kommen, deren Stimmen im gewöhnlichen Mediengetöse schlichtweg untergehen. Manche der Beiträge kann man nur mit einem Stirnrunzeln lesen, sie sind aus der Situation heraus verfasst und entsprechend wertvoll.

Robert Musils kurze Schrift Über die Dummheit versucht, sich dem Thema auf intellektuelle Weise zu nähern. Letztlich bleibt offen, was Dummheit eigentlich Dummheit ist, immerhin gelingt Musil eine Abgrenzung zu anderen Phänomenen. Besonders interessant fand ich die Aufteilung in eine schlichte und hohe Dummheit, wobei letztere die wesentlich gefährlichere Variante darstellt. Allerdings ist mit Blick auf die Macht der so genannten Sozialen Medien fraglich, ob man das noch stehen lassen kann.

Warum klingen Science Fiction-Romane manchmal ein wenig wie Gebrauchsanleitungen? Statt für Toaster eben für Raumschiffe, Landefähren, Raumanzüge oder irgendwelche technischen Dinge, die während der Handlung in irgendeiner Weise eine Rolle spielen, zum Beispiel repariert werden müssen. So ist das im Falle von Enceladus von Brandon Q. Morris, einem Roman über eine Mission im Sonnensystem zum gleichnamigen Mond. Die Personen sind mäßig ausgestaltet, die Interaktionen lassen oft zu wünschen übrig, die Auswahl der Crew geschieht in der Realität hoffentlich auf professionellere Weise. Ein Lesevergnügen im Rahmen einer vorabendlichen Wissenschaftssendung.

Blog Gestöber

Zum Jahresauftakt erfreute sich der Kriminalroman von Leonardo Padura mit dem Titel Das Meer der Illusionen der größten Aufmerksamkeit auf meinem Blog, gefolgt von den Graphic-Novels Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein und Wannsee von Fabrice le Hénanff.

In allen Blogbeiträgen verlinke ich bestimmte Begriffe, vor allem Buchtitel, mit anderen Artikeln. Wenn ich auf anderen Blog stöbere, folge ich fast immer derartigen Links, oft mit Gewinn: So habe ich Angela Steidele, Aufklärung überhaupt erst entdeckt. Das Link-Folgen hat aber Nachteile, wenn ein recht stattlicher Bücherstapel noch auf die Lektüre wartet. Für diese Fälle gibt es aber die berühmt-berüchtigte »Liste«, auf die alles landet, was interessant klingt, aber nie gelesen werden kann, weil die Zeit fehlt.

Neu auf dem Blog sind auch zwei Beiträge aus meiner Schreibwerkstatt: Schatten im Nebel befasst sich mit dem Thema des Aberglaubens unter Seefahrern, die Meeresungeheuer, Schiffsfriedhöfe und Geisterschiffe für bare Münze nahmen. Der Beitrag Kreative Faulheit – nun, der Titel spricht eigentlich für sich.

Im Januar habe ich weniger gelesen, als gewöhnlich, was an The Lord of the Rings und Vinland bzw. Totenschiff liegt. Tolkiens monumentales Epos schmökere ich erstmals im Original, was seine Zeit kostet, meine nicht ganz so umfangreichen Bücher lese ich auch: den Probedruck zu Vinland und das Lektorats-Manuskript von Totenschiff.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung? In Piratenkreisen ist das nicht so einfach. Vinland – Piratenbrüder Band 4 erscheint im März 2024.

Ältere Beiträge überarbeiten oder nicht?

Im vergangenen Jahr habe ich eine ausgezeichnete Biographie über den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf gelesen. Bekannt geworden ist er einmal durch seine Road-Novel Tschick, aber auch durch seinen tragischen Tod: Unheilbar erkrankt an einem Glioblastom hat Herrndorf seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Vor Erscheinen der Biographie habe ich zwei Buchbesprechungen auf meinem Blog veröffentlicht. Eine zu seinem hervorragenden und nicht einfach zugänglichen Roman Sand, außerdem über In Plüschgewittern, einem Roman aus den frühen Nullerjahren dieses Jahrtausends.

Erwartungsgemäß wirft die Biographie ein neues Licht auf die Romane von Herrndorf, was auch meine Buchbesprechungen betrifft. So ist mir zum Beispiel nicht klar gewesen, dass In Plüschgewittern nicht nur neu aufgelegt, sondern auch erheblich überarbeitet worden ist.

Mein Leseansatz ist nach wie vor vertretbar, würde so aber nach der Lektüre der Biographie nicht mehr in die Buchvorstellung einfließen. Das gilt mit Abstrichen auch für Sand, dort ist die Angelegenheit aber komplizierter, denn das Buch bietet für unterschiedliche Deutungsansätze erheblichen Spielraum.

Seit der Lektüre der Biographie überlege ich immer wieder, ob ich die Beiträge einfach so lassen, mit einer Anmerkung versehen oder gar überarbeiten soll. Bislang habe ich mich dafür entschieden, nichts zu ändern – die Texte gehören auch zu der Zeit, in der sie verfasst wurden.

Jüngst ist mir das wieder passiert; ein Buch, das sich mit Quantenphysik befasst, hat einen Hinweis darauf geliefert, dass die »Unschärferelation« von Heisenberg eine eher unglückliche Begriffswahl ist, um das Phänomen zu beschreiben; »Unbestimmtheit« wäre passender, denn ganz offenkundig geht das weit über das hinaus, was oft als »Unschärfe« beschrieben wird.

In dem Roman Der Schlachtenmaler wird an einer Stelle explizit auf die Quantenphysik Bezug genommen – ich habe das in meiner Buchbesprechung mit einfließen lassen und auf den oft gebrauchten Begriff der »Unschärfe« bezogen. Jetzt muss ich feststellen, dass »Unbestimmtheit« tatsächlich ein durchaus interessanter, weitergehender Ansatz ist, der die Interpretation durchaus beeinflussen könnte.

Hier stellt sich nun abermals die Frage, ob die Buchbesprechung so bleiben kann oder verändert bzw. ergänzt werden sollte.

Blogmonat November 2023

Fünf sehr lesenswerte Bücher, zwei eher enttäuschende und ein zeitloser Klassiker habe ich im Monat November 2023 »ausgelesen«. Was das eigentlich heißt, erläutere ich in einem eigenen kleinen Beitrag weiter unten. Auf meinem Blog war eine Menge los im vergangenen Monat, was besonders viel Aufmerksamkeit bekam, ist eine Überraschung gewesen. Cover beim jeweilgen Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vorzügliche Bücher haben bisweilen den Nachteil, dass sie ernüchternd sind. Das gilt für die monumentale Darstellung der Revolution von 1848/49 durch Christopher Clark. Dessen Frühling der Revolution* blüht europäisch, lotet die gemeinsamen und unterschiedlichen Voraussetzungen, Abläufe und Enden der Erhebungen aus und liefert einen Berg an neuen Perspektiven und Erkenntnissen. Ernüchternd, weil eigentlich progressiv wirkende Strömungen wie Emanzipation gar nicht stattfanden (Frauen), widersprüchlich und halbherzig (Sklaven) oder sogar gegenläufig (Juden, Sklaven). Umfang und Inhalt des Buches sind eine Herausforderung, die man annehmen sollte.

Ein Lichtspiel ist ist gewisser Hinsicht auch der gleichnamige Roman von Daniel Kehlmann, denn er handelt die Geschichte des deutschen Regisseurs W.G.Pabst ab. Sein Weg ist einzigartig, denn er führt aus dem Exil zurück ins Nazireich, wo er sich opportunistisch einordnet, um seine Leidenschaft, das Filmemachen, auszuleben. Ein Filmdreh gegen Ende des Krieges in Prag ist auf gespenstische Weise abgründig, aber auch hier gelingt dem Autor, dem schweren Thema eine leichte Form zu geben.

Wie kann man ein schweres Thema mit jener Leichtigkeit versehen, die es erlaubt, den Text zu lesen? Steffen Schroeder widmet sich in seinem Roman Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor den Physikern Planck und Einstein, dem Schicksal ihrer Söhne während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Schroeder hat sich Ferdinand Sauerbruchs bedient, um heitere, anekdotische Passagen einzuflechten, die jene Dunkelheit umso schwärzer erscheinen lassen.

Das wohl wichtigste politische Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, stammt aus zahlreichen Federn: das Kompendium „Alles ist teurer als ukrainisches Leben“* lässt die Betroffenen Osteuropas zu Wort kommen, was angesichts uninformierter Schwurbler mit hoher Medienpräsenz unglaublich wichtig ist. Der Leser spürt die Wut und Enttäuschung über die hochnäsige Herablassung westlicher Intellektueller, die voll emotionaler Kälte und Empathielosigkeit ihre „Analysen“ herausposaunen. Der Fachbegriff dafür: „Westsplaining“.

Ein wunderbarer Roman ist Angela Steidele mit Aufklärung gelungen. Sie bedient sich Dorotheas, der Tochter Johann Sebastian Bachs, über die fast gar nichts bekannt ist, als Erzählstimme und lässt sie eine Art Gegendarstellung oder Gegenbiographie zu denen verfassen, die von Männern geschrieben und überliefert worden sind. Das ist in jeder Hinsicht ein wahres Vergnügen, denn Steidele fügt ihrem Buch genug Couleur bei, ohne die Erzählung unter einen historisierenden Ochsenziemer zu zwingen.

Anfangs hatte ich durchaus Spaß mit der Lektüre von Feindesland. C.J. Sansom hat mit seinem Roman eine historische Dystopie erschaffen, in der das Nazireich den Krieg nicht verloren hat. 1952 ist England ein Verbündeter von Hitlers Staat, der jedoch in Schwierigkeiten steckt: Die Ostfront ist eine ewig schwärende Wunde, Widerstand keimt überall auf und wirtschaftlich sieht es düster aus. England ist die Verwirklichung der Empire-Phantasien – ein Alptraum ganz eigener Art, was einen großen Charme entfaltet. Über allem aber schwebt wie ein Damoklesschwert die Drohung der Atombombe. Trotz des interessanten Themas und Ansatzes wiegen die Mängel schwerer.

Für mich war es geradezu eine Pflicht, Die Schatzinsel von Robert Stevenson zu lesen. Der vierte Band meiner Buchreihe Piratenbrüder ist Stevenson gewidmet, denn in Vinland gehen meine Helden auf Schatzsuche, die in eine Jagd ausartet – allerdings handelt es sich um den Schatz eines Wikinger-Königs. Der Klassiker unter den Abenteuerromanen ist immer noch ein Vergnügen, ab und zu sehr spannend und immer atmosphärisch. Und ein passendes Zitat für meinen eigenen Roman habe ich auch gefunden.

Enttäuschend ist das Buch Die Evolution des Universums von Felicitas Mokler. Das Thema ist hochinteressant und komplex, es führt mich an die Grenzen meines Verstehens, allerdings auf eine eher verworrene Weise. Gleichzeitig sind viele Aspekte zu stark und zu knapp ausgebreitet und erklärt, der gesamte Buchaufbau wirkt wenig anschaulich und sprunghaft, ohne eine nötige Linie.

Robert Musils kurze Schrift Über die Dummheit versucht, sich dem Thema auf intellektuelle Weise zu nähern. Letztlich bleibt offen, was Dummheit eigentlich ist, immerhin gelingt Musil eine Abgrenzung zu anderen Phänomenen. Besonders interessant fand ich die Aufteilung in eine schlichte und hohe Dummheit, wobei letztere die wesentlich gefährlichere Variante darstellt. Allerdings ist mit Blick auf die Macht der so genannten Sozialen Medien fraglich, ob man das noch stehen lassen kann.

Blog-Gestöber

Die Besprechung des Sachbuchs »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« hat im November die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen, gefolgt von dem Roman Lichtspiel des Bestsellerautors Daniel Kehlmann und Die Korrektur der Vergangenheit von Andrew Miller.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist noch nicht vorüber, die Ukraine braucht weiterhin Unterstützung in jeder Form, auch durch Verständnis. Der Sammelband »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« hilft dabei enorm, besser zu verstehen, denn aus dem Westen, insbesondere seitens diverser Intellektueller wird viel unsinniges Zeug über Land und Leute verbreitet. Die Wut, die oft durchschimmert, muss man einfach einmal aushalten; zuhören und nachdenken.

Kehlmann und Miller haben jeweils ein historisches Thema aufgegriffen und in ganz fabelhafter Manier verarbeitet. Die Romane lassen sich wunderbar leicht lesen, man sollte es jedoch nicht flüchtig tun, denn beide halten jenseits der reinen Handlung eine Menge an Interessantem bereit.

Was heißt eigentlich »ausgelesen«?

Wer meine Lesemonate mit den Daten vergleicht, die ich auf Goodreads als Enddatum der Lektüre angebe, wird eine gewisse Diskrepanz entdecken. Die Bücher, die im Lesemonat November erscheinen, habe ich zum Teil bereits im Oktober beendet. In einigen Monaten diesen Jahres galt das fast für alle im Lesemonat aufgeführten Bücher. 

Ist mein Lesemonat also gemogelt? 

Ja, in gewisser Hinsicht schon. Viele Blogger auf anderen Plattformen zeigen, was sie im gerade beendeten Monat gelesen haben. Das ist völlig legitim, ich lese die Monatsrückblicke gern und nehme mir dafür immer ein wenig Zeit. Allein die Vielfalt, das eigene Lesen zu präsentieren, gehört zu den wirklich schönen Dingen auf Instagram.

Meine Herangehensweise ist etwas anders. Sie hängt mit meinem Verständnis von »ausgelesen« zusammen. Diesen Zustand erreiche ich oft erst mit einiger Zeitverzögerung. Wenn ich einen Blogbeitrag (Buchvorstellung oder Kurzrezension) verfasse, gehört das zum Lesen dazu.

Es kommt gar nicht so selten vor, dass ich bereits während der Lektüre nicht nur Notizen (immer) mache, sondern schon am entsprechenden Beitrag schreibe. Bei einem Wälzer wie Frühling der Revolution von Christopher Clark wäre ich verloren, wenn ich nach rund eintausend Seiten erst beginnen würde, eine Buchvorstellung zu schreiben.

Also beginne ich sehr viel früher und beende sie erst lange nach der Lektüre. Zum Bloggen gehört für mich auch das Überarbeiten, das nichts anderes als ein weiterer Durchgang an Reflexion ist. Ich bin mit dem, was ich schreibe, niemals ganz zufrieden, besser geht immer, oft erwische ich die Gedanken und Inspirationen nur an einem Zipfel, der Rest entgleitet.

Das ist bei Schriftstellern und Bloggen ähnlich, eine Jagd, die man nie ganz erfolgreich beendet. 

Wenn die erste Version einer Buchvorstellung verfasst ist, wird diese überarbeitet, dann in den Blog hochgeladen und gleich noch einmal überarbeitet, ehe sie mit einer gewissen Zeitverzögerung auch (nach einer weiteren Überarbeitung) freigeschaltet wird. Bei Kurzrezensionen geht der Prozess schneller, da reicht manchmal auch ein Überarbeitungsgang.

Nach dem Veröffentlichen ist das Buch »ausgelesen«; dennoch beschäftigt mich es oft weiter. Zu den schönsten Leseerlebnissen gehört die Verknüpfung mehrerer Bücher – aktuell Frühling der Revolution und Die Republik der Träumer, ein Sachbuch und ein Roman über eine Revolution. Clark, der Historiker, weist in seinem Werk explizit auf den Arabischen Frühling hin, dessen tragischer Verlauf von Al-Aswani für Ägypten in einem fiktionalen Werk verarbeitet worden ist.

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