Schreiben - Lektorieren

Monat: April 2022

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Stellen wir uns diesen Roman als Landschaft vor, die sich vor unseren Augen ausbreitet. Anders als in der Wirklichkeit sehen wir nicht nur verschiedene Orte, sondern auch unterschiedliche Zeiten. Alles nebeneinander angeordnet, wie ein Flickenteppich. Entlang eines roten Fadens wird der Leser von der Autorin hindurchgeführt, dank der fehlenden Chronologie und wechselnder Erzählhaltungen ein immens abwechslungsreicher Marsch. Ab und zu mogelt sich eine sumpfige oder matschige Stelle dazwischen, die das Vorwärtskommen erschwert.

So habe ich den Roman „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili empfunden, den ich für lesenswert halte, ohne einige Schwächen verschweigen zu wollen. Die Qualität des Erzählens unterliegt beträchtlichen Schwankungen, einige Passagen wirken überladen, redundant und manchmal auch schlichtweg vernachlässigenswert, was den Gesamteindruck etwas trübt. Der Hauptkritikpunkt ist aber der Persönlichkeitstwist, aus dem der „General“ hervorgeht, eine eher ins Reich der Fabel weisende Saulus-Paulus-Blitzwandlung.

Ein großer Wert des Romans liegt in der Perspektive, die dem Leser von der Autorin eröffnet wird. Ferne, vom woken, ichfixierten Westeuropa vergessene oder einfach ignorierte Landstricherücken ins Licht. Tschetschenien, irgendwo im Kaukasus, nur politisch Interessierten als Ort unendlich brutaler Kriege geläufig und noch weniger Personen als Ausgangspunkt allen Unheils, das angeschwollen und die Ukraine mit einem blutigen Vernichtungskrieg überzieht.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde darauf verwiesen, dass Putin bereits in den 1990er Jahren zum Kriegsverbrecher geworden sei. Was das für die Menschen dort, aber auch für die Soldaten aus Russland bedeutete, was das sinnlose, blutige Gemetzel mit ihnen angerichtet hat, bekommt der Leser zu spüren.

„…einfach nur da stehend, staunend, etwas überfordert, aber vor allem verloren und mit dem alles dominierenden Gefühl, fehl am Platz zu sein.“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Die menschliche Niedertracht, die der Krieg aus der schützenden Hülle namens Zivilisation befreit, wird von Nino Haratischwili vorgeführt. Es sind nicht nur die Politiker, die kommandierenden Generäle und Offiziere, die sich vergehen, es ist nicht nur ihr Krieg. Auch die einfachen Mannschaftsränge bedienen sich. Die Autorin stellt dem gewöhnlichen die Ausnahme entgegen, um das Abscheuliche hervorzuheben.

Doch ist „Die Katze und der General“ ganz erheblich vielschichtiger, was den Roman insgesamt zu einem Leseerlebnis macht. Es geht um Schuld, Sühne, den komplexen, keineswegs vorbestimmten Weg zum Verbrechen und den Versuch, Rache zu nehmen. Schließlich ist es auch ein verwickelter Rachefeldzug, der oberflächlich Unbeteiligte und doch irgendwie Verstrickte in das Dunkel des Unheils hineinzieht.

Was mir ganz besonders gefallen hat, sind einige handelnde Personen. Vor allem diejenigen, die aus Russland nach Tschetschenien gelangen, in diesem ekelhaften Krieg, der Russland bis in die Gegenwart vergiftet hat und half, den Weg in eine erbarmungslose Diktatur zu eröffnen, sind großartig getroffen. Wer glaubt, Diktaturen würden, von einer kleinen Minderheit abgesehen, von ihren Bewohnern abgelehnt, wird eines Besseren belehrt. Wer glaubt, Kriege kennten nur Verlierer, ebenso.

„Man vergaß, dass man sich als Rambo gewähnt hatte und die ganz östliche Hemisphäre zum Teufel hatte schicken wollen.“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Doch geht es keineswegs nur um den Krieg. Haratischwilis Roman gibt den Blick frei auf die Verlorenen inmitten der westlichen Zivilisation, jene, die ohne Zwang den Propaganda-Tropf des Kreml der freien Vielfalt der Medien im Westen vorziehen. Und sie lässt den Leser die Gründe fühlen, jene unendliche Verlorenheit, das Lebensgefühl derjenigen, die aus den Trümmern des Sowjetreiches nach Deutschland gekommen sind.

Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Homo Sowjeticus! Wenn Margot Kässmann etwa über die Ukraine, Russland, Putin und die Nato räsoniert und ohne jede Scham den Vietnam-Krieg und ihre (!) Protestaktionen dagegen ins Feld führt, dann ist das im Kern das Gleiche, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Nach diesem Roman wird man besser verstehen, warum es Autokorsos in Deutschland gibt, die russische Fahnen schwingen; gutheißen wird man es nicht.

„Diese Hölle stank zwar weiterhin nach Schwefel, aber immerhin war es ihre Hölle!“

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

An manchen Stellen berührt der Roman die Fundamente des Westens. Ein Axiom der westlichen Aufklärer, der Mensch wäre von Grund auf gut, stellt Orlof, der „General“ infrage. Er geht davon aus, der Mensch wäre grundlegend böse, amoralisch und nur absolute Ausnahmen gäbe es, die bereit wären, für ihre Ideale in den Tod zu ziehen. Der Rest sind Opportunisten. In Abwandlung von Goethes berühmten Gedichtanfang: Käuflich sei der Mensch, boshaft und schlecht.

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Der Roman „In Plüschgewittern“ von Wolfgang Herrndorf ist also im wahrsten Sinne des Wortes in die Jahre gekommen. Trotz fortgeschrittenen Alters hat er mich auf eine beeindruckende Weise gefesselt, beschäftigt, amüsiert und letzten Endes wie alle Bücher des früh verstorbenen Autors in einem leicht bedrückten Zustand zurückgelassen. Herrndorf hat bis zu seinem Durchbruch mit „Tschick“ recht wenig geschrieben, was – mit Verlaub – ein Drama ist, denn danach ist ihm wenig Zeit geblieben.

In Stahlgewittern.

Auf Tagebuchaufzeichnungen basierender Roman von Ernst Jünger über Seine Zeit im Ersten Weltkrieg. Ihm wird attestiert, ohne politische und moralische Intention den Krieg als inneres Erlebnis geschildert zu haben, was oft in Abgrenzung zu Remarque „Im Westen nichts Neues“ geäußert wird. Wenn die Titelwahl „In Plüschgewittern“ nicht als Jux gedacht war, läge in der moralisch-politischen Intentionslosigkeit eine mögliche Verbindung.

Der Roman lässt den Leser auf einer Irrfahrt folgen. Nein, nicht Odysseus. Grantig, selbstverliebt, unsicher, in seinen sich selbst ständig überflügelnden, oft irrlichternden Handlungen mäandert die Hauptfigur durch einen kurzen Abschnitt seines Lebens. Der größte Teil davon spielt in Berlin, jener Stadt, die 2002 (!) noch nicht den weltweiten Kult-Status innehatte, aber auf der Schwelle dazu stand.

Es ist nicht leicht, zu beschreiben, was diese Hauptfigur macht – sie ist jedenfalls nicht woke, sondern unsympathisch und wenig für Identifikationsbemühungen seitens des Lesers geeignet. Ein Verächter. Mit haarsträubender Direktheit fällt der Ich-Erzähler über die Menschen her, die sich in seiner Nähe aufhalten. Unglaubliche Boshaftigkeit wurzelt in einer scharfen Beobachtungsgabe, die sich in erbarmungslosen Sätzen niederschlägt. Herrndorf lässt den Assoziationen seiner Hauptfigur freien Lauf.

„Am nächsten Tag waren die Pimmel-Gedichte mit der Rasierklinge rausgetrennt.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Das Zitat ist beispielhaft für Herrndorfs Schreiben. Die Hauptfigur hat einen Bruder, der ein mustergültiges Spießer-Eheleben führt. Seine Frau ist ein großer Fan eines Lyrikers, der Ich-Erzähler stößt sie gnadenlos auf schlüpfrige, mäßige Gedichte, was seine Schwägerin nicht glauben will; ein Blick in die Gesamtausgabe gibt dem unangenehmen Protagonisten recht.

Die Schwägerin passt daraufhin die Realität ihrem Weltbild an, nicht etwa umgekehrt. Mit der Rasierklinge wird die Welt chirurgisch-clean gesäubert, der unpassende Schmutz entfernt. Statt zu lernen und sich an die Wirklichkeit anzugleichen, klammert sie sich an ihre Ideologie und fälscht – in begrenztem Maße – die Realität. Bigotterie im Reinraum bürgerlicher Wohnhöllen.

Natürlich ist „In Plüschgewittern“ an „Tschick“ gemessen worden, wie könnte es auch anders sein. Vielen fehlte noch etwas, das sie an der Road-Story geschätzt haben: Leichtigkeit, Wärme. Entsprechend bemüht fielen die Kommentare aus, die vor Jahren im Kielwasser des „Tschick“-Hypes verfasst wurden. Nachvollziehbar ist das, doch wenn man einen genaueren Blick auf das wirft, was Herrndorf schreibt, wird deutlich, dass sich dahinter ein Zurückzucken vor genadenloser Entzauberung verbirgt. 

„Ein Klassenfoto, im Hintergrund die Volksschule Marienwerder, und vorne links ein reizendes BDM Mädel mit dicken goldgeflochtenen Zöpfen, dem noch keiner gesagt hat, dass es in sechzig Jahren auf einer muffigen alten Couch an Lungenkrebs sterben wird.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Eine brutale Assoziation im Angesicht eines schwarz-weißen Fotos, das die Hauptfigur gemeinsam mit der sterbenden Frau betrachtet, die er ein letztes Mal besucht. Die Sterblichkeit des Menschen und seine Neigung, sie weit von sich zu schieben, erschüttert (nicht nur) die Hauptfigur. Es ist jenes Erlebnis, das ihn endgültig ins Taumeln geraten lässt, in jenen Strudel, der zu den irren Tagen und Nächten in Berlin führt.

Gespenstisch ist, dass Herrndorf selbst bei der Niederschrift dieses Satzes (selbstverständlich) nicht von seiner eigenen Sterblichkeit wusste, die ihn in eine ähnliche Lage bringen würde, lange vor dem Alter der Romanfigur. Der Tod spielt in Roman „In Plüschgewittern“ eine bemerkenswerte Rolle.

Schon als Kind hat die Hauptfigur die unerbittliche Macht des Todes gespürt, aber auch die Hilflosigkeit, mit der Erwachsene auf seine Panik reagieren und abzuwiegeln versuchen. Die Mutter des Protagonisten führt Gott und Glaube ins Feld, ohne selbst daran zu glauben. Das tut das Kind auch nicht, es denkt – man wird zu Kompost.

„Wenn man Desmond in sieben oder acht Stücke hauen würde, könnte man ein paar ordentliche Geisteswissenschaftler aus ihm gewinnen, aber allein ist er praktisch nicht lebensfähig.“

Wolfgang Herrndorf: In Plüschgewittern

Oberflächlich betrachtet ist „In Plüschgewittern“ voller böser Kommentare, wie über jenen Desmond. Herrndorf gibt seiner Hauptfigur eine scharfe Zunge mit auf den Weg, von der diese hemmungslos Gebrauch macht. Das lässt den Ich-Erzähler nicht zu einem  Sympathie-Träger werden, weder bei seinen Bekanntschaften noch beim Leser, schon gar nicht in Zeiten von Trigger-Warnungen und dauerbeleidigten Horden in den Weiten der digitalen Steppe. Womit ich selbst eine halbseiden ausgesprochen hätte.

Steffen Kopetzky: Propaganda

Dieser Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky ist so vielschichtig, dass es schwerfällt, einen geeigneten Zugang für eine Besprechung zu finden. Ein kleines Beispiel: der „Crazy Nigger Highway“. Dieser rassistische Begriff wird im Roman von den Zeitgenossen als Spitzname für ein ebenso gigantisches, wie vergessenes oder missachtetes Logistik-Unternehmen verwendet, dem ein wesentlicher Anteil für den schnellen Vormarsch der alliierten Truppen zugesprochen wird.

Rund 6.000 Lastwagen betrieben den „Red Ball Highway“ oder „Red Ball Express“, eine Nachschublinie quer durch Frankreich, eine Art Nabelschnur zwischen den wenigen großen Häfen am Atlantik und der nach Osten vorrückenden Front. Die LKW wurden zu drei Vierteln von Afroamerikanern gesteuert, die unmenschliche Belastungen auf sich nahmen, damit der Express nicht zum Stocken kam. Die deutsche Luftwaffe war deren geringstes Problem; Schlamm, Treibstoffverbrauch und Materialermüdung neben der immer weiter reichende Strecke schon eher.

Die Hauptfigur in Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, der US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln (fragt ihn bloß nicht…!), John Glueck, macht sich eines Nachts auf den Weg in den Hürtgen-Wald, dem mythischen, verlustreichen Schlachtfeld der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Wehrmacht, auch „Fleischfabrik“ geheißen. Sein Taxi: Ein Truck auf dem „Red Ball Highway“, gesteuert von einem Afroamerikaner. Dem ersten, dem Glueck in seinem Leben die Hand reicht, obwohl es ihm leicht gefallen wäre, das vorher zu tun.

Vom Hürtgen-Wald nach Vietnam

Es ist eine lehrreiche Nacht. Glueck lernt den Rassismus und die großen Gefahren kennen, die davon für die USA ausgehen, ihre Demokratie und Freiheit. Und den kuriosen Widerspruch, dass diese Armee in den Kampf zieht, um die Freiheit gegen ein zutiefst rassistisches Regime zu erzwingen. Den Rassismus ist die Armee nicht losgeworden, auch im unseligen Vietnam-Krieg war dieser virulent, wie zum Beispiel im Sachbuch „Krieg ohne Fronten“ dargestellt.

Damit ist die Verbindung zum zweiten, wichtigen Erzählmotiv geschaffen: Vietnam. „Propaganda“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt, was mich immer für einen Roman einnimmt. Der Erzähler selbst sitzt im Knast, spätestens seit der Blechtrommel ein vertrautes literarisches Motiv, dem Kopetzky glücklicherweise eine sehr eigenständige, amerikanische und erfreulich abwechslungsreiche Note verleiht.

Der Anlass seiner Einbuchtung ist banal, der Grund hingegen etwas, das die amerikanische Gesellschaft in ihren Fundamenten erschütterte: die Pentagon-Papers. Wie der Autor das einflicht und mit seinem Helden verknüpft, bleibt an dieser Stelle ungenannt, doch soviel darf gesagt sein: Das Thema ist bis in unsere Zeit hochsensibel und brandaktuell, eigentlich Grund genug, einen Roman wie „Propaganda“ zu lesen.

Erzählen ist niemals unschuldig

Der zweite, große Erzählstrang in diesem Buch ist die Erzählkunst, ihre Irrungen, Wirrungen und Untiefen. John Glueck ist selbst Autor, er sitzt ja an seinem ersten Roman, hat als junger Mann an Sommercamps über literarisches Schaffen teilgenommen und läuft während der sich entfaltenden Handlung einer ganzen Reihe amerikanischer Autoren über den Weg: Bukowski, Salinger und natürlich Ernest Hemingway.

Bei der Lektüre habe ich immer wieder an ein Büchlein aus der Feder des französischen Autors Eric Vuillard gedacht. In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk „Die Tagesordnung“ heißt es, nichts sei unschuldig in der Kunst des Erzählens. Ein Brückenschlag zu dem, was „Propaganda“ erzählt, ist einfach, denn unschuldig ist auch hier wenig bis gar nichts, wie Glueck selbst an einer Stelle sehr treffend reflektiert.

Amerikanisch im besten Sinne

Der Erzählstil, den Kopetzky gewählt hat, mutet sehr amerikanisch an, im besten Sinne. Zu meiner großen Erleichterung hat er sich nicht wie so mancher hochgelobter Autor aus den USA in den Sümpfen erzählerischer Selbstgefälligkeit verirrt und seinen Roman mit weitschweifigem Geschwafel überladen.

Von einer einzigen, typisch amerikanischen Szene (Gerichtsmonolog) einmal abgesehen, ist der Roman abwechslungsreich und voller Überraschungen, lang angelegten und exekutierten Verknüpfungen und rasanten Wendungen, die Kopetzky in den historischen Kontext eingebettet hat. Die Hauptfigur ist wunderbar vielgestaltig, Offizier, Schreiber, Liebhaber, mitgenommen vom Leben, deutsch und amerikanisch – ja, ein Gluecksfall.

Wie alle gute Literatur hat „Propaganda“ auch etwas Sperriges, was gemäß literaturbürokratisch orientierten Schreibtipps nie hätte geschrieben, geschweige denn gedruckt werden dürfen. Denn es fordert den Leser, manchen überfordert es auch, doch was macht das schon? Denn unter dem Strich bleibt so viel, über das es sich lohnt, einmal nachzudenken.

Propaganda im Internet-Dschungel-Krieg

Die Propaganda mag im Ersten Weltkrieg ihre Geburtsstunde gehabt haben, seitdem bilden Propaganda und Krieg ein untrennbares Paar. Beide entwickeln sich weiter, das Bild hat das Wort längst an Bedeutung überflügelt. Dank Apples iPhone ist ein nichtstaatliches Element hinzugekommen, das eine Flut an Bildern liefert und den Wahrheitsgehalt von Information für die Unbeteiligten noch weniger durchschaubar macht.

Der Krieg im Roman wurde 1944 im Wald gefochten, in Vietnam war es der Dschungel, der die Amerikaner so überforderte, dass ihnen wahnsinnige Ideen sinnvoll erschienen (Agent Orange). Die Gegenwart hat ein virtuelles Dickicht gebildet, und aus dem Dunkel dieses Dschungels, in dessen so genannten Sozialen Medien ein ewiger Krieg geführt wird, klingt geschickt gemachte Propaganda besonders schaurig.

Kopetzkys „Propaganda“ auf dem sehr schönen Literaturblog von Kaffeehaussitzer besprochen. Seine treffende Rezension hat einen etwas anderen Schwerpunkt und verrät ein wenig mehr von der Handlung.

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Das Hintergrundbild kann im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien angeschaut werden. Der Betrachter steht lange davor, ist überwältigt, erschüttert.

Immer wieder Wallenstein. Und Königgrätz. Ohne „s“ zwischen den beiden „g“. Der Feldherr und der Ort, an dem sich der Krieg zwischen Preußen und Österreich durch eine blutige Niederlage letzterer entschied, spielen in der Gegenwart bestenfalls die Rolle von Randerscheinungen. In diesem Roman aber geht es nicht ohne sie.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Wo liegt eigentlich Königgrätz? Wo liegt Wallenstein könnte man auch fragen, doch das wäre gemein, denn der Begräbnisort des ermordeten Gerneralissimus ist eine Sache für sich. Beide Stätten lassen sich besuchen, so, wie es die beiden Protagonisten in Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs letzte Reise“ tun.

Winterberg und sein Begleiter, Jan Kraus, bilden ein ungleiches Buddy-Gespann. Wie es sich gehört, ist es nolens volens aneinander gekettet, sie kommen nicht mehr von einander los und gehen den langen Weg gemeinsam. Das gleicht Wallenstein und Ferdinand, Generalissimus und Kaiser, die auch nicht voneinander losgekommen sind, wenn man Golo Manns Biographie über den Feldherrn folgen will.

„Und doch wusste ich, dass Winterberg recht hatte.
Es gibt kein Entkommen.
Von seiner Geschichte.
Von meiner Geschichte.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Es gibt überhaupt kein Entkommen von Geschichte, denn die Gegenwart ist nichts anderes als Geschichte. Der Autor nimmt dabei dankenswerter Weise historische Begebenheiten aufs Korn, die in Deutschland unter einer dicken Schicht späterer geschichtlicher Ereignisse begraben sind. Der Zweite Weltkrieg, die Shoah und der Vernichtungskrieg haben wie Caterpillars alles zugeschüttet, was vorher geschah.

Damit wurde auch ein Teil mitteleuropäischer Geschichte verborgen, in einer Region, die in Deutschland allzu oft einfach ignoriert wird, wenn der Blick nach Osten wandert. Ein Schicksal, das sich die mitteleuropäischen Staaten, die hierzulande oft schon Osteuropa zugeordnet werden, mit dem Balkan teilen. Bücher wie „Winterbergs letzte Reise“ ragen wie Hände von Verschütteten aus einer niedergegangenen Lawine und machen auf das Verborgene aufmerksam.

(…) er wollte wissen, ja, ja, warum die Deutschen die Bahnhöfe mit den Feuerhallen verbunden haben, warum die Deutschen das ganze Europa in eine einzige große Feuerhalle verwandelt haben (…)“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Rudiš versteht sich darauf, seine Erzählung um Leitmotive zu stricken, sie mit einander zu verwickeln und zu verbinden, so dass sie über die gesamte Erzählung hinweg tragen. Eisenbahnen, Feuerhallen, Geschichte und der Krieg – um nur einmal einige zu nennen, wie das Zitat so schön zeigt. Dem Holocaust und dem Vernichtungskrieg entkommt man auch in diesem Buch nicht, wie auch, ist doch alles untrennbar mit der Bahn verknüpft.

Ein anderes Motiv ist besagter Wallenstein, mit dem die böhmische, tschechische und deutsche Geschichte so eng verwoben ist. Der Generalissimus ist vieles gewesen, oft wird mit ihm Grausamkeit, Eroberungssucht und – historiographisch längst widerlegt – Verrat verbunden. Doch hat er vor 1648 den einzigen tragfähigen Frieden im Dreißigjährigen Krieg erzwungen und als erster und vielleicht einziger begriffen, dass Siege auf dem Schlachtfeld keinen Frieden bringen.

Vor allem aber wollte er eine Universität gründen, die Vorbereitungen liefen bereits auf Hochtouren, als er von kaiserlichen Häschern ins Totenreich verfrachtet wurde. Mich bewegt bis heute eine Frage: Die Universität Havard wurde 1636 gegründet, ihr Einfluss ist unschätzbar. Was hätte es für Zentraleuropa bedeutet, wenn Wallensteins Projekt verwirklicht worden wäre?

Rudiš nutzt Wallenstein als Projektionsfläche für Assoziationen, zum Beispiel für den Tod des Vaters Winterbergs durch Sudetendeutsche Nazis, so genannte „Henlein-Trottel“.

„Ja, ja, er war im Ratskeller plötzlich von allen verlassen, so wie Wallenstein in Eger von allen verlassen war.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

Dabei macht es der Autor dem Leser keineswegs leicht. Es sind keine glatten Marmorböden, über die man schreitet; es geht durch den Schlamm und Matsch diesiger Wintertage, man stapft über Schlachtfelder und durchmisst Orte, deren Gegenwart für Winterberg bereits vergangen ist. Das ist Europa, keine Wohlfühlpromenade.

Die beiden Protagonisten haben manchen Strauß miteinander auszufechten, wie es sich für gute Buddy-Stories gehört. Der Autor lässt den Leser das enervierende Reden Winterbergs mitempfinden, er setzt zum Beispiel auf gnadenlose Wiederholungen, die jedoch im Laufe des Buches immer mehr verschwinden, je näher sich die beiden Gefährten auf ihrer Reise kommen.

Winterberg ist alt, zu Beginn des Romans mehr tot als lebendig, ehe ihn ein einzelner, zufällig dahingesagter Satz aus dem Munde seines Begleiters aus dem Totenreich ins Leben zurückholt und auf die letzte große Reise schickt. Sein Leitmedium ist ein Baedeker-Reiseführer aus der Vorkriegszeit – 1913 erschienen. Das ist ein genialer Griff, wenn auch viele Leser möglicherweise mit den von Winterberg vorgetragenen Passagen wenig anfangen können.

So entsteht eine Reise durch die Geschichte im eigentlichen Sinne, die Komposition ist so ungewöhnlich wie wirkungsvoll. Die meisten Regionen, die Winterberg und Kraus durchfahren, waren lange durch Grenzen klar getrennt. Die EU hat das Rad der Zeit wieder zurückgedreht, denn diese Gebiete gehörten einst bereits zu einem einzigen Staat: Österreich-Ungarn.

„Es dämmerte immer mehr und wir waren in Tschechien.
In Österreich, wie Winterberg sagte.
In Böhmen.
Winterberg freute sich und mir war schlecht.“

Jaroslaw Rudiš: Winterbergs letzte Reise

In allem steckt mehr als eine Warnung. Offene Grenzen, ein politisches Gebilde, das viele Völker beherbergte und am Ende in einer riesigen Katastrophe zerbrach, die trotz ihrer historisch horrenden Verluste nur das Präludium zu einer noch viel furchtbareren sein sollte – das war Österreich-Ungarn. Vieles, das als sicher gilt, würde vielleicht einfacher zerbrechen als man glaubt, die Krisen um die Flüchtlinge, Corona und den Neo-Imperialismus haben gezeigt, dass die Wölfe noch immer lauern.

Was mir besonders eindrücklich in Erinnerung bleiben wird, ist die Erkenntnis, dass unweit meines eigenen Lebensmittelpunktes das eigentliche Zentrum Europas lag und liegt, verborgen im Nebel des Krieges wie ein unentdecktes Land. Dabei müsste man eigentlich nur mit der Bahn fahren, ein viel weniger gefährliches Unternehmen als die Atlantiküberquerung in einer Karacke oder Karavelle.

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