Schriftsteller - Buchblogger

Schlagwort: Sowjetunion (Seite 1 von 3)

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Im Frühjahr 1918 unternahm das Deutsche Kaiserreich einen letzten, erfolglosen Großangriff im Westen, doch der Krieg war bereits zugunsten der Entente entschieden. Der Kriegseintritt der USA gab den Ausschlag. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Das Schlüsselwort in diesem vorzüglichen Buch Auf Messers Schneide lautet »Unentschieden«. Schon im Vorwort begegnet es dem Leser und erweitert das scheinbar konkurrenz- oder alternativlose Begriffspaar »Sieg« und »Niederlage« um eine dritte Option. Es handelt sich nach Einschätzung des Autors Holger Afflerbach sogar um das „vorgezeichnete und praktisch unausweichliche Ergebnis der strategischen Lage“, zumindest „während der längeren, der europäischen Phase des Krieges.“

Diese Einschätzung unterscheidet sich von dem, was während meines Studiums Anfang der 1990er Jahre diskutiert wurde. Seinerzeit kämpfte gerade die deutsche Historiographie noch immer mit Fritz Fischers allzu bequemen Phantasien von einem deutschen „Griff nach der Weltmacht“ und dem trübseligen Historikerstreit. Für den Zweiten Weltkrieg und Hitlers bzw. die nationalsozialistischen Kriegsziele kann man getrost von einem Eroberungskrieg sprechen, für das Deutsche Kaiserreich gilt das nicht.

Deutschlands Gegner, die Entente-Mächte, hatten zu keinem Zeitpunkt des Krieges ein gesteigertes Interesse daran, mit ihren Kontrahenten einen Kompromissfrieden zu schließen. Die wiederum haben eine Reihe von Chancen verpasst, die Alliierten entsprechend unter Druck zu setzen. Das wird in der Analyse Afflerbachs sehr deutlich. Er spart auch nicht mit Kritik, etwa an Reichskanzler Bethmann-Hollweg und seiner unentschlossenen, widersprüchlichen und lavierenden Form der Politikführung.

Unentschieden meint übrigens nicht, dass alles so hätte sein müssen, wie vor Kriegsausbruch, ein Remis hätte anders aussehen können und bald müssen als ein Status Quo Ante. Der war ab einem gewissen Punkt unmöglich, gleiches gilt aber für einen »Sieg«. Die Fokussierung auf den Siegfrieden hat den Krieg in einer Weise verlängert, dass auch die Sieger dramatisch beschädigt waren. Russland beispielsweise wurde über seine Möglichkeiten hinausgehend im Krieg gehalten und brach in einer Weise zusammen, die in der Folge mehr Menschen das Leben kosten sollte, als der Erste Weltkrieg.

Die Vorstellung, das Deutsche Reich habe nach der kontinentalen Vorherrschaft gestrebt, ist eine krasse Vereinfachung der Wirklichkeit und im Kern falsch.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Jahrzehntelang stand die so genannte »Schuldfrage« wie der berüchtigte Elefant im Raum und versperrte bzw. verzerrte die Sicht auf wesentliche Faktoren, die den Krieg bestimmten. Etwa die aggressiven, imperialistischen, expansionistischen und »provinziellen« Kriegsziele der Entente, namentlich Frankreichs und Italiens, aber auch Englands und Wilsons eher unrühmliche Absichten. Sie entgrenzten den Krieg ohne Rücksicht auf die absehbar selbstbeschädigenden Folgen.

Afflerbach sieht die Verlängerung des Krieges als Folge dieser Kriegszielpolitik und der unseligen Fokussierung auf einen Siegfrieden. Was harmlos klingt, führt zur Quintessenz seiner Analyse: Am Ende gab es keinen »Sieg« und keinen »Frieden«. Die Folgen des Krieges machten auch die militärischen Gewinner zu Verlierern. Faschismus, Stalinismus, Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, Holocaust – die nachfolgende Geschichte 20. Jahrhunderts gilt für den Autor als Kronzeugin dieser Einschätzung.

Die Entwicklung, darauf legt Afflerbach Wert, war auch nach 1918 weder zwingend noch zwangsläufig, im Gegenteil. Selbst der Friedensvertrag von Versailles hätte Möglichkeiten geboten, die von Zeitgenossen durchaus gesehen wurden; ein Zufall waren die verheerenden Entwicklungen nach 1918 aber nicht. Tatsächlich drängt sich der Eindruck auf, ein »negativer Verlauf des 20. Jahrhunderts« wäre durch den endlosen, blutigen Krieg vorgezeichnet und schwer vermeidbar gewesen. Entgegenkommen der Sieger  war angesichts der Verwüstungen und horrenden Verluste erst später möglich, zu spät für die junge, schwache Republik von Weimar.

Es ist jedoch eine historische Tragödie, dass viele der Nachbesserungen zu spät kamen und nicht der jungen deutschen Republik zufielen, sondern ihrem Totengräber Adolf Hitler.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Militärisch und politisch ist der Erste Weltkrieg von deutscher Seite, aber auch Österreich-Ungarns, durch katastrophale Fehlentscheidungen geprägt. Auch ohne die vermaledeite Kriegsschuldfrage ist der politisch orchestrierte Weg der Doppelmonarchie in den Krieg geprägt von geradezu grotesken Entschlüssen. Das setzte sich nach Kriegsausbruch fort, militärisch wie politisch. Przemysl etwa, das »Stalingrad des Ersten Weltkrieges«, oder der Kriegseintritt Italiens, der politisch durchaus hätte verhindert werden können.

Italiens Kriegseintritt 1915 hat laut Afflerbach einen bis dahin denkbaren Sieg der Mittelmächte nahezu unmöglich gemacht. Zwar haben die Italiener militärisch zu keinem Zeitpunkt etwas Bedeutsames erreicht, doch die Bindung hunderttausender Soldaten der Donaumonarchie, die weitere wirtschaftliche Abschnürung verbunden mit der Überlastung der Eisenbahnlogistik reichte bereits aus, um die Waage kippen zu lassen.

Es war der erste Schritt zu einer Entgrenzung des Krieges und seiner verheerenden Verlängerung. Ein Punkt, der auch immer wieder zu schwach gewichtet wird, ist die Veränderung der Koalitionen: Im Kriegsverlauf erweiterte sich die Zahl der Kriegsteilnehmer auf beiden Seiten. Entscheidend war dabei der Kriegseintritt der USA 1917: Hier schloss sich für die Mittelmächte das Fenster zu einem Remis mit der Entente, das laut Afflerbach um die Jahreswende 1916/17 durchaus offenstand.

Im Winter 1916/17 bot sich dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten eine vollwertige Chance, den Krieg mit einem Remis zu beenden, und zwar in der von den Zeitgenossen verkannten Verschränkung zwischen amerikanischer Friedensvermittlung und prärevolutionärer Situation in Russland. 

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Die USA waren unter Wilson parteiisch. Sie wollten laut Afflerbach unter keinen Umständen einen Sieg der Mittelmächte, aber auch nicht unbedingt einen Sieg der Entente, sondern den Aufstieg der USA zur globalen Vorherrschaft. In Deutschland wussten nur sehr wenige wirklich über das Land jenseits des Atlantiks Bescheid, wenige sahen die entscheidende Auswirkung eines Kriegseintritts der USA, ja viele hielten diesen für unwahrscheinlich.

Für die Entente war die Kriegserklärung der USA Anfang April 1917 der Schritt über die Schwelle, den Krieg notfalls noch jahrelang weiterführen zu können, bis die Mittelmächte zusammenbrachen. Anders als Russland, das längst militärisch, wirtschaftlich und politisch überfordert war und nach der Februar-Revolution 1917 den Krieg hätte beenden müssen, um den eigenen Untergang zu vermeiden, waren die USA faktisch unbezwingbar.

Für die Entente bestand demnach nach dem Zusammenbruch Russlands kein Grund, vom Konzept des militärischen Siegfriedens abzurücken, wenn das auch kurzsichtig gedacht war. Allein die bodenlose Verschuldung wirkte wie ein Gift auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung nach 1918. Gleichzeitig waren die Kriegsziele der Entente, die durch die Bolschewiki veröffentlich wurden, Wasser auf die Mühlen der Kriegspartei in Deutschland und bei seinen Verbündeten.

Die verbissene und ungeheuer schädliche alliierte Siegfriedensstrategie, die letztlich diese „wahnsinnige Selbstzerfleischung“ Europas zu verantworten hatte, hätte ihre Berechtigung gehabt, wenn das kaiserliche Deutschland durch den Krieg einen kohärenten Eroberungsplan hätte durchsetzen wollen. (…)

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Es gehört zu den ironischen Aspekten dieses Krieges, dass Zeitgenossen wie Ludendorff, die auf einen militärischen Sieg fixiert waren, ein Entgegenkommen der Gegner fürchteten. Afflerbach meint zurecht, dass die Entente auf diese Weise den Kräften im Reich, die auf eine Beendigung des Krieges drängten, das schärfste Schwert aus der Hand schlug, nämlich die Aussicht auf einen Kompromiss.

Wichtig ist aber auch, dass es in Deutschland eine Friedenspartei gab! Im Zweiten Weltkrieg war das nicht mehr der Fall. Wer also aus Auf Messers Schneide etwas für die Gegenwart ableiten möchte, sollte diesen Aspekt unbedingt im Auge behalten. Entgegenkommen ohne Kompromisswilligkeit auf der Seite des Eroberungskriegers ist Appeasement im schlimmsten Sinne.

Es bleibt jedoch dahingestellt, ob es 1916/17 wirklich die Aussicht auf einen Kompromissfrieden gegeben hat. Denn die deutsche Gesellschaft war im Krieg von der Welt abgeschnitten. Aus dieser »klaustrophobischen« Lage wurde sie auch dank der »lebensbedrohlichen Verknappungen« (Hunger, Kälte) von der »paranoiden und bösartigen« Vorstellung getrieben, England wolle das Reich »erwürgen« und die Zivilbevölkerung verhungern lassen.

Das führte zu einer breiten, öffentlichen Unterstützung des verhängnisvollen U-Boot-Krieges. Den zu verhindern fehlten Persönlichkeiten, die neben Einsicht auch die nötige Macht und Entschlossenheit gehabt hätten, sich durchzusetzen. Das gilt auch für einen Kompromissfrieden, der eben auch deutscherseits Entgegenkommen trotz der großen Opfer  beinhalten musste. Angesichts der öffentlichen Stimmung und des dysfunktionalen politischen Systems eine Herkulesaufgabe, die niemand schultern konnte.

Der Erste Weltkrieg war, in der deutschen Innensicht, kein Eroberungsfeldzug, sondern eine chaotische Interaktion konkurrierender Entscheidungszentren, in die Akteure von einer oft selbstverschuldeten Notlage zur nächsten hetzten.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide

Der »Waffenstillstand« von 1918 war nach Einschätzung Afflerbachs keiner, sondern eine Kapitulation unter bestimmten Bedingungen. Die Verhandlungen von Versailles haben diese Bedingungen jedoch übergangen, was wie ein Brandbeschleuniger auf die Empörung in Deutschland wirkte, die es den Gegnern einer Republik wesentlich erleichterte, den Friedensschluss und ihre Unterzeichner innenpolitisch zu diskreditieren und diffamieren – im Kampf um die Macht. Das bittere Ende für die »Sieger« von 1918 ist bekannt.

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide
Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor
C.H.Beck 2022
Paperback 664 Seiten
ISBN: 978-340677743-1

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Ins geteilte Berlin mitten im Kalten Krieg führt dieser ungewöhnliche Spionageroman mit einem Helden, der für Furore sorgte. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Welches Bild auch immer der Begriff „Aspik“ in den Kopf zaubern mag, ein darin eingelegter – kann man sagen: eingelegt? – Dandy (ausgerechnet) wirkt mindestens schräg, in jedem Fall schillernd und ein wenig unappetitlich. Man assoziiert am ehesten jenen sprichwörtlich im Beton eines Bauwerks entsorgten Ermordeten, der aber dadurch aus dem Blickfeld verschwindet. Was in Aspik verwahrt wird, bleibt verzerrt sichtbar.

Mit dem Titel des Spionage-Klassikers von Derek Marlowe sind die Seltsamkeiten dieses Romans nicht beendet. Die Hauptfigur von Ein Dandy in Aspik tritt dem Leser reichlich dubios entgegen. Zurückgezogen, geradezu isoliert führt Alexander Eberlin sein Leben, ein schweigsamer Hausangestellter ist die einzige Person, die regelmäßig in seinem Haushalt auftritt.

Eberlin ist 36 Jahre alt und findet das Alter missvergnüglich. Zu alt für Übermut und Tatkraft der Jugend, zu jung für die Respektabilität des gesetzten Alters – eine schnoddrig-kauzige Haltung, die zum Dandy recht gut passt, wie seine gute Kleidung. Aber dieses stimmige Bild bekommt früh in der Handlung Risse, denn der billige Wein, der laut Eberlin wie Abwasser schmecke, gehört in eine andere, unkultivierte Welt.

In einer Ecke saßen drei arbeitslose Schauspieler und sprachen von sich selber.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Während der gesamten Romanhandlung wird der Leser immer wieder mit derartigen Brüchen konfrontiert. Dabei handelt es sich nicht etwa um „Fehler“ des Autors, sondern ein gezielt eingesetztes Stilmittel. Der Leser soll stutzen, verwirrt blinzeln und aufmerksam weiterlesen, ob und wie sich derlei Seltsames irgendwann aufklärt.

Das Leben des Alexander Eberlin ist jedenfalls nicht das, was es zu sein vorgibt. Da wäre der Masarati Mistrale, ein schnittiger Sportwagen im Stile eines James Bond-Autos, mit dem man wunderbar durch das kurvenreiche Südfrankreich brausen kann. Er steht in einer Werkstatt bei Lyon – was Eberlin zur Nutzung von Taxis und Öffentlichen Verkehrsmitteln zwingt.

Martin Compart verweist in seinem vorzüglichen Nachwort zurecht auf die geradezu groteske Vorstellung, James Bond, die Ikone des Kalten-Krieg-Spions, würde mit Bus oder Taxi fahren müssen. Dieser tiefgreifende Bruch mit dem monolithischen Bild des souverän agierenden Agenten-Helden ist Ausdruck eines viel weiter reichenden Risses: Eberlin ist Doppelagent.

Sein eigentlicher Name ist Krasnevin, seine Tätigkeit für die Briten nur Tarnung, eine ziemlich gute, um seinem Job nachzugehen: Töten. Eberlin / Kransnevins Aufgabe besteht darin, gefährliche Agenten auf Seiten der Briten auszuschalten. Er agiert in dieser Hinsicht durchaus erfolgreich.

Er hatte sie unterschätzt. Alles, was jahrelang sorgfältig geplant worden war, begann zusammenzustürzen.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Damit bekommt das zunächst obskur wirkende Verhalten Eberlins zumindest einen Sinn. Den Agenten ohne Auto plagt Heimweh nach Russland, er möchte zurück, was seine Vorgesetzten ablehnen. Das Motiv prägt die Verhaltensweise der Hauptfigur während des Romans und erklärt vielleicht auch, warum es diesem bisweilen an Professionalität mangelt.

Mehrfach wird er von anderen Agenten, insbesondere seiner Nemesis namens Gatiss, für sein unvorsichtiges, laienhaft dilettantisches Verhalten gerügt. Wieder liegt der Vergleich zu James Bond nahe – man stelle sich das einmal vor … Recht früh zeig sich, wie sehr Eberlin seinen Kontrahenten Gatiss fürchtet, er fürchtet eine Enttarnung.

Ein Dandy in Aspik spielt in den 1960er Jahren, mitten im Kalten Krieg, kurz nach dem Mauerbau – also in einer untergegangenen Welt. Die entlang klarer Linien verlaufende Konfrontation von West und Ost, Demokratie und Autokratie ging mit einer Dämonisierung des Gegners einher, der Typus des kommunistischen Ostagenten weicht von Eberlin / Krasnevin beträchtlich ab.

Derek Marlowe spielt in seinem Roman ein wenig mit diesem holzschnittartigen Gut-Böse-Schema, Heimweh will nämlich nicht recht zum Bild des ideologisch motivierten Agenten aus der Sowjetunion passen. Sicher ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Gatiss den hochprofessionellen, kalten, emotionslos-unmenschlich handelnden Agenten verkörpert, der für den Westen arbeitet.

Jetzt hatte er glücklich drei Namen. Eberlin, die Dreifaltigkeit.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Eberlin wird auf eine Mission nach Berlin entsandt, der symbolgeladenen Frontstadt des Kalten Krieges. Inter dem Decknamen George Dancer soll er nach Krasnevin suchen. Er jagt also sich selber, eine wunderbare Quelle für haarsträubende Situationen, die Marlowe weidlich ausnutzt. Besonders groteske Umstände ergeben sich anlässlich eines Versuchs, die Grenze nach Ostberlin zu überschreiten.

Eberlin / Krasnevin / Dancer versucht, nach Osten zu entkommen, um sich der persönlichen Gefährdung zu entziehen und seinem Heimweh gegen den Willen seiner Vorgesetzten den Stachel zu nehmen. Wer einmal selbst einen Grenzübertritt in die DDR unternommen hat, wird die Umstände von Eberlins Versuch als schauerliche Reminiszenz empfinden, jene uniformiert-abweisende Unhöflichkeit, kaum verborgen vom Schleier bürokratischer Worthülsen und Ausflüchte.

Die Zwangslage, in der sich Eberlin befindet, spitzt sich stets zu, die Handlung ist zunehmend von Rasanz und abrupten Wendungen geprägt. Fast unnötig zu erwähnen, wie spannend das ist, obwohl Marlowe es versteht, auch das mit einem ironischen, sarkastischen Unterton zu erzählen.

Viele Dialoge von Ein Dandy in Aspik sind von befremdlicher Krautigkeit. Wo professionell-kühle Gesprächsführung zu erwarten wäre, sind die Wortbeiträge oft ein sprunghaftes, von Assoziationen getriebenes Mäandern. Vielleicht ist das auch ein Echo eines spezifischen Lebensgefühls, das möglicherweise viele Zeitgenossen befallen hatte, sei es im mauerdurchschnittenen Berlin, sei es auf den britischen Inseln: der Eindruck, in einer unwirklichen Welt zu leben.

Wie bei den anderen Bänden der Klassiker-Reihe aus dem Elsinor-Verlag ist auch bei Ein Dandy in Aspik das Nachwort von Martin Compart absolut lesenswert, denn es erhellt den Entstehungsprozess des Buches und gibt dem Leser einen Einblick in das Leben des Autors. Hinzu kommt noch ein sehr interessanter Beitrag Rolf Giesen über die kuriosen Umstände der Verfilmung des Buches.

[Rezensionsexemplar]

Weitere Besprechungen der Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik
Aus dem Englischen von Erika Nosbüsch
Ein Klassiker des Spionageromans
Hrsg. von Martin Compart
Elsinor Verlag 2024
Klappenbroschur 256 Seiten
ISBN: 978-3-942788-74-8

Jeffrey Veidlinger: Mitten im zivilisierten Europa

Die Schilderungen der Pogrome sind oft schwer erträglich, dafür bietet das Buch einen detaillierten Blick auf die Gewalttaten und ihre Folgen für die Opfer, aber auch ihren Platz auf dem Weg in den Holocaust. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.

Am Ende lässt Jeffrey Veidlinger sein Buch Mitten im zivilisierten Europa in den Holocaust ab Juni 1941 münden, der über die jüdischen Bürger Osteuropas hereinbrach, als die deutsche Wehrmacht ihren Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion entfesselte. Die letzten Seiten dieses bemerkenswerten, oftmals schwer erträglichen Buches gehören den ersten Mord- und Gewalttaten in den gerade eroberten Gebieten.

Befeuert von Einsatzgruppen, SS und Wehrmacht haben Einheimische Pogrome gegen ihre jüdischen Mitbürger entfacht, wieder wurden Nachbarn und nichtjüdische Mitmenschen zu Tätern, wie schon in den Jahren 1918 bis 1921. Geradezu gespenstisch wirkt es, wenn Veidlinger darauf verweist, dass Täter der älteren Gewalttaten wieder mitmischten, zum Teil von den Nationalsozialisten an prominenter Stelle installiert.

Jeffrey Veidlingers Buch Mitten im zivilisierten Europa widmet sich einem ebenso schmerzlichen wie wichtigen Thema, das den Brückenschlag darstellt, dem hierzulande nicht die nötige Aufmerksamkeit in der Erinnerungskultur zukommt. Es gibt eine gewisse Kontinuität bei den Gewalttaten gegenüber Juden, gerade zu Beginn des Vernichtungskrieges, die von deutscher Seite durch Einsatzgruppen, Ghettoisierung und Vernichtungslager dramatisch eskaliert wurde.

Zumindest in den Köpfen der Opfer war also die Gewalt, die sie 1941 erlebten, direkt mit dem Blutvergießen von 1918 verbunden.

Jeffrey Veidlinger: Mitten im zivilisierten Europa

Die »Vorgeschichte des Holocaust«, also der »wahre Beginn desselben Holocaust«, der seit vielen Jahrzehnten umfassend erforscht und in unzähligen Darstellungen besprochen wurde, ist der Kern dieses vorzüglichen Buches. Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, SS, Wehrmacht und Einsatzgruppen werden kein Jota entlastet, aber einige Dinge, die während des Zweiten Weltkrieges geschehen sind, erscheinen klarer.

Veidlinger weist darauf hin, dass 1941 rund ein Drittel der Opfer in der Nähe ihrer Wohnhäuser getötet wurden, wie in früheren Zeiten haben sie die Gewalt als Pogrom empfunden. Der Holocaust, der im Rahmen des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion durchgeführt wurde, ist also in Teilen (!) noch mit den zu Unrecht als überkommen angesehenen Begriff des »Pogroms« zu beschreiben.

Diese Pogrome hatten eine Vorgeschichte, die Veidlinger nachzeichnet; sind doch zwischen November 1918 und März 1921 ungleich mehr Menschen auf barbarische Weise getötet, vergewaltigt, gedemütigt, beraubt und vertrieben worden als in allen Pogromen zuvor, sie haben ihre Lebensgrundlage im Wortsinne verloren, sodass sie fliehen mussten. Mehr als eine halbe Million jüdische Menschen haben sich ins Ausland aufgemacht, insgesamt flohen vor der Gewalt des brutalen Bürgerkrieges mehr als zwei Millionen Menschen.

Eine Flüchtlingskrise war die Folge, die damals wie heute massive Auswirkungen auf die aufnehmenden Staaten hatte. Die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Flucht waren dabei bedeutsam, denn Juden wurden in den aufnehmenden Staaten besonders wahrgenommen, ja galten als das Bild des Flüchtlings, obwohl sie nur ein Viertel der Fliehenden stellten. Rechte Hetzer haben die Steilvorlage aufgenommen und die ohnehin vorhandenen antisemitischen und antikommunistischen Stimmungen geschürt. Die Verschwörungserzählungen waren ebenso abstrus wie wirksam.

Wie jedes geschichtliches Ereignis war der Holocaust unvorhersehbar, doch seine allgemeinen Umrisse wurden vorausgeahnt.

Jeffrey Veidlinger: Mitten im zivilisierten Europa

In diesem Sinne ist das Buch sehr lehrreich und mit Blick auf die realpolitischen Verhältnisse niederschmetternd. Man ist geneigt, zum Misanthropen zu werden, angesichts der grotesken  Vorwürfe, die gegen die Juden erhoben und geglaubt wurden. Obgleich viele von ihnen wegen der Bolschewiki und ihrer Ideologie bzw. deren erbarmungsloser Durchsetzung auf dem Rücken von Millionen Opfern geflohen sind, wurden sie als angebliche Multiplikatoren ebenjener Gesinnung gebrandmarkt.

In den hanebüchenen Vorwürfen, die gegen Juden erhoben wurden, unterscheiden sich der zeitgenössische Osten und Westen nur graduell, vor allem das Motiv des Antibolschewismus, der Juden und Bolschewiki / Kommunisten gleichsetzte, ist überall anzutreffen. Pogrome wie jenseits der Oder gab es in Deutschland erst nach 1933, in dem Ausmaß und der Brutalität erst im Krieg, doch Massenerschießungen durch Einsatzgruppen und die industrialisierte Massentötung waren und bleiben etwas Einmaliges.

Besonders erschütternd ist die Feststellung, dass alle an antijüdischen Pogromen beteiligt gewesen sind: Polen, Ukrainer, Russen, Bolschewiki, Rote Armee, Weiße, Kosaken – aber auch ganz gewöhnliche Menschen, Nachbarn, Mitarbeiter, Angestellte, Bekannte, Kunden und Auftraggeber; buchstäblich alle konnten sich über Nacht in Denunzianten, Kollaborateure, Schaulustige oder Nutznießer eines Pogroms verwandeln.

Der Wert jüdischen Lebens war gesunken.

Jeffrey Veidlinger: Mitten im zivilisierten Europa

Man kommt gar nicht umhin, die Frage aufzuwerfen, was eigentlich von »Zivilisation« zu halten ist. Der Firnis, der sie gegenüber der Barbarei, der anarchischen Gewaltanwendung trennt, scheint recht dünn zu sein. Daran ändern auch die vielen Menschen wenig, die versucht haben, den Juden zu helfen; die sie warnten, versteckten, sich für sie einsetzten – denn am Ende blieben trotzdem verwüstete Städte, niedergebrannte Häuser und verkohlte Leichen übrig.

Die Monographie weist auf einige sehr wichtige Aspekte hin, die das historische Verständnis schärfen. Der Begriff des »Bürgerkriegs« vereinfacht laut Veidlinger die Umstände zu sehr. Dafür gab es viel zu viele Konfliktparteien, keineswegs zwei klar voneinander getrennte Lager, wie im amerikanischen Bürgerkrieg etwa. In der Ukraine dieser Jahre tobte ein Krieg ohne Fronten, mit oftmals kleinen, regionalen Machthabern bzw. Kriegsherren. Ein vorzüglicher Nährboden für Pogrome.

[Rezensionsexemplar]

Jeffrey Veidlinger: Mitten im zivilisierten Europa
Aus dem Englischen von Martin Richter
C.H.Beck 2022
ISBN: 978-3-406-79108-6
Hardcover 456 Seiten

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Die Hellsichtigkeit des Tagebuchschreibers Stresau ist frappierend, besonders, weil er seine Rückschlüsse auf der Basis von propagandatriefenden Presseberichten gezogen hat. Seine Äußerungen stellen einen Kontrapunkt zu dem dar, was an propagandistischem Getöse bis heute das Bild der Zeit prägt – etwa zur berühmt-berüchtigten Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels im Februar 1943. Cover Klett-Cotta, Bild mit Canva erstellt.

Ist es mutig oder töricht, Adolf Hitler in einem Tagebuch als »Oberidioten« zu bezeichnen? Hermann Stresau hat das getan, am 31.01.1944, dem Jahrestag der so genannten »Machtergreifung«. Als ich diese Passage las, war ich froh, dass niemand die Aufzeichnungen vorzeitig in die Finger bekommen hat, das hätte fatale Folgen für Stresau gehabt. Uns Nachgeborenen wäre ein kleiner Schatz entgangen, denn nicht anderes sich die Tagebücher Als lebe man nur unter Vorbehalt.

Der Autor Hermann Stresau eignet sich nicht als Heldenfigur des Widerstands, wie etwa Sophie Scholl oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er ist konservativ, wenn die Rede auf die Rolle der Frau (»Weiber«) kommt, muss der moderne Leser tapfer sein; seine Haltung zur Weimarer Republik ist bestenfalls kühl, mit der Parteiendemokratie kann er so wenig anfangen wie mit linken Schriftstellern und dem Vertrag von Versailles.

Und doch hat er 1933 den Kotau gegenüber dem Regime verweigert, erhebliche wirtschaftliche Einbußen inkauf genommen, um sich eine innere Distanz zu wahren gegenüber dem Nazi-Regime. Das ist die Voraussetzung für seinen scharfen, analytischen und oft hellsichtigen Blick auf die Dinge, die schon seine Tagebücher 1933 – 1939 Von den Nazis trennt mich eine Welt auszeichnen. Den Kriegsausbruch 1939 hat er wenigstens befürchtet und doch ist er wie ein Hammerschlag auf ihn niedergegangen.

Morgens müssen wir uns eine Zentnerlast vom Herzen schieben, um aufstehen zu können. Wir erheben uns sonst immer frisch und munter um 6 Uhr, selten später, aber jetzt ist’s das Gegenteil: ein furchtbares Gefühl nach dem Erwachen, ein unbeschreibliches Grauen, ein Alpdruck, man möchte die Welt verfluchen. 05.09.1939

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Das bleibt der Grundtenor während der kommenden fünfeinhalb Jahre, bis das so genannte »Dritte Reich« im Mai 1945 in Schutt und Asche gesunken war und Millionen elendig verreckt, vertrieben oder versehrt waren. Selbst während der Phase, in der die Wehrmacht Sieg an Sieg reihte und auch Stresau mit einer militärischen Eroberung Englands oder der Niederwerfung der UdSSR rechnete, hat er sich von der Siegespropaganda nie anstecken lassen.

Das gehört zu den – ja – Ungeheuerlichkeiten der Tagebucheinträgen. Stresau hat von Anfang an gewusst, dass die USA (»Amerika«) den Ausschlag geben würde und ihm war klar, dass die Entscheidung nicht auf dem Schlachtfeld, sondern danach fallen würde. Frieden gibt es durch Verhandlungen – wohlgemerkt nach der militärischen Entscheidung – und er hat der Reichsführung um Adolf Hitler schlicht und ergreifend die Fähigkeit dazu abgesprochen.

Stresau hat sich von den militärischen Erfolgen beeindrucken, aber nicht blenden lassen; seine Erwartungen an die Wehrmacht waren zu hoch, aber selbst die höchsten Regierungsstellen in England (und den USA) haben es den deutschen Truppen zugetraut, die UdSSR niederzuwerfen und auch deshalb massive Unterstützung geliefert, ohne die die Rote Armee in noch größere Schwierigkeiten geraten wäre. Stresau befand sich also in guter Gesellschaft.

Es ist absolut faszinierend zu lesen, dass jemand derart unabhängig und zutreffende Einschätzungen treffen kann, wenn ihm nur das Propaganda-Geklingel der gleichgeschalteten Presse zur Verfügung steht. Der Schlüssel liegt im Nachdenken über das Geschriebene und Verschwiegene. Wenn berichtet wurde, dass sechzig feindliche Flieger abgeschossen wurden, hat Stresau daraus geschlossen, dass die Zahl der angreifenden Flugzeuge entsprechend hoch sein musste und auf dieser Basis auf die immense, ja übermächtige Leistungsfähigkeit der gegnerischen Wirtschaft rückgeschlossen. Hieß es im Wehrmachtsbericht »planmäßig«, übersetzte er das mit Verlangsamung, Stockung oder Stillstand der Vormarsches.

Lesen allein macht nicht klug, Nachdenken macht klug. Das zeigt sich auch an einer anderen Bemerkung, anlässlich der Feststellung Stresaus, die Zeitungsberichte und Haltung der Zeitgenossen wären unangemessen oberflächlich und unbekümmert. Der Tagebuchschreiber zeigt sich bestürzt darüber, wie Zivilisten begeistert über versenkte Schiffe nach Bombentreffern reden.

Aber wenn man sich da so in Norwegen vorstellt: ein Truppentransporter auf hoher See von schwersten Bombenkalibern getroffen, in Brand geraten, und man denkt an die Scenen, die sich dabei abspielen, und sieht dazu die vergnügten Gesichter auf der Straße – dann merkt man, in welcher Unwirklichkeit der Durchschnittsmensch lebt […], ohne zu spüren, daß dies alles des Teufels ist und vielleicht in einem allgemeinen Grauen enden wird. 30.04.1940

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Der alltäglichen Propaganda begegnet Stresau mit beißendem Spott, insbesondere den wissenschaftlich haarsträubenden, von den Nationalsozialisten zusammenphantasierten Germanenkult nimmt er genüsslich aufs Korn. Er würde gern wissen, warum alle kurze Haare trügen, denn als »alte Germanen müßten wir freien deutschen Männer nicht nur den Hut abnehmen, sondern auch die entsprechenden Locken ums arische Antlitz flattern lassen.«

Doch gibt es noch eine andere Ebene, die Stresaus Tagebücher wertvoll machen. Am 18. Februar 1943 hielt Joseph Goebbels im Sportpalast zu Berlin jene berühmte Rede, in der er die Frage in den Saal rief: »Wollt ihr den totalen Krieg?« Der Saal echote stürmische Begeisterung, man kann es sich auf Youtube heute noch ansehen – die Propaganda (!), die bis heute unser Bild prägt.

Stresau charakterisiert ähnliche Reden als »fiebrig« und konstatiert nüchtern: »Im Volk doch starke Beunruhigung zu bemerken.« Dieser kühle Kontrapunkt ist gar nicht zu überschätzen. Éric Vuillard hat in seiner mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Schrift Die Tagesordnung nachdrücklich darauf verwiesen, wie sehr die Gegenwart von Propaganda-Bildern aus der NS-Zeit geprägt ist – ein giftiger Nachhall der Vergangenheit. Stresaus klärende Worte bilden eine Art Gegengift dazu.

Ich wünsche nicht, daß wir den Krieg verlieren. Ich wünsche eher, daß wir ihn gewinnen, uns jedenfalls behaupten, und uns unsere verrückt gewordenen Führerbande entledigen. 29.5.43

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Natürlich ist Stresau auch Kind seiner Zeit. Dem Rassenwahn der »Nasolisten« steht er ablehnend gegenüber, die »Rasse« ist für ihn aber eine gewöhnliche Denkkategorie. Man stehe mit Artverwandten (England und Amerika) im Krieg, während die Verbündeten (Italiener, Japaner) einem so fremd wären. Wenn sich Stresau über Juden abfällig äußert, dann nicht wegen der »Rasse«, sondern weil ihm an einer Einzelperson etwas Konkretes missfällt, etwa Stefan Zweigs Essay über Hölderlin.

Der nächste große Schock ist der Überfall auf die Sowjetunion, in mehrfacher Hinsicht. Der »Alpdruck« der sich anbahnenden Niederlage, weil Deutschland »alles über den Kopf wachsen« werde, weicht bis Kriegsende nicht, allen zwischenzeitlichen Erfolgen zum Trotz. Wie betäubt sei man, angesichts des ins Endlose sich dehnenden, den ganzen Erdball umspannenden Krieges, der nicht – wie von Hitler behauptet – 1941 enden werde, sondern »nach 10 Jahren vielleicht.«

Von den Kriegsverbrechen, dem Genozid, dem sich anbahnenden Holocaust und dem drakonischen Gebahren in den besetzen Gebieten weiß Stresau recht früh. Interessant sind seine Quellen. Ein Arzt berichtet ihm von einem Offizier, der wegen »Kopfschmerzen« behandelt werden will. Es stellt sich heraus: Dieser Offizier hat mehr als 800 Zivilisten, Frauen und Kinder erschossen – das halte er nicht mehr aus. Stresau weiß obendrein um den Hunger der ausgeplünderten Gebiete (auch im Westen), um die »renitente« Bevölkerung und die »Widerspenstigkeit der Besiegten« überall.

Die ›Freiheit‹, die wir bringen, wäre ihnen alles andere als erwünscht.« 6.7.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Spektakulär sind die Schlussfolgerungen, die Stresau daraus zieht, die wichtigste: Der Krieg ist nicht zu gewinnen. Anders als jene Zeitgenossen, die sich von den militärischen Erfolgen in dieser Zeit haben blenden lassen, wusste der Tagebuchschreiber ganz genau, dass selbst bei einem umfassenden Sieg der Wehrmacht der Krieg noch lange nicht siegreich beendet werden könnte – ein Frieden erschien ihm völlig unmöglich.

Doch selbst die militärischen Aussichten beurteilt er nüchtern. Angesichts der größten Kesselschlacht an der Ostfront mit gewaltigen Verlusten für den Gegner macht er eine einfache Rechnung auf: Die Rote Armee habe vier Millionen Mann verloren, blieben noch sechszehn Millionen, die Industrie wäre hinter dem Ural, und die Versenkung alliierter Handelsschiffe im Nordmeer bedeute eine auf massive materielle Unterstützung für die UdSSR. Mit einem Wort: militärisch sei noch lange nichts gewonnen.

Es ist angesichts der Traumtänzerei in den hohen Stäben von Militär und Verwaltung, der braunen Partei und ihren Organisationen, der Presse und Wirtschaft geradezu bestürzend, wie ein Einzelner auf der Basis kümmerlicher, propagandatriefender Informationen durch kluges Nachdenken realitätsnahe Schlussfolgerungen zieht. Vor allem ist ihm klar, dass ein »Sieg« keineswegs glanzvoll ausfallen würde, im Gegenteil.

Grete und ich waren heute zwei Juden begegnet, mit ›Sternchen‹, und hatten uns schämen müssen. Darauf die Frage: wozu das alles, Kriege, Staaten usw., dieser ganze furchtbare Unsinn, wenn das zu nichts führt als solchen Lumpereien. 19.10.41

Was diesem Krieg zur Zeit eine besondere Note gibt, sind die systematischen Judendeportationen mit dem ausgesprochenen Zweck der Vernichtung der Unglücklichen. 18.11.41

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt

Nach der Niederlage bei Stalingrad verändert sich alles. Die Stimmung in der Bevölkerung sinkt drastisch, die Versorgungslage wird schlechter, die Vernichtung der deutschen Städte durch den Bombenkrieg schreitet immer schneller voran, während die gesamte Bevölkerung begleitet von fanatischen Worten in den Dienst des längst verlorenen Krieges gepresst wird.

Stresau muss zwangsweise in einer Fabrik arbeiten. Seine Beobachtungen und Betrachtungen sind erhellend, denn auch hier klaffen Propaganda und Wirklichkeit weit auseinander. Die Produktion leidet unter vielerlei Dingen, Chaos, Materialmangel, unqualifizierten Arbeitern, dem Auftreten des Sicherheitspersonals, das die ausländischen Arbeiter drangsaliert, und den ständigen Alarmen, die jede Nachtruhe über Monate und Jahre unmöglich machen.

Man müsse gar keine Sabotage üben, konzediert der Tagebuchautor, das erledige sich ganz von allein. Doch ist Stresau keineswegs zum Spott zumute, er ist innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, das Desaster möge sich noch abwenden lassen und der Einsicht, dass Deutschland und Europa immer weiter in den Abgrund rutschen. Für eine Zukunft nach dem Kriegsende sieht er schwarz, rechnet mit Jahrzehnten bitterer Lebensverhältnisse.

Ein besonderer Wert der Tagebücher liegt darin, dass sie zeigen, wie sehr sich der Krieg in den Alltag hineindrängt, während sich die Menschen bemühen, ihn zu verdrängen. Die Fluchten sind vielfältig, Literatur, Musik, Gespräche, abendliche Runden mit kulturellen Gesprächen, Affären, Alkohol bieten immer wieder eine Möglichkeit, dem alltäglichen Grauen zu entfliehen, ohne ihm zu entkommen.

Manche Schilderung aus den letzten Kriegsmonaten ist haarsträubend, etwa von Göttingen aus den Rauchturm der im März 1945 zerstörten Stadt Hildesheim zu beobachten: eine »riesige Rauchwolke, wie von einem Vulkan«. Nach der Befreiung Tage später folgen peu á peu die Nachrichten von den NS-Gräueltaten, noch nicht von der Massenvernichtung im Osten, sondern aus dem KZ Sachsenhausen. Diese sind so schauerlich, dass selbst ein kluger, aufmerksamer Beobachter wie Hermann Stresau notiert: »Kaum glaublich, aber es muß wahr sein.«

[Rezensionsexemplar]

Die Tagebücher 1933 – 1939 habe ich auch besprochen:
Von den Nazis trennt mich eine Welt

Herrmann Stresau: Als lebe man nur unter Vorbehalt
Klett-Cotta 2021
Gebunden 594 Seiten
ISBN 978-3-608-98472-9

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Dieser wunderbare Roman nähert sich der historischen Person Larissa Reissner auf eine ebenso ungewöhnliche wie gelungene Weise. Cover Rowohlt Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Der König ist die wichtigste, die Dame die mächtigste Figur auf dem Schachbrett. Fällt der König, ist das Spiel unwiderruflich verloren, fällt die Dame, bedeutet das in der Regel einen fast vernichtenden Verlust für die betroffene Seite. Fast! Ein gezieltes Damenopfer kann in seltenen Fällen auch einen Sieg erzwingen. Wenn beispielsweise für die geopferte Dame ein Bauer zur gegnerischen Grundlinie vorrücken und gegen eine neue Dame eingetauscht werden kann; oder falls es gelingt, den König der Gegenseite nach dem Opfer zwingend Schachmatt zu setzen.

Das höchste und wirkungsvollste: das Damenopfer.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Bauer und Dame teilen sich auf dem Schachbrett das Schicksal, Figuren in einem Spiel zu sein, dessen Verlauf andere bestimmen. Das gilt auch jenseits des Schachbretts: Der Lebenspfad Larissa Reissners windet sich zwischen Revolution und bolschewistischem Putsch 1917, dem brutalen Bürgerkrieg in Russland und den Häutungen der Herrschaft Lenins hindurch und endet jäh, als sich das blutige Haupt Stalins an der Spitze jenes Staates erhebt, der das Paradies auf Erden versprach und eine nie dagewesene Hölle schuf.

Der Leser folgt in Steffen Kopetzkys Damenopfer dem Schicksal Larissa Reissners für die Jahre 1922 bis 1926, was sich beinahe wie eine Falschaussage anfühlt, denn es suggeriert eine Art voranschreitenden Pfad. Das Lesen fühlt sich aber mehr an, wie ein Gang durch Hogwarts: Die Richtung des Schreitens ändert sich wie die schwingenden Treppen der Zauberschule, während zu dem Vorübergehenden aus den an der Wand hängenden Gemälden gesprochen wird. Zeitgenossen, die auf irgendeine Weise mit Reissner zu tun hatten, kommen zu Wort, mal Ho-Chi-Minh, mal ein erlesener Kreis britischer Experten im Rahmen einer Sitzung, die Dichterin Anna Achmatowa, Leo Trotzki.

Diese Form der Installation verweigert dem Leser das gemächliche und komfortable Abtauchen in eine fiktionale Erzählwelt, immer wieder bricht der Erzählstrom, wird man herausgerissen und konfrontiert mit kommentierenden, (ab-)wertenden, bewundernden, trauernden und befremdenden Äußerungen über die Hauptfigur. Die gewinnt dabei an Gestalt, in einer Weise, wie es mit einer anderen Erzählstruktur nur sehr schwer und umständlich umzusetzen wäre.

Larissa Reissner tritt dem Leser als vielfarbig schillernde Person entgegen, Kommunistin aus bürgerlichem Hause, eine Schönheit mit französischem Parfum und Zigarren aus London, hochfliegende Ideale, eskapistischer Freiheitsdrang mit einem Hauch Femme fatale und einem scharfen Verstand  – fast das Idealbild der jungen, emanzipierten Frau der 1920er Jahre. Sie ist eine starke Frau; und sie scheitert tragisch, mit ihr auch die Revolution und ihre Ideale.

Solche Solitäre wie Larissa waren selbst am Nachthimmel Groß-Berlins selten wie schweiftragende Kometen.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Um Spannung im banalen Sinne geht es in Damenopfer nicht. Kopetzky verzichtet, auf was sich viele Romanschreiber frohlockend gestürzt hätten. Eine fehlgeschlagene Revolution in Deutschland, ein kommunistischer Aufstand ohne jede Aussicht auf Erfolg, Verschwörungsraunen von Verrat, zwielichtige, wetterwendische Opportunisten-Politik, die einen Pakt mit dem eigentlichen Todfeind (Reichswehr) schließt – das alles bildet den politischen Mahlstrom, der Larissa Reissners Leben umtost und sie fortreißt.

Die montierende Romanstruktur stellt zeitlich, räumlich und inhaltlich getrennte Ereignisse und Begebenheiten einander direkt gegenüber. Im ersten Kapitel, das mit der klassischen Märchenfomel »Es war einmal …« überschrieben ist, steigen 1922 ebenso kühne wie idealistische Pläne, Träume und Ambitionen in den klaren, blauen Himmel über Afghanistan auf, strahlend bunte Heißluftballons.

Ein Kapitel später wird der Leser nach dem Höhenflug in den Dreck geschleudert, ein finster-grau-trüber Februar in der real-existierenden Sowjetunion, »Totengräber« gehen ans Werk, heben das Grab aus, in dem der Leichnam der völlig unvermutet verstorbenen Heldin bestattet werden soll. Ein irrer Kontrast, angereichert durch abwegige Gedankenflüge einer Flucht von der Erde, einer unbewohnbaren, menschenunwürdigen Erde.

Also war Totengräber mit Sicherheit der falsche Name, man war doch vielmehr Geburtshelfer.

Steffen Kopetzky: Damenopfer

Die Dramaturgie der beiden Anfangskapitel ist einigermaßen gnadenlos. Afghanistan ist als Ort des Handlungsauftakts ohnehin eine Überraschung, doch klärt sich bald, warum er so gut gewählt ist. Reissner ist Teil der sowjetischen Delegation in diesem Land, das als einziges den jungen, bolschewistischen Staat anerkannt hat. Kein Wunder angesichts der herrschenden Ideologie und den Unbilden des wütenden Bürgerkrieges, in dem die westlichen Mächte kräftig mitmischen.

Die aktivistische und idealistische Larissa richtet ihren scharfen geopolitischen Blick auf den britischen Imperialismus, das globale Weltreich ist ihr ein Dorn im Auge – sie hält es für die Zwingfeste der Ausbeutung des Proletariats und will es stürzen. Dabei stößt sie auf die  Pläne eines deutschen Offiziers namens Oskar von Niedermayer, die einen Angriff auf die britische Kolonie Indien von Afghanistan aus durchspielen – ein gefundenes Fressen für Reissner, die sich alsbald auf die Suche nach dem Urheber dieses Vorhabens macht.

Man trifft sich, später, sehr viel später im Buch, um ein geheimes Projekt voranzutreiben, im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee, jenen Kräften, die knapp zwei Jahrzehnte später den blutigsten und brutalsten Krieg gegeneinander führten.

Dem geht eine lange, gewundene Annäherung voraus, die für Larissa Reissner auch eine Distanzierung von dem darstellt, was sie zunächst enthusiastisch vertreten hat. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits unendlich viel verloren, es hat sich bewahrheitet, was der spanische Schriftsteller Javier Marías in seinem Opus Magnum Dein Gesicht morgen warnend geäußert hat:

Niemand weiß je, was er in Gang setzt, unter keinen Umständen, und alles kann zu jedem beliebigen Zweck dienen, zu diesem und zum Gegenteil.

Javier Marías: Dein Gesicht Morgen

Im Spiel der Macht dienen Ideen nicht selten als Rechtfertigung unerhörter Grausamkeiten. Hätte Karl Marx ahnen können, zu was seine Ideen in den Händen Lenins und Stalins entarteten? Hätte die Afghanistan-Larissa ahnen können, wem sie in die Hände spielt, um ihr Ziel, die Niederwerfung des anglo-amerikanischen Kapitalismus und die globale Revolution zu erreichen?

Schwerwiegende Fragen, die leicht in stiefeliges Stapfen münden könnten. Steffen Kopetzky ist jedoch nicht nur ein enorm bildstarker Autor, sondern versteht es auch, seiner Sprache mit ironisch-komischen Wendungen Leichtigkeit zu verleihen. Bei aller Tragik um das Schicksal Larissa Reissners ist die Lektüre von Damenopfer ein Genuss. Ganz am Ende sorgt eine Postkarte aus dem Jahr 1948, dem Jahr der Berlin-Blockade, mit einem optimistischen Schlachtruf für einen lichten Funken im Abgrund.

[Rezensionsexemplar]

Steffen Kopetzky: Damenopfer
Rowohlt Berlin 2023
Gebunden 448 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0151-6

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