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Leonardo Padura: Anständige Leute

Kuba im Ausnahmezustand: 2016 besucht US-Präsident Barack Obama die Insel, auch die Rolling Stones haben sich angekündigt. Die Polizei ist überlastet, Mario Conde soll aushelfen, einen Mord aufzuklären. Cover Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Mario Conde nimmt im Erzähluniversum von Leonardo Padura eine ganz besondere Stellung ein. Im Havanna-Quartett ist Conde als Ermittler der kubanischen Polizei tätig, gibt diese Tätigkeit im letzten Band jedoch auf. Er begegnet dem Leser in zahlreichen späteren Romanen wieder, als Buchhändler etwa, vor allem jedoch als ein Bewohner der Insel Kuba, der versucht, am Leben zu bleiben und irgendwann einen Zugang zum Schreiben zu finden. Selbst in jenen Erzählwerken, die nichts mit Conde zu tun haben, wird er wenigstens erwähnt, sogar im Opus Magnum Paduras, Der Mann, der Hunde liebte.

Der Leser von Paduras Romanen erlebt einen wesentlichen Teil der jüngeren Geschichte Kubas an der Seite Mario Condes mit, unternimmt jedoch immer wieder weite Ausflüge in die Vergangenheit. Die Insel in der Karibik ist auf überraschend vielfältige Weise direkt oder indirekt mit der Geschichte anderer Welt-Regionen verbunden. So lebt und stirbt der Mörder Leo Trotzkis dort; Hemingway war dort, natürlich, aber auch zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Dinge im Erzählwerk Paduras werden motivisch miteinander verknüpft: Rembrandts Schüler in Amsterdam 1648, das Drama um jüdische Flüchtlinge auf der St. Louis 1939 und ein verschwundenes Mädchen im Jahr 2007 im Roman Ketzer

Kuba ist seit Jahrzehnten ein wenigstens autoritär geführtes Land, das den Sozialismus als ideologisches Aushängeschild führt. Leonardo Paduras Romane beschreiben viel der Lebenswirklichkeit auf Kuba, ohne politisch in dem Sinne sein zu wollen, dass sie dieser oder jener politischen Richtung, Ideologie, Partei das Wort reden. Selbstverständlich bleibt alles dennoch stets politisch. Der jeweilige Fingerzeig ist auch ohne pathetisches J´accuse …! offenkundig. Wozu auch, denn Padura hat einen ganz eigenen Weg gefunden, sich zu den Dingen zu äußern. 

Italien ist von hier aus mindestens so weit weg wie der Mond.

Leonardo Padura: Anständige Leute

Zu Beginn des Romans Anständige Leute ist Mario Condes Leben wieder einmal in Aufruhr. Seine Freundin Tamara steht davor, das Land zu verlassen, sie will nach Italien, wo Verwandte leben. Ihre Rückkehr ist ungewiss. Die Flucht aus den bedrückenden Umständen Kubas gehört auch zu den wiederkehrenden Motiven von Paduras Romanen, etwa Wie Staub im Wind. Diesmal kehren einige im Ausland lebende Kubaner zurück, darunter Freunde Condes, aber auch zwielichtige Gestalten mit unredlichen Absichten. 

Obendrein stehen große Ereignisse an, denn Barack Obama und die Rolling Stones wollen die Insel besuchen. Ich erspare mir zeitgeschichtliche Erklärungen, warum Obamas Visite eine andere Qualität hatte, als der Besuch eines deutschen Regierungschefs in Frankreich. Conde hat einen für ihn überlebenswichtigen Nebenjob angenommen, als Aufpasser in einer hippen Lokalität hat er ein Auge auf Drogenkonsum. Er wird dort Zeuge, dass Ausländer, Touristen und manche Einheimische abendlich so viel Geld auf den Kopf hauen, wie gewöhnliche Inselbewohner über Wochen zum Leben ausgeben. Kuba wandelt sich, zumindest teilweise weht eine frische Brise, und die Frage stellt sich, wie weitgehend oder dauerhaft der Wandel sein werde.

Eine kleine Pause zwischen einer dunklen und einer düsteren Zeit.

Leonardo Padura: Anständige Leute

Die Antwort, die Conde auf die Frage gibt, ist pessimistisch, in seiner Eigensicht aber realistisch. Der Grund für diese Haltung liegt in der Vergangenheit, der eigenen wie auch der weiter zurückliegenden Kubas. Folgerichtig springt die Handlung des Roman zurück in die Zeit des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, den Jahren des Befreiungskampfes und der Selbstbehauptung gegen die Spanier und die USA. Erzählt wird von einer »verrückten und schmerzhaften Zeit, die in gewisser Hinsicht immer noch anzudauern schien.«

Padura spannt den erzählerischen Bogen weit und nutzt die unerfüllten schriftstellerischen Neigungen seiner Hauptfigur, um eine Verbindung herzustellen. Conde beschäftigt sich nämlich mit den Herren Arturo Saborit und Alberto Yarini, einem Polizisten, »der sich für anständig hielt«, und einem Zuhälterkönig, der zum Mythos geworden ist. Auf Yarinis Grab liegen noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts frische Blumen, wie Conde erzählt.

Das ist nur eine Verbindung von der Gegenwart in die Vergangenheit. Yarini, der Zuhälter, will hoch hinaus in der Politik, die bereits von jenen Übeln befallen ist, die auch über einhundert Jahre später auf Kuba vorherrschen. Allgegenwärtige Korruption und Misswirtschaft, begangen auch von den Helden des Befreiungskrieges, die zu Blutsaugern an jenem Staat wurden, für den sie gekämpft hatten. Polizist Saborit ist gegen die Verlockungen keineswegs gefeit, trotz seiner Eigensicht, »anständig« zu sein.

Die Parallelen zu den sozialistischen Revolutionären Kubas des 20. Jahrhunderts liegen auf der Hand, die Vergangenheit ist ein Schwarzer Spiegel für die Gegenwart. Man kann das sehen, etwa am Nebeneinander von bitterster Armut und Reichtum in Gestalt von Häusern und Wohnungen. Für das Kuba Mario Condes gilt, was Arturo Saborit in einen Erinnerungen über die eigene Zeit zu berichten wusste. 

Sein Heimatland bestand in Wirklichkeit aus mehreren Ländern, deren Lebensqualität sich stark voneinander unterschied.

Leonardo Padura: Anständige Leute

Das wiederum ist mit den Idealen der kommunistischen oder sozialistischen Ideologie unvereinbar, die Gleichheit, Progressivität und Überlegenheit postuliert. Und doch ist genau das Realität, was angeblich überwunden sein sollte. Paduras Anständige Leute wirf also die ganz große Frage auf, ob es überhaupt so etwas wie einen Fortschritt gibt oder ob (auf Kuba) alles im Kern nicht so geblieben ist, wie es lange vor der Revolution schon war. Die schamlose Selbstbereicherung der Herrschenden auf Kosten des Gemeinwesens ist nur eine Facette, die Abgründe reichen tiefer.

Ein Toter namens Reynardo Quevedo bringt die Handlung in Gang, denn die Suche nach dem Mörder ist selbstverständlich mit dessen Vergangenheit und der Kubas eng verschlungen. Mario Conde wird von seinem alten Kollegen Manolo um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten, weil die Sicherheitsorgane wegen des Besuchs von Obama bis an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit beansprucht sind. Conde springt in die Bresche und dringt auf der Suche nach dem Täter immer weiter vor, mitten hinein in die – pardon – »Scheiße«.

Das also war der Bluthund, den die, die im Land das Sagen hatten, zur Aufrechterhaltung der ideologischen Reinheit auf die Bewohner der kubanischen Republik der Künste angesetzt hatten.

Leonardo Padura: Anständige Leute

Der ermordete und verstümmelte Quevedo war als »Zensor« oder »Großinquisitor« des Castro-Regimes tätig. Er verfolgte von der Leitlinie abweichende Künstler, stellte sie kalt, demütigte sie und trieb sie sogar in den Tod. Dabei presste er den von ihm Gegängelten ihre Werke ab und häufte ein kleines Vermögen an, denn die Kunst der Verfolgten war – außerhalb Kubas – harte Devisen wert. Gleichzeitig wurde er vom Regime mit Privilegien und Ehren bedacht, äußerliche Loyalität ist nämlich die wichtigste Währung des Totalitarismus.

Quevedo besitzt eine teure Wohnung mitten im Elend des Sozialismus, er hat die »Sonderperiode« (ein verharmlosender Begriff für Knappheit und Hunger) überstanden und lebt gut, trotz der Unfähigkeit des Staates, die Bevölkerung auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen und den Verfall der Infrastruktur zu stoppen. Im eigenen Haushalt wird die Bedienstete zwar »Genossin« geheißen, obschon sie nichts anderes als eine Dienerin ist.

Bigotterie und Doppelzüngigkeit gehen noch ein Stück weiter. Totalitäre Regime, auch wenn sie sich progressiv oder sozialistisch oder kommunistisch nennen, sind oft homophob. Schon in seinem Roman Labyrinth der Masken hat Padura das Motiv aufgegriffen. In Anständige Leute nimmt er mehrfach darauf Bezug, eines der Opfer Quevedos, ein Theaterautor namens Marqués, spielte in Labyrinth der Masken eine wichtige Rolle.

Bring den Rum, verdammt, das muss gefeiert werden. Sie haben das Arschloch umgelegt!

Leonardo Padura: Anständige Leute

Angesichts der Schandtaten Quevedos ist diese Reaktion nicht weiter überraschend, eher die Offenheit, mit der die Freude über den Tod des ehemals Mächtigen geäußert wird, denn das Herausposaunen der Zufriedenheit über das gewaltsame Ableben des verhassten Apparatschiks macht verdächtig. Es ist naheliegend, dass die Tat aus dem Motiv der Rache ausgeführt wurde, in dieser Richtung ermittelt Conde selbstverständlich. 

Spätestens an diesem Punkt stellt sich ihm und dem Leser die Frage nach der moralischen Bewertung der Mordtat. Ein zutiefst unanständiger Zeitgenosse, der durch seine Tätigkeit das Leben von Künstlern ausgelöscht hat, indem er ihnen die Möglichkeit nahm, ihre Kunst auszuüben und dem Leben den Sinn, die Grundlage raubte,  wurde das Opfer einer Gewalttat.   Möchte man eigentlich, dass der Mörder gefunden wird?

Anständige Leute ist weniger die Auseinandersetzung mit der Frage, ob man in einem unanständigen, autoritären, menschenverachtenden Unrechtsstaat anständig sein kann oder – etwas weiter gefasst: ob das in einem schwierigen politischen und gesellschaftlichen Umfeld überhaupt möglich ist. Padura zielt eher auf eine Konfrontation des Lesers mit dem Wort »anständig« und seinem Gebrauch ab.

Im lexikalischen Sinne meint »Anstand« ein gutes, vielleicht schickliches Benehmen, mit dem man keinen Anstoß bei anderen erregt. Anstand ist also relativ, abhängig davon, wer das Verhalten eines Menschen wertet. Das gilt für alle Menschen, Gesellschaften und Institutionen, insbesondere jene, die auf einer totalitären Ideologie fußen.

Anstand ist in diesem Fall häufig eine Form des Konformismus, der völlig unmenschliche, ungesetzliche und sogar gegen die eigenen Regeln verstoßende Handlungen aber durchaus duldet, so lange der äußere Schein gewahrt werden kann. Quevedo ist in dieser Hinsicht ein Idealtyp dieses »Anstands«, innerhalb »des finsteren Innenlebens einer inquisitorischen Welt.«

Für viele Künstler war diese Zeit wie ein Aufenthalt in der Hölle, aus der oftmals jede Erlösung zu spät kam.

Leonardo Padura: Anständige Leute

So folgt der Leser also der Handlung in diesem wunderbaren Roman, der auf beiden Zeitebenen unterhaltend, spannend und wendungsreich ist, auch was die Auflösung des Falles oder der Fälle anbelangt. Denn auch in der Vergangenheit, also der Gegenwart von Saborit und Yarini, beschäftigt ein gruseliger Mord mit einer verstümmelten Leiche die Zeitgenossen und die professionellen Ermittler. Auch das ist eines der vielen verbindenden Motive über die Jahrzehnte hinweg.

Rezensionsexemplar.

Leonardo Padura: Anständige Leute
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag 2024
Gebunden 400 Seiten
ISBN: 978-3-293-00621-8

Totenschiff – Probedruck

Es ist immer wieder ein großer Augenblick, das neueste Buch erstmals gedruckt in den Händen zu halten, auch wenn es das fünfte innerhalb eines Jahres ist.

Da ist es! »Totenschiff«.

Der Probedruck des fünften Bandes meiner »Piratenbrüder« ist eingetroffen. Gut zwei Monate vor dem Veröffentlichungstermin.

Es ist wieder einmal ein Augenblick purer Freude.

Nun lese ich das Buch laut vor, jeden Tag ein paar Kapitel, und mache mich an die Korrekturen. Da findet sich so einiges – der Name eines spanischen Schiffes ist mal mit, mal ohne „ñ“ geschrieben; das ist bisher niemandem aufgefallen.

Hier und da fehlt ein Komma, ab und zu findet sich ein Artefakt oder eine hakelige Formulierung … es gibt also noch ein wenig zu tun, bis das Buch am 20. September 2024 veröffentlicht werden kann.

Die ersten drei Kapitel sind sehr stimmungsvoll. Wenn ein „Schatten im Nebel“ auftaucht, meine Helden vom „Reich der Lebenden in das Reich der Toten“ übersetzen und „Das Totenschiff“ ansteuern.

Und das ist erst der Auftakt zu dramatischen Ereignissen.

Der Roman kann als eBook bereits vorbestellt werden. Ein paar Infos habe ich auf der A+-Seite bei Amazon hinterlegt, einfach auf das Bild klicken.

Was folgt als nächstes?

Die Arbeit an den Bänden der Buchreihe um die Piratenbrüder ist noch nicht beendet, doch beschäftige ich mich bereits mit der Zeit danach.

Noch stecke ich mitten in der Arbeit an meiner Abenteuerreihe um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah. Der fünfte Teil, Totenschiff, ist im Buchsatz, als Erscheinungstermin ist der 20. September 2024 vorgesehen.

Derzeit darf ich mich über eine stetig wachsende Zahl an Vorbestellungen der eBook-Ausgabe von Totenschiff freuen. Das ist auch ein Beleg, wie sehr der vierte Band, Vinland, der Mehrzahl der eBook-Käufer bislang gefallen hat. Angesichts der massiven Zweifel, mit denen ich beim Schreiben dieses Romans auf zwei Zeitebenen zu kämpfen hatte, ist das einfach großartig.

Überarbeiten, Überarbeiten, Überarbeiten

Piratenbrüder ist eine Heptalogie, also auf sieben Bände angelegt. Es fehlen also noch zwei Teile: Verräter und Opfergang. In beiden Fällen ist bereits ein Manuskript vorhanden, Verräter geht ins Prä-Lektorat und ist damit also schon recht weit fortgeschritten. Trotzdem wird sich bis zum Lektorat und währenddessen noch eine Menge ändern, mein Schreiben hat sich in den vergangenen drei Jahren gewandelt, was sich beim Überarbeiten niederschlagen wird.

Opfergang ist bislang kaum mehr als eine dreihundert Seiten lange Rohfassung. Das Ende oder sagen wir: die beiden Enden stehen bereits fest, die grobe Handlung und viele Details ebenfalls. Allerdings ist der Text nun schon zwei Jahre alt, in der Zeit hat sich an den vorangegangenen Bänden eine Menge getan, was sich auf den Schlussband auswirken wird und muss.

Ich werde voraussichtlich beide Manuskripte im ersten Durchgang gleichzeitig bearbeiten, das Ziel ist, bis zum Winter eine Testlese-Version von Opfergang und Verräter für das Lektorat fertiggestellt zu haben. Die Arbeit daran muss allerdings noch  etwas warten, was kein Problem ist, Verräter und Opfergang erscheinen im September 2025 und 2026. 

Aktuell bin ich noch mit den ersten drei Teilen beschäftigt, vor allem an Eine neue Welt habe ich umfangreiche Änderungen vorgenommen. Auch Chatou und Doppelspiel werden aufgehübscht, aber in geringerem Umfang als der Auftaktband. Wenn Totenschiff aus dem Buchsatz kommt, stehen natürlich auch da noch Korrekturen an.

Fantasy und / oder Historischer Roman

Es dauert also noch ein Weilchen, bis die Arbeit an der Abenteuerreihe abgeschlossen sein wird. Dennoch gehen meine Gedanken über Piratenbrüder hinaus. Was kommt als nächstes? Also, nach Piratenbrüder.

Im vierten Teil der Buchreihe, Vinland, spielt ein Teil im Hohen Mittelalter, der Welt der Wikinger. Die Geschichte von Eillirs, Stígandrs und Ryldrs Fahrt in den Westen und weit über die bekannten Grenzen der Welt hinaus, ist erzählt, soweit es die Karten betrifft, die siebenhundert Jahre später Joshua und Dr. Penbult ein so hartnäckiges Rätsel bescheren.

Aber die Pläne, die insbesondere Stígandr hegt, werden im Roman nur kurz erwähnt. Sie gehören nicht mehr zu dem Wikingerschatz, der die Piratenbrüder beschäftigt, sondern eröffnen eine ganz neue Erzählung.

Schon von Anbeginn an habe ich mich mit der Idee getragen, diese Geschichte weiterzuerzählen und zwar in einem eigenständigen Roman, den man auch lesen kann, ohne Vinland zu kennen. Einen guten Titel wüsste ich schon, ein Teil vom Plot steht auch, da ich schon ein wenig recherchiert habe.

Aber da ist auch noch ein fast 600 Seiten dicker Stapel beschriebenes Papier, nebst einer großen Karte und mehrerer Detailkarten: ein FantasyRoman! Den habe ich vor acht, neun Jahren angefangen und immer wieder überarbeitet – bis ich mich erst einmal auf die Piratenbrüder konzentriert habe. Jetzt wäre also die Zeit gekommen, mich diesem Projekt zu widmen.

Mit der Recherche zu dem Wikinger-Roman werde ich bald beginnen. Ganz praktisch, dass es in meiner Fantasy-Welt auch so eine Art »Nordmannen« geben wird, ich also einen Teil der Recherche-Bücher für beide Schreibprojekte lesen kann.

Ein neues Kapitel

Damit öffnet sich ein neues Kapitel meiner Arbeit als Schriftsteller. Das wird sich auch am Blog bemerkbar machen, denn ich will hier regelmäßig von den Fortschritten und Hindernissen des Schreibprozesses berichten. Ich freue mich schon sehr darauf, endlich loszulegen.

Jaroslav Rudiš: Durch den Nebel

Im Erzählwerk des Autors und jenen drei Beiträgen dieses Bändchens spielt der Nebel eine wichtige Rolle. Cover Sonderzahl, Bild mit Canva erstellt.

Züge erzählen Geschichten

Jaroslaw Rudiš: Durch den Nebel

Es sind Sätze, wie dieser, die den schmalen Band Durch den Nebel von Jaroslav Rudiš so lesenswert machen. Für Zeitgenossen einer heruntergewirtschafteten, kaputtgesparten Deutschen Bahn, die vielleicht noch mehr als der Berliner Flughafen BER eine nie versiegende Quelle von Hohn, Spott und Verärgerung darstellt, sind solche Sätze im ersten Moment ein wenig befremdlich.

Autor Rudiš ist Eisenbahn-Reisender aus Passion, der niemals Zeitverlust oder gar Zeitverschwendung empfindet, auch wenn der Anschlusszug verpasst wird. Im Zug, im Bahnhofsrestaurant verstreicht für ihn die Zeit gewinnbringend, denn nicht nur Züge erzählen Geschichten, sondern auch die Menschen in, um und bei Zügen. Sie sind für den Autor Quelle der Inspiration.

Der erste der drei Teile von Durch den Nebel ist denn auch im Perronnord zu St. Gallen verfasst, einem Bahnhofsetablissement mit Blick auf eine schöne Uhr. Dort werden kleine Biere serviert und machen das Verweilen angenehm. Die Gedanken können weit durch Raum und Zeit schweifen, was Rudiš weidlich für einen Streifzug nutzt.

Es für die Lektüre von Durch den Nebel hilfreich, den Roman Winterbergs letzte Reise zu kennen. Wenn Rudis von seiner weitreichenden Affinität zu der Habsburgermonarchie spricht und auf Winterberg, den Protagonisten des Romans verweist, nimmt die Verbundenheit mit dem Kulturraum der einstigen Donaumonarchie im wörtlichen Sinne Gestalt an. Der Vielvölkerstaat nahm die eisenbahnbefahrbare Grenzenlosigkeit Europas im kleineren Maßstab bereits vorweg.

Es ist kein Zufall, dass Winterbergs Begleiter in meinem Roman Kraus heißt. [Karl Kraus wurde in Gitschin / Jičín geboren, in »Wallensteins Stadt«]

Jaroslaw Rudiš: Durch den Nebel

Heute liegt Österreich-Ungarn im Nebel des Vergessen und der Geschichte, laut Rudis ein Nebel, in dem er sich selbst verloren hat. Nebel, Schneetreiben oder niedrig hängende Wolken regen die Phantasie an. Aus diesem Nebel treten bisweilen großartige Ideen hervor, etwa jene, den greisen Winterberg mit einem Baedeker-Reiseführer des Jahres 1913 (!) durch das Mitteleuropa der Gegenwart reisen zu lassen.

Im zweiten Teil wird der Ort Winterberg oder Vimperk noch wichtiger. Dieser Part ist nicht nur formal das Zentrum von Durch den Nebel, sondern auch inhaltlich. Königgrätz. Wallenstein. Jičin / Gitschin (»Wallensteins Stadt«).  Österreich-Ungarn, Böhmen, Sachsen, Preußen. So viel Geschichte! Wie die Hauptfigur von Winterbergs letzte Reise scheint auch Rudiš von Geschichte befallen oder ihr verfallen zu sein.

Geschichte ruht nicht. Wie die Geister der fünfzigtausend bei Königgrätz Gefallenen, der elendig auf dem Schlachtfeld verreckten Soldaten nicht ruhen können, so geistert das Gestern im Heute. Der stille Held des Winterberg-Romans ist jener Baedeker-Reiseführer aus dem Jahr 1913, der dem Autor vor Augen führt, wie erstaunlich viel von der längst vergangenen Zeit noch im Heute enthalten ist.

Aus dem Gemenge ist die geniale Idee entstanden, eine Road-Novel auf Schienen zu schreiben und diese Mobilitäts-Erzählung mit der Vergangenheit zu verwirken, indem die Hauptfigur überwiegend gar nicht im Jetzt, sondern der Gegenwart des uralten Reiseführers existiert. Winterberg zitiert ständig aus dem Buch, er trägt ganze Passagen über die Orte und Städte vor, die von dem ungleichen Buddy-Duo angesteuert werden.

Was man durch die Fenster des Waggons sieht, wird ergänzt durch die Vergangenheit, die eben noch gar nicht so vergangen ist. So wird es denn auch glaubhaft, wenn Winterberg selbst jenen Roman über seine letzte Reise mit einem pathetischen (und für viele völlig unverständlichen Satz) einleitet:

Die Schlacht von Königgrätz geht durch mein Herz.

Jaroslaw Rudiš: Durch den Nebel / Winterbergs letzte Reise

Rudiš erläutert in Durch den Nebel, woher er diesen Satz hat, wie er ihn ein wenig angepasst hat und was er eigentlich ausdrückt. Der Leser erhält einen Einblick in sein Schreiben, aber auch in die Tiefe, die unter kurzen, harmlos-verklausuliert klingenden Sätzen liegen kann.

Kleinod ist so ein schönes Wort. Es bedeutet kleines Schmuckstück, Kostbarkeit oder Juwel. Ursprünglich hieß es einfach kleines Ding, doch können kleine Dinge bekanntlich großen Wert haben. Das gilt für das schmale Bändchen Durch den Nebel von Jaroslaw Rudiš, das auf so typische Weise vom Schreiben des in Berlin lebenden Autors, der aus Tschechien stammt, erzählt.

Jaroslaw Rudiš: Durch den Nebel
Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesungen
Sonderzahl Verlag 2022
Büttenbroschur 108 Seiten
ISBN 978-3-85449-605-2

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion

Andrej Kurkows Aufzeichnungen gehen weit über ein gewöhnliches Tagebuch hinaus, sie bringen dem Leser den Krieg auf nachdrückliche Weise näher, lassen ihn die ungeheuren Verluste spüren, die Russlands Angriffskrieg zeitigt. Cover Haymon Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Gleich mehrere Sätze aus diesem Tagebuch einer Invasion haben mich lange beschäftigt. Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow bringt an einer Stelle auf den Punkt , was ein Frieden á la Putin für die Ukraine bedeuten würde. Ein Frieden, von dem in Deutschland Briefeschreiber und Petitions-Signierer sprechen, über die Köpfe der Betroffenen hinweg, die – man muss es so deutlich sagen – die Friedensbewegten kein Stück interessieren.

Statt [der Ukraine] wird es hier einen Friedhof geben mit einer Friedhofswärterhütte, in der eine Art Generalgouverneur hocken wird, den man aus Russland geschickt hat, um die Gräber zu bewachen. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ungeheuerliche Bild, das Andrej Kurkow hier malt, ist erschütternd, hellsichtig und leider nicht überzogen, wie man spätestens seit Butscha wissen müsste. Russland führt gegen die Ukraine einen Vernichtungskrieg und ein Frieden mit dem Segen des Kreml gibt es nur, wenn die Auslöschung von Staat und Volk vollendet wäre. Es wäre ein Siegfrieden, dem Friedhofsruhe folgen würde. Alle anderen Annahmen sind bloße Augenwischerei.

Kurkows Satz ist entlarvend. Jene, die im friedlichen Deutschland sitzen, und ihre »Vorschläge« unterbreiten, tun dies in einer kolonialistischen, menschenfeindlichen Haltung, es geht um ihren eigenen Frieden, den hilflosen Versuch, ein Weltbild zu retten, das Schiffbruch erlitten hat, und ihre eigene Ohnmacht zu überdecken. Es ist durchaus menschlich, das Überwältigende wegzudrücken, aber nicht auf Kosten anderer, die ihren Kopf dafür hinhalten müssen. Das wird durch Kurkows Tagebuch deutlich.

Zu den unangenehmsten Passagen des Buches gehören jene, in denen Kurkow von westlichen, vor allem deutschen Journalisten und ihre dummen Fragen spricht, Fragen, die selbst jene leeren, formelhaften Interviews von Fußballern nach Ligaspielen unterbieten. Ob man bereit wäre, für die Ukraine zu sterben – die wohl dümmste von allen, denn sie stellt sich jenen nicht, für die es keine Wahl gibt. Fragen, als hätte es Mariupol nicht gegeben.

Umso seltsamer ist es, dass man in einer solchen Situation Fragen wie diese von ausländischen, häufig deutschen Journalisten hört: »Sprechen Sie bereits mit Ihren russischen Schriftstellerkollegen darüber, wie Sie einander nach dem Krieg begegnen werden?« 23. März 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Das ist von atemberaubend ideologischer Verbohrtheit und nicht untypisch für deutsche Medien aller Couleur. An diesem Tag, dem 23. März 2022, hat Kurkow notiert, dass sich alles langsam nach einem »versuchten Völkermord« anfühle. Europa, so seine Diagnose, habe noch nicht das Ausmaß des Schreckens erfasst; viele wollen das nicht, bis heute nicht und stürzen sich in groteske Verschwörungserzählungen.

Der Schriftsteller Kurkow ist von diesem Krieg aus der Bahn geworfen worden, von einem Tag auf den nächsten ist sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, seine Existenz in mehrfacher Hinsicht bedroht und die Zukunft ungewiss. Vor allem aber ging es ihm so, wie es mit Sicherheit vielen anderen in der Ukraine ebenfalls erging: Er habe es »einfach nicht wahrhaben« wollen, dass tatsächlich ein Krieg ausgebrochen war.

Es sind die Tage der Fassungslosigkeit, der Versuch, die neuen Realitäten zu sortieren, jene Bedingungen, unter denen lebenswichtige Entscheidungen  getroffen werden müssen, vor allem jene: Kyjiw verlassen oder nicht. Heute ist die Stadt nicht mehr von russischen Truppen bedroht, wird aber unverändert mit Raketen und Drohnen beschossen. Damals aber dräute eine Einkesselung der ukrainischen Hauptstadt, was das Leben von Millionen in Gefahr gebracht hätte.

Die neue Realität in der Ukraine übertrifft meine schriftstellerische Vorstellungskraft bei Weitem. 23.02. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wie Millionen andere Ukrainer geht auch der Schriftsteller mit seiner Frau wenige Tage nach dem Angriffsbeginn in den Westen des Landes und kommt dort so lange unter, bis er nach Kyjiw zurückkehren kann. Im Exil angekommen, versucht er, wieder zu schreiben – eigentlich stünde die Arbeit an einem Roman an, doch ging das nicht. Bei einer Lesung hat Kurkow das auch damit in Zusammenhang gebracht, dass er auf Russisch schreibt, der Gebrauch der Sprache des Angreifers im  Vernichtungskrieg aber für einige Zeit unmöglich war.

Stattdessen informiert er sich, folgt dem Geschehen in den Sozialen und herkömmlichen Medien und beginnt selbst, Artikel und Beiträge zu verfassen, Interviews zu geben, zu erklären, erläutern und berichten, insbesondere dem Westen deutlich zu machen, was in der Ukraine tatsächlich geschieht. Sein Tagebuch einer Invasion geht weit über das hinaus, was ein gewöhnliches Tagebuch leistet – es enthält lange, ausgearbeitete Streifzüge und Betrachtungen durch historische Zusammenhänge und Ereignisse, die Gegenwärtiges im richtigen Licht erscheinen lassen.

Da wären zum Beispiel die Deportationen von Ukrainern, die in den von Russland besetzten Gebieten seit Kriegsbeginn wieder im großen Stil durchgeführt werden. Vom Staatsgebiet der Ukraine wurden in der Stalinzeit nicht nur die Krimtataren deportiert, sondern auch viele ukrainische Bauern. Kurkow schildert, dass Stalin zum einen unliebsame Elemente aus der Ukraine entfernen ließ, andererseits das menschenleere und wenig attraktive Sibirien mit dringend benötigten Arbeitskräften versorgte.

In dieser neuen Epoche erleben wir nun, wie sich die Geschichte wiederholt. 05.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Je länger man das Tagebuch liest, desto eindrücklicher wird das Bild vom Krieg, von seinen Widersprüchen, Überraschungen, der unglaublichen Kraft einer Zivilgesellschaft, die sich organisiert und den Widerstand gegen die Invasoren von der Graswurzel aus führt – was im Westen von den selbst ernannten Friedensbewegten überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Besonders beeindruckend ist Kurkows Schreib- und Erzählweise, mit der es ihm gelingt, den Leser die verheerenden Seiten des Krieges nachempfinden zu lassen. Ein schönes Beispiel ist das Kapitel »Brot mit Blut«. Brot ist etwas Alltägliches, was jeder kennt. Zunächst schildert Kurkow das Verhältnis seiner Familie zum Brot, auf dem Dorf habe er mehr davon gegessen als in der Stadt, denn »Dorfbrot war schon immer leckerer als das in der Stadt«.

Die Kinder lieben das Brot, insbesondere das der Lieblingsbrotmarke Makariw, ein »weiches Kastenweißbrot«, das in der Makariw-Bäckerei im Ort gleichen Namens gebacken wurde. In Kyjiw gebe es diese Kostbarkeit nur vereinzelt in kleinen Läden, nicht im Supermarkt. Die Erinnerung an den Geschmack ist jedoch von dem nach Blut unterlegt, als habe ihm jemand die Lippe blutig geschlagen. Denn:

Am Montag wurde die Makariw-Bäckerei von Russlands Truppen bombardiert. Die Bäcker waren bei der Arbeit. Ich kann mir den Duft vorstellen, der sie in dem Moment umgab, als der Angriff stattfand. Von einem Augenblick zum nächsten wurden dreizehn Bäckereimitarbeiter getötet und neun weitere verletzt. Die Bäckerei gibt es nun nicht mehr. Makariw-Brot gehört der Vergangenheit an. 08.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Eine Bäckerei, ein Lieblingsbrot kennt jeder. Wer könnte diesen Verlust nicht nachempfinden, wer nicht das brillante und nahegehende Bild des nach Backstube duftenden Ortes, der von einer Rakete in einen Ort des Todes verwandelt wurde? Solche Passagen bringen den Kriegschrecken dem Leser näher, sie verbinden ihn mit dem Denken und Fühlen, reißen ihn aus der Grauzone des Abstrakten.

Kurkow macht auf diese Weise deutlich, was Sätze, wie etwa jene über die Kriegsziele Putins in der Ukraine in der Lebenswirklichkeit der Menschen bedeuten – nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, wenige Flugstunden von Deutschland entfernt. Es ist ein abstraktes Ziel, die UdSSR oder das Zarenreich wieder errichten zu wollen, dessen versuchte Verwirklichung durch Krieg sehr blutige, schmerzhafte und irreversible Folgen in der Realität der Menschen zeitigt.

Zu den Kuriositäten, ja grotesken Dingen des Krieges gehört, dass zerstört wird, was angeblich geschützt werden soll. Die vorgeschobene Begründung Putins, die Russen und ihre Sprache schützen zu wollen, ist eine Lüge. Das Gegenteil ist der Fall, wie Kurkow am eigenen Leib erfahren muss, denn er ist ethnischer Russe mit Russisch als Muttersprache, die ebenfalls unter Feuer gerät.

Putin zerstört nicht nur die Ukraine, er zerstört Russland und damit auch die russische Sprache. 13.03. 2022

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion


Wer es im Westen einfach mag, und das gilt durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten, ordnet gern zu: Russischsprachig ist gleichzusetzen mit »nach Russland orientiert«. Der Osten der Ukraine wäre demnach eher russlandfreundlich, der Westen eher Europa zugeneigt. Das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als naseweiser Nonsens, der Sprachgebrauch ist viel flexibler gewesen, als es diese Zweiteilung nahelegt, vor allem hat die Sprache nichts mit der politischen Orientierung gemein.

Von den Anfängen des Krieges folgt das Tagebuch einer Invasion dem Lauf der Ereignisse bis in den Sommer hinein und hinterlässt ein sehr eindrückliches Bild von dem, was Kurkow wahrnimmt und einordnet. Deutschland kommt dabei nicht gut weg, es hat vielmehr einen verheerenden Eindruck hinterlassen, der angesichts der zögerlichen, aber dann doch umfangreichen Hilfe auch in militärischer Hinsicht nicht ganz fair ist. Die Kommunikation, das wird auch in diesem Fall deutlich, ist ein einziges Desaster gewesen.

Viele hoch interessante Themen berührt der Autor in seinen Beiträgen, darunter auch wenig rühmliche, die aber zu jedem Krieg gehören. Kollaboration etwa oder auch Verbrecher, die aus der Kriegssituation Kapital schlagen wollen. In manchen Dingen irrt Kurkow, etwa in der Annahme, Russland würde den Informationskrieg in Europa verlieren – das wäre schön, entspricht aber nicht den Realitäten. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses, in denen jene ausführlich zu Wort kommen, die von Putins Vernichtungskrieg betroffen sind und um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen müssen.

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion
Aus dem Englischen von Rebecca DeWald
Haymon-Verlag 2022
Klappenbroschur 352 Seiten
ISBN 978-3-7099-8179-5

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