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Schlagwort: Antisemitismus (Seite 1 von 10)

Leonardo Padura: Ketzer

Buchcover von ‚Ketzer‘ von Leonardo Padura mit einem Zitat auf Deutsch über einem Gemälde von Rembrandt: ‚Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.‘ Das Cover zeigt eine historische Szene mit Männern in barocker Kleidung sowie eine Innenansicht mit einem Gemälde und einer Treppe.
Das vielleicht berühmteste Bild von Rembrandt, bekannt als »Die Nachtwache«, spielt im glänzenden Mittelteil des Romans von Leonardo Padura eine wichtige Neben-Rolle; das kleine Bild auf dem Buchcover ist bedeutender, es verbindet die drei, zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Teile von »Ketzer«. In allen drei Teilen geht es um Freiheit und den Preis, der vom Einzelnen dafür zu entrichten ist, frei zu sein. Coverrechte Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ihr habt mich gelehrt, dass frei zu sein mehr bedeutet, als an einem Ort zu leben, an dem die Freiheit proklamiert wird. Dass frei zu sein ein ständiger Kampf ist, den man täglich bestehen muss, gegen  alle Mächte, gegen alle Ängste.

Leonardo Padura: Ketzer

Im spanischen Original heißt der Roman Ketzer des kubanischen Autors Leonardo  Padura Herejes. Häretiker zu Deutsch, was mir besser gefällt, als der für  die Übersetzung gewählte Begriff. Ein Häretiker ist ein Abweichler, beim Begriff Ketzer schwingt etwas Aggressives mit, als würde der Abweichler zum Angriff auf die bestehende Ordnung antreten. Die drei  Nonkonformisten, ein jüdischer Flüchtling auf Kuba in den 1930er Jahren, ein Schüler Rembrandts im 17. Jahrhundert und eine Emo in der tristen Gegenwart der sozialistischen Insel, setzen sich zwar über Grenzen hinweg, die ihnen von totalitären Regimen gesetzt werden, verbinden damit aber nur persönliche, keine politischen oder gar umstürzlerischen Absichten.

Ketzer ist ein Roman über die persönliche Freiheit und den Preis, den derjenige zahlen muss, der nach Freiheit strebt. Man kann nicht frei sein, ohne Anstrengung; die Freiheit kann nicht geschenkt werden, man kann sie nicht per Geburt erhalten oder erben, wie etwa Timothy Snyder (Über Freiheit) dargelegt hat. Leonardo Padura schlägt in die gleiche Kerbe. Die Schicksale seiner wichtigsten Personen weisen in diesem Punkt Ähnlichkeiten auf, trotz der Unterschiede durch Zeit und Umstände. Das gibt dem Roman auf einer übergreifenden Ebene einen inneren Zusammenhang, die Erzählung ist etwas Grundsätzlichem auf der Spur.

Den Anfang bildet eine beschämende Katastrophe: Das Schiff St. Louis liegt im Jahr 1939 mit mehr als 900 deutschen Juden an Bord im Hafen von Havanna. Zum Entsetzen der Angehörigen, die bereits auf Kuba sind, dürfen die Flüchtlinge trotz teuer erworbener Visa nicht an Land. Alle Verhandlungen scheitern, Korruption, Gier und politischer Druck rechter Kreise sowie der USA verhindern das, die St. Louis muss unverrichteter Dinge wieder abfahren. Zeuge des Dramas ist Daniel Kaminsky, der hilflos mitansehen muss, wie seine Familienmitglieder nach Europa zurückkehren müssen, wo sie vom Holocaust verschlungen werden.

Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.

Leonardo Padura: Ketzer

Elias Kaminsky, der Sohn Daniel Kaminskys, beauftragt Jahrzehnte später den ehemaligen Polizisten, Buchhändler und Gelegenheitsermittler Mario Conde damit, einem ominösen Bild nachzuspüren, das Rembrandt oder einer seiner Schüler gemalt haben könnte. Es erscheint bei einer Auktion, wo es vor dem Verkauf als Raubkunst identifiziert wird. Mit diesem wertvollen Gemälde verbindet sich das tragische Schicksal der Familie Kaminsky auf der St. Louis: Ihnen gehörte es, ihnen wurde es 1939 in Havanna durch einen ruchlosen kubanischen Zeitgenossen entwendet, wo es doch durch seinen reinen Wert die Rettung hätte bedeuten können.

Wie dieses Bild entstand, erfährt der Leser im zweiten Teil des Romans. Im relativ freien  Amsterdam des Jahres 1643 setzt sich der  junge Jude Elias Ambrosius Montalbo de Ávila über diverse Dogmen seiner Glaubensgemeinschaft hinweg und folgt seiner Berufung: der Malerei. Geschickt verbindet Padura durch diesen Teil verschiedene, über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Motive: Elias ist aus Spanien geflohen, wo die  Inquisition brutal gegen Juden vorging, was auch seinen Namen Montalbo de Ávila erklärt. Als wäre die Vertreibung nicht Belastung genug, sorgen religiöse Eiferer unter den Juden für Unfrieden und gerieren sich so autoritär wie die katholische Inquisition.

Der zweite Teil ist der stärkste Part des Buches, auch wegen des Themas Malerei und der ganz wunderbar umgesetzten historischen Einbettung. Padura folgt dem Weg des Künstlers, der dem Ruf der Kunst folgt und den Umständen trotzt; Kompromisse schmerzlicher Natur, um nicht von den aggressiven Konformisten vernichtet zu werden, sind nötig. Selbst ein Maler-Star und Genie wie Rembrandt muss schmerzliche Rückschläge hinnehmen, sich oft genug den Zwängen des Marktes unterwerfen, um zu überleben. Der Konformismus, insbesondere in Gestalt des fanatisch Gläubigen, erweist sich allzu oft als stärker als der nach Freiheit Strebende.

Vielleicht wäre es das Beste, dachte Elias Ambrosius, jene Hirngespinste, die bisher zu nichts geführt hatten, zu vergessen und ein größeres Unglück zu verhüten, solange noch Zeit dazu war. […] Wäre das ganz gewöhnliche Leben eines ganz gewöhnlichen Mannes nicht vielleicht besser?

Leonardo Padura: Ketzer

Im dritten, meiner Wahrnehmung nach schwächsten Teil sucht Mario Conde nach einer siebzehnjährigen Schülerin, die auf mehrere Weise eine Abweichlerin ist. Hier steht das Kuba der jüngeren Vergangenheit im Fokus der Erzählung, dessen Regime über Jahrzehnte das Land  wirtschaftlich und sozial, aber auch kulturell auf gnadenlose Weise in bittere Armut getrieben hat.

Judith, genannt Judy, bricht auf  vielfache  Weise mit dem vorgegebenen Leben, sie stammt aus einer Familie,  die Teil des Systems ist und daher privilegiert lebt; trotzdem bereichert sich ihr Vater durch korrupte Handlungen noch, was die intelligente und moralisch denkende Judy zum Bruch mit ihren Eltern treibt. Die Figur ist leider überfrachtet, weniger wegen der zweifelsfrei vorhandenen Widersprüchlichkeit zwischen Wirklichkeit und ideologischer Rhetorik des herrschenden Regimes, sondern weil in die Person eine Menge philosophischer und ideeller Gedanken gepresst wird; Judy wirkt idealisiert und wesentlich ferner als Daniel Kaminsky oder Elias Ambrosius aus Teil eins und zwei.

Padura verzichtet darauf, aus ihrer Perspektive zu erzählen, was die Distanz noch vergrößert. Die Dinge werden von Conde und anderen in die Figur Judy hineingelesen, kommen nicht aus ihr; damit fehlt ihr, was vor allem der Maler Elias Ambrosius vorzuweisen hat, ein schöpferisches Talent, das nach außen  drängt. Vor allem aber ist es jener Teil, der am stärksten nach Kriminal– oder Detektivroman klingt. Obwohl der innere Zusammenhang der der drei Teile geschickt hergestellt wird, verliert die Erzählung an Wucht.

Der Ex-Polizist und Gelegenheitsermittler Mario Conde ist im literarischen Universum Leonardo Paduras der Fixstern, eine Figur, die fast immer in Erscheinung tritt. Das hat Vorteile, die über die Buchmarkt-Tendenz zu Serien-Figuren hinausgehen. An einer immer wieder auftretenden Figur lässt sich eine lange Entwicklung der gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzeigen. Umgekehrt engt es die erzählerischen Möglichkeiten ein. Es ist kein Zufall, dass in Paduras Opus Magnum, Der Mann, der Hunde liebte, Conde keine Rolle spielt.

Ketzer ist auch nach meiner zweiten Lektüre der zweitbeste Roman von Leonardo Padura, bei dem vor allem der mittlere Teil glänzt und strahlt. Das Thema Freiheit ist obendrein aktueller als je zuvor. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.

Leonardo Padura: Ketzer
Aus dem  Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2015
Taschenbuch 656 Seiten
ISBN: 978-3-293206960

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Buchcover von ‚Die Abschottung der Welt: Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945‘ von Susanne Heim. Das Cover zeigt eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen auf einer Straße. Im Vordergrund ist ein Zitat zu lesen: ‚Rettung ist nachrangig – bis zuletzt.
Wer dieses vorzügliche Buch aufschlägt, betritt einen Dornwald. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In den folgenden Jahren bis 1937 verließen jährlich zwischen 21.000 und 25.000 Personen Deutschland, die nach den nationalsozialistischen Bestimmungen als jüdisch galten – unabhängig davon, wie sie sich selbst definierten.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Manchmal reicht ein einzelner Satz, um mich für ein Buch einzunehmen. Er klingt wenig spektakulär, zielt jedoch auf einen wichtigen Aspekt von geradezu existenzieller Tragweite. Wenn von »Juden« im Zusammenhang mit der zwölfjährigen NS-Herrschaft in Deutschland die Rede ist, geht es um Menschen, denen von den Nationalsozialisten diese Identität aufgezwungen wurde. Wichtiger noch ist, dass diese Menschen auf jene zugeschriebene Identität reduziert wurden. Das bildete die Basis für die Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung.

Die eigene Identitätssicht spielte überhaupt keine Rolle. Ob sich jemand als säkularer Deutscher oder Orthodoxer sah, machte in der Realität des NS-Staates keinen Unterschied. Das Prinzip derIdentitätszuweisung und -reduktion wurde auch auf andere Gruppen angewandt, gelegentlich mit schwammigen Begriffen wie »Asoziale« oder »Arbeitsscheue«, was Missbrauch Tür und Tor öffnete. Zwangsarbeit konnte so leicht gerechtfertigt werden. Keineswegs nur in Deutschland: Im selbst ernannten »Arbeiter- und Bauerparadies« der Sowjetunion waren die stalinistischen Herrschaftseliten besonders kreativ im Umgang mit dieser Technik, zahllose Gulags mussten schließlich mit Millionen Menschen gefüllt werden.

Der kleine Exkurs soll keineswegs das Schicksal der von den Nazis als Juden definierten Menschen in Deutschland (und Europa) relativieren. Es ist eine Warnung an die Gegenwart, dass wirksame Herrschaftsmechaniken wie die der Identitätszuschreibung und -reduktion unabhängig von Ideologien in Zwangsregimen aller Art angewandt werden können. Bedauerlicherweise wird mit der holzschnittartigen Identitätszuschreibung im 21. Jahrhundert geradezu fahrlässig umgegangen. Es ist also wichtig, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Die Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren – dazu waren sie nicht bereit.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Wie der Untertitel des Buches zeigt, geht es nicht nur um deutsche Juden. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der gewaltsamen Expansion, die mehrere Millionen Menschen unter die Herrschaft des Hitler-Regimes zwang, die als »Juden« galten, wurden in verschiedenen Staaten Maßnahmen zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Wege geleitet, die sich an die im Deutschen Reich anlehnten. Das hatte schwerwiegende Folgen auf diplomatischer Ebene. Bei allen Versuchen, für die Verfolgten in Deutschland Hilfe zu organisieren, blockierte die Befürchtung, die Zahl der Hilfesuchenden könne sich massiv erhöhen, wenn Juden aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien usw. ebenfalls berücksichtigt werden müssten.

Dabei reichte die Hilfsbereitschaft längst nicht für die deutschen Juden aus. Susanne Heim schildert mehrere Anläufe, den Betroffenen auf diplomatischer Ebene beizuspringen. Das glich oft einer Mischung aus Drahtseilakt, um die verschiedenen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen unter einen Hut zu bekommen, und einem Pokerspiel, bei dem jeder am Verhandlungstisch Sitzende versucht, die anderen zu übervorteilen. In diesen oft langsam mahlenden Mühlen wurden die Flüchtlinge zerrieben. Die Konferenz auf den Bahamas im April 1943, zeitgleich zum Aufstand des Warschauer Ghettos, stellt einen beispiellosen Tiefpunkt dar, dort »spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr.« Die europäischen Juden waren rettungslos verloren.

Die Abschottung der Welt stellt die dramatischen Einzelschicksale, oft Selbstmorde oder wochenlanges Ausharren im sprichwörtlichen Niemandsland zwischen den Staatsgrenzen, den Eiertänzen der großen Politik und Diplomatie gegenüber. Auch die Selbstbehinderung der Hilfsorganisationen, die ebenso zögerlich wie von gegensätzlichen Interessen, strategischen Vorstellungen und Rivalität geprägt waren, bleibt nicht außen vor. Gelegentlich gab tatsächlich sachliche Zwänge, die eine Lösung in größerem Maßstab verhinderten. Ein Beispiel ist Palästina, wo sich der bis in die Gegenwart ziehende gewaltsame Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung schon in den 1930er Jahren abzeichnete und eine Masseneinwanderung von Juden (nicht nur aus britischer Sicht) verbot.

Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Von 1933 bis 1938, der Machtübergabe an Hitler bis zur Einverleibung Österreichs, waren vor allem die deutschen Juden von massiven Repressalien betroffen, die sie letztlich ausplündern und vertreiben sollte. Deren Zahl war klein gemessen an den Juden, die in jenen Gegenden lebten, die bis 1942 von der Wehrmacht erobert wurden; außerdem war der Zeitraum, in dem ihnen hätte geholfen werden können, mit fünf Jahren recht lang. In den darauf folgenden vier Jahren explodierte die Zahl der Betroffenen, während gleichzeitig eine unvorstellbare Eskalation der Repression zur Vernichtung erfolgte.

Die Welt zeigte sich außerstande, den deutschen Juden ausreichend Hilfe in Form einer geordneten Massenauswanderung zukommen zu lassen. Für die Millionen Juden in Europa gab es keine Hoffnung, selbst als die Vernichtung im vollen Gange war. Die Berichte darüber wurden zurückgehalten. Als nach und nach die Gräueltaten durchsickerten, wurden Vorschläge zur Erleichterung der Lage der Juden mit zweifelhaften Argumenten zurückgewiesen. Selbst begrenzte Möglichkeiten, wie etwa jüdisches Kinder-Leben aus Rumänien zu retten, wurden abgewiesen. Bis Kriegsende galt: »Rettung ist nachrangig.«

Zwangsweise wirft das die Frage auf, ob und wie der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden überhaupt hätte Einhalt geboten werden können. Zunächst einmal ist es wichtig, den zuerst Betroffenen keinen Vorwurf zu machen, dass sie nicht früh genug Deutschland verließen. Es gab unzählige persönliche Hürden, die mit der Aufgabe der Heimat verbunden waren, denen die Hoffnung entgegenstand, es könne vielleicht nicht so schlimm werden. Den Zivilisationsbruch konnten sich alle berechtigterweise nicht vorstellen.

Vor allem behinderte die NS-Führung die von ihr gewollte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung selbst. Kern des Problems war die Finanzierung der Auswanderung, das jüdische Vermögen sollte im Reich bleiben, Devisenabfluss verhindert werden. Die forcierte Aufrüstung wäre sonst gefährdet gewesen, da die finanziellen Spielräume Deutschlands bereits erschöpft waren. Alle Anstrengungen in den Jahren bis Kriegsausbruch gelangten immer wieder zu diesem unauflöslichen Widerspruch, der das Widerstreben massiv befeuerte, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Grund, die Aufnahme abzulehnen, wurde durch die Armut der Flüchtlinge auf dem Silbertablett geliefert.

Täglich nahmen sich 30 bis 40 Menschen das Leben.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Statt eines geordneten Konzepts der Massenauswanderung jüdischer Bürger aus Deutschland folgte ein groteskes Spiel mit den Flüchtlingen in den kommenden Jahren. Die Passagen in Die Abschottung der Welt, in denen diese abstrusen Maßnahmen geschildert werden, sind schwer erträglich. Flüchtlinge wurden über Ländergrenzen hin- und hergeschoben, gelegentlich dutzendfach. Wie zermürbend und erniedrigend das für die Betroffenen gewesen sein muss, ist schwer in Worte zu fassen. B. Traven hat in seinem 1926 (!) erschienenen Roman Das Totenschiff einen geradezu identischen Umgang mit einem Staatenlosen geschildert, eine literarische Vorausdeutung auf das spätere Unheil.

In diesem niederschmetternden Durcheinander kamen immerhin tausend jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in anderen Staaten unter. Es gehört zu den ironischen Wendungen, dass ausgerechnet einer der »brutalsten und korruptesten Diktatoren Lateinamerikas«, Rafael Trujillo Molina, in der Dominikanischen Republik bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen wollte.

Mit den immer höheren rechtlichen Hürden stiegen auch die Versuche, illegal aus Deutschland und Europa zu entkommen. Manche dieser Versuche, wie etwa die Irrfahrt der St. Louis, sind recht bekannt. Dabei war das Schiff nur eines von vielen, die auf den letzten Drücker versuchten, Juden aus Europa herauszuschaffen. Die geschilderten Schicksale sind oft tragisch, Schiffe wurden (versehentlich) von sowjetischen Ubooten versenkt, von Briten aufgebracht und ihre Insassen in Lager gesperrt; oder die Fliehenden saßen während ihrer Balkan-Odyssee auf der Donau fest.

Im Krieg versuchten ganze Netzwerke unter Lebensgefahr zu helfen, selbstverständlich gegen geltendes Recht. Autorin Susanne Heim betont, dass diese Netzwerke gern als Heldenerzählungen von Männern wie Adrian Fry oder Niclas Winton verbreitet werden, während die erzielten Erfolge auf den vielen Schultern namenlos bleibender Frauen ruhten. Beachtenswert ist auch die Rolle von Beamten, Soldaten und anderen, die ihre Handlungsspielräume bei der Pflichterfüllung gegen oder für die Flüchtlinge ausnutzen konnten.

Der Kleinmut obsiegt.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Die Massentötung im Krieg hätte wohl nur eine Aufgabe der Appeasement-Politik nach 1933 bewirken können. Ohne die Eroberungen der Wehrmacht wären Millionen Juden niemals unter deutsche Herrschaft gekommen, die Vernichtungslager wären ebensowenig errichtet worden wie der Holocaust durch Gewehre in der Ukraine und Belarus nicht stattgefunden hätte.

Wie sich die von Antisemitismus geprägten Gesellschaften entwickelt hätten, bleibt selbstverständlich offen, der Antijudaismus wäre auch mit einer konsequenten Politik gegenüber Deutschland nicht aus der Welt geschafft worden. In Deutschland hätte die jüdische Bevölkerung für ein Nicht-Appeasement vermutlich als Sündenbock den Kopf hinhalten müssen. Doch gilt für die Deutschland-Politik der 1930er Jahre, was Autorin Heim der Flüchtlingspolitik attestiert: Der Kleinmut obsiegt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945
C.H. Beck 2026
Gebunden 384 Seiten
19 Abbildungen, zwei Karten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-84301-3

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis

Buchcover ‚Die Irrfahrt der St. Louis‘ mit Illustration eines Schiffes in Händen und historischem Foto eines Passagierschiffs auf dem Meer. Textzitat: ‚Überall behandelt man uns wie Aussätzige´.
Das Schicksal der St. Louis steht beispielhaft für den Umgang mit Flüchtlingen in Zeiten von Krieg und Krise. Viele Staaten schließen ihre Grenzen, oft auch aus innenpolitischen Gründen, weil Populisten die Gelegenheit nutzen, um zu agitieren. In Havanna zerschellten 1939 die teuer erkauften Träume von einem Leben in Freiheit für mehr als 900 Juden. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es war eine Flucht auf den letzten Drücker, als das Schiff St. Louis am 13. Mai 1939 von Hamburg Richtung Kuba aufbrach. Vernichtungskrieg und Holocaust, die weitgehende Zerstörung Europas mit rund sechzig Millionen Toten waren nur noch wenige Monate entfernt, da öffnete sich für 937 meist jüdische Deutsche eine Tür. Sie hofften, nach Bezahlung einer hohen Summe nach Kuba ausreisen zu können. Das war ein tragischer Irrtum, wie die Graphic Novel Die Irrfahrt der St. Louis zeigt.

Zu diesem Zeitpunkt erschien die Fahrt der St. Louis wie eine Gunst des Schicksals. Das Leben in Deutschland war für jene, die von den Nationalsozialisten als Juden angesehen wurden, fast unmöglich geworden. Die Pogrome vom November 1938 zeigten, dass es nicht bei Ausgrenzung, Entrechtung und Ausplünderung bleiben würde, unmenschliche, staatlich gedeckte Gewalt wurde gegenüber den Juden angewendet.  Zu dem Zeitpunkt war Auschwitz undenkbar, doch reichte den Betroffenen die Erfahrung, um alles aufzugeben, wenn sich die Möglichkeit einer Flucht bot.

Obwohl das nationalsozialistische Deutschland die Bürger jüdischen Glaubens loswerden wollte, verschloss es zugleich die Möglichkeiten zur Flucht. Gerade totalitäre Systeme sind geprägt von Widersprüchen, die bisweilen aberwitzig, fast immer unmenschlich sind. Auf der anderen Seite konnten und wollten viele Zeitgenossen nicht gehen. Vor allem wurden die Türen von jenen Staaten, die als Zielorte einer Migration infrage kamen, geschlossen. Die Konferenz von Evian ist ein entlarvendes Beispiel dafür, die Konsequenz für die Betroffenen waren jahrelange, oft vergebliche Odysseen.

Die Irrfahrt der St. Louis war eine solche Odyssee. Sie endete am 17. Juni 1939 in Antwerpen und nicht wie erhofft in Havanna auf Kuba. Die für viel Geld erworbenen Visa wurden zwischenzeitlich für ungültig erklärt, Korruption und politischer Druck der auf der Insel sorgten dafür, dass die St. Louis für einige Zeit vor dem Hafen der Stadt lag und unverrichteter Dinge wieder abfahren musste. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura hat im ersten Teil seines Romans Ketzer die Ereignisse aus der Sicht von Juden, die bereits auf der Insel leben, geschildert. Die Irrfahrt der St. Louis widmet sich den Menschen an Bord.

Jeden Abend wird getanzt, aber mit der gezwungenen Leichtigkeit eines Festes, das bald zu Ende gehen wird und als würde sich das Schiff auf den Abgrund der Welt zubewegen.

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis

Auf dem Schiff sorgte die Meldung von der Abweisgung für eine kaum vorstellbare Depression. Flüchtlinge sind auf ihrem Fluchtweg oft in einer Art Niemandsland gefangen. Die St. Louis war so ein Niemandsland, wie es heute die vielen Lager sind, manchmal auch ein Stück Land zwischen zwei Ländergrenzen, auf dem die Fliehenden festhängen. Das blühte den meisten Juden an Bord der St. Louis, die auch in den USA und Kanada abgewiesen wurden.

Sara Dellabella und Alessio Lo Manto schildern Die Irrfahrt der St. Louis auf eine besondere und bewegende Weise. Oft sprechen nur die Bildermit knappen, kargen Gesten und Haltungen der Figuren. Eine abweisende Handbewegung, Mimik und Gestik reichen, um die galoppierende Ausgrenzung in der deutschen Gesellschaft zu zeigen. Beklemmend sind die  verzweifelten Bemühungen, Wertgegenstände zu veräußern, um die vermeintlich rettenden Tickets und Visa zu ergattern.

Eine wichtige Gegenfigur zu den Nazis und Mitläufern ist der Kapitän des Schiffes, Gustav Schröder. Er verhält sich gegenüber den Passagieren mit Respekt und Entgegenkommen, versucht in vorbildlich preußischer Manier, seinen Auftrag zu erfüllen und die Fliehenden irgendwo an Land zu bringen. In einem nachgefügten Beitrag ist zu lesen, dass er sogar erwogen hatte, das Schiff bewusst vor Englands Küste auf Grund zu setzen, um eine Lösung im Sinne der Flüchtlinge zu erzwingen. Die Bereitschaft von vier Ländern, die Juden aufzunehmen, machte das Hazard-Spiel unnötig.

Die eigentliche Graphic-Novel wird von gleich drei Vorworten eingeführt, was bei einem Buch, das sich explizit an Jugendliche richtet, gewagt ist. Besonders interessant ist das ausführliche Interview mit Dr. Sol Messinger, einem Überlebenden der St. Louis, das die Graphic Novel wunderbar ergänzt und Teile der fiktiven Geschichte bestätigt. Auch die Entschuldigungs-Rede des kanadischen Premierministers Justin Trudeau ist abgedruckt, sie bietet reichlich Gelegenheit, Wollen und Wirklichkeit im Umgang mit Flüchtlingen in der Gegenwart zu überdenken.

Die Irrfahrt der St. Louis ist gerade wegen ihre Kürze und der Fokussierung auf eine recht überschaubares Ereignis gelungen, die Graphic Novel bietet einen guten Zugang zum Thema und ergänzt wesentlich komplexere Darstellungen. Mit dem deutschen Kapitän Gustav Schröder wird ein Mensch vorgestellt, der seinen Mut aus respektvoller Verantwortung schöpfte und bereit war, Grenzen zu überschreiten, um Leben zu retten.

Gern bedanke ich mich beim Knesebeck-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sara Dellabella, Alessio Lo Manto: Die Irrfahrt der St. Louis
Die wahre Geschichte eines mutigen Kapitäns und seiner jüdischen Passagiere
Aus dem Italienischen von Anja Kootz
Knesebeck 2026
Gebunden 112 Seiten
ISBN 978-3-98962-023-0

Neue Lektüre: Verschlossene Türen

Auch im Jahr 2026 beschäftigt mich das Thema Flucht (und Vertreibung). Abseits populistischen Gedröhns und bestenfalls naiver Rhetorik ist und bleibt unfreiwillige Migration ein wesentlicher Aspekt mit vielschichtigen Wirkungen auf die Gesellschaften. Meine neue Lektüre befasst sich mit der historischen Seite von Flucht, genauer gesagt mit dem oftmals gescheiterten Versuch jüdischer und von den Nazis als Juden klassifizierter Deutscher nach 1933 ihre Heimat zu verlassen.

Viele Romane und Sachbücher, Tagebücher und Essays, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandeln oder berühren das Thema Flucht. Das Bild zeigt eine nur Auswahl an Titeln.

Gleich drei Bücher werde ich in der kommenden Zeit lesen, die sich sich mit dem Thema befassen: eine neue Graphic Novel von Sara Dellabella und Alessio lo Manto, ein neues Sachbuch von Susanne Heim und ein etwas älterer Roman von Leonardo Padura.

Was hat einen kubanischen Autor dazu bewogen, sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland nach der Machtübertragung an Hitler zu befassen? Einige dieser Fliehenden standen in Kuba vor verschlossenen Türen, was Padura im ersten Teil seines Romans Ketzer verarbeitet. Andere hatten mehr Glück, wie etwa die Hauptfigur in Landgericht von Ursula Krechel. Ketzer habe ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, im Rahmen meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026 werde ich es mir noch einmal vornehmen.

Padura nimmt die Perspektive eines Juden ein, der bereits auf Kuba lebt, während sich Dellabella und Lo Manto in Die Irrfahrt der St. Louis* der Sichtweise der jüdischen Flüchtlinge bedienen. Der Dampfer lag nämlich im Hafen von Havanna, die Insassen hatten eigentlich die nötigen Papier, um an Land zu gehen, doch wurde ihnen das verweigert. Das berührt Paduras Roman direkt, die Irrfahrt ging jedoch noch weiter. Zwar konnten die Juden schließlich nach langem Hick-Hack tatsächlich in europäischen Staaten unterkommen, da jedoch die Wehrmacht Europa unterwarf, dräute vielen ein grausiges Schicksal.

Die St. Louis war eine Art Niemandsland, in dem sich auch in unserer Gegenwart zahlreiche Flüchtlinge wiederfinden, die unwillkommen sind. Ein Schicksal, das viele Juden auf ihrem Leidensweg teilten, wenn die Grenzen verschlossen blieben. Die Monographie Die Abschottung der Welt* von Susanne Heim widmet sich diesem Phänomen. Das Buch bereichert meine kleine Sammlung von Bänden der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

Beim Verlag C.H.Beck und dem Knesebeck Verlag bedanke ich mich für die Besprechungsexemplare*.

Robert Harris: Vaterland

Buchcover von ‚Vaterland‘ von Robert Harris vor dem Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz mit dem Schriftzug ‚Arbeit macht frei‘. Der Text auf dem Bild lautet: ‚Du kannst auf einem Massengrab nichts aufbauen.
Die Wehrmacht hat den Krieg gewonnen, Deutschland herrscht über Europa vom Rhein bis zum Ural. Hitlers 75. Geburtstag steht vor der Tür, im Großdeutschen Reich werden die Feierlichkeiten vorbereitet. Der Thriller setzt sieben Tage vor dem großen Ereignis ein, konfrontiert mit einem Toten aus den Spitzen der Partei kommt ein Kommissar einem gut gehüteten Geheimnis auf die Spur, das »sich selbst versiegelt« hat. Brillant. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Einen guten Roman erkennt man nicht zuletzt daran, dass man ihn mehrfach lesen kann. Das gilt insbesondere für Thriller. Spannungsliteratur lebt von der Überraschung, die beim erneuten Lesen fehlt, wenn man nicht alles vergessen hat. Ist die Handlung noch präsent, müssen andere Qualitäten als Enthüllung und jähe Wendungen den Leser bei der Stange halten. Der Inhalt muss etwas zu bieten haben, das über die Ermittlungen hinaus geht.

Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass die meisten gegenwärtigen Romane des Thriller-Genres nicht gut genug sind, um ihre Leser für eine zweite Leserunde zu begeistern. Vaterland von Robert Harris hat diese Qualität. Vier- oder fünfmal habe ich das Buch mittlerweile gelesen, der Zustand meines Exemplars ist besorgniserregend. Harris’ Roman ist fast schon ein Klassiker. Er erschien 1992 und sorgte damals für erhebliches Aufsehen.

Die Hauptfigur ist ein SS-Sturmbannführer namens Xaver März. Das war bei Erscheinen spektakulär, denn März hebt sich dramatisch von den karikaturhaft gezeichneten SS-Leuten in der populären Literatur und insbesondere des amerikanischen Films ab. Er ist ein Sympathie-Träger, was Harris nicht zuletzt durch einen Kunstgriff ermöglicht: März kam als Kriminalbeamter nolens volens zur SS, als 1936 die Kripo in den »Schwarzen Orden« eingefügt wurde.

Harris macht aus ihm einen Fremdkörper in der SS, der –  durchaus klassisch im Thriller-Genre – von der Ideallinie abweicht und Stück für Stück dem Abgrund entgegentaumelt. Scheidung von der linientreuen Frau, Isolation, Flucht in die Arbeit, stagnierende Karriere – ein fallender schwarzer Engel, der auch noch die falschen Fragen stellt. Eine Fotografie, zufällig beim Renovieren hinter der Tapete gefunden, ist wie ein Leitstern für die Frage, wer das sei und welches Schicksal ihnen beschert gewesen wäre.

›Das waren Juden‹, hatte die Alte im Dachgeschoss  gesagt, ehe sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Robert Harris: Vaterland

In der Welt von Vaterland gibt es 1964 keine Juden mehr, sie sind »nach Osten evakuiert« worden. Fragen stellt man besser nicht, auch nicht als SS-Sturmbannführer. März wittert das Grauen, eine Leerstelle, die der Fahnder füllen will, füllen muss. So wie er auch nicht wegsehen kann, als ihn – ein Zufall! – zu einer Leiche am Wannsee (ja, der Wannsee) führt. Er will, er muss herausfinden, was es mit dem Mord an einem hochgestellten, wenngleich im Ruhestand weilenden Mitglied des Regimes auf sich hat; auch als Gestapo & Co. die Ermittlungen an sich reißen, hört er nicht auf.

Der Rote Faden einer Mordermittlung inmitten einer mörderischen Verschwörung ist fest verwoben mit dem Schwarzen Faden eines historischen Verbrechens, das in seiner industriell-bürokratischen Umsetzung in der Weltgeschichte einmalig ist. Beides hängt eng miteinander zusammen, beides enthüllt Xaver März Schritt für Schritt. Sein Weg führt ihn endgültig ins Abseits, was im Großdeutschen Reich des Jahres 1964 suizidalen Charakter hat. Das weiß der Leser und März weiß es auch – trotzdem ermittelt er, denn er kann nicht anders.

Harris ist mit dem Fahnder März nicht nur ein glaubwürdiger Charakter gelungen, er hat dessen Enthüllungsarbeit in eine faszinierende und fantastisch getimte Thriller-Struktur eingebettet. Sieben Tage, in denen eine neue Welt erschaffen wird, weil sich durch März der Lauf der Geschichte ändert. Der letzte Tag ist der 75. Geburtstag Adolf Hitlers, was viel mehr ist, als ein Aufmerksamkeit heischendes Detail. Der Feiertag wirkt entscheidend auf die Handlung ein, die auf diesen zusteuert. Nein, nein, kein Attentat; Vaterland ist kein Hollywood- oder Streaming-Gedöns. Harris kann und macht es besser.

Das letzte, was wir brauchen, ist ein Skandal, der die Parteiführung betrifft, vor allem jetzt vor Kennedys Besuch.

Robert Harris: Vaterland

Die Geburtstagsvorbereitungen begleitet die Sensation, dass der amerikanische Präsident Joseph P. Kennedy nach Berlin kommen will. Der Amerikaner will wiedergewählt werden und versucht, durch einen außenpolitischen Coup Punkte zu sammeln. Den Nazis steht offensichtlich das Wasser dicht genug am Hals, um an einer Entspannung auf der weltpolitischen Ebene interessiert zu sein. Harris bettet die Ermittlung im Mordfall und die Enthüllung des Holocaust in eine geschickt konstruierte weltpolitische Kulisse ein; während März, bald unterstützt von der amerikanischen Journalistin Charlotte Maguire, nach Antworten sucht, mahlen die Mühlsteine der Macht. Der Tote – die Toten sind kein Zufall.

1964 herrscht Großdeutschland über ein riesiges Gebiet vom Rhein bis zum Ural. Wie von Adolf Hitler angestrebt, wird dort noch immer gegen die verbleibenden Truppen der ehemaligen Sowjetunion gekämpft. Friede gibt es in dieser Welt nicht, im Osten schwelt der Krieg endlos vor sich hin wie eine schwärende Wunde. In den besetzten Gebieten gibt es Partisanen, auf dem Reichsgebiet Terrorangriffe. Millionen Menschen aus den Ostgebieten sind als billige Arbeitskräfte im Reich, um die Lücken zu füllen, die von den Eingezogenen gerissen werden. Krieg führen will keiner mehr.

Zwischen den USA, die gegen die Japaner siegreich blieben, und dem Großdeutschen Reich herrscht Kalter Krieg, Westeuropa ist in einer von Deutschland dominierten Europäischen Union gepfercht, ein typisch britisches Motiv, wie auch das Schweigen über das Schicksal der Kolonialreiche. Der Rest der Welt ist nämlich im Nebel jenseits der Erzähllinien verborgen. Doch auch so hat Harris eine globale Kulisse geschaffen, die für die Grundmotivation der Handelnden sorgt und den Thriller auf seinen Höhepunkt zutreibt.

Die Prinz-Albrecht-Straße war Deutschlands schwarzes Herz.

Robert Harris: Vaterland

Zwischen 1933 und 1945 hatten in den Prinz-Albrecht-Straße die Gestapo und die SS ihren Sitz, hier lag das Reichssicherheitshauptamt. Staatliche Bespitzelung, Verfolgung und Terror an einem Ort, der in der NS-Zeit als Synonym für den Schreckensapparat des Dritten Reiches galt. In Vaterland ist das noch immer so, niemand möchte dorthin gebracht werden, wo Menschen durch die Anwendung brutalster Gewalt zum Reden gebracht werden; auch nicht der Träger einer SS-Uniform. Harris winkt früh mit dem Zaunpfahl, wie alles in diesem Roman im Dienste der Handlung.

Das Thema einer Erzählung, die in einer Welt spielt, bei der die Geschichte einen anderen Verlauf nahm, war auch 1992s nicht neu; auch nicht, dass es sich um eine Welt handelt, in der die Armeen des Deutschen Reichs den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden haben. Philipp K. Dick hat das Motiv herausragend in Das Orakel vom Berge verarbeitet, Otto Basil in Wenn das der Führer wüsste wäre ein weiteres Beispiel. Mit diesem verbindet Vaterland die Notwendigkeit, die Handlung mit einem Opfergang zu verknüpfen. Wenn das Unheil so weit fortgeschritten ist, wie in einer Welt, in der ein großdeutsches Reich existiert, ginge es nur im Trivialroman anders.

Zwei Warnungen gibt Harris seinen Lesern mit auf den Weg, ohne den didaktischen Zeigefinger zu heben. Ab einem gewissen Punkt ist Widerstand gegen ein diktatorisches Regime nur noch von außen (USA), durch organisierte Gewalthaufen im Verborgenen (Partisanen) und aus dem System selbst (Stauffenberg) möglich. Der Einzelne ist ausgeliefert, von Kometen wie Georg Elser (oder Sturmbannführer Xaver März) einmal abgesehen.

Das Geheimnis versiegelt sich selbst.

Robert Harris: Vaterland

Der Schlüssel für das Geheimnis, dem Xaver März auf der Spur ist, liegt in Dokumenten. Robert Harris hat die Fahndungen seines Polizisten in SS-Uniform mit der Spürarbeit des Historikers verknüpft. Die Dokumente aufzuspüren in den Gebirgen an Papier, das in Archiven schlummert und in der Welt von Vaterland auch gar nicht gefunden werden soll, ist essentieller Teil der Handlung. Das Papier offenbart die schrecklichen Worte, die März und Maguire ungläubig schweigen lassen.

Papier als Waffe, um eine ganze Welt aus den Angeln zu heben. Für den Leser ist das knisternde Wispern des Grauens aus dröge formulierten Bürokraten-Schreiben schrecklich. Auch wenn man alles längst weiß und oft gehört hat, zieht beklemmende Furcht herauf, Todesfabriken, deren Betriebsablauf in nüchternen Worten beschrieben werden, machen demütig. Die Notwendigkeit, derlei nicht im Schatten verschwinden zu lassen, den Mächtigen nicht zu erlauben, es zu versiegeln, drängt sich mit Wucht auf.

Das ist die zweite Warnung von Vaterland: Wenn es gelingt, ein historisches Verbrechen zu versiegeln, verschwindet es irgendwann ohne Konsequenz für die Täter und mit verheerenden Folgen für die Gegenwart und Zukunft, denn ungesühnte Verbrechen stoßen die Tür für neue, monströse Verbrechen weit auf. Die Nazis waren nicht weit davon entfernt, ihr Geheimnis zu versiegeln. China und Russland sind heute mindestens einen Schritt weiter und die USA hecheln eifrig hinterher.

Robert Harris: Vaterland
Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs
Heyne Verlag 1994
Taschenbuch 384 Seiten
ISBN: 3-453-07205-7

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