Schriftsteller - Buchblogger

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Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Zwischen der Bergarbeitersiedlung in Oklahoma und Kalifornien liegen nicht nur viele Meilen, sondern Welten, wie die Hauptfigur des Romans von Richard Hallas feststellen muss. Von der harschen Wirklichkeit entrückt taumelt Richard Dempsey seiner persönlichen Katastrophe entgegen. Coverrechte liegen beim Verlag, das Bild wurde mit Canva erstellt.

USA, Mittlerer Westen, 1930er Jahre. Die Gefängnisse sind überfüllt von Tramps, nicht die tragisch-komische Version Charlie Chaplins, sondern asoziales Gelichter und Gesindel. Die Staatsmacht weiß sich zu helfen: Deportation in einen anderen Bundesstaat, genauer gesagt nach Kalifornien. Raus aus dem Knast, rein in die Eisenbahn, bis die Transportwagons mit Menschen vollgestopft sind.

Wer denkt da nicht unwillkürlich an die Züge, die wenige Jahre später durch Europa rollten?

Der Noir-Thriller aus dem Jahr 1938 deutet an dieser Stelle etwas an, was Autor Richard Hallas zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich nicht einmal ahnen konnte. Die Lage in den überfüllten Waggons des Romans ist düster genug. Das Recht des Stärkeren regiert, brutale Gewalt an Hilflosen und Schwachen wird verübt, Rassismus ist fast nur eine Randerscheinung. Beißende Kälte in den Bergen, brütende Hitze in den Wüsten, keine Verpflegung, kein Wasser, keine Körperpflege.

In diese kleine Hölle gerät der Ich-Erzähler Dick, eigentlich Richard Dempsey. Ein Mann aus der Unterschicht, er lebt in einem BergbauDrecksloch« in Oklahoma, verlassen von Frau und Kind, bricht er auf der Suche nach ihnen gen Kalifornien auf. Geld hat er keines, daher die Reise auf den Schienen im Waggon der Mittellosen. Nach wenigen Seiten dieses alptraumartigen Trips fragt man sich, wie das bis zum Ende des Buches eigentlich weitergehen soll, so drastisch ist die Schilderung. Wer verliert gewinnt hält jedoch für den Leser mehrere verblüffene Wendungen bereit.

Ich hörte, wie sie auf ihn losschlugen, bis er still war.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Richard Hallas, das Pseudonym des britischen Autors Eric Knight, hat ein Händchen dafür, seinen Ich-Erzähler in groteske Situationen stolpern zu lassen. Diese sind nicht komisch, sondern wie ein irrwitziger, anstrengender Traum, aus dem man gern aufwachen möchte. Der abgerissene, heruntergekommene Erzähler wird mit Menschen konfrontiert, die ein schräges Verhalten an den Tag legen. Auf das Entgegenkommen dieser Zeitgenossen ist er wegen seiner Lage angewiesen, er würde andernfalls einfach verhungern.

Dick lässt sich zur Teilnahme an einem fingierten Verbrechen überreden, das selbstverständlich einen ungeplanten Verlauf nimmt. Die Schuld schwebt danach wie das berüchtigte DamoklesSchwert über dem Erzähler. Diese latente Bedrohung sorgt für eine nicht abreißende Spannung, auf einem kurvenreichen Weg mündet der Fehltritt in einer Katastrophe. Die Inszenierung des Desasters ist einfach großartig, weil sie die schon damals wirksamen, bis heute bekannten Abgründe des US-Gesellschafts- und Politsystems auslotet.

Wie der ganze Roman ist das wunderbar unterhaltsam, weil Hallas seine Figuren immer unerwartet und schwer begreiflich handeln lässt. Es wirkt wie ein Spiel, bei dem kein allmächtiger Gott die Fäden lenkend in der Hand hält, sondern eine Art Zufallsgenerator, ein Würfelspiel oder Roulette, wie es auf dem sehr schönen Cover abgebildet ist. Vielleicht hatte Einstein aber auch unrecht, und Gott würfelt doch?

Das Motiv  des Spiels ist im deutschen Titel, vor allem aber im englischen Original enthalten: You Play the Black and the Red Comes Up. In der Romanhandlung findet sich Ich-Erzähler Dick einmal tatsächlich am Roulette-Spieltisch wieder. Das ist eine ganz großartige Szene, denn der Versuch, gefährliches Geld zu verlieren, geht schief. Die Hauptfigur hat am Ende viel mehr Geld als zu Beginn, Dick findet sich inmitten einer aufgeheizten Situation wieder, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, die Polizei rückt an – alles, was er unbedingt vermeiden wollte.

Das alte Sprichwort heißt: Du setzt auf Schwarz – und Rot gewinnt.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt

Von der harschen Lebenswirklichkeit der Großen Depression in den 1930er Jahren, die Wer verliert gewinnt in den ersten Kapiteln drastisch vorführt, ist in Kalifornien nichts zu spüren. Dicks Leben ist dort regelrecht entrückt, alles erscheint geradezu unwirklich, wie die Filmindustrie mit ihren verlogenen Traum- und Scheinwelten. Der Regisseur Quentin Genter, ein hintertriebener, arglistiger und rücksichtsloser Mensch, formuliert das im branchenüblichen Überschwang, wenn er meint, die ganze Welt wäre ein Kino und das Leben ein Film.

Das treibt Autor Hallas auf die Spitze, als der Ich-Erzähler am Meer sitzt und eine splitternackte Schwimmerin namens Sheila aus dem Wasser steigt, wie eine der mystischen Meerjungfrauen. Dick gibt sich ritterlich (ganz im Gegensatz zu der Meute aus den ersten Kapiteln, die schon bei der Erwähnung zweier »Mädels« ihren Trieben freien Lauf lässt). Irritierend ist eine euphemistische Formulierung für Sheilas Verhalten in der Folgezeit, für den handfest denkenden und agierenden Dick bleibt sie rätselhaft. Die Distanz zwischen beiden dürfte der Kluft zwischen der woken Awareness-Kultur und den Trump-Wählern entsprechen. Dennoch verliebt Dick sich in Sheila und nimmt prompt Kurs auf die Katastrophe.

Besonders gelungen finde ich die Gestaltung des Ich-Erzählers. Schon auf dem Höllentrip gen Kalifornien zeigt er Ansätze moralischen Verhaltens, das sein Handeln auch danach immer wieder bestimmt. Geradezu skrupulös versucht er, einem unschuldig Inhaftierten zu helfen, er bleibt seiner Geliebten verbunden, einer älteren Frau namens Mamie mit einem übergriffig-eifersüchtigen Verhalten.

Trotzdem bleibt der Verdacht bestehen, seine Frau könnte  ihn aus gutem Grund verlassen haben, häusliche Gewalt liegt nahe, auch weil der Ich-Erzähler eine wenig glaubhafte Ausrede vorbringt. Er ist  bereit, das Gesetz zu brechen, und er scheut auch nicht den Gedanken an ein Kapitalverbrechen, leitet es sogar in die Wege, was in einer Tragödie endet. Diese Figur des Richard Dempsey ist nicht glattgeschliffen, das Nebeneinander von persönlichen Abgründen und moralischen Grundsätzen ist nicht bloß behauptet, sondern glaubwürdig motiviert.

Das nimmt den Leser für die Hauptfigur ein, die Spannung in diesem Roman entwickelt sich auch aus dem Wunsch, alles möge inmitten des Wahnwitz doch irgendwie gut ausgehen, und dem Wissen um dessen Unerfüllbarkeit. Wie könnte es auch, denn die harsche, oft irrsinnige Wirklichkeit bleibt neben den abgehobenen Traumwelten Hollywoods und totalitär-verzückter Weltverbesserer bestehen. Darum liest man das Ende des Romans mit einigem Misstrauen, es passt besser zum Wunsch als zur Wirklichkeit. Es wirkt wie eine Phantasmagorie.

Gern bedanke ich mich beim Elsinor-Verlag für das Besprechungsexemplar. Wie in den anderen Bänden der Reihe um die Noir-Klassiker rundet auch bei Wer verliert gewinnt ein vorzügliches Nachwort von Herausgeber Martin Compart das Buch ab. Eric Knights Lebensweg ist selbst ein Roman, in dem es reichlich Noir-Phasen gab, einschließlich seines tragischen Endes im Jahr 1943.

Weitere Besprechungen der Noir-Thriller-Klassiker-Reihe:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlow: Ein Dandy in Aspik.

Richard Hallas: Wer verliert gewinnt
Aus dem Englischen von Anna Katharina Rehmann-Salten
Hrsg. und mit einem Nachwort von Martin Compart
Elsinor 2026
Klappenbroschur 224 Seiten
ISBN: 978-3-942788-94-6

Lesevorhaben 12 für 2026

"Stapel von Büchern in einem Regal mit verschiedenen Titeln und Autoren. Von oben nach unten sind folgende Bücher zu sehen: 
'Rifleman' von Victor Gregg mit Rick Stroud, 
'Karte und Gebiet' von Michel Houellebecq, 
'Viking Britain' von Thomas Williams, 
'Atom' von Steffen Kopetzky, 
´Austerlitz´ von W.G. Sebald, 
'Noli me Tangere' von José Rizal, 
'Theodoros' von Mircea Cărtărescu, 
'Melitta von Stauffenberg' von Thomas Medicus, 
'Die Kinder der Schande' von Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz, 
'Nicht ungeschoren davongekommen' von Ebba D. Drolshagen, 
'Geschichte der Völkerwanderung' von Mischa Meier. 
Im Hintergrund sind weitere Bücherregale mit einer Vielzahl von Büchern zu sehen.
Sechs Romane und sechs Sachbücher bilden das Dutzend, das ich in diesem Jahr lesen möchte. Wie man sieht, habe ich sie bereits alle angeschafft, die Bücher gehören zum berüchtigten SUB, einer Art literarischer Speckgürtel, den man nur durch äußerste Disziplin verkleinern kann.

Wieder haben ich mir ein Dutzend ungelesene Bücher aus meinen Regalen herausgesucht, die ich in diesem Jahr lesen möchte. Wieder sind es sechs Romane und sechs Sachbücher. Thematisch liegt bei den Sachbüchern ein Fokus auf dem Zweiten Weltkrieg, dem sich vier Bücher zuordnen lassen; die beiden anderen befassen sich mit der Spätantike und der Wikinger-Zeit in England.

Bei den Romanen ist der Zweite Weltkrieg einmal vertreten, zwei Klassiker sind dabei, ein Prix-Goncourt-Gewinner, außerdem ein international hochgelobtes Buch aus dem Jahr 2001. Schließlich eine Neuerscheinung des vergangenen Jahres, dessen Autor als europäische Antwort auf den magischen Realismus südamerikanischer Autoren gelobt wird.

Zwei Bücher habe ich bereits begonnen. Meiers umfassende Darstellung der Völkerwanderungszeit gehörte zu meinen 12für2025, es war das einzige Buch aus der Liste, das ich nicht unterbringen konnte. Das zweite ist Theodoros, das unter dem Weihnachtsbaum lag.

Zwölf Bücher liegen ausgebreitet auf einer hellen Oberfläche. Von links oben nach rechts unten sind folgende Titel zu sehen: 'Noli me tangere' von José Rizal, 'Moby Dick' von Herman Melville, 'Nicht ungeschoren davongekommen' von Ebba D. Drolshagen, 'Theodoros' von Mircea Cărtărescu, 'Karte und Gebiet' von Michel Houellebecq, 'Melitta von Stauffenberg' von Thomas Medicus, 'Geschichte der Völkerwanderung' von Mischa Meier, 'Austerlitz' von W.G. Sebald, 'Rifleman' von Victor Gregg mit Rick Stroud, 'Atom' von Steffen Kopetzky, 'Die Kinder der Schande' von Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz, und 'Viking Britain' von Thomas Williams.

Victor Gregg (mit Rick Stroud): Rifleman
Ein britischer Soldat im Zweiten Weltkrieg, erlebt unter anderem das Inferno von Dresden 1945.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
Gewinner des Prix Goncourt im Jahr 2010.

Thomas Williams: Viking Britain
Teil meiner Recherche-Lektüre für mein aktuelles Romanprojekt Sessrumnir.

Steffen Kopetzky: Atom
Auch die Deutschen werkelten an einer Atombombe.

W.G. Sebald: Austerlitz
Hochgelobt und international bekannter Roman.

José Rizal: Noli me tangere
Literatur von den Philippinen, der Autor wurde hingerichtet.

Mircea Cărtărescu: Theodoros
Erzählt wird die bewegte Lebensgeschichte des Kaisers der Kaiser Afrikas.

Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg
Biographie der Ingenieurin und Fliegerin.

Jean-Paul Picaper, Ludwig Norz: Kinder der Schande
Das Schicksal von Kindern deutscher Besatzungs-Soldaten.

Ebba D. Drolshagen: Nicht ungeschoren davongekommen
Das Schicksal von Frauen, die sich mit deutschen Besatzern einließen.

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung
Der zweite Anlauf für dieses monumentale Geschichtswerk

Die Bücher wurden in fünf Sprachen verfasst, die beiden englischen werde ich auch im Original lesen.

Französisch (Original):
Michel Houellebecq · Jean-Paul Picaper
Deutsch (Original):
Thomas Medicus · Ebba D. Drolshagen · Mischa Meier · W. G. Sebald · Steffen Kopetzky
Englisch (Original):
Herman Melville · Victor Gregg / Rick Stroud · Thomas Williams
Spanisch (Original):
José Rizal (Noli Me Tangere ist auf Spanisch geschrieben, trotz philippinischem Kontext)
Rumänisch (Original):
Mircea Cărtărescu

Lesevorhaben Wiedergelesen 4für2026

Vier Bücher liegen ordentlich in einem Raster auf einer braunen, genähten Leder- oder Stoffoberfläche. Oben links ist „Ketzer“ von Leonardo Padura mit einem historischen Treppenmotiv auf dem Cover, oben rechts der rote Hardcover-Roman „Wölfe“ von Hilary Mantel mit einer Tudor-Rose. Unten links liegt „Wenn das der Führer wüsste“ von Otto Basil mit einem stoffartigen, an ein geheimes Aktenbuch erinnernden Einband, unten rechts der Roman „tschick“ von Wolfgang Herrndorf mit einem minimalistischen Cover aus horizontalen Farbstreifen.
Vier Bücher, die ich bereits kenne, möchte ich im Jahr 2026 ein weiteres Mal lesen.

Bücher ein zweites, drittes, viertes Mal zu lesen ist eine besondere Angelegenheit. Man kennt grundsätzlich die Geschichte, erinnert dies und das, irrt sich überraschend häufig und entdeckt viele neue Dinge. Im vergangenen Jahr habe ich schon einmal ein Quartett ganz bewusst noch einmal gelesen, eine tolle Erfahrung, weil die Bücher großartig sind. Kein Wunder, dass sie Eingang in meine Besten für 2025 gefunden haben.

Diesmal habe ich mir vier thematisch sehr unterschiedliche Romane ausgesucht. Zwei dürften den Lesern recht bekannt sein, eines zumindest jenen, die gelegentlich in die spanischsprachige respektive kubanische Literatur eintauchen (oder meinen Blog regelmäßig besuchen) und eines, das wohl kaum jemand kennt oder gelesen hat.

Wolfgang Herrndorf: Tschick
Mehrfach habe ich dieses schöne Buch gelesen, aber noch nicht besprochen! Das wird nachgeholt. Tschick ist nämlich viel mehr als eine Road-Novel. Beiträge: Tobias Rüther Herrndorf, Sand, In Plüschgewittern.

Hilary Mantel: Wölfe
Der Roman um Thomas Cromwell gehört zu den drei besten, die ich kenne. Die Besprechung ist überfällig, die Zeit kann der geneigte Leser mit meinen Beiträgen zu den beiden anderen Top-Büchern überbrücken: Leonardo Padura Der Mann, der Hunde liebte und Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges.

Leonardo Padura: Ketzer
Zwei der drei Teile des Romans sind allerfeinste Literatur, Padura scheuchte seine Leser durch drei Zeitebenen und berührt wesensähnliche Motive. Dabei erzählt er von der kubanischen Gegenwart, denn Häretiker setzen totalitäre Denkwirklichkeiten voraus. Der erste Teil befasst sich mit einem Thema, das die Graphic Novel Die Irrfahrt der St. Louis aufgreift. Wie passend.

Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste.
Nie gehört, nicht wahr? Der Roman spielt in einer alternativen Welt, in der Hitlers Armeen den Krieg gewannen. Meine Lektüre liegt lange zurück, das Wiederlesen gehört zu meinem Leseschwerpunkt Zukunft von Gestern.


Neuerscheinungen Frühjahr 2026

Der Blick in die Verlags-Vorschauen des Frühjahres 2026 unterschied sich von den Vorjahren beträchtlich. »Nur« 20 Bücher haben es auf meine Liste möglicher Rezensionsexemplare geschafft, ein Drittel / Viertel von der gewöhnlichen Anzahl. Zwei Bücher aus dem Verlag edition.fotoTAPETA sind hier nicht mit Cover abgebildet.

Die Bücher werde ich selbstverständlich nicht alle lesen, in erster Linie aus Zeitgründen, aber auch wegen thematischer Aspekte. So schätze ich den Autor Olivier Guez seit seinem Roman Das Verschwinden des Josef Mengele sehr, aber ob sein neues Werk tatsächlich den Weg zu mir findet, wage ich zu bezweifeln. Wie gesagt: Das Thema klingt interessant, doch das reicht wahrscheinlich nicht.

**Alt-Text (Deutsch):**
Collage mehrerer Buchcover aus den Bereichen Geschichte, Literatur und Sachbuch. Zu sehen sind unter anderem „Im Herzen der Macht“ von Harald Meller und Kai Michel mit einer mittelalterlichen Herrscherfigur, „Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies“ von Fritz Rudolf Fries, „Die Irrfahrt der St. Louis“ über ein Flüchtlingsschiff, eine Sammlung ukrainischer Meistererzählungen mit einer Dampflok vor abstraktem Hintergrund, „Sklavenjagd und Menschenhandel“ von Jan Robert Weber, das Tagebuch „Woher kommst du?“ von Natalja Kljutscharjowa sowie der Roman „Die Harzreise“ mit einer illustrativen Landschaftsdarstellung.

Das gilt für fast alle hier aufgeführten Bücher, die mich auf die eine oder andere Weise ansprechen. Vier Werke will ich jedoch lesen und besprechen:

Die Irrfahrt der St. Louis
Die Abschottung der Welt
Wer verliert gewinnt

Eine Kultur des Trotzdem (ohne Bild)

Zum Quartett gehört ein Thriller-Klassiker mit dem Titel Wer verliert gewinnt von Richard Hallas aus dem Elsinor-Verlag. Auf den unabhängigen Klein-Verlag bin ich vor genau drei Jahren aufmerksam geworden. Seitdem habe ich knapp ein Dutzend Bücher aus dem Programm gelesen und bin auf den großartigen Arthur Koestler und die Buch-Reihe um Klassiker der Thriller-Literatur aufmerksam geworden.

Der Essay Eine Kultur des Trotzdem von Volodymyr Jermolenko (kein Coverbild) setzt meine lockere Lesereise Ukraine Lesen fort. Europa hilft der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland, aber das ist keine einseitige Angelegenheit, denn die Ukraine hilft auch Europa, meint Autor Jermolenko. Die edition.fotoTAPETA ist noch ein kleiner Verlag, den ich sehr zu schätzen weiß, dank des Fokus auf (ost-)europäische Themen.

Mit Die Irrfahrt der St. Louis von Sara Delabella und Alessio Lo Manto bekommt meine Graphic-Novel-Sektion Zuwachs. Wie alle anderen von mir besprochen Graphic Novels dreht sich auch diese um ein ernstes Thema, der (verhinderten) Flucht von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland.

Thematisch passend dazu ist der Band Die Abschottung der Welt von Susanne Heim. Das Buch aus der Historischen Biblithek der Gerda Henkel Stiftung befasst sich mit den dramatischen wie auch oft tragischen Umständen der jüdischen Bevölkerung im Angesicht der nationalsozialistischen Verfolgung.

Erwähnen möchte ich hier noch einen Roman, den ich bereits gelesen habe: Ketzer von Leonardo Padura. Im ersten der drei Abschnitte befasst sich der Autor mit der St. Louis. Auch in Havanna auf Kuba versuchte der Kapitän des Schiffes, seinen Passagieren die Möglichkeit eines Fluchtortes zu verschaffen. Vergeblich. Grund genug, den Roman noch einmal zu lesen, im Rahmen meines Leseprojektes Wiedergelesen 4für2026.

Bücher 2025

Collage der besten Bücher des Lesejahres 2025 mit Titeln wie ‚Vaterland‘ von Robert Harris, ‚Die Stalinorgel‘ von Gert Ledig, ‚Die Stunde der Raubtiere‘ von Giuliano da Empoli, ‚Mrs Dalloway‘ von Virginia Woolf, ‚Das Orakel vom Berge‘ von Philip K. Dick, ‚Die linke Hand des Papstes‘ von Friedrich Christian Delius, ‚Die Hunnen‘ von Mischa Meier, ‚Gott der Barbaren‘ von Stephan Thome, ‚Sonnenfinsternis‘ von Arthur Koestler, ‚Krieg und Terpentin‘ von Stefan Hertmans und ‚Nachts unter der steinernen Brücke‘ von Leo Perutz. Das Bild zeigt die Buchcover in einer ansprechenden Anordnung.
Zwei Sachbücher, zehn erzählende Werke haben es für das Jahr 2025 auf meine ganz subjektive Bestenliste geschafft. Bild mit Canva erstellt.

Wie jedes Jahr habe ich auch für 2025 eine kleine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die mir besonders gefallen haben. Zwölf sind zusammengekommen, darunter zwei Sachbücher und zehn erzählende Werke.

Alle Bücher meines Leseprojektes Wiedergelesen 4 für 2025 sind vertreten. Eine Überraschung ist das allerdings nicht, habe ich mich doch bei der Auswahl daran orientiert, dass mir die Bücher in Erinnerung geblieben sind. Große Literatur in meinen Augen, kreiert von Robert Harris, Walter Kempowski, Friedrich Christian Delius und Gert Ledig.

Von meinem zweiten Leseprojekt Zwölf für 2025 haben es nur drei Bücher auf die Bestenliste geschafft: Philip K. Dick, Stefan Thome und Arthur Koestler. Der dicke Wälzer über Die Völkerwanderung von Mischa Meier wäre vielleicht auch vertreten, der Autor hat mit seinem Buch über Die Hunnen ein fabelhaftes Beispiel von gut und klar erzählter Historiographie gegeben.

Stefan Thomes Roman über den Opium-Krieg ist fantastisch, aus Zeitgründen habe ich keine Rezension verfasst, so auch für Virginia Woolfe und Leo Perutz. Das zweite Sachbuch neben Meiers Hunnen ist von Guiliano Da Empoli, sehr kurz und erschütternd. Zeitlich liegen beide weit auseinander, im Kern verbindet sie mehr, als uns lieb sein kann.

Gerd Ledig: Die Stalinorgel
Der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ostfront, Leningrad, Sommer 1942, die sieggewohnte Wehrmacht wankt bereits. 

Walter Kempowski: Alles umsonst
Ostpreußen in den ersten Monaten des Jahres 1945. Die Flucht vor der Roten Armee gerät zu einem taumelnden Fiasko.

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke
Ein Roman in Episoden, die zunächst nur in lockerem Zusammenhang zu stehen scheinen, aber tatsächlich eine Geschichte mit großem Tiefgang erzählen.

Robert Harris: Vaterland
Ein Thriller in einer alternativen Welt, der Stück für Stück das Ungeheuerliche aufdeckt. In wenigen Tagen zerbricht eine eigentlich unzerstörbare Welt.

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis
Die berüchtigten Moskauer Prozesse werden in diesem schauerlich guten Roman am Beispiel eines ranghohen Bürokraten erzählt, der in Stalins Blutmühle gerät.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Eine literarische Wutrede in Gestalt einer Novelle, mit einer wahrhaft unerhörten Begebenheit. Für die nächste Romreise vormerken.

Virginia Woolfe: Mrs. Dalloway
O, das ist gut! Assoziatives Mäandern durch einen Tag, bis jener Punkt erreicht ist, an dem sich die existenzielle Frage des Todes aufdrängt.

Stefan Thome: Gott der Barbaren
Was für ein toller historischer Roman! Noch mehr Ausrufezeichen gehören sich nicht, doch hätte es dieser Roman über den Opiumkrieg verdient.

Mischa Meier: Die Hunnen*
Ein Meisterwerk der Historiographie. Das Thema wirkt abseitig, doch zeigt der Autor virtuos die Möglichkeiten und Grenzen von Geschichtsschreibung.

Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge
In dieser alternativen Welt herrscht das Hitlerreich sogar über einen Teil der USA. Monströs im Weltenbau, mit überraschend viel Tiefgang erzählt.

Guliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere*
Keine vergnügliche, dafür in vielfacher Hinsicht anregende, ernüchternde und auch niederschmetternde Lektüre. Unsere Welt stirbt. Jetzt.

Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin
Autofiktion vom Feinsten. Der belgisch-flämische Autor setzt sich mit den Erinnerungen seines Großvaters auseinander: Soldatenleben (Krieg) und Kunst (Terpentin).

*Rezensionsexemplar

Im kommenden Jahr werde ich wieder keine Not haben, gute Literatur zu lesen. Zwar sind die Verlagsvorschauen, die ich für 2026 gesichtet habe, eher mau, doch gibt es auch unter den Neuerscheinungen einige interessante Titel. Ganz sicher habe ich gute Literatur in meinen Regalen, gelesen oder ungelesen. Gegen Jahresende werde ich einen kleinen Ausblick geben, was ich zu lesen gedenke.

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