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Schlagwort: Europa (Seite 1 von 10)

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Buchcover von ‚Die Abschottung der Welt: Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945‘ von Susanne Heim. Das Cover zeigt eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen auf einer Straße. Im Vordergrund ist ein Zitat zu lesen: ‚Rettung ist nachrangig – bis zuletzt.
Wer dieses vorzügliche Buch aufschlägt, betritt einen Dornwald. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In den folgenden Jahren bis 1937 verließen jährlich zwischen 21.000 und 25.000 Personen Deutschland, die nach den nationalsozialistischen Bestimmungen als jüdisch galten – unabhängig davon, wie sie sich selbst definierten.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Manchmal reicht ein einzelner Satz, um mich für ein Buch einzunehmen. Er klingt wenig spektakulär, zielt jedoch auf einen wichtigen Aspekt von geradezu existenzieller Tragweite. Wenn von »Juden« im Zusammenhang mit der zwölfjährigen NS-Herrschaft in Deutschland die Rede ist, geht es um Menschen, denen von den Nationalsozialisten diese Identität aufgezwungen wurde. Wichtiger noch ist, dass diese Menschen auf jene zugeschriebene Identität reduziert wurden. Das bildete die Basis für die Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung.

Die eigene Identitätssicht spielte überhaupt keine Rolle. Ob sich jemand als säkularer Deutscher oder Orthodoxer sah, machte in der Realität des NS-Staates keinen Unterschied. Das Prinzip derIdentitätszuweisung und -reduktion wurde auch auf andere Gruppen angewandt, gelegentlich mit schwammigen Begriffen wie »Asoziale« oder »Arbeitsscheue«, was Missbrauch Tür und Tor öffnete. Zwangsarbeit konnte so leicht gerechtfertigt werden. Keineswegs nur in Deutschland: Im selbst ernannten »Arbeiter- und Bauerparadies« der Sowjetunion waren die stalinistischen Herrschaftseliten besonders kreativ im Umgang mit dieser Technik, zahllose Gulags mussten schließlich mit Millionen Menschen gefüllt werden.

Der kleine Exkurs soll keineswegs das Schicksal der von den Nazis als Juden definierten Menschen in Deutschland (und Europa) relativieren. Es ist eine Warnung an die Gegenwart, dass wirksame Herrschaftsmechaniken wie die der Identitätszuschreibung und -reduktion unabhängig von Ideologien in Zwangsregimen aller Art angewandt werden können. Bedauerlicherweise wird mit der holzschnittartigen Identitätszuschreibung im 21. Jahrhundert geradezu fahrlässig umgegangen. Es ist also wichtig, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Die Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren – dazu waren sie nicht bereit.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Wie der Untertitel des Buches zeigt, geht es nicht nur um deutsche Juden. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der gewaltsamen Expansion, die mehrere Millionen Menschen unter die Herrschaft des Hitler-Regimes zwang, die als »Juden« galten, wurden in verschiedenen Staaten Maßnahmen zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Wege geleitet, die sich an die im Deutschen Reich anlehnten. Das hatte schwerwiegende Folgen auf diplomatischer Ebene. Bei allen Versuchen, für die Verfolgten in Deutschland Hilfe zu organisieren, blockierte die Befürchtung, die Zahl der Hilfesuchenden könne sich massiv erhöhen, wenn Juden aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien usw. ebenfalls berücksichtigt werden müssten.

Dabei reichte die Hilfsbereitschaft längst nicht für die deutschen Juden aus. Susanne Heim schildert mehrere Anläufe, den Betroffenen auf diplomatischer Ebene beizuspringen. Das glich oft einer Mischung aus Drahtseilakt, um die verschiedenen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen unter einen Hut zu bekommen, und einem Pokerspiel, bei dem jeder am Verhandlungstisch Sitzende versucht, die anderen zu übervorteilen. In diesen oft langsam mahlenden Mühlen wurden die Flüchtlinge zerrieben. Die Konferenz auf den Bahamas im April 1943, zeitgleich zum Aufstand des Warschauer Ghettos, stellt einen beispiellosen Tiefpunkt dar, dort »spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr.« Die europäischen Juden waren rettungslos verloren.

Die Abschottung der Welt stellt die dramatischen Einzelschicksale, oft Selbstmorde oder wochenlanges Ausharren im sprichwörtlichen Niemandsland zwischen den Staatsgrenzen, den Eiertänzen der großen Politik und Diplomatie gegenüber. Auch die Selbstbehinderung der Hilfsorganisationen, die ebenso zögerlich wie von gegensätzlichen Interessen, strategischen Vorstellungen und Rivalität geprägt waren, bleibt nicht außen vor. Gelegentlich gab tatsächlich sachliche Zwänge, die eine Lösung in größerem Maßstab verhinderten. Ein Beispiel ist Palästina, wo sich der bis in die Gegenwart ziehende gewaltsame Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung schon in den 1930er Jahren abzeichnete und eine Masseneinwanderung von Juden (nicht nur aus britischer Sicht) verbot.

Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Von 1933 bis 1938, der Machtübergabe an Hitler bis zur Einverleibung Österreichs, waren vor allem die deutschen Juden von massiven Repressalien betroffen, die sie letztlich ausplündern und vertreiben sollte. Deren Zahl war klein gemessen an den Juden, die in jenen Gegenden lebten, die bis 1942 von der Wehrmacht erobert wurden; außerdem war der Zeitraum, in dem ihnen hätte geholfen werden können, mit fünf Jahren recht lang. In den darauf folgenden vier Jahren explodierte die Zahl der Betroffenen, während gleichzeitig eine unvorstellbare Eskalation der Repression zur Vernichtung erfolgte.

Die Welt zeigte sich außerstande, den deutschen Juden ausreichend Hilfe in Form einer geordneten Massenauswanderung zukommen zu lassen. Für die Millionen Juden in Europa gab es keine Hoffnung, selbst als die Vernichtung im vollen Gange war. Die Berichte darüber wurden zurückgehalten. Als nach und nach die Gräueltaten durchsickerten, wurden Vorschläge zur Erleichterung der Lage der Juden mit zweifelhaften Argumenten zurückgewiesen. Selbst begrenzte Möglichkeiten, wie etwa jüdisches Kinder-Leben aus Rumänien zu retten, wurden abgewiesen. Bis Kriegsende galt: »Rettung ist nachrangig.«

Zwangsweise wirft das die Frage auf, ob und wie der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden überhaupt hätte Einhalt geboten werden können. Zunächst einmal ist es wichtig, den zuerst Betroffenen keinen Vorwurf zu machen, dass sie nicht früh genug Deutschland verließen. Es gab unzählige persönliche Hürden, die mit der Aufgabe der Heimat verbunden waren, denen die Hoffnung entgegenstand, es könne vielleicht nicht so schlimm werden. Den Zivilisationsbruch konnten sich alle berechtigterweise nicht vorstellen.

Vor allem behinderte die NS-Führung die von ihr gewollte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung selbst. Kern des Problems war die Finanzierung der Auswanderung, das jüdische Vermögen sollte im Reich bleiben, Devisenabfluss verhindert werden. Die forcierte Aufrüstung wäre sonst gefährdet gewesen, da die finanziellen Spielräume Deutschlands bereits erschöpft waren. Alle Anstrengungen in den Jahren bis Kriegsausbruch gelangten immer wieder zu diesem unauflöslichen Widerspruch, der das Widerstreben massiv befeuerte, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Grund, die Aufnahme abzulehnen, wurde durch die Armut der Flüchtlinge auf dem Silbertablett geliefert.

Täglich nahmen sich 30 bis 40 Menschen das Leben.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Statt eines geordneten Konzepts der Massenauswanderung jüdischer Bürger aus Deutschland folgte ein groteskes Spiel mit den Flüchtlingen in den kommenden Jahren. Die Passagen in Die Abschottung der Welt, in denen diese abstrusen Maßnahmen geschildert werden, sind schwer erträglich. Flüchtlinge wurden über Ländergrenzen hin- und hergeschoben, gelegentlich dutzendfach. Wie zermürbend und erniedrigend das für die Betroffenen gewesen sein muss, ist schwer in Worte zu fassen. B. Traven hat in seinem 1926 (!) erschienenen Roman Das Totenschiff einen geradezu identischen Umgang mit einem Staatenlosen geschildert, eine literarische Vorausdeutung auf das spätere Unheil.

In diesem niederschmetternden Durcheinander kamen immerhin tausend jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in anderen Staaten unter. Es gehört zu den ironischen Wendungen, dass ausgerechnet einer der »brutalsten und korruptesten Diktatoren Lateinamerikas«, Rafael Trujillo Molina, in der Dominikanischen Republik bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen wollte.

Mit den immer höheren rechtlichen Hürden stiegen auch die Versuche, illegal aus Deutschland und Europa zu entkommen. Manche dieser Versuche, wie etwa die Irrfahrt der St. Louis, sind recht bekannt. Dabei war das Schiff nur eines von vielen, die auf den letzten Drücker versuchten, Juden aus Europa herauszuschaffen. Die geschilderten Schicksale sind oft tragisch, Schiffe wurden (versehentlich) von sowjetischen Ubooten versenkt, von Briten aufgebracht und ihre Insassen in Lager gesperrt; oder die Fliehenden saßen während ihrer Balkan-Odyssee auf der Donau fest.

Im Krieg versuchten ganze Netzwerke unter Lebensgefahr zu helfen, selbstverständlich gegen geltendes Recht. Autorin Susanne Heim betont, dass diese Netzwerke gern als Heldenerzählungen von Männern wie Adrian Fry oder Niclas Winton verbreitet werden, während die erzielten Erfolge auf den vielen Schultern namenlos bleibender Frauen ruhten. Beachtenswert ist auch die Rolle von Beamten, Soldaten und anderen, die ihre Handlungsspielräume bei der Pflichterfüllung gegen oder für die Flüchtlinge ausnutzen konnten.

Der Kleinmut obsiegt.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Die Massentötung im Krieg hätte wohl nur eine Aufgabe der Appeasement-Politik nach 1933 bewirken können. Ohne die Eroberungen der Wehrmacht wären Millionen Juden niemals unter deutsche Herrschaft gekommen, die Vernichtungslager wären ebensowenig errichtet worden wie der Holocaust durch Gewehre in der Ukraine und Belarus nicht stattgefunden hätte.

Wie sich die von Antisemitismus geprägten Gesellschaften entwickelt hätten, bleibt selbstverständlich offen, der Antijudaismus wäre auch mit einer konsequenten Politik gegenüber Deutschland nicht aus der Welt geschafft worden. In Deutschland hätte die jüdische Bevölkerung für ein Nicht-Appeasement vermutlich als Sündenbock den Kopf hinhalten müssen. Doch gilt für die Deutschland-Politik der 1930er Jahre, was Autorin Heim der Flüchtlingspolitik attestiert: Der Kleinmut obsiegt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945
C.H. Beck 2026
Gebunden 384 Seiten
19 Abbildungen, zwei Karten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-84301-3

Neue Lektüre: Verschlossene Türen

Auch im Jahr 2026 beschäftigt mich das Thema Flucht (und Vertreibung). Abseits populistischen Gedröhns und bestenfalls naiver Rhetorik ist und bleibt unfreiwillige Migration ein wesentlicher Aspekt mit vielschichtigen Wirkungen auf die Gesellschaften. Meine neue Lektüre befasst sich mit der historischen Seite von Flucht, genauer gesagt mit dem oftmals gescheiterten Versuch jüdischer und von den Nazis als Juden klassifizierter Deutscher nach 1933 ihre Heimat zu verlassen.

Viele Romane und Sachbücher, Tagebücher und Essays, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandeln oder berühren das Thema Flucht. Das Bild zeigt eine nur Auswahl an Titeln.

Gleich drei Bücher werde ich in der kommenden Zeit lesen, die sich sich mit dem Thema befassen: eine neue Graphic Novel von Sara Dellabella und Alessio lo Manto, ein neues Sachbuch von Susanne Heim und ein etwas älterer Roman von Leonardo Padura.

Was hat einen kubanischen Autor dazu bewogen, sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland nach der Machtübertragung an Hitler zu befassen? Einige dieser Fliehenden standen in Kuba vor verschlossenen Türen, was Padura im ersten Teil seines Romans Ketzer verarbeitet. Andere hatten mehr Glück, wie etwa die Hauptfigur in Landgericht von Ursula Krechel. Ketzer habe ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, im Rahmen meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026 werde ich es mir noch einmal vornehmen.

Padura nimmt die Perspektive eines Juden ein, der bereits auf Kuba lebt, während sich Dellabella und Lo Manto in Die Irrfahrt der St. Louis* der Sichtweise der jüdischen Flüchtlinge bedienen. Der Dampfer lag nämlich im Hafen von Havanna, die Insassen hatten eigentlich die nötigen Papier, um an Land zu gehen, doch wurde ihnen das verweigert. Das berührt Paduras Roman direkt, die Irrfahrt ging jedoch noch weiter. Zwar konnten die Juden schließlich nach langem Hick-Hack tatsächlich in europäischen Staaten unterkommen, da jedoch die Wehrmacht Europa unterwarf, dräute vielen ein grausiges Schicksal.

Die St. Louis war eine Art Niemandsland, in dem sich auch in unserer Gegenwart zahlreiche Flüchtlinge wiederfinden, die unwillkommen sind. Ein Schicksal, das viele Juden auf ihrem Leidensweg teilten, wenn die Grenzen verschlossen blieben. Die Monographie Die Abschottung der Welt* von Susanne Heim widmet sich diesem Phänomen. Das Buch bereichert meine kleine Sammlung von Bänden der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

Beim Verlag C.H.Beck und dem Knesebeck Verlag bedanke ich mich für die Besprechungsexemplare*.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Buchcover von ‚Delius – Die linke Hand des Papstes‘ von Friedrich Christian Delius vor dem Hintergrund der Kuppel und Brücke in Rom, mit der Frage: ‚Was hat das Oberhaupt der Katholiken in einer protestantischen Kirche zu suchen, mitten in Rom?‘
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Die Pferde bleiben in Erinnerung.  Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.

Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.

Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein. 

Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser.  Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.

Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.

Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.

Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als  assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.

Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.

Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.

[…] und  zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.

Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.

In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.

Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.

Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes

Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.

Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.

Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.

Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen  Schwäche attestierte. 

Der Roman ist das zweite Buch aus meinem Lesevorhaben Wiedergelesen – 4für2025

Friedrich Christian Delius:  Die linke Hand des Papstes
Rowohlt Verlag 2015
Taschenbuch 128 Seiten
ISBN: 978-3-499-26831-1

Neue Lektüre: Thriller in einer dystopischen Zukunft von Gestern

Den Roman lese ich nicht zum ersten Mal, wie die Aufnahme zeigt.

Meine neue Lektüre führt in das Jahr 1964, die Vorbereitungen auf den 75. Geburtstag des »Führers« Aldolf Hitler laufen in der Zehnmillionenstadt Berlin wie im gesamten Großdeutschen Reich auf Hochtouren. Doch sorgen die Tode hochrangiger Funktionäre für Unruhe, die in einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod endet. Der Ermittler Xaver März entdeckt, dass die Tode Teil einer mörderischen Säuberung sind – ein beliebter Zeitvertreib in Diktaturen.

Der britische Autor Robert Harris führt mit seinem Thriller in eine alternative Vergangenheit, in der das Hitlerreich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Romane dieser Art haben ihren ganz besonderen Reiz, neben Vaterland habe ich in der Vergangenheit einige dieses Sujets gelesen. Wie in jedem Genre gibt es Enttäuschungen, wie etwas Feindesland von C.J. Sansom, aber auch literarisch hochwertige Bücher wie Das Orakel vom Berge von Philipp K. Dick.

Das Besondere an Vaterland ist die Verschlingung der Ermittlungsarbeit eines Polizisten (hier in SS-Uniform) und eines Historikers. Denn es ist ein historisches Geheimnis in dieser Parallelwelt, die für die Tode verantwortlich ist. Harris ist es gelungen, die historische Forschung in die Form eines sehr spannenden, gekonnt getimten Thrillers zu gießen.

Vaterland ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen – 4 für 2025.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Zahlen sind eine hervorragende Grundlage für die Analyse. Ich bevorzuge die Herangehensweise von Ökonomen gegenüber moralisch argumentierenden Autoren. Man muss es aushalten, denn schön ist es nicht, was der »Spurwechsel« mit sich bringt, doch haben Illusionen und Wegsehen das Dilemma erst heraufbeschworden. Cover Quadriga-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Vielleicht hat die Ukraine der westlichen Welt den moralischen Kompass zurückgegeben, ihr gezeigt, dass selbst blutig erkämpfte Selbstbestimmung besser ist als Sklaverei oder Flucht.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erst im Februar 2022 begonnen hat. Der offensichtliche Bruchpunkt ist die militärische Besetzung und Annektion der Krim 2014 gewesen, auch wenn Russland schon vorher aktiv in der ukrainischen Politik mitgewirkt hat, um die Entwicklung des Landes in seinem Sinne zu beeinflussen. Folgte man der Analyse in Marcus M. Keupps Spurwechsel, dann steht das alles in einem viel weiter in die Vergangenheit reichenden Sinnzusammenhang und greift weit über die Ukraine hinaus. Russlands Fundament ist imperial, das bestimmte seine Handlungsweisen in der Vergangenheit und bestimmt sie in Gegenwart und Zukunft.

In diesem Sinne spielt es keine Rolle, welches gesellschaftlich-politische Hülle Russland gerade vorzeigt. Die Sowjetunion war genauso imperial wie es das Zarenreich vor ihm gewesen war und Russland heute ist. Diese Feststellung ist dramatisch, wenn man die Folgen bedenkt: Verschwindet Putin, ändert sich nichts. Der Krieg geht weiter, denn es ist nicht nur Putins Krieg. Keupp weist darauf hin, dass auch ein Sieg der Ukraine den Krieg nicht beenden wird. Russland wird sich andere, leichtere Ziele suchen, wie etwa Georgien, Moldawien oder die Staaten in Zentralasien. Vielleicht aber auch das Baltikum, sollte man im Kreml zu der Ansicht gelangen, das Risiko wäre vertretbar.

Entscheidend ist, dass Russland durch den Krieg nach innen stabiler ist, denn je. Die Wirtschaft steht zwar vor einem dramatischen Einbruch, wie Keupp deutlich macht, der en passant gleich mit einer Reihe von in westlichen Medien gepflegten ökonomischen Mythen aufräumt. So sind Kennzahlen, die normalerweise über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung informieren, im Falle Russlands wertlos. Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis diese Zahlen beruhen, ist eine Kriegssituation eine dramatische Veränderung, die vertraute Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder das BIP entwerten. Die prekäre wirtschaftliche Lage lässt sich so nach außen propagandistisch bemänteln.

In einer Kriegssituation verliert das nominale BIP jede Aussagekraft.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Die Passagen, in denen Keupp die russländische Wirtschaftsentwicklung analysiert und ihre Folgen skizziert, gehören zu den ernüchternden Abschnitten. Mittel- und langfristig hat der mafiöse Petro-Staat nichts zu bieten, von den dramatischen technologischen Umwälzungen wie Künstlicher Intelligenz ist das Land abgehängt. Auf den Kriegsverlauf und die Systemstabilität des Landes hat das aber kurzfristig keine Auswirkungen, im Gegenteil. Putins Regime verfolgt die Fokussierung auf wirtschaftliche Autonomie (vom Westen) und Downsizing auf technologischer Ebene sowie beim Konsum, abgefedert durch Subventionen und ideologisch aufgeladene Propaganda. Wer dennoch aufmuckt, verschwindet im Lager oder stirbt; das über Jahrzehnte aufgebaute Repressionssystem funktioniert prächtig.

Der Krieg hält die Eliten zunächst einmal an der Macht, also könnte er weitergehen, bis alle Ressourcen ausgeschöpft wurden und der Staat in die Knie geht. Die Aussicht auf einen langwierigen Krieg ist selbstverständlich niederschmetternd in einer Welt, in der ohne ein aggressiv nach außen greifendes Russland genug Probleme zu lösen wären. Gleichzeitig entwertet der Zusammenhang von Machterhalt und Krieg jegliches Friedensgesäusel hierzulande, bei dem allein der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bis zum Zusammenbruch wird allein in Moskau über die Fortsetzung des Krieges entschieden. Was in Deutschland gewünscht wird, interessiert nur insoweit, wie es für die eigene Politik instrumentalisiert werden kann. Der intellektuelle Spurwechsel steht in dieser Hinsicht hierzulande vielfach noch aus.

Die Ukraine hat den Europäern schmerzhaft die eigenen Lebenslügen aufgezeigt, ihnen vorgeführt, wie Appeasement letztlich immer endet.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel

Überhaupt schrumpft Deutschland mit seinen Befindlichkeiten auf Zwergenniveau, wenn Keupp seinen Streifzug durch Mittelasien unternimmt und den breiten Gürtel von Russland kolonisierter Gebiete behandelt. Deren Werdegang, die wirtschaftlichen Grundlagen und aktuelle geopolitische Optionen werden skizziert. Der Wandel wurde durch den Vernichtungskrieg Russlands dramatisch beschleunigt – Deutschland und Europa spielen dort – anders als bei der Ukraine, Moldawien, Georgien – nur eine kleine oder gar keine Rolle. Das Desaster in Afghanistan hat die Marginalisierung zweifellos beflügelt. So ist auch die Unterüberschrift des Buches zu verstehen: Eine neue Weltordnung bildet sich gerade im vollen Galopp heraus.

Gewinnbringend ist nicht nur der ökonomisch geprägte Analyse- und Erkläransatz von Spurwechsel, sondern auch die globale Ausrichtung. So werden auch die oft übergangenen Öl-Staaten am Golf unter die Lupe genommen, die trotz oder wegen ihres Reichtums in einer durchaus problematischen Lage sind. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch hier bereits im Gange befindliche Entwicklungen beschleunigt, grundlegende strategische und taktische Entscheidungen rücken näher. Wie überraschend und tiefgreifend diese sein können, haben die Ereignisse in Syrien gezeigt; wie wenig vorhersehbar die Folgen sind, allerdings auch.

Marcus Keupps Spurwechsel wirft ein Schlaglicht auf zentrale geopolitische Regionen der Gegenwart und Zukunft, ohne sich bei dem Versuch zu verheben, Entwicklungen prognostizieren zu wollen. Die Zukunft ist immer offen. Das macht das Buch auf vielschichtige Weise deutlich.

Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg
Quadriga Verlag 2025
Gebunden, 306 Seiten
ISBN: 978-3-86995-153-9

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