Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung späterer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.
Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsächsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine Machtausübung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fünften Jahrhundert nicht stattfand.
Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhält, Fürsten als Verräter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.
Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle Fürsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es üblich, Dienste für den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wäre damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber für das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.
Wer also über König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen Lektüre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (später »der Große«) nicht durchsetzen.
Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plünderzügen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »Verräter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mäßig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.
In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natürlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre Verbündeten und Gegner über ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die Glaubwürdigkeit.
Mein Lieblingszitat aus dem Buch. Die passende Karte veranschaulicht, wie sehr sich das Gesicht unserer Welt verändert hat. Mensch und Baum standen schon immer in Konkurrenz. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Wer sich mit Geschichte befasst, stellt unvermeidlich irgendwann die Frage nach einem alternativen Verlauf der Entwicklung. Die Antwort fällt zwangsläufig spekulativ aus, denn so wenig sich die Zukunft in der Gegenwart vorhersagen lässt, so wenig lässt sich die »Zukunft von Gestern« prognostizieren. Zu komplex sind die Entwicklungen, wie Stig Förster in seiner voluminösen Deutschen Militärgeschichte betont. Zur Illustration dessen, was tatsächlich stattfand, und den Folgen, ist ein Gedankenexperiment jedoch gelegentlich hilfreich.
Ein Beispiel findet sich in Christian Grataloups Geogeschichte. Was wäre, wenn das Pferd in Amerika nicht um 30.000 vor Christus ausgestorben wäre? Oder etwas weiter gefasst: Was, wenn nicht alle domestizierten Großsäuger aus Europa, Afrika und Asien (Eufrasien) stammten? Das klingt wenig spektakulär, war für die historische Entwicklung gerade auch der Neuzeit von geradezu dramatischer Bedeutung.
Grataloup zeigt, dass die Abwesenheit von Zug- und Reittieren in den Amerikas tiefgreifende Folgen für die Entwicklung – oder ausbleibende Entwicklung der Regionen hatte. Die Landwirtschaft in Eufrasien war durch Zugtiere intensiviert worden, was eine Zunahme der Bevölkerung nach sich zog. Ohne Wasserbüffel kein intensiver Reisanbau; ohne Pferd und Ochsen kein intensiver Ackerbau; und das Rad wäre – wie in den Amerikas – zwar bekannt gewesen, aber ohne die Bedeutung geblieben, die es tatsächlich hatte.
Wie schnell und hoch effizient diese Großsäuger hätten in die bestehenden Lebensweisen integriert werden können, zeigt sich am Pferd. Als die spanischen Eroberer in Südamerika eintrafen, sorgte der Anblick der Berittenen (neben ihren Feuerwaffen und Rüstungen sowie der taktischen Organisation) für Schockwellen bei den Einheimischen, wie bei Camilla Townsend in Die fünfte Sonne nachgelesen werden kann. Später aber konnten indianische Gemeinschaften Nordamerikas verwilderte Pferde redomeszieren und sowohl für die Jagd als auch Kriegszüge verwenden. Die Frage nach einem alternativen Verlauf der Geschichte zeigt vor allem, was in der tatsächlichen fehlte.
Die Polygenese der Agrargesellschaften ist unbestreitbar.
Christian Grataloup: Geogeschichte
Unweigerlich wird die Sicht auf die Welt, auf die Gegenwart durch die Lektüre von Büchern wie Geogeschichte verändert. Das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So gibt es auch hier Beispiele für den schamlosen Missbrauch von Wörtern wie »Völkermord«, wenn etwa der (wiederlegten) Ausrottung des Neandertalers durch den Homo Sapiens das Wort geredet und das als »erster Völkermord der Geschichte« eingestuft wird. Diese Form der Marktschreierei entwertet einen Begriff und richtet Schaden an.
Etwas weniger drastisch, dafür sehr wichtig ist die Frage nach dem Konzept des »Fortschritts«. Geschichte wird oft als lineare Abfolge von Verbesserung geschrieben, eine Art Kausalkette des Fortschritts. So wurde die Sesshaftigkeit des Menschen als eine Folge der Landwirtschaft angesehen. Grataloup zeigt, dass diese Betrachtungsweise hinkt. Auch Jäger- und Sammler waren bereits sesshaft, vor allem in Küstenbereichen.
An dieser Stelle sei auch auf die Steppenreitervölker verwiesen, die nach der Sesshaftigkeit erschienen und nicht etwa eine Vorstufe der Agrargesellschaft waren. Mischa Meier weist in seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen nicht umsonst mehrfach auf die hochkomplexe Lebensform der Reiterkriegerverbände hin, was das Motiv des »Fortschritts« als recht einseitiges, zweifelhaftes Konzept erscheinen lässt.
War das Neolithikum eine Katastrophe?
Christian Grataloup: Geogeschichte
Schließlich wirft Grataloup auch die Frage auf, ob man überhaupt von einem Fortschritt sprechen könne. Hier stehen sich zwei Bewertungsansätze diametral entgegen. Galt die Sesshaftigkeit der permanenten Wanderschaft lange Zeit als überlegen, gibt es gegenteilige Auslegungen. Die Sesshaftigkeit habe Zwang statt Freiheit und Kriege gebracht, sei außerdem ein ökologischer Holzweg.
Wie so oft ist ein genauer, differenzierter Blick nötig. Die Jäger- und Sammlergemeinschaften wurden wie später die Sesshaften von tödlichen Krankheiten heimgesucht, die erst in der Moderne medizinisch behandelbar wurden (was ohne Sesshaftigkeit nicht geschehen wäre). Aber Seuchen, Epidemien oder Pandemien setzen Sesshaftigkeit voraus.
Und es geht noch weiter. Die Nahrungsmittelvielfalt schränkte sich ein, Karies kam auf. Die Arbeitsbelastung stieg, mit der Bevölkerungsexplosion erhöhte sich die Ressourcen-Entnahme und die Belastung für die Umwelt – lange vor der industriellen Revolution. Die Agrarrevolution war nicht rückgängig zu machen, ein „Degrowth“ hätte zu einem Massensterben geführt.
Gleichzeitig ist sich die Forschung bewusst, dass diese Dinge für die Regionen gelten, in denen intensive Landwirtschaft betrieben wurde. Sesshaftigkeit und Agrarwirtschaft war auch im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten möglich. Wie so oft ist es die Umsetzung eines „Fortschritts“, der über dessen Charakter entscheidet. Das ist zentral für die großen Debatten der Gegenwart, die vom Fortschritt in „disruptiver“ Gestalt geradezu berauscht zu sein scheint.
Gleichwohl bleibt das Wort „Zivilisation“ behaftet mit dem Geburtsmakel einer wissenschaftlich wie ethisch unhaltbaren Hierarchisierung […]
Christian Grataloup: Geogeschichte
Das Zitat zeigt, wie Grataloup versucht, sprachlich auf der Höhe der Zeit zu sein und diverse Stereotypen und mit Makeln behaftete Formulierung zu ersetzen oder – wie im Falle von »Zivilisation« – ihre Problematik offenzulegen. Seltsamerweise verwendet der Autor trotzdem eine sowjetische Formulierung »kleine Völker des russischen Nordens« für die indigene Bevölkerung am nördlichen Rand Asiens. Haben sie anders als die Bevölkerung Nordamerikas oder Afrikas keine angemessene Begrifflichkeit verdient?
Dieser »Norden« war und ist ebensowenig russisch wie Namibia deutsch, Algerien französisch, der Kongo belgisch oder Ghana englisch waren. Es handelt sich um ein mit Feuer und Schwert kolonisiertes Gebiet, deren indigene Bevölkerung in ein imperial ausgreifendes Reich gezwungen wurde, das heute Russische Föderation heißt (ohne es zu sein). Auch Sibirien ist nicht »russisch«, wie Grataloup bedauerlicherweise formuliert, aus den gleichen Gründen.
Warum fehlt hier sonst anzutreffende sprachliche Sorgfalt? Zeigt sich hier der blinde Fleck gen Osten? Während die Seeimperien als solche bezeichnet und kritisiert werden, während Grataloup einen sprachlichen Eiertanz aufführt, um den Begriff »Afrika« zu entkolonisieren und – durchaus berechtigt – auf die Zweiteilung des Kontinents durch die Sahara verweist, wird »Russland« seiner kolonialen Historie entkleidet und ausgespart. Die aufwendigen Bemühungen um eine korrekte Sprache werden so konterkariert.
Das gilt in gewisser Hinsicht auch für China, bei dem von Tibet, Xinjang und der Unterdrückung nur am Rande Rede ist. Sprachliche Awareness darf aber nicht an den Grenzen der ehemals westlich kolonialisierten Gebieten enden. Ebensowenig darf der fortgesetzte kriegerische Expansionismus Russlands und Chinas übersehen oder gar die imperialistische Stoßrichtung mit einem Fragezeichen abgeschwächt werden. Vielmehr wäre die Frage zu stellen, ob das imperial Expansive nicht Teil der (politischen) Zivilisation Chinas und Russlands ist.
(Ex?)-Imperien.
Christian Grataloup: Geogeschichte
Grataloup verwendet den Begriff »Welten«, um das Wort Zivilisationen zu vermeiden. In seinen Augen existierte China »in einem räumlichen Rahmen, der variieren mochte, aber doch starke Konstanten aufweist». Andere, namentlich das Römische Reich, »zerfielen». Hier kehrt Grataloup nicht nur den brutalen, bis in die Gegenwart andauernden expansiven Imperialismus Bejings unter den Teppich, sondern wird seiner eigenen Marschroute untreu.
Denn »Zivilisation« oder »Welt« soll ja eben nicht nur deckungsgleich mit einem beherrschten Terrritorium, einem »Reich«, »Imperium« oder »Staat« sein. Die römische Welt wirkte über ihre Grenzen weit hinaus, der von Grataloup in überkommener Tradition attestierte »Untergang« bestand in einer gewaltsamen Teil-Transformation, bei der wesentliche Bestandteile der römischen »Welt« von den Eindringlingen übernommen wurden. Bestimmte zivilisatorische Elemente wirken bis heute grundlegend nach.
Vor allem aber ist »Rom« nicht einfach untergegangen. Der oströmische Teil bestand noch fast ein Jahrtausend weiter, wird von Grataloup in unseliger Tradition hinter dem Begriff »Byzanz« versteckt. Im Westen standen alle entstehenden Herrschaften in zivilisatorischer Tradition Roms, etwa das Heilige Römische Reich, das erst 1806 das Zeitliche segnete. Nimmt man die römisch-katholische Kirche (und die orthodoxe für Ostrom) mit ins Boot, wirkt heute in einem Drittel der Welt die römische Zivilisation fort.
Insgesamt hat der Sklavenhandel, besonders der atlantische von 1720 bis 1830, Afrika in eine Situation gebracht, von der er sich nie wieder erholen würde.
Christian Grataloup: Geogeschichte
Problematisch erscheint mir der Umgang mit dem Thema Sklavenhandel. Ausführlich schildert Grataloup den Transatlantikhandel mit versklavten Menschen aus Afrika. Am Rande wird auch der innerafrikanische Sklavenhandel nach Norden erwähnt, allerdings heruntergespielt: In der Antike habe der nur eine geringe Rolle gespielt, im Mittelalter habe dieser »zugenommen«. Erwähnt werden sollte, dass das Volumen der verschleppten Menschen Schätzungen zufolge wenigstens fast das Niveau des Atlantikhandels erreichte, wahrscheinlich aber sogar deutlich darüber lag.
Das allerdings würde die Erzählung Grataloups in zwei Punkten beeinträchtigen. Viele der versklavten Menschen wurden durch die Wüste nach Norden verschleppt, die in der Weltsicht der Geogeschichte Afrika in zwei Hälften trennt. Auf diesem Weg durch die Wüsten starb – wie bei den unmenschlichen Überfahrten nach Westen – ein großer Teil der Versklavten. Wohlgemerkt waren an diesem Handel lange Zeit keine Europäer beteiligt, auch nicht als Abnehmer, denn die Verschleppten gingen in die islamischen Reiche.
Die Folgen des Sklavenhandels waren zweifellos verheerend, gerade auch in demographischer Hinsicht. Wie steht es aber mit den gesellschaftlichen Folgen, vor allem wegen der Opfer, aber auch der afrikanischen Täter, den Profiteuren, der gesellschaftlichen Menschjagd–Infrastruktur, die über mehrere Jahrhunderte existierte? Sklaverei setzt Gewaltmaßnahmen voraus; wer nur auf den Atlantikhandel schaut, gerät leicht in Versuchung, eine allzu klare Trennung zwischen europäischen Tätern und afrikanischen Opfern zu ziehen, zwischen Norden und Süden. Das entleerte Wort des »globalen Südens« findet folglich leider auch in Geogeschichte seinen Niederschlag.
Weshalb ist es Europa, das zum Hauptakteur bei der Ausweitung der Achse wird?
Christian Grataloup: Geogeschichte
Warum gerade Europa? Letztlich zeigt die Frage nach den Ursachen der globalen Expansion des westlichen Zipfels einer Landmasse, die Grataloup als »Achse« wahrnimmt, die Grenzen einer geogeschichtlichen Herangehensweise. Wenn man den Untertitel des Buches, den Einfluss der Geographie auf den Gang der Geschichte, als alleinige Ressource bei der Suche nach einer Antwort heranzieht, bleibt diese Frage offen. Grataloup verlässt dann auch das Metier und zieht andere Aspekte heran.
Ein Beispiel: Auf der Suche nach Sponsoren für seine Erkundungsreisen klapperten Kolumbus und seine Mitstreiter sämtliche westlichen Herrscherhäuser ab. Am anderen Ende der »Achse«, war für Zeng He undenkbar, nach der Verweigerung weiterer Mittel für Erkundungen in China etwa in Japan nachzufragen, ob man dort vielleicht Interesse hätte. Andere große Seefahrernationen, wie etwa die Osmanen, zeigten kein Interesse an Erkundungen. Warum? Mit Geographie haben die Antworten auf diese Frage herzlich wenig zu tun. Das schmälert den Wert der Geogeschichte keineswegs, im Gegenteil: Die Grenzen einer Herangehensweise zu kennen, ist wesentlich für den Leser.
Geogeschichte bietet ein Füllhorn an Fragen an die Welt und dem Leser zahlreiche Anlässe, über sie nachzudenken, weit über die tagespolitischen Aspekte hinaus. Die langen Linien der Entwicklung verdecken naturgemäß die Details und führen zu Vereinfachungen und Verzerrungen. Das ist der Preis, der gezahlt werden muss, wenn der Blick auf die übergreifenden Linien oder Achsen gerichtet wird. Umgekehrt verschwinden diese Entwicklungslinien im Dickicht der Fakten, wenn das Detail in den Vordergrund rückt. Geogeschichte bietet in diesem Sinne eine herausfordernde Lektüre mit erheblichem Erkenntnisgewinn.
Christian Grataloup: Geogeschichte Die Macht der Geographie in der Weltgeschichte Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer 47 schwarz-weiß und 31 farbigen Karten C.H.Beck 2025 Gebunden ISBN: 978 3 406 83726 5
Zwei Sachbücher mit zwei sehr unterschiedlichen Themen. Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.
China greift nach der Weltmacht. Ein Satz, wie man ihn in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft hört. Ob ihn die Autorin Lea Sahay in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums verwendet, weiß ich noch nicht, denn mit meiner Lektüre stehe ich noch ganz am Anfang. Aber Titel und Untertitel geben die Marschroute der Darstellung vor und die ist kritisch. Glücklicherweise, denn bedauerlicherweise wird hierzulande auch gern geträumt, man gewinnt gelegentlich den Eindruck, China wird mit putzigen Panda-Bären gleichgesetzt.
Dabei wächst dort im Osten ein Raubtier heran, das sich anschickt, die Welt zu beherrschen. Ulrich Speck vertritt diese Meinung in seinem Buch Der Wille zur Weltmacht, auch Marcus Keupp findet in Spurwechsel klare Worte über die Bestrebungen Chinas. Dazu reicht eigentlich ein Blick auf das militärisch aggressive Gebaren des Landes, sein harscher Umgang mit westlichen Unternehmen und die offene Unterstützung des Vernichtungskrieges Russlands gegen die Ukraine.
Trotzdem wird hierzulande China ernsthaft als Vermittler ins Spiel gebracht, was eher Ausdruck verzweifelter Ohnmachtsgefühle gegenüber andauerndem Krieg und Donald Trump denn außenpolitischer Realismus zu sein scheint. Wie gefährlich das Leben in Ji Xinpings neuem China sein kann, liest man bei Sahay bereits ganz am Anfang. In einer Diktatur entscheidet das Regime über Leben und Tod, die Beherrschten müssen es dulden.
Bei meinem zweiten Sachbuch hat schon der Titel mein Interesse geweckt: Geogeschichte. Wie schon sein Atlas Die Geschichte der Welt* widmet sich der Autor Christian Grataloup den ganz großen Entwicklungslinien, diesmal allerdings weniger auf die politische Geschichte bezogen, als auf die Einflüsse von Geographie auf die Geschichte des Menschen und umgekehrt.
Das klingt immens spannend, zumal der Leser zu Beginn weit in die Geschichte zurückgeht, nämlich zu den Ursprüngen der Menschheit. Es sind – wie Michael Maar völlig zurecht festgestellt hat – die Details, die haften bleiben. Der Meeresspiegel lag während der letzten Eiszeit einhundertzwanzig Meter unter dem heutigen Niveau, entsprechend gab es Landbrücken, die heute überflutet sind.
Das war eine Voraussetzung für die Expansion menschlichen Lebens, das seinen Ursprung in Afrika hatte und von dort buchstäblich in alle Welt ausschwärmte. Auch hier gibt es Karten, allerdings nur recht wenige, die erläuternd zu dem umfangreichen Fließtext sind.
*Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar
Nach der Lektüre fühlte ich mich, als wäre über mich eine Staffel Eurofighter im Tiefflug hinweggedonnert. Cover C.H.Beck, Bild mit Canva erstellt.
Zu Beginn seines Buches wählt Giuliano da Empoli das anschauliche Bild eines Epochenbruchs, der mehrere Jahrhunderte in Vergangenheit zurückliegt. Er schildert, wie die politische Elite des Aztekenreichs, Herrscher Moctezuma II. und seine Berater, auf die Kunde von der Ankunft der Spanier um Hernán Cortés reagierten. Zunächst betont da Empoli die Fremdheit der Ankömmlinge in der Wahrnehmungswelt der Azteken, ein zentrales Motiv. Es erschwert die Einschätzung, mit wem man es zu tun hat und welche Absichten die Fremden verfolgen.
Undurchdringliche Rüstungen, Feuerwaffen, Kampftaktik und Pferde ließen kaum einen Zweifel an deren technologischer Überlegenheit, dennoch wäre es laut da Empolis möglich gewesen, die wenigen Spanier in Meer zu werfen. Das Problem lag in der Einordnung der Fremden, die nur innehalb der eigenen Vorstellung, des Referenzrahmens geschehen konnte: Waren es Barbaren, Götter oder gar eine Verkörperung des eins vertriebenen Quetzalcóatl? Die Reaktion auf die Ankunft hing von der Beantwortung der Fragen ab. Angesichts der fehlenden Eindeutigkeit geschah – nichts.
In der Zwickmühle einander widersprechender Meinungen tat der Herrscher, was Politiker aller Zeiten in solchen Situationen tun: Er entschied, sich nicht zu entscheiden.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Das meint, Moctezuma entschied sich gegen den Krieg, um in das eigene Herrschaftsgebiet eindringenden Fremden zu vernichten, also gegen einen schmerzhaften und riskanten Schritt mit unwägbarem Ende. Stattdessen habe er Botschafter und Geschenke geschickt, ihnen jedoch den Zutritt zu seiner Hauptstatt verweigert. Am Ende dieser Zögerlichkeit habe er Krieg und Schande geerntet, »was in allen Zeiten aus dergleichen Zögerlichkeit hervorgeht.«
Diese Interpretation von Moctezumas Verhalten wird dem Aztekenherrscher möglicherweise nicht gerecht, folgt man neueren Forschungen, wie etwa Camilla Townsends Fünfte Sonne. Sie bestreitet die Vorherrschaft religiös motivierter gegenüber rationalen Einschätzungen, unterstreicht die technologische Unterlegenheit (»die Welt der Sumerer trifft auf die Renaissance«) bei gleichzeitiger Entschlossenheit der Eroberer und verweist auf die begrenzten Ressourcen des aztekischen Herrschaftsbereiches. Alles zusammengenommen machte einen militärischen Erfolg gegen die Spanier unwahrscheinlich. Trotzdem widerlegt das da Empolis Vergleich keineswegs, im Gegenteil.
Moderne Herrscher können sie nicht wie der von Da Empoli skizzierte Moctezuma auf Unwissen berufen. Sie wissen zum Beispiel in Bezug auf Wladimir Putin sehr genau, was auf sie zukommt; gleiches gilt für China. Auch die erodierende Wirkung der Sozialen Medien auf die Fundamente der Macht ist ihnen mittlerweile bekannt, sie ahnen, dass KI es nicht besser machen lässt. Trotzdem verweigern sie entschlossenes Handeln, obwohl sie – anders als der tragische Aztekenherrscher – eben nicht unterlegen sind bzw. im Falle der KI waren. Im Grunde genommen ist das Versagen also noch viel dramatischer als von Da Empoli für Moctezuma skizziert.
So oder so folgte der Ankunft der Spanier die Auslöschung der Azteken und anderer indigener Völker, die Versklavung von Millionen Menschen, die Ausbeutung südamerikanischer Silbervorkommen, womit endlose Kriege in Europa einschließlich der Abholzung ganzer Landstriche finanziert wurden. Darin liegt eine Botschaft von Die Stunde der Raubtiere, dass nämlich derartige Verheerungen auch durch die modernen Technologie-Konquistadoren verursacht werden. Wenn blöd läuft, eine globale Unterwerfung, vielleicht auch die Auslöschung der Menschheit.
Konfrontiert mit Blitz und Donner des Internets, der sozialen Netzwerke und der KI, unterwarfen sie [die Politiker A.P.] sich in der Hoffnung, ein wenig Feenstaub werde auch auf sie niedergehen.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Da Empoli spricht in seiner sehr persönlichen Analyse von »Degradierungsritualen«, denen er in den vergangenen Jahrzehnten beigewohnt habe. Was er dann in wenigen Sätzen skizziert, ist niederschmetternd, denn es zitiert Bilder, dem jeder Leser von TV-Bildschirmen, aus dem Internet oder der Tagezeitung kennt. Nur unterfüttert er sie mit einer Auslegung, die sich diametral von den Medien unterscheidet; er beruft sich auf seine Erfahrung als politisch Aktiver, Berater und Beobachter. Da alles steht auf den ersten zweieinhalb Seiten. Dem Leser kann dabei schon apokalyptisch zumute werden.
Das Gefühl verstärkt sich während der Lektüre von Die Stunde der Raubtiere. Immer wieder greift der Autor auf historische Motive zurück, vor allem den Untergang der Republik von Florenz, aber auch auf die von Niccoló Macchiavelli beschriebenen Borgia. An deren Handlungsweisen spiegelt er moderne Machtergreifungs- und sicherungsstrategien, etwa die des Mohamed Ben Salman, einer »Figur, die ummittelbar Macchiavellis Werk entstiegen ist.«
Eine besondere Rolle bei den historischen und modernen »Borgianern« spielt die Aktion, die rasche, zielgerichtete und vor allem überraschende Handlung. Das Ziel, so Da Empoli, liegt in der »Schockstarre«, die auf eine Aktion folge. Damit bekommt der Beginn des Buches, die Betonung der Handlungsunfähigkeit und –unwilligkeit moderner Politiker ein noch viel stärkeres Gewicht. Hier wird ein wichtiger Grund für die mit den Händen zu greifende Wehrlosigkeit des gewohnten Politikbetriebes genannt.
Das Zeitfenster, in dem ein Regulierungssystem noch hätte eingerichtet werden können, hat sich heute wieder geschlossen.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Die Einschätzung ist dramatisch. Das Kind liegt im Brunnen und ertrinkt. Damit geht Da Empoli noch über Anne Applebaum oder Timothy Snyder hinaus, die solche Regulierungen als Gegenmaßnahmen empfohlen haben. Dafür ist es zu spät, die Macht der global agierenden Konzerne und die Ruchlosigkeit ihrer Schöpfer und Lenker zu groß; sie brauchen sich längst nicht mehr hinter vorgeschützter Harmlosigkeit zu verstecken.
Die Kapitel, in denen sich das Buch mit den US-Demokraten befasst, werden vielen links-progressiven Lesern übel aufstoßen. Wer aus diesen Kreisen hört schon gern, dass für die Borgianer der »Wokismus ein gefundenes Fressen [ist], der ideale Brennstoff, um ihre Chaosmaschinerie am Laufen zu halten.«? Anhand eines dramatischen Treffens anlässlich von Obamas Abschied aus dem Weißen Haus im November 2017 zeigt Da Empoli, welche Steilvorlagen aus diesem Bereich für die Trumpisten gegeben wurden und bis in die Gegenwart gegeben werden.
Dummerweise hülfe auch ein wenig mehr Klugheit möglicherweise nicht (mehr) weiter. Der für mich haarsträubendste Abschnitt befasst sich mit dem Putsch der Bolschewisten unter der Führung von Leo Trotzki im Herbst 1917. Alexander Kerenski, der die Macht in den Händen hielt, war laut Da Empoli weder schwach noch unfähig, obendrein entschlossen. Trotzdem fegten ihn eine Handvoll Bolschewisten hinweg, weil diese die überkommene Aufstands-Schlachtordnung umstürzten.
Der wahre Antizipationsroman über die KI ist Der Prozess von Kafka, in dem niemand versteht, was vor sich geht, weder der Angeklagte noch die Richter, die ihn anklagen, und doch nehmen die Ereignisse unaufhaltsam ihren Lauf.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
Das Zitat müsste vielleicht noch durch Kafkas Das Schloss erweitert werden, auf das sich Da Empoli auch bezieht. Am Ende führt der Autor noch vor, wie die Neue Welt unter der digitalen Fuchtel aussieht. Nicht aussehen könnte, denn »für einige ist das Schloss bereits da«, beispielsweise die Zusteller. Oder das Örtchen Lieusaint in Frankreich, das bereits spürt, wie es ist, unter der Optimierungs-Zuchtrute einer KI zu leben. Der Brückenschlag macht aus der bis dahin bildgewaltigen, aber eher abstrakten, literarisch unterfütterten Darstellung schlagartig Alltagsrealität. Der Leser fühlt sich, als wäre eine Staffel Eurofighter im Tiefflug über ihn hinweggedonnert.
Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar, das mir freundlicherweise vom Verlag C.H. Beck zur Verfügung gestellt wurde.
Giuliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere Macht und Gewalt der neuen Fürsten Aus dem Französischen von Michaela Meßner C.H. Beck 2025 Klappenbroschur 128 Seiten ISBN: 978-3-406-83821-7
Sie galten als die Barbaren schlechthin, haben ganze Lanstriche mit ihren aggressiven Raub- und Mordzügen verwüstet und Imperien ins Wanken gebracht: die Hunnen. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.
Der Untergang des weströmischen Kaisertums war nicht zuletzt auch eine Folge des Zusammenbruchs des hunnischen Machtgebildes gut eine Generation zuvor und des dadurch ausgelösten Westdrifts zahlreicher Krieger.
Mischa Meier: Die Hunnen
Wer waren denn nun eigentlich Die Hunnen? Nach der Lektüre des Buches über die »Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger« lässt sich diese Frage noch weniger als zuvor mit einem kurzen Satz beantworten. Der Begriff »Hunne« bezeichnet (wie etwa auch »Skythe«) ganz unterschiedliche Gruppierungen, deren wesentliche Kennzeichen eine hohe Fluktuation oder Fluidität, eine nomadische Lebensweise, geprägt durch die Steppe, und große Mobilität waren.
In diesen nebeltrüben Annäherungen kann man schon Geheimnisse wittern, was in der Rezeption der Hunnen von den Römern bis Fritz Lang weidlich ausgenutzt wurde. Leichter fällt die Eingrenzung, wenn man sich vergegenwärtigt, was die Hunnen nicht waren. Als Volk, Stamm oder gar »Rasse« kann man die Hunnen nicht bezeichnen, für sie lässt sich auch kein eindeutiger Herkunftsort nennen. So kann man beispielsweise für einen Nordhessen einen Landstrich verorten, ein »Hunnien« wird man jedoch vergeblich suchen.
Große Vorsicht ist auch mit dem Begriff »Barbaren« geboten. Die Römer haben beherzt alles, was nicht-römisch war, als »barbarisch« abgegrenzt. Das Wort sagt wenig über die kulturellen Errungenschaften der jeweiligen »Barbaren« aus. Wer damit zottelige Geschöpfe in Pelzen, die kaum ein klares Wort über die Lippen bekamen, verbindet, denke bitte an die Karthager, die Parther (Sassaniden, Perser), Chinesen und alle anderen im Schatten europäischer Nabelschau verborgenen Hochkulturen.
Die Hunnen gelten als die Barbaren schlechthin.
Mischa Meier: Die Hunnen
Auch mit dem Begriff »Reiterkrieger« oder »Steppennomade« verlässt man das Niemandsland des Unpräzisen nicht, denn – wie etwa auch die Wikinger – haben die Hunnen keineswegs nur (Raub-)Kriege geführt und kein reines Nomadenleben geführt, sondern auch Handel betrieben und in geringem Maße auch Elemente einer sesshaften Lebensweise gezeigt. Autor Mischa Meier betont die hochkomplexe Herausforderung, die eine mobile Existenzform (Pferdezucht, Viehweidewirtschaft) darstellt, nicht umsonst sollen Steppennomaden nicht etwa der Sesshaftigkeit vorangegangen, sondern erst danach aufgetreten sein.
Vor allem aber verbirgt sich hinter diesen Begriffen der gescheiterte Versuch Attilas, das hunnische Fundament der Machtausübung grundsätzlich zu wandeln, was letztlich zum Verschwinden der Hunnen führte. Was Meier in seinem Buch über das Ende der Hunnen unter Attila darstellt, berührt aus meiner Sicht mehrere der ganz grundlegenden Fragen an die Vergangenheit. Etwa: Warum scheitern Gesellschaften?
Gleich mehrere Staaten und sich in Ansätzen verstaatlichende, also in den römischen Kosmos integrierende Gruppierungen, sowie die Reiterverbände selbst scheiterten bzw. gerieten unter existenziellen Druck.Die Hunnen zeigt gleich mehrere grundverschiedene Beispiele für die Handlungsweisen von (staatlichen) Eliten in Extremsituationen. West- und Ostrom, Sassaniden, Goten, Burgunder, Franken, Hunnen usw. versuchten sich an ganz unterschiedlichen taktischen und strategischen Wegen, um zu überleben.
Auch in der Spätantike […] hingen große Teile der (römischen A.P.) Eliten an den überkommenen Vorstellungen eines permanent expandierenden Reiches an, dessen Grenzen letztlich mit den Rändern der bewohnten Welt identisch waren […] und dessen militärische Überlegenheit über jeden Zweifel erhaben sei.
Mischa Meier: Die Hunnen
Freunde schlichter Wahrheiten und Erklärungen werden es mit Die Hunnen schwer haben. Die Schilderung, was man aus wissenschaftlicher Sicht sagen kann, ist bei einer seriösen Herangehensweise immer mit der Diskussion darüber verbunden, worauf das Gesagte fußt. Meier stellte auführlich dar, wie weit die Thesen im Falle der Hunnen auseinandergehen, wo die jeweiligen Vorzüge und Nachteile des Erklärungsansatzes liegen und welche er für stichhaltig hält. Daran zeigt sich, wie »Wissen« und »Fakten« auf Konsens bei gleichzeitigem Dissens beruhen und eben nicht auf Eindeutigkeit oder gar Wahrheit.
Das reicht direkt in aktuelle Diskussionen hinein, etwa bei der Frage, ob man der hunnischen Machtbildung den Charakter eines Imperiums zuschreiben kann oder nicht. Zwangsläufig wird man mit Überlegungen konfrontiert, was eigentlich ein Imperium ist oder – wie Meier es im Zusammenhang mit den Hunnen vorzieht – ein Reich. Die dynamische Aggressivität der »Kriegskonföderation« aus Reiterkriegerverbänden beruhte nicht zuletzt auf dem Herrschaftsmodell eines charismatischen Anführers, der unter großem Erfolgsdruck durch seine Gefolgschaft stand und zur Expansion faktisch gezwungen wurde.
Es ist extrem spannend zu verfolgen, wie sämtliche Kontrahenten unter inneren Zwängen litten. Bei den Hunnen setzte der Machtzerfall ein, wenn der Erfolg ausblieb, aber eben auch, wenn der Erfolg zu groß wurde. Ganz praktisch enden die Möglichkeiten räuberischer Kriegszüge, wenn ein blühender Landstrich vernichtet wurde. Daher durfte das Römische Reich als lohnendes Ziel von Raubzügen nicht zerstört werden. Es blieb der Strategiewechsel, nämlich auf den Spuren anderer multiethnischer Gruppen Teil der Römischen Welt zu werden. Das heißt nicht, sich römisches Territorium zu unterwerfen, sondern eher den Versuch der Einbindung beispielsweise durch einen funktionalen Titel, wie magister militum für den Anführer etwa.
Attila wurde allmählich zum Opfer seines eigenen Erfolges.
Mischa Meier: Die Hunnen
Attila versuchte und verhob sich daran. Die Ereignisse um 450 n. Chr. sind in jeder Hinsicht spektakulär. Ausgerechnet auf weströmischem Territorium gelang militärischer Widerstand, der in der dramatischen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern mündete. Der schauerliche Blut-Tag endete unentschieden, doch war der »Hunnen-Sturm« gestoppt. Das erinnert an die Schlacht bei Lützen 1632 und Wallensteins Diktum, was nach einer Schlacht geschehe, sei wichtiger als die Schlacht selbst.
Attila zog nach der Demütigung in Gallien im Folgejahr gen Italien und wurde dort nach Anfangserfolgen von Hunger, Krankheiten und logistischen Problemen abermals gestoppt. Das war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft, die »Kriegerkonföderation« brach nach seinem überraschenden Tod rasch zusammen. Der »Sieg« über Attila und dem Zerfall seines Kriegsvolks war laut Meier allerdings ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch des Weströmischen Reiches. Was kurios anmutet, klingt folgerichtig.
Statt eines großen Verbandes standen plötzlich zahllose kleinere Gruppen bereit, ein riesiger Pool an Kriegern, die bereit waren, sich für Beute und Land (!) in den Kampf zu stürzen. Jeder Warlord im zerrütteten römischen Westen konnte problemlos Kriegshaufen zusammenstellen, während die Zentralmacht um Kaiser Valentian III. ausgerechnet Flavius Aëtius (wie Wallenstein durch Ferdinand II.) beseitigen ließ, den Architekten eines halbwegs geordneten Galliens und der Allianz gegen Attila. Wenige Jahre später war Westrom nicht nur faktisch, sondern auch nominell Geschichte.
Anders als im Fall der gegenwärtigen russischen Aggression gegen die europäischen Demokratien muss aber keineswegs davon ausgegangen werden, dass sich im Fall eines hunnischen Erfolges «ein Leichentuch über das occidentalische Leben» gebreitet hätte.
Mischa Meier: Die Hunnen
Das Zitat ist eine ausgesprochen interessante Antwort auf die Frage, was geschehen wäre, wenn Attila sich militärisch durchgesetzt hätte. Dreimal nimmt Meier Bezug auf den allumfassenden Krieg des Moskauer Diktators gegen die Ukraine und Westeuropa. An einer anderen Stelle heißt es, dass wertvolle kulturelle Güter durch die Taliban aus der Hunnen-Zeit zerstört wurden, wie andere Kulturschätze aktuell in der Ukraine durch »russische Angriffshorden« für immer vernichtet werden.
Das erscheint mir ein sehr passender Gegenwartsbezug, der die menschenverachtende russländische Landnahme in eine lange, unselige Tradition stellt. Denn bei allem anderen haben die Raub- und Kriegszüge der Hunnen unendliches Leid über die Bevölkerung gebracht, ganze Landstriche verwüstet, zerstört und entvölkert. So geschieht es heute. Man kann derlei hinter einem Wort wie »Transformation« verstecken, ich bevorzuge allerdings zur Beschreibung von Vergangenheit und Gegenwart »Vernichtung« und »Untergang«.
Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar.
Mischa Meier: Die Hunnen Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger C.H. Beck 2025 Gebunden, 534 Seiten Mit 22 Abbildungen und 11 Karten ISBN: 978-3-406-82915-4
Einen wissenschaftlichen Streifzug durch die Welt der mittelalterlichen Städte in Deutschland unternehme ich mit diesem Buch, das viel zu lange ungelesen in meinem Regal schlummerte.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.