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Schlagwort: Historiographie (Seite 1 von 3)

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Der Lektüre habe ich mit großer Spannung entgegengesehen, schließlich beschäftigt mich das Schicksal der Gracchen seit meinem Studium. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wie konnte es so weit kommen?

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das zweite Kapitel von Der Tod der Tribune ist mit dieser Frage überschrieben. „So weit“ meint dabei die brutale Ermordung des Volkstribuns Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr., das erbarmungslose Niederhauen von 300 seiner Anhänger, die nachfolgende Schändung ihrer Leichen. Zehn Jahre später wurde der jüngere Bruder, Gaius Gracchus, ebenfalls auf gewaltsame Weise mit 3.000 Gefolgsleuten getötet.

Der Vorgang ist – bis dahin – einmalig gewesen, die Folgen für die Römische Republik werden als verheerend angesehen: Oft wird mit dem Doppelmord ein Anfangspunkt benannt, nach dem die Republik Schritt für Schritt in den Abgrund glitt. Dafür kann man Gründe anführen: Beschädigung der Verfassungsordnung, des sakrosankten Amte und des Rechts allgemein. Vor allem aber wurde ein doppelter Präzedenzfall geschaffen, nämlich, auf Gewalt zu setzen.

Politisch denkende Zeitgenossen mögen an dieser Stelle vielleicht an den Sturm auf das Capitol denken oder auch an den Angriff auf Robert Habeck, verbunden mit dramatischen Befürchtungen bezüglich der Aussichten für die westliche Demokratie. Grundsätzlich sind Analogien mit großer Vorsicht zu genießen, Vergleiche, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen, sind aber wichtig, sonst bleibt die Lektüre zwangsweise akademisch.

Andererseits tut akademische Nüchternheit und eine möglichst sachliche Betrachtung dessen, was über die Umstände, Hergänge, Gründe und Folgen überliefert ist und in der Forschung diskutiert wird, dem Thema gut. Die Gracchen werden manchmal in ein sozialromantisches Licht getaucht, als tragisch gescheiterte Retter der ins Straucheln geratenen Römischen Republik; eine Art Che Guevara – Brüderpaar der Antike. Ausgerechnet Cicero hat allerdings eine ganz andere Einschätzung geäußert.

Tiberius Gracchus der Ältere [d.h. der Vater des ermordeten Volkstribuns] habe, so Cicero später, den Bestand der Republik gerettet, sein Sohn sie zertrümmert.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die Autorin Charlotte Schubert widmet sich zunächst der Mordtat und den nachträglichen Versuchen einer Legitimation. Das ist wichtig, denn es zeigt, wie dünn und lückenhaft die Überlieferung ist und wie schwierig quellenkritisch tragfähige Aussagen sind. So steht Ciceros Einschätzung im Verdacht, weniger die realen Ereignisse zu bewerten, als einen Versuch zu unternehmen, die eigene Missachtung institutionalisierten Rechts zu überdecken.

Tiberius und Caius Gracchus haben allein wegen ihrer Herkunft und sozialen Verankerung in der römischen Gesellschaft mehr mit ihren Gegnern als mit »dem Volk« gemeinsam: Sie gehörten zur Elite Roms. Tiberius bekleidete zwar das Amt eines Volkstribuns, er stammte weder aus dem Volk noch sprach er für „das Volk“ in einem sozialromantischen Sinne. Noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Roms Elite befand sich in einem erbarmungslosen Wettstreit um Macht, Ansehen und Ruhm.

Der Tod der Tribune entfaltet nun ein politisches Panorama, das viele Fäden aufzeigt, die zu jenem Knäuel führten, das mittels einer unerhörten Bluttat kurzfristig »gelöst« wurde. Im Kern drehte sich die Auseinandersetzung um die Bodenreform, die Zuteilung von Land an römische Bürger, ein Projekt, das keineswegs nur die Gracchen vertraten und das nach dem Tod von Tiberius und Caius eben auch nicht in der Versenkung verschwand.

Es verbietet sich, hier auch nur den Versuch zu unternehmen, die komplexe und durchaus widersprüchliche Entwicklung, immer überschattet von der schwierigen Quellenlage, auch nur halbwegs adäquat zu skizzieren. Das bleibt der Lektüre des ausgesprochen interessanten und sehr gut informierenden Buches vorbehalten. Der Leser wird Zeuge eines sich dramatisch zuspitzenden Machtkampfes, in den zufällig äußere Einflüsse hineinspielten.

Wieder einmal – wie so oft in der Geschichte – stellte sich das Geld als der entscheidende Punkt heraus: Tiberius brauchte für die Verwirklichung seiner Reform die materiellen Mittel, und die Mehrheit des Senats wollte ihm nichts bewilligen.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Die so genannte Schenkung durch Attalos III. von Pergamon etwa, mit der Rom als Erbe eines Königreichs im Osten wurde, war dabei wohl entscheidend. Um sich aus dem finanziellen Würgegriff des Senats zu befreien, versuchte Tiberius Gracchus per Gesetz den »Schatz« des verstorbenen Königs zur Finanzierung seines Vorhabens zu nutzen. Das dürfte der Schritt über die »rote Linie« des Senats sein, wie Schubert meint, denn außenpolitische Angelegenheiten gehörten in dessen Verantwortungsbereich.

Entscheidend ist aber nach Einschätzung der Autorin das Verhalten des Volkstribuns während seiner letzten Volksversammlung, das sie als unklug und wohl missverständlich beschreibt und für seine Gegner nicht tolerierbar gewesen sei. Das ist durchaus nachvollziehbar. Machtkämpfe sind immer auch ein Ringen um Handlungsspielräume inmitten der institutionalisieren und formalrechtlich festgelegten Grenzen, die dabei gedehnt und auch überschritten werden.

Tatsächlich haben das vor den Gracchen andere Mitglieder der Elite ebenfalls getan, ohne getötet zu werden. Umgekehrt bleibt aber die Frage, warum sich der Senat nicht nur mit bemerkenswerter Kompromisslosigkeit gegen das Reformvorhaben wandte, die Reformer brüskierte, bloßstellte und diskreditierte. Scheinbar waren Tiberius und später auch Caius so weit gegangen, dass sie von den Senatoren als grundlegende Gefahr für deren Macht angesehen und ausgeschaltet wurden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Gegner der Gracchen und ihres mit Tiberius’ Tod nicht beendeten Reformwerks Scipio Aemilianus zum Diktator ernennen wollten, um den immer höher kochenden Aufruhr in Rom zu bekämpfen. Scipio war mit Tiberius verwandtschaftlich verbunden, aber politisch verfeindet. Er hatte Karthago und Numantia dem Erdboden gleichgemacht, es erscheint keineswegs übertrieben, wenn Schubert meint, dass Sullas Handlungsweise zwei Generationen später als Blaupause dienen könnten für das, was Rom bereits nach 129 v. Chr. hätte blühen können.

Der Tod Scipios löste zumindest dieses Problem. Nach seinem Tod unterblieben weitere Attacken gegen die Bodenreform und die Gefahr eines Aufruhrs war vom Tisch.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Das ist ein bemerkenswerter Hinweis. Der Tod eines Gegners und entschiedenen Bekämpfers der Reformen war der Grund für die ersterbenden Flammen der Empörung. Das gibt einen wichtigen Hinweis, wo der Unruheherd zu suchen ist. Das schwelende Feuer erlosch jedoch nicht, denn mit dem Volkstribunat des jüngeren Gracchen-Bruders ging das Spiel in verschärfter Form weiter. Caius Gracchus entfaltete ein Feuerwerk an Reformaktivitäten, seine Gegner griffen zu neuen, durchaus perfiden Mitteln, um ihn zu stoppen.

Caius Gracchus kam am Ende im Rahmen einer brachialen Bluttat mit mehr als 3.000 Toten um. Charlotte Schubert skizziert den zeitlichen Ablauf: Zunächst habe sich der vormalige Volkstribun mit seinen bewaffneten Anhängern auf den Aventin versammelt, erst danach sei diese bar jeglicher Legitimität zusammengerottete Truppe Aufständischer mit »umstürzlerischer« Absicht attackiert und niedergehauen worden. Kann man Caius tatsächlich unterstellen, er plante eine Aktion, die in einen Bürgerkrieg geführt hätte? 

Es erscheint  richtig, dass die Morde von 133 und 121 v. Chr. »kaum zu vergleichen« (im Sinne von gleichzusetzen) sind, doch kann man in der Betrachtung der Ereignisfolge die Tötung des Tiberius nicht übergehen. Sie war die erste Gewalttat, initiiert und ausgeführt von Reformgegnern aus dem Senat. Allein die Überlieferung von Caius’ Traumgesicht, das ihm seinen Tod vorausgesagt haben soll, unterstreicht die Bedeutung des Mordes von 133 für die Handlungsweise von Caius und seinen Anhängern zwölf Jahre später. Der vielzitierte Traum wirkt eher wie ein illusionsloser Blick auf das besiegelte Schicksal des ehemaligen Volkstribuns.

Vielleicht war die Zusammenkunft auf dem Aventin eine letzte heroische Geste oder ein Akt der Verzweiflung, um das verwirkte Leben zu retten? Sie wirkt tatsächlich eher defensiv. 3.000 Anhänger des Gracchen wurden niedergemacht; auch wenn sie bewaffnet waren, müssen sich gegenüber den Kräften des Opimius (»Schwerbewaffnete und Bogenschützen«) dramatisch unterlegen gewesen sein. Auch aus diesem Grund frage ich mich, ob  Caius´ Absicht tatsächlich »umstürzlerisch« im Sinne eines bewaffneten Aufstandes war, insbesondere angesichts der erbarmungslosen Schlächtermentalität ihres Gegners.

Dreitausend Menschen haben die Widersacher des Volkstribunen Caius Gracchus niedergemacht; deren Vermögen zog die Staatskasse ein.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

Selbst der Hinweis auf den rechtlichen Status von Caius als Privatmann zum Zeitpunkt seines Todes hilft nur bedingt weiter, denn die Ermordung seines Bruders hat gezeigt, dass auch ein Amt keinen Schutz mehr bot. Nicht umsonst versuchte Caius den Schutz gegen gewalttätige Übergriffe wiederherzustellen und zu erhöhen, gerade auch für Privatmänner, die oft dem Machtmissbrauch der Elite ausgesetzt waren; auch die Volkstribunen sollten vor Attacken nach Beendigung ihres Amtes geschützt werden.

Vor allem aber ist augenfällig, dass die Reformgegner eine zutiefst destruktive Verhaltensweise an den Tag legten. Neben der schon aus den Zeiten des Tiberius bekannten Blockade sah sich Caius einer perfiden Taktik seiner Gegner gegenüber: Die Überflügelung der Reformgesetze durch viel weiter reichende, die zwar von der Volksversammlung abgesegnet wurden, aber in keiner Weise finanzierbar waren und nicht umgesetzt wurden; ja, niemals umgesetzt werden sollten. Parallel wurden auf diese Weise Vorhaben des Caius abgeschwächt.

Charlotte Schubert ist in jedem Fall zuzustimmen, dass diese Vorgehensweise geschickt und sehr effektiv gewesen ist. Offen bleibt für mich aber die Frage, woher dieser fundamentale, extrem aggressive und schließlich in dem sehr zwiespältigen und rechtlich obskuren Senatus Consultum Ultimum mündende Widerstand eigentlich rührte. Naheliegend wäre die Vermutung, dass der Senat das Volkstribunat einhegen oder gar beseitigen wollte, mithin also eine institutionelle Umformung der Republik, die man den Gracchen und ihren Anhängern unterstellte.

Faktisch fehlte „die über Jahrhunderte eingeübten Verfahren der Konsensherstellung“, aus meiner Sicht macht Tod der Tribune deutlich, dass diese vor allem auf Seiten des Senats verschwunden war, und zwar auch gegenüber ganz herausragenden Persönlichkeiten wie Fulvius Flaccus. Aber warum? Wo auf dem Weg vom Sieg über Hannibal waren sie verloren gegangen? Einen Ersatz für die Konsensherstellung gab es bis zum Ende der Republik nicht.

Das Instrument des Senatus Consultum Ultimum hat 121 keine Eskalation verhindert, später auch nicht. Nach dem Tod des Caius’ begann eine immer dramatischere Zeit der inneren Gewalt in der römischen Republik, endlose, blutige Kriege im Innern, Proskriptionen, Mord und Totschlag. Diejenigen, die Öl ins Feuer gegossen haben, saßen im Senat; dafür haben nicht nur die Gracchen einen hohen Preis bezahlt:

Mit der Ermordung der Tribunen und der Abschlachtung der Gefolgsleute des Caius hatte sich das senatorische Rom für die Zukunft entscheidende Wege zur Konfliktlösung innerer Krisen verlegt – die Eliten führten so die Republik in eine Sackgasse, aus der es einhundert Jahre später endgültig keinen Ausweg mehr gab.

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune

So ist es.

[Rezensionsexemplar]

Charlotte Schubert: Der Tod der Tribune
Leben und Sterben des Tiberius und Caius Gracchus
C.H.Beck 2024
Gebunden 304 Seiten
ISBN: 978 3 40681372 6

Harald Jähner: Wolfszeit

Die Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten wurden im restlichen Deutschland nicht mit offenen Armen empfangen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Bei einem meiner üblichen Besuche der hiesigen Stadtbibliothek bin ich auf den Bildband Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern. 1945 – 1955 gestoßen. Nach der Lektüre von Harald Jähners begeisterndem Buch Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen wollte ich ohnehin auch sein Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 lesen, somit bot sich eine sehr passende Gelegenheit. Das Sachbuch habe ich teilweise gehört, teilweise im ebenfalls ausgeliehenen Buch gelesen, allein wegen der Bilder sollte man zum Gedruckten greifen.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die »Niemandszeit« zwischen dem Ende des so genannten »Dritten Reichs« und der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 wird auf vielen Feldern ergründet. Das Bild, das sich bietet, ist überraschend vielfältig und bricht mit dem Grau, das die kollektive Erinnerung zeichnet, die auf einer eher stiefmütterlichen Behandlung dieser Phase in Wissenschaft und Lehre beruht. Autor Jähner führt das auf die fehlende institutionelle Verankerung des Zeitabschnitts infolge der Abwesenheit von Staat und Regierung zurück, die in der nationalstaatlich geprägten Historiographie aber entscheidend gewesen ist.

»Niemandszeit« legt einen Zeitraum nahe, in dem etwas noch nicht ganz zu Ende gegangen ist und etwas Neues noch nicht richtig angefangen hat. Die berühmte »Stunde Null«, ein hoch umstrittener Begriff, würde also im Grunde genommen zu einem »Vier Jahre Null«, ehe die Bundesrepublik Deutschland und die DDR ihre Staatsgeschäfte aufnahm und der Kalte Krieg ins Rollen kam.

Zwei sehr gegensätzliche Gruppen bildeten die Masse der Trecks: die Displaced Persons und die Vertriebenen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Jähner begibt sich mit Wolfszeit mitten hinein in dieses geschichtliche Niemandsland, das unzählige Biographien geprägt hat. Teilweise sind die Befunde, die der Autor liefert, schockierend. Von »Null« im Sinne einer Stille und Abwesenheit von Dramatik und Bewegung kann überhaupt keine Rede sein. Mehrere Millionen Menschen waren nach der Kapitulation der Wehrmacht nicht dort, wo sie hingehörten.

Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, entlassene Wehrmachtssoldaten, Kriegsgefangene der Alliierten, Vertriebene Deutsche – rund die Hälfte aller Menschen auf dem verbliebenen deutschen Boden lebte unterwegs. Man sollte sich die Zahlen immer wieder vor Augen führen. Wer sollte diese gewaltige Masse Menschen geordnet nach Hause, in ein neues Leben oder auch nur unter ein Obdach führen. Die Alliierten waren völlig überfordert, wenn zum Beispiel nur 21 Soldaten 45.000 Kriegsgefangenen gegenüberstanden.

Der Umgang mit den Menschen war sehr unterschiedlich, doch bleibt bei der Lektüre ein wiederkehrendes Motiv hängen, dass sie überwiegend höchst unwillkommen waren. Bei den zwangsweise Eingesperrten war unklar, wie sie sich gegenüber den Deutschen verhalten würden. Das unmenschliche Lagerleben zog eine Verrohung ihrer Insassen nach sich, der Hass auf alles Deutsche war allein angesichts der wahllosen Massenmorde an Zwangsarbeitern gegen Kriegsende wenig verwunderlich.

Es kam zu geradezu grotesken Situationen, wenn etwa Alliierte und Deutsche die Lager bewachten, in denen jene noch immer ausharren mussten, die schon vorher darin gesessen hatten. Das war nicht unbedingt böser Wille, im Gegenteil, denn tatsächlich gab es Überfälle, Plünderungen, Morde an Deutschen, die als Freiwild galten. Überraschend auch, wie lange sich manche Lager für DPs gehalten haben und – weniger überraschend – wie schnell klar war, dass unter der gewaltigen Zahl der von den Nazis ins Lager gepressten Menschen sich antisemitische Abgründe auftaten.

Die jüdischen DPs brauchten eigene Lager, nach Pogromen in Polen kamen neue Juden nach Deutschland und in die Lager, um nach Israel zu gelangen, was kurzfristig unmöglich war. Die Neuankömmlinge sorgten unter den jüdischen Überlebenden aus Deutschland für abweisende Reaktionen und saßen dank der Verschiebung der Grenzen in Osteuropa einstweilen ausgerechnet im Täterland fest. Sie waren heimat- und staatenlos geworden.

Nicht jeder wollte wieder zurück. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Stalins Werktätigenparadies weigerten sich zum Teil heftig gegen die unter den Alliierten vereinbarte Rückführung. Es wurde teilweise Gewalt angewendet, um die Verweigerer zur Ausreise zu bewegen, was oft wenig nutzte, denn im Archipel Gulag der Sowjetunion blühte diesen Menschen ein düsteres Schicksal: Zwangsarbeit und Lagerleben unter dem Vorwand, ein Verräter und Nazi-Kollaborateur zu sein.

Diese Abschnitte geben nur einen winzigen Teil dessen wider, was Jähner zu dem Thema schildert. Es macht aber deutlich, wie vielschichtig die Lage nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« gewesen ist. Das betraf auch die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, die zweite große Gruppe unter den Trecks auf der Straße.

»Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesier, Pommern und Bessarabiendeutsche – alles “Polacken”.«

Harald Jähner: Wolfszeit

Mit “Polacken” wurde von dörflich-bäuerlicher Bevölkerung alles bezeichnet, was aus den verlorenen Ostgebieten oder deutschen Siedlungsgebieten in anderen Staaten in die restlichen deutschen Gebiete flüchtete. Das ist purer Rassismus – gegen Weiße, wohlgemerkt, der noch ganz andere Abgründe zeitigte. In bester Kontinuität sorgte man sich um Rassenschande, man hieß die Zugezogenen “Zigeunerpack”, deren katastrophaler körperlicher Zustand sorgte die Spezifizierung als “40-Kilo-Ziegeuner”.

Wirklich unheimlich ist, was ausgerechnet aus den Reihen der dänischen Minderheit über die Vertriebenen gesagt wurde. Jähner schildert die Äußerungen eines dänischen Journalisten namens Tage Mortensen, der allen Ernstes von einer »Mulattenrasse« sprach. Weniger überraschend sind die Abwehrreflexe aus den Kirchen, die durch die andersgläubigen Zuwanderer bedroht werde. Hetzreden wurden auch von Politikern geschwungen, Vertreibungsphantasien blühten, von »Blutschande« war die Rede und einer erneuten Vertreibung nach Osten.

Die Landbevölkerung zeigte sich von ihrer ganz besonders herzlichen Seite. Auf alliierten Druck mussten die freistehenden Räume den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden. Das waren Millionen. Zu den krassen Reaktionen gehörte die Tötung eines Flüchtlings nebst seiner drei Kinder, doch auch die Normalität war beschämend, wenn es um die menschenunwürdige Auswahl der Aufzunehmenden durch die Bauern ging. Die Kräftigsten und Schönsten ins Töpfchen, der Rest unter höhnischen Bemerkungen ins Kröpfchen.

Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.

Harald Jähner: Wolfszeit

Aber bei dieser Schilderung bleibt Jähner nicht stehen. Einer der großen Vorzüge des Buches liegt darin, dass die – teilweise positiven – Folgen der massiven Zuwanderung nicht unerwähnt bleiben. Die abgeschlossenen Dörfer mit ihrer Bevölkerung wurden quasi über Nacht vielfältig, gleichzeitig brachen die überkommenen, dumpfen, rückständigen Gewohnheiten wenigstens teilweise auf, sie erzwangen eine »Entprovinzialisierung«, waren »Agenten der Modernisierung«.

An dem Beispiel wird deutlich, wie widersprüchlich die Entwicklung gewesen ist. Das gilt für nahezu alle Bereiche, die Jähner in seinem Beispiel anführt, von einigen wenigen wie der Massenvergewaltigung deutsche Frauen durch die Angehörigen der Roten Armee einmal abgesehen, von der bis zu zwei Millionen Frauen betroffen waren. An diesem Krieg gegen die Frauen gibt es nichts Widersprüchliches, es ist ein lange verschwiegenes, grausames Verbrechen.

Im Westen war die Lage glücklicherweise anders. Zwar gab es auch hier umfangreiche Vergewaltigungen (wie zum Beispiel George Orwell berichtete), aber nicht in dem monströsen Ausmaß des Ostens. Stattdessen wurde fraternisiert, obwohl das von den Alliierten untersagt worden war. Der Leser von Wolfszeit lernt den Typus der »Veronika Dankeschön« kennen – ein Wortspiel, denn die Initialen VD stehen für Venereal Disease, Geschlechtskrankheit.

Jähner räumt mit dem Vorurteil auf, es ginge bei den Beziehungen von deutschen Frauen und alliierten Soldaten nur um materielle Vorteile, eine Art Versorgungsbeischlaf. Es hat einige Zeit gedauert, bis sich die üblen Vorwürfe gegen diese Liebeleien endlich entschiedenem Widerspruch entgegensahen. Jähner verweist auf das zutiefst bigotte Kuriosum, dass der annoncierte Wunsch nach einer Einheiratung in eine Metzgerei akzeptiert war, während die kalkulierte Nähe zu einem alliierten Soldaten als Hurerei und Volksverrat beschimpft wurde. Dabei zeigen allein die vielen Ehen deutscher Frauen mit amerikanischen Soldaten, dass es eben um viel mehr als opportunistische Erwägungen ging.

Es war Veronika Dankeschön, die den dicksten Schlussstrich unter die Vergangenheit setzte, mit Haut und Haaren und nicht selten sehr liebevoll.

Harald Jähner: Wolfszeit

Der viel beschworene »Schlussstrich« wird in Wolfszeit selbstverständlich auch in seiner vielgestaltigen Form thematisiert: Tanzwut, Karneval (es bleibt einem wirklich nichts erspart), aber auch der lange, zähe Weg vom Schwarzmarktraubtier und gewieften Plünderer zum Wirtschaftwunder-Rackerer der Generation Käfer wird nachgezeichnet. Jähners Akzente sind bemerkenswert: Beate Uhse und ihr äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell, das vehement angefeindet wurde, vor allem, weil sie eine Frau war.

Überhaupt war die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den Jahren nach 1945 sehr interessant. Jähner These, wie sich die Männer ihre Vormachtstellung zurückeroberten, ist bemerkenswert. Der Mythos der Trümmerfrau ebenfalls, weil er sich so zäh hält, während die völlige Entfremdung durch den Krieg und die eigenständig und selbstbewusst handelnde Frau zu massiven Konflikten mit den Rückkehrer führten.

Schwer erträglich ist der Umgang mit Mädchen gewesen, die als »gefallen« galten, sprich als Minderjährige Sex hatten. In den berüchtigten Erziehungsheimen erwartete sie ein drakonisches Regiment, das man getrost als Terror bezeichnen kann. Einen Grund für diesen unmenschlichen Umgang beschreibt Jähner so: 

Das Schreckgespenst »verwahrloster Mädchen« löste Phobien in den Behörden aus, die heute als geradezu krankhaft erscheinen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Ärgerlich sind an Jähners äußerst anregendem Buch nur wenige Dinge: »Die Russen hatten durch den Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren.« »Die Sowjets« oder »Sowjetunion« wäre die richtige Formulierung gewesen, ein Vielvölkerstaat, in dem Millionen Ukrainer, Belarusen, Letten, Esten, Litauer usw. durch den Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS ihr Leben lassen mussten. Der synonyme Gebrauch von »Russe« und »Sowjetbürger« verbot sich im Grunde genommen schon immer, angesichts der großen Qualitäten von Wolfszeit bleibt dieser sprachliche Missgriff ein Mysterium.

Davon einmal abgesehen ist Wolfszeit ein großartiges Buch, das die Dimension der Umwälzungen nach dem offiziellen Ende der Kriegshandlungen spürbar macht. Entwurzelte, Frauen, Liebe, Kultur, Enttrümmerung, Hunger, Schwarzmarkt, die seltsame Entnazifizierung, Displaced People, Lagerleben auch Jahre nach dem Krieg, Wirtschaftswunder, Währungsreform – so viele wichtige Themen werden auf gekonnte Weise erzählt und mit ausdrucksstarken Bildern untermalt.

Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungstermin: 15.09.2020
264 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0101-1

Harald Jähner: Wolfszeit
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 15.09.2020
480 Seiten
ISBN: 978-3-499-63304-1

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Sachbuch stellt einen vollständigen Bruch mit vielen historiographischen Konventionen dar, das den Leser vor eine ebenso herausfordernde wie erkenntnisreiche Lektüre stellt. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Eine Welt wird neu besichtigt: Eintausend Jahre zwischen 526 und 1535 nach Christus nimmt Bernhard Jussen mit seinem historischen Sachbuch Das Geschenk des Orest in den Blick. Der Zeitrahmen stimmt – eher zufällig – fast mit dem überein, was gemeinhin als »Mittelalter« bezeichnet wird, wenn auch die Zäsuren ein wenig verschoben sind; dabei macht sich Jussen auf, den Epochen-Begriff und -Gedanken abzulösen.

Von »Mittelalter« ist in diesem Buch dann die Rede, wenn es darum geht, seine Sinnhaftigkeit infrage zu stellen; das gilt auch für »Antike« oder »Neuzeit«, aber auch für »Byzanz« oder »Staufer«, »Salier« oder »Karolinger«. Allesamt für historisch Interessierte gewohnte und vertraute Begriffe, die Jussen meidet, denn sie setzen seiner Einschätzung nach einen Deutungsrahmen, der das Verstehen be- und verhindert.

Ein schönes Beispiel ist das Wort »Byzanz«, das im Bereich der Historiographie vor allem der Abgrenzung dient(e) und sogar als Kampfbegriff Verwendung fand, um den lateinischen Westen vom griechischen Osten zu trennen. Interessant sind Jussens Hinweise auf das Nischenschicksal des Oströmischen Reichs in der Byzantinistik, die kurioserweise von der Geschichtswissenschaft getrennt ist.

Die Kaiser am Bosporus bleiben römische Kaiser, ihre Münzen römisch und ihr Imperium auch, bis ins 15. Jahrhundert.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Tatsächlich fristet »Byzanz« in Studium und erst Recht in der Schule ein Dasein unter Alberichs Tarnumhang – Ostrom ist unsichtbar. Das ist insofern hilfreich, weil man nicht in Erklärungsnot gerät, wenn man das Römische Reich 475 n. Chr. untergehen lassen will, obwohl es im Osten noch fast eintausend weitere Jahre existierte, bis zur Eroberung Konstantinopels.

Wird der Deutungsrahmen durch den Gebrauch von Begriffen wie »Antike«, »Mittelalter« und »Neuzeit« gesetzt, passt »Ostrom« nicht, denn bei Verwendung des Begriffes hätte sich die »Antike« in Teilen bis fast zum Ende des »Mittelalters« fortgesetzt. Diese Epochen-Begriffe sind mehr als bloße Worte, die zur Orientierung dienen – sie bestimmen die Orientierung und damit das, was angesehen wird und wie das geschieht.

Das Wort »Deutungsrahmen« bildet das ab: Was außerhalb des Rahmens liegt, weil es nicht passt, kann nicht wahrgenommen werden, ohne den Ansatz der Betrachtung schon infrage zu stellen. »Ostrom« wird auch aus diesem Grund zu »Byzanz« umdefiniert und in ein eigenes, kaum wahrnehmbares Fach abgeschoben oder auf andere Weise aus dem Rahmen gedrängt, damit dieser bestehen bleiben kann.

Die konkrete Forschung ist abhängig vom Rahmen.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Es geht aber noch weit über diese Kategorien und Begriffe hinaus. Jussen beklagt, dass Erkenntnisse von weitreichender Bedeutung (noch) nicht ihren Weg in die einschlägigen historischen Handbücher gefunden haben. Die Verwandtschaftsforschung im Rahmen der Kulturanthropologie hat zum Beispiel herausgearbeitet, dass es bis zum 15. Jahrhundert im lateinischen Europa keine Verwandtschaftsgeschlechter gegeben hat.

Das aber wurde dem »Mittelalter« unterstellt, in der Epoche, was die Allgemeinheit oder zumindest die halbwegs Gebildeten mitbekommen, sind es eben »Staufer« oder andere »Geschlechter«, die bestimmend für ganze Zeitabschnitte gewesen sein sollen. Ehen unter Verwandten sind aber erst seit dem 16. Jahrhundert als soziales Phänomen relevant; erst das 19. Jahrhundert gilt manchen als verwandtschaftsorientierte Gesellschaft.

Folglich:

Wenn überhaupt, dann zeigt erst das 19. Jahrhundert, also die europäische »Moderne«, was als typisch »Mittelalter« gilt.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Das Zitat macht deutlich, wie tiefgreifend anders der Blick ist, den Jussen auf jene Zeit zwischen 526 und 1535 n. Chr. wirft. In dem steht der Zusammenhang von Verwandtschaft und Sakralsystem im Mittelpunkt der Analyse. Das wirft ganz einfach klingende Fragen auf, etwa: Was ist eigentlich »Verwandtschaft« jenseits biologischer Abstammung?

Die Antworten, die vor 526 n.Chr. und danach gegeben wurden, unterscheiden sich beträchtlich voneinander; auch das im lateinischen Bereich etablierte System ist anders geartet als das in ähnlichen großen Kulturen zur gleichen Zeit, aber auch zu anderen kirchlichen Gemeinschaften. Jussen attestiert auf allen Ebenen fundamentale Unterschiede. Allein vor diesem Hintergrund gerät ein Begriff wie »Mittelalter« ins Wanken.

Jussen unternimmt einen Perspektivwechsel und verzichtet auf den klassischen Rahmen aus Epochen. Um zu zeigen, was er als Transformation der römischen Welt bzw. deren revolutionäre Umgestaltung von innen heraus bezeichnet, nutzt er auch andere Medien als die gewohnten Quellen, Schriften und Überlieferungen: Medien, Bilder, Darstellungen von Gräbern – andere Mittel als in der Historiographie üblicherweise im Mittelpunkt stehen.

Der Deutungsrahmen bestimmt das Interesse und trennt das vorhandene Material in »wichtig« und »unwichtig«.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Jussen bedient sich an »historischem Material aus dem Feld ästhetischer Kommunikation« und nimmt eine Umkehrung der üblichen Gewichtung vor. Bilder werden bislang bestenfalls als Zusatz bzw. Bestätigung von dem verwendet, was aus Urkunden und anderen Schriftquellen geschöpft wurde; dabei wurde oft nicht darauf geachtet, wie verbreitet das entsprechende Medium überhaupt gewesen ist; das aber ist ein Kriterium für dessen Aussagekraft.

Diese Bilder usw. waren kein eigenständiges Medium, was Jussen in seinem Buch Das Geschenk des Orest konsequent ändert. Das heißt nicht, dass Texte gar keine Rolle spielen, im Gegenteil. Das Grabmal der »Turteltaube«, einer vermutlich reichen Römerin, ist nämlich in bemerkenswerter Weise beschriftet: »Du warst auch wirklich eine Turteltaube.«

Das Lob des Sohnes auf seine verstorbene Mutter dürfte einigermaßen seltsam wirken, wenn man den massiven Bedeutungswandel des Wortes »Turteltaube« nicht kennt. Gewöhnlich verbindet man mit dem Verb »turteln« einen Flirt, doch bis zum Zeitalter Shakespeares war »Turteltaube« ein großes moralisches Lob, denn dahinter verbarg sich engagiertes Bemühen, soziales Ansehen zu sammeln für bessere Aussichten auf einen »guten Platz im Jenseits«.

Der Zusammenhang von Text und Bild des Grabmals […] lenkt den Blick auf eine buchstäblich revolutionäre Transformation des Gesellschaftssystems.

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Auf die einzelnen Details des Grabes und deren Bedeutung kann hier unmöglich eingegangen werden, wichtig ist aber, dass Jussen darin ein Beispiel dafür sieht, dass der Umsturz nicht etwa von außen, von den vielbeschworenen »Barbaren«, »Germanen« oder »Völkern«, erzwungen wurde, sondern von innen, von den Römerinnen und Römern selbst. Das ist gemessen am Deutungsrahmen »Völkerwanderung« ein spektakulärer Ansatz.

Der Buchtitel Das Geschenk des Orest lenkt den Blick auf jenen, der für die alte, untergehende Welt steht, für einen der letzten Konsulen des westlichen Reichsteils, der seinen Amtsantritt 530 traditionell mit einem Geschenk an die römische Welt kundtat. Ein Diptychon aus Elfenbein als Teil der bekannten und gewohnten Inszenierung, die allerdings damit im westlichen Reichsteil an ein Ende gekommen war.

Auf eine Bewertung des Ansatzes, den Jussen verfolgt, verzichte ich bewusst, da ich Das Geschenk des Orest als eine Neubetrachtung eines Zeitraumes gelesen habe, der bislang unter dem Label »Mittelalter« geführt wurde. Selbst wenn man Jussens weitreichende Neubewertung – aus welchen Gründen auch immer – nicht teilen möchte, bleibt fraglos der Modernisierungsdruck auf die Geschichtswissenschaft festzustellen.

»Die Suche nach Darstellungsweisen des lateinischen Europa, die nicht auf das alte Epochendenken angewiesen sind und dieses auch nicht unbemerkt mit sich herumschleppen.«

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest

Ein kritisches Wort erlaube ich mir aber. Man kann das, was über das Römische Reich seit Mitte des dritten Jahrhunderts verstärkt und später unaufhaltsam hereinbrach, vielleicht einer inneren Revolution gegenüberstellen, für die politische, wirtschaftliche und militärische Stabilität des Reiches sind diese Angriffe von erschütternder, vielleicht eben auch vernichtender Bedeutung gewesen – man denke nur an die Infrastruktur, das Finanzwesen etc.

Hinter Begriffen wie »Migrationsbewegungen« sollte man diese Raub-, Plünder- und Kriegszüge nicht verbergen, für die Opfer dieser Züge ist es auch gleichgültig, ob man von Barbaren, Stämmen, Völkern oder – nachvollziehbar – Identifikationsgemeinschaften spricht. Krieg bleibt Krieg, das ist gerade in unserer Zeit wichtig, damit nicht hinter Wortschleiern die brutale Gewalt verschwindet.

Wenn man also feststellt, dass der östliche Teil des Römischen Reiches bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts bestand und erst dann untergegangen ist, bedeutet das eben auch, dass der westliche schon lange vorher unterging. So wichtig und berechtigt Jussens Feststellung bezüglich einer Transformation im Inneren auch sind, bleiben äußere Faktoren á la Krieg, Plünderung, Angriffe, gewaltsame Landnahme bestehen.

Das aber ändert nichts an den Qualitäten des Sachbuchs, das einen tiefgreifenden Bruch mit historiographischen Konventionen darstellt, im Grunde genommen also dem Fach zu Leibe rückt wie die »Turteltaube« dem männlichen Ahnenverband im frühen sechsten Jahrhundert. Neue Deutungsrahmen sind immer spannend, insbesondere wenn sie so klug argumentieren und sich auf originelle Quellen stützen. Das Geschenk des Orest ist für den Leser ein großer Gewinn.

[Rezensionsexemplar]

Bernhard Jussen: Das Geschenk des Orest
Eine Geschichte des nachrömischen Europa 526 – 1535
C.H. Beck 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-406-78200-8

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Ein lesenswertes Buch über die Azteken, die nicht auf die Opferrolle reduziert werden. Sie waren unterlegen, haben den Kampf gegen die Eroberer aber angenommen, nach ihren Mitteln klug geführt und letztlich dennoch verloren. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Wenn man einen modernen Atlas der Geschichte aufschlägt und nach dem Reich der Azteken sucht, findet man das Bild einer farbig markierten Fläche im heutigen Mexiko, das jenes „Azteken-Reich“ im Jahr 1521 zeigen soll. Das Beispiel ist dem Atlas von Christian Grataloup entnommen, es deutet durch schraffierte Gebiete auch eine Art Herrschaftshierarchie an, ein kleiner Kasten gibt einige weitere Informationen preis, die eine kurze geschichtliche Einordnung erlauben.

Atlanten wie Christian Grataloups Geschichte der Welt erlauben einen schnellen Zugriff auf Kartenmaterial und knappe Informationen. So erhält man eine Vorstellung davon, wo zum Beispiel die Azteken lebten, wie groß ihre Herrschaftsgebiet war oder ihr Einfluss reichte, was sich während der Lektüre eines Sachbuchs vom Format Fünfte Sonne als kritikwürdig herausstellt. Das ist kein Nachteil, den kein Atlas vermag eine Form von Wirklichkeit oder gar Wahrheit abbilden, es ist immer eine spezielle, autorgebundene Sichtweise.

Nach der Lektüre von Fünfte Sonne erweisen sich mehr oder weniger alle Aussagen als problematisch, wenigstens verkürzt oder zweifelhaft. Das liegt unter anderem daran, dass die Geschichte der Azteken auf der Basis von Quellen verfasst wurde und wird, die niemals für die europäische Geschichte des Mittelalters Verwendung finden, sondern von der Quellenkritik aussortiert werden würden. Für die Geschichte der Azteken wurden sie dennoch verwendet.

Das führt zu Zuschreibungen und Erfindungen, die dem jeweiligen Urheber und seinem Weltbild gelegen kamen bzw. kommen. Bei der Geschichtsschreibung wird also mit zweierlei Maß gemessen, wie es laut Camilla Townsend sonst nicht vorkommen würde. Man könnte hier aber durchaus auf auf die Karthager verweisen, insbesondere der von den Römern gegenüber ihren tödlichsten Gegnern immer wieder beschworene Menschenopferkult erinnert direkt an das, was über die Indios erzählt wird.

In dem kleinen Kasten aus Die Geschichte der Welt wird die Problematik im letzten Satz deutlich: Nach der Lektüre von Fünfte Sonne würde man wenigstens eine andere Formulierung gebrauchen. Da Filme wie Apocalypto eine viel größere Reichweite haben und das Bild von Millionen Zuschauern prägen, die niemals ein Geschichtsbuch oder einen Atlas in die Hand nehmen würden, ist das Bild in der breiten Öffentlichkeit noch schräger. Wer das schaut, erhält ein gruselig verzerrtes Bild der Welt Altamerikas.

Für die Indios wurden andere Standards angewendet.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Die Azteken waren eine Hochkultur. In ihrem Welt- und Selbstbild, das sich dramatisch von dem unterscheidet, was heute noch immer kursiert, lebten sie unter der fünften Sonne – vier Universen waren zuvor bereits zusammengebrochen. Schon diese Bemerkung macht klar, dass man den Barbaren-Topos getrost in die Rumpeltruhe verbannen kann.

Dorthin gehört auch das vielfach beschworene Opfer-Motiv: Die Azteken waren tatsächlich Opfer des spanischen Expansions- und Eroberungsstrebens, ihrer Beutegier und der von Europa eingeschleppten Erreger, die verheerende Epidemien auslösten. Es wäre jedoch grundfalsch, sie auf diese Rolle zu reduzieren oder gar festzulegen, gar nicht zu reden davon, dass die Azteken ein Ende gefunden hätten.

Camilla Townsend verfolgt das erklärte Ziel, die Kontinuitäten, die Anpassung an die neuen Umstände, die Adaption kultureller und technischer Aspekte (Lateinisches Alphabet, Segelschifffahrt) und die kluge sowie geschickte Nutzung für eigene Zwecke darzustellen. Zum Beispiel erkannten die Indios sehr schnell die Vorzüge des Alphabets gegenüber ihrer eigenen Form der Aufzeichnung und verwendeten sie, um ihre eigene Geschichte zu überliefern. Es gibt also indigene Quellen – sie stellen die Rezipienten allerdings vor einige Hürden.

König Moctezuma war den Ankömmlingen einfach unterlegen, und das wusste er.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Dieser kurze Satz aus Fünfte Sonne bietet eine Menge Sprengstoff, vor allem die letzten drei Worte. Moctezuma wird so zu einem klar denkenden, handelnden Machtmenschen, der seine Optionen wägt und auf dieser Basis Einschätzungen und Entscheidungen trifft – genau wie die Europäer! Es kann keine Rede sein von jenem Geschwurbel, nach dem die Aztekenherrscher vor allem aus religiösen Motiven entschieden und handelten, gar nicht zu reden von der Behauptung, Cortés wäre als Gott angesehen worden.

Townsend beleuchtet, wie die Ankunft der Europäer im Reich der Azteken kommuniziert wurde, welche Maßnahmen ergriffen und Entscheidungen getroffen wurden: Informationen über die Ankömmlinge sammeln, ihre Ziele und Stärke einschätzen, die eigenen Möglichkeiten abwägen und auf dieser Basis taktische und strategische Optionen erdenken.

Man wage ruhig einen vergleichenden Blick in die Gegenwart, etwa auf die deutsche Russland- bzw. Nicht-Ukraine-Politik seit 2014, insbesondere aber die Handlungen der deutschen Exekutive nach dem Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 – die Krisensituation in Moctezumas Reich war weitaus dramatischer, die eigenen Handlungsspielräume viel geringer.

Moctezuma hat sich nicht geirrt, die Spanier waren ihm haushoch überlegen. Ein paar Gründe werden immer wieder genannt, zum Beispiel Feuerwaffen oder die stählernen Rüstungen. Pferde, die es in Amerika nicht gab, waren jedoch in den Kämpfen von großer Bedeutung, aber auch die Fähigkeit, große Segelboote zu bauen, mit Kanonen zu bestücken und auf dem See um Tenochtitlan einzusetzen. Nicht zu vergessen die militärische Organisation, das Kämpfen in Haufen, geschlossenen Formationen.

Es war fast so, als wenn das Europa der Renaissance auf das alte Sumer getroffen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Noch wichtiger war, dass Moctezuma sehr genau wusste, was er seinem eigenen Reich zumuten konnte und was nicht. Um das zu berücksichtigen, ist eine genaue Kenntnis der Herrschaft, ihrer Entstehung und Entwicklung nötig – daran gebrach es in der Vergangenheit; es ist auch recht einfach und bequem, den Azteken religiöse Beweggründe statt machtpolitischer zu unterstellen.

Das Reich der Azteken hätte hohe Verluste in lang anhaltenden Kämpfen mit den Spaniern nicht ausgehalten, das war Moctezuma völlig klar; ein langer Krieg wäre der Selbstvernichtung gleichgekommen, daher hat er die Möglichkeit gesucht, mit den Konquistadoren zu verhandeln und eine Übereinkunft zu erzielen. Von Passivität oder gar „Feigheit“ kann überhaupt keine Rede sein.

An dieser Stelle macht sich der Vorzug der ausführlichen Schilderung des Aufstiegs und der Gestalt des Aztekenreichs bezahlt, denn die Fragilität ist leichter nachzuvollziehen, wenn man bereits weiß, dass ein »Dschingis Khan zu Fuß« (mangels Pferden) die Eroberung angeführt hatte, ein komplexes Gebilde verschiedener Herrschaftsabhängigkeiten entstand, das vor allem aufgrund der Bigamie zu vielschichtigen Problemen der Herrschaftsnachfolge führte.

Der Kampf um die Macht stand bei den Azteken genauso im Fokus wie etwa in Europa, nur die Mittel, Umstände und Vorgehensweisen waren verschieden. Ein Faktor war die Polygamie, was das Problem der Nachfolge ganz anders als im monogamen Europa, aber nicht weniger kompliziert gestaltet. Die Spanier konnten auch vor diesem Hintergrund die Unzufriedenheit jener Völker oder Machtgruppen ausnutzen, die mit den Azteken über Kreuz lagen und taten dies selbstverständlich auch.

Die Mexikaner von heute betrachten Marina vielfach als Verräterin an den Ureinwohnern Amerikas. […] Niemand in Marinas Welt wäre auf die Idee gekommen, das sie dem Volk Moctezumas zu Loyalität verpflichtet gewesen wäre.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Für die so gewonnenen Verbündeten der Spanier bzw. Cortés war das auch eine Überlebensstrategie, weshalb das immer wieder aufkommende Verrat-Geschrei völlig fehlgreift. Niemals hätten die Azteken von ihren Gegnern irgendetwas wie Loyalität erwartet; das gilt erst recht für Marina bzw. Malitzin, eine Sklavin, die ihre Sprachfähigkeiten zum Dolmetschen und Verhandeln als Teil ihres Versuches, den Sturm zu überstehen, nutzt.

Die Erzählung dieses Versuch füllt ungeheuer spannende Seiten und Kapitel, in denen das Schicksal Marinas bzw. Malitzins und ihrer Kinder ausgebreitet wird, die wechselvollen Zeitläufte der Eroberung werden so aus einer ungewöhnlichen Perspektive nachvollzogen, ebenso die völlig unhistorischen und für politische Zwecke instrumentalisierten Ansichten und Bewertungen zu diesen Personen als »Verräter«.

Moctezuma hat alles versucht, seine Macht und das Überleben seines Volkes zu sichern. Als sich ihm die Chance bot, mit militärischen Mitteln Cortés und seine Soldaten zu teilen und zu vernichten, aus der Stadt zu treiben, hat er sie genutzt, nachdem sein anfänglicher, immer wieder modifizierter Friedensplan  fruchtlos blieb. Doch letztlich war das nur ein Pyrrhus-Sieg, denn die Ressourcen seiner Gegner waren schier unerschöpflich.

Letztlich muss man konstatieren, dass die Europäer neben ihrer militärisch-technischen und kulturell-kommunikativen Überlegenheit vor allem durch unendlichen Nachschub aus Europa nicht zu besiegen waren. Selbst wenn Cortés und seine Leute vollständig vernichtet worden wären, hätte es neue Spanier gegeben, die angetreten wären, Sieg und Herrschaft irgendwann errungen hätten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es die Bemühungen der humanitären und fortschrittsorientierten Liberalen waren, die den indigenen Völkern Mexikos einen schweren Schlag versetzten.

Camilla Townsend: Fünfte Sonne

Teil des Epiloges ist dem gewidmet, was von der indigenen Identität übrig geblieben ist. Es gehört zu den unbequemen Erkenntnissen, dass es ausgerechnet progressive Bemühungen waren, die wegen ihrer Auswirkungen auf den Sprachgebrauch in Alltag und Verwaltung die Indigenen massiv unter Druck gesetzt haben. Fünfte Sonne mahnt auch durch diesen Zusammenhang zur Vorsicht und dazu, genau hinzusehen und zuzuhören, der Anspruch von Progressivität ist nicht gleichbedeutend mit ihrer Umsetzung.

[Rezensionsexemplar]

Camilla Townsend: Fünfte Sonne
Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube 
C.H. Beck 2023
Gebunden 418 Seiten
ISBN: 978-3-406-798177

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Barrikaden wurden in vielen Städten Europas errichtet, wie hier in Wien. Los ging es allerdings in Palermo, nach einem Vorspiel in der Schweiz. Cover DVA, Bild mit Canva erstellt.

Ein eher stiefmütterliches Dasein fristet die große europäische Revolution von 1848/49 im Geschichtsunterricht, möglicherweise auch im Studium des Faches. Vor derartigen Verallgemeinerungen sollte man sich normalerweise hüten, doch in diesem Fall gibt es einen guten Grund für das relative Desinteresse: Der Zivilisationsbruch nach 1933, dessen Gespenster auch nach der Niederlage von 1945 keineswegs verschwunden sind, ja, sogar wiederzukehren scheinen, überschattet mehr oder weniger alles andere in der deutschen Geschichte.

Höchste Zeit also, dass sich etwas daran ändert, nicht um die Schreckenszeit zwischen 1933 und 1945 zu relativieren, sondern sich von einer ganzen Reihe von allzu bequemen Irrtümern und naiven Klischees verabschieden. Christopher Clark hält in seinem monumentalen Werk Frühling der Revolution eine ganze Reihe von Zumutungen parat, die Sonderwegs- und Revolutionsphantasten gleichermaßen aufstoßen werden.

Clark richtet den Blick bewusst auf Europa, von Portugal bis zur Walachei bzw. Moldau. Er verzichtete darauf, sich der herkömmlichen nationalen Sichtweise anzuschließen und ebenso, die Februarrevolution in Frankreich als alleinigen und ausschlaggebenden revolutionären Ausgangsimpuls anzusehen – wie es zum Beispiel in einer Karte des frankozentrierten Altas Die Geschichte der Welt von Christian Grataloup geschieht.

Das Bild suggeriert, die Revolutionen von 1848/49 wären einem starken Impuls von Paris ausgehend entflammt; Christopher Clark zeichnet ein ganz anderes Bild, das den Anteil von Paris berücksichtigt, aber in vielfacher Hinsicht relativiert. 1830 war das übrigens etwas anders, denn da ging wirklich alles von Paris aus. Hilfreich ist die kleinere Karte, auf die globalen Auswirkungen der Revolutionen erahnbar werden.

Los geht es in – Palermo, nach einem Vorspiel in der Schweiz, dem so genannten Sonderbundskrieg 1847. Der Aufruhr in Sizilien Anfang 1848 war der eigentliche Impuls, Clark weist nach, dass davon in vielen Regionen Europas durchaus öffentlich die Rede war und eben nicht nur von den Ereignissen in Paris. Durch die Kommunikationskanäle jener Jahre mit einer Zeitverzögerung, die heute geradezu grotesk erscheint. Danach geschieht vieles gleichzeitig und zum Teil auch gegenläufig.

Ab Anfang März 1848 ist es unmöglich, die Revolutionen als lineare Abfolge von einem Schauplatz zum nächsten zu verfolgen. Wir treten in die Phase der Spaltung ein, in der fast gleichzeitige Explosionen komplexe Rückkopplungsschleifen entstehen lassen.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Durch diesen Ansatz ist es nahezu unmöglich, die Ereignisse chronologisch abzubilden – möglicherweise liegt hierin auch eine der Verlockungen der späteren Nationalisierung der Revolutionsgeschichte(n), mit erheblichen Folgen: Die Komplexität der Ereignisse und – ganz wichtig – ihre Verbindungen und gegenseitigen Beeinflussungen, aber auch die gleichzeitig an verschiedenen Orten ausbrechenden Empörungen verschwanden hinter dem Wahrnehmungshorizont.

Das ist nicht nur bedauerlich, sondern für die Gegenwart und das Verständnis von welterschütternden Ereignissen nachteilig. Clark hält den Februar 1848 für einen Tahir-Moment! Er stellt den so genannten »Arabischen Frühling« in eine Bedeutungslinie mit der großen europäischen Revolution von 1848/49. Beiden ist neben vielem anderen auch gemein, dass sie die Ziele der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Emanzipation nicht erreicht haben.

Dennoch stellt sich die Frage, ob es nicht zu kurz greift, wenn man von einem Scheitern spricht, gar nicht zu reden von jenen, die den Aufständischen oder gar den »Völkern« dieser Region mangelnde Reife attestieren. Der Vorwurf der Unreife war bereits von 175 Jahren ein Mittel, mit dem Forderungen nach Emanzipation aller Art abgebügelt wurden.

Wie also sollte man die Revolutionen von 1848/49 bewerten?

War es wirklich nur eine jämmerliche Parodie der Revolution von 1789, wie Karl Marx meinte, oder sollte man dem bärtigen Kommunismus-Gläubigen unlautere Motive bei seiner Einschätzung unterstellen? Überhaupt ist Clarks Buch eine gute Anregung zum Weiterdenken – wie steht es allgemein mit Revolutionen und (gesellschaftlichem) Fortschritt? Waren die Revolutionen 1917/18 in diesem Sinne erfolgreich? Jene von 1989? Gab es jemals eine »erfolgreiche« Revolution?

Soziale Unzufriedenheit ›verursacht‹ keine Revolution – wenn sie das täte, käme es viel häufiger zu Revolutionen.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Die europäische Revolution von 1848/49 ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Clark zeichnet eine Reihe von Entwicklungen in den Jahrzehnten vor dem umfassenden Aufruhr nach. Der so genannte »Pauperismus« etwa gilt vielen als wichtiger Faktor oder gar der Auslöser der Revolution, dem Clark jedoch widerspricht. Während der Lektüre verfestigt sich eher der Eindruck, dass die soziale Frage vor allem bremste, Ängste bei liberalen Kräften auslöste und diese die Seiten wechseln ließ, mit verheerenden Folgen für den Verlauf der Revolution.

Schon bei diesem Zusammenhang wird klar, wie erkenntnisfördernd Clarks Vorgehen ist. Er arbeitet die großen Unterschiede heraus, die zwischen den Regionen Europas bestanden und zeigt, dass es eben keine direkte Linie zwischen den zum Teil verheerenden sozialen Auswirkungen der Hungersnöte 1847 und dem Revolutionsausbruch 1848 gegeben hat. Bedeutungslos waren sie nicht, allein der Faktor Angst beeinflusste den Revolutionsverlauf beträchtlich.

»Arme dulden« und machen keine Revolution. Wer aber dann? Eine Revolution ist politisch, also müssen politisch denkende und agierende Menschen dafür verantwortlich sein. Es gab zwischen dem Sieg über Napoleon Bonaparte und 1848 zahlreiche Aufstände, Erhebungen, Umstürze und Revolutionen, viele davon wurden wie Verschwörungen geplant und durchgeführt – der Staat wappnete sich mit Polizei und Militär geschickt dagegen. Aber 1848/49 half das wenig, denn mit den Massen, die den politischen Protestaktionen spontan in die öffentlichen Räume folgten, hatte man nicht gerechnet.

Das Militär und die Polizei in Paris – wie in vielen anderen Städten in ganz Europa – hatten sich in den vergangenen 18 Jahren auf die falsche Revolution vorbereitet.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Clark erklärt vor seiner Schilderung der Revolutionsereignisse zunächst einmal ausführlich jene Welt vor 175 Jahren. Bei den Ordnungskonzepten erwies sich ausgerechnet die Macht des Mannes über die Frau, insbesondere in der Ehe an, als unantastbar, während andere Bastionen zumindest ins Wanken gerieten: Feudalismus, Adelsprivilegien, Zunftrechte, Sklaverei. Die »geschlechtsbedingte Ungleichheit [wehrte] sich am hartnäckigsten gegen jede Veränderung.« Eine ebenso ernüchternde wie bittere Erkenntnis.

Bei dem Versuch, rückblickend Ordnungsprinzipien bzw. -gruppierungen zu erdenken, macht das disparate und von hoher Mobilität gekennzeichnete Verhalten Probleme. Es fällt schwer, zum Beispiel »Liberale«, »Demokraten« oder »Radikale« genau zu fassen; selbst »Konservative« unterschieden sich grundlegen. Ein Konservativer, der Revolutionäre für irregleitet hält, ist grundverschieden von einem, der in ihnen »satanische Rebellen gegen Gott« sieht.

Die französische Revolution von 1830 ist tatsächlich eine Art Initialzündung für nachahmende Aufstände in Italien, Polen und Deutschland gewesen, die massive Enttäuschung bezüglich der Ergebnisse führte zu politischen Oppositionsbewegungen in den Jahren danach. Es entspann sich ein reges Katz- und Mausspiel zwischen Opposition und Staat, das in Palermo am 12. Januar 1848 jäh endete und in einen Aufstand mündete, der zuvor per Plakat (!) angekündigt wurde.

Das ist nur die erste der an Kuriositäten reichen Geschichte der europäischen Erhebungen 1848/49, die insgesamt zeigen, wie dünn der Firnis ist, der eine scheinbar stabile Ordnung von ihrem Untergang trennt. Warum führte ausgerechnet die Revolutionen von 1848 zu einem – recht kurzen – Erfolg, nachdem so viele Anläufe zuvor scheiterten? Eine Antwort:

Liberale waren ausdrücklich keine Demokraten; sie waren überzeugte Anhänger eines begrenzten Wahlrechts.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Ein Blick nach England, das sich irrigerweise im Glauben wähnt(e), eine selbst angedichtete liberale Verfassung hätte einen Aufstand mehr oder weniger unnötig gemacht, offenbart die Bedeutung von umfassenden und geeigneten Sicherheitsmaßnahmen. Knüppel in großer Zahl haben auf der Insel schon den Aufruhr im Ansatz niedergehalten und hätten dank schierer Masse auch weiterreichende Ansätze erstickt, argumentiert Clark.

Das Regime in Großbritannien war besser vorbereitet als die auf dem Kontinent. Clark sagt mehrfach, dass man etwa in Frankreich auf den falschen Aufstand eingestellt war, in Deutschland waren die geheimdienstliche Gegenmaßnahmen vor 1848 sehr erfolgreich, dann aber zunächst nicht mehr. Für die Gegenwart lässt sich daraus die Lehre ziehen, dass die Erhebung 2020 in Belarus mit geringen Chancen in die Schlacht zog, stand hinter Lukaschenko doch Putin und ein ruchloses, erprobtes und ausgeklügeltes Repressionsmanagement.

Die Revolutionen von 1848/49 sind in eine erfolgreiche Gegenrevolution übergegangen, was durchaus als »Scheitern« interpretiert werden kann. Wer Clarks Darstellung aufmerksam folgt, merkt bereits während der Phase der Etablierung der neuen Revolutionsherrschaft, dass dieses »Scheitern« bereits hier seinen Anfang nimmt. Ein Beispiel: Steuern sind unbeliebt, aber nötig, um zu regieren; sie wirken aber wie Wasser und Sand auf das revolutionäre Freudenfeuer und führen zu Streit unter den Revolutionären.

Noch problematischer war der Gegensatz zwischen Stadt und Land, der verschärft wurde, durch eine leichtfertige und hartnäckige Ignoranz gegenüber den Verhältnissen außerhalb der urbanen Zentren – dort aber wohnte, arbeitete und litt die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung. Sie ging den revolutionären Bewegungen rasch verloren, auch dort, wo die Landbevölkerung gegenüber den Erhebungen grundsätzlich positiv eingestellt war, weil ausnahmsweise von den Revolutionären auf die wenigen Einsichtsvollen gehört wurde. Aber auch in diesen Fällen ließen sich komplexe, vertrackte und von den bisherigen Privilegierten bis aufs Blut bekämpfte Strukturen nicht so einfach durch bessere ersetzen.

In Neapel zeigte sich, dass die Konterrevolution noch ein paar Asse im Ärmel hatte.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Ein ganz wichtiger Faktor, der bisweilen übersehen wird, ist die Stärke der Reaktion, der Konservativen, Adeligen, Monarchen und vor allem anderen: des Militärs. Einmal nur, in Baden, sind reguläre Truppen in nennenswerter Zahl auf die Gegenseite gewechselt, was 1849 zu einer ausgedehnten militärischen Kampagne mit großen Schlachten führte. Ungarn wäre vielleicht auch noch zu nennen, da waren die Verhältnisse jedoch anders und noch viel komplexer als in Süddeutschland. In beiden Fällen waren die Aufständischen der Gegenrevolution militärisch hoffnungslos unterlegen.

Die Verlässlichkeit des Militärs (und des Polizeiapparates) ist das vielleicht größte Plus gewesen, auf das sich die Gegenrevolution im Verlauf der Revolution stützen konnte. Dem hatten die Aufständischen nichts entgegenzusetzen, sie schwächten sich vielmehr selbst und spalteten sich entlang der scharf gezeichneten Bruchlinien auf. Psychologisch war die Revolution am Ende, als sie sich selbst entzauberte, indem sie ihr Angstpotential einbüßte. Das geschah wieder nicht in Paris oder Berlin, sondern in Neapel.

Zu den Kuriositäten, die auch Anfang des 21. Jahrhunderts nachdenklich machen sollten, gehört, dass es den Konterrevolutionären gelang, das Volksempfinden auf ihre Seite zu bringen. Clark zeigt wunderbar auf, wie auf das »Abflauen der Revolution« eine verblüffende »Mobilisierung des Volkes gegen sie« folgte. Das entspricht nun gar nicht den Bullerbü-Versionen von Revolutionen, wie sie in Romanen und Filmen so gern transportiert werden.

Überall in Europa waren Schaulustige und Dummköpfe entscheidend für die wechselhafte Mechanik der Machtverhältnisse.

Christopher Clark: Frühling der Revolution

Auch sind die Vorgänge um die Wahl Louis-Napoléon Bonapartes zum Präsidenten Frankreichs am 10. Dezember 1848 in höchstem Maße bedenklich. Es war ein völlig unerwarteter Erdrutschsieg, in dem Bonaparte fast drei Viertel (!) der Stimmen erhielt. Das Ergebnis wurde vorher als unwahrscheinlich erachtet, im Nachhinein als unvermeidlich dargestellt. Die Kalkulation der vorgeblich klugen, einsichtigen Konkurrenten waren offenkundig grundfalsch. Da der Mensch sich nicht ändert, dürfte derlei auch der der Gegenwart wieder vorkommen. Und wer dächte jetzt nicht an Trump?

Interessant ist auch, dass Russland während des voluminösen Buches recht wenig Raum einnimmt und wenn, dann in der Rolle der konterrevolutionären Interventionsmacht. Die konservativen und reaktionären Kreise des Landes, aber auch die Linken, Progressiven wandten sich massiv gegen »den Westen«, aus unterschiedlichen Motiven, doch mit allzu vertrauten Argumenten und der Erkenntnis, die man immer wieder berücksichtigen sollte: Russland gehört(e) nicht zu Europa.

Der Frühling der Revolution von Christopher Clark ist ein herausragendes, monumentales, vielschichtiges und hervorragend argumentierendes Werk über die Revolutionen von 1848/49 in Europa, das dem Leser allein durch seinen Umfang einiges abverlangt. Der Autor schreibt in einer fesselnden Weise, bleibt dabei differenziert und klar, was es enorm erleichtert, die Entwicklungen an so vielen Schauplätzen nachzuvollziehen. Die Zeit, die es braucht, ist gut investiert, denn man versteht die Vergangenheit und Gegenwart sehr viel besser, weil man die richtigen Fragen stellt.

[Rezensionsexemplar]

Christopher Clark: Frühling der Revolution
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz,Klaus-Dieter Schmidt, Andreas Wirthensohn
Hardcover 1.168 Seiten
mit 42 s/w-Abbildungen und 5 Karten
ISBN: 978-3-421-04829-5

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