Vier Bücher, die ich bereits kenne, möchte ich im Jahr 2026 ein weiteres Mal lesen.
Bücher ein zweites, drittes, viertes Mal zu lesen ist eine besondere Angelegenheit. Man kennt grundsätzlich die Geschichte, erinnert dies und das, irrt sich überraschend häufig und entdeckt viele neue Dinge. Im vergangenen Jahr habe ich schon einmal ein Quartett ganz bewusst noch einmal gelesen, eine tolle Erfahrung, weil die Bücher großartig sind. Kein Wunder, dass sie Eingang in meine Besten für 2025 gefunden haben.
Diesmal habe ich mir vier thematisch sehr unterschiedliche Romane ausgesucht. Zwei dürften den Lesern recht bekannt sein, eines zumindest jenen, die gelegentlich in die spanischsprachige respektive kubanische Literatur eintauchen (oder meinen Blog regelmäßig besuchen) und eines, das wohl kaum jemand kennt oder gelesen hat.
Wolfgang Herrndorf: Tschick Mehrfach habe ich dieses schöne Buch gelesen, aber noch nicht besprochen! Das wird nachgeholt. Tschick ist nämlich viel mehr als eine Road-Novel. Beiträge: Tobias Rüther Herrndorf, Sand, In Plüschgewittern.
Hilary Mantel: Wölfe Der Roman um Thomas Cromwell gehört zu den drei besten, die ich kenne. Die Besprechung ist überfällig, die Zeit kann der geneigte Leser mit meinen Beiträgen zu den beiden anderen Top-Büchern überbrücken: Leonardo Padura Der Mann, der Hunde liebte und Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges.
Leonardo Padura: Ketzer Zwei der drei Teile des Romans sind allerfeinste Literatur, Padura scheuchte seine Leser durch drei Zeitebenen und berührt wesensähnliche Motive. Dabei erzählt er von der kubanischen Gegenwart, denn Häretiker setzen totalitäre Denkwirklichkeiten voraus. Der erste Teil befasst sich mit einem Thema, das die Graphic Novel Die Irrfahrt der St. Louisaufgreift. Wie passend.
Otto Basil: Wenn das der Führer wüsste. Nie gehört, nicht wahr? Der Roman spielt in einer alternativen Welt, in der Hitlers Armeen den Krieg gewannen. Meine Lektüre liegt lange zurück, das Wiederlesen gehört zu meinem Leseschwerpunkt Zukunft von Gestern.
Der Blick in die Verlags-Vorschauen des Frühjahres 2026 unterschied sich von den Vorjahren beträchtlich. »Nur« 20 Bücher haben es auf meine Liste möglicher Rezensionsexemplare geschafft, ein Drittel / Viertel von der gewöhnlichen Anzahl. Zwei Bücher aus dem Verlag edition.fotoTAPETA sind hier nicht mit Cover abgebildet.
Die Bücher werde ich selbstverständlich nicht alle lesen, in erster Linie aus Zeitgründen, aber auch wegen thematische Aspekte. So schätze ich den Autor Olivier Guez seit seinem Roman Das Verschwinden des Josef Mengele sehr, aber ob sein neues Werk tatsächlich den Weg zu mir findet, wage ich zu bezweifeln. Wie gesagt: Das Thema klingt interessant, doch das reicht nicht.
Das gilt für fast alle hier aufgeführten Bücher, die mich auf die eine oder andere Weise ansprechen. Vier Werke will ich jedoch lesen und besprechen:
Die Irrfahrt der St. Louis Die Abschottung der Welt Wer verliert gewinnt Eine Kultur des Trotzdem (ohne Bild)
Ein Klassik-Thriller mit dem TitelWer verliert gewinnt von Richard Hallas aus dem Elsinor-Verlag, auf den ich vor genau drei Jahren aufmerksam geworden bin. Seitdem habe ich knapp ein Dutzend Bücher aus dem unabhängigen Klein-Verlag gelesen und bin auf den großartigen Arthur Koestler und die Buch-Reihe um klassische Thriller-Literatur aufmerksam geworden.
Der Essay Eine Kultur des Trotzdem von Volodymyr Jermolenko (kein Coverbild) setzt meine lockere Lesereise Ukraine Lesen fort. Europa hilft der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland, aber das ist keine einseitige Angelegenheit, denn die Ukraine hilft auch Europa, mein Autor Jermolenko. Die edition.fotoTAPETA ist der zweite unabhängige Klein-Verlag, den ich sehr zu schätzen weiß, dank des Fokus auf (ost-)europäische Themen.
Mit Die Irrfahrt der St. Louis von Sara Delabella und Alessio Lo Manto bekommt meine Graphic-Novel-Sektion Zuwachs. Wie alle anderen von mir besprochen Graphic Novels dreht sich auch diese um ein ernstes Thema, der (verhinderten) Flucht von Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschland.
Thematisch passend dazu ist der Band Die Abschottung der Welt von Susanne Heim. Das Buch aus der Historischen Biblithek der Gerda Henkel Stiftung befasst sich mit den dramatischen wie auch oft tragischen Umständen der jüdischen Bevölkerung im Angesicht der nationalsozialistischen Verfolgung.
Erwähnen möchte ich hier noch einen Roman, den ich bereits gelesen habe: Ketzer von Leonardo Padura. Im ersten der drei Abschnitte befasst sich der Autor mit der St. Louis. Auch in Havanna auf Kuba versuchte der Kapitän des Schiffes, seinen Passagieren die Möglichkeit eines Fluchtortes zu verschaffen. Vergeblich. Grund genug, den Roman noch einmal zu lesen, im Rahmen meines Leseprojektes Wiedergelesen 4für2026.
Zwei Sachbücher, zehn erzählende Werke haben es für das Jahr 2025 auf meine ganz subjektive Bestenliste geschafft. Bild mit Canva erstellt.
Wie jedes Jahr habe ich auch für 2025 eine kleine Auswahl an Büchern zusammengestellt, die mir besonders gefallen haben. Zwölf sind zusammengekommen, darunter zwei Sachbücher und zehn erzählende Werke.
Alle Bücher meines Leseprojektes Wiedergelesen 4 für 2025 sind vertreten. Eine Überraschung ist das allerdings nicht, habe ich mich doch bei der Auswahl daran orientiert, dass mir die Bücher in Erinnerung geblieben sind. Große Literatur in meinen Augen, kreiert von Robert Harris, Walter Kempowski, Friedrich Christian Delius und Gert Ledig.
Von meinem zweiten Leseprojekt Zwölf für 2025 haben es nur drei Bücher auf die Bestenliste geschafft: Philip K. Dick, Stefan Thome und Arthur Koestler. Der dicke Wälzer über DieVölkerwanderung von Mischa Meier wäre vielleicht auch vertreten, der Autor hat mit seinem Buch über Die Hunnen ein fabelhaftes Beispiel von gut und klar erzählter Historiographie gegeben.
Stefan Thomes Roman über den Opium-Krieg ist fantastisch, aus Zeitgründen habe ich keine Rezension verfasst, so auch für Virginia Woolfe und Leo Perutz. Das zweite Sachbuch neben Meiers Hunnen ist von Guiliano Da Empoli, sehr kurz und erschütternd. Zeitlich liegen beide weit auseinander, im Kern verbindet sie mehr, als uns lieb sein kann.
Gerd Ledig: Die Stalinorgel Der beste Frontkriegsroman, den ich kenne. Ostfront, Leningrad, Sommer 1942, die sieggewohnte Wehrmacht wankt bereits.
Walter Kempowski: Alles umsonst Ostpreußen in den ersten Monaten des Jahres 1945. Die Flucht vor der Roten Armee gerät zu einem taumelnden Fiasko.
Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke Ein Roman in Episoden, die zunächst nur in lockerem Zusammenhang zu stehen scheinen, aber tatsächlich eine Geschichte mit großem Tiefgang erzählen.
Robert Harris: Vaterland Ein Thriller in einer alternativen Welt, der Stück für Stück das Ungeheuerliche aufdeckt. In wenigen Tagen zerbricht eine eigentlich unzerstörbare Welt.
Arthur Koestler: Sonnenfinsternis Die berüchtigten Moskauer Prozesse werden in diesem schauerlich guten Roman am Beispiel eines ranghohen Bürokraten erzählt, der in Stalins Blutmühle gerät.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes Eine literarische Wutrede in Gestalt einer Novelle, mit einer wahrhaft unerhörten Begebenheit. Für die nächste Romreise vormerken.
Virginia Woolfe: Mrs. Dalloway O, das ist gut! Assoziatives Mäandern durch einen Tag, bis jener Punkt erreicht ist, an dem sich die existenzielle Frage des Todes aufdrängt.
Stefan Thome: Gott der Barbaren Was für ein toller historischer Roman! Noch mehr Ausrufezeichen gehören sich nicht, doch hätte es dieser Roman über den Opiumkrieg verdient.
Mischa Meier: Die Hunnen* Ein Meisterwerk der Historiographie. Das Thema wirkt abseitig, doch zeigt der Autor virtuos die Möglichkeiten und Grenzen von Geschichtsschreibung.
Philip K. Dick: Das Orakel vom Berge In dieser alternativen Welt herrscht das Hitlerreich sogar über einen Teil der USA. Monströs im Weltenbau, mit überraschend viel Tiefgang erzählt.
Guliano Da Empoli: Die Stunde der Raubtiere* Keine vergnügliche, dafür in vielfacher Hinsicht anregende, ernüchternde und auch niederschmetternde Lektüre. Unsere Welt stirbt. Jetzt.
Stefan Hertmans: Krieg und Terpentin Autofiktion vom Feinsten. Der belgisch-flämische Autor setzt sich mit den Erinnerungen seines Großvaters auseinander: Soldatenleben (Krieg) und Kunst (Terpentin).
*Rezensionsexemplar
Im kommenden Jahr werde ich wieder keine Not haben, gute Literatur zu lesen. Zwar sind die Verlagsvorschauen, die ich für 2026 gesichtet habe, eher mau, doch gibt es auch unter den Neuerscheinungen einige interessante Titel. Ganz sicher habe ich gute Literatur in meinen Regalen, gelesen oder ungelesen. Gegen Jahresende werde ich einen kleinen Ausblick geben, was ich zu lesen gedenke.
Auf dem Bild sind die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee zu sehen, die von den deutschen Soldaten an der Ostfront wegen ihres spezifischen Feuergeräusches »Stalinorgel« genannt wurden. Sie verbreiteten Terror und Panik, die Salven sorgten bei der Wehrmacht für hohe Verluste. Cover Suhrkamp, Bild mit Canva erstellt.
Krieg ist von zynischer Grausamkeit. Schon im ersten Satz des Frontkriegsromans Die Stalinorgel von Gert Ledig schlägt sie dem Leser entgegen. Der Autor spielt mit der geläufigen Redewendung, jemand würde sich im Grabe herumdrehen. Eine Umschreibung für das Entsetzen der Toten gegenüber dem, was die Lebenden anstellen. Ein namenloser Obergefreiter an der Ostfront würde sich angesichts des Grauens wohl im Grabe umdrehen, wenn er könnte; er besitzt jedoch keines.
Kühl und knapp schildert Ledig, wie der Obergefreite der Wehrmacht in der Nähe eines Ortes namens Podrowa zu Tode kam; der Zufall ließ ihn in eine Salve jenes Raketenwerfers geraten, den die deutschen Soldaten »Stalinorgel« nannten. Eine Anspielung auf die alptraumartigen Töne, die beim Abfeuern einer Lage Raketengeschosse erzeugt wurden und die verheerende, psychologische Wirkung. Die Überreste des Obergefreiten hängen in einem »verstümmelten Baumstamm«, unter dem Leichnam windet sich ein Verwundeter mit Bauchverletzung. Die glücklichen, unverletzt gebliebenen Kameraden laufen weg.
Hilfe für den Verwundeten? Fehlanzeige. Es ist der erste, zarte Hinweis auf den kritischen Zustand einer Armee, die noch wenige Monate zuvor als unbesiegbar galt. Ledigs Tonfall ist ein Echo der zynischen Kriegsgrausamkeit, sie spiegelt die alltägliche Entmenschlichung, ein fast notweniger Zustand der Selbstdistanzierung, um das Grauen an der Front überhaupt auszuhalten. Der Autor verzichtet auf jeden moralischen oder gar pathetischen Kommentar, wie man ihn etwa bei den berühmten Frontkriegsromanen von Remarque oder Jünger findet. Bei Ledig schaut man dem Krieg unverhüllt ins Gesicht; für alles Weitere ist der Leser verantwortlich.
Die Geschichte des toten Obergefreiten ist noch nicht beendet. Eine Maschinengewehr-Garbe holt ihn vom Baum, der Tote ist nur noch ein halber Mann. Die Überreste werden von Panzerketten zermalmt, den Rotarmisten »blieb nicht einmal die Möglichkeit, seine Taschen zu durchsuchen«. Im Gefecht bleibt von Pietät nichts übrig, in diesem Fall auch nicht für uniformierte Leichenfledderer. Ein Schlachtflieger setzt der Leiche noch mit Sprengmunition zu, gibt ihr sozusagen den Rest.
Dann endlich hatte der Obergefreite Ruhe. Er roch vier Wochen süßlich.
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Nicht einmal eineinhalb Seiten sind vergangen und der Leser schnappt schon nach Luft. Es ist nur der Auftakt in einem Prolog, wie soll es da fast zweihundert Seiten weitergehen? Zunächst einmal setzt Ledig den ersten seiner vielen Kontrapunkte: Der tote Obergefreite wird zum bürokratischen Akt, nämlich der Todesmeldung an die übergeordneten Stellen und die Angehörigen. Wegen der hohen Verluste eine abstumpfende Tätigkeit, längst von Gleichgültigkeit überwältigt. Es zählt nur eines – Überleben, notfalls auf Kosten eines anderen.
Die Gedanken der Soldaten, vom einfachen Melder bis zum Hauptmann drehen sich darum, wie man der Hölle lebendig entkommen könne. Gott ist keine Hilfe, die Gebete, eigentlich Bitten um einen Deal, bei denen der Hilfesuchende ein Opfer anbietet, wenn er davonkäme. Einen Fuß etwa oder eine Hand erscheinen ein guter Preis. Aber Gott schweigt. Bliebe Selbstverstümmelung, die aber wie Desertion ein heikles Spiel mit dem Feuer ist; schnell greifen die »Kettenhunde« der Feldpolizei zu, man steht vor dem Kriegsgericht.
Überlaufen zu den Sowjets? Die üble Behandlung deutscher Kriegsgefangener war mehr als bloße Propaganda, trotzdem trägt jeder einen »Passierschein« mit sich herum, der von der Roten Armee über deutschen Stellungen abgeworfen wurde, um die Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Ledig zeigt seinen Lesern diesen Schein wie die berühmte Waffe von Tschechow, von der es heißt, sie müsse später im Verlauf der Handlung auch abgefeuert werden. Der Passierschein wird also in Die Stalinorgel einer Wirklichkeitsprobe unterzogen, weiter hinten im Romans.
Der Melder lief täglich mehrmals auf einer Art Trampelpfad um sein Leben.
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Um die Moral der Truppe ist es im Spätsommer 1942 vor Leningrad schlecht bestellt. Wie brüchig sie ist, zeigt sich an unzähligen Dingen. Ein namenlos bleibender »Melder« durchläuft den Frontabschnitt, auf dem Ledig sein Drama inszeniert. Der Weg von der vordersten Linie zum Befehlsstand weiter hinten ist ein Alptraum, einschließlich Raketenwerferbeschuss, bei dem sich eine »Lähmung über die Front« legt, sich in die Seelen der Männer frisst.
Es sind die einfachen, alltäglichen, wenig dramatischen Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Frontschweine hießen die Soldaten in den vordersten Linien, nach dem Besuch eines Panzervernichtungsstrupps in einem höhlenartigen Unterstand, weiß man auch, warum. Verkotet und verlaust lässt der Melder die beiden Soldaten zurück, die darauf warten, dass man sie ablöst, ehe sich ein sowjetischer Panzer zeigt und sie versuchen müssen, die stählernen Ungetüme zu stoppen.
Ablösung ist das Zauberwort, das alle Soldaten bewegt. Bloß raus aus dem frontnahen Bereich, andere sollen ihren Kopf hinhalten. Wieder ein Bild für die zerbröckelnde Moral. Ledig schildert, dass Ersatzleute nicht etwa begrüßt, sondern gehasst werden. Man gibt den neuen die Hand und wünscht ihnen den Tod, denn ihre Anwesenheit bedeutet eine Verstärkung und verringert die Chance, dass die eigene Einheit vorn an der Front abgelöst wird. Die Erosion der Moral ist weit fortgeschritten.
Wie bei jeder Panik war die Ursache geringfügig.
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Die Kern-Handlung des Romans, ein begrenzter Angriff der Roten Armee, entfaltet sich, kaum dass der Melder mit den Ersatzleuten zum vorderen Graben zurückgekehrt ist. Ledig wechselt die Perspektive, schildert die Attacke aus der Sicht von sowjetischen Offizieren. Mehrfach schwenkt die Sicht übergangslos von der sowjetischen zur deutschen Seite, was den Leser verwirrt; das Lesen wird unübersichtlich, wie die blutigen Kampfhandlungen, ein wirres Durcheinander ohne etwas, das man »Frontlinie« bezeichnen könnte.
Ledig verdichtet seinen Roman auf einen scharf begrenzten Raum, ganz vorn ist es nur ein Kompanieabschnitt. Was dort geschieht, hat jedoch Auswirkungen auf die gesamte Division. Ein kleiner Angriffs-Stoß der Roten Armee vervielfacht sich nach hinten und löst eine Panik aus. Mit starken Bildern, die mir seit dem ersten Lesen im Kopf herumgeistern, lässt der Autor den Leser teilhaben, wie eine sieggewohnte, kampferprobte, gefürchtete Armee zu einem kopflosen Hühnerhaufen wird.
Da ist der General, der im Schlafanzug den bereitstehenden Kübelwagen besteigt und sich in Sicherheit bringen lässt. Hinter ihm schwappt eine anschwellende Flutwelle panischer Krieger von der Front heran. Infanterie, Artillerie, Tross, Panzer, Lazarett, Küche, Nachschub – alles rennt vor einer Handvoll sowjetischer Panzer davon. Die kopflosen Soldaten werden niedergemäht oder trampeln einander zu Tode, während sie versuchen, das eigene Leben zu retten.
[Sie] stürzten sich sinnlos auf einen Zug ohne Lokomotive. Hunderte kämpften um einen Platz in Waggons die nicht zusammengekoppelt waren.
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Es ist das stärkste Bild einer dem Untergang geweihten Armee, das ich kenne. Die Stalinorgel spielt im Sommer 1942, nicht etwa 1944. Der Südabschnitt der Ostfront erreichte Stalingrad und stieß in den Kaukasus vor. Die Wehrmacht galt immer noch als siegreiche Armee, die in diesem Jahr die Entscheidung erzwingen sollte. Gert Ledig, der selbst in dieser Zeit vor Leningrad kämpfte, nimmt in seinem Roman das Desaster der folgenden Jahre bereits vorweg. Wie soll eine Armee siegen, deren Soldaten um einen Platz in einem Zug ohne Lokomotive kämpfen?
Ledig treibt die Handlung auf die Spitze, indem er inmitten dieser lokalen Apokalypse einen bürokratischen Kontrapunkt setzt. Mit maliziöser Ironie lässt er einen Gerichtsoffizier auftreten, der einen Deserteur aburteilen soll, damit dieser als abschreckendes Beispiel für die Truppe hingerichtet werden kann. Eine groteske Versinnbildlichung des Wehrmachts-Terrors gegen die eigenen Soldaten, die bis Kriegsende zu Tausenden hingerichtet wurden.
Inmitten einer ganzen Division von Desertierenden führt der Gerichtsoffizier ein schauerliches Bürokratie-Spektakel auf, während die sowjetischen Angriffsspitzen bereits den Ort erreichen. Der Irrsinn dieses Krieges verdichtet sich in dem Vorgang auf kaum zu ertragende Weise, wenn die Wirklichkeit die Befehle längst sinnlos gemacht hat und diese trotzdem ausgeführt werden. Hier streift Ledigs Erzählung auch die nach dem Krieg so oft bemühte Phrase vom »Befehlsnotstand«, den der Autor auf seine Weise kommentiert.
Kein Soldat darf einen Befehl verweigern, aber er kann ihn vergessen.
Gert Ledig: Die Stalinorgel
Gert Ledig hat seinen Roman eine wirksame Struktur gegeben, nicht nur durch diese Kontrastierungen oder die jähen Perspektivwechsel im Stil scharfer Filmschnitte. Durch Einschübe, die kursiv von der Erzählhandlung abgesetzt sind, erzählt er von der Vergangenheit, Gedanken oder fiebertrunkenen Assoziationen der Soldaten beider Seiten. Die entmenschlichte Distanz bricht auf, der Mensch wird hinter dem namenlosen Uniformierten sichtbar, was die Intensität von Szenen wie dem Sturmangriff sowjetischer Soldaten noch einmal verstärkt.
Schlachtszenen haben in vielen Romanen notgedrungen etwas Voyeuristisches und Mechanisches, manchmal klingen sie hölzern wie eine Gebrauchsanweisung, wenn geschildert wird, was geschieht. Die Stalinorgel von Gert Ledig zeigt einen gelungenen Ausweg, einen ebenso radikalen wie sein Luftkriegsroman Vergeltung. Für ein Publikum, das durch bauschig-sanfte Lesegewohnheiten des 21. Jahrhunderts sozialisiert wurde, mag das regelrecht verstörend sein. Für die Lebenswirklichkeiten unserer Tage jedoch ist Die Stalinorgel siebzig Jahre nach ihrem Entstehen passend. Auch in diesem Sinne hat Gert Ledig den besten Frontkriegsroman verfasst, den ich kenne.
Gert Ledig: Die Stalinorgel Suhrkamp Verlag 2000 Gebunden 240 Seiten ISBN: 3-518-22333-x
Die Wehrmacht hat den Krieg gewonnen, Deutschland herrscht über Europa vom Rhein bis zum Ural. Hitlers 75. Geburtstag steht vor der Tür, im Großdeutschen Reich werden die Feierlichkeiten vorbereitet. Der Thriller setzt sieben Tage vor dem großen Ereignis ein, konfrontiert mit einem Toten aus den Spitzen der Partei kommt ein Kommissar einem gut gehüteten Geheimnis auf die Spur, das »sich selbst versiegelt« hat. Brillant. Cover Heyne-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Einen guten Roman erkennt man nicht zuletzt daran, dass man ihn mehrfach lesen kann. Das gilt insbesondere für Thriller. Spannungsliteratur lebt von der Überraschung, die beim erneuten Lesen fehlt, wenn man nicht alles vergessen hat. Ist die Handlung noch präsent, müssen andere Qualitäten als Enthüllung und jähe Wendungen den Leser bei der Stange halten. Der Inhalt muss etwas zu bieten haben, das über die Ermittlungen hinaus geht.
Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster mit der Behauptung, dass die meisten gegenwärtigen Romane des Thriller-Genres nicht gut genug sind, um ihre Leser für eine zweite Leserunde zu begeistern. Vaterland von Robert Harris hat diese Qualität. Vier- oder fünfmal habe ich das Buch mittlerweile gelesen, der Zustand meines Exemplars ist besorgniserregend. Harris’ Roman ist fast schon ein Klassiker. Er erschien 1992 und sorgte damals für erhebliches Aufsehen.
Die Hauptfigur ist ein SS-Sturmbannführer namens Xaver März. Das war bei Erscheinen spektakulär, denn März hebt sich dramatisch von den karikaturhaft gezeichneten SS-Leuten in der populären Literatur und insbesondere des amerikanischen Films ab. Er ist ein Sympathie-Träger, was Harris nicht zuletzt durch einen Kunstgriff ermöglicht: März kam als Kriminalbeamter nolens volens zur SS, als 1936 die Kripo in den »Schwarzen Orden« eingefügt wurde.
Harris macht aus ihm einen Fremdkörper in der SS, der – durchaus klassisch im Thriller-Genre – von der Ideallinie abweicht und Stück für Stück dem Abgrund entgegentaumelt. Scheidung von der linientreuen Frau, Isolation, Flucht in die Arbeit, stagnierende Karriere – ein fallender schwarzer Engel, der auch noch die falschen Fragen stellt. Eine Fotografie, zufällig beim Renovieren hinter der Tapete gefunden, ist wie ein Leitstern für die Frage, wer das sei und welches Schicksal ihnen beschert gewesen wäre.
›Das waren Juden‹, hatte die Alte im Dachgeschoss gesagt, ehe sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.
Robert Harris: Vaterland
In der Welt von Vaterland gibt es 1964 keine Juden mehr, sie sind »nach Osten evakuiert« worden. Fragen stellt man besser nicht, auch nicht als SS-Sturmbannführer. März wittert das Grauen, eine Leerstelle, die der Fahnder füllen will, füllen muss. So wie er auch nicht wegsehen kann, als ihn – ein Zufall! – zu einer Leiche am Wannsee (ja, derWannsee) führt. Er will, er muss herausfinden, was es mit dem Mord an einem hochgestellten, wenngleich im Ruhestand weilenden Mitglied des Regimes auf sich hat; auch als Gestapo & Co. die Ermittlungen an sich reißen, hört er nicht auf.
Der Rote Faden einer Mordermittlung inmitten einer mörderischen Verschwörung ist fest verwoben mit dem Schwarzen Faden eines historischen Verbrechens, das in seiner industriell-bürokratischen Umsetzung in der Weltgeschichte einmalig ist. Beides hängt eng miteinander zusammen, beides enthüllt Xaver März Schritt für Schritt. Sein Weg führt ihn endgültig ins Abseits, was im Großdeutschen Reich des Jahres 1964 suizidalen Charakter hat. Das weiß der Leser und März weiß es auch – trotzdem ermittelt er, denn er kann nicht anders.
Harris ist mit dem Fahnder März nicht nur ein glaubwürdiger Charakter gelungen, er hat dessen Enthüllungsarbeit in eine faszinierende und fantastisch getimte Thriller-Struktur eingebettet. Sieben Tage, in denen eine neue Welt erschaffen wird, weil sich durch März der Lauf der Geschichte ändert. Der letzte Tag ist der 75. Geburtstag Adolf Hitlers, was viel mehr ist, als ein Aufmerksamkeit heischendes Detail. Der Feiertag wirkt entscheidend auf die Handlung ein, die auf diesen zusteuert. Nein, nein, kein Attentat; Vaterland ist kein Hollywood- oder Streaming-Gedöns. Harris kann und macht es besser.
Das letzte, was wir brauchen, ist ein Skandal, der die Parteiführung betrifft, vor allem jetzt vor Kennedys Besuch.
Robert Harris: Vaterland
Die Geburtstagsvorbereitungen begleitet die Sensation, dass der amerikanische Präsident Joseph P. Kennedy nach Berlin kommen will. Der Amerikaner will wiedergewählt werden und versucht, durch einen außenpolitischen Coup Punkte zu sammeln. Den Nazis steht offensichtlich das Wasser dicht genug am Hals, um an einer Entspannung auf der weltpolitischen Ebene interessiert zu sein. Harris bettet die Ermittlung im Mordfall und die Enthüllung des Holocaust in eine geschickt konstruierte weltpolitische Kulisse ein; während März, bald unterstützt von der amerikanischen Journalistin Charlotte Maguire, nach Antworten sucht, mahlen die Mühlsteine der Macht. Der Tote – die Toten sind kein Zufall.
1964 herrscht Großdeutschland über ein riesiges Gebiet vom Rhein bis zum Ural. Wie von Adolf Hitler angestrebt, wird dort noch immer gegen die verbleibenden Truppen der ehemaligen Sowjetunion gekämpft. Friede gibt es in dieser Welt nicht, im Osten schwelt der Krieg endlos vor sich hin wie eine schwärende Wunde. In den besetzten Gebieten gibt es Partisanen, auf dem Reichsgebiet Terrorangriffe. Millionen Menschen aus den Ostgebieten sind als billige Arbeitskräfte im Reich, um die Lücken zu füllen, die von den Eingezogenen gerissen werden. Krieg führen will keiner mehr.
Zwischen den USA, die gegen die Japaner siegreich blieben, und dem Großdeutschen Reich herrscht Kalter Krieg, Westeuropa ist in einer von Deutschland dominierten Europäischen Union gepfercht, ein typisch britisches Motiv, wie auch das Schweigen über das Schicksal der Kolonialreiche. Der Rest der Welt ist nämlich im Nebel jenseits der Erzähllinien verborgen. Doch auch so hat Harris eine globale Kulisse geschaffen, die für die Grundmotivation der Handelnden sorgt und den Thriller auf seinen Höhepunkt zutreibt.
Die Prinz-Albrecht-Straße war Deutschlands schwarzes Herz.
Robert Harris: Vaterland
Zwischen 1933 und 1945 hatten in den Prinz-Albrecht-Straße die Gestapo und die SS ihren Sitz, hier lag das Reichssicherheitshauptamt. Staatliche Bespitzelung, Verfolgung und Terror an einem Ort, der in der NS-Zeit als Synonym für den Schreckensapparat des Dritten Reiches galt. In Vaterland ist das noch immer so, niemand möchte dorthin gebracht werden, wo Menschen durch die Anwendung brutalster Gewalt zum Reden gebracht werden; auch nicht der Träger einer SS-Uniform. Harris winkt früh mit dem Zaunpfahl, wie alles in diesem Roman im Dienste der Handlung.
Das Thema einer Erzählung, die in einer Welt spielt, bei der die Geschichte einen anderen Verlauf nahm, war auch 1992s nicht neu; auch nicht, dass es sich um eine Welt handelt, in der die Armeen des Deutschen Reichs den Zweiten Weltkrieg für sich entschieden haben. Philipp K. Dick hat das Motiv herausragend inDas Orakel vom Berge verarbeitet, Otto Basil in Wenn das der Führer wüsste wäre ein weiteres Beispiel. Mit diesem verbindet Vaterland die Notwendigkeit, die Handlung mit einem Opfergang zu verknüpfen. Wenn das Unheil so weit fortgeschritten ist, wie in einer Welt, in der ein großdeutsches Reich existiert, ginge es nur im Trivialroman anders.
Zwei Warnungen gibt Harris seinen Lesern mit auf den Weg, ohne den didaktischen Zeigefinger zu heben. Ab einem gewissen Punkt ist Widerstand gegen ein diktatorisches Regime nur noch von außen (USA), durch organisierte Gewalthaufen im Verborgenen (Partisanen) und aus dem System selbst (Stauffenberg) möglich. Der Einzelne ist ausgeliefert, von Kometen wie Georg Elser(oder Sturmbannführer Xaver März) einmal abgesehen.
Das Geheimnis versiegelt sich selbst.
Robert Harris: Vaterland
Der Schlüssel für das Geheimnis, dem Xaver März auf der Spur ist, liegt in Dokumenten. Robert Harris hat die Fahndungen seines Polizisten in SS-Uniform mit der Spürarbeit des Historikers verknüpft. Die Dokumente aufzuspüren in den Gebirgen an Papier, das in Archiven schlummert und in der Welt von Vaterland auch gar nicht gefunden werden soll, ist essentieller Teil der Handlung. Das Papier offenbart die schrecklichen Worte, die März und Maguire ungläubig schweigen lassen.
Papier als Waffe, um eine ganze Welt aus den Angeln zu heben. Für den Leser ist das knisternde Wispern des Grauens aus dröge formulierten Bürokraten-Schreiben schrecklich. Auch wenn man alles längst weiß und oft gehört hat, zieht beklemmende Furcht herauf, Todesfabriken, deren Betriebsablauf in nüchternen Worten beschrieben werden, machen demütig. Die Notwendigkeit, derlei nicht im Schatten verschwinden zu lassen, den Mächtigen nicht zu erlauben, es zu versiegeln, drängt sich mit Wucht auf.
Das ist die zweite Warnung von Vaterland: Wenn es gelingt, ein historisches Verbrechen zu versiegeln, verschwindet es irgendwann ohne Konsequenz für die Täter und mit verheerenden Folgen für die Gegenwart und Zukunft, denn ungesühnte Verbrechen stoßen die Tür für neue, monströse Verbrechen weit auf. Die Nazis waren nicht weit davon entfernt, ihr Geheimnis zu versiegeln. China und Russland sind heute mindestens einen Schritt weiter und die USA hecheln eifrig hinterher.
Robert Harris: Vaterland Aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs Heyne Verlag 1994 Taschenbuch 384 Seiten ISBN: 3-453-07205-7
Mein zweites Buch von Michael Maar. Sein »Schlange im Wolfspelz« hat mir sehr gut gefallen, nun also ein Blick auf die Details in großer Literatur. Ein Nachteil solcher Lektüre: Die überlange Leseliste wird noch länger.
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Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.