Kämpfen, wenn der Gegner unbesiegbar ist? Die Lüge ist so ein Gegner, einmal in die Welt gesetzt, kommt man nicht mehr dagegen an. J.R.R. Tolkien wusste um die Macht der Lüge und auch um ihre Unsterblichkeit, denn sie lässt sich nicht ausrotten. In seinem Silmarillionhat Tolkien das in einen treffenden Satz gefasst, den ich als Zitat dem Schlussband meiner Buchserie um die Piratenbrüder vorangestellt habe.
Dabei ist die Herausforderung, der sich die Piratenbrüder und ihre Freunde gegenübersehen, groß genug. Von Patrick Vandenbergh, einem Verräter in den Reihen John Blacks, haben sie erfahren, wo ihr Erzfeind seinen Stützpunkt hat. Der Schock hätte kaum größer sein können: Ausgerechnet in Maracaibo, mitten in den spanischen Kolonien, liegt der Unterschlupf Blacks.
Das alles hier war John Blacks Spiel. Henry würde mitspielen, denn er hatte das bessere Blatt, dank einer Karte, die alle anderen stach: ein schwarzer Joker.
Alexander Preusse: Opfergang – Piratenbrüder Band 7
Ohne militärische Unterstützung durch Linienschiffe und Seesoldaten ist an einen Angriff auf Maracaibo nicht zu denken. Das aber würde einen Krieg zwischen Spanien und England auslösen, etwas, das Henry und seine Getreuen bis dahin unbedingt verhindern wollten. Jetzt erscheint ihnen ein Krieg als einziger Weg zum Sieg über John Black. Voraussetzung ist, dass der englische König George II. die nötige Unterstützung gewährt.
In London aber ist die Saat der Lügen Warringtons aufgegangen, Henry gilt als Pirat und Verräter, ihm drohen Verhaftung und Tod durch Hinrichtung. Bald zeigt sich, dass ohne große persönliche Opfer kein Erfolg möglich ist. Nicht nur Henry zieht daraus dramatische Konsequenzen, auch Joshua hat keine andere Wahl, als ein Opfer zu bringen. Widerstand und Unterstützung kommen von überraschender Seite. So entfaltet sich das dramatische Ende der Abenteuer von Joshua und Jeremiah in London und Maracaibo.
Das Taschenbuch (508 Seiten) ist bei Autorenwelt, Buch 7, geniallokal, Amazon& anderen Online-Buchhändlern sowie im lokalen Buchhandel erhältlich. eBook exklusiv bei Amazon (Kindle und Kindle unlimited).
Das vielleicht berühmteste Bild von Rembrandt, bekannt als »Die Nachtwache«, spielt im glänzenden Mittelteil des Romans von Leonardo Padura eine wichtige Neben-Rolle; das kleine Bild auf dem Buchcover ist bedeutender, es verbindet die drei, zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Teile von »Ketzer«. In allen drei Teilen geht es um Freiheit und den Preis, der vom Einzelnen dafür zu entrichten ist, frei zu sein. Coverrechte Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.
Ihr habt mich gelehrt, dass frei zu sein mehr bedeutet, als an einem Ort zu leben, an dem die Freiheit proklamiert wird. Dass frei zu sein ein ständiger Kampf ist, den man täglich bestehen muss, gegen alle Mächte, gegen alle Ängste.
Leonardo Padura: Ketzer
Im spanischen Original heißt der Roman Ketzer des kubanischen Autors Leonardo Padura Herejes. Häretiker zu Deutsch, was mir besser gefällt, als der für die Übersetzung gewählte Begriff. Ein Häretiker ist ein Abweichler, beim Begriff Ketzer schwingt etwas Aggressives mit, als würde der Abweichler zum Angriff auf die bestehende Ordnung antreten. Die drei Nonkonformisten, ein jüdischer Flüchtling auf Kuba in den 1930er Jahren, ein Schüler Rembrandts im 17. Jahrhundert und eine Emo in der tristen Gegenwart der sozialistischen Insel, setzen sich zwar über Grenzen hinweg, die ihnen von totalitären Regimen gesetzt werden, verbinden damit aber nur persönliche, keine politischen oder gar umstürzlerischen Absichten.
Ketzer ist ein Roman über die persönliche Freiheit und den Preis, den derjenige zahlen muss, der nach Freiheit strebt. Man kann nicht frei sein, ohne Anstrengung; die Freiheit kann nicht geschenkt werden, man kann sie nicht per Geburt erhalten oder erben, wie etwa Timothy Snyder (Über Freiheit) dargelegt hat. Leonardo Padura schlägt in die gleiche Kerbe. Die Schicksale seiner wichtigsten Personen weisen in diesem Punkt Ähnlichkeiten auf, trotz der Unterschiede durch Zeit und Umstände. Das gibt dem Roman auf einer übergreifenden Ebene einen inneren Zusammenhang, die Erzählung ist etwas Grundsätzlichem auf der Spur.
Den Anfang bildet eine beschämende Katastrophe: Das Schiff St. Louis liegt im Jahr 1939 mit mehr als 900 deutschen Juden an Bord im Hafen von Havanna. Zum Entsetzen der Angehörigen, die bereits auf Kuba sind, dürfen die Flüchtlinge trotz teuer erworbener Visa nicht an Land. Alle Verhandlungen scheitern, Korruption, Gier und politischer Druck rechter Kreise sowie der USA verhindern das, die St. Louis muss unverrichteter Dinge wieder abfahren. Zeuge des Dramas ist Daniel Kaminsky, der hilflos mitansehen muss, wie seine Familienmitglieder nach Europa zurückkehren müssen, wo sie vom Holocaust verschlungen werden.
Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.
Leonardo Padura: Ketzer
Elias Kaminsky, der Sohn Daniel Kaminskys, beauftragt Jahrzehnte später den ehemaligen Polizisten, Buchhändler und Gelegenheitsermittler Mario Conde damit, einem ominösen Bild nachzuspüren, das Rembrandt oder einer seiner Schüler gemalt haben könnte. Es erscheint bei einer Auktion, wo es vor dem Verkauf als Raubkunst identifiziert wird. Mit diesem wertvollen Gemälde verbindet sich das tragische Schicksal der Familie Kaminsky auf der St. Louis: Ihnen gehörte es, ihnen wurde es 1939 in Havanna durch einen ruchlosen kubanischen Zeitgenossen entwendet, wo es doch durch seinen reinen Wert die Rettung hätte bedeuten können.
Wie dieses Bild entstand, erfährt der Leser im zweiten Teil des Romans. Im relativ freien Amsterdam des Jahres 1643 setzt sich der junge Jude Elias Ambrosius Montalbo de Ávila über diverse Dogmen seiner Glaubensgemeinschaft hinweg und folgt seiner Berufung: der Malerei. Geschickt verbindet Padura durch diesen Teil verschiedene, über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Motive: Elias ist aus Spanien geflohen, wo die Inquisition brutal gegen Juden vorging, was auch seinen Namen Montalbo de Ávila erklärt. Als wäre die Vertreibung nicht Belastung genug, sorgen religiöse Eiferer unter den Juden für Unfrieden und gerieren sich so autoritär wie die katholische Inquisition.
Der zweite Teil ist der stärkste Part des Buches, auch wegen des Themas Malerei und der ganz wunderbar umgesetzten historischen Einbettung. Padura folgt dem Weg des Künstlers, der dem Ruf der Kunst folgt und den Umständen trotzt; Kompromisse schmerzlicher Natur, um nicht von den aggressiven Konformisten vernichtet zu werden, sind nötig. Selbst ein Maler-Star und Genie wie Rembrandt muss schmerzliche Rückschläge hinnehmen, sich oft genug den Zwängen des Marktes unterwerfen, um zu überleben. Der Konformismus, insbesondere in Gestalt des fanatisch Gläubigen, erweist sich allzu oft als stärker als der nach Freiheit Strebende.
Vielleicht wäre es das Beste, dachte Elias Ambrosius, jene Hirngespinste, die bisher zu nichts geführt hatten, zu vergessen und ein größeres Unglück zu verhüten, solange noch Zeit dazu war. […] Wäre das ganz gewöhnliche Leben eines ganz gewöhnlichen Mannes nicht vielleicht besser?
Leonardo Padura: Ketzer
Im dritten, meiner Wahrnehmung nach schwächsten Teil sucht Mario Conde nach einer siebzehnjährigen Schülerin, die auf mehrere Weise eine Abweichlerin ist. Hier steht das Kuba der jüngeren Vergangenheit im Fokus der Erzählung, dessen Regime über Jahrzehnte das Land wirtschaftlich und sozial, aber auch kulturell auf gnadenlose Weise in bittere Armut getrieben hat.
Judith, genannt Judy, bricht auf vielfache Weise mit dem vorgegebenen Leben, sie stammt aus einer Familie, die Teil des Systems ist und daher privilegiert lebt; trotzdem bereichert sich ihr Vater durch korrupte Handlungen noch, was die intelligente und moralisch denkende Judy zum Bruch mit ihren Eltern treibt. Die Figur ist leider überfrachtet, weniger wegen der zweifelsfrei vorhandenen Widersprüchlichkeit zwischen Wirklichkeit und ideologischer Rhetorik des herrschenden Regimes, sondern weil in die Person eine Menge philosophischer und ideeller Gedanken gepresst wird; Judy wirkt idealisiert und wesentlich ferner als Daniel Kaminsky oder Elias Ambrosius aus Teil eins und zwei.
Padura verzichtet darauf, aus ihrer Perspektive zu erzählen, was die Distanz noch vergrößert. Die Dinge werden von Conde und anderen in die Figur Judy hineingelesen, kommen nicht aus ihr; damit fehlt ihr, was vor allem der Maler Elias Ambrosius vorzuweisen hat, ein schöpferisches Talent, das nach außen drängt. Vor allem aber ist es jener Teil, der am stärksten nach Kriminal– oder Detektivroman klingt. Obwohl der innere Zusammenhang der der drei Teile geschickt hergestellt wird, verliert die Erzählung an Wucht.
Der Ex-Polizist und Gelegenheitsermittler Mario Conde ist im literarischen Universum Leonardo Paduras der Fixstern, eine Figur, die fast immer in Erscheinung tritt. Das hat Vorteile, die über die Buchmarkt-Tendenz zu Serien-Figuren hinausgehen. An einer immer wieder auftretenden Figur lässt sich eine lange Entwicklung der gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzeigen. Umgekehrt engt es die erzählerischen Möglichkeiten ein. Es ist kein Zufall, dass in Paduras Opus Magnum, Der Mann, der Hunde liebte, Conde keine Rolle spielt.
Ketzer ist auch nach meiner zweiten Lektüre der zweitbeste Roman von Leonardo Padura, bei dem vor allem der mittlere Teil glänzt und strahlt. Das Thema Freiheit ist obendrein aktueller als je zuvor. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.
Leonardo Padura: Ketzer Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein Unionsverlag 2015 Taschenbuch 656 Seiten ISBN: 978-3-293206960
Der Brocken im Harz-Gebirge, das Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines durchwandert hat und seine Erlebnisse und Gedanken in diesem wunderbaren Buch mit dem Leser teilt. Coverrechte Rowohlt Berlin, Bild mit Canva erstellt.
Niemand wird kommen, uns zu retten, niemand wird uns etwas schenken, nicht die Amerikaner und die Russen schon ganz bestimmt nicht.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Ein wenig erstaunt war ich schon, als ich beim Durchblättern der Verlagsvorschauen dieses Buch entdeckte: Die Harzreise. Was treibt einen Schriftsteller wie Steffen Kopetzky dazu, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine mehrtägige Wanderschaft durch den Harz zu unternehmen? Ausgerechnet der Harz? Eine Deutschlanderkundung soll es sein, heißt es im Untertitel. Will Kopetzky im Kleinen das Große Ganze erkennen? Am Schreibtisch erahnen Schriftsteller noch ganz andere Dinge, was werden frische Luft und Bewegung erst anrichten?
Eines war mir vorher klar: Wie eine mehrtägige Wanderschaft der körperlichen Konstitution mit Schmerzen und anderen Zudringlichkeiten zu Leibe rückt, würde die Lektüre meinen Vorurteilen gegenüber dem Harz ans Leder gehen. Ich kenne die Erhebung nur aus der Literatur, von einigen Orten wie Goslar, Osterode oder Quedlinburg einmal abgesehen; und als Fernansicht. Vom Schreibtisch bräuchte ich die Zeitspanne eines Fußballspiels für einen Fußmarsch zum Aussichtsturm »Harzblick«, von dem aus man über idyllisch rotierende Windräder hinweg zum Berg schauen kann. Gutes Wetter vorausgesetzt.
Nun werde ich wohl auch einmal in den Harz müssen, vielleicht sogar auf den Brocken, sicher aber nach Wernigerode oder Treseburg mit seinen Villen. Damit bin ich schon weit im Buch gesprungen, es sind Orte der letzten Etappen der Wanderung, die Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines und seiner berühmten Harzreise unternahm. Möge die 200 Jahre danach unternommene Deutschlanderkundung viele Leser finden, denn die moderne Harzreise mündet in Gedanken und Überlegungen, die weit über persönliches (Wander-)Erleben und die Harz-Region hinausgehen. Eine kämpferische Sicht auf Gegenwart und Zukunft, ohne Gejammer und Untergangsfantasie, aber auch nicht die heute gern gepflegte Flucht in romantische Unwirklichkeiten.
Aber da müssen wir durch, müssen unsere Harzreise antreten, auch wenn der Himmel Regen schickt. […] Vielleicht werden wir als Deutsche in diese harten nächsten Jahre gehen und als Europäer herauskommen.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Los geht es mit Kopetzkys Harzreise in Göttingen, barmherzig in Heisenbergs Unschärfe gehüllt. Die erste Etappe führt nach Northeim und nicht direkt nach Osterode, wie Heine es getan haben will. Sprachlich tritt Kopetzky von Beginn an in Heines Fußstapfen, fein dosierte Ironie in allen Schattierungen begleitet Wanderer und Leser. So bleibt es heiter, auch wenn von Leerstand in Innenstädten, von Gott und Welt verlassenen Orten, unheimlichen Lost-Places und Zeitgenossen mit kleinkarierten Weltsichten die Rede ist.
Wie immer auf Reisen ergeben sich zufällige Begegnungen, die natürlich nicht zufällig sind, sondern dem zufallen, der aufgebrochen ist. Gerade wenn es sich um Fachleute handelt, gibt es Interessantes mitzuteilen. Ist der Klimawandel für die Zerstörung des Harzwaldes verantwortlich? Ja, unter kräftiger Beihilfe der »Lotterie der Natur« in Gestalt von Regen, Wintersturm und Trockenheit, zeitlich so abgestimmt, dass der Borkenkäfer freie Bahn hatte. Der Anblick des so zerstörten Harzwaldes ist nicht neu, vor 80 Jahren war er als Reparationsleistung abgeholzt worden. Zu Heines Zeiten waren die Bäume ebenfalls abgeholzt, wegen des Bergbaus.
Ausgehend von lokaler Erfahrung und neu gewonnenem Wissen setzt Kopetzky zu weit reichenden Gedankenflügen an. Er schlägt einen Bogen vom Müllvandalismus im Harz zum gleichsam geplagten Himalaya, stellt Überlegungen darüber an, wie die Früh-Industrialisierung in Gestalt des Bergbaus das soziale Gefüge zunächst punktuell ins Wanken brachte, zugleich den Mythos in Gestalt von düsterer Magie und Hexen beflügelte und ganz nebenbei der Reformation Schwung verlieh. Luther war der Sohn eines Hüttenmeisters, Thomas Müntzer auch. Sie wussten die »Bergfreyheit« auf ihre Weise zu deuten.
Einer der beiden ist ein typischer Pfiffikus unserer Tage – bläulich getönte Designerbrille, Kitzbühelteint von der Sonnenbank, hellblauer Pullover.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Sieht man diese Erscheinung nicht vor sich? Der »Pfiffikus« ist erklärter Antieuropäer und verleiht seinem Unmut ungehemmt Ausdruck. Die Weltverschlichter sind überall am Werk, lautstark und unzugänglich für jede Form von Differenzierung. Dabei bietet auch der Harz Beispiele, dass nichts einfach, sondern alles kompliziert ist, etwa in Gestalt der Brockenbahn. Wirtschaftlich erfolgreich ist die traditionsreiche Einrichtung, aber dank Funkenflug aus den Schornsteinen auch Urheberin von Bränden inmitten eines von Trockenheit und abgestorbenen Bäumen gezeichneten Waldgebietes. Eine Zwickmühle par excellence.
Als politisch denkender Schriftsteller kann Steffen Kopetzky gar nicht anders, als seine Wanderung auch mit historisch-politischen Überlegungen zu verbinden. Die Balance zwischen dem Erleben, Gesehenen und Gedachten ist in Die Harzreise gelungen. So werden Assoziationen und Gedankenreisen, die auch zunächst abwegig erscheinende Themen wie Perry Rhodan berühren, immer durch konkrete Wahrnehmungen vor Ort ausgelöst und sind mit der Wanderung und dem Wanderer verbunden. Nicht auszudenken, wenn man als Leser von Anfang bis zum Ende mit Naturschilderungen befrachtet würde.
So aber gerät man an der Seite des Wanderers auch in eine AfD-Verantstaltung mit ihren ganz eigenen Abgründen. Kopetzky webt in die Schilderung geschickt Heine und dessen ganz eigene Erfahrungen mit radikaler Deutschtümelei ein, die antisemitisch war, wenn auch noch nicht völkisch, und Expatriierung kannte. Dieses Gespenst kehrt als »Remigration« in verschärfter, gnadenloser Gestalt zweihundert Jahre später wieder. Wie auch der Ungeist imperialistischer Eroberungskriege, die Polen im 19. Jahrhundert in ihren Klauen hielten und heute die Ukraine oder ganz Europa bedrohen.
Weil es mir so vorkam, dass genau das vor uns lag. Das Bittere. Das Herausfordernde. Eher keine Kreuzfahrt. Harz im alten Sinne einer beschwerlichen, teils auch gefährlichen Wanderung über Stock, Stein und Gebirge.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Die Harzreise mündet weder in weltabgewandtem Schwärmen noch Tristesse, verweigert sich dem landauf, landab so verbreiteten Hang zur Unterwerfung, wendet sich gegen die allgegenwärtige, überwältigende Angst. Das Buch möchte Mut machen, ohne zu verharmlosen oder – noch schlimmer – die garstige Wirklichkeit in cozy Scheinwelten zu verplüschen. Neben allem anderen erzählt Die Harzreise von der Freiheit, die niemandem geschenkt oder vererbt wird. Man muss sie sich erkämpfen, eine Gewissheit auf Erfolg gibt es nicht. So wie eine Harzreise scheitern kann, ist auch ein Fehlschlag auf anderem Feld nie auszuschließen. Aufbrechen sollte man trotzdem.
Trivia: In Moria, einer Mine in J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe , gruben die Zwerge zu tief; dort wurde die Gier mit dem Erwachen des Balrog von Morgoth bestraft, im Harz-Bergbau wartete das Böse, wenn die Regelbrecher »auf Teufel komm raus« gruben.
Steffen Kopetzky: Die Harzreise Eine Deutschlanderkundung Rowohlt Berlin Verlag 2026 Gebunden 240 Seiten ISBN: 978-3-7371-0256-8
Der Fantasy-Roman »Der Herr der Ringe« von J.R.R. Tolkien bleibt aus meiner Sicht unerreichbar, was am historisch-literarischen Fundament des Autors liegt, zu dem die Antike einen wichtigen, vielleicht sogar entscheidenden Teil beigetragen hat. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Derwichtigste Satz dieses großartigen Buches steht auf der vorletzten Seite. Niemals werde die Antike auf der Oberfläche von Tolkiens Werk sichtbar, ebensowenig die antike Kultur in ihrer reinsten Form. Insbesondere Der Herr der Ringe, das Hauptwerk des Autors, das den Grundstein der epischen Fantasy-Literatur legte, ist daher zunächst einmal eine magiedurchwirkte, abenteuerliche und sehr spannende Erzählung. Tolkien ist es gelungen, das Fundament des Ringkrieges, aber auch des Hobbits und Silmarillions geschickt zu verbergen. Es reicht in die Tiefe der Geschichte wie Moria in die des Gebirges; nur wer genau hinsieht, findet hier wie dort Reichtümer: Antike und Mithril.
Aus meiner Leser-Sicht wird Der Herr der Ringe unerreicht bleiben, was bei Literatur den Verdacht der Anmaßung weckt. Die Lektüre von Tolkien et la mémoire de L´Antiquité von Isabelle Pantin und Sandra Provini bestärkt mich in dieser Haltung. Niemand wird sich dem jahrzehntelangen Studium und unzähligen Neuerzählungen bzw. Versuchen von Texten und Fragmenten je wieder unterziehen. Für Autoren, die sich den Zwängen des Buchmarktes unterwerfen, gilt das ganz besonders. So bleibt Fantasy gemessen an Tolkiens Werk oft schnelllebiger, schlimmstenfalls auf Aktualität und Zeitgeist schielender Schrott in qualitativen Abstufungen.
Für mich war der Kauf von Tolkien et la mémoire de L´Antiquité ein ganz besonderer Glücksfall. Meine erste Lektüre von Der Herr der Ringe liegt bereits mehr als vier Jahrzehnte zurück, zuletzt habe ich endlich auch das englische Original gelesen. Seitdem habe ich immer wieder nach einem Fantasy-Abenteuer gesucht, das zumindest annäherungsweise an die Abenteuer Frodos herankommt. Eine vergebliche Mühe, allzu oft fühlte sich die Lektüre pelzig an. Endlose Seiten gefüllt mit Gewäsch, Soufflee-Literatur, aufgeblasen, um das Buch auf den genretypischen Umfang zu bringen. Das berühmte und erfolgreiche Geheimnis der Großen Schwerter von Tad Williams ist nur ein Beispiel, bis heute ärgere ich mich, die Lektüre nicht abgebrochen zu haben. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Dank Pantin und Provini kann ich dieses Enttäuschung besser begründen. Mein subjektiver Eindruck, dass Der Herr der Ringe auf einem dicken Fels ruht, während die nachfolgenden Fantasy-Romane anderer Autoren auf dünnem Eis trippeln (und einbrechen), ist auf mehr als 300 Seiten mit vielfältigen Argumenten gestützt und objektiviert worden. Die Autorinnen untersuchen den Einfluss der Antike auf Autor und Werk in vielschichtiger Weise. Besonders beeindruckend sind die Parallelen zwischen antiken (und mittelalterlichen) Epen und Tolkiens Werken. Die Autorinnen vertreten die Ansicht, Aragorn und Frodo seien im Sinne einer christlichen Ethik modernisierte Heldenfiguren. Diese Analyse ist sehr spannend zu lesen und unterstreicht einmal mehr, wie viel unter der Oberfläche der Handlung schlummert.
[…] que le centre du livre ne se trouve pas dans les luttes, la guerre et l´heroisme (bien qu´ils soient compris e dépeints) mais dans la liberté, la paix, la vie ordinaire et l´affection.
Isabelle Pantin, Sandra Provini: Tolkien et la mémoire de L´Antiquité
Ein Schlüsselwort steht im Titel des Buches: mémoire. Die Erinnerung an die Antike, an die Epen, die Landschaften, Karten, die Distanzen und die Heldenreisen prägt das Werkt Tolkiens, es handelt sich nicht um eine Kopie oder enge Anlehnung, sondern eine Inspiration aus der Distanz der oft unscharfen, schillernden, subjektiven Erinnerung.
Das spielt auch in der Handlung seiner Werke eine Rolle, wenn von alten Liedern, Verserzählungen die Rede ist, über die eine – heute als Historie behandelte – Vergangenheit in die Gegenwart einfließt. Tolkien hat noch mehr zu bieten, wie sein Umgang mit Zeit und Raum zeigt; dazu stehen in Tolkien et la mémoire de L´Antiquité ebenfalls einige Punkte, hier lohnt sich der Blick in den Historischen Altas Mittelerdes von Karen Wynn Fonstad.
So freue ich mich schon auf die nächste Lektüre von Tolkiens Der Herr der Ringe, Der Hobbit und Das Silmarillion. Das nämlich ist der größte Unterschied zu anderen Fantasy-Romanen, wie etwa Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin, Das Lied des Blutes von Anthony Ryan oder die ersten Bände von Robert Jordans Rad der Zeit, die ich einmal durchaus gern gelesen habe, aber nicht wieder zur Hand nehmen werde.
Isabelle Pantin, Sandra Provini: Tolkien et la mémoire de L´Antiquité Les Belles Lettres 2025 Taschenbuch 384 Seiten ISBN: 978-2-251-45702-4
Das Meer spielte für die ukrainische Schriftstellerin Lesja Ukrajinka eine wichtige Rolle, auch in ihren Erzählungen ist es ein bedeutsames Motiv. Die Sprache ist wundervoll, dank der Übersetzung von Maria Weissenböck. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.
[…] denn das Glück war ihnen lieber geworden als das Leben.
Lesja Ukrajinka: Am Meer
Das Streben nach Glück als Quelle des Bösen. Ein ungewöhnlicher, radikaler Gedanke, den Lesja Ukrajinka in ihrer Erzählung Das Glück literarisch verwertet. Der Text ist nur dreieinhalb Seiten kurz und von existenzieller Wucht. Man kann, sollte ihn gleich mehrfach lesen, die inhaltliche Dichte und Präzision der Sprache und Bilder ist beeindruckend. Ein wenig erinnert die Verbindung aus verdichteter Knappheit und umfassender Tragweite an Kafka, mit einer ganz eigenen erzählerischen Note.
Damit ist ein wesentliches Merkmal dersieben Erzählungen genannt, die im Band Am Meer zusammengetragen sind. Ein kaum merklicher und entsprechend schwer greifbarer »ukrainisch-osteuropäischen« Ton schwingt mit, wenn Lesja Ukrajinka von räumlich und zeitlich übergreifenden Themen erzählt. Man kann also die Erzählungen lesen, ohne vorher das vorzügliche und informative Vorwort von Tanja Marljartschuk zur Kenntnis zu nehmen.
Ich habe auch zuerst die Erzählungen gelesen, um mir mein ganz eigenes Verständnis (oder auch Unverständnis) der Texte zu schaffen. Die Informationen aus dem Vorwort brachten die Texte im Nachhinein noch stärker zum Leuchten, sie bestätigten oder ergänzten meine Eindrücke. Tatsächlich frage ich mich, ob das Vorwort nicht hätte besser ein Nachwort sein sollen; vielleicht ist das aber auch ein notwendiges Zugeständnis an die Lesegewohnheiten der Gegenwart.
Zwei der Erzählungen sind erheblich länger als die übrigen. Der titelgebende Text Das Meer erzählt von einer jungen Frau in Jalta auf der Krym, die im milden Klima vermutlich die Wintermonate verbringt. Eine einsame Zeit, gesucht für die Erzählfigur, die »für einige Zeit vor den Menschen flüchten will, eben damit ich sie nicht zu hassen beginne.« Der Wunsch geht dank einer Einladung mit nachfolgendem Besuch bei einer anderen Dame nicht in Erfüllung.
Es beginnt ein Spiel zwischen zwei grundverschiedenen Charakteren, die von der Autorin in scharfem Kontrast mit großer sprachlicher Präzision gegenübergestellt werden. Lesja Ukrajinka muss eine besondere Beobachtungsgabe besessen haben, die Charakterzeichnungen sind ebenso kunstvoll wie gelungen. Die Erzählerin kommt von ihrer lästigen Bekanntschaft nicht recht los, zufällige Begegnungen unterbrechen den Versuch, die erhoffte Distanz von den Menschen zu finden. Erst am Ende ist die Ausfahrt auf das Meer die Erlösung. Der Titel des Erzählbandes ist gut gewählt, ist das Meer doch auch in der Erzählung Das Glück Sinnbild für ein beinahe paradiesisches Leben.
Das Leben der Menschen floss in sanften Wellen dahin und vereinte sich in diesem Traum zu einem lichterfüllten, stillen Meer.
Lesja Ukrajinka: Am Meer
Im Vorwort erfährt der Leser die Bedeutung des Meeres für die Autorin, nicht nur in diesem Punkt ist Biographisches in die Erzählungen eingeflossen. Man spürt an dem Zitat auch die poetische Begabung der Autorin, die ihre Prosa beauderlicherweise sehr viel weniger wertschätzte als ihre Lyrik bzw. »lyrisch-epischen Lesedramen«. Der Grund ist frappierend: scharfe, öffentliche, herabwürdigende Kritik von Ivan Franko. Ukrajinka schrieb Prosa »in Momenten völliger körperlicher Erschöpfung«, eine schriftstellerische Selbstverstümmelung angesichts der Qualität der Texte.
Ich möchte den Lesern dieser Besprechung nicht die Möglichkeit rauben, die Erzählungen möglichst unvoreingenommen zu lesen. Daher werde ich aus dem Vorwort nur noch zwei Dinge nennen. Lesja Ukrajinka ist ein Pseudonym der 1871 geborenen Laryssa Kossatsch; »Lesja, die Ukrainerin« hält auch Tanja Maljartschuk für nicht allzu originell, aber für die Zeit sinnbildlich. Die Ukraine im heutigen Sinne gab es damals nicht, das Land war Teil des russischen Imperiums, das mit repressiven Mitteln versuchte, alles Ukrainische zu unterdrücken. Lesja Ukrajinka schrieb ihre literarischen Werke auf Ukrainisch, (journalistische) Beiträge zum Lebensunterhalt auf Russisch.
Viele Ukrainer sprechen Russisch, umgekehrt dürfte das eher eine Ausnahme sein, was im Westen zu der weitverbreiteten, aber bequem-schlichten Auffassung führte, Ukrainer wären mehr oder weniger Russen. Lesja Ukrajinka beherrschte neun Sprachen, übersetzte Literatur aus dem Französischen und Deutschen und verfügte über einen vorzüglichen Scharfblick für politische Bigotterie, die sie scharfzüngig kritisierte. Die Autorin litt lebenslang an einer damals unheilbarer Krankheit und starb 1913 mit 42 Jahren, ein Jahr, bevor Europa in den Abgrund stürzte. Mit der »volkstümelnden Dorfliteratur« ukrainischer Autoren fremdelte sie heftig, umgekehrt trafen ihre Texte auf das Unverständnis ihrer Zeitgenossen.
Glücklicherweise gibt es die Erzählungen von Lesja Ukrajinka auf Deutsch. Die Reihe Ukrainische Bibliothek aus dem Wallstein-Verlag werde ich sammeln, die Möglichkeit weiterer literarischer Entdeckungen lasse ich mir nicht entgehen.
Lesja Ukrajinka: Am Meer Erzählungen Herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck Wallstein 2025 Gebunden 184 Seiten Reihe: Ukrainische Bibliothek ISBN 978-3-8353-5884-3
Fliegerin, Ingenieurin, »Halbjüdin«, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, rund 2.500 Sturzflüge zur Erprobung, Tod nach dem Abschuss durch einen amerikanischen Kampfflieger Anfang April 1945. Was für ein Leben. Coverrechte Rowohlt, Bild eigene Aufnahme.
Sturz-Kampf-Bomber gehören zu den merkwürdigsten Phänomenen des Luftkrieges. Wozu wird ein Flugapparat in den Sturzflug gebracht, um eine schwere Bombe oder mehrere kleinere ins Ziel zu bringen? Dank moderner Zielapparate war es auch während des Zweiten Weltkrieges möglich, auf ganz normalem Wege Bomben ins Ziel zu bringen. Selbst Ansätze zu einer Gleitbombe gab es.
Die Ju 87, auch Stuka genannt, gehört zu den bekanntesten (und hässlichsten) Flugzeugen des Krieges. Wenn von Sturzkampf die Rede ist, wird das oft mit der Ju 87 gleichgesetzt; dabei gab es noch andere Modelle. Typisch war das so genannte »Lärmgerät« (fälschlich oft als Jericho-Sirene bezeichnet), das während des Sturzfluges aktiviert wurde, um einen infernalischen, hohen, kreischenden, pfeifenden Ton zu erzeugen. Ein Terror-Instrument, um am Boden Angst und Schrecken zu verbreiten.
Wie alle Flugzeuge wurden die Sturzkampfbomber getestet und eingeflogen, schließlich auch überführt. An diesem Punkt wird es interessant: Im so genannten Dritten Reich übernahmen diese Tätigkeit auch Frauen. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Nationalsozialisten Frauen eher in häuslicher Umgebung als Hausfrau und Mutter sahen; im Krieg gab es wegen des Arbeitskräftemangels immer mehr Ausnahmen, im geringen Umfang auch beim Militär, etwa Nachrichten- oder Flakhelferinnen.
Aber eine Frau im Cockpit eines Kampfflugzeuges der deutschen Luftwaffe?
Drei Stuka in der Luft
Bekannt sind Hanna Reitsch oder Beate Uhse, im Zusammenhang mit der Stuka fällt ein anderer Name: Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg. Sie hat mehr als 2.200 Sturzflüge mit verschiedenen Modellen zwecks Erprobung und Verbesserung absolviert und liegt damit vermutlich für alle Zeiten an der Spitze. Angesichts der immensen körperlichen Belastung durch den Sturzflug ist das eine geradezu fantastische Zahl. Sie war aber nicht nur Fliegerin, sondern auch Ingenieurin – noch eine Männerdomäne, in der sie sich behauptete.
Damit nicht genug. Melitta war eine geborene Schiller, den Rassengesetzen der Nazis zufolge »jüdischer Mischling ersten Grades«; trotzdem bekam sie das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse EKII verliehen (kurioserweise durften Frauen keine Uniform tragen, daher ist sie auf Bildern in einer Art Kostüm zu sehen, mit dem rotweißen Band des Eisernen Kreuzes) und durfte ihre Tätigkeit fortsetzen. Auch nach dem 20. Juli 1944. Am 08. April 1945 wurde sie von einem amerikanischen Flieger abgeschossen und starb an ihren Verletzungen.
Wer, wenn nicht Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg darf als»starke Frau« gelten? Grund genug, sich dieses Leben von Thomas Medicus erzählen zu lassen, dessen Biographie zu Klaus Mann ganz vorzüglich gelungen ist. Interessant auch, dass die beiden Personen, denen sich Medicus biographisch nähert, zur gleichen Generation gehörten, persönlich kaum unterschiedlicher sein könnten.
Zwölf Bücher, sechs Romane, sechs Sachbücher, die schon mehr oder weniger lange in meinem Regal lauern, habe ich mir für 2026 vorgenommen. Drei davon habe ich mittlerweile gelesen.
Mit ihren hochseetüchigen Drachenbooten konnten die Wikinger auch über Flüsse fahren. Sie waren die Schnellstraßen ihre Raubzüge und Eroberungskriege, aber auch für den beginnenden globalen Handel. Ein Recherchebuch für mein aktuelles Roman-Projekt Sessrumnir.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.