Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Neue Lektüre (Seite 1 von 3)

Neue Lektüre: Verschlossene Türen

Auch im Jahr 2026 beschäftigt mich das Thema Flucht (und Vertreibung). Abseits populistischen Gedröhns und bestenfalls naiver Rhetorik ist und bleibt unfreiwillige Migration ein wesentlicher Aspekt mit vielschichtigen Wirkungen auf die Gesellschaften. Meine neue Lektüre befasst sich mit der historischen Seite von Flucht, genauer gesagt mit dem oftmals gescheiterten Versuch jüdischer und von den Nazis als Juden klassifizierter Deutscher nach 1933 ihre Heimat zu verlassen.

Viele Romane und Sachbücher, Tagebücher und Essays, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandeln oder berühren das Thema Flucht. Das Bild zeigt eine nur Auswahl an Titeln.

Gleich drei Bücher werde ich in der kommenden Zeit lesen, die sich sich mit dem Thema befassen: eine neue Graphic Novel von Sara Dellabella und Alessio lo Manto, ein neues Sachbuch von Susanne Heim und ein etwas älterer Roman von Leonardo Padura.

Was hat einen kubanischen Autor dazu bewogen, sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland nach der Machtübertragung an Hitler zu befassen? Einige dieser Fliehenden standen in Kuba vor verschlossenen Türen, was Padura im ersten Teil seines Romans Ketzer verarbeitet. Andere hatten mehr Glück, wie etwa die Hauptfigur in Landgericht von Ursula Krechel. Ketzer habe ich vor vielen Jahren schon einmal gelesen, im Rahmen meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026 werde ich es mir noch einmal vornehmen.

Padura nimmt die Perspektive eines Juden ein, der bereits auf Kuba lebt, während sich Dellabella und Lo Manto in Die Irrfahrt der St. Louis* der Sichtweise der jüdischen Flüchtlinge bedienen. Der Dampfer lag nämlich im Hafen von Havanna, die Insassen hatten eigentlich die nötigen Papier, um an Land zu gehen, doch wurde ihnen das verweigert. Das berührt Paduras Roman direkt, die Irrfahrt ging jedoch noch weiter. Zwar konnten die Juden schließlich nach langem Hick-Hack tatsächlich in europäischen Staaten unterkommen, da jedoch die Wehrmacht Europa unterwarf, dräute vielen ein grausiges Schicksal.

Die St. Louis war eine Art Niemandsland, in dem sich auch in unserer Gegenwart zahlreiche Flüchtlinge wiederfinden, die unwillkommen sind. Ein Schicksal, das viele Juden auf ihrem Leidensweg teilten, wenn die Grenzen verschlossen blieben. Die Monographie Die Abschottung der Welt* von Susanne Heim widmet sich diesem Phänomen. Das Buch bereichert meine kleine Sammlung von Bänden der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

Beim Verlag C.H.Beck und dem Knesebeck Verlag bedanke ich mich für die Besprechungsexemplare*.

Neue Lektüre: Versager oder ein König seiner Zeit

Buchcover von 'Aethelred II: King of the English' von Ryan Lavelle, das vor einem Bücherregal steht. Das Cover zeigt eine mittelalterliche Illustration von gekrönten Personen in traditioneller Kleidung.
Der König Æthelred II. kommt nicht gut weg in der Wertung späterer Autoren. Kein Wunder, hat er doch kein Mittel gegen die endlosen Wikinger-Raids gefunden und ist im Kampf gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart unterlegen.

Mehr als 35 Jahre lenkte der angelsächsische König Æthelred II. die Geschicke Englands. Dieser Satz ist in verschiedener Hinsicht problematisch, weil es eine Machtausübung suggeriert, die kein Herrscher dieser Zeit realisieren konnte. Das oströmische Reich, »Byzanz«, war in seiner Staatlichkeit wohl am weitesten fortgeschritten, weil der Zivilisationsbruch des westlichen Teils ab dem fünften Jahrhundert nicht stattfand.

Die Monarchen in den Herrschaftsgebilden, die alles Mögliche waren, aber kein Staat, mussten sich mit den regionalen Herren arrangieren. Schriftlichkeit, Recht, Verwaltung spielte um 1000 n. Chr. eine marginale Rolle. Es verbietet sich, diese Vergangenheit an der Moderne zu messen, was manche Historiker nicht davon abhält, Fürsten als Verräter und »Quislinge« zu bezeichnen: eine Anspielung auf den norwegischen Nazi-Kollaborateur gleichen Namens.

Das ist vielfacher Hinsicht absurd. Alle Fürsten zu der damaligen Zeit verfolgten ihre eigenen Interessen. Im Ostfrankenreich war es üblich, Dienste für den König mit Gegenleistungen zu begleichen; eine moderne Pflicht, dem Herrscher zu helfen, wäre damals ein abwegiger Gedanke gewesen. Heute klingt das wie Korruption, aber für das Geschehen um die erste Jahrtausendwende hilft dieser Begriff nicht weiter.

Wer also über König Æthelred II. urteilt, muss das mit großer Vorsicht tun. Ich bin sehr gespannt, wie der Autor meiner aktuellen Lektüre die historische Persönlichkeit wertet. Unbestreitbar steht am Ende des Lebens von Æthelred II. eine Niederlage gegen den dänischen Erobererkönig Sven Gabelbart; auch nach dessen Tod konnte er sich gegen Knut (später »der Große«) nicht durchsetzen.

Das Land war in den Jahren zuvor von schweren Raub- und -plünderzügen der Wikinger geplagt worden, Æthelreds Gegenmaßnahmen halfen nicht. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist eine Person namens Eadric Streona, ein Adeliger, der mehrfach die Seiten wechselte. Ein »Verräter« oder vielleicht doch ein ganz gewöhnlicher lokaler Großer seiner Zeit? Die Quellenlage ist mäßig, die Autoren (oft Kirchenleute) verfolgten ihre eigenen Absichten.

In meinem Roman »Sessrumnir«, der in dieser Zeit spielt, wird Æthelred II. persönlich wohl nicht auftreten, aber natürlich wird er Teil der Handlung sein. Die Frage ist, wie ich ihn als historische Person gestalte? Was denken meine Protagonisten, ihre Verbündeten und Gegner über ihn? Ich stehe dabei vor einem Dilemma, denn die Leser meines Romans denken und werten modern; ein zu stark historisierender Ansatz könnte als zu fremd, ja falsch empfunden werden und die Grundlage jeden Romans brechen: die Glaubwürdigkeit.

Neue Lektüre: Ferne Welten – Quantentheorie und Frauenleben

Im Spätsommer 2025 besuchte ich das Schloss Chenonceau an der Cher, das in Reiseführern recht großzügig zu den »Loire-Schlössern« gezählt wird. Das Flüsschen war ab 1940 für gut zweieinhalb  Jahre die Grenze zwischen dem besetzten Frankreich und dem von der Petain-Regierung kontrollierten Restgebiet der gedemütigten Grande Nation. Direkt am Schloss führt eine Brücke über die Cher, darauf wurde eine zweistöckige Galerie gesetzt. Auf diesem Weg konnten einige Juden der Deportations-Gefahr durch die Nazis vorerst entkommen.

Es ist keineswegs das einzige interessante Detail, auf das der Besucher aufmerksam wird. Beim Schlendern durch das schöne Gebäude stieß ich auf ein Gemälde, das eine Frau zeigt, die von ihren Zeitgenossen als bildschön und außerordentlich intelligent beschrieben wird. Eine Saloniére mit Kontakten zu vielen großen Geistern der Zeit – also der des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung und der hartnäckigen Vorurteile gegenüber Frauen. 1848/49 noch war die Zurücksetzung der Frauen das beharrlichste gesellschaftliche Element.

Louise Dupin de Chenonceaux war von dieser Zurücksetzung selbst betroffen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann an diversen Werken gearbeitet, darunter eines über die »Verdienste der Frauen«, was nicht fertiggestellt oder gar veröffentlicht wurde. Ein wenig erinnert das an den Roman Aufklärung von Angela Steidele, auch Michael Maar hat in Die Schlange im Wolfspelz am Beispiel Rahel Varnhagens darauf verwiesen, dass Frauen oft auf Briefe als literarischen Ersatz auswichen.

Mit dem schmalen Bändchen Wir sind alle gleich, Monsieur! kann man ein wenig hineinschnuppern in die Denkwelt der Louise Dupin. Der Untertitel bezeichnet sie als »eine Feministin«, was  zu hinterfragen wäre. Avant la lettre, vielleicht, aber Zuschreibungen moderner  Lebensformen auf Vergangenes sind selten hilfreich. On va voir.

Das Schloss Chenonceau an der Cher.
Ein nebelgrauer Tag in Chenonceau an der Cher. Schön zu sehen ist die Brücke über den Fluss, mit den beiden Galerien darüber. Bild Privatbesitz.

Selten drückt ein Buchtitel mein Leseinteresse so perfekt aus: Warum niemand die Quantentheorie versteht – Aber jeder etwas darüber wissen sollte*. Es ist immens entlastend bei diesem Thema, dass die Aufforderung zur Kapitulation im Buchtitel schon enthalten ist. Wenn es eh niemand versteht, dann kann ich getrost hineinschnuppern. Mehrfach habe ich in den vergangenen Jahren Bücher über das Thema gelesen, ich weiß also, was auf mich zukommt. Und ich weiß, dass ich Quantenphysik nicht verstehen werde. Das ist wichtig. 

Sachbücher lese ich keineswegs nur, um mein Wissen zu erweitern. Ich will auch mein Unwissen erweitern. Unabhängig  von der Fachrichtung macht jedes Buch deutlich, wovon ich keine Ahnung habe und auch nie haben werde. Das ist wunderbar weit weg von Schule und dem albernen Unsinn, man könnte etwas als richtig oder falsch bewerten. Für das Sortierinstrument Schule sind die Kategorien richtig / falsch notwendig,  dabei geht eine wichtige menschliche Fähigkeite verloren, nämlich, die eigene Unwissenheit auszuhalten. 

Quantenphysik ist von zentraler Bedeutung und spielt in der alltäglichen Wahrnehmung keine Rolle. Diese Diskrepanz liegt zweifellos an der Anstrengung, die damit verbunden ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei schildern die meisten Bücher über Quantenphysik die zeitgeschichtlichen Umstände, erzählen von den Physikern und in Maßen von deren  Erkenntnissen. Irgendwann bin ich immer »ausgestiegen«, konnte dem physikalischen Thema nicht mehr folgen.

Macht nichts. Interessant ist es trotzdem. Und auch jetzt freue ich mich auf die Unschärfe Heisenbergs und viele andere quantenphysikalische Aspekte, die mir auch nach der Lektüre dieses Buches rätselhaft bleiben werden.

*Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck.

Neue Lektüre: Erzählungen und epischer Roman

Feinsinnige Erzählungen und ein ausladender Roman – meine aktuelle Lektüre. Die Rechte für die Cover liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.

Meine aktuelle Lektüre könnte inhaltlich und formal kaum unterschiedlicher sein. Hier die feinen Erzählungen von Undine Gruenter, sämtlich im Hafenort Trouville in der Normandie angesiedelt ; dort ein überbordend-epischer Roman, erzählt in einer ungewöhnlichen Erzählhaltung und weit schweifenden Zeit-, Raum- und Themensprüngen von Mircea Cărtărescu.

Auf Undine Gruenter bin ich durch Michael Maars Die Schlange im Wolfspelz aufmerksam geworden, tatsächlich spürt man vom ersten Satz an die literarische Qualität, die stilistisch zurückgenommen, präzise und leicht daherkommt. Gruenter lässt ihre Figuren durch ihr Agieren und ihre Gedanken vor den Augen des Lesers erstehen, statt einfach zu beschreiben.

Ganz anders Cărtărescu, dessen Text wie eine Steinlawine über den Leser hereinbricht. Allein der Tonfall! Halb donnernde Bergpredigt, halb Barden-Gesang, in Zeit und Raum wild springende Handlung, durchmischt mit mystischen, sagenhaften Motiven. Gleichzeitig ist die Schilderung harsch, ohne den zeitüblichen Hang zur Weichzeichnerei.

Theodoros ist die erste Lektüre meines Lesevorhabens 12 für 2026.

Neue Lektüre: China & Geogeschichte

Zwei Sachbücher mit zwei sehr unterschiedlichen Themen. Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.

China greift nach der Weltmacht. Ein Satz, wie man ihn in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft hört. Ob ihn die Autorin Lea Sahay in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums verwendet, weiß ich noch nicht, denn mit meiner Lektüre stehe ich noch ganz am Anfang. Aber Titel und Untertitel geben die Marschroute der Darstellung vor und die ist kritisch. Glücklicherweise, denn bedauerlicherweise wird hierzulande auch gern geträumt, man gewinnt gelegentlich den Eindruck, China wird mit putzigen Panda-Bären gleichgesetzt.

Dabei wächst dort im Osten ein Raubtier heran, das sich anschickt, die Welt zu beherrschen. Ulrich Speck vertritt diese Meinung in seinem Buch Der Wille zur Weltmacht, auch Marcus Keupp findet in Spurwechsel klare Worte über die Bestrebungen Chinas. Dazu reicht eigentlich ein Blick auf das militärisch aggressive Gebaren des Landes, sein harscher Umgang mit westlichen Unternehmen und die offene Unterstützung des Vernichtungskrieges Russlands gegen die Ukraine.

Trotzdem wird hierzulande China ernsthaft als Vermittler ins Spiel gebracht, was eher Ausdruck verzweifelter Ohnmachtsgefühle gegenüber andauerndem Krieg und Donald Trump denn außenpolitischer Realismus zu sein scheint. Wie gefährlich das Leben in Ji Xinpings neuem China sein kann, liest man bei Sahay bereits ganz am Anfang. In einer Diktatur entscheidet das Regime über Leben und Tod, die Beherrschten müssen es dulden.

Bei meinem zweiten Sachbuch hat schon der Titel mein Interesse geweckt: Geogeschichte. Wie schon sein Atlas Die Geschichte der Welt* widmet sich der Autor Christian Grataloup den ganz großen Entwicklungslinien, diesmal allerdings weniger auf die politische Geschichte bezogen, als auf die Einflüsse von Geographie auf die Geschichte des Menschen und umgekehrt.

Das klingt immens spannend, zumal der Leser zu Beginn weit in die Geschichte zurückgeht, nämlich zu den Ursprüngen der Menschheit. Es sind – wie Michael Maar völlig zurecht festgestellt hat – die Details, die haften bleiben. Der Meeresspiegel lag während der letzten Eiszeit einhundertzwanzig Meter unter dem heutigen Niveau, entsprechend gab es Landbrücken, die heute überflutet sind.

Das war eine Voraussetzung für die Expansion menschlichen Lebens, das seinen Ursprung in Afrika hatte und von dort buchstäblich in alle Welt ausschwärmte. Auch hier gibt es Karten, allerdings nur recht wenige, die erläuternd zu dem umfangreichen Fließtext sind.

*Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar

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