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Kategorie: Buchvorstellung (Seite 1 von 35)

Leonardo Padura: Ketzer

Buchcover von ‚Ketzer‘ von Leonardo Padura mit einem Zitat auf Deutsch über einem Gemälde von Rembrandt: ‚Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.‘ Das Cover zeigt eine historische Szene mit Männern in barocker Kleidung sowie eine Innenansicht mit einem Gemälde und einer Treppe.
Das vielleicht berühmteste Bild von Rembrandt, bekannt als »Die Nachtwache«, spielt im glänzenden Mittelteil des Romans von Leonardo Padura eine wichtige Neben-Rolle; das kleine Bild auf dem Buchcover ist bedeutender, es verbindet die drei, zu unterschiedlichen Zeiten spielenden Teile von »Ketzer«. In allen drei Teilen geht es um Freiheit und den Preis, der vom Einzelnen dafür zu entrichten ist, frei zu sein. Coverrechte Unionsverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ihr habt mich gelehrt, dass frei zu sein mehr bedeutet, als an einem Ort zu leben, an dem die Freiheit proklamiert wird. Dass frei zu sein ein ständiger Kampf ist, den man täglich bestehen muss, gegen  alle Mächte, gegen alle Ängste.

Leonardo Padura: Ketzer

Im spanischen Original heißt der Roman Ketzer des kubanischen Autors Leonardo  Padura Herejes. Häretiker zu Deutsch, was mir besser gefällt, als der für  die Übersetzung gewählte Begriff. Ein Häretiker ist ein Abweichler, beim Begriff Ketzer schwingt etwas Aggressives mit, als würde der Abweichler zum Angriff auf die bestehende Ordnung antreten. Die drei  Nonkonformisten, ein jüdischer Flüchtling auf Kuba in den 1930er Jahren, ein Schüler Rembrandts im 17. Jahrhundert und eine Emo in der tristen Gegenwart der sozialistischen Insel, setzen sich zwar über Grenzen hinweg, die ihnen von totalitären Regimen gesetzt werden, verbinden damit aber nur persönliche, keine politischen oder gar umstürzlerischen Absichten.

Ketzer ist ein Roman über die persönliche Freiheit und den Preis, den derjenige zahlen muss, der nach Freiheit strebt. Man kann nicht frei sein, ohne Anstrengung; die Freiheit kann nicht geschenkt werden, man kann sie nicht per Geburt erhalten oder erben, wie etwa Timothy Snyder (Über Freiheit) dargelegt hat. Leonardo Padura schlägt in die gleiche Kerbe. Die Schicksale seiner wichtigsten Personen weisen in diesem Punkt Ähnlichkeiten auf, trotz der Unterschiede durch Zeit und Umstände. Das gibt dem Roman auf einer übergreifenden Ebene einen inneren Zusammenhang, die Erzählung ist etwas Grundsätzlichem auf der Spur.

Den Anfang bildet eine beschämende Katastrophe: Das Schiff St. Louis liegt im Jahr 1939 mit mehr als 900 deutschen Juden an Bord im Hafen von Havanna. Zum Entsetzen der Angehörigen, die bereits auf Kuba sind, dürfen die Flüchtlinge trotz teuer erworbener Visa nicht an Land. Alle Verhandlungen scheitern, Korruption, Gier und politischer Druck rechter Kreise sowie der USA verhindern das, die St. Louis muss unverrichteter Dinge wieder abfahren. Zeuge des Dramas ist Daniel Kaminsky, der hilflos mitansehen muss, wie seine Familienmitglieder nach Europa zurückkehren müssen, wo sie vom Holocaust verschlungen werden.

Sagen wir, ich suche ein Bild, einen Rembrandt, soviel ich weiß.

Leonardo Padura: Ketzer

Elias Kaminsky, der Sohn Daniel Kaminskys, beauftragt Jahrzehnte später den ehemaligen Polizisten, Buchhändler und Gelegenheitsermittler Mario Conde damit, einem ominösen Bild nachzuspüren, das Rembrandt oder einer seiner Schüler gemalt haben könnte. Es erscheint bei einer Auktion, wo es vor dem Verkauf als Raubkunst identifiziert wird. Mit diesem wertvollen Gemälde verbindet sich das tragische Schicksal der Familie Kaminsky auf der St. Louis: Ihnen gehörte es, ihnen wurde es 1939 in Havanna durch einen ruchlosen kubanischen Zeitgenossen entwendet, wo es doch durch seinen reinen Wert die Rettung hätte bedeuten können.

Wie dieses Bild entstand, erfährt der Leser im zweiten Teil des Romans. Im relativ freien  Amsterdam des Jahres 1643 setzt sich der  junge Jude Elias Ambrosius Montalbo de Ávila über diverse Dogmen seiner Glaubensgemeinschaft hinweg und folgt seiner Berufung: der Malerei. Geschickt verbindet Padura durch diesen Teil verschiedene, über die Jahrhunderte hinweg ähnliche Motive: Elias ist aus Spanien geflohen, wo die  Inquisition brutal gegen Juden vorging, was auch seinen Namen Montalbo de Ávila erklärt. Als wäre die Vertreibung nicht Belastung genug, sorgen religiöse Eiferer unter den Juden für Unfrieden und gerieren sich so autoritär wie die katholische Inquisition.

Der zweite Teil ist der stärkste Part des Buches, auch wegen des Themas Malerei und der ganz wunderbar umgesetzten historischen Einbettung. Padura folgt dem Weg des Künstlers, der dem Ruf der Kunst folgt und den Umständen trotzt; Kompromisse schmerzlicher Natur, um nicht von den aggressiven Konformisten vernichtet zu werden, sind nötig. Selbst ein Maler-Star und Genie wie Rembrandt muss schmerzliche Rückschläge hinnehmen, sich oft genug den Zwängen des Marktes unterwerfen, um zu überleben. Der Konformismus, insbesondere in Gestalt des fanatisch Gläubigen, erweist sich allzu oft als stärker als der nach Freiheit Strebende.

Vielleicht wäre es das Beste, dachte Elias Ambrosius, jene Hirngespinste, die bisher zu nichts geführt hatten, zu vergessen und ein größeres Unglück zu verhüten, solange noch Zeit dazu war. […] Wäre das ganz gewöhnliche Leben eines ganz gewöhnlichen Mannes nicht vielleicht besser?

Leonardo Padura: Ketzer

Im dritten, meiner Wahrnehmung nach schwächsten Teil sucht Mario Conde nach einer siebzehnjährigen Schülerin, die auf mehrere Weise eine Abweichlerin ist. Hier steht das Kuba der jüngeren Vergangenheit im Fokus der Erzählung, dessen Regime über Jahrzehnte das Land  wirtschaftlich und sozial, aber auch kulturell auf gnadenlose Weise in bittere Armut getrieben hat.

Judith, genannt Judy, bricht auf  vielfache  Weise mit dem vorgegebenen Leben, sie stammt aus einer Familie,  die Teil des Systems ist und daher privilegiert lebt; trotzdem bereichert sich ihr Vater durch korrupte Handlungen noch, was die intelligente und moralisch denkende Judy zum Bruch mit ihren Eltern treibt. Die Figur ist leider überfrachtet, weniger wegen der zweifelsfrei vorhandenen Widersprüchlichkeit zwischen Wirklichkeit und ideologischer Rhetorik des herrschenden Regimes, sondern weil in die Person eine Menge philosophischer und ideeller Gedanken gepresst wird; Judy wirkt idealisiert und wesentlich ferner als Daniel Kaminsky oder Elias Ambrosius aus Teil eins und zwei.

Padura verzichtet darauf, aus ihrer Perspektive zu erzählen, was die Distanz noch vergrößert. Die Dinge werden von Conde und anderen in die Figur Judy hineingelesen, kommen nicht aus ihr; damit fehlt ihr, was vor allem der Maler Elias Ambrosius vorzuweisen hat, ein schöpferisches Talent, das nach außen  drängt. Vor allem aber ist es jener Teil, der am stärksten nach Kriminal– oder Detektivroman klingt. Obwohl der innere Zusammenhang der der drei Teile geschickt hergestellt wird, verliert die Erzählung an Wucht.

Der Ex-Polizist und Gelegenheitsermittler Mario Conde ist im literarischen Universum Leonardo Paduras der Fixstern, eine Figur, die fast immer in Erscheinung tritt. Das hat Vorteile, die über die Buchmarkt-Tendenz zu Serien-Figuren hinausgehen. An einer immer wieder auftretenden Figur lässt sich eine lange Entwicklung der gesellschaftlichen Gegebenheiten aufzeigen. Umgekehrt engt es die erzählerischen Möglichkeiten ein. Es ist kein Zufall, dass in Paduras Opus Magnum, Der Mann, der Hunde liebte, Conde keine Rolle spielt.

Ketzer ist auch nach meiner zweiten Lektüre der zweitbeste Roman von Leonardo Padura, bei dem vor allem der mittlere Teil glänzt und strahlt. Das Thema Freiheit ist obendrein aktueller als je zuvor. Der Roman ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.

Leonardo Padura: Ketzer
Aus dem  Spanischen von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2015
Taschenbuch 656 Seiten
ISBN: 978-3-293206960

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

"Luftaufnahme des Brocken-Gipfels im Harz mit dem markanten Brockenhaus und dem Sendemast. Im Vordergrund ein Zitat von Steffen Kopetzky aus dem Buch ‚Die Harzreise‘: ‚Aber da müssen wir durch, müssen unsere Harzreise antreten, auch wenn der Himmel Regen schickt.‘ Rechts im Bild das Cover des Buches ‚Die Harzreise – Eine Deutschlanderkundung‘ mit einer Illustration von Felsformationen und Wald."
Der Brocken im Harz-Gebirge, das Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines durchwandert hat und seine Erlebnisse und Gedanken in diesem wunderbaren Buch mit dem Leser teilt. Coverrechte Rowohlt Berlin, Bild mit Canva erstellt.

Niemand wird kommen, uns zu retten, niemand wird uns etwas schenken, nicht die Amerikaner und die Russen schon ganz bestimmt nicht.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Ein wenig erstaunt war ich schon, als ich beim Durchblättern der Verlagsvorschauen dieses Buch entdeckte: Die Harzreise. Was treibt einen Schriftsteller wie Steffen Kopetzky dazu, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine mehrtägige Wanderschaft durch den Harz zu unternehmen? Ausgerechnet der Harz? Eine Deutschlanderkundung soll es sein, heißt es im Untertitel. Will Kopetzky im Kleinen das Große Ganze erkennen? Am Schreibtisch erahnen Schriftsteller noch ganz andere Dinge, was werden frische Luft und Bewegung erst anrichten?

Eines war mir vorher klar: Wie eine mehrtägige Wanderschaft der körperlichen Konstitution mit Schmerzen und anderen Zudringlichkeiten zu Leibe rückt, würde die Lektüre meinen Vorurteilen gegenüber dem Harz ans Leder gehen. Ich kenne die Erhebung nur aus der Literatur, von einigen Orten wie Goslar, Osterode oder Quedlinburg einmal abgesehen; und als Fernansicht. Vom Schreibtisch bräuchte ich die Zeitspanne eines Fußballspiels für einen Fußmarsch zum Aussichtsturm »Harzblick«, von dem aus man über idyllisch rotierende Windräder hinweg zum Berg schauen kann. Gutes Wetter vorausgesetzt.

Nun werde ich wohl auch einmal in den Harz müssen, vielleicht sogar auf den Brocken, sicher aber nach Wernigerode oder Treseburg mit seinen Villen. Damit bin ich schon weit im Buch gesprungen, es sind Orte der letzten Etappen der Wanderung, die Steffen Kopetzky auf den Spuren Heinrich Heines und seiner berühmten Harzreise unternahm. Möge die 200 Jahre danach unternommene Deutschlanderkundung viele Leser finden, denn die moderne Harzreise mündet in Gedanken und Überlegungen, die weit über persönliches (Wander-)Erleben und die Harz-Region hinausgehen. Eine kämpferische Sicht auf Gegenwart und Zukunft, ohne Gejammer und Untergangsfantasie, aber auch nicht die heute gern gepflegte Flucht in romantische Unwirklichkeiten. 

Aber da müssen wir durch, müssen unsere Harzreise antreten, auch wenn der Himmel Regen schickt. […] Vielleicht werden wir als Deutsche in diese harten nächsten Jahre gehen und als Europäer herauskommen.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Los geht es mit Kopetzkys Harzreise in Göttingen, barmherzig in Heisenbergs Unschärfe gehüllt. Die erste Etappe führt nach Northeim und nicht direkt nach Osterode, wie Heine es getan haben will. Sprachlich tritt Kopetzky von Beginn an in Heines Fußstapfen, fein dosierte Ironie in allen Schattierungen begleitet Wanderer und Leser. So bleibt es heiter, auch wenn von Leerstand in Innenstädten, von Gott und Welt verlassenen Orten, unheimlichen Lost-Places und Zeitgenossen mit kleinkarierten Weltsichten die Rede ist.

Wie immer auf Reisen ergeben sich zufällige Begegnungen, die natürlich nicht zufällig sind, sondern dem zufallen, der aufgebrochen ist. Gerade wenn es sich um Fachleute handelt, gibt es Interessantes mitzuteilen. Ist der Klimawandel für die Zerstörung des Harzwaldes verantwortlich? Ja, unter kräftiger Beihilfe der »Lotterie der Natur« in Gestalt von Regen, Wintersturm und Trockenheit, zeitlich so abgestimmt, dass der Borkenkäfer freie Bahn hatte. Der Anblick des so zerstörten Harzwaldes ist nicht neu, vor 80 Jahren war er als Reparationsleistung abgeholzt worden. Zu Heines Zeiten waren die Bäume ebenfalls abgeholzt, wegen des Bergbaus.

Ausgehend von lokaler Erfahrung und neu gewonnenem Wissen setzt Kopetzky zu weit reichenden Gedankenflügen an. Er schlägt einen Bogen vom Müllvandalismus im Harz zum gleichsam geplagten Himalaya, stellt Überlegungen darüber an, wie die Früh-Industrialisierung in Gestalt des Bergbaus das soziale Gefüge zunächst punktuell ins Wanken brachte, zugleich den Mythos in Gestalt von düsterer Magie und Hexen beflügelte und ganz nebenbei der Reformation Schwung verlieh. Luther war der Sohn eines Hüttenmeisters, Thomas Müntzer auch. Sie wussten die »Bergfreyheit« auf ihre Weise zu deuten.

Einer der beiden ist ein typischer Pfiffikus unserer Tage – bläulich getönte Designerbrille, Kitzbühelteint von der Sonnenbank, hellblauer Pullover.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Sieht man diese Erscheinung nicht vor sich? Der »Pfiffikus« ist erklärter Antieuropäer und verleiht seinem Unmut ungehemmt Ausdruck. Die Weltverschlichter sind überall am Werk, lautstark und unzugänglich für jede Form von Differenzierung. Dabei bietet auch der Harz Beispiele, dass nichts einfach, sondern alles kompliziert ist, etwa in Gestalt der Brockenbahn. Wirtschaftlich erfolgreich ist die traditionsreiche Einrichtung, aber dank Funkenflug aus den Schornsteinen auch Urheberin von Bränden inmitten eines von Trockenheit und abgestorbenen Bäumen gezeichneten Waldgebietes. Eine Zwickmühle par excellence. 

Als politisch denkender Schriftsteller kann Steffen Kopetzky gar nicht anders, als seine Wanderung auch mit historisch-politischen Überlegungen zu verbinden. Die Balance zwischen dem Erleben, Gesehenen und Gedachten ist in Die Harzreise gelungen. So werden Assoziationen und Gedankenreisen, die auch zunächst abwegig erscheinende Themen wie Perry Rhodan berühren, immer durch konkrete Wahrnehmungen vor Ort ausgelöst und sind mit der Wanderung und dem Wanderer verbunden. Nicht auszudenken, wenn man als Leser von Anfang bis zum Ende mit Naturschilderungen befrachtet würde.

So aber gerät man an der Seite des Wanderers auch in eine AfD-Verantstaltung mit ihren ganz eigenen Abgründen. Kopetzky webt in die Schilderung geschickt Heine und dessen ganz eigene Erfahrungen mit radikaler Deutschtümelei ein, die antisemitisch war, wenn auch noch nicht völkisch, und Expatriierung kannte. Dieses Gespenst kehrt als »Remigration« in verschärfter, gnadenloser Gestalt zweihundert Jahre später wieder. Wie auch der Ungeist imperialistischer Eroberungskriege, die Polen im 19. Jahrhundert in ihren Klauen hielten und heute die Ukraine oder ganz Europa bedrohen.

Weil es mir so vorkam, dass genau das vor uns lag. Das Bittere. Das Herausfordernde. Eher keine Kreuzfahrt. Harz im alten Sinne einer beschwerlichen, teils auch gefährlichen Wanderung über Stock, Stein und Gebirge.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise

Die Harzreise mündet weder in weltabgewandtem Schwärmen noch Tristesse, verweigert sich dem landauf, landab so verbreiteten Hang zur Unterwerfung, wendet sich gegen die allgegenwärtige, überwältigende Angst. Das Buch möchte Mut machen, ohne zu verharmlosen oder – noch schlimmer – die garstige Wirklichkeit in cozy Scheinwelten zu verplüschen. Neben allem anderen erzählt Die Harzreise von der Freiheit, die niemandem geschenkt oder vererbt wird. Man muss sie sich erkämpfen, eine Gewissheit auf Erfolg gibt es nicht. So wie eine Harzreise scheitern kann, ist auch ein Fehlschlag auf anderem Feld nie auszuschließen. Aufbrechen sollte man trotzdem.

Trivia: In Moria, einer Mine in J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe , gruben die Zwerge zu tief; dort wurde die Gier mit dem Erwachen des Balrog von Morgoth bestraft, im Harz-Bergbau wartete das Böse, wenn die Regelbrecher »auf Teufel komm raus« gruben.

Steffen Kopetzky: Die Harzreise
Eine Deutschlanderkundung
Rowohlt Berlin Verlag 2026
Gebunden 240 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0256-8

Isabelle Pantin, Sandra Provini: Tolkien et la mémoire de L´Antiquité

Buchcover von ‚Tolkien et la mémoire de l’Antiquité‘ von Isabelle Pantin und Sandra Provini, veröffentlicht bei Les Belles Lettres, mit einem Zitat auf Rot: ‚Le mot ‚héros‘ lui-même est très rarement employé dans Le Seigneur des Anneaux.‘ Im Hintergrund eine Berglandschaft.
Der Fantasy-Roman »Der Herr der Ringe« von J.R.R. Tolkien bleibt aus meiner Sicht unerreichbar, was am historisch-literarischen Fundament des Autors liegt, zu dem die Antike einen wichtigen, vielleicht sogar entscheidenden Teil beigetragen hat. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Derwichtigste Satz dieses großartigen Buches steht auf der vorletzten Seite. Niemals werde die Antike auf der Oberfläche von Tolkiens Werk sichtbar, ebensowenig die antike Kultur in ihrer reinsten Form. Insbesondere Der Herr der Ringe, das Hauptwerk des Autors, das den Grundstein der epischen Fantasy-Literatur legte, ist daher zunächst einmal eine magiedurchwirkte, abenteuerliche und sehr spannende Erzählung. Tolkien ist es gelungen, das Fundament des Ringkrieges, aber auch des Hobbits und Silmarillions geschickt zu verbergen. Es reicht in die Tiefe der Geschichte wie Moria in die des Gebirges; nur wer genau hinsieht, findet hier wie dort Reichtümer: Antike und Mithril.

Aus meiner Leser-Sicht wird Der Herr der Ringe unerreicht bleiben, was bei Literatur den Verdacht der Anmaßung weckt. Die Lektüre von Tolkien et la mémoire de L´Antiquité von Isabelle Pantin und Sandra Provini bestärkt mich in dieser Haltung. Niemand wird sich dem jahrzehntelangen Studium und unzähligen Neuerzählungen bzw. Versuchen von Texten und Fragmenten je wieder unterziehen. Für Autoren, die sich den Zwängen des Buchmarktes unterwerfen, gilt das ganz besonders. So bleibt Fantasy gemessen an Tolkiens Werk oft schnelllebiger, schlimmstenfalls auf Aktualität und Zeitgeist schielender Schrott in qualitativen Abstufungen.

Für mich war der Kauf von Tolkien et la mémoire de L´Antiquité ein ganz besonderer Glücksfall. Meine erste Lektüre von Der Herr der Ringe liegt bereits mehr als vier Jahrzehnte zurück, zuletzt habe ich endlich auch das englische Original gelesen. Seitdem habe ich immer wieder nach einem Fantasy-Abenteuer gesucht, das zumindest annäherungsweise an die Abenteuer Frodos herankommt. Eine vergebliche Mühe, allzu oft fühlte sich die Lektüre pelzig an. Endlose Seiten gefüllt mit Gewäsch, Soufflee-Literatur, aufgeblasen, um das Buch auf den genretypischen Umfang zu bringen. Das berühmte und erfolgreiche Geheimnis der Großen Schwerter von Tad Williams ist nur ein Beispiel, bis heute ärgere ich mich, die Lektüre nicht abgebrochen zu haben. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Dank Pantin und Provini kann ich dieses Enttäuschung besser begründen. Mein subjektiver Eindruck, dass Der Herr der Ringe auf einem dicken Fels ruht, während die nachfolgenden Fantasy-Romane anderer Autoren auf dünnem Eis trippeln (und einbrechen), ist auf mehr als 300 Seiten mit vielfältigen Argumenten gestützt und objektiviert worden. Die Autorinnen untersuchen den Einfluss der Antike auf Autor und Werk in vielschichtiger Weise. Besonders beeindruckend sind die Parallelen zwischen antiken (und mittelalterlichen) Epen und Tolkiens Werken. Die Autorinnen vertreten die Ansicht, Aragorn und Frodo seien im Sinne einer christlichen Ethik modernisierte Heldenfiguren. Diese Analyse ist sehr spannend zu lesen und unterstreicht einmal mehr, wie viel unter der Oberfläche der Handlung schlummert.

[…] que le centre du livre ne se trouve pas dans les luttes, la guerre et l´heroisme (bien qu´ils soient compris e dépeints) mais dans la liberté, la paix, la vie ordinaire et l´affection.

Isabelle Pantin, Sandra Provini: Tolkien et la mémoire de L´Antiquité

Ein Schlüsselwort steht im Titel des Buches: mémoire. Die Erinnerung an die Antike, an die Epen, die Landschaften, Karten, die Distanzen und die Heldenreisen prägt das Werkt Tolkiens, es handelt sich nicht um eine Kopie oder enge Anlehnung, sondern eine Inspiration aus der Distanz der oft unscharfen, schillernden, subjektiven Erinnerung.

Das spielt auch in der Handlung seiner Werke eine Rolle, wenn von alten Liedern, Verserzählungen die Rede ist, über die eine – heute als Historie behandelte – Vergangenheit in die Gegenwart einfließt. Tolkien hat noch mehr zu bieten, wie sein Umgang mit Zeit und Raum zeigt; dazu stehen in Tolkien et la mémoire de L´Antiquité ebenfalls einige Punkte, hier lohnt sich der Blick in den Historischen Altas Mittelerdes von Karen Wynn Fonstad.

So freue ich mich schon auf die nächste Lektüre von Tolkiens Der Herr der Ringe, Der Hobbit und Das Silmarillion. Das nämlich ist der größte Unterschied zu anderen Fantasy-Romanen, wie etwa Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin, Das Lied des Blutes von Anthony Ryan oder die ersten Bände von Robert Jordans Rad der Zeit, die ich einmal durchaus gern gelesen habe, aber nicht wieder zur Hand nehmen werde.

Isabelle Pantin, Sandra Provini: Tolkien et la mémoire de L´Antiquité
Les Belles Lettres 2025
Taschenbuch 384 Seiten
ISBN: 978-2-251-45702-4

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Buchcover von ‚Am Meer‘ – Erzählungen von Lesja Ukrajinka, herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk, Verlag Wallstein. Das Cover zeigt ein Porträt der Autorin vor einem abstrakten, wellenförmigen Hintergrund. Im Bild ist zudem ein Zitat zu sehen: ‚Hier vermochte es die Sonne noch in der Stunde vor ihrer unvermeidlichen Niederlage, ihren Sieg vorzugaukeln.‘ Im Hintergrund eine bewölkte Meereslandschaft.
Das Meer spielte für die ukrainische Schriftstellerin Lesja Ukrajinka eine wichtige Rolle, auch in ihren Erzählungen ist es ein bedeutsames Motiv. Die Sprache ist wundervoll, dank der Übersetzung von Maria Weissenböck. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

[…] denn das Glück war ihnen lieber geworden als das Leben.

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Das Streben nach Glück als Quelle des Bösen. Ein ungewöhnlicher, radikaler Gedanke, den Lesja Ukrajinka in ihrer Erzählung Das Glück literarisch verwertet. Der Text ist nur dreieinhalb Seiten kurz und von existenzieller Wucht. Man kann, sollte ihn gleich mehrfach lesen, die inhaltliche Dichte und Präzision der Sprache und Bilder ist beeindruckend. Ein wenig erinnert die Verbindung aus verdichteter Knappheit und umfassender Tragweite an Kafka, mit einer ganz eigenen erzählerischen Note.

Damit ist ein wesentliches Merkmal dersieben Erzählungen genannt, die im Band Am Meer zusammengetragen sind. Ein kaum merklicher und entsprechend schwer greifbarer »ukrainisch-osteuropäischen« Ton schwingt mit, wenn Lesja Ukrajinka von räumlich und zeitlich übergreifenden Themen erzählt. Man kann also die Erzählungen lesen, ohne vorher das vorzügliche und informative Vorwort von Tanja Marljartschuk zur Kenntnis zu nehmen.

Ich habe auch zuerst die Erzählungen gelesen, um mir mein ganz eigenes Verständnis (oder auch Unverständnis) der Texte zu schaffen. Die Informationen aus dem Vorwort brachten die Texte im Nachhinein noch stärker zum Leuchten, sie bestätigten oder ergänzten meine Eindrücke. Tatsächlich frage ich mich, ob das Vorwort nicht hätte besser ein Nachwort sein sollen; vielleicht ist das aber auch ein notwendiges Zugeständnis an die Lesegewohnheiten der Gegenwart.

Zwei der Erzählungen sind erheblich länger als die übrigen. Der titelgebende Text Das Meer erzählt von einer jungen Frau in Jalta auf der Krym, die im milden Klima vermutlich die Wintermonate verbringt. Eine einsame Zeit, gesucht für die Erzählfigur, die »für einige Zeit vor den Menschen flüchten will, eben damit ich sie nicht zu hassen beginne.« Der Wunsch geht dank einer Einladung mit nachfolgendem Besuch bei einer anderen Dame nicht in Erfüllung.

Es beginnt ein Spiel zwischen zwei grundverschiedenen Charakteren, die von der Autorin in scharfem Kontrast mit großer sprachlicher Präzision gegenübergestellt werden. Lesja Ukrajinka muss eine besondere Beobachtungsgabe besessen haben, die Charakterzeichnungen sind ebenso kunstvoll wie gelungen. Die Erzählerin kommt von ihrer lästigen Bekanntschaft nicht recht los, zufällige Begegnungen unterbrechen den Versuch, die erhoffte Distanz von den Menschen zu finden. Erst am Ende ist die Ausfahrt auf das Meer die Erlösung. Der Titel des Erzählbandes ist gut gewählt, ist das Meer doch auch in der Erzählung Das Glück Sinnbild für ein beinahe paradiesisches Leben.

Das Leben der Menschen floss in sanften Wellen dahin und vereinte sich in diesem Traum zu einem lichterfüllten, stillen Meer.

Lesja Ukrajinka: Am Meer

Im Vorwort erfährt der Leser die Bedeutung des Meeres für die Autorin, nicht nur in diesem Punkt ist Biographisches in die Erzählungen eingeflossen. Man spürt an dem Zitat auch die poetische Begabung der Autorin, die ihre Prosa beauderlicherweise sehr viel weniger wertschätzte als ihre Lyrik bzw. »lyrisch-epischen Lesedramen«. Der Grund ist frappierend: scharfe, öffentliche, herabwürdigende Kritik von Ivan Franko. Ukrajinka schrieb Prosa »in Momenten völliger körperlicher Erschöpfung«, eine schriftstellerische Selbstverstümmelung angesichts der Qualität der Texte.

Ich möchte den Lesern dieser Besprechung nicht die Möglichkeit rauben, die Erzählungen möglichst unvoreingenommen zu lesen. Daher werde ich aus dem Vorwort nur noch zwei Dinge nennen. Lesja Ukrajinka ist ein Pseudonym der 1871 geborenen Laryssa Kossatsch; »Lesja, die Ukrainerin« hält auch Tanja Maljartschuk für nicht allzu originell, aber für die Zeit sinnbildlich. Die Ukraine im heutigen Sinne gab es damals nicht, das Land war Teil des russischen Imperiums, das mit repressiven Mitteln versuchte, alles Ukrainische zu unterdrücken. Lesja Ukrajinka schrieb ihre literarischen Werke auf Ukrainisch, (journalistische) Beiträge zum Lebensunterhalt auf Russisch.

Viele Ukrainer sprechen Russisch, umgekehrt dürfte das eher eine Ausnahme sein, was im Westen zu der weitverbreiteten, aber bequem-schlichten Auffassung führte, Ukrainer wären mehr oder weniger Russen. Lesja Ukrajinka beherrschte neun Sprachen, übersetzte Literatur aus dem Französischen und Deutschen und verfügte über einen vorzüglichen Scharfblick für politische Bigotterie, die sie scharfzüngig kritisierte. Die Autorin litt lebenslang an einer damals unheilbarer Krankheit und starb 1913 mit 42 Jahren, ein Jahr, bevor Europa in den Abgrund stürzte. Mit der »volkstümelnden Dorfliteratur« ukrainischer Autoren fremdelte sie heftig, umgekehrt trafen ihre Texte auf das Unverständnis ihrer Zeitgenossen.

Glücklicherweise gibt es die Erzählungen von Lesja Ukrajinka auf Deutsch. Die Reihe Ukrainische Bibliothek aus dem Wallstein-Verlag werde ich sammeln, die Möglichkeit weiterer literarischer Entdeckungen lasse ich mir nicht entgehen.

Lesja Ukrajinka: Am Meer
Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk.
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck
Wallstein 2025
Gebunden 184 Seiten
Reihe: Ukrainische Bibliothek
ISBN 978-3-8353-5884-3

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Buchcover von ‚Die Abschottung der Welt: Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945‘ von Susanne Heim. Das Cover zeigt eine historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen auf einer Straße. Im Vordergrund ist ein Zitat zu lesen: ‚Rettung ist nachrangig – bis zuletzt.
Wer dieses vorzügliche Buch aufschlägt, betritt einen Dornwald. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

In den folgenden Jahren bis 1937 verließen jährlich zwischen 21.000 und 25.000 Personen Deutschland, die nach den nationalsozialistischen Bestimmungen als jüdisch galten – unabhängig davon, wie sie sich selbst definierten.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Manchmal reicht ein einzelner Satz, um mich für ein Buch einzunehmen. Er klingt wenig spektakulär, zielt jedoch auf einen wichtigen Aspekt von geradezu existenzieller Tragweite. Wenn von »Juden« im Zusammenhang mit der zwölfjährigen NS-Herrschaft in Deutschland die Rede ist, geht es um Menschen, denen von den Nationalsozialisten diese Identität aufgezwungen wurde. Wichtiger noch ist, dass diese Menschen auf jene zugeschriebene Identität reduziert wurden. Das bildete die Basis für die Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung.

Die eigene Identitätssicht spielte überhaupt keine Rolle. Ob sich jemand als säkularer Deutscher oder Orthodoxer sah, machte in der Realität des NS-Staates keinen Unterschied. Das Prinzip derIdentitätszuweisung und -reduktion wurde auch auf andere Gruppen angewandt, gelegentlich mit schwammigen Begriffen wie »Asoziale« oder »Arbeitsscheue«, was Missbrauch Tür und Tor öffnete. Zwangsarbeit konnte so leicht gerechtfertigt werden. Keineswegs nur in Deutschland: Im selbst ernannten »Arbeiter- und Bauerparadies« der Sowjetunion waren die stalinistischen Herrschaftseliten besonders kreativ im Umgang mit dieser Technik, zahllose Gulags mussten schließlich mit Millionen Menschen gefüllt werden.

Der kleine Exkurs soll keineswegs das Schicksal der von den Nazis als Juden definierten Menschen in Deutschland (und Europa) relativieren. Es ist eine Warnung an die Gegenwart, dass wirksame Herrschaftsmechaniken wie die der Identitätszuschreibung und -reduktion unabhängig von Ideologien in Zwangsregimen aller Art angewandt werden können. Bedauerlicherweise wird mit der holzschnittartigen Identitätszuschreibung im 21. Jahrhundert geradezu fahrlässig umgegangen. Es ist also wichtig, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Die Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren – dazu waren sie nicht bereit.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Wie der Untertitel des Buches zeigt, geht es nicht nur um deutsche Juden. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der gewaltsamen Expansion, die mehrere Millionen Menschen unter die Herrschaft des Hitler-Regimes zwang, die als »Juden« galten, wurden in verschiedenen Staaten Maßnahmen zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in die Wege geleitet, die sich an die im Deutschen Reich anlehnten. Das hatte schwerwiegende Folgen auf diplomatischer Ebene. Bei allen Versuchen, für die Verfolgten in Deutschland Hilfe zu organisieren, blockierte die Befürchtung, die Zahl der Hilfesuchenden könne sich massiv erhöhen, wenn Juden aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien usw. ebenfalls berücksichtigt werden müssten.

Dabei reichte die Hilfsbereitschaft längst nicht für die deutschen Juden aus. Susanne Heim schildert mehrere Anläufe, den Betroffenen auf diplomatischer Ebene beizuspringen. Das glich oft einer Mischung aus Drahtseilakt, um die verschiedenen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen unter einen Hut zu bekommen, und einem Pokerspiel, bei dem jeder am Verhandlungstisch Sitzende versucht, die anderen zu übervorteilen. In diesen oft langsam mahlenden Mühlen wurden die Flüchtlinge zerrieben. Die Konferenz auf den Bahamas im April 1943, zeitgleich zum Aufstand des Warschauer Ghettos, stellt einen beispiellosen Tiefpunkt dar, dort »spielten humanitäre Erwägungen keine Rolle mehr.« Die europäischen Juden waren rettungslos verloren.

Die Abschottung der Welt stellt die dramatischen Einzelschicksale, oft Selbstmorde oder wochenlanges Ausharren im sprichwörtlichen Niemandsland zwischen den Staatsgrenzen, den Eiertänzen der großen Politik und Diplomatie gegenüber. Auch die Selbstbehinderung der Hilfsorganisationen, die ebenso zögerlich wie von gegensätzlichen Interessen, strategischen Vorstellungen und Rivalität geprägt waren, bleibt nicht außen vor. Gelegentlich gab tatsächlich sachliche Zwänge, die eine Lösung in größerem Maßstab verhinderten. Ein Beispiel ist Palästina, wo sich der bis in die Gegenwart ziehende gewaltsame Konflikt zwischen jüdischer und arabischer Bevölkerung schon in den 1930er Jahren abzeichnete und eine Masseneinwanderung von Juden (nicht nur aus britischer Sicht) verbot.

Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Von 1933 bis 1938, der Machtübergabe an Hitler bis zur Einverleibung Österreichs, waren vor allem die deutschen Juden von massiven Repressalien betroffen, die sie letztlich ausplündern und vertreiben sollte. Deren Zahl war klein gemessen an den Juden, die in jenen Gegenden lebten, die bis 1942 von der Wehrmacht erobert wurden; außerdem war der Zeitraum, in dem ihnen hätte geholfen werden können, mit fünf Jahren recht lang. In den darauf folgenden vier Jahren explodierte die Zahl der Betroffenen, während gleichzeitig eine unvorstellbare Eskalation der Repression zur Vernichtung erfolgte.

Die Welt zeigte sich außerstande, den deutschen Juden ausreichend Hilfe in Form einer geordneten Massenauswanderung zukommen zu lassen. Für die Millionen Juden in Europa gab es keine Hoffnung, selbst als die Vernichtung im vollen Gange war. Die Berichte darüber wurden zurückgehalten. Als nach und nach die Gräueltaten durchsickerten, wurden Vorschläge zur Erleichterung der Lage der Juden mit zweifelhaften Argumenten zurückgewiesen. Selbst begrenzte Möglichkeiten, wie etwa jüdisches Kinder-Leben aus Rumänien zu retten, wurden abgewiesen. Bis Kriegsende galt: »Rettung ist nachrangig.«

Zwangsweise wirft das die Frage auf, ob und wie der Vernichtung der deutschen und europäischen Juden überhaupt hätte Einhalt geboten werden können. Zunächst einmal ist es wichtig, den zuerst Betroffenen keinen Vorwurf zu machen, dass sie nicht früh genug Deutschland verließen. Es gab unzählige persönliche Hürden, die mit der Aufgabe der Heimat verbunden waren, denen die Hoffnung entgegenstand, es könne vielleicht nicht so schlimm werden. Den Zivilisationsbruch konnten sich alle berechtigterweise nicht vorstellen.

Vor allem behinderte die NS-Führung die von ihr gewollte Auswanderung der jüdischen Bevölkerung selbst. Kern des Problems war die Finanzierung der Auswanderung, das jüdische Vermögen sollte im Reich bleiben, Devisenabfluss verhindert werden. Die forcierte Aufrüstung wäre sonst gefährdet gewesen, da die finanziellen Spielräume Deutschlands bereits erschöpft waren. Alle Anstrengungen in den Jahren bis Kriegsausbruch gelangten immer wieder zu diesem unauflöslichen Widerspruch, der das Widerstreben massiv befeuerte, die jüdischen Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Grund, die Aufnahme abzulehnen, wurde durch die Armut der Flüchtlinge auf dem Silbertablett geliefert.

Täglich nahmen sich 30 bis 40 Menschen das Leben.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Statt eines geordneten Konzepts der Massenauswanderung jüdischer Bürger aus Deutschland folgte ein groteskes Spiel mit den Flüchtlingen in den kommenden Jahren. Die Passagen in Die Abschottung der Welt, in denen diese abstrusen Maßnahmen geschildert werden, sind schwer erträglich. Flüchtlinge wurden über Ländergrenzen hin- und hergeschoben, gelegentlich dutzendfach. Wie zermürbend und erniedrigend das für die Betroffenen gewesen sein muss, ist schwer in Worte zu fassen. B. Traven hat in seinem 1926 (!) erschienenen Roman Das Totenschiff einen geradezu identischen Umgang mit einem Staatenlosen geschildert, eine literarische Vorausdeutung auf das spätere Unheil.

In diesem niederschmetternden Durcheinander kamen immerhin tausend jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in anderen Staaten unter. Es gehört zu den ironischen Wendungen, dass ausgerechnet einer der »brutalsten und korruptesten Diktatoren Lateinamerikas«, Rafael Trujillo Molina, in der Dominikanischen Republik bis zu 100.000 Flüchtlinge aufnehmen wollte.

Mit den immer höheren rechtlichen Hürden stiegen auch die Versuche, illegal aus Deutschland und Europa zu entkommen. Manche dieser Versuche, wie etwa die Irrfahrt der St. Louis, sind recht bekannt. Dabei war das Schiff nur eines von vielen, die auf den letzten Drücker versuchten, Juden aus Europa herauszuschaffen. Die geschilderten Schicksale sind oft tragisch, Schiffe wurden (versehentlich) von sowjetischen Ubooten versenkt, von Briten aufgebracht und ihre Insassen in Lager gesperrt; oder die Fliehenden saßen während ihrer Balkan-Odyssee auf der Donau fest.

Im Krieg versuchten ganze Netzwerke unter Lebensgefahr zu helfen, selbstverständlich gegen geltendes Recht. Autorin Susanne Heim betont, dass diese Netzwerke gern als Heldenerzählungen von Männern wie Adrian Fry oder Niclas Winton verbreitet werden, während die erzielten Erfolge auf den vielen Schultern namenlos bleibender Frauen ruhten. Beachtenswert ist auch die Rolle von Beamten, Soldaten und anderen, die ihre Handlungsspielräume bei der Pflichterfüllung gegen oder für die Flüchtlinge ausnutzen konnten.

Der Kleinmut obsiegt.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt

Die Massentötung im Krieg hätte wohl nur eine Aufgabe der Appeasement-Politik nach 1933 bewirken können. Ohne die Eroberungen der Wehrmacht wären Millionen Juden niemals unter deutsche Herrschaft gekommen, die Vernichtungslager wären ebensowenig errichtet worden wie der Holocaust durch Gewehre in der Ukraine und Belarus nicht stattgefunden hätte.

Wie sich die von Antisemitismus geprägten Gesellschaften entwickelt hätten, bleibt selbstverständlich offen, der Antijudaismus wäre auch mit einer konsequenten Politik gegenüber Deutschland nicht aus der Welt geschafft worden. In Deutschland hätte die jüdische Bevölkerung für ein Nicht-Appeasement vermutlich als Sündenbock den Kopf hinhalten müssen. Doch gilt für die Deutschland-Politik der 1930er Jahre, was Autorin Heim der Flüchtlingspolitik attestiert: Der Kleinmut obsiegt.

Gern bedanke ich mich beim Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar.

Susanne Heim: Die Abschottung der Welt
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945
C.H. Beck 2026
Gebunden 384 Seiten
19 Abbildungen, zwei Karten
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-84301-3

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