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Schlagwort: Zweiter Weltkrieg (Seite 1 von 9)

Volker Kutscher: Transatlantik

Luftschiffe wie die Hindenburg waren selbst für Amerikaner ein Spektakel. Ihre Zeit endete jäh, als es 1937 zu einer fürchterlichen Katastrophe kam. Cover Piper Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Konnte das sein, dass es bei der ganzen Geschichte […] eigentlich um Gereon Rath ging?

Volker Kutscher: Transatlantik

Wenn im Roman Transatlantik von Volker Kutscher dieser Satz fällt, ist die Geschichte schon weit vorangeschritten. Gereon Rath, die Hauptfigur der Buchreihe, tritt im neunten Teil lange Zeit erstaunlich wenig in Erscheinung. Kein Wunder, gilt er doch als tot. So sind es nur kurze Episödchen, in denen der ehemalige Kommissar als handelnde Figur erscheint, die Last der Handlung tragen diesmal andere: Charlotte (Charly) Rath und Andreas Lange neben vielen anderen bekannten Figuren.

Trotz seiner Abwesenheit ist Rath stets dabei. Die Gedanken der Zurückgebliebenen gelten oft ihm, unabhängig davon, ob sie zu den Eingeweihten seines Geheimnisses gehören oder nicht, ob sie der Mär um den Getöteten Glauben schenken oder Zweifel daran hegen und argwöhnen, dass der ehemalige Polizist noch am Leben sein könnte. Einige seiner absonderlichen Methoden, etwa heimlich und in Missachtung der Regeln zu agieren, scheinen auf Hinterbliebene abgefärbt zu sein.

Natürlich gibt es einen Fall zu lösen, natürlich ist dieser nur der Ankerpunkt für den Roten Faden, der sich durch die gesamte Geschichte zieht und immer mehr mit vielen anderen Erzählfäden verwickelt. Die Klärung des Mordfalles fördert eine ganze Menge Überraschendes zutage, denn der Tote, ein Angehöriger der SS, ist mit einer ganzen Reihe obskurer Zeitgenossen und ihren nicht minder düsteren Plänen verbandelt.

Ein SS-Mann. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Volker Kutscher: Transatlantik

Wenn es um die SS geht, ist für alle größte Vorsicht geboten. Der Leser der vorangegangenen Romane weiß, wie sehr sich Deutschland in den vier Jahren zwischen 1933 und 1937 gewandelt hat. Der brüchige und schließlich strauchelnde Rechtsstaat hat sich in eine menschenverachtende, völlig gewissenlos agierende Diktatur verwandelt, in der keineswegs nur die Gegner, sondern auch die Angehörigen der regimetreuen Verbände (Wehrmacht, SA, SS) gnadenlos getötet werden, wenn sie den Absichten der Machthaber in die Quere kommen.

Davon erzählen schon Marlow, Olympia und Lunapark, davon erzählt auch Transatlantik. Es muss nicht einmal Aufbegehren oder gar Widerstand sein, nicht einmal ein Verletzen der Regeln, es reicht völlig aus, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein, durch reinen Zufall etwas zu sehen, was niemand sehen darf, um unter brutalsten Misshandlungen sein Leben auszuhauchen. Schlimmer noch: Wenn ein SS-Mann in Ungnade fällt, ergeht es ihm im Konzentrationslager schlechter als den dort einsitzenden Regimegegnern.

Es mag nicht beabsichtigt sein, aber der Brückenschlag zwischen NS-Regime und organisiertem Verbrechen in der Wahl der Methoden ist unübersehbar. Wenn Johann Marlow in den USA seinen Machtbereich als Chef einer Verbrecher-Organisation durch Folter und Tötung verteidigt, dann sind Parallelen zu den verbrecherischen Mitteln der SS offenkundig. Hüben wie drüben braucht es weder Gesetz noch Richter, es reicht der Wille des Bosses.

Das Verbrecherregime Hitlers sollte allerdings alles Dagewesene in den Schatten stellen, 1937 wirft der Zivilisationsbruch erste Schatten voraus. Am Rande nur, doch als Drohung allgegenwärtig, wird in Transatlantik von der Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald erzählt, ein mustergültiges Lager, erbaut von den Strafgefangenen. Gemordet wird auch an diesem Ort.

Natürlich war überhaupt nichts in Ordnung.

Volker Kutscher: Transatlantik

In die Mühlen des Regimes ist auch der zeitweilige Ziehsohn von Gereon und Charlotte Rath geraten. Friedrich (Fritze) Thormann war im Roman Olympia zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und hat anderen zu allem Überfluss die Wahrheit, also das Falsche erzählt: Ein Selbstmord, der keiner war, sondern ein Mord, den ein Uniformierter ausgeführt hat. Da diese Wirklichkeit die sorgsam gehütete Scheinwelt der Nazis gefährdet, muss Fritze aus dem Verkehr gezogen werden.

Den Hitlerjungen und Ehrendienstler erklärt das Regime kurzerhand für geisteskrank und lässt ihn in einer so genannten Nervenheilanstalt verwahren. Wie er dort gelandet ist, wo er doch am Ende des Vorgängerromans eigentlich zu seiner großen Liebe Hannah aufgebrochen ist, wird hier nicht verraten. In der »Heilanstalt« sind die Insassen jedenfalls massiver Gewalt und Demütigung unterworfen.

Nicht Fritzes selbst ernannter Pflegevater Rademann, sondern Charly versucht, ihn auf rechtlichem Weg aus der Anstalt zu befreien. Dazu geht sie den Rechtsweg und wählt einen sehr geschickten taktischen Kniff, den ihre Gegner jedoch mit ebenso geschickten Kniffen kontern. Einer der großen Vorzüge von Transatlantik ist die Qualität vieler Winkelzüge, zu denen die Antagonisten greifen.

Alles, aber wirklich alles, was die Regierung tat, lief auf einen neuen Krieg hinaus, auch wenn offiziell das Gegenteil behauptet wurde.

Volker Kutscher: Transatlantik

Aus dem Regen in die Traufe: Gleich mehrfach unternimmt das Schicksal diese Wendung und zwar nicht nur, was Fritze anbelangt. Im Grunde genommen befinden sich jene Zeitgenossen des Jahres 1937 in Deutschland, die nicht dem Regime mit blinder Gefolgschaft zugetan sind, in einer desaströsen Lage. Die NS-Herrschaft hat sich etabliert, alle Hoffnungen, es könnte sich selbst entzaubern, sind verflogen; Lügen sind schließlich immer stärker.

Es ist absehbar, dass der »Spuk« namens Hitler länger dauern wird, als viele es erhofft und für möglich gehalten haben. Die Nazis führen Deutschland in eine barbarische Finsternis. Neben dem Zivilisisationsbruch kündigt sich ein neuer Krieg an, das wird auch manchem idealistischen Anhänger des Regimes bewusst. Ein schmerzlicher Prozess, den eigenen Irrtum zu begreifen.

Nicht nur der ehemals glühende Hitler-Anhänger und Hitlerjunge Fritze ist desillusioniert, auch in den Reihen der SS gibt es jene, die klar und deutlich sehen, dass der politische Kurs des Reiches in einen neuen Waffengang führt. Autor Kutscher bindet eine umfassende Luftschutzübung geschickt in die Handlung seines Roman ein, die auf gespenstische Weise vorwegnimmt, was Berlin und anderen Großstädten blüht.

Fritze stellte sich nicht auf die Zehenspitzen, er stand stramm. Er funktionierte. Ein mechanischer Hitlerjunge.

Volker Kutscher: Transatlantik

Wie hält man das aus? Das Zitat macht es deutlich. Mitspielen, mechanisch der Masse folgen, sich in Routinen stürzen und dort den Halt suchen, den man angesichts des sich überall ausbreitenden Grauens und der eigenen Ratlosigkeit und Ohnmacht längst verloren hat. Auch die »Helden« der Romane um Gereon Rath haben im Grunde keinen Einfluss auf die Geschehnisse, geschweige denn die Kontrolle über sie. Es bleibt ihnen nur ein Leben »als ob«.

Volker Kutscher nutzt jedoch die Möglichkeiten des fiktionalen Mediums, um das auf die Spitze zu treiben. Er kreiert in Transatlantik eine Konstellation, in der es eigentlich ohnmächtigen Personen tatsächlich möglich wäre, jemanden aus der Führungsspitze des Reiches zu beseitigen. Sie müssten nicht einmal etwas tun, sie könnten einfach abwarten und das Schicksal seinen Lauf nehmen lassen.

Dieser Part gleicht ein wenig einer Räuberpistole, wenn auch sehr spannend und dramatisch erzählt. Und doch wirkt gerade diese leicht überzogen wirkende Ereignisfolge wie ein anachronistisches Echo auf den 20. Juli und andere Attentatsversuche, vor allem aber wirft sie ein Schlaglicht auf die selbstverschuldete, widersprüchliche Handlungsweise des Menschen, der manchmal das genaue Gegenteil von dem tut, was er eigentlich vertritt: Jene schützen, die man tot sehen will, weil sie Hunderte, Tausende und bald Millionen auf dem Gewissen haben.

Die Ankunft eines Zeppelins war auch für die Amerikaner ein Ereignis.

Volker Kutscher: Transatlantik

Und Gereon Rath? Das Titelbild von Transatlantik ist kein Symbolbild. Im Jahr 1937 explodierte das Luftschiff Hindenburg in den USA, ausgerechnet jenes Vehikel, mit dem der ehemalige Polizist aus Europa flieht. Für die wenigen Zurückgebliebenen, die von seinem Scheintod und der Ausreise auf diesem Wege wissen, ist die Nachricht ein Schock und der Sturz in die Ungewissheit: Lebt Rath nach dem Unglück oder nicht?

In den USA ist auch ein anderer alter Bekannter rührig: Johann Marlow hat dort seine Zelte aufgeschlagen und geht seiner gewohnten Tätigkeit als Gangsterboss nach. Sein Hass auf Rath ist – wie man sich denken kann – ungebrochen, er unterscheidet sich kaum von dem, der den SS-Offizier Tornow antreibt. So oder so wäre Gereon Rath also in Lebensgefahr, dies- und jenseits des Atlantiks, denn der Hass auf ihn ist wahrhaft transatlantisch.

Weitere Romane der Buchreihe:
Volker Kutscher: Die Akte Vaterland.
Volker Kutscher: Märzgefallene.
Volker Kutscher: Lunapark.
Volker Kutscher: Marlow.
Volker Kutscher: Olympia.

[Rezensionsexemplar]

Volker Kutscher: Transatlantik
Piper Verlag 2022
Hardcover 592 Seiten
ISBN: 978-3-492-07177-2

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Die Wehrmacht zermalmte im Frühjahr 1940 ihre Gegner, was viele in Frankreich lebenden Exilanten in eine lebensbedrohliche Lage brachte und zur oft verzweifelten Flucht zwang. Cover C.H. Beck, Bild mit Canva erstellt.

Die südfranzösische Stadt Marseille platzte im Sommer 1940 aus allen Nähten. Zu den 900.000 Bewohnern aus der Vorkriegszeit kam noch eine halbe Million Menschen hinzu, die man etwas despektierlich als Treibgut des Krieges bezeichnen könnte: Flüchtlinge aus vielen europäischen Ländern, britische Soldaten, Fremdenlegionäre, Angehörige der französischen Kolonialtruppen (Algerien, Indochina, Marokko), demobilisierte Franzosen.

Es war ein buntes Gewirr des Schreckens, denn das exotische Gemenge der Kleidung überdeckte nicht die pure Not der Gestrandeten, von denen die überwältigende Mehrheit vor allem eines wollte: raus aus Frankreich, weg vom Krieg. Die Wehrmacht hatte Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Wochen überrollt und Millionen fliehende Menschen wie eine Bugwelle vor sich hergetrieben. Aus französischer Sicht hat Pierre Lemaitre diese Zeit in seinem brillanten Roman Der Spiegel unseres Schmerzes beschrieben.

Zu den Flüchtlingen gehörte eine recht kleine Schar deutschsprachiger Literaten, die nach 1933 aus Deutschland (später auch Österreich und der Tschechoslowakei) fliehen mussten, also schon die zweite oder dritte Flucht durchlitten. Ihnen widmet sich Uwe Wittstock in seinem Buch Marseille 1940, ohne dabei zu unterschlagen, dass es sich nur um die sprichwörtliche sichtbare Spitze des Eisbergs handelt: Die prominenten Literaten ließen Spuren in Form schriftlicher Zeugnisse, die überwältigende Mehrheit der vor dem Nazi-Terror Fliehenden nicht.

Vor den Augen Amerikas bricht eine Nation zusammen, die als Inbegriff der Zivilisation, Aufklärung, Eleganz und Lebensfreude gilt.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Es ist gut, dass Wittstock gleich zu Beginn deutlich macht, wem er sich – mangels überlieferter Materialien – zwangsläufig nicht widmen kann (hier sei auf den Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque verwiesen). Der Fokus auf literarische Prominenz kann das Bild durchaus verzerren, denn einige Literaten konnten immerhin auf ihre Bekanntheit, eine gewisse Vernetzung und Hilfe von außen hoffen. Die gewöhnliche Zeitgenossen hatten wenig Aussicht, die Aufmerksamkeit der First Lady in den USA, Eleanor Roosevelts, zu erhalten, wie etwa Lion Feuchtwanger.

Genutzt hat es ihm im gewissen Rahmen, doch die restriktiven Rahmenbedingungen für Fliehende ließen sich selbst in diesem Fall nicht außer Kraft setzten – in allen anderen Fällen auch nicht. Es sind Motive, die auch in der Gegenwart die so genannte Flüchtlingsdebatte beherrschen und schwer erträglich machen. Ganz vorn dabei: Bürokratie. Aber auch einander widersprechende Aktivitäten vor Ort, wenn Botschafts- und Konsulatsangehörige Anträge verschleppen, blockieren, während gleichzeitig andere als hilfreiche Wegbereiter auftreten.

Die Lage im Marseille 1940 war politisch und rechtlich kompliziert. Der größte Teil Frankreichs war von der Wehrmacht okkupiert, bis Ende 1942 blieb ein gewisses Gebiet unter der Kontrolle eines ultrakonservativen, rechten Regimes unter Petain. Von diesen hatten Fliehende, vor allem Kommunisten und Juden, wenig Gegenliebe zu erwarten, dank deutschen Drucks galt das für alle, die in Hitlers Deutschland als Staatsfeinde angesehen wurden. Vichy-Frankreich war bis Ende 1942 eine seltsame Zwischenwelt, nicht frei, aber eben auch noch nicht unter der direkten Zuchtrute des „Dritten Reichs“.

Da Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war und Spanien zwar neutral, aber durch das rechte Franco-Regime nur bedingt eine Fluchtoption, blieb vor allem Portugal als Ziel, das nur unter großen Schwierigkeiten und Gefahren zu erreichen war. Welche haarsträubenden, dramatischen und durchaus tragischen Schicksale diese geopolitische Zwangslage der in Südfrankreichs Metropole angespülten Flüchtlinge heraufbeschwor, schildert Marseille 1940 in einer mitreißenden Weise, die den Leser rasch gefangen nimmt.

Eine ganze Generation europäischer Kulturgrößen droht innerhalb der nächsten Wochen ermordet zu werden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Dazu trägt auch der besondere Montage-Stil bei, den Wittstock bereits in Februar 33 verwendet hat. Neben den stets wechselnden Perspektiven, die insgesamt aber die alles umstürzende Gewalt des „Blitzkrieges“ abbilden, werden einzelne Passagen eingestreut, die schlaglichtartig erhellen, welche Art Krieg von den deutschen bewaffneten Verbänden auch im Westen geführt wurde. Die Erschießung von dunkelhäutigen Soldaten der französischen Streitkräfte nach deren Kapitulation etwa, ein Kriegsverbrechen, das historisch im Schatten der millionenfachen Verbrechen im Osten steht. Durch diese Passagen wird die Lebensgefahr für die vielen Flüchtlinge unterstrichen – das “Dritte Reich“ exekutierte seine Ideologie gnadenlos.

„Blitzkrieg“ ist ein wichtiges Stichwort: Wenn wir Bilder vom Krieg sehen, ist es allzu oft Propaganda aus Goebbels Filmschmieden des “Dritten Reichs“. Éric Vuillard hat in seinem Buch Die Tagesordnung darauf hingewiesen, auch gibt es Dokumentationen, die offenbaren, dass in den deutschen Wochenschauen Aufnahmen gezeigt wurden, die vor den Ereignissen (wie dem Angriff auf Frankreich) gedreht wurden. Um Aktualität vorzuschützen, wurden diese in den Kinos mit den entsprechenden Worten umgedeutet; bis heute prägen sie aber unser Bild vom „Blitzkrieg“ im Westen, der mit dem tatsächlichen Krieg wenig zu tun hat.

Bücher wie Marseille 1940 sind auch deswegen so wertvoll, weil sie die sauberen Propaganda-Bilder Lügen strafen und den Blick auf eine ganz andere, brutalere, grausamere Wirklichkeit voller Verzweiflung, Todesnot und tiefer Abgründe freigeben. Das gilt auch für die Behandlung von Flüchtlingen in Frankreich, die dort interniert wurden. Der Zweite Weltkrieg war auch ein Krieg der Lager, in fast jedem Land (selbst den USA, wie David Gutersons Roman Schnee, der auf Zedern fällt am Beispiel japanischstämmiger Amerikaner zeigt) gab es sie.

Zwar sind sie in Frankreich keine Konzentrations- oder gar Vernichtungslager gewesen, doch die haarsträubenden hygienischen Verhältnisse, die unzureichende Versorgung und die bedrückende Unsicherheit machten aus ihnen kleine Höllen für die Insassen. Doch viele Verhaltensweisen der Gefangenen, aber auch des Wachpersonals sind seltsam vertraut aus der vielfältigen Lagerliteratur. Besonders musste ich an Hannah Arendt denken und ihren recht eigenmächtigen Umgang mit der Lage, aber auch an die Franzosen, die sich unter bestimmten Umständen ebenfalls in Internierungslagern wiederfanden.

Ihre Zusammenkünfte wirken dann wie bittere Parodien auf jene Künstlertreffs, die seinerzeit in Pariser Café du Dôme oder in Romanischen Café in Berlin stattfanden.

Uwe Wittstock: Marseille 1940

Bemerkenswert ist ein Umstand, den man getrost als Grundkonstante des Fliehens und des Engagements für Flüchtlinge bezeichnen könnte: Illegalität. Man kennt dieses Wort aus zahllosen Politiker-Reden der Gegenwart. Eine der wichtigsten Personen in Marseille 1940, die ich bislang noch gar nicht erwähnt habe, hat im Kern eine Organisation initiiert und vor Ort geführt, die man getrost als illegale Fassadenfirma einer Fluchthilfe-Gesellschaft bezeichnen könnte. Historisch ist diese Form des Gesetzesbruch heroisch, doch wie würde Varian Fry wohl in der Gegenwart gesehen werden?

[Rezensionsexemplar]

Uwe Wittstock: Marseille 1940
Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck-Verlag 2024
Hardcover 351 Seiten
mit 28 Abbildungen und 2 Karten
ISBN: 978-3-406-81490-7

Harald Jähner: Wolfszeit

Die Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten wurden im restlichen Deutschland nicht mit offenen Armen empfangen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Bei einem meiner üblichen Besuche der hiesigen Stadtbibliothek bin ich auf den Bildband Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern. 1945 – 1955 gestoßen. Nach der Lektüre von Harald Jähners begeisterndem Buch Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen wollte ich ohnehin auch sein Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 lesen, somit bot sich eine sehr passende Gelegenheit. Das Sachbuch habe ich teilweise gehört, teilweise im ebenfalls ausgeliehenen Buch gelesen, allein wegen der Bilder sollte man zum Gedruckten greifen.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die »Niemandszeit« zwischen dem Ende des so genannten »Dritten Reichs« und der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 wird auf vielen Feldern ergründet. Das Bild, das sich bietet, ist überraschend vielfältig und bricht mit dem Grau, das die kollektive Erinnerung zeichnet, die auf einer eher stiefmütterlichen Behandlung dieser Phase in Wissenschaft und Lehre beruht. Autor Jähner führt das auf die fehlende institutionelle Verankerung des Zeitabschnitts infolge der Abwesenheit von Staat und Regierung zurück, die in der nationalstaatlich geprägten Historiographie aber entscheidend gewesen ist.

»Niemandszeit« legt einen Zeitraum nahe, in dem etwas noch nicht ganz zu Ende gegangen ist und etwas Neues noch nicht richtig angefangen hat. Die berühmte »Stunde Null«, ein hoch umstrittener Begriff, würde also im Grunde genommen zu einem »Vier Jahre Null«, ehe die Bundesrepublik Deutschland und die DDR ihre Staatsgeschäfte aufnahm und der Kalte Krieg ins Rollen kam.

Zwei sehr gegensätzliche Gruppen bildeten die Masse der Trecks: die Displaced Persons und die Vertriebenen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Jähner begibt sich mit Wolfszeit mitten hinein in dieses geschichtliche Niemandsland, das unzählige Biographien geprägt hat. Teilweise sind die Befunde, die der Autor liefert, schockierend. Von »Null« im Sinne einer Stille und Abwesenheit von Dramatik und Bewegung kann überhaupt keine Rede sein. Mehrere Millionen Menschen waren nach der Kapitulation der Wehrmacht nicht dort, wo sie hingehörten.

Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, entlassene Wehrmachtssoldaten, Kriegsgefangene der Alliierten, Vertriebene Deutsche – rund die Hälfte aller Menschen auf dem verbliebenen deutschen Boden lebte unterwegs. Man sollte sich die Zahlen immer wieder vor Augen führen. Wer sollte diese gewaltige Masse Menschen geordnet nach Hause, in ein neues Leben oder auch nur unter ein Obdach führen. Die Alliierten waren völlig überfordert, wenn zum Beispiel nur 21 Soldaten 45.000 Kriegsgefangenen gegenüberstanden.

Der Umgang mit den Menschen war sehr unterschiedlich, doch bleibt bei der Lektüre ein wiederkehrendes Motiv hängen, dass sie überwiegend höchst unwillkommen waren. Bei den zwangsweise Eingesperrten war unklar, wie sie sich gegenüber den Deutschen verhalten würden. Das unmenschliche Lagerleben zog eine Verrohung ihrer Insassen nach sich, der Hass auf alles Deutsche war allein angesichts der wahllosen Massenmorde an Zwangsarbeitern gegen Kriegsende wenig verwunderlich.

Es kam zu geradezu grotesken Situationen, wenn etwa Alliierte und Deutsche die Lager bewachten, in denen jene noch immer ausharren mussten, die schon vorher darin gesessen hatten. Das war nicht unbedingt böser Wille, im Gegenteil, denn tatsächlich gab es Überfälle, Plünderungen, Morde an Deutschen, die als Freiwild galten. Überraschend auch, wie lange sich manche Lager für DPs gehalten haben und – weniger überraschend – wie schnell klar war, dass unter der gewaltigen Zahl der von den Nazis ins Lager gepressten Menschen sich antisemitische Abgründe auftaten.

Die jüdischen DPs brauchten eigene Lager, nach Pogromen in Polen kamen neue Juden nach Deutschland und in die Lager, um nach Israel zu gelangen, was kurzfristig unmöglich war. Die Neuankömmlinge sorgten unter den jüdischen Überlebenden aus Deutschland für abweisende Reaktionen und saßen dank der Verschiebung der Grenzen in Osteuropa einstweilen ausgerechnet im Täterland fest. Sie waren heimat- und staatenlos geworden.

Nicht jeder wollte wieder zurück. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Stalins Werktätigenparadies weigerten sich zum Teil heftig gegen die unter den Alliierten vereinbarte Rückführung. Es wurde teilweise Gewalt angewendet, um die Verweigerer zur Ausreise zu bewegen, was oft wenig nutzte, denn im Archipel Gulag der Sowjetunion blühte diesen Menschen ein düsteres Schicksal: Zwangsarbeit und Lagerleben unter dem Vorwand, ein Verräter und Nazi-Kollaborateur zu sein.

Diese Abschnitte geben nur einen winzigen Teil dessen wider, was Jähner zu dem Thema schildert. Es macht aber deutlich, wie vielschichtig die Lage nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« gewesen ist. Das betraf auch die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, die zweite große Gruppe unter den Trecks auf der Straße.

»Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesier, Pommern und Bessarabiendeutsche – alles “Polacken”.«

Harald Jähner: Wolfszeit

Mit “Polacken” wurde von dörflich-bäuerlicher Bevölkerung alles bezeichnet, was aus den verlorenen Ostgebieten oder deutschen Siedlungsgebieten in anderen Staaten in die restlichen deutschen Gebiete flüchtete. Das ist purer Rassismus – gegen Weiße, wohlgemerkt, der noch ganz andere Abgründe zeitigte. In bester Kontinuität sorgte man sich um Rassenschande, man hieß die Zugezogenen “Zigeunerpack”, deren katastrophaler körperlicher Zustand sorgte die Spezifizierung als “40-Kilo-Ziegeuner”.

Wirklich unheimlich ist, was ausgerechnet aus den Reihen der dänischen Minderheit über die Vertriebenen gesagt wurde. Jähner schildert die Äußerungen eines dänischen Journalisten namens Tage Mortensen, der allen Ernstes von einer »Mulattenrasse« sprach. Weniger überraschend sind die Abwehrreflexe aus den Kirchen, die durch die andersgläubigen Zuwanderer bedroht werde. Hetzreden wurden auch von Politikern geschwungen, Vertreibungsphantasien blühten, von »Blutschande« war die Rede und einer erneuten Vertreibung nach Osten.

Die Landbevölkerung zeigte sich von ihrer ganz besonders herzlichen Seite. Auf alliierten Druck mussten die freistehenden Räume den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden. Das waren Millionen. Zu den krassen Reaktionen gehörte die Tötung eines Flüchtlings nebst seiner drei Kinder, doch auch die Normalität war beschämend, wenn es um die menschenunwürdige Auswahl der Aufzunehmenden durch die Bauern ging. Die Kräftigsten und Schönsten ins Töpfchen, der Rest unter höhnischen Bemerkungen ins Kröpfchen.

Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.

Harald Jähner: Wolfszeit

Aber bei dieser Schilderung bleibt Jähner nicht stehen. Einer der großen Vorzüge des Buches liegt darin, dass die – teilweise positiven – Folgen der massiven Zuwanderung nicht unerwähnt bleiben. Die abgeschlossenen Dörfer mit ihrer Bevölkerung wurden quasi über Nacht vielfältig, gleichzeitig brachen die überkommenen, dumpfen, rückständigen Gewohnheiten wenigstens teilweise auf, sie erzwangen eine »Entprovinzialisierung«, waren »Agenten der Modernisierung«.

An dem Beispiel wird deutlich, wie widersprüchlich die Entwicklung gewesen ist. Das gilt für nahezu alle Bereiche, die Jähner in seinem Beispiel anführt, von einigen wenigen wie der Massenvergewaltigung deutsche Frauen durch die Angehörigen der Roten Armee einmal abgesehen, von der bis zu zwei Millionen Frauen betroffen waren. An diesem Krieg gegen die Frauen gibt es nichts Widersprüchliches, es ist ein lange verschwiegenes, grausames Verbrechen.

Im Westen war die Lage glücklicherweise anders. Zwar gab es auch hier umfangreiche Vergewaltigungen (wie zum Beispiel George Orwell berichtete), aber nicht in dem monströsen Ausmaß des Ostens. Stattdessen wurde fraternisiert, obwohl das von den Alliierten untersagt worden war. Der Leser von Wolfszeit lernt den Typus der »Veronika Dankeschön« kennen – ein Wortspiel, denn die Initialen VD stehen für Venereal Disease, Geschlechtskrankheit.

Jähner räumt mit dem Vorurteil auf, es ginge bei den Beziehungen von deutschen Frauen und alliierten Soldaten nur um materielle Vorteile, eine Art Versorgungsbeischlaf. Es hat einige Zeit gedauert, bis sich die üblen Vorwürfe gegen diese Liebeleien endlich entschiedenem Widerspruch entgegensahen. Jähner verweist auf das zutiefst bigotte Kuriosum, dass der annoncierte Wunsch nach einer Einheiratung in eine Metzgerei akzeptiert war, während die kalkulierte Nähe zu einem alliierten Soldaten als Hurerei und Volksverrat beschimpft wurde. Dabei zeigen allein die vielen Ehen deutscher Frauen mit amerikanischen Soldaten, dass es eben um viel mehr als opportunistische Erwägungen ging.

Es war Veronika Dankeschön, die den dicksten Schlussstrich unter die Vergangenheit setzte, mit Haut und Haaren und nicht selten sehr liebevoll.

Harald Jähner: Wolfszeit

Der viel beschworene »Schlussstrich« wird in Wolfszeit selbstverständlich auch in seiner vielgestaltigen Form thematisiert: Tanzwut, Karneval (es bleibt einem wirklich nichts erspart), aber auch der lange, zähe Weg vom Schwarzmarktraubtier und gewieften Plünderer zum Wirtschaftwunder-Rackerer der Generation Käfer wird nachgezeichnet. Jähners Akzente sind bemerkenswert: Beate Uhse und ihr äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell, das vehement angefeindet wurde, vor allem, weil sie eine Frau war.

Überhaupt war die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den Jahren nach 1945 sehr interessant. Jähner These, wie sich die Männer ihre Vormachtstellung zurückeroberten, ist bemerkenswert. Der Mythos der Trümmerfrau ebenfalls, weil er sich so zäh hält, während die völlige Entfremdung durch den Krieg und die eigenständig und selbstbewusst handelnde Frau zu massiven Konflikten mit den Rückkehrer führten.

Schwer erträglich ist der Umgang mit Mädchen gewesen, die als »gefallen« galten, sprich als Minderjährige Sex hatten. In den berüchtigten Erziehungsheimen erwartete sie ein drakonisches Regiment, das man getrost als Terror bezeichnen kann. Einen Grund für diesen unmenschlichen Umgang beschreibt Jähner so: 

Das Schreckgespenst »verwahrloster Mädchen« löste Phobien in den Behörden aus, die heute als geradezu krankhaft erscheinen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Ärgerlich sind an Jähners äußerst anregendem Buch nur wenige Dinge: »Die Russen hatten durch den Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren.« »Die Sowjets« oder »Sowjetunion« wäre die richtige Formulierung gewesen, ein Vielvölkerstaat, in dem Millionen Ukrainer, Belarusen, Letten, Esten, Litauer usw. durch den Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS ihr Leben lassen mussten. Der synonyme Gebrauch von »Russe« und »Sowjetbürger« verbot sich im Grunde genommen schon immer, angesichts der großen Qualitäten von Wolfszeit bleibt dieser sprachliche Missgriff ein Mysterium.

Davon einmal abgesehen ist Wolfszeit ein großartiges Buch, das die Dimension der Umwälzungen nach dem offiziellen Ende der Kriegshandlungen spürbar macht. Entwurzelte, Frauen, Liebe, Kultur, Enttrümmerung, Hunger, Schwarzmarkt, die seltsame Entnazifizierung, Displaced People, Lagerleben auch Jahre nach dem Krieg, Wirtschaftswunder, Währungsreform – so viele wichtige Themen werden auf gekonnte Weise erzählt und mit ausdrucksstarken Bildern untermalt.

Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungstermin: 15.09.2020
264 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0101-1

Harald Jähner: Wolfszeit
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 15.09.2020
480 Seiten
ISBN: 978-3-499-63304-1

Matz, Jörg Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele

Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.

Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.

Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.

Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.

Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.

Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.

Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.

Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.

In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.

Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.

Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.

Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele
Nach Olivier Guez
Knesebeck 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978- 3-95728 -756-4

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Ein Anti-Held, vielleicht der erste des Thriller-Genres, von außergewöhnlich vielschichtiger Gestalt, ist einer der großen Pluspunkte dieses spannenden, wendungsreichen und oft verblüffenden Romans. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Man kommt nicht umhin, den Vergleich zu James Bond oder Mission Impossible zu ziehen. Gemeinsam ist den Filmen und dem Polit-Klassiker von John Mair, dass eine mehr oder weniger globale (und ein wenig groteske) Verschwörung im Gange ist. Völlig verschieden sind allerdings die Helden, Desmond Thane hat wenig bis nichts mit James Bond oder Ethan Hunt gemein. Dieses Spannungsfeld von Vertrautem und Fremden ist einer der Gründe, die aus Es gibt keine Wiederkehr einen tollen Roman machen.

Anders als Bond und Hawk wird Thane in die Verschwörung auf einem Umweg und gegen den eigenen Willen verstrickt. Es ist eine krude Mischung aus Passivität, Aggression, feiger Schwäche und Übersprungshandlung aus Eifersucht, die den Boulevardjournalisten zu einer Mord-Tat treiben. Die hat er zwar bereits gedanklich erwogen, aber eigentlich verworfen. Durch die Tötung gerät er immer wieder in nahezu aussichtslose Situationen, aus denen er sich oft nur äußerst knapp befreien kann. 

Während die Filmheroen mit spektakulären Fähigkeiten und gewitzten Tricks kritische Situationen bewältigen, spinnt Thane Lügen, manipuliert, schachert und wendet Gewalt an. Ein Anti-Held, trotz seiner durchaus bemerkenswerten Fähigkeiten. Dank seiner Intelligenz und Kommunikation, einem entsprechenden Auftreten sowie der Kunst, aus dem Stand Lügengespinste zu weben, gelingt es ihm immer wieder, sich aus einer aussichtslosen Lage herauszuwinden.

Sie war stark. Sie war ungewöhnlich. Sie zog ihn an.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Thane umgibt eine Aura leichtfertiger Ruchlosigkeit, sein Gewissen meldet sich nur selten, obwohl es allen Grund dazu hätte. Hand in Hand geht das mit einer spektakulären Unberechenbarkeit der Hauptfigur, der wirklich alles zuzutrauen ist. Das sorgt für rasante, ja haarsträubende Wendungen im Verlauf der Handlung.

Mair setzt geschickt auf die Verwirrung und Irreführung des Lesers. Schon die ersten Seiten sind eine imponierende Komposition aus nüchtern-sachlichen Abschnitten eines Lexikons über Giftpilze und kruden Kommentaren der – da noch unbekannten – Hauptfigur zu den tödlichen Auswirkungen: Sie erscheinen ihm »gut!«, »zu langsam«, in der Sterblichkeitsrate »hervorragend«, er ermahnt sich pendantisch »weiter prüfen«.

Obwohl er sich an einem Ecktisch des Lesesaals akribisch Notizen machte, wusste er nur zu genau, dass er Anna Raven niemals töten würde.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Der Autor legt sich mit diesem Satz fest, es ist ein Schein-Fundament, auf der sich die Unberechenbarkeit entfaltet, die Thane so auszeichnet. Jene Anna, die Thane töten will, lernt er zufällig in einem Café kennen. Sie ist äußerlich nicht sein Typ, reizt aber durch ihre Offenheit, ihre Ausstrahlung und Selbstbewusstsein. Ein sehr modernes Szenario, in dem die Frau zeituntypisch die dominierende Rolle übernimmt und den unsicheren Man in emotionale Bedrängnis bringt.

Bei dieser Begegnung wird dem Leser wirklich bewusst, dass die Geschichte im Krieg spielt – die Äußerung, Anna spreche das Englische in einer Weise, „das nach jener unnatürlichen Übergenauigkeit des gebildeten Ausländers klang“, lässt hellhörig werden. Eine Agentin, vielleicht sogar aus Hitlers nationalsozialistischem Reich?

Anna umwittert eine Aura der Unnahbarkeit, ein Teil ihres Lebens bleibt vor Thane verschlossen, ihr Verhältnis hat nur eine relativ begrenzte Schnittmenge. Eigentlich käme das der Hauptfigur entgegen, in diesem Falle macht sich eine gefährliche Gefühlsmischung breit, die Thane zu mehreren aggressiven und gefährlichen, ja auch für ihn untypischen Handlungen treibt, um der emotionalen Zwickmühle zu entkommen.

Mit der letztlich ungewollten Tötung Annas geraten die Dinge ins Rollen. Mair spielt ganz großartig mit Tempowechseln, lässt die Spannung und Dramatik in die Höhe schnellen und seinen irrlichternden Helden unvermutet dahintreiben, als wäre alles ganz harmlos und in allerbester Ordnung. Die Gefahr ist wie ein steter Donner am Horizont, fern, aber immer präsent.

Menschen aus der Kulturszene vergessen oft, dass die Macht in den Händen eines ganz anderen Menschenschlags liegt.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Mair wechselt die Perspektive und bricht gezielt den Erzählstil. Er lässt mit einem formalistisch gestalteten Protokoll die Verschwörer zu Wort kommen, denen Thane unbeabsichtigt auf die Schliche gekommen ist. Die Bedrohung für die Welt ist – gelinde gesagt – hanebüchen, die Pläne der Verschwörer sind hochfliegend, ihre Mittel und Aussichten fragwürdig. Gefährdungen wie Thane verfolgen sie aber unerbittlich.

Der Autor selbst hat den Kriegsbeginn miterlebt und seinen Roman in die Zeit hineingeflochten: Die häufigen Luftalarme und einige Angriffe der deutschen Luftwaffe nehmen einen gewissen Raum ein, auch die Nachrichten von der Front und jene oft merkwürdigen Begegnungen mit Offizieren der britischen Armee spielen eine Rolle, doch von jenem totalen Ausmaß, den der Krieg gegen Deutschland rückblickend zu kennzeichnen scheint, ist erstaunlich wenig zu merken.

Der Krieg ist da, wie die Luftverschmutzung oder ein zu starker Wind, er ist bedrohlich, aber für den Einzelnen wie Thane im Grunde genommen zweitrangig. Die Romanhandlung wird so aber mit einer ganz besonderen Stimmung angereichert, ein wenig, als würden die Menschen auf einem Vulkan leben, der auszubrechen droht; unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

John Mairs Never come back ist immer noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Thriller-Literatur.

Martin Compart in John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Wie bei den anderen Büchern der Thriller-Klassiker-Reihe aus dem Elsinor-Verlag ist auch in diesem Fall das Nachwort von Martin Compart eine Klasse für sich. Wer zu einem Buch greift, das bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat, verfolgt zumeist mehr als bloße Unterhaltung. Es ist eine Art literarische Grabung, man möchte einen Blick auf die Wurzeln des Genres werfen, dessen zeitgenössische Vertreter in irgendeiner Form darauf aufbauen.

Der Typus des Anti-Helden ist durch Mairs Es gibt keine Wiederkehr in die Thriller-Literatur eingeführt worden; Compart erläutert, durch welche glücklichen Umstände verhindert wurde, dass dieses Stück Spannungsliteratur gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Der Autor hat nur ein einziges Buch verfasst, bevor er bei einem Trainingsunfall der britischen Luftwaffe 1942 starb. Mair soll einen zweiten Thriller im Dunstkreis der britischen Luftwaffe geplant haben, was für ein Drama, dass er nie dazu kam, diesen zu schreiben!

Wie es im Literaturbetrieb immer wieder geschieht, lässt sich Erfolg nicht immer planen. So gab es durchaus positive Besprechungen, darunter von George Orwell, dem die Sonderstellung von Mairs Thriller nicht verborgen blieb, doch blieb der große kommerzielle Erfolg aus, das Werk geriet sogar in Vergessenheit. Nun liegt es in deutscher Übersetzung und einer schön gestalteten Ausgabe vor, eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Ebenfalls in der Reihe erschienen & besprochen:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Elsinor Verlag 2021
Broschiert 264 Seiten
ISBN: 978-3-942788-56-4

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