China und seine Abgründe werden im Westen gern übersehen oder ignoriert; schlimmstenfalls wird das Land mit der größten Kriegsflotte der Welt als Teil des »Globalen Südens« missverstanden. Mit diesem Buch bekommt der Leser einen differenzierten Einblick in das Leben in Xi Jinpings China. Coverrechte Droemer-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Blockwarte, Spitzel und Denunzianten sind keine Spezialität des Nationalsozialistischen Deutschlands oder des kommunistischen Unrechtsstaats DDR. Auch im China des 21. Jahrhunderts treiben sie ihr Unwesen. Hand in Hand mit jenen, die in vorauseilendem Gehorsam dem diktatorischen Regime des Ji Jinping entgegenarbeiten. Es sind diese Beispiele individueller, menschlicher Niedertracht und Schwäche, die bei der Lektüre von Lea Sahays Buch Das Ende des chinesischen Traums am meisten erschüttern. Der Mensch ist und bleibt des Menschen Wolf.
Natürlich wäre es ungerecht, den Stab über alle Chinesen in dieser Weise zu brechen. Auch darf die seit Jahren ununterbrochen dröhnende Propaganda-Maschinerie, die konsequente Geschichtsfälschung und Zensur aller abweichenden Meinungen sowie die dramatisch zu nennende Überwachung nicht unerwähnt bleiben. Das prägt viele Menschen und ihre Handlungen. Deprimierend ist, dass diese Dinge wiederkehren, in anderem Gewand und mit anderen, moderneren Methoden, aber im Kern gleich. Die Heldengeschichten vom Widerstand in Abgrenzung zu den Kollaborateuren gehen am Wesentlichen vorbei – der Macht der Angst und der Anpassung. Weltweit.
Insofern habe ich mich oft gefragt, ob das, was die Journalistin und langjährige China-Kennerin Sahay schildert, nicht auch einen Ausblick auf die vor uns liegenden Jahre gibt. Für manchen könnte das ein böses Erwachen geben. Der Podcaster und Buchautor Ole Nyman etwa meinte gegenüber der SZ, er würde lieber in Unfreiheit leben, als für die Freiheit zu sterben. Was smart klingt, geht an der Wirklichkeit vorbei. In Unfreiheit entscheiden andere darüber, ob man lebt oder stirbt, nicht man selbst. Das ist das Wesen von Unfreiheit.
Wer das nicht glaubt, wird schon auf den ersten beiden Seiten von Das Ende des chinesischen Traums eines Schlechteren belehrt. Der schwerkranke Sohn der Autorin durfte in einem chinesischen Krankenhaus nicht behandelt werden, trotz der lebensbedrohenden Erkankung. Die Vorgaben der Partei und der lokalen Behörden, nicht etwa das Ermessen der behandelnden Ärzte, waren unantastbar und die sahen einen Corona-Test vor. Das „Gesundheitssystem“ Chinas ist ohnehin ein rabenschwarzer Abgrund, während viel Geld in „Sicherheit“, also Überwachung und Militär gesteckt wird. Von diesen Beispielen gibt es viele in dem Buch von Lea Sahay, auf ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen.
Anders als in Russland, wo Putin die Opposition gern im Gefängnis zur Schau stellt, werden Menschen wie Peng Lifa vom chinesischen Rechtsstaat verschluckt und nie wieder ausgespuckt.
Lea Sahay: Das Ende des chinesischen Traums
Einiges davon ist bekannt, anderes schockiert regelrecht. Jin Jinping will militärische Gewalt anwenden, um Taiwan zu annektieren. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg, China zur Weltmacht zu machen, wenn möglich, vor den USA. Wie sehr es der chinesischen Führung gelungen ist, die Bevölkerung für dieses Ziel propagandistisch zu gewinnen, wird am Beispiel von Nancy Pelosis Besuch Taiwans deutlich: Vor der Reise der demokratischen US-Politikerin rasselten die Säbel und wummerten die Kriegstrommeln in China; als dann doch kein Angriff erfolgte, herrschte Katerstimmung in der Bevölkerung, harsche Kritik wurde im Internet offen geäußert. Wenn Zauberlehrlinge Geister wecken …
Das Ende des chinesischen Traums sollte auch ein Schlussstrich unter die Traumtänzereien in deutschen Parteien, Organisationen und Unternehmen sein, sonst wird das Erwachen umso härter. Dabei sollte ganz oben auf der Agenda stehen, dass „die Chinesen“ genausowenig ein monolithischer Block sind wie alle anderen „Völker“. Sahay erzählt, dass im chinesischen Alltag auch über die Regeln hinweggesehen wird, wenn einige Meter hinter einem „Betreten verboten“-Schild ein Tickethäuschen für den Besuch der Chinesischen Mauer steht. Stereotypen á la „die Chinesen kennen oder können es nicht anders“, wenn es um ein diktatorisches Regime geht, werden auf diese Weise entlarvt.
Lea Sahay: Das Ende des chinesischen Traums Leben Xi Jinpings Neuem China Droemer 2024 Gebunden 288 Seiten ISBN: 978-3-426-44996-7
Zwei Sachbücher mit zwei sehr unterschiedlichen Themen. Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.
China greift nach der Weltmacht. Ein Satz, wie man ihn in dieser Deutlichkeit nicht allzu oft hört. Ob ihn die Autorin Lea Sahay in ihrem Buch Das Ende des chinesischen Traums verwendet, weiß ich noch nicht, denn mit meiner Lektüre stehe ich noch ganz am Anfang. Aber Titel und Untertitel geben die Marschroute der Darstellung vor und die ist kritisch. Glücklicherweise, denn bedauerlicherweise wird hierzulande auch gern geträumt, man gewinnt gelegentlich den Eindruck, China wird mit putzigen Panda-Bären gleichgesetzt.
Dabei wächst dort im Osten ein Raubtier heran, das sich anschickt, die Welt zu beherrschen. Ulrich Speck vertritt diese Meinung in seinem Buch Der Wille zur Weltmacht, auch Marcus Keupp findet in Spurwechsel klare Worte über die Bestrebungen Chinas. Dazu reicht eigentlich ein Blick auf das militärisch aggressive Gebaren des Landes, sein harscher Umgang mit westlichen Unternehmen und die offene Unterstützung des Vernichtungskrieges Russlands gegen die Ukraine.
Trotzdem wird hierzulande China ernsthaft als Vermittler ins Spiel gebracht, was eher Ausdruck verzweifelter Ohnmachtsgefühle gegenüber andauerndem Krieg und Donald Trump denn außenpolitischer Realismus zu sein scheint. Wie gefährlich das Leben in Ji Xinpings neuem China sein kann, liest man bei Sahay bereits ganz am Anfang. In einer Diktatur entscheidet das Regime über Leben und Tod, die Beherrschten müssen es dulden.
Bei meinem zweiten Sachbuch hat schon der Titel mein Interesse geweckt: Geogeschichte. Wie schon sein Atlas Die Geschichte der Welt* widmet sich der Autor Christian Grataloup den ganz großen Entwicklungslinien, diesmal allerdings weniger auf die politische Geschichte bezogen, als auf die Einflüsse von Geographie auf die Geschichte des Menschen und umgekehrt.
Das klingt immens spannend, zumal der Leser zu Beginn weit in die Geschichte zurückgeht, nämlich zu den Ursprüngen der Menschheit. Es sind – wie Michael Maar völlig zurecht festgestellt hat – die Details, die haften bleiben. Der Meeresspiegel lag während der letzten Eiszeit einhundertzwanzig Meter unter dem heutigen Niveau, entsprechend gab es Landbrücken, die heute überflutet sind.
Das war eine Voraussetzung für die Expansion menschlichen Lebens, das seinen Ursprung in Afrika hatte und von dort buchstäblich in alle Welt ausschwärmte. Auch hier gibt es Karten, allerdings nur recht wenige, die erläuternd zu dem umfangreichen Fließtext sind.
*Ich bedanke mich beim Verlag C.H. Beck für das Rezensionsexemplar
Die Novelle von Friedrich Christian Delius ist eine literarische Wutrede, ausgelöst durch eine überraschende Begegung des fiktiven Erzählers mit dem Papst in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Wunderbar als Reiselektüre geeignet, wenn man nicht bloß sehnsuchtsschwelgend durch Rom laufen möchte. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.
Die Pferde bleiben in Erinnerung. Zugegeben, in meinem Fall waren es nebulöse Erinnerungen, obwohl ich Die linke Hand des Papstes schon zweimal gelesen habe. Einmal war das Buch mein Reisebegleiter in Rom, auch das ist schon einige Jahre her, die Erinnerungen an die Lektüre, die sich mit dem Erlebten verwob, ist verschwommen, aber präsent. Doch die Pferde sind mir als Motiv unvergessen geblieben. Pferde als Symbol abgründiger Korruption, in der Schreibgegenwart des Autors und der Vergangenheit der Spätantike.
Es ist ein weiter Bogen von Augustinus zu Gaddafi, von Honorius zu Berlusconi, den Friedrich Christian Delius seinen Lesern zumutet. Und es sind keineswegs die einzigen Zumutungen, insbesondere schwärmerischen Rom- und Italienverehrern rückt die Novelle mit Blicken hinter die Kulissen auf den sehnsuchtsvollen Touristenleib. Einen frühpensionierten Archäologen, der sich halblegal als Stadtführer verdingt, hat Delius zum Erzähler erkoren.
Der Deutsche ist mit einer Italienerin namens Flavia verheiratet, die transalpine Ehe verhilft dem Erzählten zu Glaubwürdigkeit. Der Name weist in die Antike zurück, zwei Kaisergeschlechter zählen zu den Flaviern, es ist also eine profunde Personifizierung der Historie. Delius verzahnt Erzählgegenwart und Vergangenheit auf allen Ebenen. Flavias zugespitzte Kommentare über die eigenen Landsleute kann sich ein Deutscher nicht leisten, nicht nach Meinung des Erzählers, der seinen Landsleuten die Untaten der Nazi-Schergen unter die Nase reibt. Als Italien 1943 die Nibelungentreue zum Reich aufgab und nicht bis »fünf nach Zwölf« kämpfen und untergehen wollte, brach über die Italiener das Morden herein.
Alarich und Adolf und Kappler und Kesselring, den Florenz-Zerstörer und Partisanenschlächter, die schaffen wir nicht so leicht aus der Welt.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Das ist kein gutes Thema für Touristen, weiß der Touristenführer, also hält er sich zurück; er überlegt, wie er in seine Führungen derlei einfließen lassen könnte, ohne seine Kundschaft zu verschrecken. Es ist nicht das einzige, wenngleich das bedrückendste Thema für deutsche Leser. Fast alle anderen Wut erzeugenden Aspekte sind hausgemacht italienisch oder katholisch-kirchlicher Natur mit langen Wurzeln in die Geschichte. Den prächtigen Fassaden Roms sieht man es nicht an.
Eine Schnittmenge zu den Nazi-Untaten gibt es, Benito Mussolini und seine Faschisten, die in ihren fürchterlichen Kriegen hunderttausende von Toten zu verantworten haben. Die Schlächtereien in Abessinien, in Albanien, der Angriffskrieg gegen Griechenland und die nachfolgende Besatzungsherrschaft. Das alles ruht halb vergessen im Schatten der monströsen deutschen Massenmorde, von Holocaust und Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg.
Die Kirche hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, nicht in Person von Papst Pius XII. und auch sonst nicht. Delius lässt seinen Erzähler von einem Onkel in Wehrmachtsuniform berichten, der diesem Papst die Hand im Jahr 1942 gedrückt habe. Eine zufällige Audienz, bei dem der Protestant in Uniform die Aufmerksamkeit des Papstes erregt, es kommt zu einem Gespräch, in dem der Stellvertreter Christi dem Deutschen zu seinem Führer gratuliert.
Wie käme ein Papst zu einem Glückwunsch dieser Art? 1942 waren Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungert, Millionen Juden erschossen und die Gaskammern in den industriell arbeitenden Vernichtungslagern Realität. Wieso wirkt diese Geschichte nicht, dass man abwinken möchte? In den weiten Gedankenkreisen des Erzählers kommen Katholische Kirche und deren Oberhaupt nicht gut weg, Kreuzzüge gegen »Ketzer« aller Art, Verfolgung von Juden, »Hexen und Zigeunern«, die Scheiterhaufen. Eine »Terrorinstitution«, meint der Erzähler.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Auch kein gutes Thema für »Touristen, Anti-Touristen« und »aufgeklärte Bildungstouristen« in der »Ewigen Stadt«; die wollen »die Märchen«. Das Thema ist aber gut geeignet für eine Novelle, die in ihrer Sprache und Gedankenführung als assoziative Wutrede daherkommt. Rant würde man heute vielleicht sagen, ausgeführt mit leichter Hand, sarkastisch, wortgewandt und bildstark. Den allgegenwärtigen Lärm der Stadt verspottet Delius als »große römische Jupitersinfonie«, die »kleine« werde sonntags gegeben, wenn es ruhiger sei. Vom grunzenden Pöbeln der so genannten »Wutbürger« ist Delius’ Buch noch weiter entfernt, als die Antike von der Gegenwart.
Den Anlass für diese Wutrede bietet eine ungewöhnliche Begegnung des Erzählers mit dem Papst. Genauer: dem deutschen Papst Benedikt XVI. in der protestantischen Christuskirche zu Rom. Tatsächlich ist ein solcher Besuch für den 14. März 2010 verbürgt, Delius ersinnt für seine Novelle eine fiktive Begegnung seines Erzählers mit dem Papst rund ein Jahr später. Ist das die unerhörte Neuigkeit, die prägend für eine Novelle ist? Das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer protestantischen mitten in Rom? Nein, für den Novellen-Falken hat sich Delius eine im Wortsinne »unerhörte« Begebenheit ausgedacht, die hier nicht verraten wird.
Unerhört hätte aber etwas anderes sein können, das sich der Erzähler wünscht: eine Backpfeife des Papstes für Silvio Berlusconi. Ob sie, die Hände des Papstes, noch zu einer Ohrpfeife fähig wären, fragt sich der Erzähler. Für den Wunsch nach dieser wahrhaft unerhörte Begebenheit liefert die Erzählgegenwart einen passenden Anlass: Der Italien »regierende Diktatorenfreund« wurde vom »Öldiktator« aus Libyen, ehemals italienische Kolonie, besucht. Gaddafi brachte ein Zelt und Pferde mit, jene Pferde, von denen eingangs die Rede war.
[…] und zum ersten und einzigen Mal etwas Mitleid hatte mit dem alten Mann, dem vor lauter Macht die Hände gebunden waren.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Was für ein Satz. Allein die Idee, dass einem Mächtigen wegen seiner Macht die Hände gebunden sein könnten, ist brillant. Doch ist es das Mitleid, das die Wucht der Worte entfaltet. Delius lässt seinen Erzähler recht früh in dem schmalen Buch dieses Mitleid empfinden, ich hätte es auch an den Anfang meiner Besprechung stellen können. Doch hier, nach dem über den deutschen Papst und seine Institution Gesagten, wird erst deutlich, welche Ausnahmestellung das Mitleid einnimmt, warum der Erzähler es nur ein einziges Mal empfinden kann.
Eine groteske Inszenierung, ein die katholische Kirche und ihr Oberhaupt verhöhnender Mummenschanz mitten in Rom. Gaddafi gibt eine Islamstunde. Die Belehrten sind einige hundert junge Models, bezahlt, um dem Salbadern zu lauschen. Europa solle sich zum Islam bekehren lassen, meint der Öldiktator. Man stelle sich Angela Merkel vor, die in Mekka derlei mit umgekehrten Vorzeichen sagt.
In Rom aber wird Gaddafi nicht gesteinigt oder auf andere Weise massakriert, es wird lächelnd abgewiegelt. Der bekennende »Kirchenfreund« und »Fernsehkönig«, Vorsteher einer »mafiafreundlichen Partei«, Putinanhänger und »Gotteslästerer« lässt es geschehen. Wäre das nicht wenigstens eine Ohrfeige, ausgeführt mit päpstlicher Hand wert? Wann immer es um Berlusconi geht, bricht die gezügelte Sprache des Erzählers auf, der auch vor dem handgreiflichen Wort »Hurensohn« nicht zurückschreckt.
Achtzig prächtige Zuchthengste, und wir schuldbeladen, Sündenklumpen bis in alle Ewigkeit.
Friedrich Christian Delius: Die linke Hand des Papstes
Es geht um Geld, um Öl, um lukrative Geschäfte mit Gaddafi, um den fast schon naheliegenden Verdacht der Selbstbereicherung, die das Abwiegeln erklären. Korruption statt Werte, mit diesem Zusammenhang berührt Die linke Hand des Papstes die Achillesferse des demokratischen Westens. Berlusconi stellte eine Art Galionsfigur dar, deren verheerendes Wirken in die düstere Gegenwart unserer Tage reicht. Auch wenn die erzählte Zeit in der Novelle noch harmlos wirkt angesichts der alltäglichen Monstrosität des Alltags vierzehn Jahre später, zeigt sie doch die Grundlagen des Verhängnisses.
Doch reicht die Korruption weit zurück in die Vergangenheit. Gaddafis Pferde sind nicht die ersten, die von Libyen nach Italien kamen, um dort etwas zu bewirken. Kein Geringerer als der Heilige Augustinus, so weiß der Erzähler, habe mit einer Bestechung in Gestalt von achtzig Zuchthengsten an den weströmischen Kaiser dafür gesorgt, dass sein Gegenspieler Pelagius aus dem Feld geschlagen wurde. Mit Augustinus’ Sieg hätte die Erbsünde Einzug gehalten in das christliche Dogma.
Was für eine wundervolle Parallelität! Der »anständige Ketzer«, wie sich der Erzähler selbst sieht, der »weder mit der Blindheit der Knieenden noch mit dem Hochmut der Kirchenhasser« geschlagen sei, lässt es krachen. Augustinus’ Gott wolle Unterwerfung, nicht Seligkeit aller Menschen; Frauen gälten als minderwertig – dank eines gelungenen Bestechungsmanövers. Gern würde der Erzähler den neben ihm sitzenden Papst, den Fachmann in dieser Sache befragen, doch dazu kommt es nicht.
Auf diese Weise wird die Bahn bereitet für das unerhörte Ereignis, ein Schelmenstreich des Autors, der dem Papst eine spektakuläre, ungeheuerliche Rede andichtet, die wahrhaftig für Furore gesorgt hätte. Doch hatte die Wirklichkeit auch für den Autor eine handfeste Ungeheuerlichkeit parat. Drei Tage nach dem Versenden des Manuskriptes gab ebenjener Papst seinen Rücktritt bekannt, dem Delius’ Erzähler bei seinem Treffen in der Kirche Anzeichen einer gewissen Schwäche attestierte.
Der Titel ist sehr passend und stellt die erstaunliche Diagnose, dass man die flächenmäßig größte Nation Europas »übersehen« kann. Der Mensch ist zu wahrhaftigen Glanztaten fähig.
Am Anfang meiner Beschäftigung mit der Ukraine stand der Action-FilmMission Impossible. Wenn ich mich richtig erinnere, ist an einer Stelle von „Ukrainisch“ die Rede. Ich war damals verdutzt. Ukrainisch? Ist das eine eigene Sprache? Ich dachte, das wäre so etwas wie Bayerisch oder Nordhessisch, eine Mundart. Auch in der Romanreihe von Martin Cruz-Smith um den russischen Polizisten Arkadi Renko ist im fünften Teil von den angeblich geringen Unterschieden zwischen Russisch und Ukrainisch die Rede.
Mittlerweile habe ich mich eines Besseren belehren lassen. Das russische Imperium führte einen regelrechten Sprachkrieg gegen das Ukrainische, die Auslöschung der Ukraine stand und steht ganz oben auf der Agenda. Gen Westen wird Propaganda betrieben, der auch ich erlegen bin. Bücher wie Alles ist teurer als ukrainisches Lebensind ein wunderbares Gegengift. Doch wandelte sich mein Blick auf die Ukraine früher.
Anfang der 2000er Jahre habe ich in einem Atlas oder einer Ausgabe der Le Monde diplomatique eine Karte der Ukraine lange betrachtet, die mir erstmals ein präziseres Bild von dem Land verschaffte. Es ging um Geostrategie, Rohstoffe und Infrastruktur, aus der Karte ging hervor, wie reich die Ukraine eigentlich ist oder sein könnte. Über die problematischen gesellschaftlichen Zustände, aber auch die erste große Welle des Wandels in Gestalt einer »Farben«-Revolution konnte ich in meiner Tageszeitung einiges erfahren.
Trotzdem gingen auch die journalistischen Artikel über die Ukraine immer noch an den Realitäten vorbei. Die Süddeutsche Zeitung, die ich bis 2014 abonniert hatte, war weder in Bezug auf die Ukraine noch auf Putin und seine Machenschaften auf der Höhe der Zeit; sie ist es bis heute nicht. Sie hat keine angemessene Sprache gefunden, die für die Beschreibung der Wirklichkeit geeignet ist. Putin einen „Präsidenten“ zu nennen, weil er sich selbst so bezeichnet, ist eine Unwahrheit, notdürftig kaschiert mit einer angeblichen Neutralität des Beobachters. Trump und Steinmeier werden auch als „Präsident“ bezeichnet, so wahllos verwendet verliert jedes Wort seinen Sinn.
Die angeblich so neutrale Sichtweise hat es sich bequem gemacht in den Floskeln und Formeln russischer Lügen, etwa über die innere Teilung des Landes in einen prowestlichen und prorussischen Teil, deckungsgleich mit der angeblichen Trennung durch „Sprache“; oder dem angeblich »bürgerkriegsähnlichen Konflikt«, mit dem man schlicht die russische Tarnformulierung der aggressiven Intervention übernommen hat. Wer nun auf Trump zeigt, sitzt im Glashaus.
So stellte 2014 einen Bruch dar, auch in meiner Wahrnehmung. Längst hatte mich die Behandlung des Landes durch die deutsche Politik im Merkel-Zeitalter aufgebracht, die Verweigerung der Nato-Mitgliedschaft und der Bau von Nord-Stream 1. Bis heute bin ich fassungslos über Nordstream 2; die Entscheidung für die russische Pipeline trotz des verdeckten Krieges gegen die Ukraine und den Westen war die schwärzeste Stunde der flügellahmen Merkel-Jahre.
Der Titel des Buches Die übersehene Nation von Martin Schulze-Wessel ist sehr gut gewählt. Das bewusste oder unbewusste „Übersehen“ passt perfekt auf die deutsche Ostpolitik, angesichts der Größe der Ukraine zeigt es auch die gewollte Blindheit, an der sich bis zum heutigen Tag zahlreiche deutsche Politiker wie besessen festklammern. Umso besser, dass es Bücher gibt, die sich der Ukraine und ihren Beziehungen zu Deutschland und umgekehrt in den Fokus nehmen.
Zahlen sind eine hervorragende Grundlage für die Analyse. Ich bevorzuge die Herangehensweise von Ökonomen gegenüber moralisch argumentierenden Autoren. Man muss es aushalten, denn schön ist es nicht, was der »Spurwechsel« mit sich bringt, doch haben Illusionen und Wegsehen das Dilemma erst heraufbeschworden. Cover Quadriga-Verlag, Bild mit Canva erstellt.
Vielleicht hat die Ukraine der westlichen Welt den moralischen Kompass zurückgegeben, ihr gezeigt, dass selbst blutig erkämpfte Selbstbestimmung besser ist als Sklaverei oder Flucht.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Immer wieder muss man darauf hinweisen, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erst im Februar 2022 begonnen hat. Der offensichtliche Bruchpunkt ist die militärische Besetzung und Annektion der Krim 2014 gewesen, auch wenn Russland schon vorher aktiv in der ukrainischen Politik mitgewirkt hat, um die Entwicklung des Landes in seinem Sinne zu beeinflussen. Folgte man der Analyse in Marcus M. Keupps Spurwechsel, dann steht das alles in einem viel weiter in die Vergangenheit reichenden Sinnzusammenhang und greift weit über die Ukraine hinaus. Russlands Fundament ist imperial, das bestimmte seine Handlungsweisen in der Vergangenheit und bestimmt sie in Gegenwart und Zukunft.
In diesem Sinne spielt es keine Rolle, welches gesellschaftlich-politische Hülle Russland gerade vorzeigt. Die Sowjetunion war genauso imperial wie es das Zarenreich vor ihm gewesen war und Russland heute ist. Diese Feststellung ist dramatisch, wenn man die Folgen bedenkt: Verschwindet Putin, ändert sich nichts. Der Krieg geht weiter, denn es ist nicht nur Putins Krieg. Keupp weist darauf hin, dass auch ein Sieg der Ukraine den Krieg nicht beenden wird. Russland wird sich andere, leichtere Ziele suchen, wie etwa Georgien, Moldawien oder die Staaten in Zentralasien. Vielleicht aber auch das Baltikum, sollte man im Kreml zu der Ansicht gelangen, das Risiko wäre vertretbar.
Entscheidend ist, dass Russland durch den Krieg nach innen stabiler ist, denn je. Die Wirtschaft steht zwar vor einem dramatischen Einbruch, wie Keupp deutlich macht, der en passant gleich mit einer Reihe von in westlichen Medien gepflegten ökonomischen Mythen aufräumt. So sind Kennzahlen, die normalerweise über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung informieren, im Falle Russlands wertlos. Abgesehen von der Frage, auf welcher Basis diese Zahlen beruhen, ist eine Kriegssituation eine dramatische Veränderung, die vertraute Indikatoren wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder das BIP entwerten. Die prekäre wirtschaftliche Lage lässt sich so nach außen propagandistisch bemänteln.
In einer Kriegssituation verliert das nominale BIP jede Aussagekraft.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Die Passagen, in denen Keupp die russländische Wirtschaftsentwicklung analysiert und ihre Folgen skizziert, gehören zu den ernüchternden Abschnitten. Mittel- und langfristig hat der mafiöse Petro-Staat nichts zu bieten, von den dramatischen technologischen Umwälzungen wie Künstlicher Intelligenz ist das Land abgehängt. Auf den Kriegsverlauf und die Systemstabilität des Landes hat das aber kurzfristig keine Auswirkungen, im Gegenteil. Putins Regime verfolgt die Fokussierung auf wirtschaftliche Autonomie (vom Westen) und Downsizing auf technologischer Ebene sowie beim Konsum, abgefedert durch Subventionen und ideologisch aufgeladene Propaganda. Wer dennoch aufmuckt, verschwindet im Lager oder stirbt; das über Jahrzehnte aufgebaute Repressionssystem funktioniert prächtig.
Der Krieg hält die Eliten zunächst einmal an der Macht, also könnte er weitergehen, bis alle Ressourcen ausgeschöpft wurden und der Staat in die Knie geht. Die Aussicht auf einen langwierigen Krieg ist selbstverständlich niederschmetternd in einer Welt, in der ohne ein aggressiv nach außen greifendes Russland genug Probleme zu lösen wären. Gleichzeitig entwertet der Zusammenhang von Machterhalt und Krieg jegliches Friedensgesäusel hierzulande, bei dem allein der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bis zum Zusammenbruch wird allein in Moskau über die Fortsetzung des Krieges entschieden. Was in Deutschland gewünscht wird, interessiert nur insoweit, wie es für die eigene Politik instrumentalisiert werden kann. Der intellektuelle Spurwechsel steht in dieser Hinsicht hierzulande vielfach noch aus.
Die Ukraine hat den Europäern schmerzhaft die eigenen Lebenslügen aufgezeigt, ihnen vorgeführt, wie Appeasement letztlich immer endet.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel
Überhaupt schrumpft Deutschland mit seinen Befindlichkeiten auf Zwergenniveau, wenn Keupp seinen Streifzug durch Mittelasien unternimmt und den breiten Gürtel von Russland kolonisierter Gebiete behandelt. Deren Werdegang, die wirtschaftlichen Grundlagen und aktuelle geopolitische Optionen werden skizziert. Der Wandel wurde durch den Vernichtungskrieg Russlands dramatisch beschleunigt – Deutschland und Europa spielen dort – anders als bei der Ukraine, Moldawien, Georgien – nur eine kleine oder gar keine Rolle. Das Desaster in Afghanistan hat die Marginalisierung zweifellos beflügelt. So ist auch die Unterüberschrift des Buches zu verstehen: Eine neue Weltordnung bildet sich gerade im vollen Galopp heraus.
Gewinnbringend ist nicht nur der ökonomisch geprägte Analyse- und Erkläransatz von Spurwechsel, sondern auch die globale Ausrichtung. So werden auch die oft übergangenen Öl-Staaten am Golf unter die Lupe genommen, die trotz oder wegen ihres Reichtums in einer durchaus problematischen Lage sind. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat auch hier bereits im Gange befindliche Entwicklungen beschleunigt, grundlegende strategische und taktische Entscheidungen rücken näher. Wie überraschend und tiefgreifend diese sein können, haben die Ereignisse in Syrien gezeigt; wie wenig vorhersehbar die Folgen sind, allerdings auch.
Marcus Keupps Spurwechsel wirft ein Schlaglicht auf zentrale geopolitische Regionen der Gegenwart und Zukunft, ohne sich bei dem Versuch zu verheben, Entwicklungen prognostizieren zu wollen. Die Zukunft ist immer offen. Das macht das Buch auf vielschichtige Weise deutlich.
Marcus M. Keupp: Spurwechsel Die neue Weltordnung nach Russlands Krieg Quadriga Verlag 2025 Gebunden, 306 Seiten ISBN: 978-3-86995-153-9
Der Buchtitel trifft mein Leseinteresse perfekt. Ich möchte vor allem einen Eindruck davon gewinnen, was ich nicht weiß und vermutlich nie verstehen werde. Trotzdem ist die Quantenphysik da, schwer fassbar wie die Elektronen in ihrem Nebel.
Piratenbrüder
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Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.