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Schlagwort: Kolonialismus (Seite 1 von 4)

Mircea Cărtărescu: Theodoros

Buchcover von 'Theo Doros' von Mircea Cartărescu mit einer Illustration einer düsteren, felsenreichen Landschaft und einem Zitat: 'Dann würde es eher kein Buch geben, denn für die glücklichen Schicksale genügte ein Blatt.’
Das Bild zeigt die Belagerung der Festung von Magdala in Äthiopien, den die Briten gegen den »Kaiser« Theodoros führten. Der Roman schildert auf sehr eigenwillige, in mehrfacher Hinsicht fantastische Weise dessen Lebenweg, von der Walachei und Bukarest über die griechischen Inseln bis nach Äthiopien und in den Abgrund eines blutsaufenden Tyrannen. Große Literatur, schwer, abenteuerlich und fabelhaft. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Es gibt Bücher, die schlage ich nach der Lektüre zu und denke: »Was war das denn?« Überwältigt, irritiert und auf eine seltsame Weise zufrieden. Es sind Werke, die inhaltlich und sprachlich fern vom pürierten Allerlei für ein zahnloses Lesepublikum sind. Ulysses von James Joyce wäre ein Beispiel, Dein Gesicht morgen von Javier Marias ein anderes, aus der Riege der Klassiker beispielsweise Goethes Faust II (nicht I).  Das Lesen unterscheidet sich grundsätzlich von dem anderer Bücher, denn hier bin ich vor allem staunender Zaungast.

Theodoros von Mircea Cărtărescu gehört in diese Kategorie. Als ich den Roman aufschlug, wurde ich sogleich überrollt. Die Erzählhaltung ist ungewöhnlich, in der zweiten Person Singular, gelegentlich auch Plural. Gleiches gilt für den Tonfall, der eingangs einer Strafpredigt gleicht. Kein Wunder, denn es sind himmlische Kreaturen, Erz-Engel, die über das Leben der Hauptfigur Zeugnis ablegen und in bester biblischer Manier donnerhallend urteilen. Für einen Roman mit im weiteren Sinne historischen Inhalt eine originelle »Erzählerfigur«.  

Das Leben der Hauptfigur ist wild bewegt. Motive aus der so genannten Heiligen Schrift, ob real, erfunden oder entlehnt, begegnen dem Leser oft, während er den verschlungenen Pfaden jenes Theodoros folgt, der aus der tiefsten Provinz der Walachei auf den Kaiserthron Äthiopiens gelangt und nach Jahren als tyrannischer Blutsäufer aus dem Leben scheidet. Als wäre das nicht haarsträubend genug, nimmt der Lebensweg ungewöhnliche Zwischenstationen, etwa Piraterie in der griechischen Inselwelt.

Was hier so harmlos klingt, ist bisweilen brutal. Gelegentlich fallen Cărtărescus Schilderungen düsterer menschlicher Abgründe drastisch aus, ohne dass der Roman ins Voyeuristische abgleitet. Dabei gelingen dem Autor wundervolle Bilder, besonders atmosphärisch ist etwa der schauerlich-schöne Einzug nach Bukarest. Doch sind es die verharmlosenden Briefe, die Theodoros an sein Mütterchen schreibt, die wie ein weichzeichnender Zerr-Spiegel seine Untaten zeigen, ein toller Erzähl-Kniff.

Manchmal, wenn dich die Melancholie erfasst hatte, dachtest auch du daran, dich gründlicher in dem Leben niederzulassen, das gelebt wird, und nicht in dem, das man sich erträumt […]

Mircea Cărtărescu: Theodoros

Der Autor erzählt seine Geschichte mit vielen Zeitsprüngen und Ortswechseln, auf eine unbekümmerte Weise ausschweifend und wortgewaltig. Einer der eingeflochtenen Handlungsstränge führt den Leser beispielsweise zu der Königin von Saba und König Salomon, was erst spät einen Bezug zur Haupthandlung erhält. In gewisser Hinsicht ist das gegenüber der Leserschaft unbarmherzig und konfrontativ, es läuft literarischen Entwicklungen der Buchbranche entgegen und ist allein deswegen ein großer Gewinn.

Wenig verwunderlich nimmt Theodoros ein schreckliches Ende. Im Angesicht einer vernichtenden Niederlage seiner Streitkräfte gegen die Briten wählt er den Freitod. Da dieses recht früh im Roman geschildert wird, geht es dem Autor um die Enthüllung des verschlungenen Weges dahin. Der ist übrigens neben den himmlischen Erzählern gesäumt von phantastischen und übersinnlichen Gestalten und Begebenheiten. Historisch verbürgten Personen wie der englischen Königin Victoria stehen irreale Erscheinungen zur Seite.

Wenn ein ganzer Heerzug plötzlich über dem Boden schwebt, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, bricht die erzählte Realität – aber in so sanfter Dosierung und ausgesprochen geschickt motiviert, dass es im Rahmen bleibt. Zur Einordnung dieser Erzählweise wird gelegentlich der berühmte »magische Realismus« südamerikanischer Autoren bemüht. Ich frage mich allerdings, ob das wirklich passt und nicht zu kurz greift. Theodoros erscheint mir etwas ganz Eigenes, in einem eigenen, osteuropäischen Rahmen und der dazugehörigen Weltsicht.

Mircea Cărtărescu: Theodoros
Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay 2025
Gebunden 672 Seiten
ISBN 978-3-552-07509-2

Die letzten Meter

Jedem meiner Bücher habe ich zwei Zitate vorangestellt, die selbstverständlich mit dem Inhalt verbunden sind. Diese Worte George Orwells passen besonders gut.

Der Probedruck ist jener Moment, in dem aus einem Manuskript ein Buch wird. Opfergang, das siebte in der Reihe meiner Piratenbrüder, ist besonders. Es ist der Letzte Roman der Buchserie, ich bin sehr erleichtert, dass es endlich geschafft ist und nehme gern Abschied. Die Serie hätte sich totgelaufen, ich mag daher auch keine Endlosserien, die sich anfühlen wie Bilbo es über sein eigenes, langes Leben sagt: zu wenig Butter auf zu viel Brot.

Noch ist die Ziellinie nicht erreicht. Als letzten Schritt vor der Veröffentlichung lese ich das ganze Buch noch einmal laut vor und eliminiere die letzten Fehler. Durch das besondere Format fällt doch noch einiges auf, was korrigiert werden muss. Trotzdem ist absehbar, dass Opfergang viel früher erscheinen kann, als geplant. So habe ich den Termin der Vorbestellung auf den 12. März 2026 vorverlegt.

Spätestens dann wird der Roman erscheinen. Da ich kein Gewese um das Erscheinen mache, werde ich wie bei Verräter schon früher die Veröffentlichung vornehmen: Wenn Opfergang bereit ist, dann geht es los.

Alexander Preuße: Opfergang
Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-819481215
Kindle eBook 5,99 Euro
Kindle Unlimited

Neue Lektüre: Erzählungen und epischer Roman

Feinsinnige Erzählungen und ein ausladender Roman – meine aktuelle Lektüre. Die Rechte für die Cover liegen beim Verlag, die Bilder wurden mit Canva erstellt.

Meine aktuelle Lektüre könnte inhaltlich und formal kaum unterschiedlicher sein. Hier die feinen Erzählungen von Undine Gruenter, sämtlich im Hafenort Trouville in der Normandie angesiedelt ; dort ein überbordend-epischer Roman, erzählt in einer ungewöhnlichen Erzählhaltung und weit schweifenden Zeit-, Raum- und Themensprüngen von Mircea Cărtărescu.

Auf Undine Gruenter bin ich durch Michael Maars Die Schlange im Wolfspelz aufmerksam geworden, tatsächlich spürt man vom ersten Satz an die literarische Qualität, die stilistisch zurückgenommen, präzise und leicht daherkommt. Gruenter lässt ihre Figuren durch ihr Agieren und ihre Gedanken vor den Augen des Lesers erstehen, statt einfach zu beschreiben.

Ganz anders Cărtărescu, dessen Text wie eine Steinlawine über den Leser hereinbricht. Allein der Tonfall! Halb donnernde Bergpredigt, halb Barden-Gesang, in Zeit und Raum wild springende Handlung, durchmischt mit mystischen, sagenhaften Motiven. Gleichzeitig ist die Schilderung harsch, ohne den zeitüblichen Hang zur Weichzeichnerei.

Theodoros ist die erste Lektüre meines Lesevorhabens 12 für 2026.

»Verräter« – Piratenbrüder Band 6

Nach dem Erfolg des Aufstands auf Castelduro beginnen die Problem erst und stellen die Piratenbrüder und ihre Freunde vor gefährliche Herausforderungen.

Ausgerechnet Jason Buckler als Hoffnungsträger? Als die Piratenbrüder und Pete Larsen dem Gasthauswirt und selbsternannten »Verwalter« der Insel Castelduro zu Beginn des Romans Chatou Piratenbrüder Band 2 erstmals begegneten, hätte das keiner von ihnen für möglich gehalten. Eine aasige Kreatur, ruchlos, heimtückisch und anpassungsfähig – es ist wenig verwunderlich, dass es Buckler gelungen ist, sich Lord Cornelius Thaddaeus Warrington anzudienen. Er erweist sich als vorzüglich geeignet als Oberaufseher über die versklavten Afrikaner.

Warum sollte ausrechnet jemand wie Buckler den Jägern von John Black helfen?

Henry, Pete und die Piratenbrüder haben ohnehin noch ganz andere Sorgen. Der Aufstand der Sklaven auf Castelduro endete nur mit großer Mühe in einem Sieg, an dessen Ende es beinahe zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Aufständischen und ihren Helfern gekommen wäre. Diese Gefahr ist keineswegs gebannt.

Mehr noch: Warrington wird mit seinen verbliebenen Linienschiffen irgendwann nach Castelduro zurückkehren und sein Eigen zurückfordern. Kämpfen käme angesichts der Übermacht einem Selbstmord gleich. Folglich sollten Henry und seine Getreuen die Insel schnellstmöglich verlassen. Damit würden sie Akono und die Aufständischen im Stich lassen, ein Dilemma, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt.

Verrat kennt viele Gesichter.

Verräter – Piratenbrüder Band 6

Was wirklich geschieht, übertrifft alle Befürchtungen und Erwartungen in jeder Hinsicht. Der Erfolg auf Castelduro erweist sich politisch für Henrys Ziele als Pyrrhus-Sieg, die Spanier entpuppen sich als unzuverlässige Verbündete. In London ist das zersetzende Gift der Lüge längst am Werk, inmitten einer aufgeheizten Stimmung, in der immer lauter ein Krieg gefordert wird. Vor allem anderen aber sind John Black und seine Piraten nicht müßig, was auch Joshua und Jeremiah zu spüren bekommen.

VerräterPiratenbrüder Band 6 ist das dramatische Luftholen vor dem großen Finale der Buchserie. Joshua muss sich beweisen, mit und ohne Waffe, Stück für Stück enthüllt sich eine bedrohliche Verschwörung, während die Piratenbrüder in einer längst vergessenen Festung nach dem letzten Puzzlestück des Rätsels um den Standort von John Blacks Stützpunkt fahnden.

Eine Leseprobe gibt es hier: Verräter

Das Taschenbuch (424 Seiten) ist bei Autorenwelt, Buch 7, geniallokal, Amazon & anderen Online-Buchhändlern sowie im lokalen Buchhandel erhältlich.
eBook exklusiv bei Amazon (Kindle und Kindle unlimited).

Bisher erschienen (auf das Cover klicken)

Richard Powers: Das grosse Spiel

Den vielversprechenden Ansatz kann der Roman nicht erfüllen. Cover Penguin, Bild mit Canva erstellt.

Durchaus vielversprechend beginnt der Roman Das große Spiel von Richard Powers. Der Leser reist nach Makatea im Pazifik, einem der zahllosen kleinen Eilande im größten Ozean der Erde. Makatea gehört zu den von Frankreich kolonisierten Gebieten, auf der Insel wurde über Jahre hinweg Salpeter abgebaut, die Mine hinterließ Narben, wenig Wohlstand und eine große Stille.

Für die wenigen verbliebenen Menschen auf Makatea hat der Rohstoff-Abbau nichts gebracht, eine globale Konstante auf der Welt, in der Konzerne den Rahm abschöpfen, verschwinden und die Folgen den Bewohnern überlassen. Die Insel wirkt wie ein zerschundenes Idyll, das wieder in den Fokus finanzkräftiger Unternehmen gerät. Statt Rohstoff-Raubbau geht es um etwas anderes, sehr Modernes. Für die Einwohner stellt sich die Frage, ob sie den Versprechungen Glauben schenken wollen oder nicht.

Was wie ein politisch angehauchter Roman beginnt und ökologische sowie hochtechnologische Aspekte zu berühren scheint, entfernt sich über lange Zeit von der Insel und erzählt erinnernd die Geschichte einer Freundschaft. Rafi und Todd tragen schwer an den Verletzungen, die ihnen in ihrer Kindheit zugefügt wurden. Auf dem langen Weg durch die sozialen Klüfte und Bildungslabyrinthe der USA freunden sie sich an. Die Leidenschaft für Spiele, Schach, Go und andere führt sie zusammen.

Schon recht früh im Roman ist klar, dass beide unterschiedliche Wege im Leben gegangen sind. Todd ist steinreicher Tech-Unternehmer, er erzählt einem (zunächst unbekannten) Zuhörer von seinem dahinwelkendem Leben; Rafi findet der Leser auf Makatea wieder, dort ist er mit Ina liiert, jener Frau, die aus der Zweier-Freundschaft eine kompliziertere mit drei Ecken macht.

Durch alle Gänge schienen die Maschinen mich anzubrüllen: Tu etwas! Mach etwas Großartiges mit mir!

Richard Powers: Das große Spiel

Powers hat durch diese Erzählstruktur in seinem Roman formal und inhaltlich das Spielfeld gewechselt, von Dame zu Mühle etwa. Für Schach oder Go reicht das Erzählte nicht, es bleibt viel zu oberflächlich. Das spürt der Leser besonders bei den Kapiteln, die von Evelyne Beaulieu handeln. Bis zum Ende ist unklar, was sie eigentlich darstellen soll, Figur und Leben bleiben unscharf.

Der Erzähler behauptet zwar, sie sei Forscherin, geschildert werden aber Tauchgänge, die sich (und den Leser) in glanzvollen  Schilderungen erschöpfen. Man soll staunen, nicht lernen. In einem Abschnitt wird Evelyne von zwei Tauchern begleitet, die sie (!) für ein Magazin ablichten sollen, während ein Schiffsfriedhof mit den Hinterlassenschaften einer Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg besichtigt wird. Sie ist eine Art Tauch-Barbie im Unterwasserparadies.

In pathetischen Worten wird die Wunderwelt auf den zerstörten Schiffen und ihren Maschinen geschildert, Gehaltvolles erfährt man hier nicht und sonst nur enttäuschend wenig. Das gilt nicht nur für die „Forschungen“, auch die Unternehmungen, an denen sie teilnimmt, werden in derart überschwänglichen Worten weichgezeichnet, dass die Glaubwürdigkeit leidet. Die groteske Ehe, mit Kindern, die dem Zerrbild von Fernsehwerbung näher als dem Leben sind, verstärken das Bild: Evelyne ist eine in Unwirklichkeiten versponnene Kunstfigur, die seltsam leer und leblos bleibt.

Es gab Fakten zum selber Verdrehen.

Richard Powers: Das große Spiel

Das wirkt auf die bildstarke Sprache von Powers zurück, die angesichts fehlender Substanz in allen Erzählsträngen oft überzogen wirkt. Anfangs ist die sprachliche Gestaltungskraft des Autors beeindruckend, doch verhält es sich damit wie mit den Luftnummern einer Flugshow: Auch die schönsten Loopings, die atemberaubendsten Kunststücke ermatten auf die Dauer. Das gilt insbesondere für die Unterwasserszenen und jene wiederkehrenden Aufzählungen, die ermüden.

Das Finale fügt sich in das skizzierte Bild ein. Es verbietet sich, hier etwas über die sich abrupt wendende Handlung zu verraten. Alles in allem ist Das große Spiel ein enttäuschender Roman, der den vielversprechenden Ansätzen nicht gerecht wird. Obendrein wirkt der Schluss, insbesondere der Twist, konstruiert und aufgesetzt. Die »Gute-Nacht-Geschichte« ventiliert eine fragwürdige Weltsicht, bei der zu hoffen bleibt, dass sie als Märchen gelesen wird, denn weder Gott noch Super-KI werden die Menschheit retten. Das müssen wir schon selbst tun.

Richard Powers: Das große Spiel
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Penguin 2024
Hardcover 512 Seiten
ISBN: 978-3-32860371-9

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