Adolf Eichmann in Jerusalem vor Gericht. Das Bild, das der ehemalige Angehörige der SS abgibt, unterscheidet sich sehr von der Person, die mir in Romanen bzw. Graphic Novels begegnet ist.
Das Foto zeigt Eichmann in Jerusalem vor Gericht. Das ist jener Eichmann, von dem Hannah Arendt berichtet, jene Gestalt, die in der Regel mit der »Banalität des Bösen« in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich wirkt Eichmann eher wie ein Staubsaugervertreter oder Handelsreisender in Sachen Versicherung.
Ganz anders bei Guez, der über Eichmann (aus der Sicht von Josef Mengele) im argentinischen Exil berichtet. Ein Star, der Autogramme gibt und großsprecherisch auftritt, seinen »Rang« im so genannten »Dritten Reich« wie eine Monstranz vor sich herträgt und von einem Comeback in einem »Vierten Reich« schwadroniert. Mit dem Bild, das die »Banalität des Bösen« assoziiert, passt das nicht mehr ganz zusammen.
Das gilt noch mehr für jenen Eichmann, der bei Pflüger in Richie Girl dem Leser entgegentritt. Der Autor hat in einem Nachwort zu seinem Roman die Gestaltung dieser Figur noch einmal aufgegriffen und explizit auf Ahrendt verwiesen: Von deren Vorstellung wollte er »seinen« Eichmann abheben. Das ist gelungen, Pflügers Eichmann ist eine dämonische, selbstsichere und eiskalte Figur.
Bei der Lektüre von Thomas Meyers biographischem Abriss über Hannah Arendtmusste ich wieder daran denken, wie unterschiedlich die Sicht auf einen Menschen sein kann. Im Falle Arendt hat ihr spezifischer Zugang zu dramatisch zu nennender Kritik und Anfeindungen geführt. Die Aufregung von damals glüht bis in die Gegenwart nach.
Umstritten wie kein anderes Buch von Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Die sprichwörtliche »Banalität des Bösen« ist von vielen Seiten kritisiert worden. Das schmale Buch von Thomas Meyer widmet sich vor allem den Werken Arendts, ihrem Leben und der Rezeption.
Bald ist es ein halbes Jahrhundert her, dass Hannah Arendt im Alter von 69 Jahren verstarb. Seit 1975 ist derart Epochemachendes, Disruptives und Weltumstürzendes geschehen, dass die Feststellung von Thomas Meyer wundert, Werk und Denken Arendts werde bis in die Gegenwart zitiert und zu Analysen herangezogen. War sie also am Ende eine zeitlose oder zumindest nicht auf das zwanzigste Jahrhundert beschränkte Denkerin, wie der Untertitel nahelegt?
Die Frage lässt sich nach der Lektüre des schmalen Büchleins über Arendt ebensowenig beantworten, wie die, was eigentlich jener zum geflügelten Wort gewordene Untertitel „Banalität des Bösen“ genau meint. Dazu ist – eigentlich keine Überraschung – das Studium der Werke Arendts nötig. Auch das, was die zahllosen Kritikerinnen und Kritiker geäußert haben, muss gelesen werden, um die Basis für eine Einschätzung zu legen. Den Anspruch hat ein Buch diesen Umfangs nicht.
Thomas Meyer bringt seinen Lesern den Lebensweg und die dabei entstandenen Werke Hannah Arendts näher. Dramatische Umstände, wie die Internierung in Frankreich und der Flucht vor dem Zugriff der Gestapo werden nur in einem knappen Absatz geschildert – mir ist das durch die schöne Graphic Novel Die drei Leben der Hannah Arendt von Ken Krimstein vertraut. Meyers Fokus liegt auf den Werken. Diese sind oft eng verknüpft mit dem, was die Autorin als Zeitgenossin aktiv miterlebte: Verfolgung, Flucht, Exil, Rückkehr, der Prozess gegen Eichmann in Jerusalem.
Der Name, der immer mit Hannah Arendt verbunden sein wird, ist Martin Heidegger. Recht typisch für eine untergründige, oft auch offene Frauenfeindlichkeit ist, dass in der Diskussion über Arendt immer wieder auf die intime Beziehung zwischen Lehrendem und Schülerin angespielt wird. Umgekehrt spielt das bei der Einschätzung von Heidegger keine oder nur eine untergeordnete Rolle.
Dabei ist das intellektuelle und persönliche Verhältnis durchaus ein interessantes Thema, wie Meyer zeigt, denn Arendt hat nach 1945 keine eindeutige Haltung zu Heidegger eingenommen. Das mag in der Gegenwart, in der Haltung zeigen oft eine größere Rolle als inhaltliche Stichhaltigkeit zugesprochen wird, noch mehr verwundern und Kritik herausfordern.
Man kann sagen, dass Arendts ganzes Denken ihrer bewussten Zeitgenossenschaft entstammt.
Thomas Meyer: Hannah Arendt
Während der Lektüre von Hannah Arendt wird klar, wie vielfältig (und unbekannt) das Werk der Denkerin ist. Weber schildert die Entwicklung von Person und Denken parallel zu den Veröffentlichungen. Der Liebesbegriff bei Augustinus steht am Anfang und ist insofern bezeichnend, dass eine wiederkehrende Kritik an Arendt ihre vorgebliche Fokussierung auf die Antike beinhaltet.
Arendts nächstes Werk war eine Biographie zu Rahel Varnhagen. Während der Arbeit entwickelte sich die Autorin nach eigener Einschätzung zu einem „jüdisch-politisch denkenden Menschen“. Bemerkenswert ist, dass sie Juden als aktiv „Handelnde“ in der Geschichte und nicht bloße Opfer betrachtet.
In diese Zeit fällt auch die Genese des spezifischen Tons von Hannah Arendt, der von einer spektakulär empfundenen Kompromisslosigkeit geprägt ist. Ihre Kritiker sahen das als „abfällig“ und „lieblos“, die Zitate zeigen eine beeindruckend gradlinige Ausdrucksweise. Die Autorin nahm an der Biographie, die kurz vor der Machtübergabe an Hitler fertiggestellt wurde, nach dem Krieg keine Änderungen vor.
Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit dem zentralen und bekanntesten Werk Arendts: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Wie bei den anderen, noch folgenden (Vita activa, Über die Revolution, Eichmann in Jerusalem, Macht und Gewalt) bietet Thomas Meyers Buch einen kurzen Abriss über den Inhalt sowie die Rezeption. Es ist ein naturgemäß flüchtiges Kennenlernen, wie eine Art kommentierter Fahrplan, der einen Eindruck gibt und zum Selbstlesen animiert.
Mag sein, dass Arendt Analyse heute „völlig falsch“ erscheint, so wäre das Gegenteil angesichts der mittlerweile zu einem Gebirge angewachsenen Fachliteratur zu dem Thema auch ein Wunder. Meyer sieht in Arendt eine Wegbereiterin für die Forschungen auf dem Gebiet in den folgenden Jahrzehnten.
Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen stellt sich ohnehin die Frage, ob Naserümpfen wirklich angebracht ist, denn auch die „richtigen“ Erkenntnisse scheinen wenig geholfen zu haben, der Rückkehr des Totalitarismus einen Riegel vorzuschieben. Denn Ausschwitz und die Shoah waren einmalig, aber:
Was geschehen ist, hat die Menschheit insgesamt verändert, als Riss oder Zivilisationsbruch. Die Verbrechen leben als Möglichkeit fort.
Thomas Meyer: Hannah Arendt
Das Zitat ist ein ebenso schönes wie beunruhigendes Beispiel dafür, wie anregend die Lektüre von Thomas Meyers Hannah Arendt ist.
Rezensionsexemplar
Thomas Meyer: Hannah Arendt Die Denkerin des 20. Jahrhunderts C.H.Beck 2025 Taschenbuch 128 Seiten ISBN: 978-3-40683083-9
Den vielversprechenden Ansatz kann der Roman nicht erfüllen. Cover Penguin, Bild mit Canva erstellt.
Durchaus vielversprechend beginnt der Roman Das große Spiel von Richard Powers. Der Leser reist nach Makatea im Pazifik, einem der zahllosen kleinen Eilande im größten Ozean der Erde. Makatea gehört zu den von Frankreich kolonisierten Gebieten, auf der Insel wurde über Jahre hinweg Salpeter abgebaut, die Mine hinterließ Narben, wenig Wohlstand und eine große Stille.
Für die wenigen verbliebenen Menschen auf Makatea hat der Rohstoff-Abbau nichts gebracht, eine globale Konstante auf der Welt, in der Konzerne den Rahm abschöpfen, verschwinden und die Folgen den Bewohnern überlassen. Die Insel wirkt wie ein zerschundenes Idyll, das wieder in den Fokus finanzkräftiger Unternehmen gerät. Statt Rohstoff-Raubbau geht es um etwas anderes, sehr Modernes. Für die Einwohner stellt sich die Frage, ob sie den Versprechungen Glauben schenken wollen oder nicht.
Was wie ein politisch angehauchter Roman beginnt und ökologische sowie hochtechnologische Aspekte zu berühren scheint, entfernt sich über lange Zeit von der Insel und erzählt erinnernd die Geschichte einer Freundschaft. Rafi und Todd tragen schwer an den Verletzungen, die ihnen in ihrer Kindheit zugefügt wurden. Auf dem langen Weg durch die sozialen Klüfte und Bildungslabyrinthe der USA freunden sie sich an. Die Leidenschaft für Spiele, Schach, Go und andere führt sie zusammen.
Schon recht früh im Roman ist klar, dass beide unterschiedliche Wege im Leben gegangen sind. Todd ist steinreicher Tech-Unternehmer, er erzählt einem (zunächst unbekannten) Zuhörer von seinem dahinwelkendem Leben; Rafi findet der Leser auf Makatea wieder, dort ist er mit Ina liiert, jener Frau, die aus der Zweier-Freundschaft eine kompliziertere mit drei Ecken macht.
Durch alle Gänge schienen die Maschinen mich anzubrüllen: Tu etwas! Mach etwas Großartiges mit mir!
Richard Powers: Das große Spiel
Powers hat durch diese Erzählstruktur in seinem Roman formal und inhaltlich das Spielfeld gewechselt, von Dame zu Mühle etwa. Für Schach oder Go reicht das Erzählte nicht, es bleibt viel zu oberflächlich. Das spürt der Leser besonders bei den Kapiteln, die von Evelyne Beaulieu handeln. Bis zum Ende ist unklar, was sie eigentlich darstellen soll, Figur und Leben bleiben unscharf.
Der Erzähler behauptet zwar, sie sei Forscherin, geschildert werden aber Tauchgänge, die sich (und den Leser) in glanzvollen Schilderungen erschöpfen. Man soll staunen, nicht lernen. In einem Abschnitt wird Evelyne von zwei Tauchern begleitet, die sie (!) für ein Magazin ablichten sollen, während ein Schiffsfriedhof mit den Hinterlassenschaften einer Seeschlacht im Zweiten Weltkrieg besichtigt wird. Sie ist eine Art Tauch-Barbie im Unterwasserparadies.
In pathetischen Worten wird die Wunderwelt auf den zerstörten Schiffen und ihren Maschinen geschildert, Gehaltvolles erfährt man hier nicht und sonst nur enttäuschend wenig. Das gilt nicht nur für die „Forschungen“, auch die Unternehmungen, an denen sie teilnimmt, werden in derart überschwänglichen Worten weichgezeichnet, dass die Glaubwürdigkeit leidet. Die groteske Ehe, mit Kindern, die dem Zerrbild von Fernsehwerbung näher als dem Leben sind, verstärken das Bild: Evelyne ist eine in Unwirklichkeiten versponnene Kunstfigur, die seltsam leer und leblos bleibt.
Es gab Fakten zum selber Verdrehen.
Richard Powers: Das große Spiel
Das wirkt auf die bildstarke Sprache von Powers zurück, die angesichts fehlender Substanz in allen Erzählsträngen oft überzogen wirkt. Anfangs ist die sprachliche Gestaltungskraft des Autors beeindruckend, doch verhält es sich damit wie mit den Luftnummern einer Flugshow: Auch die schönsten Loopings, die atemberaubendsten Kunststücke ermatten auf die Dauer. Das gilt insbesondere für die Unterwasserszenen und jene wiederkehrenden Aufzählungen, die ermüden.
Das Finale fügt sich in das skizzierte Bild ein. Es verbietet sich, hier etwas über die sich abrupt wendende Handlung zu verraten. Alles in allem ist Das große Spiel ein enttäuschender Roman, der den vielversprechenden Ansätzen nicht gerecht wird. Obendrein wirkt der Schluss, insbesondere der Twist, konstruiert und aufgesetzt. Die »Gute-Nacht-Geschichte« ventiliert eine fragwürdige Weltsicht, bei der zu hoffen bleibt, dass sie als Märchen gelesen wird, denn weder Gott noch Super-KI werden die Menschheit retten. Das müssen wir schon selbst tun.
Richard Powers: Das große Spiel Aus dem Englischen von Eva Bonné Penguin 2024 Hardcover 512 Seiten ISBN: 978-3-32860371-9
Die letzten Wochen des so genannten »Dritten Reichs« waren ein apokalyptisches Gemetzel. Nicht nur an den Fronten wurde gestorben, sondern auch in den bombadierten Städten, den Vernichtungs-Lagern und auf den Landstraßen bei Todesmärschen. Bildgewaltig erzählt die Graphic Novel vom blutigen Aberwitz des Untergangs. Cover Knesebeck, Bild mit Canva erstellt.
Träfe eine Bombe diesen Zug, würde das drei Millionen Leben retten.
Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers
Auf der ersten Seite der Graphic Novel Die letzten 100 Tage Hitlers steht ein spektakulärer Gedanke: Eine Bombe auf Hitlers Zug würde drei Millionen Menschen das Leben retten. Es ist 15. Januar 1945, Hitler befindet sich auf dem Weg von der Westfront nach Bayern. Doch zertrümmert der Großangriff der Roten Armee seit dem 13. Januar die deutsche Ostfront.
Hitler fährt also in jenem Zug nach Berlin, wo er erst gut drei Monate später Selbstmord begeht. Ein Bombentreffer hätte seinen Tod früher herbeigeführt. Das im Zitat angestellte Gedankenexperiment wird manchmal auch bei den Attentaten auf Hitler, etwa am 20. Juli 1944 (Stauffenberg) oder dem 8./9. November 1939 (Elser) angestellt.
Stimmt es denn, dass drei Millionen Leben gerettet worden wären? Die Zukunft ist immer offen und niemand kann genau sagen, was nach dem plötzlichen Tod Hitlers geschehen wäre. Man sollte sich jedenfalls davor hüten, den Krieg allein auf diese eine Person oder auch nur die NS-Elite zu reduzieren, der Wille den Krieg (weiter-) zu führen, war weit verbreitet. Das zeigt auch die Graphic Novel, denn immer wieder werden Untaten begangen, ausgeführt und getan, bei denen kein »Befehlsnotstand« herrschte.
Insofern wäre der Krieg möglicherweise nicht so viel schneller und erst recht nicht unblutiger zu Ende gegangen. Bestenfalls hätten die Armeen im Westen und Italien den Widerstand eingestellt oder den Alliierten den Weg ins Reich geöffnet; im Osten wäre eine zusammenbrechende Front wohl einem Blutbad an Soldaten und Zivilisten gleichgekommen, wie es auch in der historischen Realität der Fall war. Gestorben sind in diesem Zeitraum jedenfalls sehr viel mehr als drei Millionen Menschen.
Allein die Wehrmacht hatte rund 1,2 Millionen blutige Verluste zu beklagen . Auf sowjetischer Seite dürfte die Zahl der Toten mindestens in ähnlicher Größenordnung gelegen haben, hinzu kommen noch Millionen Zivilisten, Flüchtlinge, (Kriegs-)Gefangene und Lagerinsassen. Das Gedankenspiel ist dennoch sinnvoll, denn es führt dem Leser vor Augen, wie ungeheuerlich diese recht kurze Zeitspanne von Mitte Januar bis Ende April 1945 war. Der Tod wütete ungehemmt. Die allermeisten Dinge, die im Kreis um Hitler und von ihm selbst besprochen wurden, erscheinen aberwitzig.
Ich erinnere mich noch an den Hungerwinter von 1917. So hat die Revolution begonnen … Kein Sorge. Dieses Mal wird es keine Revolution geben. Und warum nicht? Weil hier bald nur noch Ruinen stehen … in Ruinen denkt niemand an Revolution, man denkt nur ans Überleben.
Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers
Die Graphic Novel lebt vom Kontrast, der bisweilen überwältigt. Hitlers Schwadronieren in der realitätsfernen Welt seines Hauptquartiers wird als unmenschliches Geschwätz entlarvt, wenn lange Bildsequenzen über die Realität in der Außenwelt folgen: harsche Frontimpressionen; von fliegenden Standgerichten verhängte Todesstrafen gegen Soldaten; Bilder von Luftangriffen, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen; das Wüten der SS gegen Zivilisten, Lagerinsassen und Deserteure; irrsinnige »Verhandlungen« mit ausländischen Diplomaten; Flüchtlingskolonnen.
Dann gibt es aber auch Szenen, die zeigen, wie weit die Verrohung und ideologische Indoktrination in die Bevölkerung hineinreicht. Eine aufgegriffene Jüdin, die einem Todesmarsch entkommen konnte, wird von Jugendlichen totgeprügelt. Ärzte töten – ohne Befehl – psychisch Kranke, als die Front heranrückt. Die Auswahl und Gestaltung der Bilder zeigt die Totalität des Kriegsgeschehens, das von Historikern als »Krieg führen bis fünf nach Zwölf« treffend beschrieben wird. Zugleich gab es aber auch für den Einzelnen Spielräume, die auch für brutalste Gewalttaten genutzt wurden.
Welche Armeen meint er? Ja, genau das ist das Problem. Welche Armeen meint er?
Pécau, Mavric, Andronik, Verney: Die letzten 100 Tage Hitlers
Wer sich einem monströsen Thema wie der apokalyptischen Agonie des Hitlerregimes befasst, muss auswählen, muss ungeheuer viel mehr weglassen als in ein Buch gleich welchen Umfanges hineinpasst. Das ist außerordentlich gut gelungen, die Dichte der Bild-Erzählung ist beeindruckend und auch die verkürzte Gestaltung lobenswert. Wenn in einem Bild ein Zug Königstiger zum Angriff antritt und den Eindruck einer noch immer bedrohlichen Wehrmacht vermittelt, zeigt ein späteres Bild von einem Schlachtfeld, wie sämtliche deutschen Gegenangriffe in Blut ertranken. Das eine sind die Propaganda-Bilder, das andere die Bilder, die tunlichst weggelassen wurden.
Durch Kontraste dieser Art entwickelt die Graphic Novel eine große Wucht. Die Erzählung des »Untergangs« vermittelt dem Leser die völlige Hilflosigkeit des Einzelnen in diesem Mahlstrom der Vernichtung, Leben oder Tod hingen an Zufällen. Die Partisanen-Aktion »Werwolf« spielte faktisch keine Rolle über den psychologischen Effekt hinaus. Es ist trotzdem wichtig, dass in diesem Band ein, zwei Beispiele aufgeführt werden. Für das einzelne Opfer war der Tod auf der Schwelle zum Kriegsende mehr als tragisch, zugleich unterstreicht das, wie wenig der Vernichtungskrieg nur Hitlers Krieg war.
Wenn es neben einzelnen Fehlern (an einer Stelle ist von Goebbels statt Göring die Rede) etwas zu bemäkeln gäbe, dann das Schweigen über die unmenschliche Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung durch die Soldaten der Roten Armee. Die sexuelle Gewalt an Frauen lässt sich nicht einmal mit dem Begriff der Massenvergewaltigung angemessen beschreiben, die wahllosen Tötungen, umfangreichen mutwilligen Zerstörungen, Plünderungen und Deportationen hätten ihren Platz finden sollen. Etwa anstelle des Todes von Hermann Fegelein. Hier fehlen leider ein, zwei Bilder zu dessen barbarischen Handlungen im Ostfeldzug. Der Untergang kam nicht aus heiterem Himmel, ihm ging ein Vernichtungskrieg voraus, der keine der genannten Gewalttaten rechtfertigt, aber einordnet.
Im Nachwort von Robert Lüdecke von der Amadeu Antonio Stiftung wird die Bedeutung der Erinnerungskultur beschworen. Es ist völlig richtig, dass Angriffe der Rechten in Form von Verharmlosungen, Relativierungen abgewehrt werden müssen. Die Verpflichtung zum richtigen Erinnern und den nötigen Schlussfolgerungen gilt jedoch auch für andere. Die Gaspipelines Nordstream 1+2 etwa wurden gegen den Willen osteuropäischer Verbündeter (und Opfern von Hitlers Vernichtungskrieg) errichtet, begleitet von einem unsäglichen, unhistorischen Gleichsetzen von (Putins) Russland mit der überfallenen Sowjetunion 1941. Das sind Schlaglichter einer Erinnerungskultur, die sich in phrasengeschwängerten Sonntagsreden erschöpft und sich selbst negiert. Man muss genau hinsehen, sich dem aussetzen, wie in dieser vorzüglichen Graphic Novel.
Jean-Pierre Pécau (Autor), Senad Mavric, Filip Andronik, Jean Verney (Illustrator): Die letzten 100 Tage Hitlers Aus dem Französischen von Sarah Pasquay Knesebeck Verlag 2025 Gebunden 125 Seiten ISBN: 978-3-95728-934-6
So beginnt der letzte Band der Buchreihe um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah – beim jetzigen Stand der Dinge jedenfalls. Es kann sich bis zur Veröffentlichung des Buches 2026 noch einiges ändern.
Auf dem Weg in die Bretagne machten wir 2016 in Blois für zwei Nächte Halt und besichtigten Chambord. Das war überwältigend. Dieser gewaltige Bau mit seiner genialen Wendeltreppe, den riesigen Räumen und weitläufigen Fluren, vor allem aber dem Dach, das wirkt, als habe jemand eine Art Spielzeugstadt aus reich verzierten Türmchen und Erkern errichten wollen.
Am Wochenende habe ich die Bilder von damals noch einmal herausgekramt und betrachtet. Was würden meine Piratenbrüder Joshua und Jeremiah wohl beim Anblick von Chambord denken? Joshua kennt aus England bzw. London prächtige Bauten, allerdings wäre dieses Chateau wohl trotzdem etwas Besonderes. Jeremiah ist in der Neuen Welt geboren und aufgewachsen, er wäre wohl überwältigt. Da müsste es nicht einmal Chambord sein, an der Loire stehen schließlich einige sehr prächtige Schlösser.
Was aber könnte Joshua und Jeremiah nach Frankreich führen?
Ein schier überwältigender Anblick: Chambord bei Blois.
Gegenwärtig sitzt ich an Opfergang– Piratenbrüder Band 7. Die Arbeit geht langsam voran. Pathetisch formuliert: Häuserkampf statt weitläufiger Durchbruch. Ich wühle mich Schritt für Schritt durch das vor drei Jahren fertiggestellte Rohmanuskript. Nichts davon bleibt so, wie es ist. Das meiste bereits Geschriebene streiche ich und schreibe die entsprechenden Passagen neu; einige Dinge schreibe ich um.
Ich weiß aus Erfahrung, dass ein Teil von dem jetzt Geschriebenen wahrscheinlich dem Rotstift im Lektorat zum Opfer fällt. Es ist auch durchaus möglich, dass der gesamte Teil, den ich jetzt verfasse, auf dem Manuskript komplett rausfliegt. Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Umwege dieser Art gehören bei mir zum Schreiben dazu.
Anders ist diesmal im Vergleich zu den Vorgängerromanen, dass ich bereits jetzt lektorierend streiche. Mehrfach habe ich ganze Seiten am Tag nach ihrer Entstehung wieder gelöscht. Das ist neu. Ich erhoffe mir davon nicht weniger Arbeit im Lektorat, sondern mehr Kapazität für andere Verbesserungen.
Eines ist aber so wie immer und wird sich aber wohl nie abstellen lassen: aufkeimende Panik wegen der verstreichenden Zeit. Denn die Uhr tickt unerbittlich, auch wenn es sich um eine Sanduhr handelt.
Von Leonardo Padura habe ich mittlerweile alles gelesen, was aus dem kubanischen Spanisch ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Opus Magnum ist Der Mann, der Hunde liebte. Das zweitbeste Buch ist Ketzer, das ich aus aktuellem Anlass ein zweites Mal lese. Die Lektüre ist Teil meines Lesevorhabens Wiedergelesen 4für2026.
Piratenbrüder
Das dramatische Finale
Alexander Preuße: Opfergang – Piratenbrüder Band 7 Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro eBook: Kindle 5,99 Euro oder KindleUnlimited
Bücher begleiten mich schon mein ganzes Leben, auf dem Leseweg habe ich sehr viele großartige Romane und Sachbücher lesen dürfen, von denen ich gern erzählen möchte. Das ist ein Grund, warum ich blogge.