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Kategorie: Buchvorstellung (Seite 7 von 34)

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Buchcover von ‚Uhr Werke‘ von Rebecca Struthers mit dem Zitat ‚Die Uhr ist das Metronom der westlichen Zivilisation‘, umgeben von antiken Uhren und einem Sanduhr-Desig
Nicht nur der Inhalt des Buches ist großartig, auch das Buch selbst wunderschön. Ich habe es gern zur Hand genommen und die Reise durch die Geschichte der Zeitmessung angetreten. Cover C.Bertelsmann, Bild mit Canva erstellt.

Es ist zutiefst paradox, dass Maria Stuarts Uhr, ein mächtiger religiöser Talisman einer katholischen Frau in einem ungastlichen protestantischen Land, sehr wahrscheinlich von einem protestantischen Kunsthandwerker in einem ebenso feindseligen katholischen Frankreich geschaffen wurde.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Für dieses Buch sollte man sich ein wenig Zeit nehmen. Das ist mehr als ein unbeholfener Versuch, die Buchbesprechung von Uhrwerke von Rebecca Struthers mit einem Wortspiel einzuleiten. Zeit ist die kostbarste aller Ressourcen im Leben des Menschen. Ist der Mensch frei, steht er aber unter dem Entscheidungsdruck, die Zeit, die ihm gegeben ist, sinnvoll zu füllen.

Und schwups – sind wir mitten im Thema. Auf die Frage, wie man seine Zeit »sinnvoll«  füllen kann, gab es zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Seiten recht unterschiedliche Antworten. Uhrwerke spielten dabei eine wichtige Rolle, denn die Geschichte der Zeitmessung ist eng verflochten mit den jeweiligen Zeitläuften und Weltsichten. Die wechselseitigen Einflüsse sind frappierend.

In einem der interessantesten Kapitel erzählt Rebecca Struthers, die als Uhrmacherin ihre Berufung gefunden hat, über den Einfluss, den die religiöse Einstellung auf die Gestaltung einer Uhr hatte. Puritanische Uhren zur Zeit Oliver Cromwells etwa stellten einen krassen Bruch mit den vorherigen Formuhren dar. Sie waren schlicht und bar jeglicher Verzierungen.

Diese Uhren waren ein Spiegelbild puritanischer Weltsicht, die sich auch in anderer Hinsicht niederschlug, etwa der Mode. Wichtiger noch als das Äußere ist der ideelle Wert von Zeit (und damit auch eines mechanischen Zeitmessers). Für Müßiggang war kein Platz in Gottes Welt, die geschenkte Zeit musste genutzt werden. Alles andere galt als Laster und Sünde mit Folgen im Jenseits. (Was die Herrschaften wohl zu Instagram und anderen modernen Zeit-Fallen zu sagen hätten?)

Zu den großen Stärken von Uhrwerke gehört, dass die Autorin Brücken von der Uhrmacherkunst im Laufe der Jahrhunderte zu ihrer eigenen Person schlägt. Sie schildert beispielsweise jene obskuren Schuldgefühle, wenn sie »zu wenig gearbeitet oder zu lange geschlafen« habe. Uhrwerke befasst sich also keineswegs nur mit der Mechanik, sondern auch damit, wie diese den Menschen prägen kann und das über Jahrhunderte.

When I think of all the good time that′s been wasted having good times

(Eric Burdon and the animals)

Ich musste an diese Liedzeile denken, die zwar anders gemeint sein dürfte, für mich aber genau dieses Verschwender-Gefühl ausdrückt. Das erste »good times« könnte das puritanische sein, das zweite für die verschwendeten Stunden des Müßiggangs stehen. Anregende Gedanken, denn die Frage stellt sich, ob der Geist des puritanischen Arbeitseifers in Form eines preußischen Ablegers etwa auch in mir wirkt (obendrein klischeehaft) oder nicht.

Mehrfach wird deutlich, wie sehr Begebenheiten, die Jahrhunderte zurückliegen, bis in die Gegenwart wirken. Da wären die Hugenotten, die nach endlosen Kriegen und Massakern, einem Toleranzedikt, das immer mehr aufgeweicht und schließlich 1685 brutal aufgehoben wurde, vor der Wahl standen, Katholiken zu werden oder auszuwandern.

Einige davon sind nach Preußen gezogen, die Mehrheit in die Vereinigten Niederlande, aber auch auf die britischen Inseln und die Schweiz. Zu ihnen gehörten viele Uhrmacher, die in ihrer neuen – nun, ja – Heimat ihrer Tätigkeit nachgingen. Sie spielten eine »zentrale Rolle bei der Entwicklung der britischen und Schweizer Uhrenindustrie«.

Gedankt wurde es vielen jedoch nicht, ein Schicksal, von dem bis in die Gegenwart Migranten aller Art ein Lied singen könnten. Das nachfolgende Zitat über den hugenottischen Uhrmacher David Bouguet, der aus Frankreich nach London geflohen war, verdeutlich beispielhaft die seltsame Zwitterexistenz als geachteter Könner und angefeindeter Fremdling.

In der einen Minute war er für reiche Gönner tätig, die sein Werk bewunderten, respektierten und schätzten, in der nächsten wurde er auf der Straße als „französischer Hund“ (oder übler) beschimpft.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Auch der hellste Stern am Firmament der Uhrmacherei, Abraham-Louis Breguet, musste Frankreich für einige Jahre verlassen. Er floh allerdings vor dem Terror unter den Jakobinern. Die Flucht gelang dem Genie unter Mithilfe von Jean-Paul Marat, dem er selbst einmal zu Hilfe geeilt war. Für einige Jahre musste der brillante Uhrmacher in der Schweiz arbeiten, ehe er zurückkehren konnte.

Brequet hat der Anfertigung von Uhren eine ganze Reihe von technologischen Impulsen gegeben. Wie groß Brequets Einfluss war, zeigt die Tatsache, dass bis heute einige von seinen Fortschritten unverändert zur Anwendung kommen. Auch beim Thema Innovation ist die Geschichte der Uhrmacherei brandaktuell.

Die ersten Uhrwerke mussten in Türmen untergebracht werden. Der Weg zur Armbanduhr mit vielen zusätzlichen Funktionen (Komplikationen) war entsprechend weit; analog ist die Entwicklung von den Computern zum Smartphone gewesen und wird auch bei weiteren technologischen Erfindungen sein – Batteriespeicher, Elektromotoren, medizinische Geräte etc.  Uhrwerke ist auch ein Anlass für ein wenig Vertrauen in die menschliche Schöpfungskraft.

Sie [die Nachbauten und Fälschungen] leisteten einen großen Beitrag dazu, dass Uhren bezahlbar wurden, und ebneten damit nachfolgenden Unternehmen den Weg, sie wirklich allen Menschen zugänglich zu machen.

Rebecca Struthers: Uhrwerke

Die Verbreitung von Uhren hat Begehrlichkeiten geweckt. Taschendiebe und Fälscher tieben ihr Unwesen. Struthers geht den Fälschungen in einem eigenen Kapitel nach und kommt zu einem recht überraschenden Ergebnis. Es ist die Schattenseite der leuchtenden Innovationen des 18. Jahrhunderts, zu denen auch die Schiffschronometer gehörten. Doch hatten die Fälschungen einen ungewollt positiven Effekt, wie das Zitat zeigt.

Uhrwerke erzählt auch von den Schattenseiten, die mit den Uhren im Frühkapitalismus Einzug hielten. Die gnadenlose Ausbeutung der Fabrikarbeiter in den Produktions-Höllen des beginnenden Industriezeitalters ab 1760 lässt schaudern. Erstaunlich auch, wie sehr die Art der Zeitmessung peu á peu die gesamte Welt strukturierte, wie sehr Moden (Radfahren!) oder Entdeckungsfahren/-flüge/-reisen auf Zeitmesser angewiesen waren. Das Schicksal der Uhrmacherei auf den britischen Inseln kann als Warnung gelesen werden – etwa für die deutsche Autoindustrie.

Bei allem anderen, was mir an Uhrwerke von Rebecca Struthers so gut gefallen hat, ist das Buch auch eine Augenweide. Zur Gestaltung kann man Verlag und Autorin nur gratulieren, wie natürlich auch zum Inhalt, der einen weiten Bogen schlägt vom ersten Zählinstrument zu Atomuhren. Wie immer nach der Lektüre eines klugen, gut informierten und schön erzählten Sachbuchs ist der Leser hinterher ein bisschen klüger. Das gilt besonders auch für Uhrwerke.

*Rezenstionsexemplar

Rebecca Struthers: Uhrwerke
Eine Uhrmacherin erzählt die Geschichte der Zeitmessung
Aus dem Englischen von Christiane Wagler
C.Bertelsmann 2024
Gebunden 336 Seiten
ISBN: 978-3-570-10549-8

Thomas Medicus: Klaus Mann

Das Zitat ist Programm: Die Todessehnsucht war (neben Drogensucht) jahrelanger Begleiter des ruhelosen Schriftstellers Klaus Mann. Sein natürliches Habitat war die Großstadt, er lebte ohne festen Wohnsitz in Hotels, Pensionen und bei Freunden. Cover Rowohlt Berlin, Bild mit Canva erstellt.

Zwei überväterliche Großschriftsteller an einem Tag, das war wohl zu viel für den ewigen Sohn.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Todessehnsucht und Drogenmissbrauch gehörten zu den Wegbegleitern von Klaus Mann. Die Biographie von Thomas Medicus beginnt folgerichtig mit dem Ende, dem Suizid am 21. Mai 1949. Es war nicht der erste Anlauf, dem Leben mit einem Freitod ein Ende zu setzen, gar nicht zu reden von den zahllosen Gedanken an den Tod, der ewigen Sehnsucht nach dem Tod.

In seinen 42 Lebensjahren zwischen 1906 und 1949 erlebte Klaus Mann die dramatischen Brüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1914, 1918 und insbesondere 1923 prägten ihn, der damit zur so genannten Kriegsjugendgeneration zählt. Die ihnen attestierten Attribute, Härte, Kühle, Verschlossenheit, Durchsetzungsfähigkeit waren Klaus Mann aber völlig fremd.

Gerade in den zwanziger Jahren lebte der Sohn des berühmten Thomas Mann und Neffe von Heinrich Mann auf schnellem, großem Fuß, sein natürlicher Lebensraum war die Großstadt, Theater, Amüsement, Clubs, Partys, Ausschweifungen, Sex, Alkohol, später immer mehr Drogen. Auftritte vor Publikum, auf der Bühne als Schauspieler oder Autor, der Hang zur Selbstinszenierung. Ein Dandy in perfekt sitzenden Anzügen, der sich bald als Dauerbewohner von Pensionen und Hotels durchs Leben schlug, immer in Geldnöten, oft alimentiert von seiner Mutter.

Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Epoche auf Messers Schneide. Es gibt Menschen, die ein Zeitalter deshalb verkörpern, weil sie dessen Höhen und Tiefen, Irrrungen und Wirrungen, vor allem Gefährdungen bis in die letzte Faser durchleben wie durchleiden. Klaus Mann ist so eine Symbolfigur.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Klaus Mann war hochsensibel, sehr verletzlich, fiel als Homosexueller aus dem gesellschaftlich als Norm akzeptierten Rahmen, insbesondere, weil er – anders als sein Vater – aus seinen homoerotischen Neigungen keinen Hehl machte. Zudem stand er als ewiger Sohn unter immensem Druck, ein Wettlauf als Schriftsteller mit dem übermächtigen Vater, den er nicht gewinnen konnte.

Dabei schrieb Klaus Mann mit großer Leichtigkeit und immenser Geschwindigkeit seine Werke. Biograph Medicus verweist darauf, dass die Detailarbeit, das prüfende Feilen und Durchforsten der Bücher, nicht zu den Stärken des Autors gehörten. Ihnen haftet oft etwas Flüchtiges an. Stoffe wie Alexander oder Sinfonie Pathetique sind weder bis ins Detail durchrecherchiert noch loten sie musikalische Tiefen aus. Sie haben eine stark autobiographische Note. 

Neben den Romanen und autobiographischen Texten schrieb Klaus Mann Bühnenstücke, Kurzprosa, Lyrik, aber auch Beiträge für Zeitungen, Journale, Anthologien, gemeinsam mit seiner Schwester Erika auch Reise- und Kriegsberichte. Er versuchte sich auch als Herausgeber. Obendrein gibt es unveröffentlichte Texte, etwa eine Biographie zu Horst Wessel – ein erstaunliches Projekt von Klaus Mann.

Seine anwachsende Liebe zu Frankreich bildete den Kern seiner Entwicklung zum kosmopolitischen Intellektuellen. Dass Klaus Mann 1933 nicht eine Sekunde zögerte, dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken zu kehren, hatte auch damit zu tun.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Der schwerwiegendste Bruch folgte 1933 mit dem Machtantritt Adolf Hitlers. Aus dem freiwilligen Vagabunden wurde ein Exilant. Es war ein dramatischer Unterschied, auch wenn sich äußerlich das Umherziehen kaum änderte und Klaus Mann in Frankreich einen Ort hatte, an dem er sich – soweit möglich – wohlfühlte. Doch die Entwurzelung traf ihn schwer, er konnte nicht nach Deutschland zurück, das Gefühl des Ausgestoßenseins traf ihn wie alle anderen Exilanten.

Zu den Gefährdungen und Wirrungen der 1930er Jahre gehört das Drama, dass mit der stalinistischen Sowjetunion eine zweite, auf einer Vernichtungsideologie basierende Diktatur in Europa ihr blutiges Haupt erhob. Die Todfeindschaft zum Nationalsozialismus war das einzige Pfund, mit dem Stalins Reich wuchern konnte – bis zum Hitler-Stalin-Pakt 1939, der unter den ohnehin zerstrittenen Emigranten die bestehenden Gräben zu offner Feindschaft und Hass vertiefte.

Klaus Mann war kein Kommunist, eher ein idealistischer Schwärmer. Als Homosexueller gehörte er zu einer von den Linken wie den Rechten angefeindeten Gruppe; Bertholt Brecht hat sich in dieser Hinsicht mit bemerkenswert schäbigen Äußerungen hervorgetan.

Eine Reise in die Sowjetunion brachte Ernüchterung, die Klaus Mann im Tagebuch klar äußerte; öffentlich blieb er indifferent, obwohl Andre Gide, sein großer Leuchtstern unter den Denkern, mit bemerkenswerter Klarheit die Abgründe von Stalins Reich beschrieb. Familie ging vor Politik. Wegen Heinrich Manns (zutiefst naiver, von Stalins Schergen ausgenutzter) kritikloser Haltung gegenüber der stalinistischen Sowjetunion unterließ Klaus Mann ein klares Statement.

Was erste Jahrzehnte später zu den Grundelementen der Kritik am real existierenden Sozialismus gehörte, formulierte Gide bereits 1936/37 mit großer Klarheit.

Thomas Medicus: Klaus Mann

Einige Jahre später ergab sich für Klaus Mann daraus eine erhebliche Gefährdung. Als die USA nach langer Neutralität durch die Kriegserklärung Deutschlands und Italiens endlich gegen Hitlerdeutschland militärisch vorgingen, wollte er seinen Beitrag leisten. Aus körperlichen und vor allem politischen Gründen wurde er zweimal ausgemustert, vom FBI mehrfach durchleuchtet, verhört und nachtragenden Antikommunisten denunziert.

Klaus Mann befand sich in einer dramatischen Krise, hinter ihm lag ein demütigendes Scheitern mit seiner Zeitschrift Decision, hinzu kamen persönliche Rückschläge, Erkrankunge, die übermächtige Drogensucht und die immer stärker werdenden Todessehnsucht. Seine Schwester Erika ging zunehmend eigene Wege, die gefühlte Isolation wurde stärker, der Hemmschuh zum Suizid fiel weg. Die Teilnahme am Kampf gegen Deutschland sollte für einige Zeit zum Rettungsanker werden.

Klaus Mann erhielt in Uniform Aufschub. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und Teil der US-Streitkräfte. Seine Kriegszeit verbrachte er in Nordafrika und Italien, direkt nach der Kapitulation der Wehrmacht fuhr er nach München, in die zertrümmerte Heimat, zu dem ebenfalls halb zerstörten Wohnhaus der Eltern. Es gebe keine Rückkehr, konstatierte Klaus Mann – man kann sich ausmalen, was diese Erkenntnis beim Strauchelnden auslöste.

Die Biographie ist das erste Buch aus meinem Lesevorhaben 12für2025

Thomas Medicus: Klaus Mann
Ein Leben
Rowohlt Berlin 2024
Gebunden 544 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0154-7

Walter Kempowski: Alles umsonst

Die völlig unvorbereitete Flucht Anfang 1945 kostete Hunderttausende ihr Leben. Kempowski schildert eine Welt, die sich eingesponnen hat in ihre Unwirklichkeiten und die hereinbrechende Realität nur zögerlich annimmt. Das geht über die konkrete historische Situation weit hinaus. Cover btb, Bild mit Canva erstellt.

Unweit von Mitkau, einer kleinen Stadt in Ostpreußen, lag das Gut Georgenhof mit seinen alten Eichen jetzt im Winter wie eine schwarze Hallig in einem weißen Meer.

Walter Kempowski: Alles umsonst

Wer das ostpreußische Städtchen Mitkau auf einer Karte sucht, wird sie nicht finden. Walter Kempowski lässt seinen Roman Alles umsonst zum großen Teil in der Nähe einer erdachten Ortschaft spielen. Realitätsfern ist auch das in die Jahre gekommene Gut Georgenhof, in dem die Personen in Unwirklichkeiten versponnen ihre Tage verleben. Ihre letzten, denn die Handlung führt in den blutigen Januar 1945, in dem Millionen Soldaten und Zivilisten ihr Leben ließen.

Das Gut bewohnen Katharina von Globig, eine zugezogene, verträumte Schönheit, die Gutsbetrieb, Mitkau und der Region fremd geblieben ist. Sie ist verheiratet mit Eberhard von Globig, der wilhelminischem Beamtenadel entstammt und in der Wehrmacht als Offizier Dienst tut: Frankreich, Ukraine, Italien. Etappe statt Front, was sich im Raubkrieg mit wiederholt eintreffenden Paketen mit kulinarischen Köstlichkeiten niederschlägt. Trittbrett fahrende Kriegsgewinnler.

Zur Familie gehört noch das »Tantchen«, Helene Harnisch, eine Anverwandte aus Schlesien, die nach einem Bankrott im Georgenhof Unterschlupf gefunden hat und dort – gegen ein Taschengeld – defacto den Laden in Schuss hält, weil sie im Gegensatz zu Katharina nicht der Wirklichkeit entrückt ist. Sohn Peter ist ganz in seine Kindheit versponnen, seine Schwester Ida verstorben. Peter ist – wie alle anderen im Gut lebenden Menschen – isoliert, kränkelnd gehört er nicht der Hitlerjugend an; von Linientreue kann bei den von Globigs und ihrem Haushalt keine Rede sein.

Kriegsbedingt arbeiten Wladimir, ein Pole, Anna und Vera, zwei von Eberhard selbst angeworbene Ukrainerinnen, auf dem Hof. In einem nahegelegenen, ehemaligen Gasthof hausen zur Zwangsarbeit verpflichtete Europäer verschiedener Herkunft, Kriegsgefangene und Zivilisten. Regelmäßiger Gast im Georgenhof ist Lehrer Dr. Wagner, der sich um Peter kümmert, so lange die Schule für Flüchtlinge zweckentfremdet und geschlossen ist.

Auf der Straße fuhr ein einzelnes Auto in Richtung Mitkau rasch vorüber, dann folgten andere und schließlich Lastwagen, auch Panzer, einer hinter dem anderen, die Glasperlen der Lampe klirrten. Dann trat Stille ein.

Walter Kempowski: Alles umsonst

Die Erzählung setzt am 8. Januar 1945 ein, vier Tage vor Beginn der Großoffensive der Roten Armee, die innerhalb von drei Wochen von der Weichsel bis an die Oder vorrücken sollte. Noch herrscht die Ruhe vor dem Sturm, die niemandem recht geheuer ist, und trotzdem außer vereinzelten besorgniserregenden Gedanken keinerlei Vorbereitungen auf eine Flucht hervorruft. Dabei haben die von Bewohner des Guts schon eine Reisebescheinigung und könnten jederzeit aufbrechen, wo andere endlos auf die Genehmigung warten mussten, die – wenn überhaupt – kam, als es zu spät war.

Besucher kommen ins Haus, ein Ökonom, eine Geigerin, ein Wehrmachtssoldat, Flüchtlinge aus dem Baltikum und dem Osten Ostpreußens; sie erzählen, oft Lügen, machen Andeutungen über die im Osten begangenen Verbrechen, Andeutungen die im Hause von Globig niemand versteht. Die Gäste nehmen Essen und Gesellschaft gern an, sie übernachten dort, stehlen und machen sich wieder von dannen.

Die Leute auf dem Gut leben unter einem Damoklesschwert, das sie zur Kenntnis nehmen könnten; sie tun es nicht, auch wenn sie mit der Nase darauf gestoßen werden. Der Kontrast zwischen der lebensbedrohlichen Lage und der hauseigenen Unwirklichkeit lässt sich weder mit Dummheit, Propaganda noch Angst vor dem NS-Terror erklären, die Ignoranz ist etwas, das weit über die konkrete Situation hinausreicht.

Menschliches Verdrängen im Angesicht einer überwältigenden Katastrophe ist wahrlich ein grundlegendes Phänomen. Ausnahmen bestätigen die Regel, Hannah Ahrendt etwa, die 1940 beim Herannahen der Wehrmacht Chaos und Anarchie unter den französischen Behörden nutzte, um sich von ihrem Internierungslager zu entfernen. Viele andere blieben, warteten ab und starben.

›Sofort die Sachen packen und auf und davon! Ja? Wegfahren, alles stehen und liegen lassen … Gleich morgen früh! … Die Russen kommen!‹

Walter Kempowski: Alles umsonst

Der Leser des Romans weiß, was kommen, was über die Menschen hereinbrechen wird. Immer wieder wird daran erinnert, im Nebensatz, wie willkürlich eingestreut. Ein Fliegeralarm. Zur Front rollende Panzer. Eilig zurückgenommene Front-Lazarette. Gerüchte. Nebensächlichkeiten, beunruhigend, aber auch nur am Rande des vorwärts wälzenden Erzählstroms, den Erinnerungen, Gedanken und Beschäftigungen der Figuren.

Von einer Handlung kann man eigentlich nicht sprechen, eher von Nicht-Handeln. Für einen Leser wie mich ist diese Form hintergründiger Spannung kaum erträglich. Immer wieder möchte man den Personen zurufen, sie aufrütteln, aus ihrem Dornröschenschlaf der unbedarften Weltabgewandtheit wecken. Ein sinnloses Unterfangen, wie man weiß und Autor Kempowski perfide vorführt: Offene Warnungen führen zu groteskem Verhalten.

Erst einmal abwarten; nichts werde so heiß gegessen …; jemand werde schon sagen, was zu tun sei …; Ob man die Vorhänge waschen sollte, alles gründlich saubermachen, bevor man geht? So in etwa sind die grotesk anmutenden Gedankengänge, auch nach der zweiten, dritten Warnung und Ermunterung, schnellstmöglich das Weite zu suchen, sich in Sicherheit zu bringen. Für den Leser frappierend, denn er ahnt schon – nein, er weiß, dass kein gutes Ende naht. Der Titel des Romans, Alles umsonst, sollte unbedingt ernstgenommen werden.

Und der Mann in seinem Versteck dachte an die dunklen Tage, die vor ihm lagen. es war ja eigentlich ganz ausgeschlossen, daß er es schaffen würde.

Walter Kempowski: Alles umsonst

Auf kunstvolle Weise hat Kempowski das Schicksal seiner Figuren mit dem anderer verwoben. Da wären die Ukrainerinnen, Wladimir und die vielen fremden Arbeiter, die Gegenstand von vielen versteckten, subtilen und ganz offenen rassistischen Äußerungen sind, hinter denen sich das Grauen der völkischen Ideologie und des Vernichtungskrieges wie ein gewaltiger Schatten erhebt. Andeutungen reichen, um den Abgrund des Zivilisationsbruchs zu zeigen.

Doch wird ausgerechnet Katharina, die Weltfremde, vom Pastor Mitkaus um eine Gefälligkeit gebeten: Sie sollte für eine Nacht einen vor dem Regime Fliehenden aufnehmen. Als sie den warnenden Anruf ihres Ehemannes entgegennimmt, befindet sich dieser Mann gerade in ihrer Obhut. Beide Schicksalslinien kreuzen sich in dieser ebenso grotesken wie dramatischen Situation, das Leben ist aus mehreren Richtungen bedroht, gerade im Januar 1945, Gestapo, SS und Feldpolizei kennen keine Gnade.

Die Tragödie nimmt ihren Verlauf. Auch als an der Front tausende von Geschützen die Erde im Umkreis von vielen Kilometern zum Beben bringen, können sich die Bewohner des Georgenhofs nicht aufraffen. Die »Flucht« beginnt zur Unzeit, als die rasch vordringenden Sowjets den Weg ins Reich nach Westen bereits abgeschnitten haben. Nur das zugefrorene Haff und der Abtransport über See bieten noch seidenfadene Hoffnung.

Am Straßenrand lagen Tote, manche saßen erstarrt an einem Chausseebaum; Greise, die nicht mehr weitergekonnt hatten, und kleine Kinder.

Walter Kempowski: Alles umsonst

Kempowski schildert die ungeheuerlichen Umstände dieser überstürzten Flucht, das massenhafte Sterben mit unpathetischen, oft lakonischen Worten. Die ungezählten Toten sind Nebensächlichkeiten am Wegesrand, wie ein Echo der vorher nebensächlichen Frontgeräusche. Manche sind erfroren oder an Erschöpfung gestorben, andere wurden erhängt, weil sie angeblich Deserteure, Plünderer, Feiglinge wären.

Gelegentlich blitzt das Motiv der aus Russland durch Ostpreußen zurückflutenden Trümmer von Napoleons Grande Armée im Jahr 1812 auf. 1945 nimmt der Untergang apokalyptische Dimensionen an, eine Götterdämmerung ohne jedes schwülstige Pathos, wie ihn Nationalsozialisten jahrelang heraufbeschworen hatten. Der Tod kommt so gnadenlos und unspektakulär, im Halbsatz, im Nebensatz sterben Kempowskis Figuren.

Von der »Volksgemeinschaft«, einem weiteren wirklichkeitsfernen Propagandastück, ist nichts zu merken. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das gilt auch für »Oberwart« Drygalski, einen stramm linientreuen Nachbarn der von Globigs, der schneidig seine Anweisungen mit einem »zoffort!« würzt. Er lässt seine Frau zurück und macht sich vor der herannahenden Front zurück. Eine wunderbare Figur, die den Leser vom ersten Augenblick an abstößt und über viele Kapitel enerviert. Ganz am Ende des Romans macht ausgerechnet Drygalski eine spontane, völlig unvermutete Tat – und der Leser taumelt schweratmend aus der Handlung.

Der Roman ist das erste Buch aus meinem Lesevorhaben Wiedergelesen – 4für2025

Walter Kempowski: Alles umsonst
btb Verlag 2006
Taschenbuch 384 Seiten
ISBN: 978-3-442-73736-7

Robert Habeck: Den Bach rauf

Das Zitat habe ich bewusst ausgewählt, denn verweist auf den zentralen Aspekt für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands in den kommenden Jahren. Viele kluge und nachdenklich machende Beobachtungen gibt es in dem Buch von Robert Habeck zu lesen. Cover Kiepenheuer & Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Ich nenne Heimat das Land, dessen Problem mich direkt angehen.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Oft musste ich während der Lektüre von Den Bach rauf an Ilko-Sascha Kolwalczuks Freiheitsschock denken. Demokratie und Freiheit sind anstrengend. Bequem kann man es auch in einer Diktatur wie der DDR haben, denn dort wird einem vorgegaukelt, alles werde für einen geregelt. Das funktioniert, bis die Realität die Propaganda überholt, bis alles „den Bach runter“ gegangen ist.

Robert Habecks Schrift Den Bach rauf zielt auf diesen Punkt: Teilhabe. Das meint nicht, auf dem Sofa sitzend und binge-scrollend durch die Dopamin-Paradiese des Internets zu treiben, sondern an der Lösung von Problemen aktiv mitzuwirken. Ohne Aussicht auf Erfolg, wohlgemerkt, denn Probleme lassen sich oft nur teilweise oder auch gar nicht „lösen“, im Sinne von beseitigen.

Frustration ist Teil der Teilhabe. Wer sich also darauf einlässt, wird zwangsläufig mit Misserfolgen konfrontiert. Zu den großen Vorzügen des Buches Den Bach rauf gehört die Ehrlichkeit, mit der Robert Habeck die drohende Überwältigung durch eine Springflut existenziell bedrohlicher Probleme nicht nur nennt, sondern auch zugesteht, dass Gedanken an einen Rückzug dazugehören.

Wenn die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr den Eindruck haben, dass sie auch selbst handeln können – und müssen, droht Resignation. Oder die Erwartung, dass der Staat alle Probleme löst.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Die Erwartung, der Staat könne alle Probleme lösen, wird von anderen durchaus befeuert, Hand in Hand mit schlichten Schein-Lösungen und hausfrei gelieferten Sündenböcken, wenn es – wie zu erwarten – doch nicht klappt. In der DDR waren das „der Westen“ oder die USA, im Dritten Reich „die Juden“ oder „anglo-amerikanische Plutokratien“, heute sind es „die Ausländer“ oder „der Kapitallismus“ oder Bürgergeld-Empfänger.

Dieses Sündenbock-Muster funktioniert auch noch, wenn ganze Städte in Schutt und Asche fallen. Dolchstoß-Legenden, Lügenkaskaden und Schmutzkampagnen funktionieren ebenso, wie Anne Applebaum sagt. Ein Grund ist sicher, weil sie komplizierte, widersprüchliche Probleme verschlichten und bequeme, einfache Schein-Lösungen präsentieren.

Robert Habeck will einen anderen Weg gehen. Er möchte eigene Fehler nicht anderen aufhalsen, aus dem eigenen und fremden Scheitern lernen und unter Einschluss der Bürger herandrängende Probleme lösen. In diesem Sinne stellt er sich zur Wahl, in diesem Sinne ist auch dieses Buch verfasst, das darauf verzichten, vollendete „Lösungen“ zu präsentieren.

Aber in der (Ampel)-Regierung wurde viel Richtiges, ja Überfälliges auf den Weg gebracht.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Fehler der Ampel-Regierung verschweigt Habeck nicht, Nachtreten findet nicht statt, auch bleibt es bei einem – sachlich völlig berechtigten – Hinweis auf die schwerwiegenden, strukturellen Mängel, die aus den sechzehn Merkel-Jahren resultieren. Draufhauen brächte – vielleicht – Stimmen, doch darum geht es in Den Bach rauf nicht.

Ein schönes Beispiel für das Zusammenwirken von Staat und Bürgern ist die Abwehr einer verheerenden Gasmangellage nach dem russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zu den strukturellen Hinterlassenschaften der Merkel-Jahre gehörte die frappierende Abhängigkeit von billigem russländischem Gas, dem bis heute populistische Politiker auch aus Union und SPD öffentlich nachweinen, trotz des offenkundigem Erpressungspotenzials.

Eine Beteiligung der Bürger durch das Einsparen von Gas beim Heizen war zentral, um die drohende Malaise abzuwenden. Es hat funktioniert. Ein Erfolg, der heute, kaum zwei Jahre später, bei vielen in Vergessenheit geraten ist. Ein Zusammenbruch ist leicht zu erkennen, ganz anders ein abgewendetes Desaster – dazu gehört eine gewisse Anstrengung, womit wir wieder am Anfang sind.

Aber die erste digitale Revolution ist fast vollständig an Deutschland und Europa vorbeigegangen, und wenn wir nicht aufpassen, dann wird es mit der zweiten, die der künstlichen Intelligenz, ebenso laufen. Die großen Tech-Konzerne kommen alle aus den USA, China holt nun auf.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Es wird gehandelt. Das ist die gute Nachricht. Es sind nicht alle und das ist auch nicht nötig. Nie macht sich eine Mehrheit auf den Weg, es ist immer nur eine Minderheit, die anderen warten ab und schließen sich dann dem Weg an, der sich durchsetzt. Ermutigung ist wesentlich, insbesondere, wenn sich die Auswirkungen des eigenen Handelns nicht (sofort) zeigen oder die berühmt-berüchtigten Friktionen (Clausewitz) auftreten.

An welchen Stellen Robert Habeck ansetzen will, um die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass Deutschland eine Zukunft hat, wird aus Den Bach rauf deutlich. Es mangelt an Investitionen, die Schuldenbremse muss renoviert und Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden, dass nicht auch die nächste digitale Erneuerungswelle an Deutschland und Europa vorübergehen.

Wird das funktionieren? Es braucht Investitionen und das Bewusstsein, dass Kredite dafür nötig sind. Dem steht der populistische Unfug der „schwäbischen Hausfrau“ und ihrer angeblichen Sparsamkeit gegenüber, was bedauerlicherweise eingängig ist.  Hoffnung gibt, dass es ist nie eine Mehrheit für eine Revolution braucht, sondern eine Minderheit. Das gilt auch für alle anderen Entwicklungen.

Demokratien können sich nicht in schläfriger Sicherheit wiegen. Auch Deutschland ist nicht die uneinnehmbare demokratische, liberale, weltoffene, unerschütterliche Bastion. Wir müssen um und für unseren Rechtsstaat kämpfen und unsere Demokratie verteidigen.

Robert Habeck: Den Bach rauf

Besonders gut haben mir die klaren Worte zum Thema Autokratie, Desinformation und die davon für die Demokratie ausgehenden Gefahren gefallen. Habeck weiß um die Achse der Autokraten, er kennt die Problematik der zersetzenden Strategie „Flood the zone with shit“ (Steve Bannon), der sich auch Teile der Union bedienen und beruft sich unter anderem auf Hannah Ahrendt, wenn es um die Frage geht, wie man sich verteidigt.

Von überwältigender Bedeutung ist das, was Habeck zu Europa sagt. In den vergangenen Jahren ist Deutschland allzu oft einen Sonderweg gegangen, Nordstream (Schröder, Merkel), zögerliche Ukraine-Unterstützung (Scholz); das aufgeregte Gewese um Stromimporte aus Europa (Gas aus Russland war demnach okay) zeigt, wie selbstvergessen mit dem größten Pfund umgegangen wird, das Deutschland hat: die EU.

Der Leser kann dem Buch Den Bach rauf trotz seines handlichen Formats eine Menge bedenkenswerter Idee und Gedanken entnehmen. Wichtig ist: Entschieden ist noch nicht, ob Deutschland den Bach rauf oder runter geht.

Robert Habeck: Den Bach rauf
Kiepenheuer&Witsch 2025
Gebunden 144 Seiten
ISBN: 978-3-462-00896-8

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren

Wegen der dürftigen Quellenlage ist die Beschäftigung mit dem Thema Wikinger gernerell schwierig, im Falle der Frauen dank der patriarchalischen Gesellschaft noch problematischer. Doch treten dem modernen Leser spektakuläre Frauen gegenüber, die ihre Handlungsspielräume genutzt haben.

Ist die Annahme übertrieben, dass fiktionale Werke, vor allem Filme und Serien, das Geschichtsbild stärker beeinflussen als es Schule oder Sachbücher jemals könnten? Im Falle der Wikinger war die Serie Vikings sicherlich prägend. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass Sachbücher zu dem Thema darauf Bezug nehmen, um etwa richtigzustellen oder zu verdeutlichen. So fließen auch in Walküren von Johanna Katrin Friðriksdóttir Hinweise auf Vikings ein, aber auch auf Game of Thrones.

Insbesondere die Darstellung von Lagertha in Vikings hat für Aufsehen gesorgt. Allein die Frage, ob es Schildmaiden gab, bewegte die Öffentlichkeit. Frauen mit Schild und Schwert auf einem für die Wikinger so typischen Raub- und Kriegszug? Ist das reine Fiktion oder war das  Wirklichkeit? Die Filmfigur Lagertha schlüpft sogar in die Rolle eines Jarl, sie steigt zu einer selbstständigen Herrscherin auf. Die Frage nach historischen Frauen in diesen Rollen wird von Friðriksdóttir wird im Falle der Kriegerin mit einem zurückhaltenden »Nein« beantwortet.

Das mag enttäuschen, ein Empfinden, das jenen blüht, die mit überzogenen Erwartungen an die Lektüre von Walküren gehen. Tatsächlich legt die Autorin manche Überlieferung als Beleg protofeministischer Handlungs- und Sichtweisen aus, doch sucht man nach der starken, unabhängigen Wikingerfrau in der patriarchalischen Welt der Nordmänner vergeblich. Die Spielräume für Frauen waren sehr eng, aber es gab Ausnahmen. Gelegenheit schafft Möglichkeiten (und auch den Zwang) zur Verwirklichung eigener Ideen und Absichten.

Es gab zwar nur wenige unabhängige Siedlerinnen, aber die Quellen legen nahe, dass ihre Unabhängigkeit häufig eher den Umständen als einer subversiven Natur geschuldet war.

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren

Aus der Wikingerzeit dringt dröhnendes Schweigen zu uns. Die Quellenlage ist problematisch, von einer historischen »Wirklichkeit« zu sprechen, ist in diesem Fall besonders schwierig. Die Wikinger haben faktisch keine zeitgenössischen Schriften hinterlassen, die Forschung ist auf wortkarge Runensteine, Archäologie, Quellen von Reisenden & Opfern sowie Jahrhunderte später niedergeschriebenen Sagas angewiesen.

Friðriksdóttir widmet sich diesem Problem, ohne den Leser mit den fachtypisch oft spröden Abhandlungen zu quälen. Die größere Lesbarkeit verschleiert nicht den Vorbehalt, unter dem viele Aussagen zwangsläufig stehen müssen. Die Sagas können – wie viele andere mittelalterliche Quellen auch – nicht wörtlich genommen werden. Sie sind aber in manchen Gesichtspunkten Spiegel einer vielfältigen und natürlich auch widersprüchlichen Lebenswirklichkeit. Bestimmte (Alltags-)Muster zu identifizieren ist eine der Absichten von Walküren.

Aus den Sagas lassen sich mittelbar Erkenntnisse ableiten, insbesondere wenn diese sich durch archäologische Funde oder Informationen von Runensteinen stützen lassen. Eine der spannendsten Überlieferungen ist die über eine verwitwete Frau, die Straßen und Brücken »erbaut«, also aus ihrem Vermögen finanziert hat. Sie war keineswegs singulär, von dieser spektakulären Tätigkeit (und dem erstaunlichen Handlungsspielraum) erfährt die Nachwelt von einem Runenstein und aus Sagas.

Ein einzelnes Wort aus einer einzigen Handschrift aus dem 14. Jahrhundert kann jedoch nicht als hinreichender Beleg für die Teilnahme an Schlachten durch Frauen in der Wikingerzeit angesehen werden.

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren

Besonders gut hat mir die Entscheidung der Autorin gefallen, ihr Buch entlang des Lebenszyklus einer Frau in der Wikingerzeit zu strukturieren. In sechs Kapiteln werden die Lebensabschnitte von Säuglingsalter und der Kindheit bis zu Alter und Tod geschildert, eine ebenso einfache wie für dem Leser nahestehende Vorgehensweise. Friðriksdóttirs Ziel besteht darin, die (Handlungs-) Spielräume von Frauen in der Wikingerzeit auszuloten.

Den Anfang bildet eine tolle Einleitung über die titelgebenden „Walküren“ sowie die Göttin Freya. Mir war bis zu dem großartigen Buch Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price unbekannt, dass es neben Odins Walhalla auch noch eine zweite Halle für gefallene Krieger gab: Freyas Sessrumnir. Das ist ein typischer Vorgang, dass der Referenzrahmen der historischen Forschung (Das Geschenk des Orest) zwangsläufig eine Vorauswahl trifft, was gesehen wird und was nicht.

Zumutungen inhaltlicher Art bleiben nicht aus. Wenn es etwa um das Thema Kindertötung geht, wird dem modernen Leser mulmig. Es liegt auf der Hand, dass die Verhältnisse des Aufwachsens vor mehr als eintausend Jahren dramatisch von denen in einer hochtechnisierten Welt verschieden waren. Die bisweilen brutale Fremdheit der Zeit trifft den Leser mit großer Wucht.

Es ist schlichtweg ausgeschlossen, ein Schwert zur Hand zu nehmen und damit auf Anhieb umgehen zu können.

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren

Und wie steht es nun mit Kriegerinnen? Fridriksdóttir behandelt das Thema vielschichtig und differenziert. Wenn es etwa um das berühmte und in der breiten Öffentlichkeit diskutierte Grab in Birka geht, das bis zu einer genetischen Untersuchung wegen der Grabbeigaben als „Kriegergrab“ ausgelegt wurde, wird deutlich, wie schwer eine Einschätzung fällt. Die Person in dem Grab war weiblichen Geschlechts. Der Kurzschluss, es handele sich damit um den Beweis für die Existenz einer „Kriegerin“, liegt durchaus nahe.

Die Autorin hegt diese Auslegung auf mehrfache Weise ein. Da wäre zum einen die verschwindend geringe Zahl an Gräbern, die Frauen mit der Beigabe von Schwertern (drei) und anderen Waffen (siebzehn) beinhalten. Die Interpretation der Grabbeigaben hat sich in jüngster Zeit so weit gewandelt, dass man nicht mehr einfach von der Beigabe auf die Persönlichkeit, Tätigkeit des Bestatteten und seine soziale Stellung schließen kann.

An anderer Stelle geschieht das in Walküren sehr wohl, was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt. Doch sind »Waagen, Textilwerkzeuge und Nähkästchen« sehr viel gewöhnlicher und verbreiteter als ein Schwert (eine seltene Waffe bei den Wikingern), zweitens ist Textilverarbeitung anderweitig hinlänglich bezeugt. Schwieriger wird es bei den mysteriösen Stäben in manchen Frauengräbern, aus denen geschlossen wird, dass es sich um ein »emblematisches Symbol ihrer Rolle und Autorität« als Seherin handelt. Sollte man also analog dazu doch von der Grabbeigabe Schwert auf eine Leben der Toten als Kriegerin schließen?

Moderne Welt- und Menschensichten fließen in die Überlegungen von Fridriksdóttir mit ein. Die klugen Rückschlüsse werden dabei zwangsläufig ein wenig unscharf. Auch wenn die Zeitgenossen nicht das Konzept der „Kriegerin“ kannten, kann man den Begriff heute verwenden, sonst wäre der Begriff Wikinger auch problematisch. Die Frage ist jedoch, nach was wird eigentlich gesucht? Es ist ein Unterschied, ob eine Frau in einer Notlage zur Waffe greift, an einem Raubzug oder einer Landnahme teilnimmt oder gesellschaftlich als „Kriegerin“ auftrat und akzeptiert wurde.

Unsere Kultur ist seit jeher geneigt, Stärke mit Körperkraft und der Fähigkeit zur Unterwerfung anderer zu assoziieren – zumindest in Kontexten wie der Wikingerzeit. Statt unser Verständnis entsprechend anzupassen und zu erweitern, schwärmen wir von Frauen, die „so stark wie Männer“ waren.

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren

Interessanter sind andere Gesichtspunkte, wie das ausführliche Zitat zeigt. Bernhard Jussen hat in seinem Buch Das Geschenk des Orest auf die Bedeutung des Referenzrahmens für die historische Forschung hingewiesen, die zum Beispiel für die Auswahl und Einordnung von historischen Quellen entscheidend sei. Wie das Zitat zeigt, gilt das auch für die Fragen, die an die Vergangenheit gerichtet werden, die darüber bestimmen, was gesucht wird. Wer nach „männlicher“ Stärke bei Frauen sucht, grenzt andere Formen der „Stärke“ aus.

Ganz praktisch wäre zu diskutieren, ob der Rückschluss vom eher zierlichen Körperbau der Toten im berühmten Grab von Birka den Gebrauch eines Schwertes in der Schlacht ausschließt oder nicht. Völlig zurecht verweist Friðriksdóttir darauf, dass man nicht einfach ein Schwert in die Hand nehmen und kämpfen kann – jedenfalls nicht im Sinne eines ausgebildeten Kämpfers.

Das gilt auch für das Schild und besonders für Kampftaktiken á la Schildwall. Die Ausbildung kostete Zeit, die Frauen nicht hatten. Sie hatten in der Welt der Wikinger allein durch ihre Fruchtbarkeit wesentlich schlechtere Voraussetzungen, eine Ausbildung zur Kriegerin zu durchlaufen. Allerdings sollten die Schildmaiden laut Sagas unverheiratet sein, was dem Argument etwas Durchschlagskraft entzieht.

Für die überwältigende Mehrzahl der Männer der damaligen Zeit galt auch, dass sie keine »Zeit« zur Kampfausbildung hatten. Diese Männer waren demnach auch keine Krieger in sozialer Hinsicht, was nicht heißt, dass sie nicht gekämpft haben. Zu allen Zeiten haben unausgebildete und schlecht bewaffnete Kämpfer auf den Schlachtfeldern gefochten. Kämpfen allein macht noch keinen Krieger oder Kriegerin im Sinne eines sozialen Status. 

Das ausführliche Beispiel verdeutlicht die Schwierigkeiten, mit denen die historische Forschung beim Thema Frauen in der Welt der Wikinger zu kämpfen hat. Einfache Antworten verbieten sich, der Leser muss letztlich aushalten, dass viele Dinge ungeklärt und widersprüchlich bleiben. Das allein macht das Buch wertvoll, gerade in einer Gegenwart, die von Weltverschlichtern geradezu überrannt wird. Walküren zeigt aber auch spektakuläre Frauengestalten, etwa die im berühmten Oseberg-Schiffsgrab bestatteten Frauen, die ein geheimnisvoller Schleier der Ungewissheit um gibt.

[Rezensionsexemplar]

Johanna Katrin Friðriksdóttir: Walküren
Frauen in der Welt der Wikinger
Aus dem Englischen von Franka Reinhart und Viktoria Topalova
C.H.Beck 2024
Gebunden 306 Seiten
ISBN: 978-3-406-81754-0

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