Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Rezension (Seite 19 von 49)

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Es ist und bleibt für mich der einzige wirklich gute Fantasy-Roman, den ich kenne. Zu Weihnachten 2023 gab es diese wunderschöne Prachtausgabe des englischen Originals. Die Lektüre ist für mich mittlerweile mehrstimmig – Deutsch, Englisch, Film und Computer-Spiel überlagern sich.

Unter dem Weihnachtsbaum lag sie: die Prachtausgabe des The Lord of the Rings von J.R.R. Tolkien. Sie ist wunderschön, allein die Haptik der gebundenen Bücher, das Papier, die Motive auf den Schutzumschlägen wie auch die Illustrationen innen. Eine wahre Pracht. The Hobbit ist als viertes Buch im Schuber auch mit dabei, den habe ich aber schon einmal auf Englisch gelesen. Also konnte ich gleich mit der Lektüre von The Lord of the Rings beginnen.

Mittlerweile lese ich Tolkien Opus Magnum »mehrstimmig«, es überlagern sich Bilder und Stimmen aus ganz verschiedenen Medien, die ich im Laufe der vergangenen vierzig Jahre zu Der Herr der Ringe gelesen, gesehen, gehört und gespielt habe. Alle begleiteten meine Lektüre von The Lord of the Rings und sorgten manchmal für ein kurioses Durcheinander in meiner Vorstellungswelt.

Am Anfang meines Lese-Weges mit dem einzigen Fantasy-Abenteuer, das ich wirklich mag, bildete Der Herr der Ringe in der Übersetzung von Margaret Carroux. Mit elf oder zwölf Jahren habe ich den Dreiteiler erstmals gelesen, danach immer wieder, sogar einmal laut vorgelesen (eines der schönsten Weihnachtgeschenke überhaupt). Jede Lektüre dieser deutschen Version des Ringkrieges ist so etwas wie eine Heimkehr gewesen.

»Fly, you fools!«

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Die Filmtrilogie von Peter Jackson habe ich auch mehrfach gesehen, auf Deutsch und Englisch. Sie hat die stärksten Bilder hinterlassen, aber auch den meisten Ärger verursacht. Wann immer ich das Buch lese, wundere ich mich über die Veränderungen im Film, die dem Werk Tolkiens einen beträchtlichen Teil seiner Wirkung rauben. Warum? Um Arwen eine kleine, sinnfreie Nebenrolle zu gewähren? Für ein paar billige Show-Effekte? Ein schönes Beispiel dafür sind die Wurfmaschinen des Ork-Heeres: Bei Tage werden Steine, nachts Brandgeschosse auf Minas Tirith gefeuert.

Die schönsten Bilder Mittelerdes kenne ich aber aus einem Computerspiel: Der Herr der Ringe online. Mit meinem Hauptmann habe ich ein paar Jahre die Gegenden von Bree bis Bruchtal, von Forochel bis Pelagir unsicher gemacht. Lange ein großes Spektakel, bis das MMOG schließlich seinen Reiz verlor, ein Schicksal, das bislang noch jedes Spiel dieses Genres ereilte.

Aber die Landschaft! Unglaublich schön gestaltet. Auf der Wetterspitze habe ich mit meinem Avatar manchmal einfach nur so gestanden und in die Gegend geschaut und »mein« erster Ritt nach Minas Tirith bleibt unvergessen. Durch das Spiel habe ich während der Lektüre immer wieder das Gefühl gehabt, schon einmal selbst vor Ort gewesen zu sein. Das gilt vor allem für die wunderbaren Städte, aber auch Moria, Lothlorien, weniger für Fangorn, dessen uralt-boshafte Düsternis nicht einmal im Ansatz spürbar war.

Beim Lesen immer dabei: Historischer Atlas von Mittelerde von Karen Wynn Fonstad. Man kann auf den Karten die Wege der Gefährten, die Orte, die Schlachten usw. wunderbar verfolgen, für mich ein gesteigertes Vergnügen, nicht nur, weil ich generell gern einen Atlas hinzunehme, wenn ich einen Roman mit historischem Inhalt lese, sondern weil sich hier aus meiner Sicht eine der großen Stärken von The Lord of the Rings offenbart – das führte hier aber zu weit.

Don´t use it!

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Meine erstmalige Lektüre der englischen Version fühlte sich insgesamt eher wie ein Erstlesen an, denn wie ein erneutes Lesen. Durch die englische Sprache wirkt das so vertraute Geschehen überraschend fremd, die Namen der Personen und Orte hingegen direkter und gleichzeitig in gewisser Hinsicht poetischer. Das mag Einbildung sein, hervorgerufen durch die häufigen Lektüren der deutschen Version.

Kurioserweise habe ich wieder einige inhaltliche Aspekte zum ersten Mal wahrgenommen. Das kann aber auch ein Irrtum sein, nicht ausgeschlossen, dass ich diese einfach vergessen habe. Da wäre die Anweisung Gandalfs an Frodo, den Ring unter keinen Umständen zu benutzen. Frodo kann dem drängenden Rat erstaunlich häufig trotzdem nicht widerstehen, als er auf dem Weg von Hobbingen nach Bruchtal ist.

Das bereitet natürlich das Ende am Schicksalsberg vor, dessen Gestaltung nach wie vor meine Begeisterung weckt, wie beim allerersten Lesen. Auch der Hobbit scheitert und ausgerechnet das Mitleid, die barmherzige Tat gegenüber Smeagol, dem verlogenen, niederträchtigen Gollum schafft die Voraussetzung, dass dieser gegen seinen Willen alles rettet. Dieser Kniff nötigt mir noch Jahrzehnte nach der Erstlektüre höchsten Respekt ab.

Aber das Scheitern des Helden auf seinem ersten Weg ist Teil des Lernprozesses, der überhaupt zum Erfolg der Gemeinschaft des Ringes oder der gerade noch abgewendeten Katastrophe bei den Rauros-Fällen beiträgt: Nur weil Frodo selbst erlebt hat, wie der Ring einen Hobbit seinen Willen aufzwingen kann, kann dieser – im Gegensatz zu Boromir – wirklich verstehen, dass Elrond recht hat. Nur darum kann er die Gefahr, die von dem Sohn Denethors, aber auch allen anderen der Gemeinschaft ausgeht, richtig einschätzen und die entsprechende Konsequenz daraus ziehen.

»Lord Smeagol? Gollum the Great? The Gollum

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Die Charakterentwicklung nicht nur Frodos und Sams ist Teil des Spiels, das Tolkien mit seinen Lesern spielt. Es geht um Annahmen, Vorurteile, Grenzen des Einschätzungsvermögens, das Fallenstellen, gewollt und ungewollte (Ab-)Lenken der Aufmerksamkeit, Sichtlinien, hinter denen sich für den Gegner im Verborgenen liegende Dinge abspielen.

„Sicht“ bezieht sich keineswegs nur auf das physischer Sehen,  sondern  das Vorstellungsvermögen, die Auslegung dessen, was man sieht. Sauron kann sich nicht einmal in seinen dunkelsten Träumen vorstellen, dass jemand den Ring vernichten wollte und ihn mit dem schwächsten denkbaren Wesen direkt in das Herz  der Dunkelheit ziehen lässt. Auch für Saruman ist das undenkbar.

Sie haben ja auch nicht unrecht, wie sich am Beispiel Boromirs zeigt. Vielleicht hätte der Ring am Ende auch andere überwältigt, ganz sicher Denethor, der im Buch zwar nicht ein Zehntel so närrisch und einfältig auftritt, wie im Film, aber wie Sauron und Saruman auf dem Pfad der Macht wandelt.

But the only measure that he knows is desire, desire for power; and so he judges all hearts.

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Als ich das Fantasy-Epos Der Herr der Ringe 1981/82 das erste Mal gelesen habe, war ich überwältigt. Das giftgrün gefasste Buch im gleichfarbigen Schuber war wie ein literarischer Komet, ein mächtiger Einschlag, der ein Beben auslöste, wie es kein einziger Roman des Genres danach auch nur ansatzweise vermochte. Allein der geniale Showdown, dem so wunderbar der Weg bereitet wird, macht Der Herr der Ringe zu etwas Besonderem.

Doch ist es eine Nebensächlichkeit, die seinerzeit ein Gefühl auslöste, an das ich mich beim x-ten Wiederlesen erinnere, genauer gesagt: nachempfinde. Eine Art Kaminfeuer-Wärme, wohlig und angenehm, als ich die entsprechende Stelle gelesen habe: Frodo im Gespräch mit Gloin in Bruchtal, beide sind freundlich, deuten an, verweigern zugleich, alles zu offenbaren, was den anderen interessiert, vertrösten einander auf später. 

Das hat seinerzeit eine mächtige Welle an spannungsgeladener Vorfreude ausgelöst, denn natürlich wollte ich wissen, was hinter diesen kargen Worten steckte, hinter dem Vertrösten auf später; und ebenso natürlich galoppierte die Phantasie davon, ins Ungefähre, eine erwartungsvolle Jagd hinein in eine Welt voller Abenteuer. Und so ist es auch heute, auch wenn ich selbstverständlich im Detail weiß, was folgt, erzählt und verschwiegen wird.

Ich bin sicher, dass viele Leser des Der Herr der Ringe solche Stellen kennen, die zweifelsfrei nicht für andere in der individuellen Weise nachvollziehbar sind. Das gehört für mich zu den großen Qualitäten des Romans. Tolkien hat sein Werk auf einem derart gewaltigen Gedanken-Fundament errichtet, dessen Macht und  Wirkung auf jeder Seite des Buchs spürbar ist. Das verleiht dem Geschehen Tiefe, während andere Bücher das bestenfalls vorschützen, was The Lord of the Rings tatsächlich verkörpert.

A Ring of Power looks after itself.

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Es gibt Leser, die es nicht schaffen, das Buch durchzulesen. Sie verheddern sich in den kruden Erzählungen der ersten Seiten, in denen es um ein Fest geht – wenn bei Gegenwartsliteratur gewöhnlich die Leser durch irgendeine Actionszene gefangen werden, wird in The Lord of the Rings erst einmal Abseitiges verhandelt: ein Geburtstag. Ein besonderer Geburtstag eines absonderlichen Auenlandbewohners, aber eben nur ein Geburtstag.

Ganz gemächlich träufelt Tolkien in homöopathischen Dosen Gefahr in seine Geschichte, die sich immer wieder Auszeiten nimmt, Landschaften beschreibt, Gedichte und Lieder rezitiert, während gegessen, getrunken oder viel hobbitscher Unsinn geredet wird. In dem Rhythmus geht es weiter, dabei steigern sich die Gefahrendosen peu á peu; als die Hauptfigur erstmals wirklich bedroht ist, geschieht dies indirekt – über eine seltsam zischende Stimme.

Fast unbemerkt entfaltet die Erzählung das Geflecht paralleler Handlungen, von denen die Personen bestenfalls etwas ahnen oder einfach nichts wissen, aber die Auswirkungen dieser Taten zu spüren bekommen. Der Leser ahnt schon beim ersten Lesen, dass hinter den unverständlichen Dingen mehr steckt. Aber was? Statt die Spannung dann endlich in die Höhe zu treiben und aufzulösen, geht es zu der wohl seltsamsten Figur im ganzen Buch, Tom Bombadil, bei dem man sich immer fragt, was der wohl dort überhaupt zu suchen hat.

Tolkien nimmt sich in seinem Der Herr der Ringe erzählerische Freiheiten heraus, die im Verlagsbetrieb der Gegenwart schwerlich denkbar sind und mit ziemlicher Sicherheit abgeschliffen würden. Vielleicht würde der Roman damit »leichter« oder »angenehmer« zu lesen sein, aber ist das eigentlich ein Qualitätsmerkmal? Brei ist schließlich auch leichter essbar als ein Mehrgängemenü.

»And those who have no swords can still die upon them.«

J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings

Frappierend fand ich aber, wie viel in dem Buch über meine eigene Gegenwart erzählt wird. Das Zitat ist nur ein Beispiel von vielen, das eine brandaktuelle Frage berühren. Die allgemeine Lage, ein immer stärker drohender Krieg, das Verleugnen, die machtgesteuerten Doppelspiele, der Wille oder Unwille, den Kampf aufzunehmen, Verrat und Treue, das alles ist im The Lord of The Rings elementarer Bestandteil der Handlung und zugleich der Gegenwart Europas. Vielleicht auch seiner Zukunft.

J.R.R. Tolkien: The Hobbit & The Lord of the Rings Boxed Set: Illustrated edition
Illustrations by Alan Lee
Harper Collins 2020
Gebunden im Schuber 1601 Seiten
ISBN: 978-0008376109

Harald Jähner: Wolfszeit

Ein Buchcover von 'Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen 1945-1955' von Harald Jähner. Das Cover zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto einer zerstörten Stadt mit Schienen und einem einsamen Fußgänger, der eine Straße entlanggeht. Im Vordergrund des Buchcovers steht der Titel 'Wolfszeit' in großen roten Buchstaben. Ein Zitat auf dem Bild lautet: 'Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.'
Die Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten wurden im restlichen Deutschland nicht mit offenen Armen empfangen. Cover Rowohlt-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Bei einem meiner üblichen Besuche der hiesigen Stadtbibliothek bin ich auf den Bildband Wolfszeit. Ein Jahrzehnt in Bildern. 1945 – 1955 gestoßen. Nach der Lektüre von Harald Jähners begeisterndem Buch Höhenrausch. Das kurze Leben zwischen den Kriegen wollte ich ohnehin auch sein Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 lesen, somit bot sich eine sehr passende Gelegenheit. Das Sachbuch habe ich teilweise gehört, teilweise im ebenfalls ausgeliehenen Buch gelesen, allein wegen der Bilder sollte man zum Gedruckten greifen.

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die »Niemandszeit« zwischen dem Ende des so genannten »Dritten Reichs« und der Gründung von Bundesrepublik und DDR 1949 wird auf vielen Feldern ergründet. Das Bild, das sich bietet, ist überraschend vielfältig und bricht mit dem Grau, das die kollektive Erinnerung zeichnet, die auf einer eher stiefmütterlichen Behandlung dieser Phase in Wissenschaft und Lehre beruht. Autor Jähner führt das auf die fehlende institutionelle Verankerung des Zeitabschnitts infolge der Abwesenheit von Staat und Regierung zurück, die in der nationalstaatlich geprägten Historiographie aber entscheidend gewesen ist.

»Niemandszeit« legt einen Zeitraum nahe, in dem etwas noch nicht ganz zu Ende gegangen ist und etwas Neues noch nicht richtig angefangen hat. Die berühmte »Stunde Null«, ein hoch umstrittener Begriff, würde also im Grunde genommen zu einem »Vier Jahre Null«, ehe die Bundesrepublik Deutschland und die DDR ihre Staatsgeschäfte aufnahm und der Kalte Krieg ins Rollen kam.

Zwei sehr gegensätzliche Gruppen bildeten die Masse der Trecks: die Displaced Persons und die Vertriebenen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Jähner begibt sich mit Wolfszeit mitten hinein in dieses geschichtliche Niemandsland, das unzählige Biographien geprägt hat. Teilweise sind die Befunde, die der Autor liefert, schockierend. Von »Null« im Sinne einer Stille und Abwesenheit von Dramatik und Bewegung kann überhaupt keine Rede sein. Mehrere Millionen Menschen waren nach der Kapitulation der Wehrmacht nicht dort, wo sie hingehörten.

Zwangsarbeiter, KZ-Insassen, entlassene Wehrmachtssoldaten, Kriegsgefangene der Alliierten, Vertriebene Deutsche – rund die Hälfte aller Menschen auf dem verbliebenen deutschen Boden lebte unterwegs. Man sollte sich die Zahlen immer wieder vor Augen führen. Wer sollte diese gewaltige Masse Menschen geordnet nach Hause, in ein neues Leben oder auch nur unter ein Obdach führen. Die Alliierten waren völlig überfordert, wenn zum Beispiel nur 21 Soldaten 45.000 Kriegsgefangenen gegenüberstanden.

Der Umgang mit den Menschen war sehr unterschiedlich, doch bleibt bei der Lektüre ein wiederkehrendes Motiv hängen, dass sie überwiegend höchst unwillkommen waren. Bei den zwangsweise Eingesperrten war unklar, wie sie sich gegenüber den Deutschen verhalten würden. Das unmenschliche Lagerleben zog eine Verrohung ihrer Insassen nach sich, der Hass auf alles Deutsche war allein angesichts der wahllosen Massenmorde an Zwangsarbeitern gegen Kriegsende wenig verwunderlich.

Es kam zu geradezu grotesken Situationen, wenn etwa Alliierte und Deutsche die Lager bewachten, in denen jene noch immer ausharren mussten, die schon vorher darin gesessen hatten. Das war nicht unbedingt böser Wille, im Gegenteil, denn tatsächlich gab es Überfälle, Plünderungen, Morde an Deutschen, die als Freiwild galten. Überraschend auch, wie lange sich manche Lager für DPs gehalten haben und – weniger überraschend – wie schnell klar war, dass unter der gewaltigen Zahl der von den Nazis ins Lager gepressten Menschen sich antisemitische Abgründe auftaten.

Die jüdischen DPs brauchten eigene Lager, nach Pogromen in Polen kamen neue Juden nach Deutschland und in die Lager, um nach Israel zu gelangen, was kurzfristig unmöglich war. Die Neuankömmlinge sorgten unter den jüdischen Überlebenden aus Deutschland für abweisende Reaktionen und saßen dank der Verschiebung der Grenzen in Osteuropa einstweilen ausgerechnet im Täterland fest. Sie waren heimat- und staatenlos geworden.

Nicht jeder wollte wieder zurück. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Stalins Werktätigenparadies weigerten sich zum Teil heftig gegen die unter den Alliierten vereinbarte Rückführung. Es wurde teilweise Gewalt angewendet, um die Verweigerer zur Ausreise zu bewegen, was oft wenig nutzte, denn im Archipel Gulag der Sowjetunion blühte diesen Menschen ein düsteres Schicksal: Zwangsarbeit und Lagerleben unter dem Vorwand, ein Verräter und Nazi-Kollaborateur zu sein.

Diese Abschnitte geben nur einen winzigen Teil dessen wider, was Jähner zu dem Thema schildert. Es macht aber deutlich, wie vielschichtig die Lage nach dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« gewesen ist. Das betraf auch die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, die zweite große Gruppe unter den Trecks auf der Straße.

»Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesier, Pommern und Bessarabiendeutsche – alles “Polacken”.«

Harald Jähner: Wolfszeit

Mit „Polacken“ wurde von dörflich-bäuerlicher Bevölkerung alles bezeichnet, was aus den verlorenen Ostgebieten oder deutschen Siedlungsgebieten in anderen Staaten in die restlichen deutschen Gebiete flüchtete. Das ist purer Rassismus – gegen Weiße, wohlgemerkt, der noch ganz andere Abgründe zeitigte. In bester Kontinuität sorgte man sich um Rassenschande, man hieß die Zugezogenen „Zigeunerpack“, deren katastrophaler körperlicher Zustand sorgte die Spezifizierung als „40-Kilo-Ziegeuner“.

Wirklich unheimlich ist, was ausgerechnet aus den Reihen der dänischen Minderheit über die Vertriebenen gesagt wurde. Jähner schildert die Äußerungen eines dänischen Journalisten namens Tage Mortensen, der allen Ernstes von einer »Mulattenrasse« sprach. Weniger überraschend sind die Abwehrreflexe aus den Kirchen, die durch die andersgläubigen Zuwanderer bedroht werde. Hetzreden wurden auch von Politikern geschwungen, Vertreibungsphantasien blühten, von »Blutschande« war die Rede und einer erneuten Vertreibung nach Osten.

Die Landbevölkerung zeigte sich von ihrer ganz besonders herzlichen Seite. Auf alliierten Druck mussten die freistehenden Räume den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden. Das waren Millionen. Zu den krassen Reaktionen gehörte die Tötung eines Flüchtlings nebst seiner drei Kinder, doch auch die Normalität war beschämend, wenn es um die menschenunwürdige Auswahl der Aufzunehmenden durch die Bauern ging. Die Kräftigsten und Schönsten ins Töpfchen, der Rest unter höhnischen Bemerkungen ins Kröpfchen.

Es ging zu wie auf dem Sklavenmarkt.

Harald Jähner: Wolfszeit

Aber bei dieser Schilderung bleibt Jähner nicht stehen. Einer der großen Vorzüge des Buches liegt darin, dass die – teilweise positiven – Folgen der massiven Zuwanderung nicht unerwähnt bleiben. Die abgeschlossenen Dörfer mit ihrer Bevölkerung wurden quasi über Nacht vielfältig, gleichzeitig brachen die überkommenen, dumpfen, rückständigen Gewohnheiten wenigstens teilweise auf, sie erzwangen eine »Entprovinzialisierung«, waren »Agenten der Modernisierung«.

An dem Beispiel wird deutlich, wie widersprüchlich die Entwicklung gewesen ist. Das gilt für nahezu alle Bereiche, die Jähner in seinem Beispiel anführt, von einigen wenigen wie der Massenvergewaltigung deutsche Frauen durch die Angehörigen der Roten Armee einmal abgesehen, von der bis zu zwei Millionen Frauen betroffen waren. An diesem Krieg gegen die Frauen gibt es nichts Widersprüchliches, es ist ein lange verschwiegenes, grausames Verbrechen.

Im Westen war die Lage glücklicherweise anders. Zwar gab es auch hier umfangreiche Vergewaltigungen (wie zum Beispiel George Orwell berichtete), aber nicht in dem monströsen Ausmaß des Ostens. Stattdessen wurde fraternisiert, obwohl das von den Alliierten untersagt worden war. Der Leser von Wolfszeit lernt den Typus der »Veronika Dankeschön« kennen – ein Wortspiel, denn die Initialen VD stehen für Venereal Disease, Geschlechtskrankheit.

Jähner räumt mit dem Vorurteil auf, es ginge bei den Beziehungen von deutschen Frauen und alliierten Soldaten nur um materielle Vorteile, eine Art Versorgungsbeischlaf. Es hat einige Zeit gedauert, bis sich die üblen Vorwürfe gegen diese Liebeleien endlich entschiedenem Widerspruch entgegensahen. Jähner verweist auf das zutiefst bigotte Kuriosum, dass der annoncierte Wunsch nach einer Einheiratung in eine Metzgerei akzeptiert war, während die kalkulierte Nähe zu einem alliierten Soldaten als Hurerei und Volksverrat beschimpft wurde. Dabei zeigen allein die vielen Ehen deutscher Frauen mit amerikanischen Soldaten, dass es eben um viel mehr als opportunistische Erwägungen ging.

Es war Veronika Dankeschön, die den dicksten Schlussstrich unter die Vergangenheit setzte, mit Haut und Haaren und nicht selten sehr liebevoll.

Harald Jähner: Wolfszeit

Der viel beschworene »Schlussstrich« wird in Wolfszeit selbstverständlich auch in seiner vielgestaltigen Form thematisiert: Tanzwut, Karneval (es bleibt einem wirklich nichts erspart), aber auch der lange, zähe Weg vom Schwarzmarktraubtier und gewieften Plünderer zum Wirtschaftwunder-Rackerer der Generation Käfer wird nachgezeichnet. Jähners Akzente sind bemerkenswert: Beate Uhse und ihr äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell, das vehement angefeindet wurde, vor allem, weil sie eine Frau war.

Überhaupt war die Entwicklung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in den Jahren nach 1945 sehr interessant. Jähner These, wie sich die Männer ihre Vormachtstellung zurückeroberten, ist bemerkenswert. Der Mythos der Trümmerfrau ebenfalls, weil er sich so zäh hält, während die völlige Entfremdung durch den Krieg und die eigenständig und selbstbewusst handelnde Frau zu massiven Konflikten mit den Rückkehrer führten.

Schwer erträglich ist der Umgang mit Mädchen gewesen, die als »gefallen« galten, sprich als Minderjährige Sex hatten. In den berüchtigten Erziehungsheimen erwartete sie ein drakonisches Regiment, das man getrost als Terror bezeichnen kann. Einen Grund für diesen unmenschlichen Umgang beschreibt Jähner so: 

Das Schreckgespenst »verwahrloster Mädchen« löste Phobien in den Behörden aus, die heute als geradezu krankhaft erscheinen.

Harald Jähner: Wolfszeit

Ärgerlich sind an Jähners äußerst anregendem Buch nur wenige Dinge: »Die Russen hatten durch den Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verloren.« »Die Sowjets« oder »Sowjetunion« wäre die richtige Formulierung gewesen, ein Vielvölkerstaat, in dem Millionen Ukrainer, Belarusen, Letten, Esten, Litauer usw. durch den Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS ihr Leben lassen mussten. Der synonyme Gebrauch von »Russe« und »Sowjetbürger« verbot sich im Grunde genommen schon immer, angesichts der großen Qualitäten von Wolfszeit bleibt dieser sprachliche Missgriff ein Mysterium.

Davon einmal abgesehen ist Wolfszeit ein großartiges Buch, das die Dimension der Umwälzungen nach dem offiziellen Ende der Kriegshandlungen spürbar macht. Entwurzelte, Frauen, Liebe, Kultur, Enttrümmerung, Hunger, Schwarzmarkt, die seltsame Entnazifizierung, Displaced People, Lagerleben auch Jahre nach dem Krieg, Wirtschaftswunder, Währungsreform – so viele wichtige Themen werden auf gekonnte Weise erzählt und mit ausdrucksstarken Bildern untermalt.

Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungstermin: 15.09.2020
264 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0101-1

Harald Jähner: Wolfszeit
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erscheinungstermin: 15.09.2020
480 Seiten
ISBN: 978-3-499-63304-1

Matz, Jörg Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele

Die Graphic Novel erzählt die Geschichte von Josef Mengeles Entkommen nach dem Krieg, nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez. Cover Knesebeck-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Manchmal sieht man sie noch, die Landmaschinen aus dem Hause Mengele. Einen Schnappschuss konnte ich vor einigen Jahren während eines Spaziergangs machen, der Namenszug prangt auf dem Anhänger: Mengele. Ich habe ihn während meines Lebens häufig gesehen, schließlich habe ich einige Jahre auf dem Land leben müssen; nie aber habe ich Mengele mit Josef Mengele in Verbindung gebracht.

Aufgenommen bei einem Spaziergang im Raum Göttingen.

Das hat der Roman Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez geändert, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Vorstellen möchte ich hier aber die gleichnamige Grafic Novel, die genauso lesenswert ist, wie ihre Vorlage. Sie erzählt eine Geschichte, wie sie gar nicht so selten vorgekommen ist, die Flucht eines verbrecherischen Nazis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Mit Josef Mengele verbinden sich schauderhafte Verbrechen, begangen im Konzentrationslager Auschwitz. Die werden in der Graphic Novel in wenigen eingestreuten Rückblenden angedeutet, jedoch nicht im Detail ausgeführt. Ebenfalls wird nur am Rande erwähnt, dass Mengele an der Ostfront einige Zeit in der Waffen-SS-Division „Wiking“ kämpfte und es bis zum SS-Hauptsturmführer brachte.

Der Fokus liegt auf dem Verschwinden von Kriegsverbrechern nach dem Krieg. Mit Hilfe verschiedener Netzwerke konnten Nazis aus Deutschland und Europa verschwinden, die so genannte „Rattenlinie“ ist ein geläufiger Begriff. In Argentinien fand Mengele dank des nazifreundlichen Diktator Peron wie viele andere namhafte NS-Größen Aufnahme. Verblüffend, mit welcher Offenheit das geschehen ist.

Man kennt sich, man trifft sich. Auch der Ranghöchste unter ihnen, Adolf Eichmann, tritt dort ganz offen auf, hält Hof wie ein Star und vergibt Autogramme. Mengele ist von dem Leichtsinn entsetzt, hält Eichmann für gefährlich und die ihn umgebenden Männer für Idioten.

Denn das „Verschwinden“ erweist sich nicht als Spaziergang. Statt eines neuerlichen Anlaufs zur Errichtung eines Nazi-Reiches festigt sich die Demokratie in Deutschland, in Argentinien wird der Diktator Peron gestürzt, Fritz Bauer und der israelischen Mossad heften sich auf die Spuren der geflohenen Nazis und erwischen Eichmann. Mengele jedoch nicht.

Die Graphic Novel ist nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez gestaltet. Beide Bücher sind Bibliotheks-Funde, die Bedeutung von Bibliotheken für mein Leseleben ist unschätzbar.

Er kann sich über viele Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung aus der Heimat verlassen, die Firma Mengele macht nach dem Krieg glänzende Geschäfte. Trotz vieler Unbilden, der stets wachen und wachsenden Angst vor Verfolgung, die in paranoider, aber durchaus berechtigter Furcht vor seinen Häschern bleibt Mengele letztlich unbehelligt.

In seinem Versteck sieht er mit Verbitterung, wie viele ehemalige Nazi-Täter in der Bundesrepublik Karriere machen, während er in einem abgelegenen Kaff in Uruguay leben muss; seine akademischen Titel wurden aberkannt, sein Mentor macht Karriere als Professor in Münster. An Auschwitz verdienten viel Personen, Firmen und Institutionen und blieben unbehelligt.

Mengele versinkt in seinem Versteck in selbstgerechte Verbitterung, doch wirft sie auch einen langen Schatten auf das Nachkriegsdeutschland, das es sich der Frage von Schuld und Verantwortung recht leichtfertig entledigte. Es weist auf den moralischen Kern von Das Verschwinden des Josef Mengele, der selbst ernannte »Exportweltmeister in Vergangenheitsbewältigung« recht dunkle Flecken auf seiner Weste.

Die Geschichte, die Guez in seinem Roman sowie Matz und Maillet in ihrer Graphic Novel erzählen ist ein schwarz leuchtendes Beispiel für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern jener Nazis, die aberwitzige Verbrechen begingen und davonkamen, unterstützt und geschützt wurden. Für die Bestrafung aktuell begangener Kriegsverbrechen verheißt das nichts Gutes.

Matz, Jorz Maillet: Das Verschwinden des Josef Mengele
Nach Olivier Guez
Knesebeck 2022
Hardcover 192 Seiten
ISBN: 978- 3-95728 -756-4

Meron Mendel: Über Israel reden

Über Israel wird hierzulande viel zu viel geredet und zu wenig anderen zugehört. Ein Streifzug durch Abgründe einer immer grotesker werdenden Debatte, die der Lösung des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern in keiner Weise verpflichtet ist. Cover Kiepenheuer&Witsch, Bild mit Canva erstellt.

Am 07. Oktober 2023 verübte die Hamas einen umfassenden Terrorangriff auf Israel. Meron Mendels Buch Über Israel reden erschien gut ein halbes Jahr vor dieser unmenschlichen, grausamen und propagandistisch umfassend orchestrierten Attacke. Was im Gefolge dieser mitleidlosen Schlächterei an Zivilisten geschah, hat mich persönlich fassungslos gemacht.

Offener und versteckter Antisemitismus, Israelfeindlichkeit (was nicht dasselbe ist, wie Mendel darlegt) verbunden mit Äußerungen, die frei von Empathie waren, dafür voller ideologischer Formeln, menschenfeindlicher Phrasen und Versuchen der Instrumentalisierung. Es erschien allein wichtig, sich zu positionieren, Haltung zu zeigen, sich von der eigenen Anhängerschaft beklatschen zu lassen und anders Denkende als »Feinde« zu diffamieren und zu behandeln.

Aktuell gib es kaum noch einen Raum, in dem man die Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten offen analysieren könnte – jenseits von ideologischen Festlegungen und Vorurteilen. Derzeit scheint der einzige Zweck einer Debatte darin zu bestehen, die jeweils eigene Position zu verkünden, von Fans bestätigen zu lassen und die Ansichten des Gegners zu delegitimieren.

Meron Mendel: Über Israel reden

Mittlerweile hat sich mein Bild etwas geklärt, was vor allem an dem Buch von Mendel liegt. Der Autor unternimmt eine weite Reise in den Abgrund, er beschreibt und analaysiert eine ganze Reihe von Dingen, wie sie im Gefolge des Terrors zu erleben waren. Der Untertitel Eine deutsche Debatte verrät seinen Schwerpunkt, dennoch ist es auch dann hilfreich, wenn man auf Äußerungen von Greta Thunberg, linken US-Demokraten, Promis aller Genres usw. stößt.

In Deutschland geschieht der Umgang mit Israel wegen des Holocaust sehr speziell. Mendel geht auf den historischen Umgang mit der Judenverfolgung und -vernichtung ein, er befasst sich mit dem Wandel, der sich in den zurückliegenden siebzig Jahren vollzogen hat. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich linke Positionen teilweise soe veränderten, dass sie konsensfähig mit dem wurden, was auf ultrarechter Seite postuliert wurde.

Atemberaubend sind manche Bemerkungen, von denen der Autor berichtet. Seien es deutsche Lehrer, Weltautoren wie Günter Grass, Journalisten der Springer-Presse, Terroristen der RAF, FDP-Politiker, Altgrüne, aber auch auf den ersten Blick harmlos wirkende Bemerkungen, wie Angela Merkels Wort von der »Staatraison« Deutschlands, Israel zu schützen. (Was heißt in dem Zusammenhang eigentlich »Staatsraison«?)

Mendel stellt vieles infrage und stellt manches auch bloß. Wenn der Schleier verschwindet, blickt man in die Fratze allzu vertraut wirkender Vorurteile, Plattitüden, antijüdischer Zuschreibungen und Verschwörungsgeraune. Um Israel bzw. den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern geht es in den Äußerungen dabei selten genug, eher um Schuldzuschreibungen und Entlastung von historischer Verantwortung.

Breiten Raum bekommt das Phänomen namens BDS, was für Boycott, Divestment and Sanctions  steht. Bewusst ist hier von »Phänomen« die Rede, das scheint doch eher eine geisterhafte Erscheinung zu sein, vielfältig, schillernd, amorph, vernetzt und totalitär, aber trotzdem keine zentrale Organisation. Das erschwert den korrekten Umgang mit klar israelfeindlichen und antisemitischen Äußerungen und Aktionen des BDS.

Für jemanden, der in Israel geboren und sozialisiert wurde, und sich selbst als links empfindet, ist es schwer erträglich, wie linke Gruppierungen mit dem Thema umgehen. Ein beliebter Ansatz Linker ist die Unterteilung der Welt in Opfer und Täter, da Juden und Palästinenser zwei Opfergruppen sind, werden dramatische Verbiegungen unternommen, um Juden zu Tätern umzudichten und in die antiamerikanische Weltsicht einzuhegen.

Die Debatte ist emotional aufgeladen, von einem ganzen, immer größer und komplizierter werdenden Strauß an Interessen geprägt, deren Wortführer jede Gelegenheit wahrnehmen, das Thema Israel zu instrumentalisieren. Über Israel reden zeigt dem Leser auf eine bemerkenswert sachliche und differenzierte, nachdenkliche Weise, wie seit Jahrzehnten von wem in Deutschland geredet wird.

Recht oft musste ich während des Hörens an das Buch von Die Verlockung des Totalitären von Anne Applebaum denken. Die dort genannte Diagnose, dass viele Menschen mit totalitären Neigungen weder Widersprüche noch den sich daraus ergebenden Streit bzw. Lärm noch die fehlenden einfachen Lösungen aushalten können, trifft wohl auch auf viele Äußerungen zum Thema Israel zu.

Das wäre vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, warum sich so viele sich in unerbittlicher, ja totaler Weise zum Thema äußern, obwohl sie weder betroffen noch von Kenntnis geküsst sind.

Meron Mendel: Über Israel reden
Eine deutsche Debatte
Kiepenheuer&Witsch 2023
Gebunden 224 Seiten
ISBN: 978-3-462-00351-2

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Ein Anti-Held, vielleicht der erste des Thriller-Genres, von außergewöhnlich vielschichtiger Gestalt, ist einer der großen Pluspunkte dieses spannenden, wendungsreichen und oft verblüffenden Romans. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Man kommt nicht umhin, den Vergleich zu James Bond oder Mission Impossible zu ziehen. Gemeinsam ist den Filmen und dem Polit-Klassiker von John Mair, dass eine mehr oder weniger globale (und ein wenig groteske) Verschwörung im Gange ist. Völlig verschieden sind allerdings die Helden, Desmond Thane hat wenig bis nichts mit James Bond oder Ethan Hunt gemein. Dieses Spannungsfeld von Vertrautem und Fremden ist einer der Gründe, die aus Es gibt keine Wiederkehr einen tollen Roman machen.

Anders als Bond und Hawk wird Thane in die Verschwörung auf einem Umweg und gegen den eigenen Willen verstrickt. Es ist eine krude Mischung aus Passivität, Aggression, feiger Schwäche und Übersprungshandlung aus Eifersucht, die den Boulevardjournalisten zu einer Mord-Tat treiben. Die hat er zwar bereits gedanklich erwogen, aber eigentlich verworfen. Durch die Tötung gerät er immer wieder in nahezu aussichtslose Situationen, aus denen er sich oft nur äußerst knapp befreien kann. 

Während die Filmheroen mit spektakulären Fähigkeiten und gewitzten Tricks kritische Situationen bewältigen, spinnt Thane Lügen, manipuliert, schachert und wendet Gewalt an. Ein Anti-Held, trotz seiner durchaus bemerkenswerten Fähigkeiten. Dank seiner Intelligenz und Kommunikation, einem entsprechenden Auftreten sowie der Kunst, aus dem Stand Lügengespinste zu weben, gelingt es ihm immer wieder, sich aus einer aussichtslosen Lage herauszuwinden.

Sie war stark. Sie war ungewöhnlich. Sie zog ihn an.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Thane umgibt eine Aura leichtfertiger Ruchlosigkeit, sein Gewissen meldet sich nur selten, obwohl es allen Grund dazu hätte. Hand in Hand geht das mit einer spektakulären Unberechenbarkeit der Hauptfigur, der wirklich alles zuzutrauen ist. Das sorgt für rasante, ja haarsträubende Wendungen im Verlauf der Handlung.

Mair setzt geschickt auf die Verwirrung und Irreführung des Lesers. Schon die ersten Seiten sind eine imponierende Komposition aus nüchtern-sachlichen Abschnitten eines Lexikons über Giftpilze und kruden Kommentaren der – da noch unbekannten – Hauptfigur zu den tödlichen Auswirkungen: Sie erscheinen ihm »gut!«, »zu langsam«, in der Sterblichkeitsrate »hervorragend«, er ermahnt sich pendantisch »weiter prüfen«.

Obwohl er sich an einem Ecktisch des Lesesaals akribisch Notizen machte, wusste er nur zu genau, dass er Anna Raven niemals töten würde.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Der Autor legt sich mit diesem Satz fest, es ist ein Schein-Fundament, auf der sich die Unberechenbarkeit entfaltet, die Thane so auszeichnet. Jene Anna, die Thane töten will, lernt er zufällig in einem Café kennen. Sie ist äußerlich nicht sein Typ, reizt aber durch ihre Offenheit, ihre Ausstrahlung und Selbstbewusstsein. Ein sehr modernes Szenario, in dem die Frau zeituntypisch die dominierende Rolle übernimmt und den unsicheren Man in emotionale Bedrängnis bringt.

Bei dieser Begegnung wird dem Leser wirklich bewusst, dass die Geschichte im Krieg spielt – die Äußerung, Anna spreche das Englische in einer Weise, „das nach jener unnatürlichen Übergenauigkeit des gebildeten Ausländers klang“, lässt hellhörig werden. Eine Agentin, vielleicht sogar aus Hitlers nationalsozialistischem Reich?

Anna umwittert eine Aura der Unnahbarkeit, ein Teil ihres Lebens bleibt vor Thane verschlossen, ihr Verhältnis hat nur eine relativ begrenzte Schnittmenge. Eigentlich käme das der Hauptfigur entgegen, in diesem Falle macht sich eine gefährliche Gefühlsmischung breit, die Thane zu mehreren aggressiven und gefährlichen, ja auch für ihn untypischen Handlungen treibt, um der emotionalen Zwickmühle zu entkommen.

Mit der letztlich ungewollten Tötung Annas geraten die Dinge ins Rollen. Mair spielt ganz großartig mit Tempowechseln, lässt die Spannung und Dramatik in die Höhe schnellen und seinen irrlichternden Helden unvermutet dahintreiben, als wäre alles ganz harmlos und in allerbester Ordnung. Die Gefahr ist wie ein steter Donner am Horizont, fern, aber immer präsent.

Menschen aus der Kulturszene vergessen oft, dass die Macht in den Händen eines ganz anderen Menschenschlags liegt.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Mair wechselt die Perspektive und bricht gezielt den Erzählstil. Er lässt mit einem formalistisch gestalteten Protokoll die Verschwörer zu Wort kommen, denen Thane unbeabsichtigt auf die Schliche gekommen ist. Die Bedrohung für die Welt ist – gelinde gesagt – hanebüchen, die Pläne der Verschwörer sind hochfliegend, ihre Mittel und Aussichten fragwürdig. Gefährdungen wie Thane verfolgen sie aber unerbittlich.

Der Autor selbst hat den Kriegsbeginn miterlebt und seinen Roman in die Zeit hineingeflochten: Die häufigen Luftalarme und einige Angriffe der deutschen Luftwaffe nehmen einen gewissen Raum ein, auch die Nachrichten von der Front und jene oft merkwürdigen Begegnungen mit Offizieren der britischen Armee spielen eine Rolle, doch von jenem totalen Ausmaß, den der Krieg gegen Deutschland rückblickend zu kennzeichnen scheint, ist erstaunlich wenig zu merken.

Der Krieg ist da, wie die Luftverschmutzung oder ein zu starker Wind, er ist bedrohlich, aber für den Einzelnen wie Thane im Grunde genommen zweitrangig. Die Romanhandlung wird so aber mit einer ganz besonderen Stimmung angereichert, ein wenig, als würden die Menschen auf einem Vulkan leben, der auszubrechen droht; unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

John Mairs Never come back ist immer noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Thriller-Literatur.

Martin Compart in John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Wie bei den anderen Büchern der Thriller-Klassiker-Reihe aus dem Elsinor-Verlag ist auch in diesem Fall das Nachwort von Martin Compart eine Klasse für sich. Wer zu einem Buch greift, das bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat, verfolgt zumeist mehr als bloße Unterhaltung. Es ist eine Art literarische Grabung, man möchte einen Blick auf die Wurzeln des Genres werfen, dessen zeitgenössische Vertreter in irgendeiner Form darauf aufbauen.

Der Typus des Anti-Helden ist durch Mairs Es gibt keine Wiederkehr in die Thriller-Literatur eingeführt worden; Compart erläutert, durch welche glücklichen Umstände verhindert wurde, dass dieses Stück Spannungsliteratur gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Der Autor hat nur ein einziges Buch verfasst, bevor er bei einem Trainingsunfall der britischen Luftwaffe 1942 starb. Mair soll einen zweiten Thriller im Dunstkreis der britischen Luftwaffe geplant haben, was für ein Drama, dass er nie dazu kam, diesen zu schreiben!

Wie es im Literaturbetrieb immer wieder geschieht, lässt sich Erfolg nicht immer planen. So gab es durchaus positive Besprechungen, darunter von George Orwell, dem die Sonderstellung von Mairs Thriller nicht verborgen blieb, doch blieb der große kommerzielle Erfolg aus, das Werk geriet sogar in Vergessenheit. Nun liegt es in deutscher Übersetzung und einer schön gestalteten Ausgabe vor, eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Ebenfalls in der Reihe erschienen & besprochen:
Fearing, Kenneth: Die große Uhr.
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik.
Richard Hallas: Wer verliert gewinnt.

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Elsinor Verlag 2021
Broschiert 264 Seiten
ISBN: 978-3-942788-56-4

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