Alexander Preuße

Schlagwort: Jugoslawien

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Ein leicht lesbarer, niemals langweiliger, ungeheuer farbiger und unterhaltsamer Roman. Cover: Kein & Aber Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ja, der Titel: Wie konnte ich daran vorbeigehen? Gar nicht, zum Glück, denn der Roman Café Berlin von Harold Nebenzahl ist ein wunderbar leicht zu lesender, äußerst unterhaltsamer, dabei keineswegs flacher Ausflug in eine Zeit, die so modern gewesen ist und es nicht blieb, sondern in die Finsternis einer unfassbaren Barbarei mündete.

Von der ersten Seite an wird die Erzählung an diesen beiden Enden aufgespannt, denn der Erzähler sitzt Ende 1943 in Berlin im Versteck in einer Dachkammer und wird durch eine treue Seele namens Lohmann am Leben gehalten. Aus dieser Lage berichtet er von seiner Vergangenheit – die es in sich hat. Denn Nebenzahl spannt seine Erzählung noch weiter auf.

Ich bin es leid, bin alles Leid. Mir tun die Knochen und auch die Seele weh.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Die Hauptfigur stammt aus Syrien. Ein Jude aus Syrien? Heute undenkbar. Wie wir aber im Roman erfahren, hatten jüdische Bewohner der Region unter den Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg dank ihrer höheren Bildung wichtige Posten in der Verwaltung inne, was zum Hass durch die Araber beitrug. Sie galten als Handlanger der Ausländer.

Eine bemerkenswerte Parallele zu der Judenfeindlichkeit in Osteuropa, denen dort im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges Kooperation mit den Unterdrückern aus der Sowjetunion vorgeworfen wurde. Im Nahen Osten endetet das Dasein als Minderheit jüdischen Glaubens in diesen Regionen, jene, die gern vom Apartheidsstaat Israel schwadronieren, sollte sich das vor Augen führen.

In Berlin ist er im Showgeschäft tätig. Er betreibt einen Club namens Kaukasus, der seinen Gästen exotisch-erotische Shows bietet, bis weit in den Krieg hinein. Zu diesem Zeitpunkt hat sich aber das Programm geändert, wie auch das Publikum, es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Vielfalt zunächst begrüßt und dann abgelehnt wurde.

Nebenbei bekommt der Erzähler Kontakt zur SS, die nicht weiß, dass er Jude ist. Seine Tarnung als Spanier hält vergleichsweise lange, sie ermöglicht – oder sagen wir besser: zwingt ihn, sich nolens volens in Widerstandsaktionen verwicken zu lassen.

Ich vertiefte mich in das Gewirr feindseliger Frakturschriftzeichen.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Nebenzahl lässt seinen Helden in einer Episode eine geheime Unternehmung nach Bosnien ausführen, die nicht nur geographisch aus dem Rahmen fällt. Hier kommt tatsächlich einmal actionnahe Spannung auf, denn es geht um ein Widerstandsunternehmen in Bosnien gegen die Nazi-Pläne, eine muslimische SS-Division namens Handschar (die gab es wirklich) aufzustellen.

Es ist nur ein Nebenschauplatz in diesem weltumspannenden Gemetzel, der Protagonist ist alles mögliche, nur kein Untergrundkämpfer im eigentlichen Sinne; seine Sichtweise macht die Episode aber sehr wertvoll, denn sie unterstreicht noch einmal den blutdurchtränkten Boden, auf dem der Hass im zerfallenden Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre blühen konnte.

Café Berlin ist vom ersten Augenblick an spannend, auch wenn die meisten Passagen des Buches fern von augenscheinlicher Action sind. Die fortlaufende Todesdrohung, der sich die Hauptperson in seinem Versteck ausgesetzt sieht, reicht völlig aus.

Lohmann hatte der Weltschmerz gepackt, eine Sonderform von teutonischer Schwermut.

Harold Nebenzahl: Café Berlin

Zwei Dinge haben mich besonders berührt. Zum einen eine Textstelle, bei der es heißt, man habe ich auf »neutralem Boden« getroffen, nämlich: »bei den Sechstagerennen, den Boxkämpfen und Fußballspielen.« Klingt gewöhnlich, ist es aber nicht – wenn man das wunderbare Buch Höhenrausch von Harald Jähner gelesen hat.

Dort erfährt man nämlich über die zarten Anfänge des Fußballs, der gesellschaftlichen Bedeutung der Sechstagerennen (und was eigentlich dahintersteckt) und vor allem die in mehrfacher Hinsicht für die gesamte Weimarer Republik bedeutsamen Boxkämpfe. Berthold Brecht hatte nicht umsonst einen Punching-Ball neben dem Schreibtisch, und er war nicht der Einzige.

Das zweite betrifft das Ende des Buches. Der Protagonist erlebt die letzte Aprilwoche 1945 in Berlin – die Rote Armee malmt durch die Stadt Richtung Reichskanzlei. Ich kenne Erzählungen über diese Tage aus einer anderen Perspektive, meinem Großvater, der in Berlin im Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet ist. Es war sehr eindrücklich, das Gehörte abermals zu erfahren, gespiegelt in einer ganz anderen Sichtweise.

Wie bei allen Romanen dieser Art steht der Verlust im Zentrum. Als Leser habe ich ihn empfunden, den Verlust, den die Nazizeit für Deutschland und seine Einwohner, Europa und die Zukunft, die meine Vergangenheit und Gegenwart gewesen ist.

Harold Nebenzahl: Café Berlin
Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger
Kein&Aber Taschenbuch
2019
Original 1992
415 Seiten

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Vor Jahren, beim Fußball der Kinder, erzählte ein aus Rumänien Zugezogener, wie schockiert er gewesen sei, als er die ersten Tage in Düsseldorf verbracht habe. Dort habe man in den Straßen ausschließlich Deutsch gehört. In dem Ort, in dem er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, sei alles zu hören gewesen: Rumänisch, Ungarisch, Ukrainisch, Deutsch, Bulgarisch, Slowakisch und so weiter.

Die Worte waren wie das Echo einer vergangenen Welt . In Europa war es vor dem Zweiten und besonders vor dem Ersten Weltkrieg gar nicht so ungewöhnlich, dass mehrere Sprachen das Hörbild der Straßen großer und kleiner Städte, ja auch Dörfer prägten. Wer die Erinnerungen von Soma Morgenstern (In einer anderen Zeit) oder auch Stefan Zweigs (Die Welt von Gestern) gelesen hat, kennt andere Echos dieser Zeit.

Das jugoslawische Königreich wirkte bisweilen wie ein Umschlagplatz, auf dem keine Handelswaren, sondern politische Ideen, nationale Spinnereien, Abenteurer, Agenten und Flüchtlinge verladen wurden.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Split, in dem Alida Bremers Roman »Träume und Kulissen« spielt, ist auch so ein Echo, ein besonderes. Ich gestehe, dass ich erst einmal eine Karte konsultieren musste, um herauszufinden, wo dieser Ort überhaupt liegt. Dalmatien, eine historische Region, die bereits seit zweieinhalbtausend Jahren immer wieder im Fokus politischer Umwälzungen gelegen hat. Hier hat Bremer die Handlung ihres Romans angesiedelt.

Dessen erster Satz ist eine Irreführung, zugleich der eiserne Faden der Handlung, der genug kriminalistische Motive aufgreift und ausführt, dass man ihn auch als Krimi lesen könnte. Allerdings gehört „Träume und Kulissen“ zu jenen kriminalistisch angehauchten Geschichten, die ganz etwas anderes erzählen möchten. Split ist 1936 ein Tummelplatz unterschiedlicher Kräfte aus vielen Nationen und politischer Ideologien, mit widersprüchlichen Zielen, die Konflikte entfachen.

Irgendwann um die Mitte des Buches findet sich eine sehr stimmungsvolle Szene, die auf den ersten Blick idyllisch wirkt. Wer je eine Reise in die mediterrane Welt unternommen hat, kann das Geschilderte nachempfinden. Die Atmosphäre täuscht.

Zu dieser Stunde kehrten die Bauern von den Feldern zurück, ihre Frauen tischten Makkaroni oder Polenta mit heißem brudet auf, man schnitt dicke Scheiben von den Brotlaiben und füllte Wein in Glaskaraffen, während die Kinder noch durch die Gassen liefen, die Fischer sich vor ihren Barken versammelten, um den Himmel zu begutachten und sich über den Fischfang der bevorstehenden Nacht auszutauschen. Die Fensterläden, die tagsüber vor der Sonne schützten, wurden aufgerissen. Mit der Dunkelheit stieg vom Meer ein zarter Luftstrom auf.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im gleichen Kapitel wird ein Gespräch geführt, das die antimoderne Strömung Mitte der 1930er Jahre schmerzhaft offenlegt: Rassismus, antimodernes Frauenbild, gerade der italienischen Faschisten, ideologisch Hand in Hand mit der katholischen Kirche, Kriegsträumerei, Imperialismus, um nur einige zu nennen.

Dieses Neben- und Gegeneinander vor politischen Ansichten, die so gar nichts mit dem »zarten Luftstrom« gemeinsam haben, sondern menschenverachtend und in einem atemberaubenden Maße rückwärtsgewandt sind, und Idylle gehört zu den großen Vorzügen des Romans.

Die Abgründe werden beim Namen genannt, wenn ausgerechnet jener Mann, der sich mit den neuen Ideologien nicht anfreunden will und auch die herabwürdigende Verachtung gegenüber den Frauen ablehnt, die Opfer des Abessinienkrieges als minderwertige Untermenschen ansieht. Sie verstünden ohnehin niemals Dante Alighieri – was also wollte Italien mit den »Negern«?

Spätestens an dieser Stelle verweht auch der letzte Hauch Idyll. Der Leser weiß, was die handelnden Figuren nicht wissen, einige von ihnen argwöhnen oder unken: Blutige Jahre, mit brutalsten Gewalttaten, hunderttausenden Toten liegen vor dem zerrissenen Land namens Jugoslawien. Und wie bei einem nur mühsam abgedichteten, nicht erloschenen Vulkan sollten fünfzig Jahre später die Gewalttaten noch einmal aufflammen.

»Es würde mich nicht wundern, wenn wieder ein Krieg ausbrechen würde. Und ich könnte mir vorstellen, dass der neue Krieg noch schlimmer sein wird als der letzte.«

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Das Split dieser Erzählung ist nicht umsonst »Kulisse« mehrerer Filme, die von einem deutschen Filmteam gedreht werden sollen. Die Schatten von Hitlers Deutschland und Stalins UdSSR liegen auch auf diesem Landstrich, aus der Ferne treibt die ideologische Frontstellung die innere Spaltung voran, denn es gibt Anhänger des Ante Pavelić, des späteren faschistischen Führers Kroatiens, und solche des Josip Broz Tito, einem Revolutionär mit kommunistischen Neigungen. Das kommende Drama in zwei historischen Figuren konzentriert.

Doch die Deutschen kommen keineswegs nur als obskure Mitglieder von Filmteams, denen Spionage und subversive Tätigkeiten unterstellt werden. Es gibt auch jene, die fliehen; jene, die Schlepper brauchen, um eine Passage in die USA zu ergattern.

Hier schlägt der Roman eine Brücke in die Gegenwart, in der Flüchtlinge in vielen Teilen der Welt, gar nicht so weit weg vom ruhigen Zentraleuropa um eine Zukunft und ihr Überleben kämpfen. Wie wahrscheinlich zu jeder Zeit reagieren auch die Menschen im Roman zwiegespalten und widersprüchlich auf die »Reisenden«, wie das Zitat schön zeigt.

Es gibt Menschen, die davon träumten auszuwandern, und zugleich argwöhnisch die Reisenden beäugten, die in letzter Zeit durch die Gassen der Stadt schlichen.

Alida Bremer: Träume und Kulissen

Im Laufe der Handlung werden auch Antworten auf die kriminalistischen Fragen gefunden, die den Leser durch die überhitzten Tage begleiten. Eine Vielzahl von Personen ist mehr oder weniger in den Fall verwickelt, einige werden von den mit verschiedenen politischen Zielen verfolgenden Behörden hineingezogen. Im Laufe der Romanhandlung nehmen Lärm, Willkür und Gewalt in kleinem Rahmen das voraus, was noch folgen wird.

Insgesamt bleibt »Träume und Kulissen« seltsam unscharf, als läge die geschilderte Hitze auch über den Worten. Der Leser wird nicht an die Hand genommen und im Sinne des um sich greifenden betreuten Lesens durch das Buch geleitet, Perspektiv- und Ortswechsel, Sprünge, Handlungen ohne explizite Erläuterung oder Motivation machen das Lesen spannend; man kann das Buch auch als Krimi zum Schmökern lesen, sich des Essens und der Wärme erfreuen und warten, bis der Mörder enthüllt wird. Doch das Ende holt jeden Leser irgendwann ein.

Eine sehr schöne, anders akzentuierte Buchbesprechung zu Träume und Kulissen finden Sie auf dem Blog Horatio-Buecher.

Arturo Pérez-Reverte: Der Schlachtenmaler

Wenn sich der Leser dem Ende dieses Romans nähert, jene finalen Twists nicht mehr fern sind, die den Schleier endgültig lüften , weiß man bereits, dass Arturo Pérez-Reverte mit seinem „Der Schlachtenmaler“ ein ganz besonderes Buch gelungen ist. Es hängt nach. Wie jedes gute Buch.

Dabei hätte es vom Grundansatz auch ein einfaches sein können, auf pure Spannung ausgerichtetet. Verrät doch schon der Klappentext , dass die Hauptfigur, der ehemalige Kriegsfotograf Faulques, in einem einsamen Turm ein großes Wandgemälde erschafft und von einem zunächst Fremden ganz offen mit dem Tode bedroht wird.

Klingt zunächst nach einem Psycho-Thriller.

Tatsächlich bleibt die Todesdrohung während der gesamten Erzählung präsent, wie ein Generalbass untermalt sie die Handlung, ohne sie zu überlagern. Faulques ist Jahrzehnte als Beobachter in die Kriegsgebiete der Welt gereist und hat mit seinen Fotos Preise und einigen Ruhm errungen.

Das Gemälde an der Wand des Turms hat wenig überraschend den Krieg zum Thema. Der ehemalige Fotograf greift nach der Aufgabe seiner Tätigkeit eine Leidenschaft aus seiner Zeit vor dem Fotografendasein auf und bricht zugleich mit seinem Beruf. Und er distanziert sich von seinen Fotos, denn das Wandgemälde zeigt den Krieg in einer ahistorischen Gleichzeitigkeit: ein groteskes Monster entsteht.

Das Medium Bild – gemalt oder fotografiert – stellt das zentrale Symbol des Romans dar. Wieder und wieder wird über Bilder gesprochen oder reflektiert, wer mag, kann im Internet die Werke selbst betrachten, versuchen, die Empfindungen und Gedanken nachzuvollziehen. Manchmal entfalten die Beschreibungen und die Reflexionen der Hauptfigur ein besonderes Maß an Authentizität.

„… dass er in den vielen selbst erlebten Kriegen nie jemanden gesehen hatte, der mit einem derart tadellos sauberen Hosenknieteil und Hemd im Kampf starb.“

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler
Das berühmte Bild des Kriegsfotografen Robert Capa.
Der Augenblick des Todes im Spanischen Bürgerkrieg am 5. September 1936.

Faulques weiß , dass Capa zu einer anderen, fast unschuldigen Zeit gehört, denn in der Gegenwart haben Bilder viel von ihrem ursprünglichen Wert verloren. Bilder, auch die bewegten, sind Teil des Krieges, Teil der Propaganda geworden, die jeden mit Waffen ausgefochtenen Konflikt umweht wie der Leichengeruch.

Doch das Buch geht in seinem Kern darüber weit hinaus. Die entscheidende Frage lautet: Kann man in einem Krieg unbeteiligt bleiben, ein bloßer Beobachter, neutraler Fotograf – oder aber ist man nicht automatisch Teil der Kampfhandlungen und trägt Verantwortung, ja lädt sogar Schuld auf sich?

Die zentrale Frage wird kurioserweise im Buch anhand der Physik ins Feld geführt und diskutiert. Mich hat schon immer die so genannte Unschärferelation von Heisenberg (dem deutschen Physiker, nicht Walter White) fasziniert. Grob gesagt kann man ab einer bestimmten Größe bzw. „Kleine“ eines Teilchens dessen Position bzw. Geschwindigkeit nicht mehr bestimmen, ohne diese selbst zu beeinflussen.

Je genauer man versucht zu  messen, desto größer wird die Störung. In diesem Sinne verändert der Beobachter die Wirklichkeit. Wenn man will, erschafft er sie tatäschlich, wie ein Bekannter dem Schlachtenmaler erläutert und daraus eine weitreichende Schlussfolgerung zieht:

„Es sei ein grundlegendes Element der Quantenmechanik, dass der Mensch die Wirklichkeit schaffe, wenn er sie beobachte. […] Der Mensch sei […] beides zugleich: sowohl Opfer als auch Schuldiger.“

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler

Verhält es sich mit der Kriegsfotografie auch so? Greift jemand, der nur fotografiert, direkt ins Geschehen ein, beeinflusst die Handelnde und wird Partei? Der Roman gibt darauf unterschiedliche, kontroverse Antworten, die den Leser aus seiner Komfortzone scheuchen. Denn das vorgeblich neutrale Beobachten, Nichthandeln, Zögern kann ebenfalls beeinflussen – mit fatalen Folgen.

Der Ausgangspunkt der Handlung, die Todesdrohung gegenüber dem Schlachtenmaler, ist mit dieser Frage verknüpft. Faulques hat auf während des Balkankrieges das Foto eines kroatischen Kämpfers geschossen: Ivo Markovic, der nolens volens in die Kampfhandlungen hineingezogen wurde.

Die Aufnahme wurde prämiert und hat nicht nur ihren Urheber, sondern auch ihr Motiv bekannt gemacht, was für den Kroaten und seine Angehörigen tragische Konsequenzen hat. Das Foto ist auf seine Weise Teil des Krieges geworden. Markovics Absicht, Faulques zu töten, erscheint auf Anhieb wie ein Racheakt – doch das würde viel zu kurz greifen. Seine Absicht geht darüber hinaus:

„Sie sollen verstehen“, sagte der Kroate. „Manche Antworten haben Sie ebenso nötig wie ich.“

ARturo Pérez-REverte: Der Schlachtenmaler

Auch der Leser braucht Antworten. Der Balkankrieg ist bedauerlicherweise schon wieder in Vergessenheit geraten. Europa hat seinerzeit darin versagt, diese unfassbar brutalen Kampfhandlungen einzudämmen und die Zivilisten im Stich gelassen, und sich auf bequeme „Neutralität“ zurückgezogen. Ein Muster, das in den folgenden Jahren andernorts immer wieder auftrat: Russlands Kriege gegen Georgien und die Ukraine, sowie der Bürgerkrieg in Syrien.

Die Grausamkeiten auf dem Balkan waren ein Echo des Gemetzels während des Zweiten Weltkrieges. Bis in die Gegenwart hinein hallen weitere Echos. Als Peter Handke den Literaturnobelpreis erhalten hat, ist darauf mit zum Teil massiver Kritik reagiert worden. Sasa Stanisic hat dem Preisträger vorgeworfen, die serbische Verantwortung für die Bluttaten während des Bürgerkrieges in seinen Texten zu verharmlosen, zu verschweigen, ja zu lügen.

„Ich tue es auch deswegen, weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.“

Saša Stanišić anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2019

Pérez schweigt nicht. Im Gegenteil.

Die Erzählung entfernt sich kaum von dem Turm, in dem der Schlachtenmaler tätig ist. Hier treffen sich Faulques und Markovic und führen ihre Gespräche. Das Bild, das auf der Innenseite des Gebäudes entsteht, ist oft Quelle der Inspiration für die Gespräche zwischen beiden Männern, es löst Assoziationen aus, die in weite Gedankenschleifen der Hauptfigur münden. 

In diesen Ausflügen in die Vergangenheit tritt eine weitere Person in die Erzählung ein: Olvido, eine Kollegin des Schlachtenmalers, seine verstorbene Geliebte. Olvido ist eine Ableitung vom spanischen Verb olividar, das „ich vergesse“ heißt oder eben „das Vergessen“. Wie die Gedankenschleifen zeigen, kann Faulques keineswegs vergessen, ebensowenig Markovic. Eine Folge des Krieges, der selbst die Davongekommenen lebenslang in ihren Erinnerungen heimsucht, ja: gefangenhält.

Olivdo hat als Modell gearbeitet, stand also als Objekt vor der Kamera und hat aus dieser Erfahrung ein eigenes Verhaltensmuster beim Fotografieren entwickelt, das hier nicht verraten wird, weil es zu den Antworten gehört, die der Leser aus diesem Buch erhält. Wenn man so will: ein Gegenentwurf zu Social Media. Sie ist Faulques voraus, hat vor ihm begriffen, was dieser erst durch die Konfrontation mit Makovic durchschaut.

Pérez-Reverte führt seinen Roman erfreulich konsequent zu einem Ende, das zumindest aus meiner Sicht sehr zufriedenstellend ist und ein langes Echo hat.

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