
„Dies ist keine Kirche mehr. Belästigen Sie Gott woanders.“
C. K. McDonnell: This Charming Man
Was für ein herrlicher Unsinn! This Charming Man von C. K. McDonnell ist ein Roman aus dem Genre Urban Fantasy, der mit boshaftem Humor die Abenteuer einer Zeitungsredaktion in Manchester erzählt. Der Name der Zeitung ist Programm: The Stranger Times könnte auch als allgemeine Charakterisierung der Erzählgegenwart herhalten. Schräg & skurril sind Figuren und Verhältnisse im Manchester des 21. Jahrhunderts.
Die Stranger Times ist ein Nischenblatt mit übersinnlichem Themenschwerpunkt, wobei »übersinnlich« hanebüchenen Nonsens einschließt. Eine Frau heiratet eine Schnellstraße – schon ist ein Thema für einen Artikel gefunden. Spukgestalten aller Art sind jedoch die eigentliche Spezialität der Stranger Times, im Redaktionsgebäude (einer ehemaligen Kirche) haust sogar wenigstens eine dieser Spezies.
Das Redaktionsteam ist im Verlauf der Handlung so sehr mit sich selbst, lustigen, bissigen Dialogen und der Aufklärung merkwürdiger Morde beschäftigt, die auf Vampirismus hindeuten, dass man sich als Leser fragt, wann eigentlich die Artikel für die Zeitung verfasst werden. Vielleicht werkelt bei der Stranger Times eine Übersinnliche Intelligenz – ÜI?
Die Handlung von This Charming Man ist geschickt in die Welt der Gegenwart eingebettet, die mit – Verzeihung – Arschlöchern aller Art bevölkert ist. Autor McDonnell nimmt Politik, Wirtschaft (Tech-Startups!), Polizei, Verwaltung ebenso aufs Korn wie pseudo-woke Zeitgenossen, Hipster und schnorrendes Internet-Gesindel. Gar nicht zu reden von den vielen obskuren Randexistenzen.
Überhaupt habe ich mich gefragt, ob diese Romane ohne den Brexit und seine Folgen für die britische Gesellschaft (den Banken geht es gut, danke der Nachfrage) möglich gewesen wären. Wer mag, kann Kritik entdecken, in das Zellophan flapsiger Gemeinheiten verpackt, die vom Klischee der Britishness weiter entfernt sind, als England vom europäischen Festland. Dank dieser Mischung ist die Reihe um die Stranger Times eine ebenso alberne wie unterhaltsame, aber nicht flache Lektüre.
Der Chef der Redaktion, Vincent Banecroft, erinnert in gewisser Hinsicht an Jackson Lamb, der mit einem ähnlichen Führungs- und Lebensstil das Slough House (Slow Horses von Mick Herron) führt, eine Art Abstellkammer für gescheiterte und unliebsame MI5 Geheim-Agenten. Schwarzer Humor ist in beiden Fällen der Finger in den schwärenden Wunden, die Professionalität des Personals hat Luft nach oben, was dramatische Wendungen begünstigt. Am Ende geht nicht alles gut aus, geschweige denn, dass sich an den Umständen etwas bessern würde. Das macht die Stranger Times zur humorigen Noir-Literatur.
C. K. McDonnell: This Charming Man
Stranger Times 2
Eichborn 2022
Gebunden 528 Seiten
ISBN: 9783751728935





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