Schriftsteller - Buchblogger

Kategorie: Kurzrezension (Seite 10 von 12)

Colson Whitehead: Die Nickel Boys

Ein sehr guter Roman, dessen Inhalt manchmal schwer erträglich ist. Cover Hanser Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Nach dem grandiosen und völlig zurecht gefeierten Roman Underground Railroad wollte ich unbedingt noch ein weiteres Buch aus der Feder Colson Whiteheads lesen. Die Wahl fiel auf Die Nickel Boys. Schon der Anfang ist schauderhaft, er zeichnet den Weg vor, der hineinführt in eine Hölle aus Rassismus, Erniedrigung und brutalster Gewalt.

Mir kamen Bilder in den Sinn, die auf dem Balkan oder – aktueller – in der Ukraine aufgenommen wurde. Bilder von Exhumierungen rasch und lieblos verscharrter Getöteter, zumeist nach unmenschlichen Folterqualen. Kriegsgebiete. Doch handelt der Roman von Whitehead in den USA, in der Vergangenheit zwar, doch nicht so weit in der Vergangenheit, um das Geschilderte in einen Zusammenhang mit Kriegshandlungen zu setzen.

Oder etwa doch? Der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 liegt noch einmal zehn Jahrzehnte gegenüber der Zeit zurück, in der die Handlung von Die Nickel Boys stattfindet. Ein wesentlicher Anlass bildete die Frage der Sklaverei, die – neben anderen – blutig auf den Schlachtfeldern entschieden wurde. Verfassungsrechtlich mochte die rassistische Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung beendet sein, sozial nicht.

Insofern ist die Frage durchaus berechtigt: Zählt das, was Whitehead in seinem Roman schildert, wie ein Echo oder gar eine Fortsetzung dessen, was der Krieg zwischen Norden und Süden der USA eigentlich ausgefochten und entschieden haben sollte? Der Roman zwingt dem Leser diese Frage regelrecht auf und das gehört für mich zu seinen großen Vorzügen.

In der Anstalt namens Nickel werden nicht nur Schwarze auf unmenschliche Weise traktiert, sondern auch die weißen Insassen, doch gehen die Grausamkeiten gegenüber den Schwarzen weit über das hinaus, was die Weißen zu erdulden haben. Whitehead hat eine großartige Erzählhaltung und -weise gefunden, um die Geschichte zu erzählen, spannend und überraschend in ihren Wendungen ist sie ohnehin. Großartig.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Hanser Verlag 2019
Gebunden 224 Seiten
ISBN: 978-3-446-26276-8

Anappara Deepa: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der Roman spielt in Indien, im Slum, und wird aus der Sicht eines Neunjährigen erzählt. Der naive-altkluge Tonfall hebt die prekären Lebensverhältnisse hervor, während immer mehr Kinder verschwinden. Cover Rowohlt, Bild mit Canva erstellt.

Bücher mit Kindern in der Hauptrolle haben einen besonderen Charme. Sie gehen oft mit einer spezifischen Mischung aus Neugier, (Alt-)Klugheit und Naivität ans Werk, wenn sie etwa in die Rolle von Detektiven schlüpfen, um ein oder mehrere Verbrechen aufzuklären. So verhält es sich mit Jai und seinen Freunden, als in ihrem Viertel ein Kind spurlos verschwindet.

Jai ist Schüler und lebt in einem Armenviertel in einer indischen Stadt; er hält sich dank des Konsums von Polizei-Dokus für gerüstet, selbst den Tätern auf die Spur zu kommen. Für gewöhnlich würde man denken, die Polizei nähme sich dem verschwundenen Kind an, doch damit rührt man bereits an eines der tiefgreifenden Probleme, mit denen die Bewohner des Slums zu kämpfen haben.

Die Polizisten stellen für sie eher eine Bedrohung dar, über den notdürftig zusammengeschusterten Behausungen schwebt das Damoklesschwert einer Räumung. Um zu vermeiden, dass die Bagger oder Bulldozer kommen und rabiat das Wohnviertel dem Erdboden gleichmachen, müssen deren wirtschaftlich ohnehin am Abgrund balancierenden Bewohner Bestechungsgelder zahlen. Die Furcht, die Polizisten könnten ihr Anliegen zum Anlass nehmen, wütend zu werden und die Bagger rollen lassen, lässt die Betroffenen zögern – nur weitere Zuwendungen lassen die Behörden überhaupt zuhören.

Weitere Kinder verschwinden, woran auch Jai und seine Freundin Pari sowie Faiz mit ihren Nachforschungen nichts ändern können. Durch ihre Ermittlungen entsteht ein sehr lebendiges Bild von den (erbärmlichen) Lebensverhältnissen im Bhoot-Basar: Gewalt, (sexuelle) Übergriffe, allgegenwärtige Korruption, gehässiger Tratsch, mit dem die Ärmsten einander überhäufen, institutionelle Tatenlosigkeit und hanebüchener Aberglaube.

Über allem wabert der ewige Smog, der Hunger nagt in den Bäuchen der Kinder, während sich die Menschen bemühen, den Zudringlichkeiten zu widerstehen. Gerade weil Jai die Verhältnisse mit einer gnadenlosen Blauäugigkeit schildert und manchmal unbedachte Äußerungen tätigt, die jene Vorurteile, die er aufgeschnappt hat, widergeben, entsteht ein besonders eindrückliches Bild von den sozialen Umständen. Besonders finster wird es, wenn Sündenböcke gesucht – und dank religiöser Wahnhaftigkeit auch rasch gefunden werden.

Annappara Deepa hat ihre Detektive vom Bhoot-Basar noch aufgewertet, weil sie Abschnitte eingefügt hat, in denen die Verschwundenen zu Wort kommen, ihre tatsächlichen Motive und Anklänge ihres Schicksals vorstellen können. Mich hat dieser Roman sehr beeindruckt.

Anappara Deepa: Die Detektive vom Bhoot-Basar
aus dem Englischen von pocaio und Roberto de Hollanda
Rowohlt 2021
TB 400 Seiten
ISBN: 978-3-499-00085-0

Jason Lutes: Berlin

Eine epische Grafic Novel erzählt die Ereignisse der dem Abgrund entgegentaumelnden Weimarer Republik aus vielen, spannenden Perspektiven. Cover Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Volker Kutscher, Autor der von mir sehr geschätzten Romane um den Kriminalkommissar Gereon Rath, ist es zu verdanken, dass ich auf diesen Schatz aufmerksam geworden bin. Seine lobenden Worte auf dem Cover dieses wahrlich dicken Schinkens haben mich zu einem zweiten Blick bewogen, obwohl ich mit Grafic Novels bislang nicht so viel anfangen konnte.

»Ein opus magnum, eine Sinfonie der Großstadt, eine Comic-Sinfonie.« Kutschers Worte erweisen sich als wahr: Die Lebensumstände im Berlin der Jahre 1928 bis 1933 werden vielschichtig erzählt und ganz wundervoll ins Bild gesetzt. Die Darstellung wirkt karstig, garstig, schwarz-weiß und frei von allem Glamour.

Freunde von »Babylon Berlin« werden möglicherweise die Nase rümpfen, denn in Lutes Berlin gibt es keine Charlotte Ritter; die Figuren bilden ein breites, widersprüchliches Spektrum der Bevölkerung und sozialer Schichten ab, Jason Lutes hat es meisterhaft verstanden, in kargen Zeichnungen ihre Befindlichkeiten einzufangen.

Geschickt werden Ereignisse und Begebenheiten neben- und nacheinander montiert, Lutes verzichtet zum Glück auf jede Form moralinsaurer Belehrungen. Trotzdem bezieht »Berlin« klar Stellung gegen die brutalen, grobschlächtigen und in ihrem Wesenskern gar nicht so unähnlichen Gewaltextreme der Zeit.

Vor- und Nachwort geleiten den Leser, außerdem findet sich in der Gesamtausgabe noch ein sehr interessantes Interview mit dem Zeichner. Toll hat mir das Berlinern einiger Figuren gefallen und – soviel darf gesagt werden – es endet trotz der Machtübertragung an Hitler 1933 nicht alles in depressiver Schwärze.

[Ein Bibliotheksfund, daher unbezahlt]

Jason Lutes: Berlin
aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders
Berlinerisch von Lutz Göllner
Carlsen Verlag 2019
HC 610 Seiten
ISBN 978-3-551-76820-9

John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt

Eine Enttäuschung war dieser Roman; immerhin gut vorgelesen von Johann von Bülow. Cover Fischerverlag, Bild mit Canva erstellt.

Ganz am Ende habe ich mich doch geärgert, die Lektüre nicht abgebrochen zu haben. Wenn der Inhalt längst in christlich-kirchlichem Heilsschwulst versunken ist, greift der Autor noch zu einem Twist, der den Leser noch einmal so richtig überraschen soll – wie ein Drache sonntägliche Waldspaziergänger im Oberharz. Effekthascherei, zwar im Verlauf des Romans angedeutet, aber grässlich.

Vielleicht wäre es besser gewesen, Joe, die Hauptfigur des Romans Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger wäre zu Beginn doch ertrunken oder von dem Wal verschluckt worden, der ihn aber leider gerettet hat. Die Geschichte wird recht langweilig erzählt, ausgewalzt in einer ich-drehenden Selbstgefälligkeit und einem von vielen Redundanzen geprägten Stil.

Was den Leser bzw. Hörer (neben dem sehr guten Vortrag durch Johann Bülow) am Leben hält, ist die Bedrohung der Welt durch eine heraufziehende Gefahr und die Idee, jemand könnte mittels eines Computerprogramms Vorhersagen treffen, wie die Menschen darauf reagieren würden, wenn die Zivilisation zusammenbricht.

Es ist durchaus begrüßenswert, wenn sich jemand gewöhnlich düster-dystopisch abgehandelten Themen mit Optimismus widmet, aber spätestens beim Eintritt der Katastrophe wird es wild. Ein biblisches Märchen, bedauerlicherweise gefährlich verharmlosend, denn was Ironmonger schreibt, ist ähnlich realistisch wie das Wandeln über Wasser.

Wir wissen aus Erfahrung längst, wie sich Menschen verhalten, regionale Katastrophen gibt es genug. Die Anständigen krepieren und das wäre auch das Schicksal von Joe und seinen Dörflern gewesen. Mord, Vergewaltigung, Versklavung, Kannibalismus, Tribalismus – man kann an zusammenbrechenden Ordnungen ausreichend studieren, was geschehen würde. Und ja – davon sind wohl Großstädte nur drei Mahlzeiten entfernt.

John Ironmonger: Der Wal und das Ende der Welt
aus dem Englischen von Maria Poets und Tobias Schnettler
Fischer Taschenbuch 2020
TB 512 Seiten
ISBN: 978-3-596-70419-4

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London

Urban Fantasy spielt in London, so scheint das Genre-Axiom zu lauten. Cover Blanvalet, Bild mit Canva erstellt.

Feine Urban-Fantasy aus der Feder von Benedict Jacka. Sein Alex Verus ist eine originelle Figur, die schon im Auftaktband der recht üppigen Buchreihe einiges durchmacht, haarsträubende Situationen bewältigen muss und bei Gelegenheit die Welt mit einer halben Legion ironischer, sarkastischer und flapsiger Bemerkungen bereichert.

Verus ist Magier, allerdings ein besonderer. Kämpfen kann er nicht, im Gegensatz zu vielen anderen Zauberkundigen, die je nach Ausrichtung zur weißen oder schwarzen Richtung neigen und zumeist ihr eigenes Süpplein köcheln. Der Protagonist ist Wahrsager. Er kann die Zukunft bzw. viele verschiedene Varianten einer möglichen Zukunft voraussehen.

Das ist zunächst einmal lustig, wenn Verus sein Alltagsleben als Inhaber eines Ladens etwas aufpeppt und den Leser vorab darüber in Kenntnis setzt, was die werte Kundschaft wünscht. Eigentlich wussten wir immer schon, dass Hellsehen eine Kernkompetenz misslaunig dreinblickender Ladenbesitzer ist, woher sonst sollten sie wissen, dass wir nur stöbern, nicht kaufen wollen?

Verus ist ein Außenseiter. Gemieden vom Rat, was eine höfliche Umschreibung ist, belastet von einer üblen Vergangenheit unter der Knute eines Schwarzmagiers, hält er Distanz. Das ist ein gutes Stichwort, wenn es um jene junge Dame namens Luna geht, die von einem Fluch belegt ist, der jeden in Mitleidenschaft zieht, der ihr zu nahe kommt.

Wer solche Freunde hat, braucht eigentlich keine Feinde mehr, doch wird Verus in ein Abenteuer gezogen, das nach dem preußischem Militär-Leitspruch „Viel Feind, viel Ehr“ gestaltet ist. Gleich mehrere Gruppen wollen etwas, das sie nur mit Hilfe von Verus bekommen können – die sich daraus ergebenden Antagonismen führen mitten hinein in eine turbulente Hetzjagd, bei der jeder gegen jeden kämpft.

Genretypisch spielt der Roman in London. Wo sonst?, könnte man beinahe fragen. Genretypisch muss der Leser eine allzu nüchterne Lesehaltung ablegen, um Spaß zu haben, sonst verheddert er sich leicht in den Fallstricken des Phänomens »Zukunft«. Gelingt das, ist Das Labyrinth von London ein sehr kurzweiliges, originelles und spannendes Lesevergnügen.

Weitere Bände der Buchreihe um Alex Verus, die ich besprochen habe:
Das Ritual von London.
Der Magier von London.

Der Wächter von London.

Benedict Jacka: Das Labyrinth von London
aus dem Englischen von Michelle Gyo
Blanvalet 2018
TB 416 Seiten
ISBN: 9783734161650

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