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Kategorie: Rezension (Seite 24 von 49)

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Buchcover von Andrew Millers Roman ‚Die Korrektur der Vergangenheit‘, das eine Frau in einem blauen Kleid vor einer stürmischen Meereslandschaft zeigt. Daneben ein Zitat auf schwarzem Hintergrund: ‚So hatte er ihn sich nicht vorgestellt, den Moment, in dem die Wahrheit herauskam.‘ Im Hintergrund ist eine Eislandschaft zu sehen.
Ein historischer Roman der ganz besonderen Art, frei von jeglichem Action- und Romance-Gedöns, aber spannend vom ersten bis zum letzten Augenblick, einschließlich der Passagen, in denen sich eine Romanze entfaltet. Cover Paul Zsolnay Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Das Cover, nein das Cover ist nicht so eines. Es kündigt nicht eines jener Bücher an, die mit einer Frau im Vordergrund, halb oder ganz abgewandt und damit zumeist einer helleren Zukunft entgegenblickend die Regale unter dem Label »Historische Romane« füllen. Wild (wie die bewegte See), ja, romantisch auch, aber nicht in abgeschmacktem  Sinne; dramatisch, auf jeden Fall, wenn auch ohne die genreübliche Action. Spannend: von ersten bis zum letzten Augenblick.

Die Hauptfigur von Die Korrektur der Vergangenheit  ist ohnehin keine Frau, sondern ein gewisser John Lacroix, der sich in den Spanienfeldzug des Jahres 1808/09 gestürzt hat und von diesem an Körper und Geist zerschunden wieder ausgespien wurde. Sein Weg zurück aus der Dunkelheit im Vorraum des Todes zurück ans Licht, das von Erinnerungen und Scham verdüsterten Licht des Lebens.

Unter den Händen von Nell, der Haushälterin, kann Lacroix genesen, doch die inneren Verwüstungen trägt er mit sich herum; sie lassen ihn gar an Selbstmord denken. Um welche es sich handelt, erfahren wir nicht von ihm, jedenfalls nicht am Anfang. Der britische Feldzug in Spanien endete mit einem katastrophalen Rückzug, mehr als die kargen Äußerungen, über die man auch flüchtig hinweglesen könnte, gibt es nicht.

Man ahnt jedoch eine Menge. Der Offizier einer Kavallerieeinheit kommt in einem völlig abgerissenen Zustand zurück. Seine Ausrüstung, seine Waffen, die meiste Kleidung und seine Stiefel sind verschwunden, statt seiner Truhe und Taschen führt er nur einen billigen Tornister mit sich. Immerhin lebt er, sein Gehör hat gelitten, was während der gesamten Handlung immer wieder geschickt eingeflochten wird, um das Motiv des Verstehens durchzuspielen.

Der Krieg ist jedoch nicht vorbei, England schickt wieder Streitkräfte nach Spanien, plötzlich sieht sich Lacroix mit der Aussicht konfrontiert, noch einmal in die Hölle zurückkehren zu müssen. Er beschließt, seinen aktiven Dienst zu beenden und nach Norden zu fahren – mit einem Wort: Er desertiert (mehr oder weniger).

Dass auch Soldaten dagewesen wären, Rückkehrer aus Spanien, die einfach auf der Straße lagen ohne Augen und Beine.

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Es hätte für Lacroix also auch schlimmer kommen können – die Versuchung, das zu sagen, liegt nahe; was dieser Krieg zwischen englischen und französischen Truppen sowie spanischen Einheiten und Freischärlern, ausgefochten auf spanischem Boden für Lacroix mit sich brachte, erfährt der Leser aus einer anderen Perspektive. Die Wechsel der Erzählsicht, von Ort und Zeit und Personen, gehören zu den herausragenden Stärken von Autor Andrew Miller.

Die so entstehenden Auslassungen, offenen Fragen, Vermutungen und leeren Stellen lassen das drängende Bedürfnis nach Antworten, Erhellung, Aufklärung entstehen – bis zum Ende des Romans und darüber hinaus. So erfährt der Leser, dass Lacroix mit einem Geschehnis in Verbindung gebracht wird, das man getrost als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Ob und inwieweit das in seiner Verantwortung lag bzw. die Aussagen, die darüber in einer großartigen Passage vorgetragen und zusammengestellt werden, überhaupt eine Anschuldigung, gar nicht zu reden von einem Prozess oder Verurteilung ausreichen würden, bleibt anfangs völlig offen. Es ist aber Krieg und dessen totaler Charakter lässt in der Regel alles Recht verbleichen, wenn nicht gar verschwinden.

Im Parallelogramm der Kräfte steht England gegen Frankreich und damit gegen einen übermächtigen Feind, der gerade Preußen und Österreich militärisch zermalmt hat. England braucht Spanien und die »Spanier wollen einen Schuldigen« für ein Vorkommnis während des Feldzuges, woraus sich eine hübsche, wenn auch etwas konstruierte geopolitische Notwendigkeit für eine abseits des Rechts durchzuführende Bestrafungsaktion ergibt.

›Ich bin der Krieg. Ja? Und heute ist der Krieg zu Ihnen gekommen. Er ist direkt in Ihr Haus gekommen und hat sie niedergeschlagen.‹

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Der Krieg macht nicht jeden so fertig wie Lacroix, manche werden mit ihm und seinen Zudringlichkeiten fertig, werden ein Teil von ihm und machen diesen zu einem Teil von sich. Den Krieg tragen sie im Tornister ihrer Persönlichkeit, wenn sie in die Heimat zurückkehren. In diesem Fall mit einem heiklen Auftrag, bei dessen Ausführung der Beauftragte namens Calley bedenkenlos zu Gewalt greift. Das Zitat trifft das ganz wunderbar und liefert die kalte Rechtfertigung durch Selbstdistanzierung – es wäre »Der Krieg« – gleich mit.

Der politisch motivierte Auftrag erfordert wegen der nötigen Abwesenheit von Recht und Öffentlichkeit die Anwesenheit eines Zeugen, so bildet sich ein Buddy-Paar, der Engländer Calley und der Spanier Medina, die sich auf den Weg nach Großbritannien machen und ihrer Zielperson nachspüren, die bestraft werden soll. Auf dem Weg quer durch das Land werden sie – wie auch der Leser – Zeuge der unaufhörlich voranschreitenden Industrialisierung der Insel.

In beklemmenden Szenen wird geschildert, wie es innerhalb der Mauern dieser Gebäude, »groß wie eine Kaserne, in dem Arbeit vonstattenging, die die Lohnsklaverei der Massen war«. Diese Welt des »Fortschritts« entpuppt sich als menschenverachtende Stätte der Ausbeutung mit brutalsten Mitteln; Calley, »der Krieg«, hat als Kind dort seine Prägung erhalten; die Armee hat diese Anlagen verschärft, ihn zu einem erbarmungslosen und dank der in Aussicht gestellten Belohnung zielstrebigen Jäger gemacht.

Empfand Calley wie er selbst? Dass sie Narren auf einem Narrengang waren?

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit

Sein Partner ist anders, Medina ist das Unbehagen oft anzumerken. Er denkt viel über seinen englischen Partner und ihren Auftrag nach, stellt ihn in Frage und malt sich immer wieder aus, wie er dieser Jagd, die er als »Narrengang« empfindet, entkommen könnte.

Die Verfolgung ist trotz mangelnder Action hochspannend gestaltet, die beiden Parteien wählen ganz unterschiedliche Routen. Miller gestattet seinem Helden und seinen beiden Häschern eine vorzeitige Begegnung, denn die drei Personen befinden sich einmal zufällig am gleichen Ort – sie erkennen sich dank sorgsam gestalteter Umstände nicht.

Das ist einmal hochspannend, außerdem nutzt der Autor es für eine kleine Erzählfinte: Lacroix findet auf dem Tisch in seinem Gastzimmer, das er immer mal wieder mit einem anderen Gast teilen muss, das Wort »NADA«, auf Spanisch heißt das »Nichts«. Er kann sich darauf keinen Reim machen, der Leser schon, einen ziemlich umfassenden sogar, angesichts dessen, was er bis dahin schon weiß.

Für Lacroix hingegen hat das Wort »NADA« in diesem Moment eine ganz andere Bedeutung im Sinne einer bedeutungsschwangeren Zeichens: Er hat im Norden neue Menschen kennengelernt, darunter Emily, die ein Augenleiden hat, das sie erblinden lässt. Eine durchaus gefährliche Operation könnte Abhilfe schaffen oder schwerwiegende Folgen haben.

Natürlich kommt er, der Augenblick, das sich das »NADA« in »ALGO« verwandelt, die Stunde der Wahrheit. Mehr aber werde ich hier nicht verraten, denn Die Korrektur der Vergangenheit ist bei allem anderen auch wegen der lange offengehaltenen Leerstellen ein ungeheurer Lesespaß und Genuss. Ein Fest mit einem hochdramatischen Showdown und einem Schlusskapitel, dessen Sinn sich erst mit Blick auf den Originaltitel (Now We Shall Be Entirely Free) erschließt.

Hilary Mantel kann in ihrem Lob, »Millers Schreiben sei eine Quelle des Staunens und der Freude«, nur nachdrücklich zugestimmt werden.

[Rezensionsexemplar]

Andrew Miller: Die Korrektur der Vergangenheit
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Paul Zsolnay Verlag 2023
Gebunden 480 Seiten
ISBN: 978-3-552-07338-8

Alaa Al-Aswani: Die Republik der Träumer

Ein großer Roman über den so genannten Arabischen Frühling in Ägypten, Al-Aswani hat ein geniales Figurenensemble geschaffen, das die Seiten in dieser Revolution wunderbar abbildet, darunter auch die Instrumentalisierung des Antisemitismus. Cover Hanser Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Ob jemand diesen Roman lesen kann, ohne bittere Wut zu empfinden? Jene bebende Wut, die aus dem Gefühl genährt wird, Ungerechtigkeit, Betrug und Verrat zu erleiden? Es mag seltsam erscheinen, wenn ein Leser aus dem – noch – ruhigen, demokratischen Deutschland so fühlt, wo es doch um den »Arabischen Frühling« in der ägyptischen Ausprägung geht.

Doch ist es für mich nur folgerichtig, denn mit dem Flammenmeer an Erhebungen in der arabischen Welt verbanden sich Hoffnungen. Keine allzu großen, zu oft schon war ich ferner Zeitzeuge, wenn irgendwo das Banner der Hoffnung wehte und alsbald in den Dreck fiel; oder gar der Sieg errungen zu sein schien und das Übel wieder aus verborgenen Löchern kroch.

Die Republik der Träumer ist in einem mitreißenden und zugleich oft nüchternen Tonfall verfasst. Alaa Al-Aswani hat äußerst geschickt ein vielfältiges Personenensemble zusammengestellt und in die aufgeheizte Lage vor der Revolution geschickt. Vom Geheimdienstchef über einen Ingenieur und Ex-Sozialisten bis hin zu den Studenten reicht die Palette, fast jeder mit seinen Widersprüchen, Sehnsüchten, Bedürfnissen und den daraus resultierenden Ängsten.

Ein Graben verläuft zwischen Alt und Jung. Die Älteren in diesem Roman sind zumeist etabliert, sei es in einem Leben geprägt von Reichtum und Macht, sei es in saturierter Armut und den Hoffnungen für den Nachwuchs. Die Jüngeren hingegen sind die Triebfeder des Aufruhrs, der Unruhe, oder sie lassen sich davon anstecken und mitreißen. Aber – die Fronten sind durchlässig.

Die Etablierten, vom autoritären Staat Hosni Mubaraks gepuderten Teilhaber an Ägyptens Reichtümern umgibt ein ganzer Strauß an Heuchelei, Bigotterie und Verlogenheit, mit der sie ihre Privilegien verteidigen. Die hilfreichen Lügen, Phrasen und haltlosen Plattitüden werden offen geäußert, Al-Aswani kontrastiert sie geschickt mit den Motiven der Jüngeren; er muss nicht kommentieren, es spricht alles für sich.

Der Leser findet bald seinen Platz in dem Spektakel, das gemächlich in Gang kommt, fast unmerklich hereinbricht und – wie so viele Revolutionen – fast aus dem Nichts zu kommen scheint. Was den Roman zu einem wirklich großen macht, ist die kunstvolle Gestaltung der mächtigen, klugen und geschickt handelnden Revolutionsgegner, was immens unangenehm ist, sich aber wohltuend vom naiven Hollywood-Film oder utopischen Bullerbüs á la Pantopia abhebt.

Jeder weiß,  wie „es“ ausgegangen ist, wie der »Arabische Frühling« zermalmt, zerredet und im Nachhinein  als naseweiser Revolutionsversuch dargestellt wurde, doch das „Wie“ hat in Die Republik der Träumer eine laute, mitreißende, hochspannende und aufwühlende Stimme erhalten. Apropos Stimme: Ich habe den Roman als Hörbuch gehört, Thorben Kessler liest großartig!

Ganz wunderbar passt dieser Roman zu der Revolution von 1848/49, die sich zum 175. Mal jährt, insbesondere in der europäischen Perspektive. Kein Geringerer als der weltbekannte Historiker Christopher Clark hat in seiner Monographie Frühling der Revolution explizit eine Brücke zum »Arabischen Frühling« geschlagen!

Alaa Al-Aswani: Die Republik der Träumer
Aus dem Arabischen von Markus Lemke
Hanser Verlag 2021
Fester Einband 464 Seiten
ISBN 978-3-446-26749-7

Amor Towels: Lincoln Highway

Viele lobende Besprechungen, mich hat der Roman nicht überzeugt. Cover Hanser, Bild mit Canva erstellt.

Bei diesem Roman komme ich mir vor wie ein literarischer Geisterfahrer. In so vielen Jahresrückblicken 2022 wurde Lincoln Highway vom Amor Towels als Highlight aufgeführt, Buchblogs, denen ich zahlreiche tolle Anregungen zu verdanken habe, loben ihn.

Mich hat er eher enttäuscht, dabei war ich von Ein Gentleman in Moskau sehr angetan. Die literarischen Zutaten jedenfalls sind gut: Road-Novel, eine Buddy-Gruppe mit divergierenden Zielen und Absichten, ein Strauß unerwarteter Begegnungen und viele Wendungen – alles da, was es braucht.

Zu den großen Mythen der USA gehört die Mobilität, die über ein reines Bewegen hinausgeht; zu den großen Mythen der westlichen Welt gehört seit Homer der Aufbruch, oft genug der von außen erzwungene. So in diesem Fall, denn die Hauptfiguren müssen sich aus dem Staub machen, allerdings aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Towles schickt seine Helden auf eine haarsträubende Irrfahrt, mit aberwitzigen Wendungen und wunderbaren Zuspitzungen. Ganz gemächlich entfaltet sich die Geschichte, weitet sich und erreicht eine beträchtliche inhaltliche Tiefe, die an einer ganz wunderbaren Stelle das menschliche Sein an sich beleuchtet.

Doch gibt es für meinen Geschmack durch den Schreibstil und Aufbau einige arge Redundanzen. Der Roman lässt ab der Hälfte stark nach, verliert an Spannung, mehr und mehr Handlungs– und Gesprächsmuster wiederholten sich. Die Verschränkung mit dem Ulysses wirkte zunächst cool, im Verlauf zunehmend konstruiert.

Irgendwo auf diesem Weg bin ich aus dem Zug oder Auto gefallen bzw. über Bord gegangen. Abgebrochen habe ich das Buch aber nicht, zum Glück, denn das Ende ist wiederum sehr gelungen. Gern verweise ich auf ausführlichere und lobende Besprechungen des Buches, denn jeder Leser liest sich selbst auf eine ganz andere Weise in einen Roman hinein: Horatio-Bücher & Kaffeehaussitzer.

Amor Towels: Lincoln Highway
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Hanser Verlag 2022
Gebunden 576 Seiten
ISBN: 978-3-446-27400-6

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Das wohl wichtigste politische Buch, das ich 2023 gelesen habe. Die Textsammlung bietet eine fabelhafte Möglichkeit, kompetenten Osteuropa-Kennern und vor allem -Bewohnern zuzuhören. Es gibt einen Menge zu lernen, gerade auch für den eigenen Standpunkt, die eigene Weltsicht. Cover edition fotoTAPETA, Bild mit Canva erstellt.

Das ganze Elend westlicher Gesinnungsethik und blinder Russophilie wird am Beitrag von Jens Herlth deutlich, der sich gegen einen pointierten Essay der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko zu russischer Literatur und Kriegsverbrechen richtet. Slawist Herlth unternimmt einen hilflosen Versuch, zu verteidigen, was nicht zu verteidigen ist.

In dem fabelhaften Sammelband »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« gibt es – zum Glück – mehrere weitere Beiträge, die Herlth entschieden widersprechen und widerlegen. Das alles muss hier nicht wiederholt werden, stattdessen seien die Aspekte genannt, die am Beispiel eines Einzelnen zeigen, worauf der gesamte Band abzielt.

Bemerkenswert ist vor allem die Argumentationslinie Herlths, die ungewollt jene blinden Flecken offenbart, mit denen viele westliche Blicke gen Osten behaftet sind. Einmal nur gebraucht Herlth in seiner Replik das Wort »menschenverachtend«. Butscha? Folterlager? Kindesentführungen? Terrorangriffe? Vergewaltigungen? Die genozidale Propaganda des Putin-Regimes?

Keineswegs. Herlth empört sich darüber, dass für russländische Soldaten der Begriff »Ork« verwendet wird und – in den sozialen Medien, also keineswegs offiziell (!) – der Wunsch geäußert wird, die Invasoren mögen Dünger für ukrainische Felder werden. Wäre Slawist Herlth auf der Höhe der Zeit, wüsste er, dass selbst russische Regime- und Kriegskritiker ihr Land als »Mordor« bezeichnen.

Das ist in einer erschütternden Weise erbärmlich und bezeichnend: Herlth argumentiert »als ob«: Als ob Russland keinen Angriffskrieg führen würde; als ob es keinen Unterschied zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen gäbe; als ob die Herabwürdigung von Angriffskriegern gleichwertig mit deren verabscheuungswürdigen Verbrechen an Zivilisten und Kriegsgefangenen wäre.

Der moralische Kompass scheint bei Herlth ein wenig durcheinandergeraten, und wer die Welt so verzerrt betrachtet, gerät recht schnell selbst in Ork-Verdacht. Dabei gäbe es an der scharfen Attacke, die Sabuschko gegen die russische Literatur reitet, einiges zu besprechen, wie die Beiträge von Karlolina Kolpak & Aleksandra Konarzewska sowie Mathew Omolesky zeigen: Man müsste nur offen zuhören, statt schnappatmig zurückzukeifen.

Ukrainische Leben sind weniger wertvoll. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine ethische Wahl.
(Kateryna Mishchenko)

Eine der wesentlichen, in diesem Band immer wiederkehrenden Fragen ist: Soll man trotz des russländischen Angriffskrieges noch russische Literatur lesen oder wegen ihrer imperialen DNA boykottieren? Recht einheitlich ist die Ablehnung, gemeinsam mit russländischen Künstlern aufzutreten, auch wenn sich diese gegen Putin aussprechen.

Das sorgt in kultur- und ausgleichsbeflissenen westlichen Kreisen für Naserümpfen, ein gutes Zeichen dafür, dass diese Kreise noch immer nicht begriffen haben. Auf die Frage, ob, was und wie man russische Literatur lesen sollte, gibt es vielfältige Antworten; tatsächlich spricht einiges dafür, vor allem ukrainische Literatur zu lesen, weil sie gut ist und es ein Akt kultureller Dekolonisation sein kann.

Damit ist das Feld bereitet: »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« bietet dank der Fülle an Beiträgen eine Menge an Themen und Sichtweisen, über die man nachdenken kann, ja sollte, muss. Da wäre jener von Timothy Snyder, der sich mit der fehlgeleiteten, verheuchelten deutschen Erinnerungskultur auseinandersetzt, welche die Ukraine Hand in Hand mit (Sowjet-)Russland ausblendet.

Man reiste nach Moskau, um dort Absolution (und Erdgas) zu bekommen.
(Timothy Snyder)

Noch wichtiger sind aus meiner Sicht jene wütenden, schonungslosen Auslassungen von Szczepan Twardoch, der gleich zweimal zu Wort kommt. Seine Zeilen sind nicht angenehm zu lesen, aber ungeheuer wichtig, denn für die im Westen Geborenen, die in der komfortablen Bequemlichkeit ihrer Wachstums-Demokratie aufgewachsen sind, ist es unangebracht, Osteuropa zu belehren.

Es geschieht dennoch, insbesondere mit Blick auf Russland. Twardoch beschreibt das sehr passend als paternalistisch-herablassend, was bereits vor dem 24. Februar 2022 zu dramatischen Verwerfungen in osteuropäischen Staaten geführt hat. Der Schock über den russländischen Angriffs- und Vernichtungskrieg war dort nicht so groß, weil man sich keinen grotesken Illusionen und Schönrednereien hingegeben hat.

Twardoch ist gnadenlos. Mit Vevre, aber keineswegs blindwütig zieht er in die Schlacht und unternimmt einen Streifzug durch die russländische Gewaltgeschichte. Dabei macht er auch nicht von Säulenheiligen á la Alexander Solschenizyn halt, der im Westen dank seines »Archipel Gulag« einen besonderen Ruf genießt und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Liebe westeuropäische Intellektuelle: Ihr habe keine Ahnung von Russland.
(Szczepan Twardoch)

Für Twardoch verbindet sich die Gräuel von Butscha mit dem Gesicht Solschenizyns und zwar mit dem des jungen Artilleriehauptmanns, der beim Einmarsch in Ostpreußen dabei gewesen war und – als kommandierender Offizier – zwar nicht an den Vergewaltigungen von Zivilistinnen teilnahm, aber diese eben auch nicht unterbunden hat.

Vor diesen »Befreiern« ist die halbwüchsige Großmutter Twardochs geflohen, der Großvater musste im Januar als desertierter Volkssturmler mit ansehen, wie der sowjetische NKWD wahllos Erschießungen vornahm. Davon zieht Twardoch eine Linie zur Gegenwart und stellt die Frage, was nach Putins Abgang geschehen werde. Tauwetter statt Morgethau-Plan, fürchtet er.

Klingt brutal? Wer Witold Jurasz’ Beitrag liest, in dem er schonungslos aufzeigt, wie die Hörigkeit gerade deutscher Eliten gegenüber Russlandmythen Europa zerstört, wird eines Besseren belehrt. Das Kind namens europäische Integration liegt tief im Brunnen und wenn man auf das kommunikative Desaster (!) um die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine schaut, versinkt es Tag für Tag weiter.

[…]eine Politik, deren Tenor von deutschen Politikern bestimmt wird, wie sie jahrelang Nord Stream 2 forcierten und Russlandprognosen trafen, von denen keine einzige eingetreten ist. Die Kompromittierung der deutschen Russlandpolitik ist leider kein Argument für, sondern gegen die vertiefte Integration.
(Witold Jurasz)

Jurasz legt den Finger in die Wunde, wenn er die Doppelzüngigkeit und das fehlende Augenmaß von Menschenrechtlern kritisch beleuchtet. Diese übersehen russländische Verbrechen und gestatten Russland Rechte, die man »den Amerikanern niemals zugestanden hätte«. Völlig zurecht weißt er daraufhin, dass US-Journalisten für ihre Berichte über Menschenrechtsverletzungen nicht sterben, russländische von »Unbekannten« ermordet werden.

Aus »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« lassen sich spektakuläre Ideen ziehen. Was soll mit der russischen Sprache in der Ukraine geschehen? Zunächst einmal sollte klar sein, dass die Ukraine zweisprachig ist, Gwendoly Sasse hat das »kontextabhängige Bilingualität« genannt. Russisch wird aus dem Alltag nicht komplett verschwinden. Oleksiy Radynski unterbreitet den Vorschlag, sie in Ostukrainisch umzubenennen, was aus unterschiedlichen Gründen eine Menge Charme hat.

Damit verbindet sich eine sehr weitgehende Idee, nämlich die russische Kultur zu dekonstruieren. Radynski meint damit, dass etwa deren »Pantheon« neu gestaltet gehört; statt ihn »Tolstojewski« zu überlassen, sollte man Schriftsteller wie Nikolaj Leskow aufnehmen, der eine ganz andere Perspektive in und aus Russland gibt.

Die russische Sprache gehört uns, wir geben sie Putin nicht her.
(Oleksiy Radynski)

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«

Das ist ein schönes Beispiel dafür, auf welch’ eingedampften Niveau im Westen oft Diskussionen geführt werden – die Basis der Argumentation ist dünn, trotzdem werden weitreichende Aussagen getroffen. Dafür gibt es den Begriff des »Westplaining«, der von Aliaksei Kazharski beleuchtet wird. Es ist eben nicht ein geographischer Ausschluss von Meinungen, sondern bezüglich der fachlichen Kompetenz.

Auch in diesem Beitrag geht es differenziert zu, denn Kazharski erweitert »Westplaining« durch »Russosplaining« und »Ukrosplaining«. Der erste Begriff zeigt, wie fatal uninformiertes Urteilen sein kann, denn die russische Sicht vor dem Angriffskrieg projizierte Annahmen und Ideologien auf die Ukraine, wodurch der Blitzkrieg scheiterte.

Klar formulierte Kritik ist zugegebenermaßen unangenehm, doch wann ist es das nicht, wenn einem ein Spiegel vorgehalten wird? Dieser hier hat vielfältige Facetten und ist umso wertvoller. Am Ende nämlich, wenn alle Beiträge gelesen und reflektiert sind, bleibt die Erkenntnis, dass Oksana Sabuschko mit ihrer fulminanten Attacke vielleicht in der Wahl der Worte, doch nicht im Kern ihrer Aussage überzogen hat. Eine Neubewertung des imperialen Russland ist dringend nötig. Bis dahin heißt die Devise: Fack ju, Puschkin.

[Rezensionsexemplar]

»Alles ist teurer als ukrainisches Leben«
Aleksandra Konarzewska, Schamma Schahadat, Nina Weller (Hrsg.)
edition fotoTAPETA 2023
Broschur 272 Seiten
ISBN: 978-3-949262-29-6

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Was für ein wilder Ritt! Cover Folio-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Die Handlung stürzt sich auf den Leser, fällt ihn an wie ein beißwütiger Hund, schnappt nach ihm, scharfzähnig und rücksichtslos. Fußballfans, die den Namen eines verurteilten, serbischen Kriegsverbrechers skandieren; Kraftausdrücke; schnelle, hastige Sätze, grundaggressiver (Unter-)Ton, eine Art verbale Vorneverteidigung, egal, ob man angegriffen wird oder nicht; Frauen werden »geknallt«, umstritten ist, ob es vorteilhaft sei, täglich dieselbe oder unregelmäßig verschiedene zu »knallen«.

Ein wenig fühlt es sich an, als wäre man unversehens in eine Achterbahn gestoßen worden und brauste nun durch einen haarsträubenden Parcours. Gerüttelt und geschüttelt ist man Zeuge, wie die Hauptfigur ihr Leben verändert, sie kehrt zurück in die alte Heimat, Fužine, ein Vorort von Ljubljana. Bissig schildert der Autor die Annäherung – unerwünschte Heimatgefühle löst ausgerechnet der Schornstein des Heizkraftwerks aus, denn der Protagonist will eigentlich gar nicht zurück.

Willkommen in der Welt des Marko Đorđić.

Goran Vojnović lässt in seinem Roman 18 Kilometer bis Ljubljana die sprichwörtliche Sau raus und überrollt den Leser geradezu. Doch bald wird klar, dass man kein Buch in den Händen hält, das mit einer vorgeschützten Dauerprovokation versucht, fehlenden Inhalt zu kaschieren. Die endlose Abfolge von Kraftausdrücken, Beleidigungen, Vorurteilen, Herabwürdigungen liegt wie ein Nebel über dem, was dem Leser nahegebracht werden soll. Aus meiner Sicht ein Glücksfall, ein anstrengender, vielleicht für manchen Leser unzumutbarer, aber doch: ein Glücksfall.

Marko kehrt in seine Heimat zu seinen Eltern Radovan und Ranka zurück, deren Ehe in die Jahre gekommen ist. Ihr Umgang miteinander hat etwas von wechselseitigem Belagerungszustand, Scharmützel, offene Streits, jeder der Ehepartner hat sich in ein Refugium des Ertragens, Duldens zurückgezogen, er gibt den Ton an, sie macht widerspenstig mit, und doch können beide nicht voneinander lassen, ein Leben ohne den anderen ist undenkbar.

Dieses Zusammenleben ist bedroht durch einen Tumor, ein Geschwür, je nach Lesart. Der Krebs wäre eine tödliche Bedrohung, das Geschwür harmlos. Radovan war bereits beim Arzt, über die Auslegung seiner Worte und ihrer Tragweite entbrennt ein Streit vor dem Sohn, der – so scheint es auf den ersten Blick – wegen der Erkrankung seines Vaters nach Hause zurückgekehrt ist.

›Es ist ein Tumor.‹
Ranka gibt nicht klein bei. Sie geht in die Verlängerung.
›Ein Geschwür!‹
›Ein Tum…‹
›Geschwüüüür!‹
Endlich ist Ranka still. Radovan hat so laut gebrüllt, dass selbst ihr klargeworden ist, dass sein Tumor Geschwür heißt. Ein neues Mitglied unserer glücklichen Familie. Tumor Geschwür.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Die Textstelle zeigt, was den Leser außerhalb des proletenhaften Gepöbels in 18 Kilometer bis Ljubljana erwartet. Bissiger Humor, Ironie, Sarkasmus und sehr lebendige Dialoge. An manchen Stellen ist der Roman unglaublich komisch, zum Schreien, manchmals aber auch in dem Sinne, dass es nicht auszuhalten ist. Vojnović überschreitet recht häufig die Grenze zum Grotesken, was nicht mit Komödie zu verwechseln ist: Man soll nicht nur lachen, das Lachen soll auch im Hals stecken bleiben.

Die Lebenswelt von Marko ist grotesk. Das gilt nicht nur für die familiäre Situation von Ranka und Radovan, sondern für das ganze Land. Ljubljana liegt in Slowenien, dem nördlichsten Landstrich eines verblichenen Vielvölkerstaates namens Jugoslawien, der Anfang der 1990er Jahre zerbrach. Die Geburtswehen der neuen Staaten waren blutig, bis in die Gegenwart ist der ehemalige Hegemon Serbien (unter Mithilfe Russlands) Unruheherd und Bosnien eine Notkonstruktion, die nur dank EU und Nato nicht zusammenfällt.

Marko ist in dieses Bosnien für mehrere Jahre verschwunden, ohne jemals Bosnier werden zu können; die gibt es dort eigentlich nicht, sondern Serben, Kroaten und Bosniaken (letztere sind Muslim) sowie siebzehn Minderheiten. Marko ist Slowene, genauer gesagt Tschefure, also ein zugewanderter Slowene aus einem anderen Bereich des ehemaligen Jugoslawien; in Bosnien leben Verwandte von ihm, bei denen er unterkommt.

Alma grinste wie ein Knirps, der einem anderen Knirps die Hose heruntergezogen hat. Sie hatte gewonnen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, verloren zu haben.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Peu á peu erfährt der Leser, dass Marko auch eine unglückliche Liebe in Bosnien aufgegeben hat. Alma, eine ungewöhnliche junge Frau, die mit dem Frauenbild Markos und seiner Umgebung nicht recht zusammenpasst. Sie ist »abgefahren«. Sie gehört der muslimischen Volksgruppe an, was der heftigen, sexreichen Liebesbeziehung keine große Zukunft beschert. Denn Alma, die Muslimin, »taugt nichts« in den Augen von Markos Verwandtschaft; und er wäre für die Muslime untragbar. 

Vieles wird im Roman weder ausführlich erklärt noch kommentiert, es schimmert oft nur durch den Nebel der sprachlichen Rohheit, denn der Protagonist erweist sich als guter Beobachter, der viele Zusammenhänge durchschaut. Die Vorfahren Markos und Almas verbindet eine gewalttätige Geschichte, die bis in die Gegenwart hineinwirkt; ein wenig Vorwissen macht die Lektüre des komisch-grotesken Spektakels um einiges interessanter, spannender.

Marko lässt sich zu einer Schmuggelfahrt überreden, die dank hochkompetenter Ausführung in einem Desaster zu enden droht – allein, weil einer der beiden Schmuggler den Trip zu einem »Trip« nutzt und der auserwählte Fahrer die Rückfahrt über die Grenze bis über die Ohren zugedröhnt auf dem Beifahrersitz zubringt. Umstellt von Befürchtungen, es könnten (tote?) Afghanen im Schmuggelfahrzeug sein und ihre Tour könnte am Grenzübergang trotz geschmierten Beamten scheitern, kämpft Marko gegen den Zusammenbruch.

Solche Episoden vermitteln einen treffenden Eindruck von der Wirklichkeit, in der Marko lebt. Korruption auf allen Ebenen, die blutige Bürgerkriegsvergangenheit lastet über dem Land, Revanche-Gelüste aus Serbien, dysfunktionale Verwaltung und ein dicker Riss durch ein einstmals nominell vereintes Land, an der Stelle, an der die EU-Außengrenze verläuft. Der schon lange spaltende Hass untereinander ist immer zu spüren, wie ein unheilvolles Grollen am Horizont.

Denn Bosnien ist gar kein Land, sondern nur ein Gebiet, auf dem unglücklicherweise Menschen leben.

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana

Das Besondere an diesem Roman ist aber, dass er aus der Sicht einer Hauptfigur erzählt wird, die alles Möglich ist, aber weder literarisch noch woke. Solche Menschen gibt es wirklich, es handelt sich nicht um eine Kunst- oder Comic-Figur. Sie bekommen so selten eine Stimme in der Literatur, dass es für manche Zeitgenossen so scheinen könnte, sie gäbe es sie gar nicht; was bei Brexit, Trump & Co. zu einer bösen Überraschung geführt hat.

18 Kilometer bis Ljubljana ist auch eine Geschichte der Entfremdung. Die Hauptfigur kehrt zurück und fast alles scheint so geblieben, wie Marko es in Erinnerung hatte. Er selbst ist ein anderer, hat sich während seiner Zeit in Bosnien so sehr verändert, dass er Vieles nicht oder schwer erträgt. Alte Kumpels (das Wort Freunde verbietet sich) und ihr asoziales Verhalten etwa, das der Autor genussvoll die sprachlichen Abgründe ausschöpfend vorführt.

Natürlich lässt der Autor den Leser nicht so einfach davonkommen. Krebs. Eine unglückliche Liebe in Bosnien, dann gibt es auch noch Nataša, umwerfend attraktiv hat sie auf Marko mehr als ein Auge geworfen. Man könnte das alles in ein Happy-End münden lassen; oder aber in einen Kreislauf schicken, in dem Marko wieder inmitten von tausenden grölenden Fußball-Prolls auf der Suche nach Zugehörigkeit den Namen eines verurteilten Kriegsverbrechers brüllt.

[Rezensionsexemplar]

Goran Vojnović: 18 Kilometer bis Ljubljana
Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof
Folio-Verlag 2023
Hardcover 319 Seiten
ISBN 978-3-85256-884-3

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