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Kategorie: Rezension (Seite 39 von 49)

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Der preisgekrönte Roman des Franzosen Alexis Jenni führt uns mitten hinein in den Indochina- und Algerienkrieg, zielt aber auf die Gegenwart Frankreichs. Bild mit Canva erstellt, Cover Luchterhand.

Nein, das ist kein Roman über den Krieg, auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert. Alexis Jenni erzählt von der Gegenwart Frankreichs. Er legt tief in der Geschichte verborgene Wurzeln offen, die bis in die Zeit der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht zurückreichen, und über den Indochina-Krieg und den Algerienkrieg jenes Unheil heraufbeschworen haben, das trotz aktiver Verdrängung nicht verschwunden ist und die Gegenwart prägt.

Koloniale Kriege sind rassistische Kriege. Rassismus spielt eine wichtige Rolle in dem Roman. Jenni nimmt eine sehr pointierte Haltung zur Kategorie Rasse ein, denn er sagt, dass Rasse nur existiere, wenn man davon spreche. Sie sei keine Naturgegebenheit. Viele Motive, die das gegenwärtige Leben und die politische Diskussion prägen, werden in Die französische Kunst des Krieges aufgegriffen und durchdekliniert. Polizeikontrollen etwa, die bei der Auswahl der Kontrollierten auf deren Aussehen zurückgreifen.

In Kolonialkriegen zählt man nicht die Toten der Gegner, denn sie sind weder Tote noch Gegner: Sie sind ein Geländehindernis, das man überwindet, wie spitze Steine, Mangrovenwurzeln oder Mücken. Man zählt sie nicht, weil sie nicht zählen.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Durchdekliniert klingt trocken. Gemeint ist, dass Jenni sich herausnimmt, den Leser ins Detail zu verstricken. Den Schreibstil des Autors prägt eine beeindruckende Beobachtungsgabe, er seziert wie ein Wissenschaftler Dinge und rückt sie in ein neues Licht. Dabei geht er nicht gerade bürgerlich-rücksichtsvoll vor. Der Ich-Erzähler gehört in der bürgerlichen Sozialmoral zu den Versagern, Drückebergern, Arbeits- und Leistungsverweigerern.

In einem für mich sehr unangenehmen Kapitel stößt sich diese Person selbst aus dem wohlsituierten Gesellschaftskreis aus und beginnt einen Sinkflug in die untere soziale Schicht. Ein hübscher literarischer Kniff, denn nur durch das Verlassen der Blase beginnt das nötige Wahrnehmen. Auf seinem Weg kommt er in Kontakt mit einem ehemaligen französischen Offizier der Luftlandetruppen namens Victorien Salagnon. Dieser lehrt ihn die Kunst des Malens, im Gegenzug hört der  Ich-Erzähler die Geschichte des Soldatenlebens an, die Geschichte von zwanzig Jahren Krieg.

Zwanzig Jahre lang folgte ein Krieg auf den anderen, und jeder tilgte die Spuren des vorherigen, die Mörder des einen Krieges tauchten im folgenden unter.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die Französische Kunst des Krieges ist ein fesselnder Roman, der auch auf jene Leser ohne besondere Affinität zu (Kriegs-) Geschichte seinen Reiz ausübt, ihn wie ein Sog erfassen und mitreißen kann. Zumutungen sind Teil des Erzählens, wie jene Passagen, die entlang der Grenze zum Essay oder Bericht verfasst sind, emotionale, wütende Ausbrüche, aber auch detaillierte Beobachtungen und Verfremdungen, einige Male von atemberaubender Klarheit, manchmal auch verstörend.

Jenni hat seinen Roman als Wechselspiel inszeniert. Sieben Kapitel sind mit »Kommentar«, sechs mit  »Roman«  überschrieben. Dass an einer Stelle explizit auf Julius Caesars Commentarii de bello gallico verwiesen und dessen geniales Kommunikationsinstrument der literarischen Lüge, die er auf diese Weise in die Welt gesetzt hat, diskutiert wird, dürfte das kein Zufall sein. Der Autor will etwas mit seinem Werk, wenn auch das Gegenteil von dem, was Caesar (und de Gaulle) vorhatten: enthüllen statt bemänteln.

De Gaulle war der größte Lügner aller Zeiten, aber Romantiker sind nun einmal Lügner.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die sieben Kommentare widmen sich vor allem dem Leben und der Erfahrungswelt des Ich-Erzählers, seinen Eindrücken von der Gesellschaft und die Wahrnehmung und Einordnung der Ereignisse. Eine immer stärkere Rolle spielen Victorien Salagnon, seine Ehefrau, eine Algerien-Französin, und ehemalige Kriegskameraden, die den Krieg, die »koloniale Fäulnis« in die Gegenwart der französischen Republik getragen haben.

Die mit »Roman« überschriebenen Teile erzählen vom Werdegang Salagnons, beginnend im Spätherbst 1943, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war. Zwar wendet sich Salagnon auf Weisung seines Onkels der Resistance zu, doch wird deutlich, dass eine Kriegsteilnahme an deutscher Seite durchaus nicht ausgeschlossen war. Die glorifizierte Resistance umflort ein frostiges Zwielicht. Nicht ohne Grund ist dieser Onkel, der wie ein Gespenst immer wieder auftaucht, am bitteren Ende Teilnehmer des missglückten Staatsstreichs gegen de Gaulle.

Salagnon nimmt an den Kämpfen gegen die Deutschen teil, wie alle Kriegsszenen in dem Roman sind sie von einer eigentümlichen Intensität bei gleichzeitiger Nüchternheit und Distanz geprägt. Heroisch ist wenig bis gar nichts an den Schilderungen, weder 1944/45 noch später, in Indochina oder Algerien. Konservativen Geistern dürften sich die Haare sträuben, Linken die Fußnägel krümmen, denn Jenni verlegt sich nicht auf dumpfbackiges Verteufeln; er seziert, diskutiert und lässt dem Leser Raum zum denken. 

Wir bemühten uns, in den heutigen Problemen die gestrigen zu sehen und sie so zu lösen, wie wir sie damals vergeblich zu lösen versucht haben.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

In einer für mich ganz besonders einprägsamen Szene trifft Salagnon auf einen deutschen Offizier. Zwei Meter trennen sie, und doch eine ganz Welt, denn zwischen ihnen ist Stacheldraht gespannt. Es handelt sich um eine Art prophetischen Stabwechsel zwischen der untergehenden Wehrmacht und den Franzosen – eine Vorausdeutung auf das Unheil, das naht. Das Trennende erweist sich als Augenwischerei.

Frankreich, 1940 in demütigender Weise besiegt, schlüpft wieder in die Rolle der Sieger- und Ordnungsmacht und führt zwei hoffnungslose, brutale, menschenverachtende Kriege in seinem Kolonialreich. Die Deutschen sind zumindest in Indochina mit von der Partie, im Rahmen der Fremdenlegion. Jenni räumt ihnen in seinem Roman etwas Raum ein, bedeutsamen, denn die im Vernichtungskrieg erlernten Terror-Taktiken kommen wieder zur Anwendung – und werden von den Franzosen adaptiert. Der Stabwechsel in der Praxis.

Nicht nur die Techniken, sondern auch die Einteilung der Menschen nach  Rassen, eine Kategorisierung, an der sich der Autor durch seine Personen über die gesamte Handlung hinweg abarbeitet. Der Rassismus ist die wichtigste Quelle von dem, was Jennis Protagonist die »koloniale Fäulnis« nennt, die wie Gülle in das politisch-soziale Erdreich des modernen Frankreich eingesickert ist und es zu vergiften droht.

An einer Stelle fragt der Ich-Erzähler Victorien Salagnon entsetzt, was denn schlimmer sein könne, als Folter. Dieser antwortet, die Menschen in »wir« und »sie« zu unterteilen. Das ist – aus meiner Sicht – eine konsequente Absage an identitäres Denken jeglicher Couleur, das immer damit verbunden ist, anderen eine Identität zuzuschreiben; meist Hand ind Hand mit der Reduktion auf eine (erfundene) Identität.

Die Rasse ist ein Furz der Gesellschaft.

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

Die französische Kunst des Krieges ist ein Fingerzeig, ohne pädagogischen Imperativ, der in weiser Lehrermanier Lösungen bietet. So etwas haben Jennis Figuren nämlich nicht, auch nicht der Ich-Erzähler, dem im Laufe der Erzählung peu á peu die Augen geöffnet werden, der beginnt, sich Zusammenhänge des Begreifens zu konstruieren und seine eigenen, durchaus pointierten und radikalen Vorstellungen entwickelt.  Am Ende findet er sein kleines Glück im Privaten.

Ganz nebenbei ist der Roman auch ein Antikriegsroman, der wie kaum ein anderer deutlich macht, dass Kriege weit über die Waffenruhe hinaus nachwirken. Wie Alexis Jenni es ausdrückt: »Die Stille nach dem Krieg ist immer noch Krieg.«

Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges
aus dem Französischen von Uli Wittmann
Luchterhand 2012
Hardcover 768 Seiten
ISBN: 978-3442747702

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Die große Uhr ist ein sehr spannender, unterhaltsamer Noir-Thriller aus den 1940er Jahren. Cover Elsinor-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer zu einem Klassiker greift, erwartet Patina. Kenneth Fearings Die große Uhr hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Die Technologie der 1940er Jahre und die an die Zukunft geknüpften, einigermaßen ulkig anmutenden Erwartungen etwa; die Drinks und Rauchwaren immer und überall, vom anfangs aufscheindenden Frauenbild einmal ganz zu schweigen.

Im Fremden schärft sich aber auch immer das Bild der eigenen Gegenwart, als blicke man in einen verzerrten Spiegel, der neben den Unterschieden eben auch Bekanntes wiederkennen lässt. Die Medienkritik, die Fearing übt, lässt sich in vielerlei Hinsicht auf die heutige Zeit übertragen, aber auch seine Sicht der problematischen Seiten einer kapitalistischen Gesellschaft.

Im Kern handelt es sich bei dem Roman aber um einen Noir-Thriller, Spannung gibt es eine Menge, nach einer recht ausführlichen Exposition. Man darf dankbar sein, dass Die große Uhr nicht jene im Übermaß anzutreffende Erzähl-Struktur eines kurzen, dramatischen Häppchens zu Beginn mit nachfolgendem Rückblick aufweist, sondern – klassisch – erzählt. Spannungsjunkies, die schon nach einer halben Seite ihren Kick brauchen, sollten vielleicht besser die Finger von dem Roman lassen.

Ich glaube nicht an eckige Pflöcke in runden Löchern. Der Preis ist zu hoch.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Zwielichtig ist es von Anbeginn an. Die Hauptfigur, George Stroud, lebt in scheinbar wohlsituierten Verhältnissen: Frau, Kind, Job als Chefredakteur einer True-Crime-Zeitschrift, ein eigenes Häuschen in Aussicht. Doch das Selbstgespräch vor dem Spiegel im zweiten Kapitel lässt Abgründe erahnen, die Strouds Leben belasten, privat und beruflich.

Nicht nur Tagträume bilden einen illusorischen Weg aus der als unerträglich empfundenen Realität, der Protagonist ist ein notorischer Fremdgänger. Sein sexuelles Begehren wird ausgerechnet von Pauline Delos geweckt, der Geliebten seines Chefs Earl Janoth, beide landen gemeinsam im Hotelbett und das Drama, das sich von der ersten Seite ankündigt, nimmt seinen Lauf.

Ein jäher Wendepunkt setzt Spiel und Gegenspiel in Gang, das den Leser bis zum Ende in Atem hält. Dank der gelungenen Exposition der Handlung befindet sich George Stroud in einer vertrackten Zwangslage, er muss ein Ermittlungsteam auf sich selbst ansetzen – es ist nicht nur für ihn unheimlich, sein Ego Stück für Stück enthüllt zu sehen. Die gesuchte Person, also er selbst, steht unter Mordverdacht, und so muss Stroud alles tun, um den Fortgang der Suche zu behindern.

(…) stand ich vor dem Janoth-Building, das wie eine unsterbliche Gottheit aus Stein inmitten eines Häuserwaldes aufragt.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Sein eigenes (Fehl-)Verhalten zwingt ihn zu diesem Doppelspiel, er will vermeiden, dass er sein Leben oder seine Familie verliert. Welchen Wert diese hat, angesichts seines Lebenswandels, bleibt offen; er könnte nur um die bequeme bürgerliche Fassade besorgt sein oder aber angesichts des drohenden Verlusts ihre tatsächliche Bedeutung für ihn erkannt haben.

In jedem Fall reicht die Motivation, sich dem lebensgefährlichen Drahtseilakt auszusetzen. Gefahr droht, denn in der vom Takt der »großen Uhr« beherrschten Welt ist ein Menschenleben weniger wert als der ungestörte, reibungslose Fortgang der Maschinen.

Fearing erzählt aus wechselnden Perspektiven, was den Romanfiguren eine gewisse Mehrschichtigkeit  verleiht. So ist der Unternehmer Janoth zwar ein kapitalistischer Geschäftsmann, zugleich aber darauf bedacht, Qualitätsjournalismus in seinen Blättern zu fördern. Durch die Perspektivwechsel kommen außerdem Spiel und Gegenspiel zur Geltung, während die Handlung auf ihr Finale  zustrebt.

Ich kannte das Riskio und den Preis.

Kenneth Fearing: Die große Uhr

Im Hintergrund aber tickt die »große Uhr«, ein Sinnbild für die nimmermüden, allmächtigen Mühlen der kapitalistischen Welt, in der die Menschen gezwungen sind, ihr Leben dem Takt der Uhr anzupassen und nicht – wie es in der amerikanischen Verfassung heißt – nach Glück zu streben. Die Uhr ist aber zugleich ein Symbol der Sterblichkeit, der Tod liegt über der Existenz wie ein mächtiger dunkler Schatten, eine ewige Winternacht. Noir par excellence!

Die große Uhr ist der dritte Band einer Krimi-Reihe des Elsinor-Verlages, die Klassiker der Genres neu auflegt. Herausgegeben wird sie von Martin Compart, der zu dem Roman ein ausführliches Nachwort mit vielen interessanten Informationen zu Autor und Werk sowie Denkanstößen verfasst hat, die der sehr fesselnden und unterhaltsamen Lektüre rückwirkend noch mehr Tiefe verleihen.

Ebenfalls in der Reihe erschienen & besprochen:
Buchan, John: Der Übermensch.
A.D.G.: Die Nacht der kranken Hunde.
John Mair: Es gibt keine Wiederkehr.
Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik.
Richard Hallas: Wer verliert gewinnt.


[Rezensionsexemplar; daher Werbung].

Kenneth Fearing: Die große Uhr
Aus dem Englischen von Jakob Vandenberg
Klappenbroschur 200 Seiten
Elsinor-Verlag 2023
ISBN 978-3-942788-71-7

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Lesenswerter Roman, inhaltlich nicht in meiner Komfortzone. Cover diogenes, Bild mit Canva erstellt.

Der Autor Benedict Wells ist für mich ein spezieller Fall. Zwei- oder drei Mal habe ich einen Roman von ihm begonnen, einer davon war Becks letzter Sommer, den ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Der Autor erschien bereits verbrannt. Trotzdem habe ich wegen Empfehlungen von mir geschätzter Blogs weitere Anläufe unternommen – erfolglos.

Der Roman Vom Ende der Einsamkeit ist mir so dringend nahegelegt worden, dass es mir nachgehangen hätte, wäre ich dem nicht nachgekommen. Es hat sich durchaus gelohnt, auch wenn der der Stoff ein gutes Stück außerhalb meiner Komfortzone liegt. Was mir besonders gut gefallen hat, ist der Schreibstil, denn Wells erzählt.

Unaufgeregt lässt er den Ich-Erzähler Jules von seinem Schicksalsweg berichten. Der hat es in sich, es ist eine lange Suche nach sich selbst, bei der er durch ein tiefes Tal gehen muss. Die Unbilden des Internatslebens, eine schier endlose, vergebliche Liebe, Orientierungslosigkeit und Scheintätigkeiten aus Schuldgefühlen, gefolgt von einer viel zu knappen Phase des Glücks – Jules wird vom Leben durch die Mangel gedreht.

Er und seine beiden Geschwister bilden ein Spannungsdreieck, völlig voneinander verschieden und doch einander verbunden, ziehen sie durch ihre Leben, die trotz aller Unterschiede geprägt sind von dem frühen, tragischen Tod ihrer Eltern. Wie ein dunkler Schatten liegt das Ereignis über ihnen, auch wenn er augenscheinlich zu verblassen scheint.

Das Trio schreitet auf sehr unterschiedlichen Wegen durchs Leben und findet immer wieder zueinander. Manche Passagen wirken etwas redundant und lassen den Leser ratlos zurück, einige Motive sind allbekannt und die ganze Geschichte wirkt ab einem gewissen Punkt ein wenig konstruiert, doch darüber kann man getrost und flott hinweglesen.

Da der Roman inhaltlich jenseits meines literarischen Tellerands liegt, verweise ich gern auf weitere Rezensionen: positiv bei Buchhaltung, Zeilentänzer; offenherzig kritisch: Literaturreich.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Taschenbuch 368 Seiten
Diogenes 2018
ISBN: 978-3-257-24444-1

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Ein epochemachendes Werk, zentral für alle, die Geschichte und Gegenwart verstehen wollen. Cover DVA. Bild mit Canva erstellt.

Allein die Herangehensweise spricht für eine nachdrückliche Lektüreempfehlung dieses umfangreichen Buches namens Die Schlafwandler. Der Historiker Christopher Clark untersucht den Weg in den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe, die am Anfang von Europas Selbstvernichtung stand. Sein Ansatzpunkt ist dabei hochinteressant und – wie es sich über ein Werk dieser Art gehört – umstritten. Aus meiner Sicht hat es epochalen Charakter.

Die Kriegsschuld, die im Versailler Vertrag und von vielen Historikern dem Deutschen Kaiserreich zugesprochen worden ist, darf wie ein bequemes Sofa betrachtet werden. Die Siegermächte entband es von der Notwendigkeit, die eigenen Anteile an dem Desaster kritisch zu beleuchten – man hatte ja einen Verursacher. Aber auch für interessierte Kreise auf Seiten der Deutschen war diese Zuschreibung vorteilhaft, eignete sie sich vortrefflich für antidemokratische und nationalistische Propaganda.

Nach 1945 haben viele deutsche Historiker unter dem Eindruck des Zivilisationsbruchs nur zu gern die schlichte Lösung des angeblich geplanten, provozierten Krieges im Rahmen einer Strategie, die als »Griff nach der Weltmacht« bezeichnet wurde, aufgegriffen und mit Klauen und Zähnen verteidigt; im Kern eine absurde, wenn auch verständliche Rückschau durch die Brille des nationalsozialistischen Weltanschauungs- und Angriffskrieges.

Alles fing mit einem Kommando von Selbstmordattentätern und einem Autokorso an.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Christopher Clark geht einen anderen, meines Erachtens seriöseren Weg, und lässt die »Kriegsschuld« außen vor. Stattdessen konzentriert er sich auf die politischen Verhältnisse, Strömungen und Optionen, die den handelnden Personen in der Julikrise zur Verfügung standen und zeigt minutiös auf, wer, wann, wie und vor welchem Hintergrund handelt.

Frappierend, wie sehr die angeblich so sachliche und nüchterne Historiographie Ideologien und Denkmuster widerspiegelt. Clark verweist ganz am Ende seines Buches darauf, wie schnell und umfänglich Serbien als wesentlicher Akteur aus dem Denken der Verantwortlichen verschwunden ist – und auch aus den Werken der Geschichtsschreiber, die sich – wie Franzosen, Russen und Engländer damals – auf Deutschland fokussierten.

Die Schlafwandler nimmt sich eines extrem komplexen Vorganges an, der Jahre vor 1914 seine Wurzeln hat – eben auch dort, wohin bislang kein Scheinwerfer der Historiographie leuchtete. Allein für Clarks ausführliche Darstellung des serbischen Wegs in das Desaster gebührt dem Autor große Anerkennung, die Schilderung des irredentistischen Königsmörder-Flügels unter den Verantwortlichen, rückt einiges ins Licht.

Serbien  wird aus der Bedeutungslosigkeit herausgeholt, zugleich aber der Selbststilisierung als reines Opfer entkleidet und – dankenswerterweise – nüchtern in seiner inneren Entwicklung betrachtet.

Das Opfer war ein zentrales Motiv, fast schon ein Wahn.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Auch der geschulte Leser fühlt sich wie auf einer Entdeckungsreise in eine unbekanntes, nicht kartographiertes Land. Was da aus der Dunkelheit an Licht kommt, lässt im Jahr 2022 schaudern. Die serbischen Stimmen, die vor 1914 von einem Großserbien schwadronierten, lassen die Äußerungen über die Ukraine, die aus Putins Reich kommen, wie ein spätes, gefährliches Echo klingen.

Durch die Beschäftigung mit Serbien wird erst klar, wie sehr die Entente-Mächte dem fünften Großmacht-Rad am europäischen Wagen, Österreich-Ungarn, alle Rechte absprachen, die sie für sich in Anspruch nahmen; ja, auch ohne triftigen Grund für sich beanspruchten. Österreich-Ungarn galt 1914 als verfallender Staat, der zwangsläufig verschwinden würde (wie auch das Osmanische Reich). Auch mit dieser Annahme räumt Clark auf.

Es nimmt sich schon kurios aus, wie sehr Russland wirtschaftlich und militärisch überschätzt und hinsichtlich der internen Schwächen unterschätzt wurde – niemand hätte 1914 eine Wette darauf gewagt, dass der Riese im Osten drei Jahre später kollabieren würde. Umgekehrt ist es eben auch fraglich, ob Österreich-Ungarn nicht hätte eine innere Reform durchführen und sich stabilisieren können.

Das Todesurteil für das Habsburgerreich wurde noch durch eine rosarote Sichtweise Serbiens als Nation der Freiheitskämpfer bekräftigt, denen die Zukunft gehörte.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Geschichte wiederholt sich (nicht). Die ewige Frage würde ich – nicht nur in diesem Fall – mit dem Begriff des historischen Echos versehen – leicht verzerrt, doch in seinem Kern gleich und zusammengenommen ähnlich.  Serbien ist keineswegs nur die Zündflamme des Flächenbrandes namens Erster Weltkrieg gewesen, sondern handelnder und über seine wirkliche Bedeutung hinausreichender Akteur des Desasters gewesen.

Vielleicht musste ein Historiker wie Christopher Clark kommen, den es aus der australischen Ferne nach Europa verschlagen hat, wo er den gewohnten Blick auf den Weg in den verheerenden Ersten Weltkrieg geschärft und viele bequeme Gewohnheiten über den Haufen geworden hat. Clark schaut genauer hin und schildert die Vorgänge und mögliche Alternativen auf sehr vielen Ebenen.

So wird die Bedeutung des Balkans, seiner kleinen, streit- und kriegslustigen Staaten, allen voran Serbiens, aber auch Italiens, das mit seinem ebenso aggressiven wie vergessenen Krieg 1912 verhängnisvollen Entwicklungen den Weg bereitete, der nötige Raum gegeben. Die politischen Entscheidungsfindungsprozesse in den Staaten, ihre Machtgruppen und einander bekämpfenden Gruppen, werden aufgezeigt, die Bedeutung der Monarchen, der Presse und gesellschaftlicher Verbände beleuchtet.

Es ist ein lohnenswerter, verschlungener, vielfach gewundener Weg, den der Leser beschreitet. Im Verlauf wird ihm klar, wie kurios der Begriff der »Schuld« ist, der den Blick auf die wesentlichen Aspekte verstellt. Etwa die ungeheuer aggressive Politik russischer Kreise, die Deutschenfeindlichkeit mächtiger Gruppen in England und Frankreich. Das Buch ist wie eine Impfung, die Neigung, dort eine »Mitschuld« zu verorten, verfliegt und macht der sehr viel wichtigeren Frage Platz: Wie hätte sich das Debakel verhindern lassen?

Mir haben mehrere Aspekte ganz besonders gefallen. Zum einen Clarks Blick auf die Kommunikation zwischen den Machtgruppen und Staaten, insbesondere die Einbettung des Überlieferten in eine Analyse von deren tatsächlicher Wirkung. Zum zweiten die Frage, ob und wann es hätte wie anders kommen können – Die Schlafwandler bricht grundsätzlich mit der Neigung, den Ersten Weltkrieg als zwangsläufigen Endpunkt einer unveränderlichen Entwicklung zu betrachten.

Sehr bemerkenswert ist aber drittens die Feststellung, dass die handelnden Akteure auf allen Seiten wenig über die Intentionen der anderen wussten, mit einer geringen Zuversicht bezüglich der Verlässlichkeit der anderen, selbst innerhalb der Bündnisblöcke ausgestattet waren und die daraus resultierende Instabilität durch die wechselnden Machtverhältnisse innerhalb der jeweiligen Exekutiven verschärft wurde.

Die Österreicher glichen Igeln, die ohne nach rechts oder links zu schauen, über eine Autobahn trippeln.

Christopher Clark: Die Schlafwandler

Die Voraussetzungen für eine mögliche Abwendung des Ersten Weltkrieges waren also nicht besonders gut, aber nicht, weil sich etwa zwei in sich geschlossene Blöcke gegenüberstanden, sondern auch wegen der Unsicherheit innerhalb der Blöcke. Clark hat das beim Blick auf die Julikrise 1914 herausgestrichen, was aus meiner Sicht weit über das historische Ereignis hinausragt und den Blick auf aktuelle politische Entwicklungen schärfen sollte. Aus Die Schlafwandler lässt sich vortrefflich lernen.

Die Vereinfachung komplexer historischer Entwicklungen hat für die Gegenwart verheerende Konsequenzen. Sie erklärt nämlich beispielsweise die nachgerade absurde Ignoranz der deutschen auswärtigen Politik im 21. Jahrhundert gegenüber der Ukraine, den baltischen Staaten, Polen und Belarus und alleinige Fokussierung auf Russland – wohlgemerkt aus Gründen der »historischen Verantwortung«. Als ob die Nazis nur in Russland gewütet hätten.

Die Schlafwandler ist eben auch ein Plädoyer dafür, komplex zu denken, wenn es um komplexe Entwicklungen geht, und Misstrauen gegenüber einfachen Antworten zu entwickeln. Die medial allzu häufig zu Wort kommenden Schlichtgestalten mit ihren einfältigen Schuldzuschreibungen (!) sind nichts weiter als ein erbärmliches Echo bequemer, eindimensionaler Weltsichten, Vertreter einer Art historisch-politischen Autismus’.

Christopher Clark: Die Schlafwandler
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA 2013
Hardcover, 896 Seiten
ISBN: 978-3-421-04359-7

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Es ist nicht nur ein Roman über das Leiden in japanischer Kriegsgefangenschaft, aber das Leben und Sterben im Urwald bildet den Kern von allem. Cover: Piper. Bild mit Canva erstellt.

An einer Stelle fragt sich die Hauptfigur des Romans Der schmale Pfad durchs Hinterland, wer »das hier jemals begreifen« solle. »Das hier« meint das Überleben und Sterben in einem japanischen Kriegsgefangenenlager mitten im Dschungel, durch den eine strategisch wichtige Eisenbahn gebaut werden soll. Die Zwangsarbeit führt im Zusammenspiel mit Krankheit, Hunger und brutalen Misshandlungen zum Massensterben unter den Gefangenen.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass die Darstellung der ungeheuerlichen Zustände in japanischen Kriegsgefangenenlagern zwar das Kernmotiv des preisgekrönten Romans ist, Autor Richard Flanagan aber erheblich mehr am Herzen liegt. Es entwickelt sich eine vielschichtige, zeitlich und räumlich multiperspektivische Erzählung mit vielen überraschenden Wendungen in dem falschen Leben des Protagonisten. Selbst dieser Satz greift eigentlich zu kurz.

Die Hauptfigur, der Militärarzt Dorrigo Evans, ist in den Jahren nach dem Krieg zum Helden stilisiert worden, beruflich erfolgreich, verheiratet mit einer schönen, treuen und loyalen Frau, aber unglücklich, nicht zuletzt, weil seine Liebe einer anderen gehört. Sein Leben basiert auf Lügen, Seitensprüngen, persönlichem Unglück und dem langen Schatten der Kriegsgefangenschaft.

Der schmale Pfad ins Hinterland führt den Leser tief hinein in das komplexe Gewirr existenzieller Fragen, auf die das Leben (und Sterben) der handelnden Personen in der Regel von Tragik umwitterte Antworten bereithalten.

Dorrigo wollte nicht zugeben, dass nichts in seinem Leben so viel Sinn gegeben hatte, wie der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Flanagan erzählt seine Geschichte nicht chronologisch. Er montiert zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Szenen unmittelbar nacheinander. An einer Stelle wird über Seiten geschildert, wie die japanischen Wärter und ihre koreanischen Helfer einen Gefangenen über Stunden misshandeln. Die zum Zusehen gezwungenen Mitgefangenen versuchen, das grausame Geschehen nicht an sich heranzulassen.

Direkt im Anschluss springt die Erzählung um Jahrzehnte in die Zukunft und zeigt, wie das Erlebnis von Krieg und Gefangenschaft, von Grausamkeit, Folter und Tod in einem der Überlebenden auf verstörende Weise fortlebt, wie das Erinnerungsgespinst den Rahmen setzt für das Nachleben im Frieden. Es ist nur eine kurze Szene, die jedoch so eindrücklich belegt, dass Kriege nicht enden, wenn die Waffen schweigen.

Die Japaner waren Monster, sagte Dorrigo Evans, Sie haben ja keine Ahnung.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Von den Brüchen und Niederlagen im Leben Dorrigos sowie dem tiefen Schatten seiner Persönlichkeit, erfährt der Leser bereits auf den ersten Seiten. Flanagan hat seinen Roman selbst vielfach zeitlich und örtlich gebrochen, zwischen den Abschnitten können Jahrzehnte und Zehntausende von Kilometern liegen, dennoch wirkt die Erzählung organisch, zusammenhängend und zu keinem Zeitpunkt zerrüttet oder konstruiert.

Zu seinen großen Stärken gehört, dass auch die japanische Seite zu Wort kommt. Die Weltsicht der japanischen Offiziere, der ihre Gefangenen verständnislos begegnen, entfaltet sich vor den Augen des Lesers in ihrer Fremdheit, wenn diese miteinander über die Notwendigkeiten ihres Handelns, den Dienst für den Kaiser sprechen oder die Geschehnisse aus ihrer Sicht geschildert werden.

Erfreulicherweise übergeht Flanagan die Koreaner nicht. Korea, jahrzehntelang eine japanische Kolonie, liefert Nachwuchs für die Armee – nicht zum Kämpfen, aber zum Bewachen der Kriegsgefangenen. Die Rekruten werden in den Dienst gezwungen und mit brutalster Härte gedrillt, was ihr eigenes Handeln beeinflusst.

Nach dem Krieg wurden Kriegsverbrechen verfolgt. Wie in Europa galt auch in Fernost: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Flanagan folgt den gewundenen Schicksalen einiger Lageroffiziere und ihrer Untergebenen in den Jahren nach 1945 – auch ein Gewinn für den europäischen Leser.

Es gab keine gesunden Männer mehr, nur noch die Kranken, die Schwerkranken und die Todgeweihten.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Der Roman ist bei der Darstellung der Verhältnisse im Lager sprachlich wie inhaltlich schonungslos. Anders als etwa in dem Film Die Brücke am Kwai breitet Der schmale Pfad durchs Hinterland die schier unglaublichen Leiden der Kriegsgefangenen während der Zwangsarbeit im Urwald und der unmenschlichen Behandlung durch die Japaner nüchtern aus – für alberne heroische Handlungen ist hier kein Platz.

Die Figuren, die vor dem Auge des Lesers entstehen, erinnern an KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten. Flanagan erspart seinem Publikum nicht den Blick auf das Darben und Sterben, es ist die Vorhölle auf Erden, zwischen Erschöpfung, beißendem Hunger, Krankheit und Tod; Worte, die seltsam schal wirken, angesichts dessen, was geschildet wird.

In diesen Passagen wird auch klar, warum sich Dorrigo Evans nicht als Held empfindet. Zwar hat er oft in einem Sinne gehandelt, dem durchaus ein heldenhaften Charakter zugesprochen werden kann, aber  den Verhältnissen, dem grausamen Leiden und Sterben, der Folter und den Misshandlungen steht er hilflos gegenüber.

Er konnte sich weigern, dem Stellvertreter des Todes zu helfen, oder er konnte zu seinem Handlanger werden.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

In beklemmenden Szenen lässt Flanagan den Leser daran teilhaben, wie der Arzt vor fürchterlichen Entscheidungen steht, Zwangslagen aushalten muss, aus denen es kein Entkommen gibt. Er muss beispielsweise auf Befehl der japanischen Offiziere unter den Gefangenen eine bestimmte Anzahl Männer auswählen, etwa für den Arbeitseinsatz oder einen Todesmarsch durch den Dschungel.

Verweigert er sich, werden die Männer von den Japanern wahllos bestimmt, sie würden die Schwächsten und Anfälligsten auswählen und in den sicheren Tod führen – das spare dem Kaiser Reis. Hilft er, macht er sich zum Handlanger, auch wenn er in diesem Fall wenigstens die Möglichkeit hat, jene zu erwählen, die eine Chance haben, die Tortur zu überstehen.

Wer Stiefel hat, überlebt den Marsch durch den Dschungel eher, als jene, die mit bloßen Füßen durchkommen müssten. Das sind angesichts des körperlichen Zustands nur theoretische Erwägungen; auch für die, deren Füße in Stiefeln stecken, wartet auf dem Marsch durch den Dschungel nur der Tod.

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Piper Verlag 2017
448 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-492-30999-8

Wer wissen will, wo und wie die »Bahnlinie des Todes« verlief, kann zum tollen Atlas Die Geschichte der Welt von Christian Grataloup greifen. Dort findet sich diese sehr anschauliche Karte. Die Kwai-Brücke ist auch eingezeichnet.

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