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Neue Lektüre: Fremde, ferne Welt

Bücherregal mit einer Auswahl an historischen und literarischen Büchern. Im Vordergrund steht das Buch ‚Viking Britain‘ von Thomas Williams, umgeben von weiteren Werken zu Geschichte, Kultur und Literatur.
Schon nach der Lektüre der ersten beiden Kapitel ist klar: Das ist ein gutes Buch. Viking Britain ist Teil meines Lesevorhabens 12für2026. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Die Arbeit am letzten Band meiner Piratenbrüder-Buchreihe liegt in den letzten Zügen, seit Wochen bin ich parallel dazu mit dem nächsten Roman beschäftigt. Der führt mich und die Leser in die Welt der Wikinger, weshalb ich weiter fleißig Bücher über das Sujet lese. Nach einem eher gruseligen Buch über König Knut den Großen von W.B. Bartlett nun ein neues, das sich gezielt mit den britischen Inseln während der Wikinger-Zeit befasst.

Was für eine Wohltat, ein Buch auf so gutem Niveau zu lesen! Thomas Williams hat seinem Viking Britain auch eine interessante Struktur gegeben, in dem er erzählerische Motive einfließen lässt. Das ist keineswegs nur ein Versuch, den Leser an die Zeit heranzuführen, im Gegenteil: Die trennenden, fremden Momente werden so deutlich. Die Welt der Wikinger war voll von mythischen Wesen, Toren in andere Welten, Monstern, Göttern und Vorzeichen.

Für mein Romanprojekt ist das eine Ermahnung. Nicht etwa, Anachronismen zu vermeiden. Das ist unmöglich. Es geht darum, Anachronismen so zu gestalten, dass der moderne Leser einen Zugang findet.  Er soll die Fremdheit der damaligen Welt, so sie für mich erkennbar ist, durchaus spüren, ohne dass die Motive der Personen unverständlich werden. Ein Beispiel ist die Schrift: Wie soll ein Leser (!) im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends nachvollziehen, wie das Leben von Analphabeten in einer Welt fast ohne Schrift aussah? Analphabeten waren beinahe alle, vom Bettler bis zum König. Auch wenn Smartphones eifrig daran mitwirken, den Abgrund zu verringern, ist er riesig und unüberbrückbar.

Manchmal helfen Leerstellen, die wie leere Räume mit zwei Türen sind: von der einen Seite tritt der moderne Leser ein, von der anderen die historische Figur. Wenn im Roman von einer »Karte« die Rede ist, versteht die historische Figur etwas grundsätzlich anderes darunter als der moderne Leser. Dort eine Karte mit Jerusalem als Mittelpunkt von Asien, Europa und Afrika; oder ein Portolan, ein Verzeichnis von Häfen, ohne geographische Genauigkeit; hier eine moderne Karte oder vielleicht eine ältere, historische, aber mit erkennbar modernen Umrissen und geographischen Gegebenheiten.

Im Wikinger-Teil von Vinland – Piratenbrüder Band 4, an den der neue Roman inhaltlich anschließt, habe ich meine Hauptfigur Eillir Valdasson entsprechend gestaltet: Alphabetisiert, mehrsprachig, ein Kartenzeichner, Chronist, Berater eines Jarls, später Königs. Er muss wie alle anderen Personen des Buches vor allem handeln und darf nicht den Leser belehren. Ein Roman ist keine Schulstunde, sondern eine Erzählung inmitten von historischen Kulissen. Niemand hält einen Leser davon ab, hinter diese Kulissen zu schauen, das ist sogar höchst löblich. Wer das möchte, greife etwa zu …

Viking Britain von Thomas Williams

Die wahre Geschichte der Wikinger von Neil Price

Walküren von Johanna Katrin Friðriksdóttir

Das Jahr 1000 von Valerie Hansen

Spielregeln der Politik im Mittelalter von Gert Althoff

Reisen im Mittelalter von Norbert Ohler

Zeitalter des Nordens von Andreas Winroth

Die Wikinger: Entdecker und Eroberer von Staecker / Toplack

Qual der Titelwahl

Sessrumnir lautet der Arbeitstitel für meinen Wikinger-Roman. Damit ist in der nordischen Mythologie das Pendant zu Walhalla gemeint, das nicht unter Odins, sondern Freyas Kontrolle steht. Der richtige Roman-Titel steht mittlerweile fest, das Cover ist bereits beauftragt und irgendwann in den kommenden Wochen werde ich auch das Wort Sessrumnir in den Beiträgen ersetzen.

Bei der Wahl des Titels musste ich eine Antwort auf zwei Fragen finden. Wie  schaffe ich den Spagat zwischen alten und neuen Lesern? Wie halte ich mir die Tür für einen zweiten Band offen?

Mit Sessrumnir will ich versuchen, neue Leser zu erreichen, die meine Piratenbrüder nicht angesprochen haben. Eine Besonderheit ist, dass die Handlung an Vinland – Piratenbrüder Band 4 anknüpft, ohne dass dieses Buch bekannt sein muss. Sessrumnir soll und muss eigenständig sein, es eine Art Sequel-Spin-Off.

Vinland –  Piratenbrüder Band 4 schildert die Fahrt der Wikinger um Eillir, Stígandr und Ryldr so weit, wie sie die Handlung der Piratenbrüder betrifft. Was nach ihren Abenteuer im Westen der Welt geschieht, verlangt nach einem eigenständigen Roman. Vielleicht auch zwei, wenn ich die Handlung nicht auf maximal 500 Seiten unterbringe.

Eine neue Buch-Serie will ich nicht beginnen, was eine ganz eigene Herausforderung darstellt, denn der historische Stoff ist reich, die Überlieferung karg. Es gibt eine Menge Leerstellen, in denen sich meine fiktionalen Figuren tummeln und in die Konflikte der historischen Persönlichkeiten einmischen können.

Ob die Antwort, die ich auf beide Fragen gefunden habe, funktioniert? Das entscheiden letztlich die Leser.

Zu Beginn ein hilfreicher Reinfall

Auf das Buch habe ich mich lange gefreut und es auch in mein Lesevorhaben 12für2025 aufgenommen. Leider entpuppte es sich als Enttäuschung. Hilfreich war es dennoch.

Die erste Lektüre, die sich mit Knut dem Großen und der Eroberung Englands befasst, ist ein Reinfall. Von der reinen Abfolge der Ereignisse abgesehen, bietet sie nicht viel Brauchbares. Historiographisch ist King Cnut von W.B. Bartlett ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten. Darstellung und Rückschlüsse reizen zum Kopfschütteln, der Umgang mit den Quellen ist keineswegs kritisch. Plattitüden im Stile von man dürfe es nicht wörtlich nehmen, aber auch nicht alles verwerfen, öffnen Willkür bei der Auswahl und Auslegung Tür und Tor.

Gruselig sind die Bewertungen und Gegenwartsbezüge. Einen Adeligen um die Jahrtausendwende ausgerechnet als „Quisling“, also Nazi-Statthalter, zu bezeichnen, ist unseriös und irreführend. Bartlett nimmt grundsätzlich eine unangemessene „nationale“ Position ein, ein Herrschaftsgebilde wie das angelsächsische um 1000 n. Chr. darf aber nicht einfach mit modernen Kategorien beschrieben und bewertet werden. Das gilt auch für die Handlungs- und Denkweisen der historischen Akteure.

Abstrus wird es, wenn Bartlett das berüchtigte St. Brice´s Massacre allen Ernstes als Beleg für einen „failed atempt of multiculturalism“ betrachtet. Man ahnt nicht nur die hinter diesen Worten lauernde Geisteshaltung, es ist grundsätzlich unseriös, moderne Weltanschauungen (wie Multikulturalismus) auf die Vergangenheit zu übertragen. Käme irgendjemand auf die Idee, Emma von der Normandie als Feministin zu bezeichnen oder zu dieser Zeit Spuren von Wokeness, Demokratie, Faschismus oder Kommunismus zu erspähen, wäre das ebenfalls absurd.

Wie man das trotz erbärmlicher Quellenlage besser machen kann, demonstriert etwa Mischa Meier mit seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen. Es gibt Parallelen zwischen Wikingern und Hunnen. Zum Beispiel den Versuch Roms (wie später der angelsächsischen Könige), die Raubzüge durch Geldzahlungen zu beenden. Die Bewertung Meiers ist ausgewogen, während Bartlett verurteilt und klagt, dass die historische Wirklichkeit nicht seinen Wunschvorstellungen entsprach. Er wünscht sich sogar einen Churchill herbei, um „Dünkirchen-Momente“ zu generieren.

Dabei gäbe es reichlich zu überlegen. Die Hunnen waren ein Reiterkrieger-Verband, die Wikinger etwas Ähnliches zur See. Schnelligkeit, Brutalität, fluide Zusammensetzung und Fluktuation waren beiden Raubgemeinschaften gemeinsam. Ihre Anführer hatten auch das Problem, dass zu einem gewissen Zeitpunkt Erfolge bei Raubzügen nicht mehr ausreichten, um die Gefolgschaft zufriedenzustellen und die Herrschaft zu sichern. Ein neues Konzept, nämlich die Landnahme oder -herrschaft wurde versucht – vergeblich bei Attila, teilweise erfolgreich bei den Wikingern, etwa bei Knut dem Großen.

Für meinen Wikinger-Roman ist King Cnut dennoch hilfreich. Es hat mir die Entwicklung der Eroberung Englands vor Augen geführt, viele handelnde Personen vorgestellt, einige überregionale Zusammenhänge aufgezeigt und Leerstellen offenbart, die ich mit fiktionalem Erzählstoff füllen kann.

W.B. Bartlett: King Cnut
And the Viking Conquest of England
Amberley Publishing 2016
Broschur 320 Seiten
ISBN: 978-1-44567714-9

Erwünschte Störenfriede

Unregelmäßig werde ich über meine Arbeit am historischen Roman Sessrumnir berichten. Der schließt inhaltlich an den Wikinger-Teil von Vinland – Piratenbrüder Band 4 an, ist aber eigenständig erzählt. Man muss also die Ereignisse aus Vinland nicht kennen, um Sessrumnir zu lesen.

Noch ist die Arbeit an Opfergang – Piratenbrüder Band 7, nicht ganz beendet, zwei Wochen vor dem Buchsatz stehen letzte Korrekturen auf dem Plan. Doch befasse ich mich mehr und mehr mit dem nächsten Roman, dem ich den Arbeitstitel Sessrumnir gegeben habe. Der spielt um die erste Jahrtausendwende nach Christi Geburt und erzählt die Geschichte von Eillir und den Wikingern nach dem Untergang von Vinland.  

Zunächst gilt es, die historischen Kulissen für die Bühne zu schaffen, auf der die rein fiktionalen und historischen Figuren ihr Spiel aufführen. Recherchelektüre und Versuche, das Material zu sortieren und strukturieren, stehen daher gerade im Fokus meiner Arbeit an Sessrumnir. Wie gewohnt funken kreative Ideen dazwischen. Diese Störungen sind erwünscht, sie gehören zum Schreibprozess dazu; im Grunde genommen sind sie Teil vom Schreibprozess.

Das Schreiben am Roman beginnt, indem ich mir während der Recherche immer wieder Dinge erzählend ausmale: Assoziationen, Bilder, Szenen drängeln sich in die Gedanken und unterbrechen den Lesefluss. Meist reichen ein paar Stichworte auf einem Klebezettel oder in einem Notizbuch, um diese Störenfriede wieder aus dem Kopf zu bekommen;  manchmal versuche ich, aus ihnen ein Stück Romantext zu schreiben.

So gibt es tatsächlich schon einige Fragmente zu Sessrumnir. Vor Wochen habe ich das erste Kapitel geschrieben, ein düsterer Einstieg in die Handlung. Jetzt kenne ich den historischen Moment, in dem meine fiktiven Personen auf die Bühne mit ihren Kulissen treten werden. Ein dramatischer Augenblick, in dem ein Kampf um eine Krone auf Messers Schneide steht. Zu diesem Punkt lässt sich vom ersten Kapitel erfreulicherweise ein Erzählfaden spinnen.

Die fiktionalen Personen von Sessrumnir waren zum Teil schon in Vinland – Piratenbrüder Band 4 aktiv, daher könnte ich bereits mit dem Schreiben der Rohversion anfangen. Gewöhnlich beginne ich einen Satz, ohne zu wissen, wie er endet. Das gilt auch für Absätze, Abschnitte, Kapitel und selbstverständlich für die gesamte Romanhandlung. Es ist für mich also kein Hindernis, keinen Plot oder gar eine ausgearbeitete Romanstruktur zu haben. Die Dinge ergeben sich beim Schreiben.

Es könnte also losgehen. Doch möchte ich noch etwas mehr Abstand zu meinen Piratenbrüdern gewinnen. Wenn das Manuskript von Opfergang – Piratenbrüder Band 7 für den Buchsatz versendet ist, wird es soweit sein und das neue Abenteuer kann beginnen.

Piratenbrüder – Spin-off-Sequel

Der Weg Eillirs und des Wikinger-Fürsten Stígandr wurde in Vinland – Piratenbrüder Band 4 soweit erzählt, wie es für die Geschichte um die Piratenbrüder Joshua und Jeremiah wichtig war. Was danach geschah, bleibt einem eigenständigen Roman vorbehalten, einem Sequel der Piratenbrüder-Serie.

Vinland – Piratenbrüder Band 4 hat ein offenes Ende. Im Rahmen einer Buchserie ist das wenig verwunderlich, Joshua und Jeremiah werden in drei weiteren Büchern Abenteuer zu bestehen haben. Was ist aber mit den Wikingern um Stígandr, Rydr und Eillir, deren Geschichte parallel auf einer zweiten Zeitebene erzählt wird? Auch hier kommt die Erzählung zu einem Ende, das eine Fortsetzung offensichtlich nahelegt.

Die große Fahrt Stígandrs nach Westen ist beendet. Alles, was für die Handlung der Piratenbrüder wichtig ist, wurde erzählt. Der Leser weiß, woher diese ominöse Karte stammt, die Erik zu Beginn von Vinland als Wegweiser zu einem geheimnisvollen Schatz präsentiert hat. Der Leser weiß auch, ob es den Schatz wirklich gibt und – wenn ja – was er enthält. Wie es danach weitergeht mit der Geschichte, bleibt offen. Eine große Leerstelle tut sich auf, die gefüllt werden möchte.

Stígandr hegt große Pläne, Ryldr will ihm dabei zur Seite stehen und aus persönlichen Gründen Rache nehmen, während Eillir gar keine andere Wahl hat, als die beiden zu begleiten. Gern wüsste man auch, welches Schicksal den starken Frauen Werengis und Aldis beschieden ist; wie Agda sich in ihrem neuen Leben zurechtfindet. Und dann ist da noch Berengar von Werra, der Tyske aus dem Reich der Ostfranken. Schließlich umgibt Eillirs Herkunft noch ein dichter Nebel.

Die Leser möchten wissen, wie es weitergeht. Mehrfach bin ich ermuntert worden, die Geschichte um Eillir weiterzuerzählen. Zum Glück habe ich das schon beim Schreiben von Vinland erwogen. Kaum war die erste, grobe Version getippt, habe ich mir Gedanken über eine Fortschreibung der Geschichte um »meine« Wikinger gemacht. Ich habe recherchiert und eine Skizze mit wichtigen Figuren und Konfliktlinien eines Historischen Romans erstellt.

Vielleicht hat mancher Leser auch erwartet, ich würde im fünften Teil der Piratenbrüder-Serie wieder auf zwei Zeitebenen schreiben. Möglicherweise sind sogar einige enttäuscht darüber, dass es jetzt »nur« mit den Piratenbrüdern weitergeht. Alles andere wäre jedoch keine gute Idee gewesen. Vinland hat das erzählt, was beide Zeiten miteinander verbindet; danach gehen beide Geschichten eigene Wege. Die Berührungspunkte, die es zwischen Piraten und Wikingern historisch gegeben hat, sind auserzählt.

Der Roman hat ein offenes Ende, was das Schicksal der Wikinger um Eillir, Stígandr und Ryldr anbelangt. Von Anfang an hatte ich die Idee, die Geschichte in einem eigenständigen Roman zu erzählen. Das ist mein nächstes Roman-Projekt.

Was Stígandr, Eillir und Ryldr erwartet, würde auch den Erzählrahmen völlig sprengen. In Vinland habe ich schon einige Themen und Motive angedeutet, die eine Rolle spielen werden. Da wären etwa die Kriege in den nordischen Ländern um die Macht, aber auch der Kampf um die Krone in England. Sven Gabelbart (was für ein toller Name!) hat sich dem Ziel verschrieben, König zu werden. Wie das historisch endete und was danach folgte, kann man auf Wikipedia kurz nachlesen.

Meine Wikinger erwartet jedenfalls ein Hexenkessel, so viel sei an dieser Stelle verraten. Das soll und muss mit einem eigenen Roman gewürdigt werden.

Nach Beendigung des letzten Romans um die Piratenbrüder werde ich mich zunächst um diesen Wikinger-Roman kümmern und danach der epischen High-Fantasy-Serie widmen. Da in der Fantasy-Welt auch eine Art »Nordmänner« ihr Unwesen treibt, ist die Recherche für den Wikinger-Roman gleich ein wenig Vorgriff auf das Fantasy-Abenteuer.

Der Wikinger-Roman wird weniger Jugendbuch sein als die Piratenbrüder, allerdings werde ich weiterhin Zurückhaltung üben, wenn es um Schlachten, Kämpfe und Sex geht. Die brutale Grausamkeit der Zeit will ich selbstverständlich nicht verschweigen, aber das geht auch ohne explizite oder blutrünstige Schilderungen. Wer so etwas will, wird anderswo fündig.

Bisher erschienen:
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